Archiv für den Monat Februar 2019

Uluru

Am 18.2. 2019 las ich im   Schwäbischen Tagblatt: „Ab Ende Oktober ist der Uluru – auch bekannt als Ayers Rock – Sperrgebiet. Dann darf keiner mehr den symbolträchtigen Berg im Zentrum Australiens besteigen. Jetzt reisen Heerscharen an Urlaubern an, um den Berg noch zu bezwingen. Ende Oktober ist der Uluru – auch bekannt als Ayers Rock – Sperrgebiet. Dann darf keiner mehr den symbolträchtigen Berg im Zentrum Australiens besteigen. Jetzt reisen Heerscharen von Urlaubern an, um den Berg noch zu bezwingen.“ Letzteres kann ich nicht bestätigen. Wir haben nur wenige Touristen angetroffen und keiner hat den Felsen bestiegen.

Wir entscheiden uns für eine geführte Tour, denn ich habe keine Lust nur ständig auf  das Asphaltband vor mir zu gucken. Um 5.55 Uhr steht Joe vor der Tür, um uns abzuholen. Mit seinem Piratenkopftuch sieht er recht urig aus. An sein „australisch“ kann ich mich mit der Zeit einhören, denn er hat sich vorgenommen, nicht nur gut den Bus zu steuern, sondern uns auch mit tausend Erklärungen und einfachen Witzen zu unterhalten während der mehrstündigen Hinfahrt. Dafür bleiben wir von der anderswo üblichen Beschallung verschont.

Zunächst geht es von Alice Springs 204 km bis zur Abzweigung Erldunda. Dort nehmen wir ein kräftiges Frühstück ein. Im Hinterhof picken ein  paar Ems ihr Futter auf, die hier gehalten werden. Wir sehen diese grauen Strauße aber auch in der freien Natur. Vor 150 Jahren waren hier noch schwere Kämpfe zwischen weißen Farmern und den Ureinwohnern, die sich nicht von den Wasserquellen verdrängen lassen wollten.

Neben der Straße weist ein Zaun auf die „cattlestation“ hin. So werden die riesigen Rinderfarmen genannt, die ein Gebiet so groß wie Dänemark umfassen können. Die Kühe weiden frei in der Landschaft. Will man sie einfangen, werden sie durch ein raffiniertes, elektronisch gesteuertes Gattersystem zur Farm genötigt. Man sperrt ihnen so einige Wasserstellen, sodass sie die näheren aufsuchen bis sie sozusagen „zuhause“ sind. Wie sie auf die großen Viehtransporter verladen werden, will ich lieber nicht sehen. Wir verzichten darum auf die australische Version der „Ferien auf dem Bauernhof“. https://www.curtinsprings.com.

Noch sind wir längst nicht am Ziel, obwohl nach weiteren 150 km der Mt. Connor (350  hoch) schon wie der berühmtere Uluru aussieht. Dieser sandsteingeschichteter Tafelberg ist mit 700 Mill. Jahre sogar älter. Jeseits der Straße liegt ein eindrucksvoller  Salzsee.

Mittags gelangen wir zum Ayers Rock Resort. Dort kann man für2000 Dollar pro Tag luxuriös einkehren.  Angeblich steigen da Präsidenten und Hollywoodstars ab. George Clooney und Nicole Kidman sind aber gerade nicht da. Wir  bekommen nur „lunch“ in die Hand. Unser Fahrer verabschiedet sich nach sechs Stunden und wird von Trev abgelöst, der für diesen Job an der Uni die Kultur der Aborigines studiert hat.

Dann nehmen wir uns Kata Tjuta vor, auch Olgas-Berge genannt. Warum ich bei Backofenhitze unbedingt u einer Schlucht steigen muss, frage ich mich hinterher selber. Meine Frau ist klüger und gesellt sich lieber im Schatten zu einigen Aborigines-Frauen, die ihre Bilder verkaufen wollen. Ich frage mich, warum das nie die Männer tun.

Um die Spannung zu erhöhen besichtigen wir dann das Kulturzentrum am Uluru-Kata Tjuta. Der beaufsichtigende Student freut sich, dass wir interessierte Fragen stellen. Er weiß viel über die Kunst und Lebensweise der Anangu. Mir ist die massive Kunstproduktion etwas unheimlich. Ist die nicht durch die starke Nachfrage verdorben? Wird sie nicht ständig kopiert? Er verneint das aufgrund seiner Kontakte zu den Malern. Noch immer produzieren sie aus einem inneren Erleben heraus und erzählen im Grunde eine Geschichte oder bilden höchst verfremdet die Landschaft ab.

Dann sind wir endlich am Ziel und umschreiten ein Teil der Basis des Uluru. Er gleicht insofern einem Eisberg als auch 6/7 des Felsens unter der Erde sind. Noch immer finden hier Zeremonien statt, weshalb man nicht fotografieren soll. Was in  manchen weißen Kopf einfach nicht hineinpasst. Trev erzählt uns zum Ausgleich ein paar Geschichten der Aborigines, die alle eine bestimmte Moral zum Ziel  haben. Wir sehen die geheimnisvollen Zeichnungen am Fels, der in der Nähe noch majestätischer wirkt.

Es stimmt, was im Schwäbischen Tagblatt zu  lesen war: „Der Uluru ist der heilige Berg Australiens. Für die lokalen Ureinwohner, die Anangu, hat er eine besondere Bedeutung. Ihre Traditionen erzählen von Ursprungswesen, die die einst leere Erde überquerten und dabei Landschaftsformen wie den Uluru hinterließen. „Dieser Felsen bedeutet alles für uns Anangu”, beschrieb die indigene Frau Pamela Taylor einst ihre Beziehung zum Uluru.“ Mir imponiert eine Religion, die keine Kathedralen oder Tempel braucht, sondern die Natur als Haus Gottes begreift.

Mit sinkender Sonne verfärbt sich der Fels ständig. Darum freuen wir uns auf das  Barbecue, für das extra ein Platz eingerichtet wurde. Da sind wir dann nicht mehr allein. Gut gesättigt fahren wir in der Dunkelheit zurück. Jetzt übernimmt wieder Joe das Steuer, der nun schweigsam, dafür mit erhöhter Geschwindigkeit  dafür  sorgt, dass wir nach Mitternacht die Hotels erreichen. Ich schließe die Auge für meine eigene „Traumzeit“.       https://emurun.com.au/video-gallery.

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Fliegende Doktoren

Wir hoffen, dass  wir sie nie brauchen,  „ the flying doctors“ (RFDS), die in Alice Springs ihre Zentrale hatten und ein kleines Museum betreiben. Gründer war übrigens der Pastor der Presbyterianischen Kirche John Flynn, der nicht nur Kirchen, sondern vor allem auch Krankenhäuser für die Aboriginals baute. Für das „Adelaide-House“ erfand er sogar eine spezielle Klimaanlage, die ohne Elektrizität funktionierte.

Der Aerial Medical Service (AMS) wurde 1928  gegründet. Flynn wollte den Missstand beheben, dass es nur zwei Ärzte für das zwei Millionen km² große Outback gab. Bereits 1912 rief er die Australian Inland Mission ins Leben und eröffnete einige Buschkrankenhäuser. Um die gewaltigen Strecken zurücklegen zu können, setzte er auf Flugzeuge. Wichtig war dabei die Erfindung eines vom Stromnetz unabhängigen Funkgerätes.

Dies wurde 1928 vom deutschstämmigen Alfred Traeger serienreif entwickelt, wodurch auch entlegene Orte oder Farmen über eine Entfernung von 500 km mit dem AMS Kontakt aufnehmen konnten. Die Stromversorgung erfolgte über einen Pedalantrieb.

Der Royal Flying Doctor Service (RFDS) betreut nahezu alle gering besiedelten Gebiete Australiens. Insgesamt wird ein Gebiet von etwa 7,15 Millionen km² bedient, was in etwa zwei Dritteln der Gesamtfläche Australiens entspricht. Allein der Stützpunkt in Alice Springs ist für ein Gebiet von 1,25 Millionen km² mit einem Radius von 600 km zuständig, in dem etwa 16.000 Menschen leben. 90 % von ihnen sind Aboriginals. Der RFDS kann innerhalb von zwei Stunden jede Person in Australien erreichen und versorgen.

Privatpersonen, die durch die australische Krankenversicherung, oder auch durch internationale Versicherungsabkommen auf Gegenseitigkeit versichert sind, brauchen für die Dienste des RFDS nichts zu zahlen, gleichgültig, ob sie im Outback leben, es Durchreisende oder Besucher aus einem anderen Bundesstaat oder dem Ausland sind. Patienten ohne Versicherung müssen jedoch die Kosten der Behandlung selbst bezahlen.

Gehen wir ins Restaurant unseres Hotels Aurora, können wir die Aboriginals beobachten, die sich vor der John-Flynn-Gedächtniskirche aufhalten. Sie wissen, was sie diesem rührigen Pastor verdanken.

Man darf  auch einmal ein wenig stolz auf unsere Theologen-Zunft sein. Flynns Grab ist etwas außerhalb von Alice Springs. Mehr Leute werden aber sein Bild vom 20-Dollar-Schein kennen.

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Flynn_(Geistlicher)

 

Alice Springs

Meine Frau findet stets im kleinsten Kaff eine öffentliche Bibliothek. Die in Alice Springs ist sogar besonders schön und reichhaltig. In den gut gekühlten Räumen (draußen noch immer fast 40 Grad) können  wir uns nicht nur auf die Touren vorbereiten, sondern auch den Aboriginals zusehen, die sich durch die Computer Videofilme „reinziehen“. Oft kommentieren sie laut. Diese Bibliothek ist sogar sonntags geöffnet.

Ich nehme mir von Robert Layton, „Uluru. An History of Ayers Rock”,  (Aboriginal Studies Press) vor, um nicht nur auf die meist unzureichenden Angaben der Reiseführer angewiesen zu sein.

Alice Springs hat fast 30000 Einwohner, aber die Kernstadt ist schnell umrundet. Der Charles River ist wohl immer ausgetrocknet, sonst würde er vor unserm Hotel vorbeifließen. Derzeit findet dort abends ein bescheidener Jahrmarkt statt mit Karussells, die an meine Kindheit erinnern. In der Fußgängerzone „Todd Mall“ steht nicht nur die kleine Flynn-Memorial-Kirche, sondern auch das berühmte „Adelaide-House“ aus dem Jahr 1920. Das gilt hier als alt! Für die Umgebung sind wohl die Einkaufszentren wichtig, die sich hinter riesigen Parkplätzen verstecken.

Uns zieht es zum ehemaligen Gefängnis, in dem jetzt im ehemaligen Speisesaal die „National Pioneer Women’s Hall of Fame“ sich befindet. www.pioneerwoman.com.au. Es sind alle Frauen Australiens dokumentiert, die auf ihrem Gebiet die ersten waren: Wissenschaftlerinnen, Schauspielerinnen, Schriftstellerinnen usw., von denen wir oft noch nie gehört  haben.

Peinlich für das männliche Geschlecht finde ich, wie mühsam der Weg zur Gleichberechtigung war und ist. Die Vorschriften etwa für die ersten Lehrerinnen gleichen fast der Sheria Saudi-Arabiens.

Es ist unglaublich, was die ersten Siedlerinnen auf sich  genommen haben. Die schlimmste Tortur waren oft die vielen Geburten, wenn mit aboriginal Hilfe unter einem Baum entbunden wurde oder bei Komplikationen ein weiter Weg auf Pferdekarren unternommen werden musste. Ein Bild interessiert mich besonders, weil es die Anfänge der Station Hermannsburg zeigt. Diese wurde tatsächlich 1877 von der deutschen Hermannsburger Mission begonnen. Ich habe dazu ein emotionales Verhältnis, wurde doch mein Interesse an der Äußeren Mission 1962 durch einen Konfirmandenausflug von Stade in die Lüneburger Heide begründet. Damals wurden dort noch Missionare ausgebildet. Ich beneidete sie um die Chance, in fremden Ländern arbeiten zu können. Der berühmteste Missionar des Ortes war später Carl Strehlow, der die Sprachen der Aranda- und Luritja -Aborigines beherrschte und ein siebenbändiges Werk über ihre Kultur publizierte. Sein Sohn, Theodore George Henry Strehlow setzte sein Werk als Ethnologe fort.

Viel von dem Ort ist wohl nicht mehr vorhanden. Er  ist leider etwas abgelegen, sodass wir ihn wohl nicht besuchen können. https://de.wikipedia.org/wiki/Hermannsburg_(Australien).

Das ehemalige Gefängnis gehört zu den wenigen erhaltenen „alten“ Gebäuden. Es musste von einer Bürgerinitiative gegen den Abriss verteidigt werden. In den Zellen ist es brütend heiß, sodass man es schon nach wenigen Minuten kaum aushält. Und dann womöglich lebenslänglich? Betritt man sie, hört man vom Band die Stimme eines Insassen, der seine Geschichte erzählt. Die Blocks sind nach black / white und male/ female getrennt. Mittlerweile gibt es ein neues Gefängnis am anderen Ende der Stadt. Hoffen wir, dass dort der Strafvollzug humaner ist. Nötig ist er wohl schon, warnt doch das deutsche Auswärtige Amt vor der Kriminalität in dieser Stadt, vor allem abends. Ob es damit zusammenhängt, dass ein Viertel der Stadt Aborigines sind?

https://www.australia.com/en/places/alice-springs-and-surrounds/guide-to-alice-springs.html.

Stuart Highway

Der Schotte John McDouall Stuart (1815-1866) ist einer der größten Entdecker Australiens. Nach ihm ist die große Straße in den Süden benannt. In sechs Anläufen gelang es ihm zwischen 1858 und 1862, durch über 3000 Kilometer Wüste und Savanne einen Weg von Adelaide im Süden bis Chambers Bay  an der Nordküste Australiens zu finden – die entscheidende Grundlage für den Bau der Überland-Telegrafenleitung von Südaustralien über Alice Springs (das zunächst nach ihm benannt war) nach Darwin.“ Mit Begeisterung lesen wir die Biografie von John Bailey „Mr.Stuart’s Track“. Eine knappere Information bietet https://de.wikipedia.org/wiki/John_McDouall_Stuart.

Wir nehmen den Greyhound-Bus in umgekehrter Richtung. Das ist auch nicht ohne Anstrengung, weshalb die meisten lieber fliegen. Aber dann sehen wir ja nichts. Und würden unter uns bleiben. So teilen wir uns die Plätze mit ein paar jungen Leuten und einem Dutzend Aboriginals, deren Kinder leider nachts allzu laut brüllen. Offenkundig differieren unsere Vorstellungen von Erziehung.

Wir sind erstaunt, wie grün Australien im Norden ist. Überall ist Busch, die Rinderfarmen ahnen wir nur. Zunächst erreichen wir nach vier Stunden (321km) Katherine. Der Ort wurde schon 1844 vom deutschen Abenteurer Ludwig Leichhardt erforscht. Heute hat die Stadt wohl 6000 Einwohner. Der Fahrer darf eine Stunde Pause machen. Die Raststation ist eine wenig einladende Tankstelle. An einer Wand sind Fotos ausgestellt von  der großen Überflutung  1999.

Dann geht es weiter. Da der Bus offenbar den Postdienst übernimmt, halten wir an gefühlt jedem Briefkasten. Zunehmend wird es einsamer. Längst ist die Straße nur noch zweispurig und meistens schnurgerade. Hin  und wieder begegnen uns die „roadtrains“, riesige Lastwagen mit vier ebenso riesigen Anhängern. In keiner Stadt könnte man die steuern.

Allmählich geht die Sonne unter, es wird dunkel. Glücklicherweise scheint der Vollmond, sodass wir dennoch die ebene Landschaft betrachten können. Die Büsche und Bäume wirken kleiner. Hin und wieder ragt ein Termitenhügel heraus.

Gegen Mitternacht erreichen wir Tennant Creek, die ehemalige Goldgräberstadt. Der letzte Goldrausch zog bis 1935 Glücksritter an, die die Warumungu-Aborigines nach Osten verdrängten. Immer wieder die gleiche traurige Geschichte! Dafür „dürfen“ sie das Kulturzentrum Nyinkka Nyunyu betreiben. http://www.nyinkkanyunyu.com.au.

Die Raststätte, insbesondere das „shithouse“ ist noch schmuddeliger als die erste. Das hält den Wirt nicht davon ab, für einen kleinen Pappbecher Muckefuck (offiziell: Kaffee) fünf Dollar zu verlangen. „Unsere“ Aboriginals verlassen jetzt den Bus. Ein neuer Fahrer wechselt den alten ab. Er singt und pfeift während der Fahrt zur eigenen Unterhaltung. Wir versuchen, etwas Schlaf zu finden.

Gegen sechs Uhr wird es hell, die Sonne geht prächtig auf. Die Landschaft ist karger. Rötliche Erde, brauner Bewuchs. Flüsse sehen wir nicht mehr. Vom tropischen feucht-heißen Norden sind wir nun ins heiße wüstengleiche Outback gelangt. Man nennt es das „Herz Australiens“.

Alice Springs erreichen wir nach 1489 km und 23 Stunden einigermaßen gerädert. Um so erfreulicher ist es, dass wir im gebuchten Hotel Aurora gleich  das Zimmer beziehen können.

Eigentlich wollten wir ja mit dem Zug „The Ghan“ fahren, dessen Gleise wir öfter queren. Aber der ist so früh ausgebucht, dass wir keine Fahrkarten mehr bekommen haben. Immerhin haben wir auf diese Weise viel Geld gespart. Es ist schade, dass die früher viel befahrene Strecke nur noch diesem Luxuszug vorbehalten ist. Er nennt sich übrigens nach den Afghanen, die vor der Erfindung des Autos mit Kamelen den Verkehr in Australien organisiert hatten. https://www.greatsouthernrail.com.au/trains/the-ghan.

Kakadu Nationalpark

Öfter hören wir, dass wir zur falschen Zeit nach Nordaustralien gekommen sind. Wir finden es aber ganz schön, dass außer uns kaum Touristen in Darwin sind. Es ist wegen der Regenzeit keine Saison und viele „Attraktionen“ sind geschlossen. Auf diese (mit Krokodilen schwimmen, Fische füttern, Nachtmärkte usw.) können wir gern verzichten, nicht aber auf die Fahrt in den Kakadu-Nationalpark. Zum Glück für uns (zum Leid für die Einheimischen) ist der Monsunregen weithin ausgeblieben und die Straßen sind befahrbar. Während im Süden der Busch brennt und in Queensland alles unter Wasser steht, ist es im Norden recht angenehm. Höchstens 40 Grad in der Sonne, die man meiden muss. Aber es gibt genügend gekühlte Restaurants, Cafés, Kaufhäuser und andere Läden. Und kühle Taxis! Im Park findet man Wasserspender.

Der Kakadu-Nationalpark ist doch weiter weg als die Karte mit ihrem Maßstab vortäuscht. Bis zum zugänglichen Hauptort Jabiru sind es über 300 km. Insgesamt nimmt dieser größte Nationalpark Australiens eine Fläche von 19500 Quadratkilometern ein. Da es viel zu sehen gibt, kommen wir nur langsam voran. Erst  auf den Landwegen merkt man, wie riesig die Entfernungen in diesem Kontinent sind. Der grüne Bewuchs ist auf den ersten Blick etwas eintönig, wir kennen die Pflanzen und Bäume ja noch nicht.

Da man genügend Platz hat, ziehen  sich die Vorstädte weit ins Land. Man kauft wohl gern in größeren Shopping-Centern ein. Außerdem fallen Kasernen auf und für die Armee reservierte Truppenübungsplätze. Parallel zur Straße fällt ein Zaun auf, den man laut Beschilderung besser nicht übersteigt. Es wird scharf geschossen.

Zunächst sind noch Siedlungen zu sehen, einige Mango-Plantagen und viele „Billabongs“ (Teiche, Flussarme, Überflutungen.) Von den angeblich tausenden Krokodilen sehen wir nur drei. Die kleineren Süßwasser-„freshies“ seien harmlos. Aber das probieren wir lieber nicht aus. Die großem „salties“ flößen noch mehr Respekt ein, zumal wir ein berühmtes ausgestopftes Exemplar namens „sweetheart“ schon im Museum bewundern konnten.

Es heißt, dass die Bininj für diesen Park sorgen, aber wir bekommen sie nur auf Traktoren oder Baggern zu Gesicht. Die Rangers sind Weiße.

Inmitten der Wildnis liegt das Warradjan Aboriginal Cultural Center. Es ist im Grunde ein ethnologisches Museum, das ein wenig den (früheren) Alltag zeigt. Man wüsste gern, was noch heute benutzt wird. Aber die einzige Aboriginal-Frau möchte nur Souvenirs verkaufen. Die Auswahl der angebotenen Bücher ist klein.

Neben dem Arnhem Highway grasen Wallabies, kleine Kängurus, die schnell weghoppeln. Dingos, die australischen Wildhunde, jagen davon. Und immer  wieder uns unbekannte Vögel, darunter ein weißer Kakadu. Probleme bereiten dem sensiblem Ökosystem nicht die Krokodile, sondern Wasserbüffel und Schweine. Und die fetten Aga-Kröten breiten sich  aus. Sie wurden 1935 aus Venezuela importiert, um die Maikäfer-Plage zu bekämpfen. Die flogen aber  einfach davon und die Kröten sind selbst zur Plage geworden. Ein Weibchen bringt es im Monat auf 30000 Eier. Ihr Drüsensekret ist giftig, sodass ihre Fressfeinde eingehen. Sie selber vertilgen aber alles. Ein abschreckendes Beispiel einer Bioinvasion, die von ahnungslosen Wissenschaftlern eingeleitet wurde.

Wir überqueren mehrere Flüsse, die je nach Tide recht breit Wasser führen. Sie heißen Maryriver,  West- und South Alligator River. Der East Alligator River ist die Grenze zum Arnhem Land, die wir nicht überschreiten dürfen. Es gibt dort einige Uran-Minen, die noch in Betrieb sind. Mich würde schon interessieren, wie dort die ökonomischen Besitzverhältnisse sind. 15% der weltweiten Uranvorräte lagern hier. Der Abbau im Osten des Schutzgebietes führt immer wieder zu Konflikten.

Ngurrungurrudjba soll wohl „Gelbes Wasser“ heißen. Tatsächlich fließt der „Yellow Water“ als braune Brühe träge dahin. Wir fahren mit einem flachen Spezialboot eine Stunde auf dem Fluss, der immer von den Ufern her zuzuwachsen scheint. Aber die grünen Schlingpflanzen mit teils wunderschönen Blüten schwimmen selber. Manche Vögel brüten dort.

Ziel unserer Tour ist aber der Fels Nourlangle, den wir aber Burrungkuy nennen sollen. Hier finden wir Felszeichnungen, die wohl 20000 Jahre alt, teils aber auch jüngeren Datums sind. Man erkennt mythische Figuren, Tiere und Pflanzen. Ein Bild ist wohl besonders „sacred“, denn der „Caretaker“ bittet per Schild, es nicht zu fotografieren. Da außer den Geistern niemand da ist, bin ich versucht, das Gebot zu übertreten, lasse es aber aus Respekt dann doch. Die Foto-Sucht meiner Zeitgenossen stößt mich sowieso immer mehr ab. Schon der Fotoapparat (oder das „unauffällige“ smartphone“) schafft zu den Menschen eine unangenehme Distanz.

Aborigines

Ein Viertel aller Bewohner des Northern Territory (NT) sind Aborigines. Sie finden unser besonderes Interesse. Diese indigenen Völker haben hier im Land seit wohl 50000 Jahren gelebt und sich behauptet. Sie leben vorwiegend in Städten und ihnen zugesprochenen Gebieten (Land Trusts). Zu den größten Aboriginal-Reservaten Australiens zählt das Arnhem Land, das wir leider mangels Genehmigung nicht betreten dürfen. Dort leben,  jagen und fischen sie wohl wirklich nach alter Väter und Mütter Sitte. Verständlich, dass sie nicht von Touristen beglotzt werden wollen.

Unsere  erste Wahrnehmung von Aborigines in Darwin ist allerdings eher negativ. Irgendwie sehen sie grimmig (besser: traurig) und alt aus. Sie sitzen oft alkoholisiert auf der Straße, manche schreien herum, ein Gespräch ist für uns noch kaum möglich. Mir fällt bei der Gelegenheit auf, dass wir uns eigentlich nie auf die Erde setzen. Wir suchen möglichst eine Bank oder zumindest einen großen Stein oder Balken. Die vielen Kinder sehen verwahrlost aus. Einige betteln uns an. Manche sind kriminell und leben von Einbrüchen.

In Punters Bar belagern sie die Spielautomaten und lachen nur, wenn einige Münzen herausklimpern. Es ist bekannt, dass viele spielsüchtig sind.

Im Buchladen „Book Exchange“ stellt die Besitzerin etliche Gemälde indigener Künstler aus, die nicht  ganz billig sind. Sie kann uns einiges über ihre Lieferanten erzählen, die durch ihre Galerie gut verdienen. Andere sind in verschiedenen „bürgerlichen“ Berufen beschäftigt, aber die sehen wir kaum. Früher wurden sie fast wie Sklaven gehalten, weshalb ich sie im Dienstleistungsgewerbe vermute. Aber auch da sind sie unsichtbar für uns.

Die Kunst ist beeindruckend, aber schwer verständlich. Jedes Bild verarbeitet im Grunde eine Geschichte der Überlieferung oder aus der sog. Traumzeit.

Der Begriff wird eigentlich von den Aborigines selbst abgelehnt. Wir haben wie die meisten Westler die „Traumpfade“ von Bruce Chatwin gelesen. Mit Recht nennt der Verlag sein Werk „Roman“, neudeutsch würde man „fake-news“ sagen. Immerhin gibt er einem einen ersten Eindruck, dass wir es mit einer komplett fremden, andersartigen Welt zu tun bekommen. Da die Aborigines offenbar selber wenig Interesse haben, ihre weißen Eroberer aufzuklären, ist man auf unzuverlässige Informationen angewiesen. Schließlich geht es um mindestens zweihundert Völker mit ebenso vielen Sprachen, die obendrein oft unabhängig voneinander sich entwickelt haben. Das mag erklären, dass sie etwa in Deutschland nie die romantische Sympathie erhalten haben wie etwa die Indianer Nordamerikas. Ich glaubte lange wie viele, dass sie zur völligen Assimilation oder gar zum Aussterben verurteilt sind. Ich lese aber, dass viele junge Leute wieder in die Wildnis gehen und zur traditionellen Lebensart zurückkehren. Wahrscheinlich werden sie unsere „Zivilisation“ überleben, wenn die auf einen globalen Suizid zuläuft.

Im Museum and Art Gallery of the NT ist eine Sonderausstellung, die uns die Augen öffnet. Die indigene Künstlerin Mulkun Wirrpanda malt zusammen mit dem weißen Landschaftsmaler John Wolseley vorzugsweise Pflanzen und Tiere. Sie erzählt in einem Film ihres Enkels (!), wie man traditionell überlebt hat. Ihr profundes Wissen der Biologie (besser: Pflanzen und Tiere in ihrem Lebensraum) ist durch Generationen mündlich überliefert: „Erst durch das moderne Essen werden wir krank.“ Kräuter, Wurzeln, Früchte, aber auch zu jagende Tiere  haben ihre Zeit und Zubereitungsart, die man exakt beachten muss. Die befreundeten Künstler teilen ihre Leidenschaft für die traditionelle Yolnu-Kultur. 2009 adoptierte Mulkun Wolseley als Bruder (wawa). Die beiden ernteten, malten und beschrieben über 40 Arten essbarer Pflanzen.

Am anderen Ende der Stadt betreibt Aboriginal Bush Traders in einem der wenigen alten Häuser (Lyons Cottage) einen „not for profit“-Laden, in dem nicht nur weitere Gemälde, sondern auch Kleider und Kunstgewerbe angeboten werden. Im angeschlossenen Café probiere  ich ein echtes „aboriginal“-Essen mit Früchten und Nüssen. Es schmeckt mir. Raupen sind gottlob nicht dabei.

https://www.magnt.net.au/midawarr-harvest

Darwin – erste Eindrücke

Unsere Australienreise beginnt im Norden. Von Asien her kommend wirkt die Stadt sehr sauber, gut organisiert, ich wage zu sagen: „europäisch“. Die wenigen Fluggäste werden prompt abgefertigt, wenn auch unser „maschinenlesbarer“ Pass nicht in die australischen Maschinen passt und wir nach alter Weise, aber mit freundlichem Gruß und Blick kontrolliert werden. Was ich aber seit meinen Grenzübertritten zur DDR in Ulbrichts Zeiten nicht mehr erlebt habe, ist, dass unsere Koffer durchgewühlt werden. Zum Glück sind sie viel kleiner als die der asiatischen Fluggäste, die außerdem wohl immer mächtig Proviant bei sich haben. Auf Lebensmittel (und Tiere)  nämlich haben es die hiesigen Behörden abgesehen, denn sie fürchten um die insulare Reinheit ihrer Pflanzen und Tiere. Tatsächlich ist die einzigartige Flora und Fauna Australiens von Schädlingen und Erregern bedroht.

Beim Geldwechsel verrät uns die freundliche Angestellte nicht nur, dass die neuen 50iger Plastik-Dollarnoten aneinander zu kleben pflegen („Aufpassen beim Bezahlen“), sondern auch, dass das Taxi in die Stadt für zwei Personen billiger ist als der Bus. Es tut gut, dass wir die Sprache einigermaßen verstehen und vor allem, anders als in China oder  Thailand, die Schrift lesen können.

Uns gefällt, dass die hiesige Regenzeit gerade eine Pause macht. Gern sind wir dem deutschen Schmuddelwetter entflohen, aber 40 Grad sind doch heftig. Selbst der Pool ist warm wie eine Badewanne. Im Meer baden wir lieber nicht, sind da doch giftige Quallen und bissige Salzwasserkrokodile unterwegs. Stete Warnung: „Sie sehen Dich bevor Du sie siehst.“

Wir bewegen uns fast nur in der überschaubaren Innenstadt. Ansonsten hat die Hauptstadt des „Northern Territory“ rund 150000 Einwohner, die sich über mehrere Vorstädte verteilen.

Vor uns waren schon andere da. Ich meine nicht die Ureinwohner seit 50000 Jahren, deren Nachkommen überall anzutreffen sind. Ich meine die Forscher Stokes und Wickham, die 1839 mit der „Beagle“ die Bucht des späteren Port Darwin erkundeten und den Ankerplatz nach dem noch jungen Charles Darwin benannten, der auf diesem Schiff von 1831-1836 mitsegelte. Die im Stadtmuseum ausgestellten Fotos der Pionierzeit zeigen etliche Baracken, die erst langsam zu einer Stadt geformt wurden. Der erste Telegrafenmast wird so stolz gezeigt wie die Ruine des ersten Rathauses. Damals bildeten Chinesen die Mehrheit der Bevölkerung. Doch von China-Town ist kaum noch was zu sehen, der chinesische Tempel ist eher kümmerlich. Um eine „weiße Mehrheit“ zu garantieren, hat man bald die Einwanderung von Asiaten behindert und die der Europäer gefördert.

Paradoxerweise musste man im 2. Weltkrieg die gesamte Bevölkerung evakuieren, weil die japanische Luftwaffe die Stadt bedrohte und am 19.2.1942 in 64 Angriffen fast vollständig zerstörte. Der 19. Februar wird immer feierlich begangen. Ein eigenes Museum und manche Schutztunnels erinnern daran. Alte Gebäude sieht man darum kaum.

Was die Japaner stehen ließen, wurde durch mehrere Wirbelstürme platt gemacht. Der letzte katastrophale namens „Tracy“ versetzte Weihnachten 1974 die Bewohner in Angst und Schrecken. Im Museum sind die Verheerungen dargestellt. Ein Pfarrer hat die fürchterlichen Sturm-Geräusche auf Band aufgenommen, die man in einem verdunkelten Raum anhören kann.

Die Gewitter (Electric Storms) in der Regenzeit seien auch heute „fürwahr ein unvergessliches Erlebnis“. Aber darauf können wir verzichten.

 

 

 

Seemannsmission

Als Junge von der Waterkant hatte ich mal die Nase voll von der Schule, wollte abgehen und zur See fahren. Als ich mich allerdings in Bremerhaven näher nach den Bedingungen erkundigte, verzichtete ich auf dieses Vorhaben, zumal meine besorgte Mutter meinte: „Als Matrose bist du der letzte Dreck. Mach‘ Abitur und werde Kapitän.“ Den erste Teil des Rates habe ich befolgt, dann aber lieber Theologie studiert, um das Schiff der Kirche mitzusteuern.

Wenn ich nicht selber predige, besuche ich die Gottesdienste meiner Gemeinde. Medien sind für mich kein Ersatz für das echte Leben. Heute habe ich eine Ausnahme gemacht, weil es sich um einen Gottesdienst der Seemannsmission in Hamburg handelt. Ich wurde durch eine starke Predigt der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs belohnt.
Mitarbeiter der Seemannsmission berichten von den Herausforderungen, denen sich Seeleute heutzutage gegenübersehen: Arbeitsstress, Naturgewalten und Piratenangriffe. Sie bringen ein von dem, was sie bei ihrem Einsatz auf Schiffen im Hafen Hamburg erleben. Sie feiern diesen Gottesdienst in der St.Gertrudkirche, die allein ist übrig geblieben ist vom Dorf Altenwerder, das weichen musste, weil ein neues Terminal für die großen Containerschiffe gebaut wurde.

Die Seemannsmission und Bischöfin Kirsten Fehrs schließen sich der Kritik des Verbands Deutscher Reeder (VDR) am Rückzug der Marine aus der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer an. „Wir begrüßen diese klaren Worte“, sagte DSM Präsidentin Clara Schlaich in Hamburg, „die EU muss eine Lösung finden für die menschlich und politisch so wichtige Frage der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Zustände wie vor einigen Jahren dürfen sich nicht wiederholen, sie sind für Flüchtlinge und Seeleute untragbar.“ Der Rückzug der Deutschen Marine aus der Mission „Sophia“ im Mittelmeer führt dazu, dass noch weniger Schiffe zur Verfügung stehen, um Flüchtlinge in Seenot zu retten. Dann sind meist wieder die Handelsschiffe die einzigen Schiffe in der Nähe und damit nach internationalem Seerecht zur Rettung verpflichtet.

Für die Seeleute sind solche Rettungseinsätze eine große Belastung, vor allem, weil die hochbordigen Frachtschiffe für diese Art der Rettung kaum geeignet sind“, ergänzt Seemannspastor Matthias Ristau. Wenn die schwierige Rettung gelingt, ist es belastend und inakzeptabel, wenn kein Hafen bereit ist, die Geretteten aufzunehmen. Mitarbeitende der Seemannsmission hören immer wieder von Seeleuten, wie es sie emotional mitnimmt, wenn die Rettung sich schwierig gestaltet, weil ihr Schiff einfach viel zu hoch ist, oder wenn vor ihren Augen Menschen ertrinken. Ristau kritisiert: „Die Seeleute stehen in dem Dilemma entgegen internationalem Seerecht einfach vorbeizufahren oder als Schlepper von Behörden wie z.B. in Italien kriminalisiert zu werden.“ Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche, Kirsten Fehrs, unterstützt ebenfalls den Appell von Reederverband und Seemannsmission. „Wir brauchen dringend koordinierte und professionelle Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer. Auch wenn die Mission Sophia ursprünglich nicht zur Rettung von Flüchtlingen begründet worden war, hat sie faktisch Tausende von Menschenleben gerettet.“ Bischöfin Fehrs setzt sich in diesem Jahr als „Stimme der Seeleute“ für die Seemannsmission ein. Auf See ist der „Näheste“ der Nächste
Seemannspastor Matthias Ristau erläutert: „Seeleute retten Schiffbrüchige und Menschen in Seenot. Das ist uralte Selbstverständlichkeit auf See, denn da ist der Nächste ganz wörtlich derjenige, der am dichtesten dran ist. Deshalb werden diese zu Hilfe eilende Schiffe im internationalen Sprachgebrauch auf See auch heute noch als Good Samaritans bezeichnet. Das geht auf das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter zurück, auf dem der Begriff der christlichen Nächstenliebe beruht.“

https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste

Green Book

Mit Begeisterung haben viele den  amerikanischen Film „Green Book“ gesehen. Man spürt diese auch in der „Filmshow“, die Pfarrer Christian Engels, Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, regelmäßig im Internet veröffentlicht. https://www.youtube.com/watch?v=JF24Guy7yPI.

Der mit vielen  Preisen ausgezeichnete Film von Peter Farrelly  zeigt die erstaunliche Beziehung des schwarzen, etwas  autistischen Pianisten Don Shirley und eines weißen, etwas primitiven Nachtclub-Türstehers namens Tony „Lip“ Vallelonga, der als Fahrer und Leibwächter angestellt wird. Denn Don Shirley will ausgerechnet in den rassistischen Südstaaten – man schreibt 1962! – Konzerte geben. Dazu brauchen sie als Reiseführer das „Negro Motorist Green Book“, in dem die für Schwarze zugelassenen Übernachtungsplätze aufgelistet sind. Denn selbst dieser berühmte Künstler darf nicht in jedes Hotel und wird vom gemeinsamen Essen ausgeschlossen. Sie geraten in turbulente Auseinandersetzungen, die Tony aufgrund seiner Kampferfahrungen letztendlich immer wieder klären kann. Der ganze Irrsinn des Rassismus steht wieder auf, noch mehr allerdings die wachsende Freundschaft der beiden so unterschiedlichen Männer.

Ein Spielfilm ist kein Dokumentarfilm und darf sich gewisse Freiheiten erlauben. Er prägt aber für die meisten Zuschauer den Blick auf die Vergangenheit. Ich habe mich darum  gefragt: Was ist historisch wahr? Die Darstellung des südstaatlichen Rassismus ist sicherlich korrekt. Auf diese Weise haben viele Leute erstmals von jenem ominösen „Green Book“ erfahren. Es wird in der amerikanischen Presse diskutiert, dass Shirleys Familie gar nicht einverstanden ist mit dem Film und seinen Machern Verfälschung vorwirft. So könne von einer Freundschaft zwischen den beiden nicht die Rede sein, sondern es war eindeutig ein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis auf Zeit. Sein Bruder Maurice Shirley sagte: „My brother never considered Tony to be his ‚friend‘; he was an employee, his chauffeur (who resented wearing a uniform and cap). This is why context and nuance are so important. The fact that a successful, well-to-do Black artist would employ domestics that did not look like him, should not be lost in translation.“ Don Shirley habe entgegen den Unterstellungen im Film immer gute Beziehungen zu seiner Familie und zur schwarzen Community unterhalten.

Insbesondere der Sohn Vallelongas, Co-Autor des Drehbuches, hat wohl allzu unkritisch die Version seines Vaters Tony übernommen, der auf diese Weise geradezu zu einem Retter hochstilisiert  wird. Einmal mehr hat ein Spiel-Film einen verzerrten weißen Blick auf das Amerika der Schwarzen eingenommen.

Wer war Don Shirley?    Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Shirley.

Dr. Donald Walbridge Shirley (*1927 in Florida; † 2013 in New York) war ein klassisch studierter Pianist, der allerdings niemals in Leningrad war. Als Komponist verschmolz er in seiner Musik Jazz und Klassik. Er schrieb u.a. Orgel- und Klavierkonzerte, dazu ein Cellokonzert. Sein Vater Edwin war Pfarrer der episkopalen Kirche. Bereits mit drei Jahren spielte Don Shirley Orgel; mit zehn Jahren trat er als Konzertpianist auf. Öfter trat er auch mit Unterhaltungsmusik auf. Anders als im Film unterstellt war er mit vielen schwarzen Musikern  wie Duke Ellington befreundet. Für ihn schrieb er ein sinfonisches Werk.

Frustriert von zu wenigen Chancen für schwarze klassische Musiker studierte er  zwischenzeitlich an der Universität von Chicago Psychologie und arbeitete dort auch als Psychologe. Er forschte wissenschaftlich über das Verhältnis von Musik und jugendlicher Gewalt.

Ab 1955 spielte er mit den bedeutenden Orchestern der USA , einmal auch  an der Scala in Mailand.

Er beteiligte sich an der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings. So hoffte er in den sechziger Jahren, durch Konzerte in den Südstaaten  die rassistische Mentalität in Amerika überwinden zu können.

Eine dokumentarische Filmsequenz aus späterer Zeit findet man unter https://www.youtube.com/watch?v=DtrwLxeM8B4

Im Spielfilm gelingt das Happy End zu Weihnachten, wenn beide – der Schwarze  und der Weiße  – ihre gegenseitigen Vorurteile überwunden haben. In unserer Realität ist Rassismus trotz vieler Verbesserungen nicht nur in amerikanischen Südstaaten eine bleibende Herausforderung.

Ghana in Stuttgart

„Jetzt ist Gottes Stunde“ (Lukas 4,21) war ein Kernsatz in der Predigt, die Pfarrer i.R. Riley Edwards-Raudonat heute in der Ghanaischen Gemeinde Stuttgart hielt – auf Englisch natürlich. Immer wieder betonte er, dass man „today“ sich einsetzen müsse und seine Berufung nicht aufschieben dürfe. Neben den Afrikanern waren auch etliche „Bio-Deutsche“ gekommen, weil sich der Prediger gleichzeitig nach Nigeria verabschiedete. Dort wird er im Auftrag der EKD noch einmal für zehn Monate in der deutschsprachigen Gemeinde wirken.

Die Ghanaische Gemeinde PRESBYTERIAN CHURCH OF GHANA Stuttgart ist eine der insgesamt fünf presbyterianischen Gemeinden in Deutschland. Die Mutterkirche ist die Presbyterian Church of Ghana (PCG). Die PCG ist in 1828 von der Basler Mission gegründet worden. Die PCG ist Partnerkirche der EMS (Evangelische Mission in Solidarität). Der Gottesdienst in Englisch und Twi findet jeden Sonntag in der Waldkirche von 13 bis 15 Uhr statt. Die lauten Trommeln hört man schon draußen vor der Tür. Man versteht da schon gut, dass sich solche Gemeinden nicht einfach in die Landeskirche integrieren lassen, sondern ihre eigene Gottesdienstkultur und Sprache pflegen wollen. Manchen ihrer Kirchenlieder merkt man allerdings den deutschen Ursprung noch an.

„Today“ ist Jesu Predigt in Nazareth ernst zu nehmen. Noch immer müssen Gefangene befreit und Misshandelte erlöst werden (Luk. 4, 18).

Riley  Edwards-Raudonat wies deswegen eindringlich auf eine neue Broschüre der EKD, an der er mitgearbeitet hat. „Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen“ soll insbesondere am Sonntag Reminiszere (17. März 2019) in den evangelischen Gemeinen gehalten werden. Auf S. 23 findet man ein Interview mit ihm.

„Männer werden umgebracht und Frauen und Mädchen werden immer wieder entführt, vergewaltigt und zwangsverheiratet. Unvorstellbares Leid geschieht ihnen in der Gewalt der Terroristen“ sagt Bischöfin Bosse-Huber. „Deshalb bitten wir alle Kirchen und Gemeinden, sich am Sonntag Reminiszere an der gemeinsamen Fürbitte zu beteiligen. Und sich gleichzeitig über die konkrete Situation in Nigeria zu informieren und Hilfsprojekte für die Opfer von Verfolgung zu unterstützen.“

https://www.ekd.de/reminiszere-2019-fuerbitte-verfolgte-christen-nigeria-42623.htm.

Trotz der schlimmen Erfahrungen, die viele Afrikaner erleiden müssen, ist es immer wieder erstaunlich, mit welcher Fröhlichkeit sie feiern können. Und das selbst im winterlich-kalten Stuttgart.