Archiv für den Monat Februar 2019

Seemannsmission

Als Junge von der Waterkant hatte ich mal die Nase voll von der Schule, wollte abgehen und zur See fahren. Als ich mich allerdings in Bremerhaven näher nach den Bedingungen erkundigte, verzichtete ich auf dieses Vorhaben, zumal meine besorgte Mutter meinte: „Als Matrose bist du der letzte Dreck. Mach‘ Abitur und werde Kapitän.“ Den erste Teil des Rates habe ich befolgt, dann aber lieber Theologie studiert, um das Schiff der Kirche mitzusteuern.

Wenn ich nicht selber predige, besuche ich die Gottesdienste meiner Gemeinde. Medien sind für mich kein Ersatz für das echte Leben. Heute habe ich eine Ausnahme gemacht, weil es sich um einen Gottesdienst der Seemannsmission in Hamburg handelt. Ich wurde durch eine starke Predigt der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs belohnt.
Mitarbeiter der Seemannsmission berichten von den Herausforderungen, denen sich Seeleute heutzutage gegenübersehen: Arbeitsstress, Naturgewalten und Piratenangriffe. Sie bringen ein von dem, was sie bei ihrem Einsatz auf Schiffen im Hafen Hamburg erleben. Sie feiern diesen Gottesdienst in der St.Gertrudkirche, die allein ist übrig geblieben ist vom Dorf Altenwerder, das weichen musste, weil ein neues Terminal für die großen Containerschiffe gebaut wurde.

Die Seemannsmission und Bischöfin Kirsten Fehrs schließen sich der Kritik des Verbands Deutscher Reeder (VDR) am Rückzug der Marine aus der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer an. „Wir begrüßen diese klaren Worte“, sagte DSM Präsidentin Clara Schlaich in Hamburg, „die EU muss eine Lösung finden für die menschlich und politisch so wichtige Frage der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Zustände wie vor einigen Jahren dürfen sich nicht wiederholen, sie sind für Flüchtlinge und Seeleute untragbar.“ Der Rückzug der Deutschen Marine aus der Mission „Sophia“ im Mittelmeer führt dazu, dass noch weniger Schiffe zur Verfügung stehen, um Flüchtlinge in Seenot zu retten. Dann sind meist wieder die Handelsschiffe die einzigen Schiffe in der Nähe und damit nach internationalem Seerecht zur Rettung verpflichtet.

Für die Seeleute sind solche Rettungseinsätze eine große Belastung, vor allem, weil die hochbordigen Frachtschiffe für diese Art der Rettung kaum geeignet sind“, ergänzt Seemannspastor Matthias Ristau. Wenn die schwierige Rettung gelingt, ist es belastend und inakzeptabel, wenn kein Hafen bereit ist, die Geretteten aufzunehmen. Mitarbeitende der Seemannsmission hören immer wieder von Seeleuten, wie es sie emotional mitnimmt, wenn die Rettung sich schwierig gestaltet, weil ihr Schiff einfach viel zu hoch ist, oder wenn vor ihren Augen Menschen ertrinken. Ristau kritisiert: „Die Seeleute stehen in dem Dilemma entgegen internationalem Seerecht einfach vorbeizufahren oder als Schlepper von Behörden wie z.B. in Italien kriminalisiert zu werden.“ Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche, Kirsten Fehrs, unterstützt ebenfalls den Appell von Reederverband und Seemannsmission. „Wir brauchen dringend koordinierte und professionelle Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer. Auch wenn die Mission Sophia ursprünglich nicht zur Rettung von Flüchtlingen begründet worden war, hat sie faktisch Tausende von Menschenleben gerettet.“ Bischöfin Fehrs setzt sich in diesem Jahr als „Stimme der Seeleute“ für die Seemannsmission ein. Auf See ist der „Näheste“ der Nächste
Seemannspastor Matthias Ristau erläutert: „Seeleute retten Schiffbrüchige und Menschen in Seenot. Das ist uralte Selbstverständlichkeit auf See, denn da ist der Nächste ganz wörtlich derjenige, der am dichtesten dran ist. Deshalb werden diese zu Hilfe eilende Schiffe im internationalen Sprachgebrauch auf See auch heute noch als Good Samaritans bezeichnet. Das geht auf das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter zurück, auf dem der Begriff der christlichen Nächstenliebe beruht.“

https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste

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Green Book

Mit Begeisterung haben viele den  amerikanischen Film „Green Book“ gesehen. Man spürt diese auch in der „Filmshow“, die Pfarrer Christian Engels, Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, regelmäßig im Internet veröffentlicht. https://www.youtube.com/watch?v=JF24Guy7yPI.

Der mit vielen  Preisen ausgezeichnete Film von Peter Farrelly  zeigt die erstaunliche Beziehung des schwarzen, etwas  autistischen Pianisten Don Shirley und eines weißen, etwas primitiven Nachtclub-Türstehers namens Tony „Lip“ Vallelonga, der als Fahrer und Leibwächter angestellt wird. Denn Don Shirley will ausgerechnet in den rassistischen Südstaaten – man schreibt 1962! – Konzerte geben. Dazu brauchen sie als Reiseführer das „Negro Motorist Green Book“, in dem die für Schwarze zugelassenen Übernachtungsplätze aufgelistet sind. Denn selbst dieser berühmte Künstler darf nicht in jedes Hotel und wird vom gemeinsamen Essen ausgeschlossen. Sie geraten in turbulente Auseinandersetzungen, die Tony aufgrund seiner Kampferfahrungen letztendlich immer wieder klären kann. Der ganze Irrsinn des Rassismus steht wieder auf, noch mehr allerdings die wachsende Freundschaft der beiden so unterschiedlichen Männer.

Ein Spielfilm ist kein Dokumentarfilm und darf sich gewisse Freiheiten erlauben. Er prägt aber für die meisten Zuschauer den Blick auf die Vergangenheit. Ich habe mich darum  gefragt: Was ist historisch wahr? Die Darstellung des südstaatlichen Rassismus ist sicherlich korrekt. Auf diese Weise haben viele Leute erstmals von jenem ominösen „Green Book“ erfahren. Es wird in der amerikanischen Presse diskutiert, dass Shirleys Familie gar nicht einverstanden ist mit dem Film und seinen Machern Verfälschung vorwirft. So könne von einer Freundschaft zwischen den beiden nicht die Rede sein, sondern es war eindeutig ein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis auf Zeit. Sein Bruder Maurice Shirley sagte: „My brother never considered Tony to be his ‚friend‘; he was an employee, his chauffeur (who resented wearing a uniform and cap). This is why context and nuance are so important. The fact that a successful, well-to-do Black artist would employ domestics that did not look like him, should not be lost in translation.“ Don Shirley habe entgegen den Unterstellungen im Film immer gute Beziehungen zu seiner Familie und zur schwarzen Community unterhalten.

Insbesondere der Sohn Vallelongas, Co-Autor des Drehbuches, hat wohl allzu unkritisch die Version seines Vaters Tony übernommen, der auf diese Weise geradezu zu einem Retter hochstilisiert  wird. Einmal mehr hat ein Spiel-Film einen verzerrten weißen Blick auf das Amerika der Schwarzen eingenommen.

Wer war Don Shirley?    Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Shirley.

Dr. Donald Walbridge Shirley (*1927 in Florida; † 2013 in New York) war ein klassisch studierter Pianist, der allerdings niemals in Leningrad war. Als Komponist verschmolz er in seiner Musik Jazz und Klassik. Er schrieb u.a. Orgel- und Klavierkonzerte, dazu ein Cellokonzert. Sein Vater Edwin war Pfarrer der episkopalen Kirche. Bereits mit drei Jahren spielte Don Shirley Orgel; mit zehn Jahren trat er als Konzertpianist auf. Öfter trat er auch mit Unterhaltungsmusik auf. Anders als im Film unterstellt war er mit vielen schwarzen Musikern  wie Duke Ellington befreundet. Für ihn schrieb er ein sinfonisches Werk.

Frustriert von zu wenigen Chancen für schwarze klassische Musiker studierte er  zwischenzeitlich an der Universität von Chicago Psychologie und arbeitete dort auch als Psychologe. Er forschte wissenschaftlich über das Verhältnis von Musik und jugendlicher Gewalt.

Ab 1955 spielte er mit den bedeutenden Orchestern der USA , einmal auch  an der Scala in Mailand.

Er beteiligte sich an der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings. So hoffte er in den sechziger Jahren, durch Konzerte in den Südstaaten  die rassistische Mentalität in Amerika überwinden zu können.

Eine dokumentarische Filmsequenz aus späterer Zeit findet man unter https://www.youtube.com/watch?v=DtrwLxeM8B4

Im Spielfilm gelingt das Happy End zu Weihnachten, wenn beide – der Schwarze  und der Weiße  – ihre gegenseitigen Vorurteile überwunden haben. In unserer Realität ist Rassismus trotz vieler Verbesserungen nicht nur in amerikanischen Südstaaten eine bleibende Herausforderung.

Ghana in Stuttgart

„Jetzt ist Gottes Stunde“ (Lukas 4,21) war ein Kernsatz in der Predigt, die Pfarrer i.R. Riley Edwards-Raudonat heute in der Ghanaischen Gemeinde Stuttgart hielt – auf Englisch natürlich. Immer wieder betonte er, dass man „today“ sich einsetzen müsse und seine Berufung nicht aufschieben dürfe. Neben den Afrikanern waren auch etliche „Bio-Deutsche“ gekommen, weil sich der Prediger gleichzeitig nach Nigeria verabschiedete. Dort wird er im Auftrag der EKD noch einmal für zehn Monate in der deutschsprachigen Gemeinde wirken.

Die Ghanaische Gemeinde PRESBYTERIAN CHURCH OF GHANA Stuttgart ist eine der insgesamt fünf presbyterianischen Gemeinden in Deutschland. Die Mutterkirche ist die Presbyterian Church of Ghana (PCG). Die PCG ist in 1828 von der Basler Mission gegründet worden. Die PCG ist Partnerkirche der EMS (Evangelische Mission in Solidarität). Der Gottesdienst in Englisch und Twi findet jeden Sonntag in der Waldkirche von 13 bis 15 Uhr statt. Die lauten Trommeln hört man schon draußen vor der Tür. Man versteht da schon gut, dass sich solche Gemeinden nicht einfach in die Landeskirche integrieren lassen, sondern ihre eigene Gottesdienstkultur und Sprache pflegen wollen. Manchen ihrer Kirchenlieder merkt man allerdings den deutschen Ursprung noch an.

„Today“ ist Jesu Predigt in Nazareth ernst zu nehmen. Noch immer müssen Gefangene befreit und Misshandelte erlöst werden (Luk. 4, 18).

Riley  Edwards-Raudonat wies deswegen eindringlich auf eine neue Broschüre der EKD, an der er mitgearbeitet hat. „Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen“ soll insbesondere am Sonntag Reminiszere (17. März 2019) in den evangelischen Gemeinen gehalten werden. Auf S. 23 findet man ein Interview mit ihm.

„Männer werden umgebracht und Frauen und Mädchen werden immer wieder entführt, vergewaltigt und zwangsverheiratet. Unvorstellbares Leid geschieht ihnen in der Gewalt der Terroristen“ sagt Bischöfin Bosse-Huber. „Deshalb bitten wir alle Kirchen und Gemeinden, sich am Sonntag Reminiszere an der gemeinsamen Fürbitte zu beteiligen. Und sich gleichzeitig über die konkrete Situation in Nigeria zu informieren und Hilfsprojekte für die Opfer von Verfolgung zu unterstützen.“

https://www.ekd.de/reminiszere-2019-fuerbitte-verfolgte-christen-nigeria-42623.htm.

Trotz der schlimmen Erfahrungen, die viele Afrikaner erleiden müssen, ist es immer wieder erstaunlich, mit welcher Fröhlichkeit sie feiern können. Und das selbst im winterlich-kalten Stuttgart.