Archiv für den Monat April 2018

Leitungswasser

„Wasserknappheit ist eines der drängendsten ökologischen Probleme unserer Zeit, von dem viele Länder bedroht und bereits heute betroffen sind. Mehr als eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu ausreichendem und sauberem Wasser und mehr als zwei Milliarden verfügen über keinen Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen.

Wasser ist eine Grundvoraussetzung allen Lebens auf der Erde und muss mit allen Lebewesen und der übrigen Schöpfung geteilt werden. Es ist richtig, die Stimme zu erheben und zu handeln, wenn das Leben spendende Wasser weltweit und systematisch gefährdet wird.“

Dass es ein christliches Wassernetzwerk gibt, war mir neu:

https://water.oikoumene.org/de.

Da geht es um große Anliegen. Ich habe heute ein kleines: Trinkt Wasser vom Wasserhahn. Es ist in Deutschland meistens gesünder als Flaschenwasser. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit, bis wir Migranten überzeugen konnten, dass sie keine Plastikflaschenwasser kaufen müssen. Man spart Geld und Plastikmüll! Womöglich wird Mineralwasser ja noch aus weiter Ferne herangekarrt und verschlechtert die Ökobilanz..

Ich erinnere mich, wie mühsam wir in unserer afrikanischen Zeit Wasser filtern mussten, um es trinken zu können. Aus dem Hahn kam meistens nur eine Brühe, wenn man nicht sogar zum Fluss gehen musste. So ist es leider in den meisten Ländern dieser Welt. Also genieße ich das hiesige Trinkwasser.

Es ärgert mich aber, dass man in Bahnhöfen oder öffentlichen Brunnen meistens auf einem Schild liest „Kein Trinkwasser“. Warum ist das so? Stecken da Lebensmittelkonzerne wie Nestle dahinter, die ja andernorts schamlos Trinkwasser vermarkten?

Wäre es nicht ein Art „bedingungsloses Grundeinkommen im Kleinen“, wenn jeder an vielen Plätzen frei trinken könnte? Sollten wir nicht viel mehr gemeinschaftliche Anlagen bauen, die alle nutzen können?

Wenn mehr Trinkwasser aus der Leitung zur Verfügung steht, würde mancher wohl auch auf Softdrinks wie Coca Cola verzichten, die mit ihrem Zuckerwasser weniger Durst löschen als Übergewicht verursachen.

In Berlin hat sich eine Initiative vorgenommen, Trinkbrunnen zu fördern. Siehe www.atiptap.org. Das wäre ja auch etwas für kleine Städte und Dörfer.

Übrigens:

In Deutschland verbraucht jeder Mensch etwa 120 Liter Wasser pro Tag im Haushalt: beim Kochen, Putzen und Duschen, für die Toilettenspülung, die Wasch- und Spülmaschine. Doch insgesamt verbrauchen wir 33 Mal so viel Wasser am Tag, nämlich rund 4.000 Liter. Diese enorme Zahl beinhaltet den Wasserverbrauch für die Herstellung der Nahrungsmittel und Güter, die in Deutschland tagtäglich jede Person im Schnitt konsumiert. Diese Wassermenge heißt virtuelles Wasser, weil es nicht unmittelbar zu sehen ist. Verbraucht wird es dennoch, oft in den ohnehin wasserarmen Regionen der Erde. (BROT FÜR DIE WELT)

 

 

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Hans Küng zum 90.

Die „Stiftung Weltethos“ veranstaltete zum 90. Geburtstag Hans Küngs in der Universität Tübingen ein wissenschaftliches Symposium über sein Werk. Der Jubilar war den ganzen Tag anwesend, wenn auch im Rollstuhl, und hörte offenbar konzentriert zu. Das muss ihm seltsam vorgekommen sein, wenn die Redner ihn  immer wieder zitierten. Prof. Karl-Josef Kuschel moderierte die vier Vorträge und die abschließende Podiumsdiskussion.
Prof. Dr. Johanna Rahner eröffnete das Symposium mit dem Thema „Zwischen Neckar und Tiber. Kirche und Ökumene im Umbruch“. Ihr folgte Prof. Dr. Hermann Häring über Küngs Christus- und Gotteslehre. Beide sagten den Küng-Kennern nichts Neues. Darum war ich gespannt auf Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel, dessen pluralistische Theologie der Religionen ich seit langem anregend finde. Sein Buch „Gott ohne Grenzen“ habe ich vor Jahren zustimmend rezensiert. Er ging von Küngs Impulsen zur Theologie der Religionen aus, führte sie aber über die ethischen Fragen hinaus.

„Statt ihre Theologie weiter ausschließlich religionsspezifisch zu betreiben, werden Religionen in Zukunft verstärkt auf interreligiöse Theologie setzen“, sagt Schmidt-Leukel. Das führt er in seinem neuen Buch „Religious Pluralism and Interreligious Theology“ (Religiöser Pluralismus und interreligiöse Theologie) aus: „Religionen wie das Christentum, der Islam, der Hinduismus und der Buddhismus sind nach meiner Theorie einander viel ähnlicher, als bislang angenommen. Sie ähneln einander mit Blick auf ihre jeweilige interne Vielfalt…Die fremde Religion und der Andersgläubige sind weniger fremd als man zunächst glaubt. Das bietet eine Alternative zur verbreiteten Ansicht, Religionen seien nicht vergleichbar und unvereinbar.“ Was Religionen voneinander unterscheide, finde sich oft in anderer Form als Unterschied innerhalb der eigenen Religion wieder. „Das erlaubt die Ausweitung ökumenischer Theologie zur interreligiösen Theologie.“ Im interreligiösen theologischen Diskurs kämen Themen und Fragen auf, die aus der Theologie der eigenen Religion bekannt seien, aber zugleich ein neues Licht darauf würfen. Schmidt-Leukel: „Der Schlüssel zum Verständnis fremder Religionen liegt somit in der eigenen.“

Der Religionswissenschaftler hat seine „Fraktale Theorie der Religionsvielfalt“ in Anlehnung an die Fraktal-Theorie des Mathematikers Benoît Mandelbrot (1924-2010) entwickelt, nach der viele Objekte in der Natur wie Farnpflanzen, Bäume oder Blumenkohl, aber auch Eiskristalle, Felsformationen oder Küstenlinien aus verkleinerten Kopien ihrer selbst zusammengesetzt sind. „Das fraktale Verständnis religiöser Vielfalt“, so Schmidt-Leukel, „verlangt geradezu nach einer interreligiösen Theologie.“
Als „religiösen Pluralismus“ bezeichnet der Wissenschaftler eine Haltung, die andere Religionen als „zwar verschiedene, aber dennoch gleichermaßen gültige und vielfach komplementäre Heilswege“ betrachte. Letztlich gehe es dabei um eine Veränderung im Selbstverständnis aller Religionen. „Das ist auch politisch wichtig, insofern religiöse Ansprüche auf Alleingültigkeit oder Überlegenheit häufig dem interreligiösen Konfliktpotential zugrunde liegen.“
„Im Unterschied zur interkulturellen Philosophie nimmt interreligiöse Theologie den Bekenntnischarakter von Religionen ernst“, führt der Wissenschaftler aus. Hinter den Bekenntnissen zu Muhammad als „Propheten“, zu Jesus als „Sohn Gottes“ und zu Gautama als „Buddha“ zeigten sich grundlegende Gemeinsamkeiten in den Motiven: „Bei den Muslimen wird das Wort Gottes zum Text, wie im Fall des Koran, während es bei den Christen zur Person wird, wie im Fall Jesu. Aber beide Religionen kennen auch das andere Konzept und in beiden Fällen geht es darum, wie die Gegenwart Gottes im Akt der göttlichen Offenbarung zu verstehen ist“, so der zur anglikanischen Kirche übergetretene Theologe. Oft liege sogar hinter der Ablehnung anderer Glaubensvorstellungen mehr Gemeinsamkeit als man denke, etwa, wenn etwas abgelehnt wird, was der andere in dieser Form gar nicht vertritt. Als Beispiel nannte er die islamische Kritik am Begriff Sohn Gottes“. Was diese kritisieren, sei eine Karikatur, die auch Christen gar nicht glauben sollten. „Statt andere Religionen als Gefahr zu sehen, können sie den eigenen Glauben bereichern.“ Daher ziehe eine interreligiöse Theologie nicht nur Heilige Schriften der eigenen Religion heran, sondern auch die der anderen. „Das bietet große Chancen im Umgang mit der wachsenden religiösen Pluralität in unserer Gesellschaft.“ Wenn man Küngs Unterscheidung von prophetischen, mystischen und weisheitlichen Religionsfamilien folge, stelle man fest, dass jede Religion in sich auch die anderen Aspekte kenne.

Herkömmliche Theologien aller Religionen werden sich nach Einschätzung des Wissenschaftlers über kurz oder lang in Richtung der Interreligiösen Theologie entwickeln. „Der interreligiösen Theologie geht es darum, die Gründe und Motive religiöser Bekenntnisse zu verstehen und gegebenenfalls zu teilen.“ Sie könne Gläubigen helfen, Vorurteile zu überwinden und Wertschätzung für andere Religionen zu entwickeln. „Vor diesem Hintergrund ist der Dialog der Religionen, der gesellschaftlich auf vielen Ebenen angestrebt wird und oft diplomatisch bleibt, als theologische Aktivität im strengen Sinne zu verstehen“. Es gehe dabei nicht nur um friedliche Koexistenz, sondern darum, sich über Religionsgrenzen hinweg „mit jenen großen Fragen auseinanderzusetzen, die die Menschheit seit jeher in allen Kulturen und Religionen bewegt haben.“ Allerdings dürfe interreligiöse Theologie nicht als Theologie einer weltweiten „Einheitsreligion“ missverstanden werden.

Leider war für eine Diskussion wenig Zeit. Denn es folgte noch aus der jüngeren Generation Prof. Dr. Claus Dierksmeier, der das „Weltethos-Institut“ an der Universität Tübingen leitet. Der Wirtschaftsethiker  fragte, wie man Atheisten und Agnostiker vom  Weltethos überzeugen könne. Seine Auseinandersetzung mit Richard Dawkins „Gotteswahn“ schien mir recht abstrakt zu sein. Für mich aufschlussreich war sein Hinweis auf den mir bisher unbekannten Scholastiker Francisco de Vitoria. Er trug mit seiner Konzeption des Rechts der Völker zur Entwicklung des Völkerrechts bei. Offenbar lange vor der amerikanischen und französischen Revolution begründete dieser Theologe die Menschenrechte, weil er auch den gerade entdeckten Indios in Südamerika die Gotteskindschaft zusprach und entsprechend Respekt einforderte.

Der Jahresbericht 2017 der Stiftung Weltethos zeigt einrucksvoll, welche erstaunlichen Aktivitäten die Theologie Hans Küngs ausgelöst hat. (www.weltethos.org). Einmal mehr durfte er den  großen Beifall der Anwesenden genießen.

Verändernde Nachfolge

In Stuttgart berichteten Teilnehmende der „Weltmissionskonferenz“, die leider in unsere Medien wenig Echo gefunden hat. Der Generalsekretär der „Evangelischen Mission in Solidarität“ (EMS) Jürgen Reichel führte aus:

„Kirchen aus allen Kontinenten hat der Weltrat der Kirchen (ÖRK) vom 8. – 13. März nach Arusha (Tansania) zur dreizehnten „Weltkonferenz für Weltmission und Evangelisation“ eingeladen. Erst zum zweiten Mal, nach Achimoto (Ghana) 1958, tagte sie auf afrikanischem Boden. Vorbereitet worden ist sie von der „Kommission für Weltmission und Evangelisation“ (CWME) worden, in der auch Nichtmitglieder des ÖRK wie die Römisch-Katholische Kirche und unabhängige afrikanische Kirchen mitwirken. Über tausend Teilnehmende sind gekommen und debattierten darüber, wie Christinnen und Christen die „Berufung zur verändernden Nachfolge“ in der heutigen Zeit wahrnehmen. „Vom Geist bewegt – zur verändernden Nachfolge berufen“ – der Titel der Weltmissionskonferenz verrät einen Anspruch: Nachfolge Christi ist keine innerliche Angelegenheit. Sie verändert die umgebende Welt. Kenneth Mtata, der Generalsekretär des Kirchenrates von Zimbabwe, erläutert es anhand des Alten Testaments: Die Bibel unterscheidet zwischen „gerechtem Sein vor Gott“ (zedakah) und „gerechtem Tun zwischen den Menschen“ (mishpat). Beides gehöre zur Nachfolge. „Unsere Kirchengemeinde betont aber vor allem, dass wir unser Verhältnis zu Gott in Ordnung bringen sollen“, sagt eine junge Kenianerin sehr nachdenklich im Tischgespräch. „Dass wir als Christen auch dafür Verantwortung tragen, dass den Armen Gerechtigkeit widerfährt, ist hingegen kein Thema. Unsere Kirche tut wenig für andere. Sie versteht unter Mission, andere Menschen zum Glauben zu bringen, nicht aber, für Gerechtigkeit zu sorgen.“ Noch immer sind Kirchen mit sich selbst beschäftigt, statt die Gute Nachricht erfahrbar zu machen – das ist der Tenor vieler Äußerungen. „Unsere Mission ist es definitiv nicht, uns und unsere Institutionen zu schützen“, bekräftigt Olaf Fykse Tveit, der Generalsekretär des Weltkirchenrates, „vielmehr zielt Gottes Mission auf die anderen, nicht auf uns selbst.“

In vielerlei Hinsicht setzt die junge südafrikanische Theologin Mutale Mulenga Kaunda in ihrem Hauptvortrag Akzente: Indem sie als junge Theologin aus einer Pfingstkirche den Hauptvortrag hält, zeigt der Weltkirchenrat an, dass er die Weltmissionskonferenz als eine afrikanische Konferenz verstanden wissen will, die Frauen und junge Menschen ins Zentrum rückt. Und so eröffnet Kaunda, indem dem sie die Versammlung als eine ökumenische Versammlung charakterisiert – in der pfingstlerische, evangelikale und charismatische Gruppen ebenso vertreten sind wie Delegierte aus den historischen orthodoxen, römisch-katholischen und protestantischen Kirchen. Sie legt Wert darauf, dass junge „Führungskräfte“ (leaders) zu Wort kommen sollten und beansprucht, dass der afrikanische Kontext den ökumenischen Diskurs prägen würde. Dieser wiederum mache eine feministische Herangehensweise zwingend, denn „auch in Kirchenkreisen besteht eine männliche Prärogative: Männer besetzen viele strategische Positionen. Und Männer als Führungskräfte in Politik und Religion wiederum sind vor allem an ihrer eigenen Karriere interessiert.“

Auch methodisch stimmt Dr. Kaunda die Konferenz auf die folgenden Tage ein, indem sie das Erzählen von Geschichten (storytelling) als Kernelement der Missionstheologie einsetzt: Als sie ihre an Aids erkrankte Mutter mit 17 Jahren zu Grabe trägt, wird sie zum Familienoberhaupt ihrer jüngeren Schwestern und muss mit 100 USD im Monat Unterhalt und Ausbildung für sie bestreiten. „Als doppelt verwaistes Mädchen nahm ich am Kirchenleben teil, versuchte ich täglich, das bloße Überleben meiner Schwestern und von mir zu sichern. Immer wieder konnte ich nur unter Tränen zu meiner Mutter rufen, die nicht mehr antworten konnte, und mich Gott anvertrauen.“ Mit ihrem eigenen Schicksal illustriert sie, was sie beim südafrikanischen Theologen David Bosch als „transformative Mission“ beschrieben findet, die von den Rändern (margins) her die Kirche Christi glaubwürdig macht.

Mutale Mulenga Kaunda gibt der Weltmissionskonferenz Fragen mit, die im Weiteren Gottesdienste und Andachten, Bibelarbeiten und Plenarveranstaltungen beschäftigen:

  1. Wie kann verändernde Nachfolge (transformative discipleship) die Kirche dazu bringen, radikale soziale, politische und wirtschaftliche Änderungen in den afrikanischen Gesellschaften anzustrengen?
  2. Wie kann verändernde Nachfolge männliche Dominanz in Kirche und Gesellschaft abbauen?
  3. Was kann verändernde Nachfolge gegen den ausufernden Materialismus tun, der den gleichen Zugang aller zu den öffentlichen Gütern verhindert?
  4. Und wie kann sie das Verlangen der jungen Generation nach Teilhabe am „Leben in Fülle“ (Joh. 10:10) einlösen?

Eingeordnet werden die Fragen von Dr. Kaunda vom Vorsitzenden der Kommission für Weltmission und Evangelisation, dem Metropoliten Mor Geevarghese Coorilos vom Syrisch-Orthodoxen Patriarch von Antiochia. Er greift in seiner Eröffnungsrede als einer der Wenigen die Missionserklärung von Busan „Gemeinsam für das Leben. Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten“ auf und knüpft dabei ebenso an David Bosch an, der Mission als „Wendung zu Gott“ und durch diesen angestoßen als „Wendung zur Welt“ charakterisierte. Koorilos möchte aber „in dieser biblischen Ausrichtung einen Schritt weitergehen und unterstreichen, dass Mission bedeutet, die Welt auf den Kopf zu stellen“ (to turn the contemporary world upside down; vgl. Apg. 17,8-9). Mit einem kühnen Federstrich ordnet er Jesu Auftreten und das Bekenntnis seiner Jünger in die Imperiumskritik des Buchs der Offenbarung ein: „Jüngerschaft bedeutet für die ersten Nachfolger Jesu, die herrschenden Mächte (hegemonic empires) mit der Herrschaft Christi zu konfrontieren.“ Johannes habe den Weg gewiesen, dem Joch Roms zu widerstehen.

Heutzutage gebe es „neue Inkarnationen Caesars, neue Avatare des Herodes, neue Kaiser“. Der Hure in Apk. 18, die den enormen Reichtum Roms, seinen Luxus und Pomp vorführe, entspreche heute die von Gier gesteuerten Wirtschaftsweise, die die Herrschaft von Gerechtigkeit und Gleichheit durch diverse imperialistische und faschistische Regime ersetzt habe. Die ökumenische Bewegung als Missionsbewegung solle „den Imperien der heutigen Zeit Widerstand leisten“.

Die „Mission von den Rändern“ erklärt Koorilos dementsprechend als „Umkehr der bisherigen Missionsmuster.“ Mission von Rändern bedeute, dass Mission keine Einbahnstraße mehr sei, auf der die Reichen und Mächtigen, die Elite und der Globale Norden die alleinigen Betreiber der Mission seien, die Armen und der Globale Süden hingegen nur Empfänger von „Mission“. So wie die an den Rand Gedrängten im Römischen Reich den christlichen Widerstand gegen Rom angeführt hätten, indem sie Christi Herrschaft verkündigten, sei es jetzt Aufgabe der Mission, nicht alleine Menschen von den Rändern zum Zentrum zu bringen, sondern die Systeme und Völker, die heute das Zentrum bildeten, herauszufordern (to challenge) – mit allen Folgen für die Kirchen, ihre Missionen und die ökumenischen Einrichtungen.

Prägend wird in vielen Voten die „Mission von den Rändern“ (mission from the margins). Die Weltmissionskonferenz ruft dabei nicht einfach zu mehr Aktion für andere auf. Sie lädt vielmehr dazu ein, sich von den Rändern verändern zu lassen. Es ist in Arusha zwar oft nicht so einfach, nachzuvollziehen, wer zu den Rändern gehört, die auf die im Zentrum verwandelnd einwirken. Chinesische Christen etwa wehren sich heftig, dass ihr Land in Bausch und Bogen zu den marginalisierten Weltgegenden gezählt werden soll. Auch junge afrikanische Frauen widersprechen: Sie wollen nicht als Opfer beschrieben werden.

Soviel aber ist klar: Veränderungen erwartet der Weltkirchenrat von denen, die sich nicht damit abgeben, marginalisiert zu werden: Frauen, denen in vielen Kirchen weniger Rechte eingeräumt werden. Indigene, die wenig Respekt erfahren und an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Menschen, die unter miserablen Arbeitsbedingungen Produkte für Konsumenten in reichen Ländern herstellen. Ihnen traut die Missionsfamilie zu, ungerechte Strukturen aufzubrechen und nicht mehr zuzulassen, dass andere über sie bestimmen.

Eine junge Katholikin von den Fidschi-Inseln fasst in eigene Worte, wie sie ihre Rolle als eine junge Frau „an den Rändern“ versteht: „Als ganz gewöhnliche Frau aus Ozeanien ohne Titel und besondere Befugnisse stehe ich hier und sage: Mein Name ist Adi Mariana Waqa. Ich bin in den Augen Gottes wertgeachtet. Ich habe eine Stimme. Ich bin frei, weil ich im Geist wandle. Ich und meine Leute sind nicht mehr einfach Empfänger der Guten Nachricht. Durch Gottes Kraft sind wir selbst Botschafter des Evangeliums geworden.“

Die Weltmissionskonferenz feiert wunderbare Gottesdienste und Andachten, präsentiert originelle Bibelarbeiten, lässt sich von persönlichen Erfahrungen hinreißen, räumt Frauen weiten Raum ein und führt tausend Menschen in ungezählten Einzelbegegnungen und Gruppengesprächen aufeinander zu. Jeder Gottesdienst und jede Andacht ist ein Erlebnis. In einer oft mitreißenden Art und Weise und einem feinen Gespür für Liturgie ergänzen sich Musik, dramatische Choreographien und Tanz, biblische Texte und Verkündigung, Gebete und Litaneien. Kleine Gesten der Zuwendung und des Miteinanders ermöglichen es den eintausend Feiernden, die Nächsten wahrzunehmen und auf sie zuzugehen. Die musikalische Sprache ist durch Ethno-Pop geprägt. Die englisch abgedruckten Texte werden in strenger Reihenfolge englisch – spanisch – französisch gesprochen,  vereinzelt fließen afrikanische Sprachen ein. Einzelne Öffnungsversuche für pfingstlerische Elemente oder liturgische Handlungen der afrikanischen Inland-Churches nimmt die feiernde Gemeinschaft nicht oder nur zurückhaltend auf.  Die vielen Orthodoxen feiern mit, zelebrieren aber täglich die Göttliche Liturgie und Tagzeitgebete an einem abgelegenen Ort.

Lebendig sind die Tischgruppen an den etwa 100 Tischen, die unter anderem die Impulsreferate zu den Bibelarbeiten aufnehmen. Fast immer bilden sich engagierte Diskussionen. Vorher eingesetzte ModeratorInnen sorgen dafür, dass alle zu Wort kommen. In den Pausen und bei den Mahlzeiten bilden sich immer neue Gesprächsgruppen. Es kommt zu unerwarteten und überraschenden Begegnungen.

Die Programmatik der Weltmissionskonferenz hat vor allem die Marginalisierten als die eigentlichen Akteure von Gottes Mission in den Mittelpunkt gestellt. Das ist der Konferenz überzeugend gelungen. Gruppen, die gesellschaftlich und leider oft auch in den Kirchen wenig zu sagen haben, haben der Konferenz ein frisches Bild von der Mission Gottes gezeigt und einer von innen erneuerten Kirche Gesicht verliehen, in der Frauen und junge Menschen, Benachteiligte und Machtlose, ethnische und religiöse Minderheiten den Weg der Nachfolge beschreiten.

Allerdings geht die Konferenz in den Podien kaum auf viele der drängenden Fragen der Mission ein: Wie stehen Christen und andere Religionen zueinander? Wie begegnen Christen wachsendem Nationalismus? Wie gehen sie mit Fundamentalismus um, der zur Gewalt greift? Welche Strategien entwickeln sie, um der zunehmend eingeschränkten Bewegungsfreiheit für Zivilgesellschaft und Kirchen in vielen Ländern zu begegnen? Wie verändern wir unser Selbstbild angesichts der Wanderungsbewegungen in allen Teilen der Welt, die die Kirchen nachhaltig verändern? Wie gewinnt die Kirche Christi im digitalen Raum Gestalt?

Der Zugang über die radikale Kritik am „herrschenden System“ verstellt oft den Blick auf die nationalen und regionalen Phänomene.  Außer den USA werde alle Regierungen geschont. Konkrete Menschenrechtsverletzungen – auch die des Rechts auf Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit oder freie Meinungsäußerung sind kaum einer Erwähnung wert. Es ist nicht auszumachen, ob Diktaturen und Demokratien, repressive und freiheitliche Systeme unter dem gleichen allgemeinen System-Verdikt stehen. Die Auseinandersetzung mit den politischen Ansprüchen des fundamentalistischen Islam, Hinduismus oder Buddhismus ist – anders als die Abwehr christlich-fundamentalistischer Ansprüche – kein Thema.

Die Abschlusserklärung, der „Arusha Aufruf zur Nachfolge“ (The Arusha Call to Discipleship) nimmt inhaltlich und theologisch zwar wenig Neues aus der Konferenz auf. Er beschwört eine abgefallene Welt des Todes herauf, in der es die verändernde Nachfolge Christ ausrichten soll. „Trotz einiger aufglimmenden Hoffnung mussten wir erkennen, dass die auf den Tod ausgerichteten Kräfte die Weltordnung erschüttern und Vielen Leiden auferlegen… Der Weg der Nachfolge führt uns dazu zu teilen und Gottes Liebe zu leben, indem wir Gerechtigkeit und Frieden suchen, die anders als die der Welt sind (Joh 14:27).“

Vergleiche auch https://www.emw-d.de/weltmissionskonferenz2018/index.html

 

Kirche hat Zukunft

Am Anfang meines kirchlichen Dienstes in Württemberg arbeitete ich mit dem schönen Titel „Landesjugendvikar“ in einer speziellen Einrichtung (ahs) mit kritischen Schülern. Weil diese vielen konservativen Pietisten zu progressiv waren, wurde bei passender Gelegenheit die ganze Einrichtung von der Landessynode gestrichen. Seitdem weiß ich, wie wichtig Kirchenpolitik ist und trat in den Verein „Offene Kirche“ (OK) ein, der seit den siebziger Jahren sich bemüht, die Volkskirche gegen scheinfromme Verengungen zu verteidigen.Die OK engagiert sich seitdem vor allem für den konziliaren Prozess zur Bewahrung der Schöpfung, für weltweite Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt verschiedene örtliche Gruppen, aber am wichtigsten ist wohl nach wie vor der Gesprächskreis in der Synode, die eben vor allem über die Verteilung des Geldes (Haushaltsplan) und manche Stellen (Sonderpfarrämter) entscheidet.

Seit langem habe ich mal wieder an einer Mitgliederversammlung teilgenommen, die am 14. April in Stuttgart stattfand. Es ging um ein Positionspapier, zu dem man als Kommentator den früheren Landesbischof von Baden Dr. Ulrich Fischer eingeladen hatte. (Baden-Württemberg leistet sich als einziges Bundesland aus historischen Gründen zwei evangelische „Landeskirchen“.)

Vgl. https://www.offene-kirche.de/startseite.html.

In dem Papier mit dem ermutigenden Titel „Kirche hat Zukunft“ will man eine theologische Gesundlegung versuchen, die manche vermissen. Dabei zeigt sich ein grundsätzliches Problem: Je verbindlicher gewisse theologische Positionen festgeschrieben werden, desto mehr schließt es Andersdenkende aus. Man will aber gerade die ganze Breite einer Volkskirche vom engagierten Kirchgänger bis zum distanzierten Kirchensteuerzahler bewahren.

Dr. Fischer bestätigte viele konkrete Schritte für eine grundlegende Theologie. „Dass eine bestimmte Theologie bestimmte Konsequenzen hat, findet meine ausdrückliche Zustimmung. Das ist logisch für die Kirche der Zukunft.“ Der Ruf in die Freiheit sei sehr gut beschrieben. Diese Befreiungsgeschichte habe schon Vorläufer im Alten Testament . Ein zentraler Satz sei: Die geschenkte innere Freiheit hat Folgen für die äußere Freiheit. „Es darf überhaupt keine Frage sein, dass Kirche politisch ist in scheinbar inneren Angelegenheiten der Welt. Freiheit ohne Verantwortung führt zu Beliebigkeit.“ Die Verantwortung sollte stärker betont werden. Besonders gefallen habe ihm, dass Ernst Langes Interpretation der Zehn Gebote als Gottes zehn große Freiheiten zitiert wurden. „Du sollst nicht ehebrechen bedeutet den Schutz der Ehe. Du sollst nicht töten den Schutz der Menschen. Du sollst nicht stehlen den Schutz des Eigentums.“

„Wir haben die einzige Religion der Welt, die davon redet, dass Gott Mensch wird und leidet.  Für Muslime und Juden ein unerträglicher Gedanke!“ (Theologie des Kreuzes) und:  „Ich will Sie sehr kräftig unterstützen, von Volkskirche zu sprechen. Wir dürfen die nicht kaputtreden.. . Ich habe nie Verständnis für Berührungsängste mit der Welt gehabt. Ich muss nicht alles mitmachen, aber alles wahrnehmen mit allen Konflikten.“ Das Missionsverständnis sei Grundthema des Konziliaren Prozesses.

Auch einer, der nur Kirchensteuer zahlt, sich aber sonst überhaupt nicht beteiligt, sei Mitglied der Kirche. „Es gibt Reiche, die zahlen für die Institution, wollen sich aber nicht engagieren. Auch die habe ich schätzen gelernt. Der Glaube ist personenbezogen. Anlässe bestimmen nicht die Kirche, sondern die Menschen. „Es müssen neue Kasualien entwickelt werden. Nach dem Amoklauf in Winnenden z.B. hat die Kirche ihre Stärke gezeigt.“ Er plädiert aber auch für viele kleine Anlässe, wie Eintritt in den Ruhestand; Gottesdienste bei Verpartnerung von Menschen, die nicht heiraten wollen – dafür Segnung für Beziehungen wie Gottesdienst mit Segnung für alle Verliebten, ohne zu kontrollieren, ob verheiratet, Mann und Frau oder Mann und Mann.

Glaube wird sehr privat gelebt. Die Biografie bezogene Praxis ist nicht gegen Gemeinde auszuspielen. „Wir werden Ortsgemeinden brauchen. Sie werden größere Räume umfassen. Die Gemeindegrößen haben Konsequenzen, z.B. Zusammenschlüsse.“ Eine Kantorei sei auch eine Gemeinde, in die man jede Woche geht. Oder Kirche im Krankenhaus oder Seniorenheim darf man nicht ausspielen gegen Ortsgemeinde!

Dr.Fischer abschließend: „Ich finde es toll, dass Sie als Gruppe in der Kirche sich dem Vorwurf der Beliebigkeit entgegenstellen. Man kann nicht nur gegen etwas sein, sondern muss es auch begründen.“

Eine gewisse Kontroverse entstand bei der Frage, welche Bedeutung die „Kreuzestheologie“ haben solle. Manche möchten sich da ganz verabschieden und bevorzugen eine „Reich-Gottes-Theologie“, die sich nicht an den Schriften der Apostel, sondern an der Verkündigung Jesu  in den Evangelien orientieren. Die OK will aber nicht die Bekenntnisse der Kirche abschaffen, die ja auch für die ökumenischen Beziehungen wichtig sind.

Das Redaktionsteam hat also noch einiges zu tun, wenn es alle Gesichtspunkte berücksichtigen will. Letztlich kommt es ja immer darauf an, was Menschen konkret mit solchen Texten anfangen. Die innere und äußere Vielfalt der Evangelischen Kirche wird jedenfalls zunehmen.

Mir gegenüber sitzt eine jüngere Frau mit einem nichtkirchlichen Beruf. Sie versteht die ganze Diskussion nicht recht. Sie hat sich jüngst ein Buch über „1968“ gekauft. Wir verabreden uns zu  einem weiteren Treffen, denn die „Offene Kirche“ ist auch ein spätes Kind der kirchlichen Studentenbewegung.

Chancen einer Minorität

Zur Predigt über 1. Petrus 5,1-5:

 

Güte in den Psalmen

Der Sonntag Miserikordias Dominihat seinen schönen Namen nach Psalm 33, der leider nicht im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist. Der weltweite Horizont dieses Psalms ist jedoch besonders wichtig, da sich viele Christen in Deutschland vor der Globalisierung ängstigen. Dagegen setze ich: „Des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, ist zuverlässig und fest. Er liebt Gerechtigkeit und Recht, von seiner Güte voll ist die Erde.“ V.4f.

In diesem Zusammenhang mag man  erinnern, dass das Bild vom „guten Hirten“ (Psalm 23) nicht zuletzt gegen die Gewaltherrscher und Könige gerichtet ist, die sich selber als „Hirten“ feiern lassen. Wenn Jesus nach Joh.10,11 sagt „Ich bin der gute Hirte“ schwingt diese Polemik mit. Seine Macht liegt auf  einer anderen Ebene, fordert aber  die politische Macht heraus.

Erster Petrusbrief

Im 1. Petrusbrief spiegeln sich Gedanken und Vorstellungen, die im urchristlichen Durchschnittschristentum Ende des 1. Jahrhunderts üblich waren. Bereits geprägte Überlieferungen, Lieder und Bekenntnisse sind eingearbeitet. Heutige Bibelforschung geht nicht mehr von der Verfasserschaft des Jüngers Petrus aus. Ein unbekannter Autor hat vermutlich nach dem Brauch der Zeit die Autorität des Apostels für sein Schreiben an Gemeinden in Kleinasien genutzt. Hier allerdings reiht „Petrus“ sich unter die „Ältesten“ ein. Er ist insofern Zeuge der Leiden Christi als er solche ebenso wie seine Adressaten in seiner Gegenwart erduldet. Konkrete Christenverfolgungen werden allerdings nicht  genannt, sondern eher verbale Gewalt wie Schmähungen und Verleumdungen. Der Hass der Umwelt kann – wie manche auch heute bitter erfahren – schon schlimm genug ein. Möglicherweise ist der Schluss (4,12-5,14) später angefügt worden. Die Lage hat sich nun verschärft. „Der Teufel, euer Widersacher, geht umher  wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.“5,8  Dennoch sollen die Christen nüchtern bleiben und nicht aufhören Gutes zu tun.

Der Verfasser hat konträr zu heutigen Predigern keine Scheu vor kräftigen Ermahnungen, die er oft dem Alten Testament entnimmt.  Im griechischen Urtext gibt es bekanntlich keine Ausrufungszeichen. In deutschen Ausgaben könnte man für diese wenigen fünf Kapitel glatt 56 setzen. Darunter sind solche Imperative für Frauen und Sklaven, die man unkommentiert kaum noch zumuten kann und andere wie 3,8ff., die man auch in der heutigen Predigt ins Bewusstsein heben möchte: „Segnet! Denn dazu seid ihr berufen!“  Es ist kein Zufall, dass 1. Petr.2,17 zum Motto der 5. These der Barmer Erklärung geworden ist, in der es von der Kirche im Verhältnis zum Staat heißt: „Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.“

 Die Perikope

Kap.5,1 beginnt mit einer klaren Mahnung, die bezeichnenderweise in modernen Übersetzungen etwas „weichgespült“ wird: „Ein Wort habe ich noch für die, die in der Gemeinde eine leitende Aufgabe haben.“ ZINK z.St.  Noch lahmer: „Die Ältesten unter euch möchte ich nun um etwas bitten.“ BigSz.St.  Ist der heutige Mensch so perfekt geworden, dass er Mahnungen nicht mehr nötig hat? Oder steht dahinter die psychologische Erfahrung, dass Mahnungen nicht verfangen? Nun aber betont „Petrus“ , dass Gemeindeleiter durch das Vorbild überzeugen sollten. Ich denke, es ist gut, dass der erhobene Zeigefinger aus Predigt und Unterricht verschwunden ist. Andererseits folgt aus dem Zuspruch des Evangeliums nun mal ein Anspruch an die Lebensweise.

„Die Ältesten“ (griechisch: „presbyteroi“) sind Leiter der Gemeinde. Sie bekommen ihre  Stellung aufgrund ihres Ansehens, Erfahrung und Lebensalters. Es ist ein  Ehrenamt mit stark repräsentativen Zügen. Dass „Petrus“ sich als „Mitältester“ bezeichnet, ist wohl ein Hinweis, dass es noch keine streng ausgeprägte Hierarchie gibt.

Wer Zeuge der Leiden Christi ist, nimmt auch teil an seiner Herrlichkeit. Im griechischen Begriff „Doxa“ schwingt neben der Bedeutung „Ehre“ auch die des alttestamentlichen „kavod“ mit . Es meint das wahrnehmbare Wirken Gottes in Klarheit und Kraft. In Christus, der äußerlich keinen Glanz und keine Macht entfaltete, erkennen Glaubende Zuneigung und Gegenwart Gottes. So wird „doxa“ im Neuen Testament zu einem Hauptwort mit einer besonderen Bedeutung. Diese geben andere Sprachen besser  wieder wie lat. „gloria“ und davon abgeleitet engl „glory“ oder frz. „gloire“.

„Weidet die Herde Gottes….“v.2 ZINK vermeidet den Ausdruck „Herde“, der heute  oft nur ironisch gebraucht wird: „Setzt euch für die Gemeinde Gottes ein. Sorgt für ihr Gedeihen, nicht weil es eure saure Pflicht ist, sondern mit freiem Willen und mit Liebe, nicht aus Gewinnsucht, sondern weil ihr euch Gott zur Verfügung stellen wollt.“

Es klingt ganz modern beim zurückrevidierten LUTHER: „Nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde.“v3. Sehr umständlich dagegen BigS: „Ihr sollt nicht Aufsicht führen wie die, die über ihr Eigentum gebieten, sondern ihr sollt eure Aufgabe so ausführen, dass ihr Vorbilder werdet für die Herde.“

V4: Der „Erz- oder Oberhirte“ ist Christus bei seiner Wiederkunft. Er gibt den Getreuen den „Ehrenkranz“ oder die „unverwelkliche Krone“. Ist das heute noch eine lebendige Hoffnung? Wie kann man sie schützen gegen den Vorwurf der billigen Vertröstung?

V5: Da die „Presbyter“ oft wirklich die Senioren sind, kommt noch eine zweite Mahnung. In der Antike riss nämlich die Schichtung zwischen Jungen und Alten scharfe Unterschiede  auf wie etwa zwischen Frauen und Männern oder Freien und Sklaven. ZINK opfert die Begriffe Demut und Hochmut und bringt statt Übersetzung gleich einen Kommentar: „Ähnliches gilt von den Jüngeren: Unterstellt euch dem Willen der Älteren. Ihr tut damit nur, was ohnedies alle tun sollen: Lasst euch voneinander etwas sagen. Denn Gott widersteht denen, die ihr eigenes Licht von oben herableuchten lassen, er ist aber denen, die unten sind, freundlich.“ BROX sieht als Tendenz des 1.Petr.: „Er will nicht die hierarchische Ordnung in Gesellschaft, Familie und Kirche als solche bestärken, sondern das christliche Leben als friedliches Miteinander lehren.“

Das Wort über Hochmut und Demut nach der Septuaginta Sprüche 3,34 hat  in der christlichen Ethik und Spiritualität, vor allem im Mönchtum,  gewissermaßen Karriere gemacht. In der Philosophie wird, nicht nur  bei Nietzsche,  ihre Ambivalenz betont. In der hellenistischen Umwelt wurde Demut als Knechtsgesinnung abqualifiziert, die des Freien unwürdig ist. Dagegen ist sie für die jüdischen und erst recht für christliche Menschen die elementare Anerkennung ihrer wirklichen Situation vor Gott und den Mitgeschöpfen. „Demut bedeutet, sich von Gottes Barmherzigkeit abhängig zu wissen.“ GOPPELT. Es ist hier ein Gegenentwurf zur Arroganz der Macht in Gemeindeleitungen. Davon wird abgeleitet eine bleibende Forderung für Kirche und Gesellschaft.

 Kirche als Kontrastgesellschaft

Ich möchte am Sonntag der „Barmherzigkeit Gottes“ das Bild der „Herde“ auffrischen, damit es die Kirche als Kontrastgesellschaft bezeichnet zur „Welt, in der ein Mensch des andern Wolf ist“. Die lateinische Sentenz „homo homini lupus“ stammt aus einer Komödie des Dichters Plautus (254-184 vor Christus). Die Übersetzung aus dem Original lautet: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch. Das gilt zum mindesten solange, als man sich nicht kennt.“ Den Nachsatz möchte ich als Auftrag an die Kirche verstehen. Sie muss Gelegenheiten schaffen, dass Menschen sich begegnen. Das gilt im Nahbereich, der sich durch die Migranten enorm vergrößert hat. Es gilt aber auch für die weltweite Ökumene, die selten Frieden und Wohlstand kennt, sondern eher Nachstellungen und Diskriminierungen. Es ist noch immer traurige Realität: „Die gleichen Leiden erleben eure Geschwister überall in der Welt…Dem widersteht!“v.9  Dem Bösen ist zu widerstehen! Kann man das unseren Wohlstandschristen noch vermitteln?

 Kleinasien heute

Ein Blick auf das Land heute, in dem die Empfänger des 1. Petrusbriefes lebten,  lässt keinerlei Hochmut aufkommen. Christof Sauer hat im Christlichen Medienmagazin „pro“ den Bericht veröffentlicht „So raubt die Türkei Christen ihr Eigentum“:  „Mindestens 100 historische Güter der aramäischen Kirchen in der Südosttürkei hat die türkische Regierung innerhalb der vergangenen fünf Jahre konfisziert. Diese Enteignungen reihen sich in ein breites Repertoire an Unterdrückungsmaßnahmen gegen christliche Minderheiten ein…In Diyarbakir beschlagnahmte der Staat alle sechs christlichen Kirchen, darunter die größte armenische Kathedrale im Mittleren Osten. Verwaltungsvorschriften, unzureichende Rechtsbestimmungen und uneinheitliche Umsetzung an der Basis verhindern Religionsfreiheit. Christen in der Türkei sind nicht als einzige mit derartigen Problemen als Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land konfrontiert. Ähnliche Situationen bestimmen das Leben der Christen im Sudan, im Iran, in Ägypten und in weiten Teilen Nordafrikas und der arabischen Halbinsel. Die systematische Zerstörung von Kirchen durch den IS im Irak und in Syrien hatte zum Ziel, selbst die Spuren der vertriebenen religiösen Minderheiten auszulöschen.“

 Fürsorge für das gemeinsame Haus

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff, der für seinen Kampf für ein menschenwürdiges Leben der Armen 2001 den Alternativen Nobelpreis erhielt, schreibt in seiner Auslegung des Psalms 23: „Eine Gesellschaft, deren Achse die Fürsorge bildet – Fürsorge für das gemeinsame Haus, die Erde, für die Ökosysteme, die die Grundlagen der Biosphäre und unseres Lebens sichern…- eine solche Gesellschaft der Fürsorge wird sich des Friedens und der Harmonie erfreuen, die für das Zusammenleben der Menschen nötig sind. … Unser persönliches Leben gewinnt an Unbeschwertheit und bewahrt auch mitten in Gefahren und Bedrohungen eine heitere Stimmung, wenn wir spüren, dass wir niemals allein sind. Gott geht mit uns in unserem eigenen Gehen. Er zeigt sich als der Hirte, der sich um uns sorgt, und als der  Gastgeber, der uns aufnimmt. Es ist nicht so wichtig, was uns zustößt, denn es widerfährt uns in seiner Liebe.“

Ein Beispiel aus unserer Kirchengeschichte

Ich erinnere an die weithin vergessene Caroline Fliedner, deren Todestag (15.4.1892) sich jährt. „Prototyp der protestantischen Frau im diakonischen Amt“, wurde sie auf ihrer Beerdigung genannt. Vierzig  Jahre lang hatte sie die Leitung der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth. Während sie für die Ausbildung mehrerer hundert Diakonissenschwestern zuständig war, führte sie zugleich einen Haushalt mit zehn Kindern. Sie wird gerühmt: „Carolines Lebenseinstellung war grundsätzlich positiv. Jeder Situation gewann sie etwas Gutes ab, Negatives findet sich an keiner Stelle in ihren Briefen.“. Allerdings kann man an ihrer Biografie die Ambivalenz von Demut verdeutlichen, die Mann besonders in der damaligen Erweckungsbewegung vor allem den Frauen verordnete. „Unter dem Eindruck ihres Gatten (Theodor Fliedner) wurde Caroline gezwungen, Affekte und Spontaneität aus dem Verhältnis zu Gott auszuscheiden und Demut als rationale Grundhaltung anzunehmen, was vielfach von den männlichen Repräsentanten der Kirche als wünschenswert empfunden wurde.“ IRLE S.174.  Diese Biografie ist auch im Internet zu finden:

http://www.ub.uni-siegen.de/pub/diss/fb1/2003/irle/irle.pdf.

 

Gemeinsames Europa

Die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Bündnis 90/Die Grünen) und der ehemalige Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) gemeinsam mit Horst Teltschick (CDU), Günter Verheugen (SPD) und Helmut Schäfer (FDP) fordern gestern in der FAZ gemeinsam  den Westen auf, Russland „als einen gleichberechtigten Partner in allen globalen Fragen“ anzuerkennen:

„Mit großer Sorge beobachten wir den sich zuspitzenden Konflikt zwischen Russland und dem Westen. Gegenseitige Sanktionen, die Schließungen von Einrichtungen und Dialogforen, die einmal der Verständigung und Kooperation dienten, folgen in immer schnellerem Rhythmus. Wir haben es inzwischen mit einer beunruhigenden Entfremdung zu tun. Das gegenseitige Verhältnis ist bestimmt von gegenseitigen Schuldzuweisungen, Verdächtigung und militärischen Drohgebärden. Vor diesem Hintergrund wäre es hilfreich, wenn wir uns alle darauf besinnen würden, dass das Ende des Kalten Krieges schon einmal von beiden Seiten proklamiert worden ist. Das Wort vom „Gemeinsamen Haus Europa“ sollte uns noch genauso gegenwärtig sein wie Putins Rede vor dem Deutschen Bundestag 2001, in der er ein langfristiges und umfassendes Kooperationsangebot machte.“

Viele sind heute alarmiert und fürchten Krieg. Zwar hat Bundeskanzlerin Merkel abgelehnt, einen militärischen Angriff auf Syrien zu unterstützen. Die Gefahr einer direkten Konfrontation USA-Russland besteht aber. Aber viele Medien trommeln dafür. Darum finden morgen in vielen Städten, auch  in Tübingen, Friedensdemonstrationen statt. Ich hoffe, dass auch unsere Evangelische Kirche sich  eindeutig und konkret zum Frieden äußert. Die schon genug verfahrene Situation in Syrien kann man nicht durch weitere Bomben lösen. Die christlichen Kirchen in Syrien selbst sind schon lange gegen ausländische Einmischungen. Ihnen ist selbst ein Diktator wie Assad noch lieber als islamistische „Befreier“.

Die Spirale aus Maßnahmen und Gegenmaßnahmen löst sich zunehmend von den realen Gründen und Anlässen. Die Verfasser schreiben darum in der FAZ: „Die rhetorische Eskalation und die Produktion von Feindbildern in Politik und Medien bleibt nicht ohne Wirkung“, und mahnen eine „Überwindung der Sprachlosigkeit“ an.

Ursprünglich sollte der Beitrag wohl in der vergangenen Woche in der „Süddeutschen Zeitung“ erscheinen. Doch die lehnte eine Veröffentlichung ab. Andere Medien haben m.W. diesen wichtigen Impuls kaum aufgenommen.

Wenn die Götter schweigen

“Dies Buch müßte eigentlich epochemachend wirken, ist es doch vielleicht das erste theologische Werk nachbiblischer Zeit, das Judentum und Christentum gleichermaßen angeht“, schrieb der Rabbiner Dr. Geis – und wurde prompt kürzlich in einer Diskussionsrunde über Kornelis Heiko Miskotte „Wenn die Götter schweigen“ aus dem Klappentext des Chr.Kaiser-Verlags  zitiert. Es wurde aber nicht „epochemachend“. Seit 1966 steht das Buch bei mir im Schrank, versehen mit ein paar Anmerkungen aus meinem 1. Semester. Diesen vergessenen Theologen stellt ein Kollege vor, der im Ruhestand  – Respekt! – extra deswegen niederländisch gelernt und inzwischen selber einige Werke übersetzt hat.

Miskotte (1894-1976) war einer der ersten evangelischen Theologen im letzten Jahrhundert, der noch vor dem 2.Weltkrieg bereit war, vom Judentum zu lernen und das Alte Testament gegen die Angriffe einer neugermanischen Nazireligion zu verteidigen. Diese verstand er als Spielart des modernen Nihilismus, der ja keineswegs mit den braunen Pseudointellektuellen verschwunden ist. Seine Doktorarbeit schrieb er 1932 „Vom Wesen der jüdischen Religion“ und setzte sich mit Hermann Cohen, Max Brod, Franz Rosenzweig, Ernst Bloch und Martin Buber auseinander: „Als ich die Thora begriff, begriff ich  die ganze Bibel.“

1939 folgte die Studie „Edda und Thora“, die 2015 im LIT-Verlag neu aufgelegt wurde. Wie viele andere sah er in der Nazi-Philosophie eine Wiederkehr germanischer Mythen, die sich im Kampf mit der israelitischen Religion wähnte. Seine Theologie bewährte sich im aktiven Widerstand gegen die Nazi-Besatzung in den Niederlanden.

Sein Hauptwerk Als de goden zwijgen – Over de zin van het Oude Testament (1956, deutscher Titel: Wenn die Götter schweigen – Vom Sinn des Alten Testaments) behandelt nochmals ausführlich die Beziehung zwischen dem Gott Israels und dem Heidentum. Es ist nicht nur eine kulturkritische Studie über den Nihilismus, sondern auch eine Einführung in das Alte Testament unter den Fragestellungen der Moderne.  Der erste Teil behandelt heutige Probleme als „Kleiner Zeitspiegel“. „Das Stück handelt von der Zwitterhaftigkeit des Nihilismus, dessen Wurzel in nichts anderem liegt als in der Zwitterhaftigkeit der – Religion.“ Genauer: „Daß Gott nicht ein Sein hat nach Analogie unseres Deins, daß das Wort nicht ein mystisches Erlebnis ist, der Glaube kein Erleben und überhaupt kein menschliches Vermögen; daß Gott nicht als Substanz, sein Werk nicht als Kausalität, die heilige Geschichte nicht als ein Prozeß gedacht werden kann, – alle diese glutvollen, geladenen Negationen sind mit der Grundstruktur der Bibel gegeben.“ S.23

Im zweiten Teil „Zeugnis und Interpretation“ geht er auf verschiedene alttestamentliche Themen ein wie „Thora“, „Prophetie“ oder „Weisheit“. Wiedergelesen habe ich den Abschnitt „Der Eros“ (S.267-273), wo er sich mit einer jüdischen Auslegung des Hohenliedes gegen die asketische Interpretation des Neuen Testaments wehrt. „Es ist also weitgefehlt, daß der Glaube uns da verurteilte, wo jeder Mensch seine natürlichste Lebensquelle und Erquickung findet, wie Rilke und viele Halbunterrichtete, die in römisch-katholischen Länden geboren und aufgewachsen sind, in pueril-gekränktem Ton zu behaupten nicht müde werden.“

Im dritten Teil werden einzelne biblische Texte interpretiert. Es sind Randglossen zu den Kommentaren, die vorausgesetzt werden. Sie wollen deutlich machen, was wir gewinnen, wenn wir das Evangelium eben nicht weltlos spiritualisieren, sondern mit dem Judentum der Erde treu bleiben. „Die Schöpfung ist und bleibt der Raum der Gnade. Die Einheit der Testamente ist, wie die Einheit der Verkündigung, die durch die Zeiten geht, das Band der Liebe, der Ring der Vollkommenheit, das alles verbindende Herz inmitten aller Desintegration, alles Unsinns und alles scheinbar vergeblichen Kreislaufs der Dinge… Unsere ganze Kreatürlichkeit besteht in dem Kampf darum, für die Freiheit Gottes frei zu sein und uns durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen, nicht einmal durch das (für uns) absolut Sinnlose.“ S. 472f.

„Wenn die Götter schweigen“  ist kein Buch, das man in einem Zug von vorn bis hinten liest. Meine Anmerkungen von 1966 zeigen, wie weit der 19-jährige sich auf die nicht immer leichte Sprache eingelassen hat. Es hat mich jedenfalls in meiner Freude am von vielen auch heute geschmähten Alten Testament bestärkt. Leider ist es derzeit nur antiquarisch erhältlich.

Blasphemiegesetz

Seine Exzellenz
Präsident Mamnoon Hussain
via Botschaft der Islamischen Republik Pakistan
Schaperstraße 29
10719 Berlin
Exzellenz,
ich wende mich wegen des 21-jährigen pakistanischen Christen Patras Masih an Sie.
Er ist wegen des Vorwurfs, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben, inhaftiert. Der junge Mann arbeitete bislang als Reinigungskraft in einer Bank und lebte mit seiner Familie in einem Vorort von Lahore. Am 16. Januar soll er angeblich ein Bild in einer Social-Media-Gruppe verbreitet haben, das die religiösen Gefühle von Muslimen verletzen könnte. Darauf soll ein Mann zu sehen sein, der auf der Kuppel einer ehrwürdigen Moschee steht.
Patras Masih wird vorgeworfen, damit den Propheten Mohammed beleidigt zu haben.
Die Polizei verhinderte nicht, dass eine radikale Gruppe die Nachricht von der angeblichen Tat zum Anlass nehmen konnte, eine von Christen bewohnte Siedlung zu bedrohen. Mehr als 800 Menschen mussten sich vor den Gewaltbereiten in Sicherheit bringen. Am 23. Februar wurde auch Patras Cousin Sajid Masih zum Verhör einbestellt. Dabei wurde er gefoltert und sexuell bedrängt. In seiner Verzweiflung stürzte sich Sajid aus dem vierten Stock des Hauptquartiers der „Federal Investigating Agency“ und verletzte sich lebensgefährlich. Exzellenz, eindringlich bitte ich Sie, sich sofort sowohl
für die Freilassung Patras Masihs und seine Sicherheit sowie die seiner Familienangehörigen und Nachbarn einzusetzen, als auch für die Aufklärung der Hintergründe des Fenstersturzes, damit auch Sajid Masih Gerechtigkeit widerfährt. Leider wurde das Blasphemiegesetz in diesem Fall ein weiteres Mal missbraucht, um gegen eine Minderheit Stimmung zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Wagner