Archiv für den Monat Oktober 2019

Kirchenwahlkandidaten

Die Vorbereitungen zur Kirchenwahl in der Evangelischen Württembergischen Landeskirche am 1. Dezember haben unsere Kirchengemeinde Rottenburg erreicht. Immerhin können dort über 6000 Gemeindeglieder (ab 14 Jahren) den Kirchengemeinderat (KGR) und die Landessynode wählen. Allerdings dürfte das Interesse nicht besonders groß sein, fürchte ich.

Die lokalen Kandidaten stellten sich deshalb am Gemeindefest vor, wo gewöhnlich noch am meisten Leute zusammenkommen. Wer sich am Gemeindeleben beteiligt, dürfte die meisten schon kennen. Es ist sehr erfreulich, dass mehr Kandidaten als die zwölf nötigen sich zur Verfügung stellen. Erfreulich auch, dass etliche wiederholt kandidieren. Also scheint die Mitarbeit sehr gut zu sein. Natürlich betonten die meisten, was sie bisher schon für die Gemeinde und sonst für die Gesellschaft tun. Der Kirchengemeinderat ist aber ein Leitungsgremium, der die Finanzen und Gebäude verantwortet, Personal einstellt und womöglich Pfarrer/innen und über die Bezirkssynode eine(n) neue(n) Dekan/in wählt.

Da ständig neue Aufgaben und Projekte angefangen werden, muss der KGR auch die unbequemen Entscheidungen treffen, welche bisherigen Arbeitsgebiete aufgegeben werden.

Damit  die Wahl nicht zur Lotterie wird, muss die Gemeinde nun offensive Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Da sollte denn auch die Homepage aktualisiert werden.

www.evangelisch-in-rottenburg.de.

Gleichzeitig wird die neue Landessynode Württemberg gewählt. Die ist für viele noch immer wenig bekannt, obwohl die Sitzungen inzwischen im Internet verfolgt werden können. Bei der Vorstellung der acht Kandidaten für den Kirchenbezirk Tübingen kamen deswegen gestern Abend – kaum überraschend – nur wenige Interessierte.  Da jede(r) zwar nur fünf Minuten für seine Vorstellung benötigte, blieb für die inhaltliche Darstellung grundsätzlicher Probleme nur noch der halbe Abend. Obendrein fanden die Veranstalter es sinnvoll, Fragen nur schriftlich einzusammeln, die dann mehr oder weniger ausführlich beantwortet wurden. Das trug zwar zu großer  Sachlichkeit bei, verhinderte aber Nachfragen oder kontroverse Diskussionen. Die zwei Kandidatinnen und sechs Kandidaten argumentierten im Wesentlichen Im Rahmen ihrer jeweiligen Gesprächskreise, die in der Synode partout nicht Kirchenparteien genannt werden sollen. Deren Grundsatzprogramme lagen gedruckt auf einem Schriftentisch aus. Ob sie auch gelesen werden?

Man kann fragen, ob die württembergische Kirchenverfassung noch zeitgemäß ist. So werden jeweils „Pfarrer und Laien“ getrennt gewählt. Besser würde man von „Ordinierten“ und „Nichtordinierten“ sprechen, denn letztere sind manchmal recht kompetente Theologen. Das jetzige System schafft aber entgegen dem protestantischen Prinzip vom „Priestertum aller Gläubigen“ doch eine Art Klerus, der das Kirchenparlament beherrscht. Eine Frage lautete gestern Abend: „Die Synode wird demokratisch gewählt, der Oberkirchenrat (OKR) aber  nicht. Was halten Sie davon?“ Tatsächlich wirken Oberkirchenräte und Prälaten meistens unbefristet und haben schon deswegen eine überstarke Stellung. Man spricht dann gern von Dienstgemeinschaft, um den Eindruck von Konflikten gar nicht erst aufkommen zulassen. Voller Konfliktscheu erscheinen mir auch die meisten öffentlichen Tagungen, in denen die Synodalen stundenlang Berichte sich anhören müssen, Streitfragen in die Ausschüsse verlagert und politisch anstößige Entscheidungen oder Verlautbarungen vermieden werden.

Doch vielleicht überraschen uns die Kandidaten ja mit neuen Ideen.

https://www.elk-wue.de/22102019-165-kandidaten-fuer-die-landessynode

In memoriam Erhard Eppler

Zur Erinnerung an Erhard Eppler, der gestern verstorben ist,  lese ich noch einmal das Buch, das mich  am meisten beeindruckt hat: „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“, (Kohlhammer Verlag 1975). Es erschien, als ich in den württembergischen Kirchendienst trat. Als frischgebackener Vikar lud ich sogleich  Eppler zu einem Vortrag „Was ich von der Dritten Welt für unser Land gelernt habe“ in unsere Gemeinde. Er war  damals als Spitzenkandidat der SPD  mitten im Landtagswahlkampf. Sein Gegner war der  aalglatte Hans Filbinger, später der umtriebige Lothar Späth. Beide Wahlen gingen krachend verloren.

Nachträglich wundere ich mich, auf welch hohem Niveau Eppler in jenen turbulenten Zeiten argumentierte. Bei meinem Praktikum in Indien 1972 hatte ich schon sein Buch „Wenig Zeit für die Dritte Welt“ (Stuttgart 1971) im Gepäck und überlegte ob ich  nicht seinetwegen in die Entwicklungspolitik gehen sollte. Damals war ich noch Mitglied der SPD. Ich entschied mich anders, blieb aber auch als Pfarrer dem globalen Süden und seinen Problemen verpflichtet. Ich begegnete ihm noch einmal sehr persönlich, als ich die Trauung seine Tochter gestaltete. Vater Eppler kam frisch von einem Berliner Parteitag, wo er mit Helmut Schmidt einmal mehr aneinander geraten war.

In den achtziger Jahren konnte  ich als Dozent in Tansania Epplers Thesen auf den Prüfstand stellen und musste manche seiner Illusionen begraben. Die Evangelische Akademie Bad Boll war damals die entscheidende Ideenschmiede für entwicklungs- und friedenspolitische Fragen. Von 1999 bis 2012 erlebte ich ihn dort als Tagungsreferent immer wieder. Später kam die Ökologie hinzu. Eppler hatte sich mittlerweile für den Kirchentag engagiert, wo er bedeutende Beiträge lieferte. Gleiches gilt für die Evangelische Akademikerschaft und „Offene Kirche“. Viele seiner weiteren Bücher habe ich verschlungen.

Bei meiner heutige Re-Lektüre von “Ende oder Wende“ fällt mir die alarmierende Sprache auf. Nach dem „Club of Rome“ mit seinen „Grenzen des Wachstums“ kam ja schon einmal das Gefühl des „5 vor 12“ auf, das natürlich mit den Jahren seine Wirkung verliert. Gleichwohl wäre uns viel erspart worden, wenn man Epplers Warnungen damals beherzigt hätte.

„Dass ein endlicher Erdball kein unendliches materielles Wachstum zulässt, ist eine Binsenweisheit. Dass diese Binsenweisheit erst zur Kenntnis genommen wurde, als Computer sie errechnet hatten, ist eine Parodie auf die Expertengläubigkeit unserer Zeit.“ S.9. Seine politische Forderung bleibt aktuell: Wir müssen entscheiden, was wachen soll und was nicht. Mehr Lebensqualität (damals ein neuer Begriff!) und weniger Müllberge z.B. Die damals prognostizierte Bevölkerungsexplosion ist längst eingetroffen. Nun drängen in unseren Tagen  die armen Massen zu den Wohlstandsinseln.

Prophetische Einsichten bald auf jeder Seite: „Je geringer der Spielraum nach innen, umso wahrscheinlicher die Betonung nationaler Interessen nach außen. Wer den Verteilungskampf im Innern nur mühsam in geordneten Bahnen halten kann, wird dazu neigen, im internationalen Verteilungskampf zwischen Rohstoffproduzenten und Industriestaaten eine harte Linie zu vertreten… Die Schwäche des Nationalstaats führt nicht zum Aufbau internationaler Entscheidungsstrukturen, sondern zum rücksichtslosen Gegeneinander nationaler Interessen und damit möglicherweise auch zur Krise internationaler Institutionen.“ S.17

Zwar mögen manche Daten veraltet sein, aber  die Grundrichtung der Epplerschen Analyse ist brandaktuell: „Was sich heute  als Reformmüdigkeit, als Nostalgie, als reaktionäre Welle oder gar als Neuauflage eines bornierten Nationalismus äußert, ist letztlich eine Krise der Hoffnung. … Wo die Zukunft überwiegend als Chance erlebt wird, dominiert Hoffnung. Wo die Zukunft überwiegend als Bedrohung empfunden wird, als etwas Undurchsichtiges, Undurchschaubares, Gefährliches, dominiert die Angst… Menschen klammern sich an die Sicherheiten der Vergangenheit, an Vorurteile, die wir längst für überwunden hielten.“ S.27

Im 3. Kapitel entwickelt Eppler die wichtige Unterscheidung von struktur- und wertkonservativ.  Die gilt gerade auch in der Kirche: „Wenn Kirchenaustritte ein Ausmaß erreichen, das schon auf mittlere Sicht die Volkskirche gefährdet, werden Strukturkonservative bei jedem Schritt ängstlich nach links und rechts schielen, um keinesfalls Anlass zu neuen Austritten zu bieten, während Wertkonservative es verständlich finden, dass Menschen, die seit langem nichts mit der Kirche im Sinn haben, ihr auch keine Steuer mehr entrichten. Sie werden fragen, wie die Botschaft, die der Kirche aufgetragen ist, so glaubwürdig ausgerichtet werden kann, dass sie in unserer Gesellschaft etwas bewirkt, auch auf die Gefahr hin, dass die Kirche neue Organisationsformen suchen muss.“ S. 31

Weitere Stichworte sind die Grundwerte, die fiskalischen Probleme und die Strukturpolitik. Seine Prognosen prüft er immer hinsichtlich der politischen Möglichkeiten. Er setzt sich mit Gesundheits- und Bildungspolitik auseinander. Immer wieder ist man erstaunt, wie lange wir schon die immer gleichen Probleme vor uns herschieben. Der „Machbarkeit des Notwendigen“ gelten seine damaligen Schlussüberlegungen. Immer wieder erwartet er Unterstützung von den Kirchen: „Es ist daher kein Zufall, dass gerade die Studentengemeinden bei der Studentenrevolte in der vordersten Front standen, dass die Bemühungen um Kriterien von Lebensqualität auch die Theologie erfasst haben, dass die Kirchen sich besonders des Umweltschutzes annehmen.“ S.123

Diese letzten Sätze lese ich mit Wehmut, denn in Württemberg hat der Oberkirchenrat einiges getan, um die Studentengemeinde ESG abzuwürgen. Dass heutige Studenten sich ohnehin pragmatischer orientieren, kommt noch hinzu. Mag sein, dass die jüngste Generation der „Fridays for Future“ diese Gedanken Erhard Epplers auch in der Kirche wieder anstößt.

14. Weltethos-Rede

Das „ Projekt Weltethos“ von Hans Küng habe ich von Anfang an unterstützt. Seine Verdienste für den interreligiösen Dialog sind immens. Darum konnte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weltethos-Rede den krankheitshalber abwesenden Professor Küng in den höchsten Tönen als großen Gelehrten preisen. Auch die Universität Tübingen konnte sich noch einmal in diesem Glanz geehrt fühlen, wenn Steinmeier die Tübinger Professoren Ernst Bloch und Joseph Ratzinger in einem Atemzug, und die berühmten Stiftler Hölderlin, Schelling und Hegel bemühte. Lange ist es allerdings schon her. Trotzdem fühlten sich die meist  älteren Zuhörer im Uni-Festsaal sichtlich geschmeichelt. Aktuell bezog er sich in seinen Ausführungen zur Kommunikation der Religion  dann mehr auf das demnächst erscheinende Buch von Jürgen Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie.“ (Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen, Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen. 1752 Seiten, erscheint am 11.11.2019) Vielleicht sollte man gleich Habermas zur nächsten Weltethos-Rede einladen?

Man kann diese 14. Weltethos-Rede bequem im Internet nachhören, verzichtet dann aber auf die Freude des „Sehen und Gesehen werden“, die zu einer  solchen Veranstaltung nun einmal gehört.

https://www.weltethos.org/weltethos-rede/

Leute aus verschiedenen Berufen und wissenschaftlichen Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen, ist gewiss ein wichtiger Effekt solcher Reden. Die „Stiftung Weltethos“ setzt dabei immer auf den „Promi-Faktor“, der für gehörige Aufmerksamkeit sorgt. Dies gilt besonders bei einem amtierenden Bundespräsidenten, obwohl der ja viele Reden hält und nicht jedes Mal etwas gänzlich Neues sagen kann.

Die Idee des Weltethos sei keinesfalls obsolet geworden, sagt Steinmeier, sie sei von historischer Dringlichkeit und enthalte einen kategorischen Imperativ, der die Menschen verpflichte zu Verständigung und Frieden, zum Aufeinanderhören, zum geduldigen Gespräch. Da hätte er den ehemaligen Tübinger Dozenten Philipp Melanchthon  (1512–1514) zitieren können, der schon vor Habermas feststellte: „Der Mensch ist zum Gespräch geboren.“

Küngs Engagement für Frieden und Verständigung unter den Religionen sei für ihn im August in Lindau bei der Weltversammlung von „Religions for Peace“ sichtbar geworden. „Hoffen wir alle zusammen, dass diese Saat weiter aufgeht.“

Tatsächlich hat man jetzt in der Bundesregierung die Bedeutung des Faktors Religion erkannt, vor  allem auch in den Krisen der Gegenwart. Allerdings sind die Schlussfolgerungen manchmal naiv. Das  wird das Küngsche Dictum „Kein Weltfrieden ohne Frieden der Religionen“ wie ein Mantra vorgetragen. Religionsdialoge auf höchster Ebene nutzen wenig, wenn manche Religionen eben nicht friedenswillig sind oder ein komplett anderes Verständnis von Frieden haben. Deswegen war es schade, dass Steinmeier den aktuellen Angriffskrieg der Türkei völlig ausgeklammert hat. Da kann man doch sehen, dass Muslime gegen Muslime kämpfen und die Religion einmal mehr Konflikt verschärfend wirkt. Dass wir dieses Phänomen auch aus der Christentumsgeschichte kennen, macht die Sache nicht besser.

Eine öffentliche Saaldiskussion ist in diesem Veranstaltungsformat leider nicht vorgesehen. Stattdessen gab es eine Art Podiumsdiskussion mit Eberhard Stilz und Anna Thomfeah von der „Stiftung Weltethos“. Hier zeigte der sonst so wohltemperierte Referent Emotionen, als er sich gegen die uninformierte „Quasselei“ in den Sozialen Medien wandte. Den jungen Leuten der Ökologie-Bewegung empfahl er Geduld, die die Demokratie nun einmal brauche. Man solle ihre Möglichkeiten nicht kleinreden. „Demokratie ist die Staatsform der Mutigen.“ Gedanken an eine „Ökodiktatur“ lehnte er darum ab und rief dazu auf, an einer verbesserlichen Welt zu arbeiten.

In meinen eigenen jahrelangen interreligiösen Dialogen musste ich die Erfahrung machen, dass insbesondere Vertreter von Islamverbänden solche Begegnungen für ihre Werbung nutzen, aber kein Interesse etwa an kritischen Anfragen haben. Ich fürchte, dass daran auch die Einrichtungen von Islam-Instituten wenig ändern. Dass der islamische Religionsunterricht beispielsweise die Friedensbereitschaft junger Muslime fördert, halte ich für ein Gerücht. Besser wäre es, wenn unsere Schulen kritische Rationalität im Sinne Habermas‘ in allen Fächern unterrichten.

Mir persönlich gab schon die erste Weltethos-Rede von Tony Blair einen Dämpfer. All die schönen Ausführungen zur Ethik hielten ihn ja nicht davon ab, zusammen mit den USA einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak aufgrund von Lügen zu führen.

Vielleicht wäre es besser, wenn die „Stiftung Weltethos“ künftig weniger auf prominente Politiker setzt, sondern  mehr unbekannte Friedensaktivisten ins Rampenlicht bringt.

Wer versteht die Welt?

Dass ich in einem deutsch-amerikanischen Institut keinen USA-kritischen Vortrag erwarten kann, war mir klar, als ich kürzlich an der  Veranstaltung „Wir verstehen die Welt nicht mehr“ mit dem Berliner Journalisten Christoph von Marschall teilnahm. Im Wesentlichen referierte er die Thesen seines gleichnamigen, nicht mehr ganz neuen  Buches (Herder Verlag 2018). Angesichts der jüngsten Ereignisse hätte er treffender formulieren können. „Der amerikanische Präsident versteht die Welt nicht.“ Zwar sparte er nicht mit kritischen Bemerkungen über Donald Trump, verschwieg aber, dass für das Desaster im Nahen Osten schon frühere US-Präsidenten hauptverantwortlich sind, nicht zuletzt auch der von vielen deutschen Journalisten bejubelte Obama.

Stattdessen kritisierte Dr. von Marschall die deutsche Politik als zu risikoscheu und pazifistisch. Die Forderung nach mehr robuster Macht wird immer gern mit „mehr Verantwortung übernehmen“ verschleiert. Gemeint ist die Bereitschaft  zu  mehr militärischer Einsatzbereitschaft in aller Welt. Dass unsere Verfassung das nicht erlaubt, wird da großzügig übersehen. Um dieser Forderung Gewicht zu verleihen, wird sie als Stimmung der befreundeten Regierungen ausgegeben. Deutschland, das aufgrund der Last der Geschichte nach wie vor eine Sonderrolle beansprucht, habe mehr Verantwortung zu übernehmen, auch militärische. „Doch gerade in der Sicherheitspolitik ziert es sich.“

Alle Verbündete eine, dass sie den Deutschen den nicht unberechtigten Vorwurf machen, dass sie sich überall heraushalten wollen, wo sie Verantwortung übernehmen müssten; sei es wirtschaftlich, sei es in der Migrationsfrage, sei es militärisch. „Wir haben einen neuen deutschen Sonderweg, obwohl wir eigentlich keine Sonderwege mehr gehen wollten. Es gibt eine neue deutsche Frage unter umgekehrten Vorzeichen. Eine Frage an uns Deutsche: Wie wollt ihr eurer Verantwortung in der Welt gerecht werden?“

So mokiert er sich darüber, dass die Bundesregierung die 2%-Forderung der NATO nicht erfülle. Kein Wort verliert  er aber, dass die alte Forderung nach 0,7% für Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten massiv verfehlt wird. Sollte man nicht die Fluchtursachen bekämpfen?

Mehr Prinzipientreue im Umgang mit der Türkei fordert der Tagesspiegel-Journalist. Die Erpressungspolitik in Ankara müsse ein Ende finden. Schließlich sei die Türkei als Nato-Mitglied ein Bündnispartner des Westens. „Sie verhält sich aber nicht wie ein Verbündeter, sondern sie macht ganz gezielt Politik gegen ihre Verbündeten, wenn es ihr regionalpolitisch in den Kram passt.“ Da müsse man dem türkischen Präsidenten Erdogan sagen, dass dies nicht gehe. „Entweder bist Du im Bündnis oder Du bist außerhalb des Bündnisses.“ Das ist ein frommer Wunsch! Die Türkei war nie ein Vertreter „westlicher Werte“. Sinnvoller wäre die Forderung, dieses Land, das gerade einen Angriffskrieg unternimmt, aus der NATO auszuschließen. Hier wäre  in der Tat mehr Prinzipientreue der EU (und nicht nur Deutschlands) angemessen.

Eingangs beklagte der Referent, dass dank der sozialen Medien die meisten Leute nur noch die eigene Meinung bestätigt finden wollen. Er wünschte sich, dass man öfter sich Positionen anhöre, mit denen man nicht übereinstimme. O.K., diesen Wunsch habe ich erfüllt.

Hospiz

Gestern nahm ich an der Grundsteinlegung des Tübinger Hospiz teil. Schließlich hatten wir uns im Verwaltungsrat des Deutschen Instituts für ärztliche Mission (Difaem) lange genug damit befasst. Vor allem quälte die Frage, wie man nach dem Neubau des Paul-Lechler-Krankenhauses noch diesen weiteren Neubau  stemmen sollte. Doch unsere Difaem-Direktorin Dr. Gisela Schneider ist in ihrem unverwüstlichen Glauben zuversichtlich, dass wir auch die restlichen zwei Millionen Euro noch einsammeln können. Diese Zuversicht strahlte gestern gewissermaßen mit der Sonne um die Wette, als hundert engagierte Spender und Förderer den „Grundstein“ legten, der allerdings noch nicht den Baubeginn anzeigt. Baugenehmigung und Bauunternehmer fehlen noch. „Wir sind ready to go!“, sagte Schneider trotzdem in ihrer Begrüßung.

Als ich Ende der sechziger Jahre in Tübingen Theologie studierte, wunderte ich mich, dass man von der wichtigen Arbeit des Difaem kaum etwas mitbekam. Das Sterben war auch in der Theologie tabuisiert, obwohl ich an einer Sozietät mit Professor Jüngel teilnahm, der gerade ein Buch über den Tod geschrieben hatte. Erst als ich einen Missionsarzt in unsern „Weltladen“ einlud,  um über  die Befreiung der portugiesischen Kolonien zu  sprechen, lernte ich das Difaem kennen. Damals war uns das das Sterben in Afrika wichtiger als das in Deutschland. Doch als Pfarrer am Sterbebett wird man schnell mit den hiesigen Problemen konfrontiert. Gleichzeitig hatte man den Eindruck, dass auch Mediziner schlecht vorbereitet sind und den Tod nur als Niederlage ihrer ärztlichen Kunst verstehen.

Darum organisierte ich als Studentenpfarrer in den 80iger Jahren mit Christoffer Grundmann vom Difaem Seminare für Theologie-  und Medizinstudenten zum Thema „Umgang mit Sterbenden“. Es war die Zeit, als die „Sterbeforscherin“ Elisabeth Kübler-Ross auch in Württemberg die Massen begeisterte und bei einem Vortrag in Tübingen gleich vier Hörsäle gleichzeitig füllte.

In jenen Jahren hörte ich im Difaem einen frommen englischen Arzt, der als erster eine „Sterbeklinik“ in London führte.  Dieses Wort fanden wir abschreckend, weshalb man später das schönere altchristliche Wort Hospiz benutzte.

Die weitere Entwicklung musste ich von Afrika aus verfolgen, wo Sterben und Tod nicht verdrängt werden können, sondern für die meisten Menschen eine tägliche Erfahrung bleiben.

Inzwischen ist die Entwicklung der Palliativmedizin weitergegangen und auch die Seelsorge an Sterbenden wurde professioneller. Gern spricht man heute von „Begleitung in Würde“, vergisst aber oft, dass wir letztlich die Sterbenden einem Größeren anvertrauen müssen und (vorerst) zurückbleiben.

http://www.difaem.de

Der heilige Henry

Morgen wird im Vatikan Kardinal Henry Newman offiziell heiliggesprochen. Ich erinnere mich, dass er mein Theologieexamen verdorben hat, ausgerechnet in meinem Lieblingsfach Kirchengeschichte. Und das kam 1971 so: Der prüfende Professor befragte mich nach meinen Spezialgebieten „Luther und das Papsttum“ und „Augustinus“. Das lief ganz gut, da ich Latein schon  auf der Schule gelernt hatte. Plötzlich fragte er: „Was fällt ihnen zu „Numen“ ein?“ Mmh, dachte  ich: „Eigentlich nichts.“ Im Lateinischen bedeutet „numen“ „Göttliches Walten, Gottheit, u.a.“ Während ich noch grübelte, wo  dieser Begriff bei Augustinus (354-430) vorkommt, hörte ich schon: „Mit dem 19. Jahrhundert haben Sie sich wohl nicht so beschäftigt?“ Er meinte Kardinal Newman (1801-1890) aus England. Solchen Gedankensprüngen, noch dazu in eine andere Sprache, muss man erstmal folgen. Mein Protest nutzte nichts.

Nun, John Henry Newman, ursprünglich anglikanischer, später römisch-katholischer Theologe kann nichts dafür. Mit einigen seiner Schriften habe ich mich dann doch beschäftigt. Aber sehe ich ihn als Heiligen? Allenfalls im Sinne des Apostels Paulus, nach dem jeder getaufte Christ Anteil am Heiligen hat.

Claudia Kaminski (Vatikan) schreibt:

„Die wahre Wirklichkeit war für Newman die Wirklichkeit des Himmels. Für seinen Grabstein wählte er daher den Spruch: „Ex umbris et imaginibus in veritatem“ (Aus Schatten und Bildern zur Wahrheit). Die Suche nach der Wahrheit bestimmte sein Leben, und nach einer langen inneren Reflexion gelangte er zu der Überzeugung, dass die Antworten auf die tiefsten Fragen nur in der katholischen Kirche zu finden seien. Der 1801 in London geborene Newman wächst in der Atmosphäre eines christlich geprägten Elternhauses auf. Lektüre religionskritischer Schriften führt im Alter von 15 Jahren zu einer ersten geistig-religiösen Krise, die ihn schließlich zu einem frommen Anglikanismus bekehrt. Diese sogenannte „erste Bekehrung“ führt dazu, dass er 1817 als Student der Theologie ins Trinity College von Oxford eintritt. Bereits mit 21 Jahren wird er Assistent am Oriel College und 1825 zum anglikanischen Priester geweiht. Der junge Theologe sieht seine Aufgabe darin, die anglikanische Staatskirche als mittleren Weg zwischen Katholizismus und Protestantismus aus dem Urchristentum neu zu definieren und zu etablieren. Eine von ihm in 39 Artikeln 1841 vorgelegte Neuinterpretation seiner Kirche wird als „zu katholisch“ abgelehnt, sodass er sich zunächst zurückzieht. Den letzten Anstoß zu seinem Übertritt zur katholischen Kirche bewirkt dann die gemeinsame Errichtung eines Bistums in Jerusalem von Anglikanern und preußisch-evangelischer Kirche.“

1832 reiste er nach Rom und war – anders als Martin Luther – beeindruckt von einer sakramentalen Sicht von Kirche. Durch das Studium der antiken Kirchenväter kam er zu dem Ergebnis, dass die römische Kirche legitimer Erbe der Urkirche sei. 1845 wurde er in die römische Kirche aufgenommen und entwickelte sich zu einem konservativen Priester und Professor, der u.a. die damals jüngst festgelegte Lehre der Unfehlbarkeit des Papstes verteidigte.

Newman starb als ältestes Mitglied (89) des Kardinalkollegiums am 11. August 1890 in Edgbaston. Bei der Öffnung des Grabes 2008 wurden im Sarg lediglich Reste von Kleidern gefunden. Damit war das für die Heiligsprechung nötige  Wunder gefunden. Es wurde 2011 von Benedict XVI. anerkannt.

Was hätte ich also in meiner Prüfung auf „numen?“ antworten sollen? Vielleicht dies: Im Zeitalter der Ökumene halten wir Konversionen für unnötig, da jeder Christ daran arbeiten sollte, dass seine Gemeinschaft sich um die Nachfolge Jesu bemüht. Keine Kirche ist aus sich heilig, sondern auf die Heiligkeit Gottes verwiesen. Insofern ist die Formulierung „Gemeinschaft der Heiligen“ im sog. apostolischen Glaubensbekenntnis missverständlich. Eine gewisse Ordnung muss es in einer Gemeinschaft geben, aber die nötigen Regeln sind Menschenwerk und veränderbar. Heutzutage werden sie am besten demokratisch beschlossen. Die intellektuelle Leistung des Theologen Newman können wir anerkennen und von ihm lernen. Wunder sind dafür nicht nötig. Aber unsere Verantwortung gilt der Gegenwart,  die wir zu verantworten haben. Wahrheit ist nicht statisch oder unveränderlich, sondern immer wieder neu zu bestimmen. Ein guter Maßstab ist dabei nicht die Frage, was „heilig“ , sondern ob unser Denken und Handeln heilsam ist.

Ossis und Wessis auf dem Meer

Wenn ich verreise, bereite ich mich gründlich auf Land und Leute vor. So auch diesmal bei unserer Seereise von  Norwegen über Island, Grönland nach New York: Bücher über Polarforschung, Reiseführer, Romane etc. Womit ich auf dieser Kreuzfahrt nicht gerechnet  habe, dass wir vor allem unsere Landsleute kennen lernen. Die AIDA ist nämlich besonders bei Ostdeutschen beliebt. Wer kein Englisch kann, sich Individualreisen nicht zutraut und es bequem möchte, ist da gut aufgehoben. Ich staune, dass viele wiederholt an Bord sind, einer schon fünfzehn mal. Bei vier Mahlzeiten und etlichen „Seetagen“ haben wir genügend Zeit, um ins Gespräch zu kommen. Als gelernter Seelsorger habe ich kein Problem, mich mit Urteilen zurückzuhalten und einmal aktiv zuzuhören. Viele sind Rentner, aber  auch ganze Familien mit Kindern sind dabei. Vermutlich muss man in ihnen vor allem die Gewinner der „Wende“ sehen.

Fast alle ärgern sich über die Überheblichkeit der Westdeutschen. Wertschätzung haben sie von ihnen selten erfahren. Die wenigsten „Wessis“ haben umfassende Vorstellungen vom Leben in der DDR. Die antikommunistische Propaganda wirkt bei vielen noch nach.

Da ist der Bauleiter aus Dresden, der mit seiner Frau immer eine teure Kabine mit Balkon bucht. Er erzählt vor allem von seinen beruflichen Erfolgen. Bei der letzten Wahl in Sachsen hat er FDP gewählt, „leider vergeblich“. 1989 hat er Abitur gemacht, also Kind- und Jugendzeit in der DDR erlebt. Da  will er nicht zurück.  Über „Pegida“ ärgert er sich nur.

Ein Tischlermeister aus Frankfurt/Oder hat sich selbständig gemacht. Nach schweren Jahre der Umstellung hat er es nun geschafft und kann seinen Betrieb seinem Sohn überlassen. Er schimpft auf „die Polen, die Autos und Landwirtschaftsmaschinen klauen“. Er wünscht sich mehr Polizei und Staatsautorität.

Eine Frau aus Usedom will lieber in Jena leben. Die Insel ist ihr zu klein. Sie arbeitet im Einzelhandel und geht wiederholt auf Kreuzfahrten, um Unterhaltung zu  haben und nette Leute kennen zu lernen. Nach einem Ausflug in den Acadia-Nationalpark bei Bar Habor schimpft sie: „Bäume haben wir auch zuhause.“ Auch sonst schimpft  sie gern: „Unsere Politiker sind doch alle korrupt.“ Demokratie wird wohl  nicht als Teilhabe erlebt, sondern als Konsumartikel, den man bei Nichtgefallen zurückgeben möchte.

Skepsis gegenüber den Medien ist oft zu hören, auch wenn keiner das Wort „Lügenpresse“ in den Mund nimmt. Dass man in einem riesigen Angebot auswählen kann und muss, ist wohl eine Überforderung.

Unerwartet erwies sich meine Lektüre des Buches „Lütten Klein“ von Steffen Mau als gute Vorbereitung für diese Gespräche. Er schreibt:

Immerhin mehr als ein Drittel der Ostdeutschen sehen sich laut neuesten Umfragen als Bürger zweiter Klasse. Der Satz »Niemand kümmert sich um uns« steht stellvertretend für das Gefühl, gesellschaftlich zurückgesetzt, ökonomisch und politisch marginalisiert zu sein. Der Frust, so scheint es von dieser Warte aus gesehen, hat in Ostdeutschland vielleicht nicht seine Heimat, aber doch wichtige Trägerschichten gefunden. Dieses Doppelbild der Entwicklung verweist auf das Nebeneinander von Einheitserfolgen und Scheitern, von Gewinnen und Verlusten, von Hoffnung und Enttäuschung, von Eingewöhnung und Entfremdung. Die Bilanz der Einheit ist nicht nur durchwachsen, sie ist auch durch und durch widersprüchlich. Selbst Individuen wirken oft innerlich gespalten, wenn man sie auffordert, ihre persönliche Situation zu schildern – manch einer entpuppt sich gar als frustrierter Zufriedener oder als glücklicher Enttäuschter.

Mein Rostocker Onkel mochte  schon 1990 das Gerede von „Ossis“ und Wessis“ nicht. Er freute sich über die Wiedervereinigung und kannte nur Deutsche. Offenbar hält sich die Spaltung Deutschlands länger als gedacht. Darum ist es bedauerlich, dass  die früheren kirchlichen Begegnungen zu „Partnergemeinden“ fast  überall aufgegeben wurden. Das beschreibt auch die Journalistin Sabine Rennefanz in der aktuellen „Emma“ mit ihrem Artikel „Hört uns doch endlich zu!“ Sie gibt die Stimmung der ostdeutschen „Nach-Wende-Generation“ recht gut wieder.

Kürzlich saß ich auf einem Podium bei der Heinrich-Böll-Stiftung, es ging um „abgehängte Orte“. Neben mir saß der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck. Ich erzählte von meiner alten Heimat Eisenhüttenstadt, eine Industriestadt, die seit 1990 mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat. Ich erzählte von Dörfern ohne Läden, ohne Arzt, ohne Busverbindung. Ich zitierte die Statistiken, die Einkommens- und Vermögensunterschiede, die fehlende Repräsentation von Ostdeutschen in Führungspositionen. Habeck antwortete, im Westen gebe es auch Probleme. Außerdem nerve ihn diese Ost-Nostalgie. „Wir müssen jetzt zusammen nach vorne schauen“, sagte er.

https://www.emma.de/artikel/hoert-zu-337153