Archiv für den Monat Januar 2020

Unverfügbarkeit

Dass der Theologe Rudolf Bultmann in den dreißiger Jahren den Begriff „Unverfügbar“  für den Menschen in die philosophische Diskussion eingebracht hat, wusste ich nicht. Herbert Seidler-Dehn beginnt damit seinen Impuls zum neuen Buch „Unverfügbarkeit“ des Soziologen Hartmut Rosa. Er löst damit eine engagierte Debatte in unserem Gesprächskreis der Stadtbibliothek Rottenburg aus.

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Uni Erfurt. Vor zwei Jahren hat er das Buch „Resonanz“ herausgebracht.. Mit dieser Theorie will er gesellschaftliche Phänomene erklären. Sein neues Buch über „Unverfügbarkeit“ liest sich wie ein Nachtrag.

Das Verfügbarmachen von Dingen sei ein Grundzug der modernen Gesellschaft: Der Versuch, Dinge wissenschaftlich verfügbar zu machen, etwas technisch beherrschbar zu machen und manipulieren zu können. Dies gelte auch für das einzelne Individuum, das auch den Drang verspüre, sich etwas ökonomisch verfügbar zu machen, sich etwas leisten können zu müssen: eine Reise, ein Auto. Wir legen es mit allen Mitteln darauf an, mehr und mehr Welt zur Verfügung zu haben.

Hineingeboren in die spätmoderne Gesellschaft sind die Menschen fixiert darauf, beherrschen zu wollen, abzuarbeiten und effizient zu erledigen, was getan werden muss. Nichts soll dem Zufall überlassen werden.

Der Versuch, der Dinge habhaft zu werden,  sei strukturell in moderne Gesellschaften eingelassen, weil sie sich nur durch Wachstum stabilisieren könnten. Dabei sei der Aspekt der Unverfügbarkeit essenziell dafür, dass Dinge überhaupt lebendig und interessant seien. Dies sei auch im sozialen Leben so: Wenn uns ein Mensch vollständig zur Verfügung steht, immer das tut, was wir wollen, dann höre er auf, ein sprechendes, resonantes Gegenüber zu sein.

Glück ist aber ein Moment des Nicht-Verfügens.

Rosa zitiert ein Interview mit dem Pianisten Igor Levit. Beethovens Mondscheinsonate, so hätte Levit berichtet, klinge erstaunlicherweise auch nach dem hundertsten Male immer noch anders. Levit habe das Gefühl, das Stück bliebe beim Spielen im Dialog, er arbeite sich immer wieder aufs Neue daran ab, etwas bliebe für ihn unverfügbar. Er hoffe, dass er niemals damit fertig werde. Dies, so Levit, bedeute für ihn Glück. Daran, so Rosa könne man sehen: Das letzte Moment des Nicht-Verfügens sei konstitutiv dafür, was wir als Glück und Resonanz erfahren.

Der Alltag sieht aber  anders aus. Rosa wörtlich: „Grundlogik ist die, die ich Steigerungslogik der Gesellschaft nenne. Wir leben da in einem System, das sich nur durch Steigerung erhalten kann. Wenn wir nicht jedes Jahr schneller, effizienter arbeiten und leben und auch mehr produzieren, besser produzieren, mehr konsumieren, mehr verteilen, können wir das, was wir haben, nicht erhalten. Unsere Arbeitsplätze, unsere Firmen, unseren Sozialstaat und so weiter. Weil diese Wettbewerbslogik eine globale ist, und die setzt sich um in unser Leben im Sinne von permanenten Optimierungszwängen, dass wir überall versuchen, fitter, besser, attraktiver zu sein. Und dann haben wir natürlich auch selbst Erwartungen ans Leben, die unsere To-do-Liste füllen.“

https://www.residenzverlag.com/autor/hartmut-rosa

Was  wir in diesem Kreis nicht  diskutiert haben, sind die Konsequenzen für Kirche und christlichen Glauben, obwohl eine Frau das Gebet ansprach. Ein Teil der Theologenschaft hechelt dieser Moderne hinterher: Die Kirche muss effizienter, ökonomischer, optimierter  werden. Die Folge ist oft nur ein „burn-out“ für die Mitarbeitenden. Die Alternative wäre eine Spiritualität, die sich nicht den Konsumzwängen unterwirft. Dazu notwendig die ökumenische Solidarität mit denen, die die Opfer der gegenwärtigen Weltunordnung sind. Die Kirche müsste eine „Gegen-Gesellschaft“ werden, was sie im Ursprung ja war.

Siehe  auch die Debatte: https://www.youtube.com/watch?v=4lAwdWchjz4

Ein Apostel lernt dazu

Als wir unseren Töchtern Namen aus der Apostelgeschichte (Apg.) gaben, fragten mich viele Leute einer Universitätsstadt, die einmal Religionsunterricht genossen hatten: „Was für eine Geschichte?“ Daran musste ich bei meiner Predigt über Apg.10, 21-35 wieder einmal denken. Im Gefängnis darf ich zu Menschen predigen, die keinerlei Voraussetzungen mitbringen, oftmals nicht einmal deutsch verstehen. Andererseits haben manche allerlei religiöse Verschwörungstheorien gelesen, die  insbesondere das Judentum betreffen. Anwesende Muslime spitzen bei diesem Stichwort besonders die Ohren.

Nun ist eine evangelische Predigt keine religionswissenschaftliche Vorlesung, sondern eine Ansprache, die Vertrauen in Gott und die Menschen hervorrufen und stärken sollte. Darum konzentriere ich mich auf den Schlusssatz, den ich für revolutionär halte.

34 »Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir ´erst richtig` klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! 35 Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.

In dem Bibelabschnitt wird ein antikes Judentum geschildert, in dem Petrus befangen ist. Das hat es damals gegeben. Man wollte mit „unreinen“ Ausländern nichts zu tun haben, schon gar nicht mit römischen Besatzungssoldaten. Die religiöse Exklusivität wurde durch die nationalistische noch verstärkt. Eine solche Haltung gibt es wohl in allen Religionen: Man zieht Grenzen zwischen denen drinnen und denen draußen. Nächstenliebe reicht dann gerade noch  für die eigene Gruppe.

Ich bin sehr dankbar, dass ich als junger Student zweimal für drei Monate in Israel studieren und arbeiten durfte, wo ich sehr offenen Juden begegnet bin. In einem Kibbutz-Dorf war ich zu Gast bei Menschen, die aus Deutschland dem Naziterror entkommen waren. Einige trugen noch die tätowierte KZ-Nummer auf dem Arm. Nicht ein einziges Mal habe ich als Deutscher irgendeine Ablehnung erfahren. Sie ermunterten mich sogar, in die benachbarten arabischen Dörfer zu wandern. (Wo ich als vermeintlicher Jude mit Steinen beworfen wurde.)

Ich frage mich, was wäre uns erspart geblieben, wenn die Kirche nicht auf Abschottung gesetzt und die Juden nicht ins Ghetto getrieben hätte. Wenn es damals schon Begegnungen und gegenseitiges Lernen gegeben hätte.

Der Apostel Petrus, also ein Botschafter des Evangeliums, lernt durch die Begegnung mit dem „heidnischen“ Hauptmann dazu. Gott macht keine Unterschiede zwischen den Menschen. Leider hat die Kirche diese Freiheit nicht lange bewahrt. Bald gab es die Theologie eines Cyprian (3. Jh.) mit dem Satz „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Wenn wir auch in der evangelischen Kirche ein solches Dogma nicht anerkennen, so ist doch zu beobachten, dass viele eine Grenze ziehen zwischen denen, die dazugehören und denen die draußen bleiben.

Mir scheint es eine wichtige Zukunftsaufgabe zu sein, Gott ohne Grenzen zu denken. Viele haben dabei Verlustängste, die sich etwa in der Frage äußert: „Was bleibt dann heute noch vom christlichen Glauben?“ oder die furchtsame Frage: „Was wird aus der Kirche?“  Ich denke, dass Glauben  und Kirche durch größere Offenheit nur gewinnen können.

Manchmal scheinen bestimmte Religionsformen eher hinderlich zu sein. Je strenger nach innen, desto abweisender nach außen. Die oben erwähnten Juden „meines“ Kibbutz waren eher säkular eingestellt. Ein in den dreißiger Jahren dem Naziterror entkommener Berliner meinte gar: „Dass ich Jude bin, haben mir erst die Nazis klar gemacht.“

Rettungsschiff der Kirche

„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Dieser Satz aus der Schlußpredigt des Dortmunder Kirchentags gellt mir noch in den Ohren. Offenbar hat er bei vielen Leuten Aktivitäten ausgelöst und bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Idee geboren, ein eigenes Rettungsschiff ins Mittelmeer zu senden. Ein Bündnis „United for Rescue“ (Vereint für Rettung) setzt nun diese Idee um.

Die württembergische Reformgruppe „Offene Kirche“ (OK)  ist dem Bündnis beigetreten und unterstützt damit das Projekt der EKD ein weiteres Rettungsschiff auszurüsten. Sie möchte dazu beitragen, dass die gesellschaftliche Mehrheit für Menschlichkeit wieder sichtbar wird. Politisch Verantwortliche in Europa werden aufgefordert, überzeugende Lösungen umzusetzen und Menschenleben zu schützen.

Darum war es eine gute Idee, den Sprecher dieses Bündnisses, Pastor Joachim Lenz, zum Jahresempfang der Tübinger OK-Gruppe am 24. Januar einzuladen. Er berichtete aus erster Hand über den Stand der Planungen und  die teilnehmenden Organisationen, aber auch über Widerstand konservativer und rassistischer Kreise.

Entgegen manchen Kritikern war  immer klar, dass die Kirche  das Schiff nicht selbst betreiben wird. Sie hat mit „Sea Watch“ einen erfahrenen Partner gefunden. Das Bündnis ist natürlich offen für  weitere Organisationen. Aber zunächst ist es wichtig, dass möglichst viele Gemeinden und Kirchen sich finanziell beteiligen. Darum wird unter #wirschickeneinschiff zu Spenden aufgerufen. Kirchensteuern gehen von der EKD nur in den Aufbau des Bündnisses United4Rescue, nicht aber unmittelbar in das Schiff.

Aktuell soll das ehemalige Forschungsschiff „Poseidon“ ersteigert werden, das auf 1 Million Euro geschätzt wird. Dann kommen Kosten für Umbau und Unterhalt hinzu. Auch die Crew muss bezahlt werden.

Es kommt also darauf an, möglichst viele Unterstützer zu finden. Vielleicht kann man auch Evangelikale und Katholiken „ins Boot holen“. Schließlich hat der Vatikan seit 1951 ein eigenes Schiffsregister. Papst  Franziskus predigt in dieser Frage seit  einiger Zeit sehr ähnlich wie der Ratsvorsitzende der EKD Bischof Heinrich Bedford-Strohm.

https://www.united4rescue.com/

Dass noch  viele Fragen zu  klären  sind, zeigte die engagierte Diskussion. Mir scheint, dass die „Offene Kirche“ durch die letzte Kirchenwahl frischen Schwung bekommen hat. Jedenfalls arbeitet man sich  nicht mehr an konservativen Positionen des Pietismus ab, sondern bringt neue Ideen voran. Darum ist es sehr erfreulich, dass viele junge Leute zu dem (erstmaligen) Empfang gekommen waren, der vom neuen Sprecher Martin Ulrich Merkle humorvoll moderiert und mit einer fröhlichen Gesangseinlage eingeleitet wurde.

Märtyrer

Ich bereite meine Sonntagspredigt für die JVA Rottenburg vor. Es  geht um „Petrus und Kornelius“ nach der Apostelgeschichte (10,21-35). Vermutlich ist Petrus nur wenigen Gefangenen ein Begriff. Ich schreibe:

„Petrus, übersetzt: „der Felsen“, lernen wir zunächst als einfachen Fischer Simon kennen. Er gehört zu den ersten Jüngern Jesu, also Leuten, die als Schüler dem Wanderrabbiner Jesus nachfolgen und von ihm lernen. Er ist also ein Mann aus dem Volk, der keinesfalls als besonders großartig beschrieben wird. Er hat oft Angst, zweifelt an der Bedeutung Jesu und verrät ihn sogar an die Häscher, die Jesus verhaften. Dieser ehemalige Verräter wird zu einem der größten Apostel, der schließlich in Rom für Jesus als Märtyrer stirbt. Die griechisch sprechenden ersten Christen haben den Begriff Märtyrer (wörtlich: Glaubenszeuge) geschaffen. Es ist keiner, der andere in den Tod bombt, sondern jemand, der lieber für seinen christlichen Glauben stirbt als diesen zu verleugnen und seinen Herrn zu verraten.“

Kaum habe ich u.a, dies geschrieben, stört mich eine eMail und bringt meine ganze Predigtidee durcheinander:

„Boko Haram schlägt wieder zu! Diese islamistische Terrorgruppe ist längst nicht besiegt, wie Regierung, Militärs und Polizei glauben machen wollen. Längst sind in unseren Medien die Nachrichten darüber verebbt, weil es leider ja auch viel zu viele andere Konflikt- und Kriegsgebiete gibt. Dennoch sehe ich mich als einer, der sieben Jahre in der Gemeinschaft mit den Christen in Nordost-Nigeria eine gute Zeit erlebt hat, gedrängt, auch hier auf die anhaltende Notlage hinzuweisen: Im Dezember 2019 wurden 4 Gefangene der Hilfsorganisation „Action against Hunger“ ermordet. Am Heiligen Abend 2019 wurden 11 gefangene Christen im Borno State von Boko Haram enthauptet. Bei einem Überfall am 3. Januar 2020 auf die Stadt Michika (nur ca. 60km von der Kirchenleitung der „Kirche der Geschwister“ entfernt) wurde der Distriktpfarrer ( Dekan) Lawan Andimi entführt und am nächsten Tag in einem Video als Gefangener von Boko Haram vorgeführt. In dem Video bittet er um Hilfe und zeigt sich erstaunlich gefasst und glaubensstark. (https://www.youtube.com/watch?v=soGoDzvJ868)

Lawan Andimi ist Pfarrer der „Kirche der Geschwister“, in der wir Mitarbeiter waren. Er ist verheiratet und Vater von acht Kindern. Zugleich war er der Vorsitzende der „Christlichen Kirchen in Nigeria“ in der Michika Region. 

In dem Video sagte er unter anderem: „Ich glaube, dass Gott lebt. .. Ich bin nie entmutigt worden, denn alle Umstände, in denen man sich wiederfindet, liegen in Gottes Händen. …. Durch Gottes Gnade werde ich mit meiner Frau, meinen Kindern und meinen Kollegen zusammen sein. Wenn ich diese Gelegenheit nicht bekomme, ist es vielleicht der Wille Gottes. Ich möchte, dass alle Menschen, ob nah oder fern, Kollegen und andere, Geduld haben. Weint nicht, macht euch keine Sorgen, aber dankt Gott für alles.“

Jetzt haben sie Lawan Andimi am Montag 20. Januar 2020 enthauptet. Boko Haram hatte wohl finanzielle Forderungen erhoben, die leider nicht in voller Höhe erfüllt werden konnten. Die Sorgen und Ängste in der Gegend sind jetzt enorm gestiegen, zumal von Boko Haram immer wieder neue Attacken gestartet werden, so auch in Chibok, wo ja schon 2014 die „Chibok Girls“ entführt worden waren – und von denen immer noch um die 100 in der Gewalt von Boko Haram gefangen sind – und in Yirmishika, wo wir schon damals eine der Kursgruppen unserer theologischen Fernkursausbildung hatten.

Nach dem Tod von Rev. Lawan ist der Aufschrei der Christen in Nigeria groß. Die Regierenden, allen voran der Präsident Mohammadu Buhari, würden in der Öffentlichkeit zwar ständig Versprechen abgeben, aber nichts veranlassen, die eigene Bevölkerung vor diesen Terrorgruppen zu beschützen, geschweige denn sie konsequent zu bekämpfen. Der Vorsitzende der „Christlichen Kirchen in ganz Nigeria“ (CAN Christian Association of Nigeria) erhob nach dem brutalen Mord schwerste Vorwürfe gegen die eigene Regierung. Sie sei wohl nicht in der Lage, die eigene Bevölkerung zu schützen und bat ausländische Regierungen u.a. auch Deutschland Einfluss auf die nigerianische Regierung zu nehmen. Das zeigt, wie groß die Sorgen der Christen in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas sind.“

Kann ich das den JVA-Insassen zumuten? Ich fühle mich ja selbst als Gefangener.

Trans – und Posthumanismus

Die Evangelische Akademikerschaft lockt mich in die Tübinger  Universität, wo sie ein Symposium abhält zu den Menschenbildern des Trans- und Posthumanismus. Die Tübinger Uni hat mit einem „Cyber Valley“ für Künstliche Intelligenz (KI) ein Zentrum aufgebaut, das nicht zuletzt durch die Beteiligung der Firma „Amazon“ von vielen kritisch betrachtet  wird. Als Vertreterin dieser Forschung kommt bei der Podiumsdiskussion die Physikerin Dr. Gabriele Schweikert zu Wort. Ihr Schwerpunkt: „Entwicklung und Anwendung neuer Techniken des maschinellen Lernens für die Genosequenz-Analyse.“ Sie erweist sich als eine ziemlich selbstkritische Wissenschaftlerin, die alle Befürchtungen vor neuen „Frankensteins“ vergessen lässt.

Die anderen Vortragenden sind vor allem Ethiker, weshalb meine Erwartungen enttäuscht werden,  aus dem Munde von Protagonisten zu hören, was Trans- oder Posthumanismus“ denn sein soll. Ich lese: Transhumanismus ist eine Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, sei es intellektuell, physisch oder psychisch, durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Der Schwerpunkt der Transhumanismusbewegung ist die Anwendung neuer und künftiger Technologien. Dazu zählen unter anderem: Nanotechnologie, Biotechnologie mit Gentechnik, „Gehirn-Computer-Schnittstellen u.a. Ähnlich  ist der Posthumanismus, der eine Zukunft des Menschen beschreibt, dessen Fähigkeiten die eines heutigen Menschen weit übersteigen. Es wird diskutiert, ob der Transhumanismus eine Spezialform  des Posthumanismus sei. In dieser Diskussion wird plötzlich Friedrich Nietzsche mit seinem „Übermenschen“ zum Ahnherrn dieser Debatte, die anscheinend vor allem von Geisteswissenschaftlern geführt wird. Das passt mir gut, da ich doch in den letzten Wochen als Vorbereitung für einen Gespärchskreis mal wieder ausführlich Nietzsche gelesen habe.

So verstehe ich,  warum man den Tübinger Philosophen Otfried Höffe um den Hauptvortrag gebeten hat. Professor Höffe sitzt in diversen Ethik-Kommissionen und führt uns von Aristoteles über Goethes Zauberlehrling bis Fukuyama eine breite philosophische Debatte vor. Natürlich bejaht er den Satz „Die Wissenschaft muss dem Menschen dienen“ und befürwortet bei aller Forschungsfreiheit eine strikte Kontrolle bei der Anwendung dieser Forschungen. Dass man beides nicht immer deutlich trennen kann, zeigt der jüngste Fall des Tübinger Hirnforschers Nikos Logothetis, dem man in Schanghai einen eigenen Forschungscampus einrichtet. Mit Logothetis verlassen auch etliche Mitarbeiter das Institut für biologische Kybernetik. Grund für den Exodus seien die Angriffe von Tierschützern und die mangelnde Unterstützung durch die Max Planck-Gesellschaft. Logothetis war wegen seiner Affenversuche heftig attackiert worden.

Immer wieder wurde als Korrektiv das „jüdisch-christliche Menschenbild“ beschworen, das ja auch von Politikern gern zitiert wird. Unklar bleibt meistens, was genau damit gemeint ist. Schon im Neuen Testament allein finde ich sehr verschiedene Menschenbilder. Ob die Theologie viel helfen kann, mag man bezweifeln. Immerhin meinte der Dekan  der Evangelischen Fakultät, der Kirchenhistoriker Volker Leppin, dass seine Zunft „eine große Erfahrung mit Irrtümern“ hat.

Die Hochschulpfarrerin Inge Kirsner wies noch auf die ideologiekritische Funktion des Comic-Helden „Superman“ hin, den die beiden amerikanischen Teenager Jerry Siegel und Joe Shuster in den frühen Dreißigerjahren als einen mit außerordentlichen Kräften versehenen Helden erfunden haben. Doch das Wort superman existierte damals in der englischen Sprache schon viel länger – als Übersetzung für Übermensch, das Nietzsche 1893 in „Also sprach Zarathustra“ für sein Ideal eines künftigen Menschen, der christliche Moralvorstellungen transzendiert, geprägt hatte. Kirsner meinte, dass die Figur nicht zuletzt gegen die Nazi-Adaption des „Übermenschen“ eingesetzt wurde.

Dalís Biblia Sacra in Rottenburg

Als Vikar musste ich 1976 einen Hausbesuch machen,, um mich für eine außergewöhnliche Spende zu bedanken. Es war die Mutter des bekannten Kunsthistorikers Götz Adriani, der damals die Tübinger Kunsthalle leitete. Er kam zufällig später dazu und war offenkundig nicht sehr begeistert von der Aktion seiner Mutter. Wir kamen ins Gespräch über moderne Kunst. Er meinte, eine christliche Kunst könne es nicht mehr geben, allenfalls Kunstgewerbe. Ich wunderte mich etwas, weil ich doch jahrelang in meiner Studentenbude einen Kunstdruck von Dalís Kreuzigung hängen hatte. 1951 löste  das Bild „Der Christus des heiligen Johannes vom Kreuz“ hitzige Debatten aus. Den einen war es zu fromm, andere fühlten sich verletzt. Der athletische Christus wird aus der Vogelperspektive gezeigt, sozusagen in der Luft schwebend mit Blick auf  die erlösungsbedürftige Erde.

Damals kannte ich noch nicht Dalís „Biblia Sacra“, die er 1963-1965 als eine großangelegte Bibelillustration geschaffen hatte. Die 1797 Prachtbibeln sind unerschwinglich und nirgends ausgestellt. Aber die 105 Erstdrucke der ursprünglichen Aquarelle sind jetzt im Diözesanmuseum Rottenburg zu sehen. Sie sind sogar den Bibelausgaben überlegen, da sie dort oft unangemessen beschnitten wurden. Neben Chagalls Bildern zur Bibel handelt es sich wohl um die wichtigste Bibelillustration des 20. Jahrhunderts. Es wäre wünschenswert, wenn irgendeine Bibelgesellschaft eine bezahlbare und vollständige  Ausgabe herausgeben könnte. Ich denke, Götz Adriani war damals ideologisch voreingenommen.

Allerdings habe ich die Feinheiten der Bilder erst mit dem (leider inzwischen vergriffenen) Katalog verstanden. Der Bamberger Kunsthistoriker und Theologe Dr. Matthias Scherbaum hat  alle Drucke ausführlich behandelt. Da erst versteht man die außergewöhnliche Bildung Dalís, der sich  offenbar nicht zum ersten Mal ausführlich mit der christlichen Tradition auseinandergesetzt hat. Obendrein zitiert er immer wieder Elemente der christlichen und allgemeinen Kunstgeschichte. Nur im Vergleich mit den entsprechenden Bibeltexten kann man die Mehrdeutigkeit seiner Bilder verstehen. Darum ist “Illustration“ eigentlich falsch. Es sind eigenständige Interpretationen und Weiterführungen.

Man muss schon die christliche Dogmengeschichte kennen, um zu begreife, wie er Monotheismus oder die Trinität malerisch umsetzt.

Salvador Dalí (1904–1989) gilt heute als wichtigster Künstler des Surrealismus. Er brach aber bereits 1948 mit der Gruppe der Surrealisten, bekannte sich zum Katholizismus und gestaltete zunehmend Werke mit religiösem Inhalt.

Müßig finde ich die Frage, ob Dalí sich nach seiner surrealistischen Phase wirklich zum Katholizismus bekehrt habe. Wer will das beantworten, da er doch das Spiel mit verschiedenen Identitäten liebte.

Im Einladungsprospekt heißt es: „Die Illustrationen zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung Dalís mit den biblischen Texten. Sie bilden eine völlig eigenständige Bibelauslegung. Neben surrealistisch inspirierten Bildnissen wichtiger biblischer Personen, illustrierte Dalí vor allem die Erzählungen des Alten und Neuen Testaments. Manchmal arbeitete Dalí sich an kleinsten Details im Text ab, dann wieder ging er völlig frei mit der Bibel um und komponierte aus mehreren Textvorlagen ein Bild.

Dalí hatte bei der Darstellung einzelner Erzählungen, ähnlich wie mittelalterliche Künstler, immer die gesamte Heilsgeschichte im Blick: Er interpretierte das Alte Testament als Vorausdeutung auf das Neue Testament, die Geburt Jesu im Hinblick auf sein Leiden, das Kreuzesgeschehen im Wissen um die Auferstehung. Durch spezifische Farben oder Perspektiven verband Dalí Perikopen, etwa die alttestamentlichen Schöpfungserzählungen mit den Auferstehungs- und Neuschöpfungsberichten aus dem Neuen Testament. Den Tod Jesu stellte der Künstler als Transformation einer blutroten Wunde dar. Dalí zeigte anhand der biblischen Szenen aber auch menschliche Grunderfahrungen – Wut, Trauer, Schmerz genauso wie Hoffnung, Liebe und Geborgenheit. Ihm gelang es, christliche Verheißungen in ihrer ganzen Tiefe darzustellen: Auf den Mensch als leib-seelisches Wesen oder die Auferstehung nach dem Tod kann man bei Salvador Dalí einen ganz neuen Blick gewinnen.“

Die Ausstellung wurde bis zum 16. Februar 2020 verlängert.

https://dioezesanmuseum-rottenburg.de/06-10-2019-12-01-2020-biblia-sacra/