Archiv für den Monat Juni 2018

Ökumene der Toten

Seit einigen Jahren arbeitet in Bern recht erfolgreich das „Haus der Religionen“. In unzähligen Veranstaltungen und Begegnungen wird nicht nur der „interreligiöse Dialog“ gepflegt, sondern das interreligiöse Zusammenleben. http://www.haus-der-religionen.ch.

Inzwischen hat man entdeckt, dass nicht nur viele Angehörige verschiedener Religionen in der Stadt leben, sondern immer mehr dort auch sterben. Also muss man sich um eine neue Bestattungskultur kümmern. „Dazu sind oft langwierige Verhandlungen mit den sehr unterschiedlichen Gruppen nötig“, meint Albert Rieger, den ich besuche. Er setzt sich seit langem für konkrete und praktikable Lösungen ein.

Jüngst wurde nun auf dem zentralen Friedhof „Bremgarten“ ein Grabfeld für Buddhisten eingerichtet. Für das neue Grabfeld für Buddhisten aller Nationalitäten und buddhistischen Richtungen hat die Stadt Bern  einen geeigneten Ort gefunden: Es handelt sich um einen derzeit nicht belegten Bereich im Westen des Areals. Dort steht ein großer Silberahorn, dessen Erscheinungsbild an den im Buddhismus wichtigen Bodhi-Baum erinnert. Als Bodhi-Baum wird die in Asien heimische Pappelfeige (Ficus religiosa) bezeichnet, unter der Buddha nach tagelanger Meditation erleuchtet wurde. In diesem Grabfeld sind zwei Urnenthemengräber in Form von Lotus-Blüten angelegt. In jeder Lotus-Blüte werden 30 Grabsockel für Blumenschmuck und Kerzen sowie schmale Aluplatten mit den eingravierten Namen gesetzt.

Als die Stadt Bern vor 17 Jahren die  erste Abteilung mit mus­limischen Gräbern eröffnete, wurde dies kontrovers diskutiert – heute sind Grabstätten für Muslime vielenorts selbstverständlich. Gewisse  Kompromisse sind nötig. So dürfen Muslime in Bern nicht bloß mit einem Leintuch verhüllt bestattet werden, wie es ihre Religion eigentlich vorgibt. Sie werden dafür in leichten Särgen bestattet – ein Modell, das heute bei Sargbestattungen fast schon Standard ist. Die Ausrichtung nach Mekka ist  für die Friedhofsgärtner kein Problem. Ihnen kommt zugute, dass auch Einheimische sich immer öfter kremieren lassen, sodass wieder mehr Platz auf dem Friedhof ist. Traditionell sind muslimische Gräber recht schmucklos. Doch da passen sich viele muslimische Angehörige an: Es kommen auch dort immer mehr Blumen und Kerzen auf das Grab. Es gibt sowieso viele säkulare Muslime, die die Vorschriften ihrer Religion nicht beachten und wie alle andern beerdigt werden..

Im nördlichen Teil des Friedhofs wird zudem in Abstimmung mit dem Schweizerischen Verband der hinduistischen Religionen ein Raum  für Hindus geschaffen. So kann auch den Angehörigen dieser Weltreligion ein angemessener Ort für ihre Rituale angeboten werden. Sie wollen allerdings die Asche ihrer Glaubensgenossen wenn schon nicht in den Ganges, dann doch in einen Fluss geben. Da stehen noch Wasserschutzrechte dagegen.

Auf dem auch sonst interessanten Friedhof liegen viele Prominente. Das Grab von Michail Alexandrowitsch Bakunin ist eines der meistbesuchten auf dem Bremgartenfriedhof. Anhänger aus der ganzen Welt erweisen dem «Vater des Anarchismus» die Ehre. Man erzählt sich, dass früher hinter dem Grabstein eine Wodkaflasche bereitstand, zur Stärkung der Besucherinnen und Besucher.

Für Juden gibt es schon länger einen eigenen Friedhof. Ich wusste nicht, dass der Philosoph  Max Horkheimer dort begraben ist. Bereits 1957 hatte Horkheimer sich in der Schweiz niedergelassen.  Er äußerte den Wunsch, zusammen mit seiner Frau in Bern  auf dem jüdischen Friedhof begraben zu werden, wo sich bereits die Gräber seiner im Schweizer Exil gestorbenen Eltern befanden.

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