Archiv für den Monat November 2016

Weihnachten in China

Nicht der Weihnachtsmarkt zog uns nach Stuttgart, sondern der „Arbeitskreis Ostasien“ der Württembergischen Arbeitsgemeinschaft für Weltmission. Mich interessieren Berichte aus China. Man könnte fast die junge Generation – „ich heiße Lisa!“ – beneiden, die gleich nach dem Abitur in einem chinesischen Gymnasium englisch unterrichten darf. Genau!
Bilder aus Nordchina finden meine besondere Aufmerksamkeit. Aber wirklich überrascht bin ich von einem Arzt, der fünfzehn Jahre in China gearbeitet hat. „Mission“ ist für ihn kein Schimpfwort. Seine eher evangelikale Theologie gestehe ich einem „Laien“ zu, aber ungemein beeindruckt bin ich von seiner Lebensweise. Er erzählt:
Eine christliche Familie als Fachkraft in China. Mission ist nicht erlaubt. Wie also Weihnachten feiern und von Jesus reden, der mir so wichtig ist?
Es klopfte an der Tür. Dreimal. Wer mochte das sein? Die Polizei? Es war Heilig Abend und wir hatten Bauernfamilien aus den Bergen eingeladen. War das verboten?
Wir lebten als christliche Fachkräfte in einer „creative access nation“, d.h. einem Land, das keine Missionare erlaubt, doch offen ist für Christen, die sich in ihrem Beruf einbringen.
Wie also von dem reden, was uns so wertvoll ist? Das braucht Phantasie, Kreativität und Liebe. Die Weihnachtszeit eignet sich dafür besonders gut, denn alle Kulturen feiern gerne Feste. „Wie feiert ihr eigentlich Weihnachten?“
Schon an den Adventswochenenden kamen die Klassenkameraden unserer Kinder zum Basteln und Backen, Singen und Spielen. So wuchs die Neugier auf die große Feier. Die war so beliebt, dass wir das Wohnzimmer leer räumen und Tickets ausgeben mussten, damit man sich vor lauter kleinen und großen Gästen überhaupt noch bewegen konnte.
Die Weihnachtsgeschichte wurde gespielt. Die Kinder sangen Stille Nacht für ihre Mütter in Englisch und Chinesisch und verschenkten selbst gebackene Weihnachtsplätzchen. Auf die Frage „Was feiern wir heute?“ kam es wie aus einem Mund: „Jesu Geburtstag.“ Und dann wurde „Happy birthday to you“ angestimmt.
Nein, nicht die Polizei hatte angeklopft, sondern drei neugierige Ärzte. “Kommt rein!“ – „Heute haben wir zum ersten Mal die Bedeutung von Weihnachten gehört,“ verabschiedeten sie sich später.
Weihnachten ist nur einmal im Jahr. Die restlichen elf Monate gilt Jesu Rat: „Lasst Euer Licht leuchten vor den Menschen, so dass sie eure guten Taten sehen und den Vater im Himmel preisen.“ (Mt. 5,16)“
Der Arzt findet: „Dein Leben ist die Botschaft“. Er kennt nicht Richard Wilhelm, sondern zitiert  Hudson Taylor http://www.christian-history.org/hudson-taylor.html.
„Dein Leben ist die Botschaft“ finde ich eine steile These, die zur Überforderung führen kann. Andererseits kenne ich in meiner Zunft genügend „Berufschristen“, denen man keinerlei Berufung mehr anmerkt. Und sein Vortrag imponiert mir mehr als die Papiere und Schriften, die an dem Tag auch noch besprochen werden.
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Hilfe für Yesiden

In einer frühen Zeit meiner interreligiösen Arbeit zog der konvertierte Botschafter a.D. Wilfried Murad Hofmann durch die Akademien mit der Parole „Der Islam ist die Lösung“. Ich schaue beim Frauenfilmfestival von „Terre des Femmes“ den Dokumentarfilm „Hawar“ und denke, für die Yesiden wäre der Islam in der Gestalt des IS beinahe die „Endlösung“ geworden.

HÁWAR (kurdisch: Hilfe) erzählt von der Reise der Yezidin Düzen Tekkal und ihrem Vater Seyhmus zurück zu ihren Wurzeln. Schon als sie ihr Heimatland verließen, sah die religiöse Minderheit der Yesiden, sich islamischen Anfeindungen in der Türkei ausgesetzt.  Die Journalistin, die mit ihrer Familie ein glückliches Leben in Deutschland führt, reist zum zum ersten Mal zum Ursprung ihres Glaubens, in die yezidischen Siedlungsgebiete in den Nordirak. Sie wollen die Wurzeln des yesidischen Glaubens im Irak an den Pilgerstätten erkunden. Im August 2014, als Vater und Tochter aufbrechen, landen sie mitten in einem Krieg. Denn obwohl sie ihre Reise in Zeiten des Friedens antreten wollten, hatte sich alles verändert.

Am 3. August 2014 fallen IS-Terroristen nachts in der yesidischen Stadt Shingal ein. Ganze Familien werden aus dem Schlaf gerissen und hingerichtet, innerhalb weniger Minuten werden aus Kindern Vollwaisen. Obwohl in Shingal jahrelang Yesiden mit Moslems friedlich Tür an Tür gelebt haben, macht der IS aus Nachbarn plötzlich Verräter und Mörder. Hunderte Flüchtlinge suchen in den Bergen Schutz, doch : „Wir verhungern, wir verdursten. Unsere Kinder vertrocknen. Wir mussten unsere eigenen Kinder unterwegs liegen lassen.“ Yezide im Sindschar Gebirge.

Aus der ursprünglich geplanten Reise  wird für Düzen Tekkal ein Einsatz als Kriegsberichterstatterin. Ein Krieg, der keinen kalt lassen kann. Wo die Terrormiliz des islamischen Staats unfassbare Gräueltaten verübt.

Die Bilder und Propaganda-Videos der Täter kennt die ganze Welt. Dieser Dokumentarfilm zeigt die andere Seite, die noch nicht erzählt wurde: Der Genozid an den Yeziden. Es sind Schicksale von Vätern, Müttern und Kindern, die Schreckliches erlebt haben und immer noch erleben. Sie haben die Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Ihrem Glauben bleiben sie treu, denn das ist alles was sie noch haben – bis zu ihrem Tod.

HÁWAR beweist, dass Völkermorde auch 100 Jahre nach dem Genozid an den Armeniern  grausame Realität sind, während die Welt lieber Fußball schaut.

Im Anschluss sprechen Michael Blume vom Staatsministerium, der maßgeblich die Rettung yesidischer Frauen und Kinder organisiert und in einem „Sonderkontingent“ nach Württemberg gebracht hat und Farida Khalaf, die den Terror überlebt hat. Sie kann schon auf deutsch frei sprechen und hat bereits (mit Hilfe durch Andrea Hoffmann) ein Buch geschrieben: „Das Mädchen, das den IS besiegte“ (Bastei Lübbe Verlag 2016)

Monatelang wurde Farida von IS-Schergen als Sklavin gehalten – und erlebt dabei Unvorstellbares. Ich wußte z.B. nicht, dass die Mädchen bis nach Damaskus über die Grenzen des IS hinaus verkauft werden. Was ist los mit Männern, die sich Sex auf diese Weise kaufen? Schließlich wagte sie  zusammen mit fünf anderen Mädchen die Flucht.

Ich empfinde einen Riesenunterschied, ob ich in der Tagesschau ein paar Szenen sehe, die ich bald wieder vergesse oder hundert Minuten mich vor großer Leinwand dem Geschehen aussetze als wäre ich dabei.

Gern würde man einen weiteren Film sehen, wie die yesidischen Frauen in Deutschland mit ihren Traumata umgehen, wie sie Deutschland erleben. Es ist z. B. bekannt, dass Yesiden intern strengen Geschlechterregeln folgen. Können sie diese durchhalten oder löst sich die Gemeinschaft auf? Können solche tapferen Frauen Veränderungen daheim durchsetzen? Was geschieht, wenn sie einen nicht-yesidischen Partner wählen?

Das Festival wird übrigens finanziell von der Evangelischen Kirche (Evangelisches Zentrum für Entwicklungsbezogene Filmarbeit, Brot für die Welt-Evangelischer Entwicklungsdienst) unterstützt. Dass aber die örtlichen Kirchengemeinden sich angesprochen fühlen, kann man nicht behaupten.

Kirchenparlament

Mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Vergnügen gehe ich zur Mitgliederversammlung der “Offenen Kirche” unseres Kirchenbezirks. Die Rechenschafsberichte und Wahlen müssen halt sein. Im durchaus überschaubaren Kreis kann man gut mit unserem tüchtigen Synodalen, einem Arzt mit internationaler Erfahrung,  diskutieren. Allerdings will er bei der nächsten Wahl nicht wieder antreten. Ein Kandidat ist nicht in Sicht. Die neue Ausgabe der OK-Informationen „anstöße“, an der ich mitgearbeitet habe, wird kommentarlos verteilt.

https://www.offene-kirche.de/fileadmin/userfiles/OK-Zeitschriften/anstoesse_3_2016.pdf

 Die Landessynode ist die gesetzgebende Versammlung der Kirchenleitung. Sie wird alle sechs Jahre direkt von den Gemeindegliedern gewählt. Insgesamt hat die Landessynode derzeit 98 Mitglieder. Derzeit tagt sie gerade in Stuttgart.

Landesbischof Frank Otfried July hat den aktuellen Stand der „Strategischen Planung“ vorgestellt. Fünf Ziele verfolgt die Evangelische Landeskirche in Württemberg im kommenden Jahr besonders: Erstes Jahresziel:  die Landeskirche in der gesamtgesellschaftlichen Wertediskussion präsent halten. Zweites Jahresziel:  Ehe und Familien stärken. „Die Landeskirche möchte dafür einstehen, dass Familie in allen gelebten Formen zu ihr gehört und willkommen ist“. Drittes Jahresziel: Digitalisierung gestalten. Viertes Jahresziel: das Personalwesen im Oberkirchenrat zu verbessern. Fünftes Jahresziel : eine zukunftsfähige Weiterentwicklung des Kommunikationskonzeptes für die Landeskirche.

Na ja, wir werden sehen, was konkret umgesetzt wird.

Prof. Dr. Martin Plümicke von der Offenen Kirche kritisierte die strategische „Reduktion auf das Kerngeschäft“, die mit einer Fokussierung auf die Kerngemeinde einhergehe. Die Folgen: der Mitgliederschwund an den Rändern schreite fort. „Alle Kirchenmitglieder sind unser Kerngeschäft!“, betonte er. Die Offene Kirche wünsche sich einen Kulturwandel und die Stärkung dezentraler Selbstverantwortung.

Etwas bedeutender finde ich die Diskussion zur Weltverantwortung:

Die Landeskirche unterstützt in der Stadt Homs derzeit eine Schule, in der christliche, alevitische und muslimische Kinder zusammen unterrichtet werden. Im Libanon fördert die Landeskirche neben der Not- und Katastrophenhilfe für alle Menschen mit den von der Synode bewilligten Geldern auch Projekte, die Christen zugute kommen. Endlich werden auch die eingewanderten Christen ernst genommen. 71 Gemeinden verschiedener Migranten gehören mittlerweile zur Landeskirche. „Obwohl der gemeinsame Glauben verbindet, erleben sie nicht selten Irritationen, Unverständnis bis hin zur Ablehnung“. In der Flüchtlinsarbeit können sie wichtige Brückenbauer sein.

http://www.elk-wue.de/wir/landessynode/sitzungen-der-landessynode/herbsttagung-2016/

Antimilitarismus

Wenn man in verschiedene Szenen unserer Stadt geht, könnte man sich schizophren fühlen. Die einen feiern in den Kirchen den Ewigkeitssonntag mit Totengedenken, die andern wie die Freunde der „Informationsstelle Militarisierung“ (IMI) diskutieren Fragen des Anti-Militarismus.  Ich finde deren Analysen hilfreich. vgl. http://www.imi-online.de
Am Wochenende fand im ehrwürdigen evangelischen Schlatterhaus der IMI-Kongress „Kein Frieden mit der Europäischen Union“ statt. Teilweise wurden die Vorträge sogar im Lokalradio „Wüste Welle“ übertragen.  Natürlich beherrschte vor allem die USA-wahl die Diskussionen. Jürgen Wagner meint u.a.:„Unterstellt man dabei, dass Trump sich im Großen und Ganzen an den Positionen orientieren wird, die er in seinen wenigen Grundsatzreden formulierte, so finden sich darin positive Ankündigungen, beispielsweise ein entspannteres Verhältnis zu Russland anzustreben, die aber fast im selben Atemzug von Aussagen konterkariert werden, wie etwa eine massive Aufrüstung des US-Militärs einleiten zu wollen. Es könnte durchaus  möglich sein, dass er die Außen- und Militärpolitik im Wesentlichen an sein Kabinett delegieren wird. Eines zeichnet sich allerdings bereits jetzt schon ab: Die Wahl Donald Trumps soll als Katalysator für die intensivierte Militarisierung der Europäischen Union genutzt werden. Egal welcher Politiker zu den Konsequenzen der Wahl befragt wurde, sie alle waren sich einig in der Schlussfolgerung, die EU habe nun überhaupt keine andere Möglichkeit, als mit einem großen Militarisierungssprung nach vorn zu reagieren.
Abgesehen von Westentaschenäußerungen gab es nicht allzu viele Anlässe, bei denen Trump systematisch und vorbereitet seine Position zu außenpolitischen Fragen formuliert hätte. Insofern lohnt sich ein genauerer Blick auf die seltenen Reden zu werfen, in denen er genau dies getan hat, unter anderem bei einem Auftritt vor der „Union League of Philadelphia“ im September 2016 und Ende April 2016 beim Nixon Center.
In seiner April-Rede bekannte er sich in aller Deutlichkeit zu dem Ziel, aus der aktuellen Eskalationsdynamik im Verhältnis zu Russland und China aussteigen zu wollen: „Wir wünschen uns, mit Russland und China in Frieden und Freundschaft zu leben. Wir haben ernste Differenzen mit diesen beiden Ländern […], aber wir müssen nicht gezwungenermaßen Feinde sein. Wir sollten Gemeinsamkeiten auf der Basis gemeinsamer Interessen suchen.“ Auf der anderen Seite schlug er in seiner Philadelphia-Rede vor allem gegenüber China, aber auch Russland etwas kritischere Töne an. Auch gilt sein designierter Vizepräsident, Mike Pence, der nach allgemeiner Einschätzung künftig über beträchtlichen Einfluss verfügen dürfte, als ausgewiesener Russland-Hardliner.
Begrüßenswert ist in jedem Fall Trumps scharfe Kritik an den verschiedenen Formen der US-Interventionen im Irak, in Libyen und in Syrien, die den Eindruck erweckt, er könnte gegenüber US-Militäreinsätzen eine deutlich skeptischere Haltung vertreten, als dies im Falle eines Wahlsieges von Hillary Clinton der Fall gewesen wäre. Auf der anderen Seite zeigen allein schon seine IS-Äußerungen, aber auch seine Rede beim Nixon Center, dass Trump alles andere als ein Pazifist ist: „Ich werde nicht zögern, das Militär einzusetzen, sollte es keine andere Alternative geben.“
Auch der in großen Teilen des US-Establishments nahezu pathologische Hass auf den Iran ist Teil der Trump-Agenda. Er geißelte die Einigung über das iranische Atomprogramm als „desaströse Vereinbarung“, womit er nahelegte, sie nach seinem Amtsantritt zur Disposition stellen zu wollen.
Es gehört zu den Eigenheiten nicht nur Trumps, sondern zahlreicher US-Politiker, einerseits die Gefahr einer iranischen Nuklearbewaffnung zu betonen, im gleichen Atemzug dann aber gegen die Atomvereinbarung zu wettern, die genau dies verhindern hilft.
Obwohl unter Barack Obama ein „Modernisierungsprogramm“ der US-Atomwaffen beschlossen wurde, das je nach Schätzung einen Umfang zwischen 355 Mrd. und 1.000 Mrd. Dollar haben wird, geht auch dies Trump augenscheinlich nicht weit genug: „Unserem Atomwaffenarsenal – unserem ultimativen Abschreckungsmittel – wurde es erlaubt zu verkümmern. Es benötigt dringend eine Auffrischung und Modernisierung.“ Schließlich ließ auch Trump – wie allerdings eigentlich jeder seiner Vorgänger – keine Zweifel aufkommen, die Überlegenheit des US-Militärs sicherstellen zu wollen, wie er etwa im April 2016 betonte: „Unsere militärische Überlegenheit muss außer Frage stehen.“ Genaue Aussagen zur künftigen Höhe eines Trump-Rüstungshaushaltes blieb der künftige US-Präsident zwar schuldig, da er sich aber stark an Vorschlägen des „National Defense Panel“ sowie der „Heritage Foundation“ orientierte, rechnet der US-Militärexperte William Hartung mit einem Anstieg der Ausgaben um 80 bis 90 Milliarden Dollar jährlich.
Eine Sache wurde Trump im Wahlkampf nicht müde zu betonen: Die schon von den Vorgängern immer wieder angemahnte „fairere“ Lastenteilung in Form höherer EU-Rüstungsausgaben und militärischer Kapazitäten müsse endlich umgesetzt werden. Dies dürfte von Trump tatsächlich in ungleich schärferer Form als bislang eingefordert werden und er betonte auch mehrfach, hiervon werde das weitere US-Engagement in der NATO abhängen. Auch wenn sich sonst die Begeisterung über Trumps Wahl in engen Grenzen hält, in diesem Punkt scheint ein gewisser Kollateralnutzen gesehen zu werden. Schließlich lässt sich der Bevölkerung nun unter Verweis auf Trump die mit der „Bratislava-Agenda“ ohnehin massiv ins Auge gefasste Militarisierung der Europäischen Union noch „besser“ als Sachzwang verkaufen. Jedenfalls war die Forderung nach einem EU-Rüstungsschub die am häufigsten gehörte Konsequenz, die laut führender Politiker nun aus der US-Wahl gezogen werden müsse. Noch am Wahlabend äußerte sich beispielsweise Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zur Notwendigkeit höherer Rüstungsausgaben: „Dieser Trend hat sich schon abgezeichnet vor der Wahl und es war uns auch immer völlig klar […], unabhängig davon, wie die Präsidentschaftswahl in den USA ausgehen wird: Europa muss sich darauf einstellen, dass es besser selber vorsorgt […], deshalb auch mein Vorstoß mit den französischen Kollegen, dass wir stärker in eine Europäische Sicherheits- und Verteidigungsunion investieren müssen.
Auch EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sekundierte: „Die Amerikaner, denen wir viel verdanken, […] die werden nicht auf Dauer für die Sicherheit der Europäer sorgen. […] Das müssen wir schon selbst tun. Deshalb brauchen wir einen neuen Anlauf in Sachen europäische Verteidigungsunion bis hin zu dem Ziel der Einrichtung einer europäischen Armee.“Am deutlichsten wurde die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherni: „In den kommenden Monaten und Jahren – man kann sogar sagen: in diesen Stunden – wird es eine zunehmende Nachfrage nach Europa geben von unseren Nachbarn uns unseren Partnern in der Welt. Die Forderung nach einem von Prinzipien geleiteten globalen ‚Sicherheits-Dienstleister‘ wird wachsen. Die Forderung nach einer Supermacht, die an mehrseitige Bündnisse und Zusammenarbeit glaubt.““
Schlechte Zeiten für eine christliche Friedensbewegung!

Geistige Freiheit

“Ich muss da an Donald Trump denken, wenn ich diese Zeilen höre”, meinte eine Teilnehmerin des Literaturkreises, in dem ich über Stefan Zweigs Buch „Castellio gegen Calvin“ spreche.

Das Zitat: „Die messianische Sehnsucht nach einer Entproblematisierung des Daseins bildet das eigentliche Ferment, das allen sozialen und religiösen Propheten die Wege ebnet: immer braucht nur , wenn die Ideale einer Generation ihr Feuer, ihre Farben verloren haben, ein suggestiver Mann aufzustehen und peremptorisch (vernichtend) zu erklären, er und nur er habe die neue Formel gefunden oder erfunden, und schon strömt das Vertrauen von Tausenden dem angeblichen Volkserlöser oder Welterlöser entgegen – immer erschafft eine neue Ideologie (und dies ist wohl ihr metaphysischer Sinn) zunächst einen neuen Idealismus auf Erden. Denn jeder, der Menschen einen neuen Wahn der Einheit und Reinheit schenkt, holt zunächst aus ihnen die heiligsten Kräfte heraus: ihren Opferwillen, ihre Begeisterung. Millionen sind wie in einer Bezauberung bereit, sich nehmen, befruchten, ja vergewaltigen zu lassen, und je mehr ein solcher Verkünder und Versprecher von ihnen fordert, desto mehr sind sie ihm verfallen. Was gestern noch ihre höchste Lust, ihre Freiheit gewesen, das werfen sie ihm zuliebe willig weg, um sich nur noch widerstandsloser führen zu lassen, und das alte taciteische „ruere in servitium“ (in Knechtschaft stürzen) erfüllt sich aber und abermals, dass in einem feurigen Rausch der Solidarität die Völker sich freiwillig in Knechtschaft stürzen und die Geißel noch rühmen, mit dem man sie schlägt.“

Stefan Zweig hatte in seinem Calvin-Bild 1935 natürlich Hitler und die Nazis vor Augen. Der französische Historiker Bernard Cottret (Biografie 1998) sieht ihn weit positiver. Aber das ist dichterische Freiheit, die offenkundig noch heute uns etwas zu sagen hat.

Für mich bewirkte dieser „Roman“ vor allem auch die Entdeckung des Humanisten Sebastian Castellio, dessen Werke noch immer nicht alle auf deutsch erschienen sind. Ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur der Name jemals in meinen kirchengeschichtlichen Studien gefallen ist. Es wäre eine Aufgabe des gegenwärtigen „Reformationsjubiläum“ einmal die vergessenen Reformatoren zu rehabilitieren.

Stefan Zweig schließt sein Werk, das er auf Empfehlung des Genfer reformierten Pfarrers Jean Schorer geschrieben hat,  leicht optimistisch, indem er die Zeitläufte mit dem Wechsel von Ebbe und Flut vergleicht:  „Wie nach jeder Flut müssen die Wasser sich verlaufen; alle Despotien veralten oder erkalten in kürzester Frist, alle Ideologien und ihre zeitlichen Siege enden mit ihrer Zeit: nur die Idee der geistigen Freiheit, Idee aller Ideen und darum keiner erliegend, hat ewige Wiederkehr, weil ewig wie der Geist. … Mit jedem neuen Menschen wird ein neues Gewissen geboren und immer wird eines sich besinnen seiner geistigen Pflicht, den alten Kampf aufzunehmen um die unveräußerlichen Rechte der Menschheit und der Menschlichkeit…“

Ich diskutiere übrigens gern in solchen nichtkirchlichen Kreisen. Die Fragen und Beiträge sind offener und schärfer als ein Pfarrer es in seinem kirchlichen Milieu gewohnt ist.

Buß- und Bettag

Am heutigen Buß- und Bettag wird in vielen evangelischen Gemeinden für den Frieden gebetet. In manchen wird darüber hinaus diskutiert, was Christen tun können. Insbesondere gegen Waffenexporte. Die vorliegenden Fakten sind schlimm: Wir erleben in Deutschland einen Anstieg der Rüstungsexporte um eine halbe Milliarde Euro. Nach Presseberichten hat die Bundesregierung im ersten Halbjahr 2016 die Ausfuhr von Waffen und Ausrüstung im Gesamtwert von 4,03 Milliarden Euro genehmigt – das sind über eine halbe Milliarde mehr als im Vorjahreszeitraum (3,5 Milliarden Euro).

Entgegen den Behauptungen, nicht in Krisengebiete zu exportieren, wird exakt das getan.

Algerien liegt auf Platz eins der wichtigsten Empfängerländer, gefolgt von den USA. Saudi-Arabien bleibt zwar auf Platz drei, der Gesamtwert der Lieferungen in den arabischen Staat ist allerdings von 179 Millionen auf etwa 484 Millionen Euro gestiegen. Auf Platz vier befindet sich nun Südkorea (letztes Jahr Platz zehn). Auch die Exporte in die Vereinigten Arabischen Emirate haben zugenommen. Das Land ist von Platz 13 auf Platz 7 aufgestiegen. Auffallend auch: In der Liste der wichtigsten Empfängerländer ist die Türkei seit Beginn der Flüchtlingskrise von Platz 25 auf Rang acht vorgerückt.

Viele christliche und säkulare Gruppen arbeiten dagegen. Sie wünschen sich Unterstützung durch die Kirche. Es heißt, die Landessynode Württemberg plane nächste Woche ein „Wort gegen Waffenexporte“. Ehrlich gesagt: Viel erwarte ich mir nicht davon. Es hat schon viele folgenlose Papiere gegeben. Vielleicht sollen sie nur den Schein erzeugen, es werde etwas getan. Etwa so:In unserer Landeskirche werden wir uns auf allen Ebenen intensiv mit friedensethischen Fragen beschäftigen.“ Eine Selbstverständlichkeit seit vielen Jahren!

Konkret bedeutet dies: Stärkung von Friedensbildung und Friedensarbeit.Wir stärken die Friedensbildung an den Schulen in unserem Land und in unseren Gemeinden. Wir unterstützen die Arbeit und Vernetzung der Friedensbeauftragten in den Kirchenbezirken und darüber hinaus.“

Frage: Die Schulen leisten einiges. Aber wie steht die Synode zum Einfluss der Bundeswehr in den Schulen? Wie werden „Friedensbeauftragte“ unterstützt? Werden Finanzen dafür eingesetzt? Wird das landeskirchliche Friedenspfarramt wieder auf 100% aufgestockt?

Initiierung eines Runden Tisches für Rüstungskonversion. Wir bringen einen Dialogprozess in Form eines Runden Tisches zum Thema Rüstungskonversion auf den Weg, an dem Unternehmer, Beschäftigte, Gewerkschaften, Friedensinitiativen und Kirchen teilnehmen.“

Und was sagt die Landeskirche in diesem Prozess, wenn sich Unternehmen weiter verweigern?

Anstoßen einer öffentlichen Diskussion über ein Exportverbot von Kleinwaffen. Wir stoßen eine öffentliche Diskussion über das Exportverbot von Kleinwaffen zu militärischen Zwecken an.“

Toll! Die Diskussion läuft doch längst, auch in vielen Gemeinden. Wie konfliktbereit ist die Kirchenleitung, wenn die Regierung sich widersetzt? Wenn es um Arbeitsplätze geht?

Die Friedensbotschaft des Evangeliums muss auch in politischen Entscheidungen bedacht und ernst genommen werden.“

Wie ernst?

Es ist ermutigend, dass sich auch in anderen Ländern Leute gegen
Waffenexporte einsetzen – beispielsweise am 10. November beim Aktionstag
gegen Waffenhändler in Brüssel oder beim Europäischen Netzwerk gegen
Rüstungshandel, ENAAT, das gegen die Förderung von Rüstungsforschung
durch die EU aktiv ist.

Nach der USA-Wahl

„Muss ein Theologe die US-Wahl kommentieren?“ Nein! „Darf er das?“ Ja! Ich bin wie viele Kommentatoren kein USA-Experte, aber auf einigen Reisen habe ich immerhin bemerkt, dass zwischen New York und Los Angeles Menschen leben, die sich von den Bewohnern dieser Metropolen sehr unterscheiden. Deswegen war die Wahl Trumps für mich keine Überraschung. (Zumal man ja das verfälschende Wahlsystem aus der Postkutschenzeit kennt.) Wochenlang habe ich mich über die journalistischen „Zeiträuber“ geärgert, die uns mit Spekulationen statt Fakten zuschütten. Auch jetzt können sie nicht abwarten, obwohl sie die künftige Politik natürlich nicht kennen.

Da lobe ich mir Tuvia Tenenboms „Großreportage“ über das selbsternannte „Land der Freien und die Heimat der Tapferen“. (Allein unter Amerikanern, Eine Entdeckungsreise. Suhrkamp Verlag Berlin 2016)

Schon seine Bücher über Israel und Deutschland sind bissig, witzig, aber oft entlarvend. Das Lachen bleibt einem öfter im Halse stecken.

Der Verlag wirbt: „Seit über drei Jahrzehnten lebt Tuvia Tenenbom in New York. Als er sich 2015 erstmals auf eine Reise quer durch die USA begab, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde: »Ich hätte nie gedacht, dass die Vereinigten Staaten so völlig anders sind, als ich immer angenommen hatte. Erst jetzt entdecke ich so nach und nach das wahre Amerika, Stück für Stück, Mensch für Mensch, Staat für Staat.«
Tenenbom reiste von Florida bis nach Alaska, von Alabama bis nach Hawaii, vom Deep South und Bible Belt bis an die Großen Seen und die Westküste, sprach mit Politikern und Predigern, mit Evangelikalen, Mormonen und Quäkern, mit Rednecks und Waffennarren, Kriminellen und Gefängnisinsassen, mit Indianern und Countrymusikern, Antisemiten und Zionisten, mit Obdachlosen und Superreichen und vielen, vielen mehr.
Die USA rühmen sich, »das Land der Freien und die Heimat der Tapferen« zu sein. Das wahre Amerika jedoch, so Tenenboms bestürzende Erkenntnis, ist weder frei noch tapfer, sondern ängstlich darauf bedacht, alle Freiheiten einzuschränken. Es ist in sich zutiefst gespalten, rassistisch und hasserfüllt. »Kann sich die Menschheit auf die USA verlassen? Ich würde es nicht tun.”

 Ein Beispiel: „Sind Sie eine stolze Amerikanerin?, frage ich Pam, während ich an ihrem amerikanischen Kaffee nippe. „Sehr stolz! Für den Labor Day (Tag der Arbeit) hatten wir ein paar verwundete Kämpfer eingeladen. Manche ohne Beine. Sie wissen schon, dieses ferne faulige Land.“ Irak? „Afrika, Afghanistan und all das; wissen Sie. Und sie kamen hier runter, und mein Mann nahm’se mit auf Sumpfboot-Touren. Sie waren einfach – Und bevor sie wieder abreisten, gaben sie meinem Mann ein Purple Heart (Verwundetenabzeichen). Jawoll! Ich meine, es, es war, es war traurig, aber ich war so glücklich, dass ich diese Leute kennengelernt habe.“ Was haben die Ihnen über Afghanistan erzählt? „Sie haben uns alles Mögliche erzählt.“ Was? „Oh! Er wurde verwundet, ihm hat’s ein Bein weggeblasen, er aber war so besorgt um sein’ Freund, den er bluten sah, dass er zu ihm hingekrochen is’, einfach versuchte, sein Leben zu retten, ich meine, sie erzählten uns –“ Hat er Ihnen erklärt, warum Amerika in Afghanistan kämpft? „Nein.“ Wissen Sie, warum Amerika in Afghanistan kämpft? „Nein. Weil es sieht aus, als bringt’s nix. Sie kämpfen einfach un’ kämpfen un’ kämpfen immer weiter.“ Hat er Ihnen erzählt, was los ist in Afghanistan, weshalb Amerika nach Afghanistan gegangen ist? „Es gibt gewisse Dinge, über die sie sprechen wollen, und es gibt Dinge, über die sie nicht sprechen wollen.“ Sie haben Ihnen mit keinem Wort gesagt, warum? „Nein.“ Wissen Sie, warum? „Nein. Ich hab keine Ahnung nich’, warum’se kämpfen.“ Aber Sie verteidigen sie? „Ich verteidige meine Truppen. Ja klar.“ Haben Sie für Obama gestimmt? „Nein, un’ ich stimm’ nicht für Obama.“ Sind Sie republikanisch? „Ich bin demokratisch. Aber ich mag ihn nicht.“ Warum nicht? „Weil ich ihn verachte.“ Mögen Sie keine Schwarzen? „Oh, ich hab nichts gegen Schwarze. Überhaupt nicht.“ Pams Freundinnen trinken Kaffee und erklären mir, warum Amerika in den Krieg gegen den Irak gezogen ist. Der Grund? Die Iraker kamen ins Land und jagten die Twin Towers in New York in die Luft. Ich sage ihnen, dass das nicht Iraker, sondern Saudis waren, aber sie verstehen nicht, wieso es darauf ankommt. Saudis, Iraker. Was macht das schon für einen Unterschied? Alles dieselbe Mischpoke. Die eine der Damen hat 15 bis 20 Schießeisen bei sich zuhause, die andere 30. Warum auch nicht? Wenn man sich mehr als eine Waffe leisten kann, warum nicht 30? Was ich hier sehe, ist kein allzu vertrauter Anblick: Amerikaner, die gesellig miteinander sind. Soweit ich es mitbekommen habe, ist dies eher selten der Fall. Schwarze und Hispanics pflegen einen geselligeren Umgang miteinander, selbst in den Schwarzenvierteln zwischen zwei Schießereien, die Weißen aber sind normalerweise mit sich selbst beschäftigt, freunden sich mit ihren Fernsehern an und pflegen Umgang mit ihren Autos. Es tut gut, diese Ausnahme zu erleben.“

Tenenbom tritt auf ziemlich viele Hühneraugen, auch auf meine. Aber dank seiner Sprachbegabung „kitzelt“ er oft Aussagen heraus, die die Leute eigentlich verschweigen möchten. Entlarvend sind da besonders seine Begegnungen mit Kirchenvertretern. Zum Fremdschämen!

Gefährlich wäre die Lektüre, wenn sie nun unsererseits antiamerikanische Vorurteile bestätigt. Das ist nicht seine Absicht. Ich habe jedenfalls mehr gelernt über diesen Kontinent mit seinen Widersprüchen als in den vielen aktuellen Kommentaren, die jetzt zu hören und zu lesen sind.

 

Pazifismus in Syrien?

Im Rahmen einer Gemeindediskussion über den Pazifismus Bonhoeffers von 1934 (Rede von Fanö) wies ich darauf hin, dass Dietrich Bonhoeffer keine Prinzipien aufgestellt hat, sondern im Gegenteil immer wieder aktuell nach dem jeweiligen Gebot Gottes fragt. So hat er nach Kriegsbeginn 1939 eben nicht den Kriegsdienst verweigert, sondern am Widerstand gegen das Hitler-Regime mitgearbeitet. Frage aus der Gemeinde: „Was ist das Gebot heute im Syrienkrieg?“  Sicher nicht, durch weitere Bomben den Krieg zu verlängern. Derzeit kann man sich aber als Kirche nur caritativ einbringen. (Vielleicht hätte man  früher auf die Erfahrungen der Christen hören sollen, die  notgedrungen „pazifistisch“ leiden, weil sie keine Milizen haben, die sie verteidigen.) Über verschiedene Kanäle, wie das GAW-Hilfswerk, erhalten wir ziemlich authentische Informationen.

„Aleppo, eine der wichtigsten Städte Syriens und ein wirtschaftliches Zentrum, hat sich in dem fünf Jahre andauernden Krieg in einen der gewaltvollsten Orte der Welt verwandelt. Die Stadt ist für die verschiedenen Kriegsparteien von entscheidender Bedeutung. Hier entscheidet sich der Krieg!“, schreibt Pfarrer Haroutune Selimian von der armenisch-evangelischen Bethelkirchengemeinde in Aleppo. „Inzwischen gibt es kaum noch einen sicheren Ort in unserer Stadt. Am 9. Oktober schlug in den Räumen unserer Bethel-Schule eine Rakete ein. Mein Schlafzimmer ist 30 Meter von dem Schulgebäude entfernt“, schreibt Selimian. „Es gab zum Glück nur materielle Schäden und niemand ist verletzt worden – nur die Angst vor weiteren Angriffen ist da. Ununterbrochen hören wir den Kriegslärm.“

Die Stadt, die ich vor dem Krieg öfter besucht habe,  ist in Ost- und Westteil gespalten. Während die Regierungsseite mit Unterstützung der russischen Luftwaffe den Ostteil der Stadt massiv angreift, erfährt der Westteil der Stadt, wo u.a. die armenisch-evangelische Kirche steht, Raketeneinschläge von der Seite verschiedener Rebellen.

So wird das Leben immer schwieriger. Ohne Hilfe von außen geht es nicht mehr. Die Menschen in Syrien leiden unabhängig von ihrem Glauben oder nationaler Zugehörigkeit unter Isolation und Unsicherheit, Verarmung, psychische Belastungen. Es gibt kaum Arbeit, während die Lebensmittel- und Treibstoffpreise enorm gestiegen sind.

„Mit Hilfe des Gustav-Adolf-Werks (GAW) haben wir die Schäden an der Schule und der Kirche in Aleppo beseitigen können. Zudem haben Schüler und bedürftige Familien Hilfe bekommen.“

Dank Spenden aus Deutschland, die das GAW übermittelte, konnte die Gemeinde von Haroutune Selimian in Aleppo 200 Familien mit Essensrationen versorgen (80 US-Dollar pro Paket), für die Schule zum Heizen und für Stromerzeugung Heizöl  kaufen (3.500 Dollar), Lehrergehälter unterstützen (3.200 Dollar), Stipendien für Schüler ermöglichen (7.000 Dollar), die Kirche und die Schule reparieren (1.500 Dollar) und 250 Familien die Bezahlung von Strom ermöglichen (7.500 Dollar).

Einen Bericht von Pfarrer Karijilis aus Homs findet man in den Informationen des GAW: .http://www.gustav-adolf-werk.de/tl_files/ga-blatt-archiv-2/Blatt4_16_S.8-9.pdf

Nachfolge

Voller Saal, viele Fragen. Ich halte einen Vortrag zum Thema Christliche Friedensarbeit in kriegerischen Zeiten. Eine Besinnung auf Dietrich Bonhoeffers Ethik.

Ich versuche aus den vielfältigen Schriften Bonhoeffers aus den verschiedenen Phasen seines Lebens  drei Abschnitte herauszugreifen und gegenwärtige Konsequenzen zu formulieren.

  1. Bonhoeffer kommt aus einer staatskirchlichen Zeit. Die Kirche findet in der Weimarer Republik kein positives Verhältnis zur Demokratie. In der Nazi-Zeit möchte eine Mehrheit die Volkskirche bewahren, manche sogar in eine deutsche Nationalkirche verwandeln (Deutsche Christen). Im Kirchenkampf denkt Bonhoeffer an eine Kirche, die sich von dieser Tradition löst. (Vikarsausbildung als Modell einer neuen Kirche, Pfarrer mit einem säkularen Beruf. ) Seine Gedanken beziehen sich zunächst auf die evangelische Kirche, die katholische ist weniger im Blick. Eine evangelisch-katholische Zusammenarbeit Zusammenarbeit gibt es kaum. Sein Versuch scheitert, die Bekennende Kirche zu einer nazi-und staatskritischen Kraft zu formen.

 

Heute bekennt sich die evangelische Kirche zur Demokratie in einem säkularen Staat. Sie ist unabhängig, aber das Verhältnis könnte man als kritische Partnerschaft bezeichnen. Die Entkirchlichung allerdings geht weiter. Mit sinkenden Mitgliederzahlen verliert die Kirche gesellschaftlich  an Bedeutung. Politische Initiativen werden nur akzeptiert, wenn sie rational kommuniziert werden und dem Gemeinwohl dienen.Die evangelisch-katholische Ökumene gelingt und wird vor allem durch die Migration mit anderen Konfessionen erweitert. Unklar ist noch die Rolle des Islam, der sich zunehmend in verschiedenen Verbänden organisiert. Oft ist die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Träger lokaler Friedensarbeit. Allerdings ist das Verhältnis der Konfessionen europaweit noch sehr konfliktträchtiug. Zusätzlich muss die Zusammenarbeit mit friedenswilligen Muslimen ausgebaut werden.

 

  1. Bonhoeffer entdeckt 1930 in seinen Amerika-Aufenthalt vor allem durch seinen französischen Freund Jean Lassere den Pazifismus, der in Deutschland mehrheitlich verpönt war. Ein weiterer „Augenöffner“, was Krieg eigentlich ist, war der Film „Im Westen nichts Neues“, der in Deutschland verboten wurde. Pazifistische Gedanken nimmt er 1934 vor allem in der berühmten Friedensrede von Fanö auf. Der „Gott der Bergpredigt“ habe schon immer die Übertretung des Gebotes „Du sollst nicht töten“ gerichtet. Er zitiert im Blick auf die   Rüstungsanstrengungen der Nationalsozialisten und Abrüstungsappelle des Völkerbundes Mahatma Gandhi: „Es gibt keinen Weg zum Frieden – Frieden ist der Weg.“ Bonhoeffer plädiert für „Frieden statt Sicherheit“ und glaubt an die Wirkung gewaltfreien Widerstands: „Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?“ Er sieht die Änderung politischer Zustände nicht mehr als Sache der Welt an, sieht kaum Chancen für politische Vernunft. Über die Verkündigung des Friedensgebots hinaus sollten die Kirchen daher sofort mit der Realisierung der Friedensethik beginnen. Er hofft auf ein Konzil der weltweiten Christenheit. Nur in dieser Ökumene sieht er die Kraft, einen drohenden Krieg zu verhindern. Theologisch reflektiert er später diese Position in der „Nachfolge“, ein Leben mit der Bergpredigt. Diese Ansprache ist umstritten, wenige stimmen ihm zu. Selbst seine (illegalen) Vikare ziehen 1939 in den Krieg.

Nach dem Krieg ist Pazifismus in Deutschland nur für wenige eine Option. Immerhin setzt sich die Kirche für ein Recht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen ein. (Beratung, Beisitzer). Aus dieser Tätigkeit wächst eine gewisse Friedensarbeit und die Formel „Friedensdienst mit und ohne Waffen“. Man nimmt Abschied von der Doktrin des “gerechten Krieges“ und entwickelt die Leitidee vom „gerechten Frieden“. In der Zeit des Kalten Krieges bemüht sich die Kirche um Entspannung (Ostdenkschrift) und viele Mitglieder beteiligen sich an der erstarkenden Friedensbewegung ( Nachrüstungsdebatte). Die Idee eines „Konzils“ wird auf drei europäischen ökumenischen Versammlungen umgesetzt, führt aber nicht zu neuen Verbindlichkeiten.

3. Bonhoeffer entscheidet sich nach Kriegsbeginn nicht für Verweigerung, sondern für Widerstand. (Anders der Leiter des Versöhnungsbundes Hermann Stöhr, der hingerichtet wird.) Was ist christlich geboten in einem Unrechtsstaat? wird zur Leitfrage für die (unvollendete) „Ethik“. Für diese Antikriegsarbeit im Widerstand – er ist freigestellt für die „Abwehr“ der Wehrmacht, Amt Canaris – ist Bonhoeffer zum Tyrannenmord bereit. Für die mögliche Nachkriegsordnung bemüht er seine ökumenischen Verbindungen und freundschaftlichen Kontakte. In der Haft entwickelt er Gedanken für eine künftige Kirche, die nach dem Krieg unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ publiziert werden und eine starke Wirkung entfalten..

Die nicht-römischen Kirchen gründen aus den Vorläufern 1948 den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Er koordiniert auf verschiedenen Wegen die internationale Friedensarbeit der Kirchen. 1975 wird der Satz einer Weltkonferenz in Nairobi „Die Kirche sollte ihre Bereitschaft erklären, ohne den Schutz von Waffen zu leben“ in Württemberg aufgenommen von der Initiative „Ohne Rüstung leben“, die bis heute Pazifismus propagiert und sich auf Bonhoeffer (von Fanö) beruft. Sie versteht sich als christlich, ökumenisch, arbeitet im Raum der Kirchen, ist aber nicht offiziell Teil einer Landeskirche.

Meine Folgerungen:

  1. Bonhoeffer entdeckte den Wert des Gebets und der Meditation. Friedensarbeit beginnt also bei einem selbst. Es geht nicht nur um Ermutigung, sondern auch um Vergewisserung in einer Zeit der politischen und kulturellen Unübersichtlichkeit. Das Gebet darf aber nicht Ersatz für Aktivitäten sein. („Billige Gnade“)
  2. Bonhoeffer entdeckte den Wert der Gemeinde. Das kann die ganz normale Kirchengemeinde sein, um die er sich immer bemüht hat. Wo sie ihre Aufgaben erfüllt, ist Friedensarbeit vor Ort (Hilfe für Migranten z.B.). Daneben ist ihm die „Bruderschaft“ mit immer neuen Versuchen eines „gemeinsamen Lebens“ wichtig. Viele Christen engagieren sich neben ihrer Kirchengemeinde in diversen freien Gruppen. So wurde es z.B. in Taizé  mit dem“Konzil der Jugend“ propagiert. Heute bieten sich dafür unzählige Gruppen und Vereinigungen an. Ich nenne nur die kirchennahe „Arbeitsgemeinschaft Dienste für den Frieden“ AGDF, „Ohne Rüstung leben“, „Kairos Europa“, „Versöhnungsbund“, aber auch nichtkirchliche wie „Deutsche Friedensgesellschaft“, IMI etc. Um der Zersplitterung zu entgehen, sollten sie sich immer wieder vernetzen und z.B. Kirchentage und dergleichen für öffentliche Darstellung nutzen. Falsches Harmoniebedürfnis sollte durch politische Klarheit überwunden werden. Viele Predigten bleiben leider unkonkret und allgemein.
  3. Bonhoeffer entdeckte den Wert der weltweiten Ökumene. Der ÖRK ist aus verschiedenen Gründen geschwächt. Seine weltweite Friedensarbeit sollte gleichwohl unterstützt werden. Seit der Weltversammlung von Busan propagiert er einen „Pilgerweg des Friedens“, an dem man sich je nach Kräften und Möglichkeit beteiligen kann. Warum wird nicht hin und wieder eine Information des ÖRK in den „Abkündigungen“ eingebracht? Warum kann nicht ein Kirchengemeinderat ÖRK-Beauftragter“ werden?

Hauptaufgabe wird die Aufgabe ener „Entfeindung“ innergesellschaftlich und international sein. Da ist Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ bleibend aktuell: „Feindesliebe ist nicht nur dem natürlichen Menschen ein unerträglicher Anstoß. Sie geht ihm über die Kraft und sie verstößt gegen seinen Begriff von Gut und Böse…Dem Feind aber soll zukommen, was dem Bruder zukommt, die Liebe des Nachfolgers Jesu…Wie wird die Liebe unüberwindlich? Darin, dass sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Friedensdekade 2016

Heute ist der Todestag (1632) des schwedischen Königs Gustav II. Adolf. Er fiel in der Schlacht von Lützen im 30jährigen Krieg. Natürlich ging es in diesem Krieg wie immer vor allem um politische Macht. Aber der Krieg wurde befeuert durch die religiösen Emotionen. Er ging letztlich durch gegenseitige Ausblutung zu Ende. Das Evangelium kam dabei unter die Räder.

Was hätte sich geändert, wenn man auf einen Theologen wie Erasmus von Rotterdam gehört hätte, der auch schon zur Reformationszeit seine Stimme erhob, aber von Evangelischen und Katholiken gleichermaßen abgelehnt wurde.

1515 hatte er die erste Antikriegsschrift der Neuzeit veröffentlicht: „Süß scheint der Krieg den Unerfahrenen“:

Der Krieg wird aus dem Krieg erzeugt, aus einem Scheinkrieg entsteht ein offener, aus einem winzigen der gewaltigste […] Wo denn ist das Reich des Teufels, wenn es nicht im Krieg ist? Warum schleppen wir Christus hierhin, zu dem der Krieg noch weniger passt als ein Hurenhaus? So mögen wir Krieg und Frieden, die zugleich elendeste und verbrecherischste Sache vergleichen, und es wird vollends klar werden, ein wie großer Wahnsinn es sei, mit so viel Tumult, so viel Strapazen, so einem großen Kostenaufwand, unter höchster Gefahr und so vielen Verlusten Krieg zu veranstalten, obwohl um ein viel geringeres die Eintracht erkauft werden könnte.

Die Klage des Friedens (lateinisch Querela Pacis) gilt als die pazifistische Hauptschrift des Erasmus von Rotterdam, die er 1517 anlässlich einer geplanten Friedenskonferenz zu der alle Herrscher Europas zu einem ‚Gipfeltreffen‘ geladen waren, geschrieben hat:

Vom größten Teil des Volkes wird der Krieg verflucht, man betet um Frieden. Einige wenige nur, deren gottloses Glück vom allgemeinen Unglück abhängt, wünschen den Krieg. Beurteilt selbst, ob es recht und billig sei oder nicht, dass deren Unredlichkeit mehr gilt als der Wille aller Guten. Ihr seht, bis jetzt ist nichts durch Bündnisse zustande gebracht, nichts durch Verschwägerung gefördert, nichts durch Gewalt, nichts durch Rachenahme. Stellt nun dagegen auf die Probe, was Versöhnlichkeit und Wohltätigkeit vermögen. Krieg wird aus Krieg gesät, Rache verursacht wieder Rache […]

Und einen Satz nehme ich für uns alle in Anspruch: Zeigt, was Sanftmut, Verträglichkeit und Wohltun vermögen!

(aus meiner heutigen Predigt in der Albert-Schweitzer-Kirche Tübingen)