Archiv für den Monat September 2019

Lütten Klein

Meine schönsten Ferien in der Kindheit habe ich bei Verwandten in Rostock verbracht. Seit 1956 habe ich  – ein damals seltenes Privileg – als Westdeutscher in die DDR reisen dürfen. In eine damals komplett andere Welt, wenn man von der gemeinsamen Sprache absieht.  Diese so ganz andere Gesellschaft hat mich immer fasziniert, auch wenn ich sie anfangs nur aus einer Pfarrhaus-Perspektive betrachten konnte. Höhepunkt der Ferien war natürlich eine Fahrt mit dem „Doppeldecker-Zug“ nach Warnemünde an den Ostseestrand. Unvergessen ist der Spott meines Großvaters, als mir nach  einer „Lustfahrt in See“ mit einem Segelboot speiübel wurde. Meinen Berufswunsch Kapitän sollte ich lieber noch mal überdenken. Wenn wir jetzt eine Seereise mit einem größeren Schiff antreten, bleibt mir Übelkeit hoffentlich erspart.

Auf dem Weg nach Warnemünde kommt man an dem Stadtviertel „Lütten Klein“ vorbei, das ich nie betreten habe. Sein Entstehen konnte ich aber von Ferien zu Ferien verfolgen. Es wurde Mitte der sechziger und Mitte der siebziger Jahre im Plattenbaustil hochgezogen. Mehr als 10000 Wohnungen entstanden in einem Jahrzehnt. Während westliche Besucher die Nase rümpften, war die DDR stolz auf ihre Neubaugebiete und die  meisten Bewohner waren es auch.

Nicht  nur deshalb hat mich das neue Buch des Soziologen Steffen Mau interessiert, der dort aufgewachsen ist. Sein „Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ erklärt besser die Befindlichkeit der  Ostdeutschen als die oberflächlichen journalistischen Kommentare, die man jüngst nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg  wieder reichlich lesen konnte.

Da ich wieder einmal nach Rostock reise, habe ich mir dieses Buch vorgenommen, das ich vor allem den Westdeutschen wärmstens empfehle. Weil der Autor immer wieder persönliche Erinnerungen einbaut, ist es trotz mancher trockenen Analyse durchaus unterhaltsam zu lesen. Sein Schlüsselbegriff zum Verständnis der gegenwärtigen Lage in der Ex-DDR lautet „Fraktur“.

„Die Bilanz der Einheit ist nicht nur durchwachsen, sie ist auch durch und durch widersprüchlich. Selbst Individuen wirken oft innerlich gespalten, wenn man sie auffordert, ihre persönliche Situation zu schildern – manch einer entpuppt sich gar als frustrierter Zufriedener oder als glücklicher Enttäuschter. Um diese Diskrepanz zu entschlüsseln, ist der Begriff der gesellschaftlichen Fraktur hilfreich. Unter einer Fraktur versteht man in der Medizin den Bruch eines Knochens. Viele Frakturen sind unter der Haut verborgen und äußerlich nicht erkennbar, manche aber liegen offen. Oft verheilen sie, wenn es jedoch zu Verschiebungen – der Terminus technicus lautet Frakturdislokationen – kommt, muss man ein Leben lang mit Funktionseinschränkungen leben. Gesellschaftliche Frakturen lassen sich in diesem Sinne als Brüche des gesellschaftlichen Zusammenhangs verstehen, die zu Fehlstellungen führen können. Anders als bei Knochen ist die Wahrscheinlichkeit für eine – noch ein Medizinerwort – vollständige »Reposition« oder Ausheilung gesellschaftlicher Brüche sogar unwahrscheinlich. Gesundheitsmetaphern sind im gesellschaftlichen Bereich nicht ganz unproblematisch, daher hier der Hinweis, dass es nicht um Pathologien geht, sondern um die Fokussierung auf neuralgische Punkte und Reibungsflächen. Ich betrachte Ostdeutschland als eine Gesellschaft mit zahlreichen Frakturen, die sich aus den Besonderheiten von Sozialstruktur und mentaler Lagerung ergeben. Diese sind weder allein der untergegangen DDR noch den Tücken des Einigungsprozesses zuzuschreiben, sondern ergeben sich aus beidem gemeinsam. Eine frakturierte Gesellschaft, so meine ich, verliert an Robustheit und Flexibilität, auch wenn oberflächlich alles in Ordnung scheint. Durch Frakturen können die Belastbarkeit, die Beweglichkeit und die Anpassungsfähigkeit eines gesellschaftlichen Gebildes noch über lange Zeiträume eingeschränkt bleiben. Das erklärt auch die erhebliche Unzufriedenheit, während es gleichzeitig viele positiv zu bewertende Entwicklungen gibt.“ S. 13 f.

Wer den Aufstieg der AFD im Osten verwunderlich  findet, muss sich klar machen, dass deren Angebot viele Menschen von Zumutungen entlastet. Während westliche Politiker sagen „Du musst dich ändern, um dich an eine veränderte Welt anzupassen“, sagt die AFD „Die Welt muss verändert werden, um sich an dich anzupassen.“  Das ist zwar illusionär, kommt aber gut an.

„Die Umwälzungen in Lütten Klein – von der Errichtung als Vorzeigesiedlung auf der grünen Wese über den Attraktivitätsverlust und  die Abwanderung bis zur Herausbildung einer Mischung aus Normalisierung, Benachteiligung und Überalterung – sind durchaus typisch für die Plattenbausiedlungen Ostdeutschlands. Der Weg dieser Viertel ist zugleich symptomatisch für die Wandlungsprozesse der ostdeutschen Gesellschaft insgesamt. Die Umbrüche in der Sozialstruktur und das mentale Gepäck sind mehr als entfernte Schatten der Vergangenheit: Sie bestimmen das Erleben, Fühlen und Handeln viele Ostdeutscher bis heute und entscheiden darüber, wie sie die Gegenwart meistern oder der Zukunft entgegensehen.“ S. 248

Übrigens: Der Name „Lütten Klein“ ist nicht doppelt gemoppelt, sondern stammt aus dem Wendischen und bedeutet „Kleiner Ahorn“.

https://www.suhrkamp.de/buecher/luetten_klein-steffen_mau_42894.html