Archiv für den Monat August 2018

Abel

Am Sonntag soll ich über die Geschichte von „Kain und Abel“ predigen. Jeder kennt sie.  Was soll ich sagen? Die Geschichte wirft mehr Fragen auf. Das Evangelium, die Gute Botschaft des Tages ist  nicht: Ach, wie schlimm sind die Bösen in der Welt, sondern: Gott gibt auch den Bösen Zukunft! Er will, dass sie leben und sich ändern können. Das Evangelium ist nicht: Ach, wie tief beherrscht die Sünde uns, sondern: „Du aber herrsche über sie.“ Das Evangelium heißt nicht: „Verdammt in alle Ewigkeit“, sondern: „Das ist der Liebe freundlich Amt, dass sie zurechtbringt, nicht verdammt.“ EG 648

Als ich in friedlicheren Zeiten durch Syrien reiste, zeigten die lokalen Führer in der Nähe von Damaskus den Berg Jabal Arbain, wo Kain den Abel erschlagen haben soll. Am Ort befindet sich eine kleine Moschee, weil diese Geschichte auch im Koran (Sure 5) erzählt wird, allerdings etwas verändert und ohne Namensnennung. Die wichtigste Änderung ist, dass Kain kein Schutzzeichen bekommt, sondern auf ihn das Höllenfeuer wartet. „Denn das ist der Lohn der Frevler.“ Immerhin findet sich anschließend die schöne Erkenntnis, aus dem Judentum übernommen in 5,32: „Und deshalb schrieben wir den Kindern Israel dies vor: Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ist’s, als töte er die Menschen allesamt. Wenn aber jemand einem Menschen das Leben bewahrt, so ist’s, als  würde er das Leben aller Menschen bewahren.“ (Übersetzung Hartmut Bobzin) Wenn sich nur alle Menschen daran halten würden!

Muslime verstehen diese Geschichte wörtlich und historisch, so wie auch die Christen jahrhundertelang und viele „Bibeltreue“ bis heute. In der Evangelischen Kirche verstehen wir die Erzählung  heute als „Urgeschichte“, die sich nicht zu einem bestimmten Datum und Ort so abgespielt hat. Wir wollen sie beim Wort nehmen, aber nicht wörtlich. Wir erkennen darin eine grundlegende Wahrheit über den Menschen, wir erkennen uns. Wir müssen das Böse nicht auf die Andern projizieren, sondern erforschen uns selber: Wie steht es mit unserem Hass? Unserem Neid? Unserer Rivalität? Unserer Brüderlichkeit?

Das Kainszeichen kann man sich vielleicht als eine Tätowierung vorstellen. Es dient dem Schutz, ist – modern gesprochen – eine positive Diskriminierung. Dass dies eine Zumutung für das Rechtsbewusstsein ist, zeigt sich daran, dass die meisten Leute bis heute glauben, dass das Kainszeichen ein Schandzeichen ist.

Diese Geschichte ist ein großartiges Beispiel für die alttestamentliche Humanität, die leider nicht immer durchgehalten wurde. Man kann das am Beispiel Todesstrafe sehen. Bis in die jüngste Vergangenheit entsprach die Todesstrafe dem „gesunden Volksempfinden“ nach Rache und Vergeltung. Bei vielen konservativen evangelikalen und orthodoxen Christen ist das bis heute so, nicht nur in den USA. Vom Islam gar nicht  zu reden. Erst nach der Nazizeit und ihrem Justizterror setzte in der Evangelischen Theologie ein Umdenken ein. Der Papst hat erst in diesem Jahr für die katholische Kirche die Todesstrafe grundsätzlich verurteilt.

Von den ersten Christen wurde Abels Ermordung als Urgeschehen aller Vergehen an Unschuldigen begriffen. Manche sahen darin ein Vor-Bild der Kreuzigung Jesu.

Die Frage „Wo ist dein Bruder?“ gilt auch uns. Sie lenkt unseren Blick auf die Abels unserer Zeit. Aus ihrer Perspektive betrachten wir das Leben. Wenn auch das Paradies Eden verloren ist, so müssen wir unser Leben nicht  zur Hölle machen.

Der gelehrte Jurist und Religionswissenschaftler Minister Viktor Friedrich von Strauß und Torney, später Abgeordneter der Nationalversammlung in Frankfurt, dichtete 1843 darum das Gebet: „Du willst den  Tod des Sünders nicht, / du gehst mit uns nicht ins Gericht; / wie dürften wir denn richten? / Laß immer mild / des Nächsten Bild / durch  unser Wort sich lichten.“ Evangelisches Gesangbuch 648, 2.

Wer war übrigens dieser Dichter? Er übertrug 1870 als Erster das Tao Te King aus dem Chinesischen ins Deutsche. Seine Übersetzung ist bis heute gebräuchlich, sie wurde 1959 neu aufgelegt und erschien 2004 in der 11. Auflage. Seine Übersetzung des  Shijing (Buch der Lieder) von 1880 war die erste Gesamtübersetzung dieser ältesten chinesischen Gedichtsammlung aus dem Chinesischen ins Deutsche. Christen konnten schon damals einen weiten Horizont haben!

 

 

 

 

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Andalusien (15): Finale

Ab Mitte Juli kommen vermehrt die Spanier selber  an die Strände. Familien mit Kindern ziehen scharenweise zum Wasser, aber nur die wenigsten gehen hinein. Viele Frauen lassen beim Sonnenbad das  Oberteil ihres Bikini weg. Der war früher verboten. Bei meiner ersten Spanienreise 1969 kontrollierte noch die Polizei, ob die Damen einen züchtigen einteiligen Badeanzug tragen. Na ja, in ironischer Weise kommen sie ja auch heute diesem Gesetz nach. Die Sitten ändern sich.

Es ist für uns Zeit aufzubrechen. Wir widerstehen der Versuchung, in den letzten Wochen nach der Devise zu reisen „1000 Places To See Before You Die“. Wir wollen langsam reisen und  die Landschaften seelisch aufnehmen. Aber einige Städte, die wir  nicht kennen, wollen wir doch noch besuchen.

Wir beginnen mit Arcos  de la Frontera, ein „weißes  Dorf“ wie aus dem Bilderbuch. Die Altstadt ist komplett unter  Denkmalschutz. Maurische Bögen überspannen enge Gassen. Amüsiert beobachten wir die verzweifelten Manöver verzweifelter Autofahrer, die partout nicht zu Fuß gehen wollen. Der Lärm in einer Bar lockt uns in den ehemaligen Palast „Palacio de Mayorazgo“ aus dem 17. Jahrhundert. Geht man durch das  kleine Museum findet man eine Gemäldegalerie lokaler Künstler. Plauschig ist der Garten „jardin andalusi“, ein kleines grünes Schmuckstück inmitten der steinigen Gassen und Mauern. Kein Mensch, der die meditative Stille stört. Ganz anders das Gedränge an der Plaza del Cabildo, von wo man weit  über das Tal des Guadalete blicken kann.

Nicht viel größer ist Ronda (36000 Einwohner). Die Altstadt  auf dem gespaltenen Felsplateau wirkt noch dramatischer. Insbesondere die alte Neue Brücke (Puente Nuevo) hat es mir angetan. Ich kann es nicht lassen, zum Grund des Rio Guadalevin hinabzusteigen. Eigentlich sind meine Sandalen dafür nicht geeignet. Denn der Weg wird nach unten wird immer wilder und unübersichtlicher. Ich  krieche durch die Ruine einer Mühle, stehe plötzlich vor einem Bach und der Alternative „springen oder umkehren“. Ein „Zurück“ ist dann nicht mehr möglich, aber bald erreiche ich eine zur Herberge umgebaute weitere Mühle. Im großen Bogen kehre ich in die Stadt zurück. Ich kann nach dieser Wanderung verstehen, dass sich früher gern die „bandoleros“ (Räuber) in diesen Bergen versteckt haben. Nach all den Kirchen und Burgen ist es erholsam, einmal die grandiose Landschaft zu würdigen. Das hat übrigens vor uns schon Rainer Maria Rilke getan, der hier 1912/13 vergeblich weitere Inspirationen erhoffte. Sein Hotel „Reina Vitoria“ leisten wir uns nicht, machen aber mit seiner Statue dort im Garten auch einmal ein „Selfie“.

Antequera (40000 Einwohner) enttäuscht uns im Vergleich etwas, obwohl wir hier die unglaubliche Zahl von  23 Kirchen und Klöstern vorfinden. Die Spezialität dieser Region sind aber die Megalithgräber. Es ist der bedeutendste und am besten erhaltene Dolmenkomplex Europas. Man fragt sich, wie 2500 v.Chr. die kupferzeitlichen Menschen die gewaltigen Felsblöcke mit bis zu 180 Tonnen Gewicht bewegen konnten. In dem kleinen Museum zeigt ein Film, wie sie es wohl gemacht haben. Wahrscheinlich war die „Cueva de Menga“ eine religiöse Kultstätte.

Granada habe ich 1969 als Student auf der Durchfahrt kurz besucht. Damals konnte man ohne großen Aufwand in die Alhambra hinein. Es waren kam Leute  da. Mit rund 2,6 Millionen Besuchern jährlich ist sie derzeit  meistens überfüllt. Jetzt ist hier Hochbetrieb und man muss sehr zeitig Eintrittskarten im Internet buchen, um dann ein „Zeitfenster“  für die Besichtigung eingeräumt zu bekommen. Dann darf man sich in lange Schlangen einreihen. Nein danke! Glücklicherweise ist ein großer Teil dieser Burgstadt frei zugänglich. Zum Träumen und Meditieren reicht uns das. Das Museum im Palast Karls V. ist immerhin gratis. Ein Weg hinter der Burg in die Stadt zum Fluss Darro ist sogar recht einsam. Von dort geht es in den noch sehr arabisch  anmutenden Stadtteil Albayzin, wo man sich herrlich verlaufen kann. Natürlich ist die Kathedrale ein Mittelpunkt, die eigentlich aus drei Kirchen besteht. Ausgestattet mit einem Audioguide, den man für sein Eintrittsgeld bekommt, kann man hier noch einmal die Architektur der Sieger bewundern. Abseits der Touristenpfade wirkt die Stadt recht sympathisch durch die vielen jungen Leute, die hier studieren.

Abschließend machen wir noch in Malaga Station. Die Großstadt lockt sicherlich nicht mit ihren Stränden, hat aber subtropische Parkanlagen, in denen man sogar Papageien beobachten kann. Neben den schon gewohnten andalusischen Sehenswürdigkeiten vermarktet die Stadt ihren großen Sohn Pablo Picasso. Sein Geburtshaus und das Museo Picasso lassen vergessen, dass der berühmte Maler nie wieder in diese Stadt zurückgekehrt  ist. Mich zieht es immer zum Hafen, in dem zwar nur ein paar Fähren liegen, aber sein Flair genügt, um von der großen weiten Welt zu träumen. Ich vermisse ein Schiff, das uns gemächlich nach Hause befördern könnte. Da sind wir bald schneller als mir lieb ist.

 

 

Andalusien (14): Literatur

Siesta ist Lesezeit. Mehr mag man in der Hitze nicht tun.  „Literarische Reisebilder aus dem maurischen Spanien“ bietet der Band „Andalusien“ von Ralf Neuhaus und Jesús Serrano (Klett-Cotta Stuttgart 2001, 219 S.). Das unterhaltsame Buch bietet 77 kürzere und längere Zitate von Abd al Rahman I. bis Antonio de Zayas Beaumont, also aus allen Epochen. Doch will ich mich nicht  die ganze Zeit geistig im Mittelalter bewegen. Wie sieht die zeitgenössische Literatur aus?

H.-J. Fründt empfiehlt in seinem „Reise Know-How“ „Costa de la Luz“ den Roman von Almudena Grandes „Die wechselnden Winde“ (Rowohlt Verlag 2003, 637 S.). Der Titel gefällt mir, der Inhalt weniger. Denn über die Menschen in Cádiz erfahre ich fast  nichts.

Tatsächlich pfeifen durch unsere Straße in Cádiz immer wieder scharfe Winde: Da ist der warme Levante, der oft dem Mistral folgt. Das Gegenstück ist der Poniente aus westlicher Richtung. Er fegt über den Atlantik und ist deswegen kühler. Den Scirocco erleben wir zum Glück nicht. Dieser heiße Wind aus der Sahara kann ein tropischer Wirbelsturm werden. Morgens stelle ich mich gern auf den kleinen Balkon, schaue auf’s Meer hinaus und beobachte die Schwalben, die pfeilschnell die Winde nutzen, um mich herumwirbeln, wohl Insekten fangen und dann flink wieder abdrehen. Wenn es wärmer wird, verschwinden sie, um am Abend den gleichen Tanz aufzuführen.

Wie die wechselnden Winde erscheinen die Wechselfälle des Lebens, die uns die in Spanien bekannte Autorin vorstellt. Almudena Grandes schreibt:
„In Madrid, wo ich lebe, haben die Winde keine solche Bedeutung haben, es gibt Wind, aber er hat keine Bedeutung. Anders in Andalusien, wo der Wind vieles entscheidet. Als ich in Cadiz ankam, wunderte ich mich, wie viele Winde es hier gibt; die Menschen kennen sie alle, und ihr Einfluss auf die Realität ist groß. Cadiz verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantik, von beiden Meeren wehen die Winde an die Küsten, und die Menschen haben augenscheinlich eine ähnliche Beziehung zu den Winden wie die alten Griechen zu den Göttern; bei bestimmten Winden gehen sie nicht aus dem Haus. das faszinierte mich, und es reizte mich, über die Winde und ihren Einfluss das Leben der Menschen zu schreiben.“

Das Motiv des Windes dient Almudena Grandes als Klammer, verschiedene Lebensläufe miteinander zu verbinden, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben.

Das könnte interessant sein, wenn die Autorin nicht in der Machart einen Illustriertenromans ungeheuer ausladend die Dramen ihrer Hauptfiguren vorführt: das Leben von Sara Gomez Morales und dem Arzt Juan Olmedo, zufällige Nachbarn in einer Wohnanlage bei Cádiz am Strand.

Hier hoffen sie beide, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sara, „die auf alles verzichtet hat, um niemanden mehr zu brauchen“, führt das elegante Leben einer Reichen, während Juan für sich, seine 10jährige Nichte Tamara und seinen behinderten Bruder Alfonso ein neues Zuhause findet. Hinzu kommt das gemeinsame Dienstmädchen Maribel mit ihrem Sohn. „Natürlich“ beginnt der Arzt alsbald ein Liebesverhältnis mit Maribel, um seine Vergangenheit zu vergessen. Er hatte nämlich ein ehebrecherisches Verhältnis mit seiner Schwägerin, die bei einem Verkehrsunfall stirbt. Deren Tochter Tamara ist in Wirklichkeit auch die seine, die ihn aber für ihren Onkel hält. Sein Bruder Damian stürzt bei einem Streit zwischen den Brüdern von  der Treppe und bricht sich das Genick. Unklar bleibt, ob Juan ihn gestoßen hat. Ein Polizist vermutet Mord und verfolgt ihn. In immer neuen Rückblenden erfahren wir weitere unangenehme Wahrheiten. Dies gilt auch für Sara die sich nach einer schweren Kindheit und Liebesenttäuschungen schließlich Geld von ihrer Pflegemutter erschleicht.

Maribel, die dritte Erwachsene der ungewöhnlichen Nachbarschaft (der behinderte Alfonso steht eher auf Seiten der Kinder), hat es nicht leicht. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, als junge Frau auf einen schönen Hallodri hereingefallen, der sich prompt wieder an sie heranmacht, nachdem sie durch einen Tombolagewinn zu Geld gekommen ist. Als sie auf seine Forderungen nicht eingeht, sticht er sie auf offener Straße nieder. Juan rettet sie. Der  Sohn Andrés muss verkraften, dass sein Vater ein verhinderter Mörder ist. Übrigens erfahren wir selten, wie denn „die Kinder“ die „Spiele der Erwachsenen“ finden. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie sich keine Gedanken machen, wenn sie immer mal wieder an den Strand geschickt werden.

Es passiert also eine Menge, glaubhaft ist nicht alles. Soll das ein Sittenbild des modernen Spanien, der wohlhabenden Aufsteiger sein? Wer nicht den Überblick verliert angesichts der vielen Beischlafszenen, kann etwas erfahren über die Folgen des Bürgerkriegs und der Franko-Diktatur. Man begreift, dass auch in Spanien  die Familienrealität nicht unbedingt der katholischen Moraltheologie entspricht. Aber ich weigere mich doch anzunehmen, dass spanische Männer immer nur eins im Kopf haben.

Der Rowohlt-Verlag behauptet: „Ein Roman über eine Liebe, wie sie sein muss. In einem Leben wie es ist.“ Sicherlich nicht! Und er zitiert aus „Cosmopolitan“: „Ein andalusisches Vom Winde verweht“. Ein völlig abwegiger Vergleich!

 

 

Andalusien (13): Musik

Cádiz ist stolz auf den berühmten Sohn der Stadt, den Komponisten Manuel de Falla (1876-1946), dessen Grab in der Gruft der Kathedrale wir natürlich besuchen. Bisher verstehe ich wenig von moderner spanischer Musik, aber das will ich ändern. Nach ihm benannt ist das „Gran Teatro Falla“, in dem es gerade keine Konzerte  gibt. Stattdessen schauen wir ein zeitgenössisches Stück „Dancing with Frogs“. Getanzt wird aber wider Erwarten nicht, sondern ein ziemlich schwules Spektakel aufgeführt. Der heutige Bau von 1905 ist riesig, ahmt den Mudéjar-Stil nach und protzt mit drei großen Hufeisenbogen-Türen. Hingegen kauft man Karten an einem winzigen Außenfenster. Drinnen steigt man von einer hübschen Platzanweiserin geführt auf riesigen Treppen zum Rang hinauf. Die Decke zeigt eine Allegorie des Paradieses. Auf der großen Bühne spielt sich eher die Hölle ab.

Musikalisch kommen wir besser auf unsere Kosten durch einen Flamenco-Wettbewerb, zu dem uns unsere Freunde einladen. Allein hätten wir diese Peña nie gefunden, geschweige denn Eintrittskarten bekommen. Hier treffen sich die Einheimischen in einem schlichten Saal mit noch schlichterer Bühne. Doch die drei Gruppen, die gegeneinander antreten, lassen einen die Umgebung vergessen. Ich finde sie alle phantastisch, wüsste nicht, wie man da ein Urteil fällen soll. Oft genügt ein Sänger, unterstützt durch Gitarre und „Cajon“ (eine Kiste, die wie eine Trommel verwendet wird). Letztlich genügen aber auch die Handflächen (die „palmas“, das Händeklatschen), um den typischen Rhythmus zu produzieren, nach dem der Tänzer seine Schritte lenkt. Die Tänzerin kann zusätzlich noch ihr Kleid schwingen. So wirbeln sie über die Bretter, mitunter heftig stampfend. Angefeuert werden sie vom sachkundigen Publikum, das bei besonderen Einlagen immer wieder tosenden Beifall spendet. Die Texte verstehe ich natürlich nicht, sie  sind vielleicht auch nicht so wichtig. „Viele Texte sind mündlich überliefert und werden wenig verändert. Jedoch findet immer wieder neue Lyrik Eingang in den cante. Themen sind oft der Verlust oder die Unerreichbarkeit der Liebe, das Leid und die Ungerechtigkeit.“

Cádiz ist stolz auf  „seinen“ Flamenco, der angeblich schon auf die Römer zurückgeht. „Einige lateinische Autoren erwähnen bereits, dass bei den römischen Festen Tänzerinnen aus Gades, dem heutigen Cádiz, auftraten (puellae Gaditanae), die rhythmische, sinnliche Tänze mit zuckenden Bewegungen ausführten. Sie begleiteten sie mit einer Art Klappern.“

Näheres über diese besondere Musikkultur unter https://de.wikipedia.org/wiki/Flamenco.

Im benachbarte Viertel finde ich an vielen Häusern eine Gedenktafeln für berühmte Flamenco-Tänzer. Selbstverständlich werden jederzeit Flamenco-Shows in Bars oder Hotels angeboten. So werben sie dafür: „Bei dieser Flamenco-Show in Cádiz erleben Sie die typisch andalusische Musik in einer authentischen Atmosphäre. Über die Entstehung des Flamenco gibt es viele Theorien, aber keine schriftliche Belege vor dem Ende des 18. Jahrhunderts. Wahrscheinlich vereint er sehr viele unterschiedliche Einflüsse z.B andalusischer und arabischer Volksmusik und ganz eng verbunden ist der Flamenco natürlich mit der Kultur der Zigeuner. Es existieren viele verschieden Stilrichtungen des Flamenco, einige Tanzstile können Sie bei der Cadiz Flamenco Dinner Show kennenlernen: Tarantos, Alegrías, Soleares, Rondeñas und Bulerias. Cadiz gilt zudem als die Wiege zahlreicher, erfolgreicher Flamenco-Künstler wie Sara Baras, José Mercé, Paco de Lucía, Camarón de la isla und vielen mehr. Dabei zählt der Flamenco nicht nur zur Kultur, sondern auch als soziales Bindeglied in Spanien und ästhetische Ausdrucksweise. Sie bekommen auch dank des professionellen Guide während der Flamenco-Show in Cadiz einen hervorragenden Einblick in diese faszinierende Kunst und die spanische Kultur.“

Viel schöner finde ich aber, dass man immer wieder einzelne Leute finden kann, die irgendwo an einem Platz einfach für sich Musik machen oder nur mit den eigenen Händen begleitet einen Flamenco tanzen.

Im Juni gibt es extra eine ganze Woche, wo überall verschiedene Gruppen mit sehr unterschiedlichen Musikstilen auftreten. Da tönt es die halbe Nacht an jeder Ecke. An einer wird sogar die Polizei gerufen wegen Ruhestörung. Der Polizist  hört  eine Weile begeistert zu und zieht dann wieder ab.

Natürlich gibt es auch weniger begabte Musiker, die vor Touristencafés bettelnd immer dieselbe Leier spielen. Denen möchte man Geld geben, damit sie endlich aufhören.

Andalusien (12):  Jerez

Mit der Bahn fahren wir nach Jerez de la Frontera, nachdem wir dort schon einmal die berühmte Hofreitschule besichtigt und eine Vorführung „Wie die andalusischen Pferde tanzen“ gesehen hatten. Das ist neben den Sherry-Bodegas eine besondere Sehenswürdigkeit.

Jetzt laufen wir durch die malerische Altstadt mit ihrem Alcázar, der Kathedrale und vor allem der  weniger beachteten Kirche San Miguel, ein Schmuckstück des plateresken Stils. Wir speisen auf der Plaza del Arenal. Dort weckt ein kolossales Reiterstandbild von Miguel Primo de Rivera meine Neugierde. Wer  war das?

Ich sehe einen General. Tatsächlich war er – geboren in Jerez 1870 – aber von 1923 bis 1930 Spaniens Diktator. Das ist eine Epoche, über die ich wenig weiß. 1895 bis 1913 kämpfte er in den damaligen spanischen Kolonien Kuba, Philippinen und Marokko. Wenig ruhmvoll schlug er 1922 Aufstände in Katalonien nieder. Seine Militärdiktatur wurde abgelöst von der Zweiten Spanischen Republik. Seine Kinder aber gründeten 1933 die faschistische Bewegung Falange, die nach dem Bürgerkrieg Franco an die Macht brachte. Noch heute existieren mehrere Gruppen und Parteien mit dem Namensbestandteil „Falange“, die zum rechtsextremen Spektrum zu zählen sind.

Die damals extremen Klassenunterschiede zwischen den reichen „Sherry-Baronen“ und den einfachen Tagelöhnern erkennt man noch im Stadtbild. Gutbürgerliches Ambiente im Zentrum und luxuriöse Villenviertel im Norden dagegen ziemlich heruntergekommene Wohngebiete der Armen in der westlichen Altstadt und  im Süden.

Mit etwas Sozialgeschichte im Kopf betrachte ich die Schatzkammer der Kathedrale mit gemischten Gefühlen. Leider hat die katholische Kirche immer mit den Reichen paktiert und sich in Zeiten der Diktaturen erhebliche Privilegien gesichert. Das kriegt sie heute zu spüren.

Es wundert nicht, dass die eher liberalen und linken Parteien der Zweiten Republik antiklerikal oder kirchenfeindlich eingestellt waren. Als sie errichtet wurde, gab es  20000 Mönche, 60000 Nonnen und 31000 Priester. Die geistlichen Orden waren bedeutende Land- und Kapitalbesitzer. Im Katechismus von 1927 ist zu lesen: „Welche Sünde wird durch die Stimmabgabe für einen liberalen Kandidaten begangen? – Im allgemeinen eine Todsünde.“

Bereits im Mai 1931 werden in Madrid Kirchen angezündet, auch in  Andalusien brennen Kirchen und Klöster. Es kommt zu Plünderungen. Als  im Juli 1936 der Aufstand gegen die Republik beginnt, war die Gesellschaft tief gespalten. So wurde der Bürgerkrieg auf beiden Seiten mit aller Härte ausgefochten. Tausende Tote waren die Folge.

Ohne die deutsche Hilfe wäre aber Francos Erfolg nicht möglich gewesen. Er saß mit seinen Soldaten in Marokko fest und konnte mangels Schiffen und Flugzeugen sie nicht über die Meerenge transportieren. Da halfen Hitler und Mussolini. Auf einer Luftbrücke wurden im Juli und August 1936 10500 Mann übergesetzt und im September noch einmal 9700 nach Sevilla transportiert. Neben der legendären Ju 52 als Transporter wurden auch Jagdflugzeuge nach Cádiz verschifft. Die bombardierten später den einzigen Panzerkreuzer der Republik, sodass man danach auch Schiffe einsetzen konnte. Die weitere Geschichte der deutschen „Legion Condor“ ist ja bekannt. Die Gesamtzahl der Toten des Spanischen Bürgerkriegs wird mit 436000 angegeben. H.-Chr. Kirsch (hrg.): Der spanische Bürgerkrieg in Augenzeugenberichten, dtv 1971, S.448.

Andalusien (11): China in Spanien

Gegenüber unserer Wohnung in Cádiz gibt es eine kleine „librería“, in der es nicht nur Bücher und Zeitungen, sondern auch Bustickets und Stadtpläne gibt. Mir gefallen die vielen keinen Läden, in denen oft der Besitzer der einzige Verkäufer ist. Allerdings muss man sich erst an die jeweiligen Öffnungszeiten gewöhnen. Vor 9 Uhr macht der Bäcker nicht auf, sodass man entweder auch frisches Brot verzichten oder eben später frühstücken muss. Während der Siesta kann man den Obst- und Gemüseladen vergessen. Man könnte natürlich  zu einem Supermarkt gehen, aber Lidl haben wir auch zuhause. Besonders haben es uns die „Krimskrams-Läden“ angetan, in denen man trotz seltsamer Ordnung meistens fündig wird. Es gibt nichts, was man nicht dort findet. Mir fällt auf, dass sie fast immer von einem Chinesen geführt werden. Die reagieren auf chinesische Grüße eher abwehrend. Sie scheinen Tag und Nacht in ihren Läden zu leben, im Stadtbild fallen sie nicht auf. Bereits 2015 machten die Importe chinesischer Waren zehn Prozent der spanischen Einfuhren aus. Als wir damals in China waren, lasen wir, dass ein Güterzug von Peking nach Spanien geschickt wurde, der nach Wochen dort eintraf. Die meisten Waren werden aber per Schiff nach Barcelona und Valencia gebracht: Steigerung 36% zum Vorjahr. Schlagzeilen machte damals die chinesische Firma Tzaneen, die den Flughafen Ciudad Real aufkaufte. Inzwischen kaufen Investoren vor allem Gebäude, Hotels und Golfplätze. Die chinesischen Beteiligungen an spanischen Unternehmen werden mit 4,65 Milliarden Euro angegeben. Fußballfans erinnern sich, dass in jenem Jahr der Milliardär Wang Jianlin 20 % des Fußballvereins Athlético Madrid kaufte.

Mit den Touristen und dem Wirtschaftswachstum kam natürlich auch die Mafia. Einige Chinesen waschen im Import-Export-Geschäft im großen Stil Geld. Manche spanischen Banken haben deswegen Prozesse zu bestehen.

Insgesamt profitiert die spanische Wirtschaft. Da Chinesen gutes Essen zu schätzen wissen, kaufen sie gern spanische Lebensmittel, zum Beispiel den echten iberischen Schinken. Eine Keule Schinken kann dabei bis zu 600 Euro kosten. Da gar nicht so viel geliefert werden kann, haben Chinesen schon versucht, mit eigenem Schweinefleisch die Rezeptur zu kopieren.  Der chinesische Internet-Konzern Jd.com (ähnlich wie  Amazon) mit 300 Millionen Kunden hat gerade einen Kooperationsvertrag mit Osborne unterschrieben, einem der größten Produzenten von spanischen Delikatessen. Deren früher allgegenwärtiges Stierbild kennt jeder Autofahrer.

Spanien ist für viele chinesische Immigranten attraktiv, weil sie nach wenigen Jahren tüchtiger Arbeit einen EU-Pass erlangen können. Reiche chinesische Familien wollen auf diese Weise einen Fuß in die EU bekommen, denn wegen der mangelnden Rechtssicherheit könnte ihr Reichtum in China auch schnell wieder schwinden.

Uns stören chinesische Touristen nur einmal unangenehm. In Ronda verdrängt uns eine Gruppe ziemlich aggressiv auf einer Aussichtsplattform, weil jede und jeder unbedingt ein Selfie machen muss. Da platzt sogar meiner sonst sanften Frau der Kragen. Zum Glück haben sie nie Zeit zu verweilen und verschwinden bald wieder.