Archiv für den Monat Januar 2018

Große Koalition für Aufrüstung

Kürzlich nahm ich am Neujahrsempfang der örtlichen SPD teil. Ich hatte erwartet, dass unser MdB frische Eindrücke von den Sondierungen aus Berlin mitbringt. Er zog es allerdings vor, es bei einigen Allgemeinplätzen zu lassen. So wird Politikerverdruss gefördert.

Die meisten waren allerdings sowieso gekommen, um den ehemaligen Betriebsseelsorger Paul Schobel zu hören. Der für seine deutlichen Worte bekannte Priester begann gleich mit dem Papst-Zitat „Diese Wirtschaft tötet.“ Seine im besten Sinne radikalen Analysen zu den Auswirkungen des globalen Kapitalismus finden meine Zustimmung. Allerdings wurde mir nicht deutlich, warum er sich wohl wesentliche Änderungen immer noch von der SPD erwartet.

http://www.drs.de/profil/glaubenszeugnis/zeitzeugen-im-portraet/pfarrer-paul-schobel.html

An diesem Wochenende werden die Delegierten beim SPD-Parteitag über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der CDU abstimmen. Während über Rente und Migration gestritten wird, wird den  friedens- bzw. militärpolitischen Passagen des Sondierungspapiers keine Beachtung geschenkt.

Es beginnt mit Ausführungen zur Europäischen Union, die als „historisch einzigartiges Friedens- und Erfolgsprojekt“ bezeichnet wird, das allerdings aufgrund zunehmender Großmachtkonflikte gezwungen sei, sein „Schicksal mehr als bisher in die eigenen Hände [zu] nehmen.“ Hierfür müsse die „europäische Außen- und Sicherheitspolitik […] im Sinne einer Friedensmacht Europa gestärkt werden.“ Und zu diesem Zweck wolle man vor allem die „Zusammenarbeit bei der Sicherheits- und Verteidigungspolitik (PESCO) stärken.“ Dass „Friedensmacht“ EU in einem Atemzug mit einer Stärkung von PESCO genannt wird, dem derzeit wichtigsten Projekt zur Militarisierung der EU, ist wohl Konsens in diesen Parteien. Zwar lehnen sie „völkerrechtswidrige Tötungen durch autonome Waffensysteme“ ab, wollen aber gleichzeitig „im Rahmen der europäischen Verteidigungsunion die Entwicklung der Euro-Drohne weiterführen.“

Weiter findet sich in dem Papier die Absichtserklärung: „Wir schränken die Rüstungsexporte weiter ein, schärfen die Rüstungssexportrichtlinien aus dem Jahr 2000 und reagieren damit auf die veränderten Gegebenheiten.“ Das ist eine Verdrehung  der Tatsachen, denn die Waffenexportgenehmigungen sind fast jedes Jahr gestiegen und haben mit über 10.500 im Jahr 2016 fast einen Rekord erreicht. Zwar wurde heute verkündet, dass man im Sinne der Sondierungen wegen des Krieges im Jemen die Waffenexporte an Saudiarabien gestoppt habe. Aber das wird die Saudis kaum stören, denn sie haben schon mehr bekommen als sie brauchen. Und Jemen ist bereits zerbombt.

Wie ernst es der SPD damit ist, die „Rüstungsexporte einzuschränken“, zeigt aktuell ein TV-Bericht von „Report München“  vom 16. Januar 2018. Der Praxis, deutsche Exportrichtlinien durch Firmenniederlassungen im Ausland zu umgehen, könne rechtlich Einhalt geboten werden, so „Report“. Dies werde von Linke und Grünen befürwortet, von CDU/CSU und AfD abgelehnt.  Die SPD will wohl abwarten, ob sie in die Regierung kommt oder nicht. „Waffenexporte in Krisenregionen über ausländische Tochterfirmen wie jene des Rheinmetall-Konzerns könnte der Gesetzgeber beschränken. Zu diesem Ergebnis kam vor kurzem der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in zwei Gutachten. […] Und die SPD-Fraktion? Die Sozialdemokraten im Bundestag verwiesen zunächst an den SPD-Parteivorstand, der wiederum zurück an die Fraktion verwies. Am Ende teilte die Pressestelle mit, man könne die Fragen von „Report München“ nicht beantworten.“

Ein weiterer großer Teil im Sondierungspapier beschäftigt sich mit den gegenwärtigen Bundeswehr-Einsätzen. Der aktuelle Anti-IS-Einsatz, bei dem kurdische Peschmerga-Kämpfer durch die Bundeswehr „ertüchtigt“, also aufgerüstet und ausgebildet werden, soll augenscheinlich verlängert und auf weitere Teile des Irak ausgedehnt werden. Das nennt sich dann: „Mandat zur umfassenden Stabilisierung und zur nachhaltigen Bekämpfung des IS-Terrors insbesondere durch capacity building weiterentwickeln.“ Auch die Bundeswehr-Beteiligung an der „UN-mandatierten Mission MINUSMA in Mali wird fortgesetzt.“ Der „dicke Hund“ ist aber die Erhöhung des aktuell 980 Soldaten umfassenden Bundeswehr-Kontingentes für die NATO in Afghanistan. Während dies noch vor nicht allzu langer Zeit deutlich abgelehnt worden war, heißt es nun, man müsse die „Zahl der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten zum Schutz der Ausbilder erhöhen.“

Rüstung wird uns noch mehr Geld kosten. Im Sondierungspapier heißt es, dass man Entwicklungshilfe und Rüstungshaushalt zusammen um 2 Mrd. Euro zwischen 2018 und 2021 aufstocken will. Damit ist aber nur ein Teil der Ausgabenerhöhungen benannt: „Tatsächlich kann die Truppe aber mit einem deutlich höheren Zuschlag rechnen, der in der Einigung allerdings nur versteckt auftaucht: […] Das Entscheidende ist dabei der Verweis auf den 51. Finanzplan: Er hat zwar auch keine bindende Wirkung, ist aber die Absichtserklärung der bisherigen großen Koalition, wie sie sich die Entwicklung des Bundeshaushalts in den vier Jahren von 2018 bis 2021 vorstellt. Für den Wehretat sieht der Finanzplan für diesen Zeitraum eine Steigerung um knapp neun Milliarden Euro auf 42,4 Milliarden Euro vor. Sollte es zu einer Neuauflage der großen Koalition kommen, kann die Bundeswehr also mit einer Aufstockung ihres Budgets um neun Milliarden Euro plus ihrem Anteil an den zwei Milliarden Euro für Verteidigung und Entwicklungshilfe rechnen.“ (Reuters)

Sollte es zu einer Koalition kommen, wird dies eine Große Koalition zur Aufrüstung sein.

Für die Informationen danke ich der der Tübinger Informationsstelle Militarisierung.  http://www.imi-online.de/2017/05/18/eu-broschuere2017.

Trauung für gleichgeschlechtliche Paare

Mein Kirchengemeinderat hat mich gebeten, über die gegenwärtige Debatte zur „Homoehe“ in der Evangelischen Landeskirche Württemberg zu berichten. Ende November 2017 hatte die württembergische Synode über das „Kirchliche Gesetz zur Einführung einer Ordnung der Amtshandlung anlässlich der bürgerlichen Eheschließung zwischen zwei Personen gleich Geschlechts“ abgestimmt. Die für dieses Gesetz erforderliche Zweidrittelmehrheit wurde knapp verfehlt (62 Ja-Stimmen/ 33 Nein-Stimmen/ 1 Enthaltung). (Warum eigentlich genügt  nicht die einfache Mehrheit?)

Ich bin weder direkt betroffen noch Experte, schlage aber drei konkrete Schritte vor.

Erstens: Die beiden Synodalen unseres Kirchenbezirks werden in eine öffentliche Veranstaltung eingeladen, damit die Diskussion nicht nur in den Medien stattfindet.

Zweitens: Unsere Gemeinde tritt der „Initiative Regenbogen“ bei und erklärt damit öffentlich, dass lesbisch und schwule Menschen willkommen sind. Dazu habe ich für die „Offene Kirche“ die Sprecherin Judith Quack interviewt:

Seit wann bist du im Kirchengemeinderat? Was verbindet dich mit der Initiative Regenbogen?

Grundsätzlich: Wir sprechen nicht von Regenbogengemeinden, sondern von Gemeinden, die sich der Initiative Regenbogen anschließen. Ich bin Kirchengemeinderätin in der Auferstehungskirche  Reutlingen seit 2013. Im Sommer vor einem Jahr gründete sich die Initiative Regenbogen mit dem Anliegen, dass sich Gemeinden dazu bekennen,

–    dass sie offen sind für Lesben und Schwule,

–    dass homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern im Pfarrhaus wohnen können und

–    dass sie eine Segnung von Lesben und Schwulen befürworten.

Unsere Gemeinde hat sich ohne große Diskussion dieser Initiative angeschlossen. Als im Sommer 2016 das erste Treffen der ersten Gemeinden stattfand, war ich bereit, als Ansprechpartnerin für interessierte Gemeinden die Initiative zu vertreten.

Wie viele Gemeinden haben sich bisher angeschlossen?

Zur Zeit gibt es dreißig Gemeinden, die sich der Initiative angeschlossen haben. Sie wollen eine völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen in der Kirche. Die Presse zeigt sie immer mal wieder interessiert, die Landeskirche hat meines Wissens nie reagiert. Es gab einen intensiven Schriftwechsel mit “Confessio”, einem Zusammenschluss von Pfarrerinnen und Pfarrern in der Württembergischen Landeskirche, die sich ganz der Bibel verpflichtet fühlen. Wir von der Initiative haben ganz bewusst davon Abstand genommen, diesen Briefwechsel zu veröffentlichen.

Wieso engagierst du dich für gleichgeschlechtliche Partnerschaften?

Ich bin grundsätzlich gegen Diskriminierung von Menschen und habe als Kind und junge Frau gelegentlich diskriminierende Erfahrungen gemacht, die mich möglicherweise sensibilisierten. Auch unser Aufenthalt in Afrika hat mich für Diskriminierung weiter sensibilisiert. Ich finde, unserer Kirche steht es nicht gut an, irgend eine Gruppe in unserer Gesellschaft zu diskriminieren.

Was sagt dein Mann dazu? Er unterstützt mich. Ich wünsche mir, dass dieser beschämende Zustand in unserer Landeskirche bald beendet wird und zur Folge hat, dass viele Menschen und Gemeinden sich zur Initiative bekennen. Ich möchte alle Gemeinden dringend bitten, sich dieser Initiative anzuschließen.

Judith Quack, Sprecherin der Initiative Regenbogen: initiativeregenbogen@bkh-wue.de

Drittens: Der Kirchengemeinderat gestattet öffentliche Segnungen.

Viele evangelische Landeskirchen ermöglichen Trauungen oder öffentliche Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare. Es ist klar, dass nicht einfach die traditionelle Agende benutzt werden kann.

 

Liturgische Kreativität ist gefragt. Die meisten Landeskirchen bieten in ihren Handreichungen mehrere Formulierungen an. Wer sucht, findet im Internet viele gelungene Beispiele. Eine Auswahl:

Begrüßung: „Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der die Liebe ist, im Namen von Jesus Christus, der uns Gottes Liebe als Mensch gezeigt hat, und im Namen des Heiligen Geistes, der uns in Liebe verbindet“. (Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens (LS)).

„Liebe/r N.N. und N.N., liebe Festgemeinde, herzlich willkommen ihr beide und alle, die diesen Tag mit euch (hier in der x-Kirche) feiern. Wir bitten mit euch um Gottes Segen: Lebensraft, die wir uns nicht selbst geben können. Darum sind wir jetzt hier und feiern Gottesdienst: Im Namen Gottes, Ursprung und Ziel des Lebens im Namen Jesu Christi, Grund der Liebe, im Namen des Heiligen Geistes, Fülle des Lebens.“ Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck(KW))

Eingangsgebet: „Gott, Du Ursprung und Ziel unseres Lebens, wir danken Dir, dass Du uns ins Leben gerufen und uns Glück und Freude geschenkt hast. Wir danken Dir für das Geschenk der Liebe und für die wunderbaren Wege, auf denen Menschen zueinander finden. Wir bringen vor Dich unsere Bitte um Segen und Bewahrung. Lass gelingen, was wir jetzt im Vertrauen auf Deine Gegenwart begonnen haben, und segne uns  jetzt in dieser Stunde und an allen Tagen unseres Lebens. Amen (LS)

„Gott, Du, Weiter als alle Worte, Tiefer als jeder Abgrund, Höher als alle Gedanken. Anders als alle Bilder. Wir suchen dich. Wir brauchen dich. Wir bitte dich, dass Du hier bist. Zu dieser Stunde. In diesem Raum. Mit uns und besonders mit N.N. und N.N. An dem Ort, an dem wir deine Nähe suchen. Du – der uns längst gefunden hat, Gott. Du mit deiner Stärke und mit deiner Schwäche. Mit deiner Größe und mit deiner Zartheit. Mit deinen Wundern und mit deinem Schweigen. Höre uns, öffne uns, erfülle uns.“ (KW)

Lesungen: Markus 12,28-34; Kol.3,12-17; Koh.4,9-12; 1.Kor. 13 (LS). Ruth 1,16ff (KW)

Treueversprechen: „So bekennt euch nun dazu vor Gott und dieser Gemeinde. N.N., ich nehme dich als meine(n) Partner(in) aus Gottes Hand. Ich will dich lieben und achten, dir vertrauen und treu sein. Ich will zusammen mit dir erkannt und genannt werden. Ich will dir helfen und für dich sorgen. Ich will zusammen mit dir Gott und den Menschen dienen, solange wir leben. Dazu helfe mir Gott.“ (LS)

„Ihr liebt euch und habt euch füreinander entschieden. Darum frage ich euch vor Gott und dieser Gemeinde: N.N. willst du N.N. aus Gottes Hand nehmen? Willst du eure Liebe schützen und bewahren? Willst du N.N. mit Achtung begegnen? Willst du zu ihm/zu ihr stehen in guter und in schwerer Zeit bis ans Lebensende, so antworte: Ja (mit Gottes Hilfe)“. Wdh. (KW)

Segen: „Gott segne euch. Gott stärke euch in der Liebe zueinander und in der Treue füreinander. Gott beschütze Eure gemeinsamen Wege. So segne euch Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.“ (LS)

„Gott segne euren Weg. Gott schütze eure Liebe. Gott schenke euch ein erfülltes Leben. So segne euch  Gott jetzt und allezeit. Amen (KW)

Das Fürbittengebet kann persönlich gestaltet werden. Oftmals beteiligen sich Verwandte und Freunde dabei. Man kann davon ausgehen, dass die meisten Paare schon einen mühsamen Weg durch Vorurteile und Anfeindungen hinter sich haben. Darum wäre ein Schuldbekenntnis für jahrhundertealte Diskriminierungen angebracht.

„Nach fast zwei Jahrtausenden schlimmster (manchmal sehr sublimer) Demütigungen und (z.T. blutiger) Verfolgungen homosexuell liebender Menschen durch die Kirche  bis in die Gegenwart – ist ein deutlicher Bußakt nötig, der eine neue Praxis im Zusammenleben mit homosexuell liebenden Menschen eröffnet.“ Arbeitspapier „Homosexuelle Liebe“ der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland, 1992

Als Lieder werden EG 65, 155, 170, 171, 209, 268, 272, 288, 321, 334, 395 u.a. vorgeschagen.

Es ist höchstwahrscheinlich, dass sich die Gemeinden in wenigen Jahren an gleichgeschlechtliche Ehen gewöhnt haben werden. Nicht nur die unmittelbar beteiligten Paare, sondern auch ihre  Familien sind dankbar für eine würdige und verantwortliche Gestaltung.

Ich gehe nach der Diskussion im Kirchengemeinderat Rottenburg mit einem guten Gefühl nach Hause. Ein solches Gespräch wäre in meiner aktiven Zeit in diesem Gremium noch nicht möglich gewesen.

Finale Sondierung

Es ist gut, dass die nervtötenden Sondierungen nun zu Ende sind. Man kann hoffen, dass wieder wesentlichere Nachrichten berichtet werden. Eine Regierung muss her, die die künftigen Herausforderungen einigermaßen bewältigt. In der heute veröffentlichten „Finalen Fassung“ stehen nur einige davon. Insbesondere die nötige Friedenspolitik kommt zu kurz.

„ Wir wollen ein Europa des Friedens und der globalen Verantwortung · Globale Herausforderungen brauchen europäische Antworten. Wir sind uns einig in der klaren Absage an Protektionismus, Isolationismus und Nationalismus. Wir brauchen international mehr und nicht weniger Kooperation… · Die gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik muss im Sinne einer Friedensmacht Europa gestärkt werden. Sie muss dem Prinzip eines Vorrangs des Politischen vor dem Militärischen folgen und auf Friedenssicherung, Entspannung und zivile Krisenprävention ausgerichtet sein. Wir wollen die Zusammenarbeit bei der Sicherheits- und Verteidigungspolitik (PESCO) stärken und mit Leben füllen.“

PESCO (Permanent Structured Cooperation, deutsch: Ständige Strukturierte Zusammenarbeit) bezeichnet die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten der EU, die sich in der gemeinsamen Militärpolitik besonders engagieren wollen.

Neues ist da nicht zu erwarten. Ich bin gespannt, wie die folgende Versprechung umgesetzt wird:

„Wir schränken die Rüstungsexporte weiter ein, schärfen die Rüstungssexportrichtlinien aus dem Jahr 2000 und reagieren damit auf die veränderten Gegebenheiten. Ergänzend zu den Kleinwaffen-Grundsätzen vom Mai 2015 streben wir weitere Restriktionen an. Auf dieser Basis streben wir eine gemeinsame europäische Rüstungsexportpolitik an und wollen den gemeinsamen Standpunkt der EU fortentwickeln. Die Bundesregierung wird ab sofort keine Ausfuhren an Länder genehmigen, solange diese am Jemen-Krieg beteiligt sind.“

Zweifel sind angebracht, wenn man die folgende Meldung heute liest:

„Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr Rüstungsexporte in Rekordhöhe an Ägypten (!) genehmigt. Wie aus einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht, hat sie zwischen dem 1. Januar und dem 15. November 2017 die Ausfuhr von Kriegsgerät im Wert von 428 Millionen Euro erlaubt. Dazu zählen Luft-Luft-Lenkflugkörper des Typs Sidewinder, die von Diehl Defence aus Überlingen am Bodensee geliefert werden und von Kampfflugzeugen im Nahkampf eingesetzt werden, sowie U-Boote. Ägypten wird alles in allem vier U-Boote aus der Produktion von ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) erhalten; zwei sind bereits ausgeliefert worden. Der U-Boot-Deal mit TKMS hat Ägypten bereits 2016 unter die Top 5 der Kunden deutscher Waffenschmieden aufrücken lassen; dort wird es sich voraussichtlich auch 2017 befinden.“ Und 2018?

Die „Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung“ GKKE veröffentlicht leider ihre Erkenntnisse immer zur Weihnachtszeit, wenn die meisten Leute mit anderen Dingen beschäftigt sind. Die Lektüre lohnt sich immer noch!

http://www3.gkke.org/fileadmin/files/downloads-allgemein/17_12_18_GKKE_REB_2017.pdf

Die GKKE forderte gleich nach der Wahl eine künftige Bundesregierung auf: „• keine Rüstungsexporte mehr in Krisenregionen und an Empfänger zu genehmigen, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben. Insbesondere staatliche wie nicht-staatliche Akteure, die aktive Parteien in einem Gewaltkonflikt sind, dürfen keine Rüstungsgüter erhalten. Auch Lizenzverträge und Abkommen zur Rüstungskooperation darf die Bundesregierung nicht genehmigen, wenn solche Lieferungen bzw. Weiterverbreitung durch die Partner nicht explizit ausgeschlossen sind. • den Anteil der Drittstaaten unter den Empfängern deutscher Rüstungsgüter, insbesondere von Kriegswaffen, deutlich zu reduzieren, • keine Waffen an Staaten zu exportieren, die den internationalen Waffenhandelsvertrag (ATT) nicht unterzeichnet haben, • die Genehmigung für die Ausfuhr von Klein- und Leichtwaffen sowie Munition mit der Auflage für die Empfängerstaaten zu versehen, sich aktiv am UN-Waffenregister sowie am Kleinwaffenaktionsprogramm der Vereinten Nationen zu beteiligen, • keine Hermes Kredite für Rüstungsexporte zu gewähren, • die deutschen Regelungen zu Fragen des Rüstungsexports zu systematisieren und in einem Rüstungsexportkontrollgesetz zusammenzufassen.“

Christliche und Soziale Demokraten sollten diese Forderungen im Sinne des Friedens umsetzen. Vielleicht können sie in den eigentlichen Koalitionsverhandlungen festgeschrieben werden. Passieren wird aber nur dann etwas, wenn die Bevölkerung der Regierung und ihren Parteien nicht länger „Vertrauen“ schenkt, sondern mißtrauisch Druck ausübt. Wir haben nicht nur bei der Wahl eine Stimme.

Sternsinger gegen Kinderarbeit

Unser Pastor sprach im Konfirmandenunterricht immer von den „Heiligen Zwei Königen“. Wenn wir protestierten, wies er uns an das Matthäusevangelium, wo über „Magier“ geschrieben wird. Er genoss unsere Überraschung: „Weder König, noch drei, noch heilig“. Wir sollten die Bibel genau lesen. So streng war 1962 der evangelische Unterricht.

In Württemberg ist „Heilige Drei Könige“ ein gesetzlicher Feiertag. Und die evangelische Pfarrerin im Gottesdienst hört schnell auf mit „Erscheinungsfest“ oder  „Epiphanias“, weil sie statt Predigt Geschichten von den Königen vorlesen will.

Am Nachmittag kommen dann wie jedes Jahr die Sternsinger ins Haus. Es sind keine Kinder, sondern ausgewachsene Männer. Ihr Gesang ist entsprechend. Sie sammeln für ein Projekt, das Kinderarbeit in Indien überwinden will. Eine eindrucksvolle Aktion, die mittlerweile ökumenisch organisiert wird.

https://www.sternsinger.de/fileadmin/bildung/Dokumente/kinder/2017_03_sternsinger-spezial_dks_ausbeutung_A.pdf

Kinderarbeit gibt es leider auch in China. Und da sind wir als Konsumenten direkt beteiligt. Viele Weihnachtsgeschenke (Spielzeug, Kleidung, das neue iPhone, Dekoration usw.) werden von Kindern hergestellt.

Die kleine Stadt Yiwu in der Zhejiang-Provinz produziert 60% der weltweiten Weihnachtsdekoration. 2001 waren es hier nur zehn Fabriken, doch mittlerweile gibt es sechshundert in der Stadt. Tausende Arbeiter produzieren hier die Weihnachtsdekoration  und nach Weihnachten geht es weiter mit Valentinstag, Ostern und Halloween. Yiwu ist bekannt als Weihnachtsstadt, aber auch hier arbeiten Kinder in den Fabriken. Viele sind unter sechzehn Jahre alt und arbeiten mehr als zwölf Stunden am Tag.

China ist bekannt für seine schlechten Arbeitsbedingungen und auch Kinder arbeiten hier in den Fabriken. Zehn bis- zwölf-Stunden Arbeit am Tag, sieben Tage die Woche, sind hier oftmals normal, denn die Arbeiter bekommen so wenig Lohn, dass sie ohne die Überstunden nicht über die Runden kommen würden. Zudem sind die Bedingungen in den Fabriken meist sehr schlecht und die Arbeiter sind ohne Schutzkleidung Chemikalien und anderen Gefahrenquellen ausgesetzt.

Erst Ende November 2017 wurde bekannt, dass bei dem chinesischen Zulieferbetrieb Foxconn jugendliche Praktikanten elf Stunden am Tag arbeiteten. Foxconn ist einer der größten Produzenten im Elektronikgewerbe und beliefert unter anderem Apple und Hewlett Packard. Die chinesischen Arbeitergesetzte verbieten unter 16- jährigen jegliche Arbeit und 16 bis 18- jährige dürfen höchstens acht Stunden am Tag arbeiten, jedoch sind unabhängige Kontrollen in dem autoritären Land kaum möglich und daher kommt es immer wieder zu Skandalen. Foxconn hatte schon früher schlechte Presse gehabt, als  sechzehn Arbeiter in den Jahren 2010 bis 2013 Selbstmord begingen und auch seitdem gab es in den Fabriken weitere Selbstmorde von Arbeitern.“ ( Financial Times;   27.11.2017 )

Wichtiger als Spenden und Caritas  ist ein politisch aufgeklärter Konsum. Aber wo wird man schon aufgeklärt in konsum-festlichen Zeiten?

Weltfriedenstag

Seit 1968 begeht die katholische Kirche den 1. Januar als Weltfriedenstag. Jedes Jahr gibt der Papst beachtenswerte Botschaften  heraus. Allerdings ist das Echo bescheiden. In hiesigen Gottesdiensten habe ich nichts davon gehört. Die meisten schlafen sowieso aus.Letztes Jahr gab es eine konkrete Ankündigung:

„Ich versichere, dass die katholische Kirche jeden Versuch, den Frieden auch durch die aktive und kreative Gewaltfreiheit aufzubauen, begleiten wird. Am 1. Januar 2017 tritt das neue „Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ in Funktion. Es wird der Kirche bei der Förderung » der unermesslichen Güter der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung « immer wirkungsvoller helfen und sie in ihrer Fürsorge für die Migranten, » die Bedürftigen, die Kranken und die Ausgeschlossenen, die Ausgegrenzten und die Opfer bewaffneter Konflikte und von Naturkatastrophen, die Gefangenen, die Arbeitslosen und die Opfer jeder Form von Sklaverei und Folter « immer durchgreifender unterstützen. Jede Handlung in dieser Richtung, so bescheiden sie auch sei, trägt zum Aufbau einer gewaltfreien Welt bei, und das ist der erste Schritt zur Gerechtigkeit und zum Frieden.

Ich wünsche mir von Herzen, dass dieser Geist den Prozess bestimmt, der im Laufe des Jahres 2018 dazu führen wird, dass die Vereinten Nationen zwei globale Pakte definieren und verabschieden – einen für sichere, geordnete und reguläre Migration, den anderen für Flüchtlinge. Als Vereinbarungen auf globaler Ebene stellen diese Pakte einen wichtigen Bezugsrahmen für politische Vorschläge und praktische Maßnahmen dar. Deshalb ist es wichtig, dass sie von Mitgefühl, Weitsicht und Mut inspiriert sind, so dass jede Gelegenheit genutzt wird, den Aufbau des Friedens voranzubringen. Nur so ist es möglich, dass der notwendige Realismus der internationalen Politik nicht dem Zynismus und der Globalisierung der Gleichgültigkeit zum Opfer fällt.“

Das Thema Migration hat er auch dieses Jahr aufgenommen:

„Dialog und Koordinierung stellen tatsächlich eine Notwendigkeit und ureigene Pflicht der internationalen Gemeinschaft dar. Jenseits nationaler Grenzen ist es möglich, dass auch weniger reiche Länder eine größere Anzahl von Flüchtlingen aufnehmen oder besser aufnehmen können, wenn durch internationale Zusammenarbeit die Bereitstellung der notwendigen Mittel gewährleistet ist.“

Leider sind durch den Fokus Migration die gegenwärtigen Kriege nicht im Blick. Auch unsere deutschen Medien blenden vieles aus, zum Beispiel den Krieg im Jemen. Liegt es am schlechten Gewissen? Denn Deutschland ist unmittelbar beteiligt.

„Die größte humanitäre Krise unserer Tage spielt sich im Jemen ab. Alle zehn Minuten stirbt dort ein Kind an Hunger oder vermeidbaren Krankheiten, Tausende sind der größten Cholera-Epidemie der letzten Jahrzehnte zum Opfer gefallen. Die Infrastruktur ist fast gänzlich zerstört oder zum Erliegen gekommen. Eine verbrecherische, von Saudi-Arabien verhängte umfassende Blockade hat dazu geführt, dass mittlerweile 7 Millionen Menschen im Jemen akut vom Hungertod bedroht sind. Fast drei Millionen Menschen sind aus Angst um ihr Leben auf der Flucht im eigenen Land. Ein Verlassen des Landes ist kaum möglich.

Das alles sind Folgen eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges, der hauptsächlich die Zivilbevölkerung trifft und der darauf ausgerichtet ist, das Selbstbestimmungsrecht der Jemenitischen Bevölkerung im Keime zu ersticken. Es ist ein Krieg, den die saudische Herrscherfamilie führt um den Jemen, den sie seit jeher als ihren Hinterhof verstanden hat, weiterhin als Vasallenstaat unter ihrer Kontrolle zu halten. Die bisher mehr als 10 000 getöteten Jemeniten nimmt sie dafür billigend in Kauf. Die UNO schlägt seit Monaten Alarm, denn das Morden ist für alle Welt offensichtlich. Doch aus den Regierungen des „Westens“ ist nur ein Schweigen zu vernehmen.

Mithilfe deutscher Patrouillenboote wird die verbrecherische Vollblockade des Jemens aufrechterhalten. Alleine in den letzten zehn Jahren haben deutsche Bundesregierungen Waffen und Kriegsgerät im Wert von fast 3,5 Milliarden Euro an die saudische Diktatur exportiert. Im Jahr 2015 waren es Waffen und andere Rüstungsgüter im Wert von 270 Millionen Euro, im Jahr 2016 sogar im Wert von 570 Millionen. Darunter Kampfflugzeuge, Hubschrauber, Munition und Patrouillenboote. Maschinengewehre der Marke Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar sind ebenfalls im Einsatz gegen die jemenitische Zivilbevölkerung. Dank deutscher Unterstützung werden diese Waffen mittlerweile in Riad in Lizenz produziert. Als wäre das nicht zynisch genug, bezeichnet die Bundesregierung Saudi Arabien, trotz aller Verbrechen, als „Stabilitätsanker“ in der Region. Die Bundesregierung schweigt nicht nur zu diesen massiven, von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten im Jemen begangenen Völkerrechtsbrüchen, sondern ist durch die exportierten Waffen Teil dieses Krieges und macht sich damit auch der Mittäterschaft schuldig.“                                                                  Quelle: Die Freiheitsliebe

Man würde wohl die Friedensaufrufe zum Neuen Jahr ernster nehmen, wenn die Predigten in der Kirche deutlicher wären. Denn: Die Wahrheit ist konkret.