Archiv für den Monat Januar 2016

Die Reformation radikalisieren

1968/69 studierte ich in Heidelberg vor allem Sozialethik und traf den jungen Dozenten Ulrich Duchrow, der gerade seine Habilitationsarbeit über Luthers Theologie geschrieben hatte, die mittlerweile gedruckt vorliegt: Christenheit und Weltverantwortung. Traditionsgeschichte und systematische Struktur der Zweireichelehre. 2. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1983.

Darum habe ich mich gefreut, dass er in Tübingen einen Studientag zum Thema „Die Reformation heute radikalisieren“ abhält. Sechzig Leute sind gekommen, darunter viele Pfarrerinnen und Pfarrer. Zum Thema hat Duchrow ungeheuer viel publiziert, was er bei seinem Vortrag immer wieder zitiert. Er hat eine Initiative gestartet, die auch im Internet zu finden ist:

„2017 wird das Reformationsjubiläum stattfinden – 500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Angesichts der gegenwärtigen Krisen kann man dieses Ereignis nicht einfach feiern. Deshalb hat sich eine interdisziplinäre Gruppe von WissenschaftlerInnen zusammengetan, die Gelegenheit dieses Jubiläums dazu zu nutzen, folgende Fragen zu stellen: Hat die Reformation zur Entwicklung der westlichen Moderne und der auf sie zurückgehenden Krisen beigetragen und, wenn ja, wie? Wie kann eine neu verstandene und praktizierte Reformation dazu beitragen, diese Krisen zu überwinden? Das würde eine tiefe Umkehr und Transformation auf der Grundlage der Wurzeln der Reformation erfordern, das heißt aber buchstäblich, sie zu „radikalisieren“.Vgl. http://www.radicalizing-reformation.com/index.php/de.“

In drei Kapiteln nähern wir uns heute dem Thema:

  1. “Befreiung zur Gerechtigkeit. Von einer individualistischen zu einer politischen Rechtfertigungslehre“. Wir studieren eine Hauptschrift Luthers „Vom unfreien Willen“, in der deutlich wird, dass er die bis heute herrschende Logik des Aristoteles überwinden will, die vom Individuum ausgeht. Luther sieht aber den Menschen immer in Beziehung. In 94 Thesen werden ursprüngliche Ansätze Luthers gegen seine späteren Irrtümer fruchtbar gemacht. Sie gehen von der biblischen Befreiung aus, die (etwa im Galaterbrief des Paulus) die „Herrschaftsmacht des römischen Gesetzes“ herausfordert. Die „Tora Christi“ (Galater 6,2) lautet „Einer trage des anderen Last“. Man darf dieses Gebot nicht (wie meistens in der Volkskirche üblich) privatistisch verkürzen, sondern muss es gesellschaftlich fruchtbar machen. „Eine neue Praxis des Einswerdens durch Miteinander und Füreinander bringt eine neue Form des Menschseins und der Welt hervor.“ Bescheidener sollten Christen nicht sein.
  2. „Von Luthers Schriften gegen Juden und Muslime zur interreligiösen Solidarität für Gerechtigkeit“. Luthers antijüdische Schriften erschrecken immer wieder auf’s neue. Man kann sie erklären durch ein Missverständnis des „Gesetzes“, das Luther mit der Tora des Judentums (und dem Recht der Papstkirche) identifizierte. Dazu die neue These 76: „Eine postkoloniale Interpretation der Reformationstheologie fördert ein Projekt der Inkulturation, um zu unterstreichen, dass interreligiöser Dialog ein prophetischer Dialog sein muss.“ Duchrow verweist dafür auf jüdische und muslimische Befreiungstheologen.
  3. „Luthers Kritik am Frühkapitalismus – was sie uns heute zu sagen hat“. Kritik am Mammon ist kein „ethischer Anhang“, sondern wird bei Luther zentral aus Gotteslehre und Sakramentsverständnis abgeleitet. Kein Geringerer als Karl Marx hat sich immer wieder auf Luther bezogen und ihn zitiert. Mit ihm kann man eine „Manna-Ökonomie“ entfalten, der es um ein „Genug für alle“ geht.

 

26 Seiten „Reader“ können selbst mit Duchrows Redegeschwindigkeit nicht vollkommen bewältigt werden. Seine vielfältigen Buchempfehlungen werden einen geübten Leser mindestens ein Jahr beschäftigen. Das Wichtigste ist allerdings in den fünf Bänden „Die Reformation radikalisieren“ (Lit-Verlag) enthalten. Sie sind teilweise englisch und deutsch verfasst, was sie unnötig aufbläht. Außerdem wiederholen sich die ersten sechzig Seiten zu den Grundsätzen.

Dennoch ist dieses Unternehmen dringend nötig, auch wenn es sich vor allem an wissenschaftlich Interessierte wendet. Es käme nun darauf an, dass diese Erkenntnisse in die allgemeine Bildungsarbeit der Kirchen und weiteren Öffentlichkeit einfließen. Denn das darf man Martin Luther nicht antun, dass man die Erinnerung an ihn der Tourismusindustrie Sachsens überlässt.

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DLF erklärt den Koran

Freitags höre ich gern im Deutschlandfunk (DLF) die kurze Sendung „Koran erklärt“. Man bekommt eine gute Einführung in den Koran und einen Überblick über die verschiedensten Auslegungen.

Mein Interesse am Koran, über den ich in der Schule rein gar nichts gehört hatte, begann mit einer Reise in die Türkei 1967, wo ich Studentinnen traf, die zu meiner Überraschung engagierte Musliminnen waren. Bis dahin hatte ich den Islam für eine überholte Angelegenheit alter Männer gehalten. Im meinem Studium der Theologie war der Islam auch nicht vorgesehen, aber an der Universität ist niemand gehindert, sich in anderen Disziplinen umzusehen. Ein gewisses Islam-Studium war später hilfreich, als ich interreligiöse Tagungen organisieren konnte. Da hatte ich es allerdings vor allem mit Islam-Verbänden zu tun, die an einer kritischen Koran-Lektüre nur wenig Interesse hatten.

In der multimedial begleiteten Sendereihe „Koran erklärt“ des DLF erläutern Islamwissenschaftler jeden Freitag ausgewählte Verse des Korans. Es werde sogar an Stammtischen inzwischen über das Werk geredet – deshalb sollte man es auch mal vorstellen, begründet Deutschlandradio-Intendant Willi Steul das Projekt. Den Koran könne man nur verstehen, indem man ihn in seinen historisch-exegetischen Zusammenhang stelle. (Ähnliches könnte man auch über die Bibel sagen!)

Heute geht es um den Vers 1 aus Sure 54: „Die Stunde ist nah, und der Mond hat sich gespalten.“ Wie soll man das verstehen?

Prof. Marco Schöller Uni Münster: „Die Stunde“ bezeichnet höchstwahrscheinlich die Stunde des Jüngsten Gerichts. Demnach beschreibt die Mondspaltung ein Ereignis, welches den nahenden Gerichtstag ankündigt. Es handelt sich somit um ein Anzeichen für den Beginn der Endzeit, wie es an vielen Stellen des Korans ähnlich geschildert wird. Tatsächlich aber gehen die muslimischen Koranausleger mehrheitlich davon aus, dass es sich bei der erwähnten Mondspaltung um ein Wunder handelt, das sich zur Zeit des Propheten zugetragen haben soll. Als die Ungläubigen ihm nämlich nicht glaubten, der wahre Gottgesandte zu sein, ließ Gott ein Wunder sichtbar werden: Über den Bergen von Mekka teilte sich der Mond in zwei Hälften, die in den Osten und den Westen wanderten, um sich anschließend wieder zu vereinen.“

Was denn nun? Wir können das aus heutiger Sicht nicht mehr klären. Der Koran bleibt in diesen Passagen ein besonders schwierig zu entschlüsselnder Text. Wenn es sich aber um endzeitliche Ereignisse handeln sollte, was nicht unwahrscheinlich ist, dann enthielte der Koran weit weniger historische Informationen als allgemein angenommen wird.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Erklärung gläubigen Muslimen nicht gefällt. Noch weniger die Analyse der letzten Woche. Der Koran gilt Muslimen als authentisches, unverfälschtes Wort Gottes. Man darf ihn interpretieren, aber nicht ein einziger Buchstabe darf verändert werden. Dennoch gibt es Indizien, dass genau das geschehen ist, meint Dr. Munther A. Younes, Cornell University, Ithaca, New York, USA.

Es gibt neben solchen wissenschaftlichen auch eher konservative Erklärungen gläubiger Musliminnen. Insgesamt sind es aber eher die liberalen Vertreter des Islam, die wir Nichtmuslime gern lesen und hören. Die reaktionären, in der islamischen Welt aber weit gewichtigeren Stimmen sind nicht vertreten. Dass der DLF (im Unterschied zu den neuen deutschen Islaminstituten an den Universitäten) die Islamverbände nicht einbezogen hat, wundert mich nicht. Ich fürchte darum, dass Muslime diese Sendung kaum hören. Die meisten Imame haben ihre eigenen traditionsgeleiteten Erklärungen, wenn sie nicht sogar (wie bei DITIB) von der türkischen Religionsbehörde vorgeschrieben sind.

Den Koran kann man sicher durch solche Auslegungen besser verstehen, den Islam insgesamt aber noch lange nicht. Dazu gehört seine reichhaltige, widersprüchliche Auslegungsgeschichte, die Prophetenerzählungen („Hadithe“) und die gegenwärtige politische Landschaft.

 

 

 

 

Reformation feiern?

Soll man die Reformation feiern?

Neujahrsempfang mit einem kirchengeschichtlichen Vortrag über die Reformation in Reutlingen: Viel erwarte ich mir davon nicht. Dann aber bin ich begeistert von dem rhetorischen Feuerwerk, das der Kollege Dr. Wolfgang Schöllkopf entzündet. Er ist Pfarrer am Stift Urach und landeskirchlicher Beauftragter für württembergische Kirchengeschichte.

Mein erster Lehrer für Kirchengeschichte war Professor Karl Kupisch in Berlin. Er fand, Geschichte müsse erzählt werden. Entsprechend unterhaltsam waren seine Vorlesungen, wenn auch ältere Semester über seine „Märchenstunde“ schnödeten. Immerhin empfahl er mir das damals neue Buch von Karlheinz Deschner „Abermals krähte der Hahn“. Wer das (oder die folgende „Kriminalgeschichte des Christentums“) gelesen hat, ist vor unkritischer Beweihräucherung der Kirchengeschichte gefeit. Mein Blick auf die Reformation war allerdings norddeutsch geprägt. Im Unterricht hatte ich viel von Johannes Bugenhagen und natürlich Martin Luther gehört. Schließlich traf man sich in meiner Heimatstadt an der „Luther-Eiche“ und meine Landeskirche Hannover bezeichnete sich ausdrücklich als „evangelisch-lutherisch“.

Als ich 1969 nach Tübingen umzog, musste ich mich erst mit der Geschichte der Landeskirche Württemberg beschäftigen. Meine Kenntnisse sind also ergänzungsbedürftig. Da kam mir der Vortrag über die Reformation in unserer Nachbarstadt gerade recht. Noch immer spürt man ja einen gewissen Gegensatz zur Universitätsstadt Tübingen, obwohl oder gerade weil beide Städte so nahe beieinander liegen und eben auf eine sehr verschiedene Geschichte zurückblicken.

Die Reformation in der ehemaligen freien Reichsstadt Reutlingen mit ihren damals gerade mal 4000 Einwohnern ist eng mit dem Namen Matthäus Alber (1495-1570) verbunden. Der Sohn eines Reutlinger Goldschmieds studierte an der Universität Tübingen bei Philipp Melanchthon. 1520 wechselte er nach Freiburg, wo er auch die Schriften Luthers studierte. Luther selber war nie in Württemberg. Als ihn 1521 die Reutlinger zum Prädikanten beriefen, predigte er sehr zum Missfallen des Bischofs und der Regierung das reine Evangelium. Die Reutlinger Bürgerschaft drängte ihren Rat dazu, sich auf die neue Lehre festzulegen. Das war immerhin ein Anflug von Demokratie, wenn auch nur 15% der Bewohnerschaft stimmberechtigt war.

Die Stadt gehörte 1529 zu den Vertretern der protestantischen Minderheit (Protestation) am Reichstag zu Speyer. Ihre Bürgerschaft forderte die ungehinderte Ausbreitung des evangelischen Glaubens. Nürnberg und Reutlingen waren die beiden Freien Reichsstädte im süddeutschen Raum, die sich 1530 durch Erstunterzeichnung zur evangelischen Confessio Augustana in Augsburg bekannten.

(Über lange Zeit war das Privileg, das Bürgerrecht der Stadt erwerben zu können, Protestanten vorbehalten. Juden waren bis in die 1860er Jahre gänzlich aus der Stadt verbannt. Katholiken wurden allenfalls als Dienstboten geduldet.)

Matthäus Alber nahm nicht wie andere spätere Reformatoren an der berühmten Heidelberger Disputation teil, in der Luther seine Thesen erklärte. Mit seinen Ausführungen grenzte sich Luther von der scholastischen Theologie in all ihren unterschiedlichen Schattierungen ab. Zwar konnte er keinen der Professoren überzeugen; wohl aber stieß er bei den anwesenden Studierenden auf begeisterten Zuspruch – u.a. bei Johannes Brenz, den späteren Reformator von Schwäbisch Hall, Erhard Schnepf, dem Ulmer Reformator Martin Frecht sowie der Zentralfigur der oberdeutschen Reformation, Martin Bucer. Auch wenn manche von ihnen später eigene Wege gehen sollten, war für sie alle die persönliche Begegnung mit dem Wittenberger Reformator prägend. „Insofern war Luthers Auftritt in Heidelberg nicht nur ein theologisches Ereignis, sondern ein wichtiges Anfangsdatum der südwestdeutschen Reformation überhaupt“.

Ich lerne, dass die Reformatoren junge Leute waren, die in einer Zeit, die (wie heute?) „aus den Fugen“ geraten war, eine neue politische und spirituelle Grundlage schufen. Die liturgischen Einflüsse kamen eher aus Straßburg oder der Schweiz, weshalb die Württemberger bis heute eher schlichte reformierte Gottesdienste pflegen. Als die Reutlinger bei Luther in Wittenberg anfragten, wie sie diese gestalten sollten, legte er sie nicht auf seine deutsche Messe fest, sondern gestand ihnen eine eigene kirchliche Entwicklung zu. Formen und Kirchenordnung sind zweitrangig. Wichtig ist allein, dass Christus verkündigt wird.

Am 4.1.1526 schrieb er an „alle lieben Christen in Reutlingen“: Er akzeptiere, dass sie zwar die reformatorische Lehre übernommen haben, nicht aber die Gottesdienstform der deutschen Messe, sondern bei ihrem schlichten reichsstädtischen Predigtgottesdienst geblieben sind. Diese Weichenstellung wird genau so 1534 für Württemberg gelten, als die Reformation im Land eingeführt wird. Dies konnte erst so spät geschehen, weil Herzog Ulrich wegen unbotmäßigen Verhaltens gegen den Kaiser –zuletzt den militärischen Angriff auf die Reichsstadt Reutlingen –von dessen Truppen 1519 vertrieben worden war. Erst 15 Jahre später durfte er zurückkehren und die Reformation in Württemberg einführen.

So ist es bis heute geblieben. Die Württembergische Landeskirche ist im Bekenntnis lutherisch, in der Liturgie „oberdeutsch“ und in der Kirchenverfassung ein eigenes Gewächs. Darum habe ich mich in ihrem Dienst immer wohl gefühlt.

Soll ich die Reformation feiern? Am besten so, dass ich von ihr lerne. Dazu gehört auch ein selbstkritischer Umgang mit Geschichte und Gegenwart der Kirche.

 

 

Sexuelle Gewalt

Ich kann als Seelsorger kaum glauben, was mir die Frau erzählt: Sie sei seit dem 5. Lebensjahr mehrfach sexuell missbraucht worden vom Nachbarn, später öfter vergewaltigt, vom Therapeuten und Ärzten allein gelassen. Sie traut niemand mehr. Warum kommt sie dann zu mir? Sie will sich nur einmal unterhalten. Die Kirche sei ja auch nicht besser, aber sie glaube noch immer an Gott. Ich höre mir sie zwei Stunden an, hin- und hergerissen, ob ich das glauben soll. Ist letztlich nicht entscheidend. Dass die Frau leidet, ist nicht zu übersehen. Meine Versuche scheitern, sie zu einem Therapeuten zu lotsen.

Seit ich gestern die Filme „Operation Zucker“ und „Jagdgesellschaft“ in der ARD samt „Maischberger“ gesehen habe, muss ich alles glauben. Selten hat mich ein Film so erschüttert, obwohl er m.E. allzu viele Stilelemente der heutigen Krimis benutzt. Wenn dadurch aber die Öffentlichkeit aufgerüttelt wird, soll es recht sein.Vgl. http://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-kinderhandel-und-missbrauch/talk/index.html

Volker Herres, Programmdirektor des Ersten, zum Film:„Es passiert jeden Tag. Überall in Deutschland. Der Missbrauch von Kindern ist eins der schrecklichsten Verbrechen, weil es junge Menschen zerstört und lebenslang zeichnet. Und es ist ein lukratives Geschäft: UNICEF schätzt, dass weltweit mit Kinderhandel und Kinderprostitution bei stetig steigender Nachfrage mehr Geld verdient wird als mit Waffen.

‚Operation Zucker. Jagdgesellschaft‘ zeigt eine perfide Organisation, die hinter bürgerlicher Fassade ihren Mitgliedern Kinder ‚zur Verfügung‘ stellt. Die Täter gehören zur besten Gesellschaft und werden durch ein Netz von Mitwissern in verantwortlichen Positionen gedeckt. Die LKA-Kommissarin Karin Wegemann, durch ihre Ermittlungen in ‚Operation Zucker‘ traumatisiert, hofft, diesmal etwas gegen die ‚Jagdgesellschaft‘ unternehmen zu können. Nadja Uhl verkörpert Karin Wegemann mit einer Intensität, die uns in jeder Sekunde die Verzweiflung, aber auch den Willen der Figur spüren lässt. An ihrer Seite steht Mišel Matičević als Kommissar Ronald Krug, der feststellen muss, dass sich die Täter auch in seinem persönlichen Umfeld befinden.
Alles Fiktion? Leider nein, denn der Film beruht auf sorgfältig recherchierten Tatsachen. Die Produzentin Gabriela Sperl, die Drehbuchautoren Friedrich Ani und Ina Jung sowie die Regisseurin Sherry Hormann sind tief eingestiegen in diesen Sumpf von Gewalt, mafiösen Strukturen und schnell verdientem Geld. Was sie zutage gefördert haben, ist schwer erträglich, aber genau deswegen sollten wir genau hinsehen.“

Talkshows schaue ich normalerweise nicht gern. Zu oft geht es eben um Show und nicht um Erkenntnis. Doch jetzt ist das bei „Maischberger“ anders:

Julia von Weiler (Psychologin „Innocence in Danger e.V.“):Es sei durchaus denkbar, dass – wie im Film – gut vernetzte Personen wie z.B. auch ranghohe Justizbeamte oder Politiker kriminellen Gruppen bildeten, deren Ziel Kindesmissbrauch ist. Die Zahl der Missbrauchsfälle sei zwanzig Mal höher als in der Kriminalstatistik.“

„Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist eine in Deutschland in ihrem Ausmaß und ihren Folgen verkannte, vielfach noch immer tabuisierte und ignorierte Kriminalität“, beklagt der Polizist Manfred Paulus, der 25 Jahre lang bei sexuellen Gewalttaten ermittelte. Die Straftäter kämen auch aus hoch angesehenen Kreisen. „Akademiker sind in diesem Täterkreis nicht unterrepräsentiert“, sagt der Experte (Buch: „Pädokriminalität weltweit“).

Johannes-Wilhelm Rörig (Beauftragter der Bundesregierung): Es habe generell Jahrzehnte gebraucht, bis die Relevanz des Missbrauchs in der Politik angekommen sei.

Kindermissbrauch sei ein so exorbitantes Verbrechen, eine solche Grenzüberschreitung, dass das Vertrauen der Menschen in Polizei und Justiz erschüttert sei, wenn es um die Ahndung solcher Taten gehe, sagt die bekannteste deutsche Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen („Spiegel“).

„Es handelt sich bei sexuellem Missbrauch nicht um Einzelfälle, er ist in der Gesellschaft fest verankert und findet überall statt“, sagt der Gymnasiallehrer Andreas Huckele. Viele Jahre wurde er auf dem einstigen Vorzeige-Internat Odenwaldschule fast täglich missbraucht. „Was ist eine Demokratie wert, die sich als unfähig erweist, die Kinderrechte durchzusetzen und damit ihre schwächsten Bürger zu schützen?“, fragt der dreifache Vater und fordert unter anderem die Abschaffung der Verjährungsfristen für Täter.

Als ich in den neunziger Jahren eine mehrseitige Handlungsanweisung gegen sexuellen Missbrauch von meinem Oberkirchenrat ins Pfarramt bekam, habe ich noch entrüstet widersprochen. Mir reiche das Sechste Gebot. Heute würde ich nicht mehr protestieren, sondern mehr Fortbildung begrüßen.

Das Gebot lautet übrigens im Kleinen Katechismus Martin Luthers, den ich als Konfirmand noch auswendig hersagen musste: „Du sollst nicht ehebrechen. (Was ist das?) Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir keusch und zuchtvoll leben in Worten und Werken und in der Ehe einander lieben und ehren.“ Finde ich immer noch gut.

 

Im Schlachthof

Seltene Idee eines Ruhestandskollegen: Er möchte mit anderen Pfarrern i.R. den Rottenburger Schlachthof besuchen. Da ich in der Nähe wohne, vermittle ich einen Termin. Und gehe anstandshalber auch selber hin. Der ehemals städtische Schlachthof (gebaut 1904) ist mittlerweile privatisiert. Er preist sich  im Internet an:http://www.schlachthof-rottenburg.de.“Der Schlachthof Rottenburg ist Ihr kompetenter Schlachthof in Tübingen. Wir sind ein erfahrener Zerlege- und Schlachtbetrieb für Rind, Schwein, Lamm und Pferd. Unser Schlachtbetrieb ist Ihr professioneller Schlachthof in Tübingen (Rottenburg am Neckar). Seit mehreren Jahren verrichten wir sowohl für private als auch für gewerbliche Kunden Zerlege- und Schlachtarbeiten in bester Qualität. Für Fragen und Wünsche steht Ihnen das Team vom Schlachthof Rottenburg, Ihrem Schlachthof in Tübingen, gerne zur Verfügung.“

Na gut. Der Besitzer sieht aus wie man sich einen Schlachter vorstellt. In einem blutbefleckten Kittel führt er uns zunächst zu den Ställen. Ein paar Schweine warten auf die Schlachtung am Abend. Wenn man die munteren Tiere sieht, gibt es einem schon einen Stich ins Herz. Jetzt am Nachmittag ist nichts weiter los.

Wir sehen die Station, wo die Tiere betäubt werden. Geschächtet wird hier nicht, das ist in Deutschland (außer Berlin) verboten. Da wird der Chef sogar richtig emotional: „Das ist schrecklich!“ Nicht weniger schrecklich erscheint mir der handwerklich ausgeführte Stich und das Ausbluten in einer Wanne. Dann werden Haut und Haare entfernt. Nun geht es an den Haken und „gelernte Metzger“ zerlegen das Tier. Sie sind auf 400 €-Basis angestellt. Zwei Tierärztinnen untersuchen die lebendigen Tiere und nun das Fleisch, das letztlich am Haken weitergeführt wird in die Kühlkammer. Da können wir die Schweinehälften bewundern.

Es schließt sich eine Diskussion über die Fleischproduktion in Deutschland an. Dieser Betrieb ist vergleichsweise klein mit lediglich regionaler Bedeutung. Man weiß aber wenigstens, woher die Tiere kommen und welcher Metzger sie verarbeitet. Der Konkurrenz- und Preisdruck der Supermärkte ist allerdings enorm.

Gerade in diesen Tagen der „grünen Woche“ („Alle bekennen sich zum Tierwohl“) liest man ja überall von den Schwierigkeiten der Bauern. „Schweinezüchtern stinkt es“. (Für ein Kilo Schweinefleisch bekommt der Erzeuger 1,28 €.)

Ich weiß: Konsequent wäre eine vegane oder vegetarische Ernährung. Dazu kann ich mich noch nicht entschließen. Aber wir reduzieren den Fleischkonsum wie in meiner Kindheit, als es einmal am Sonntag ein Kotelett gab. Ich bin auch bereit, künftig zu unserm Dorfschlachter zu gehen, selbst wenn ich dann hinter schwäbischen Hausfrauen stehe und geduldig deren Handel anhören muss. Die achten natürlich nur auf Preis und Geschmack, aber scheren sich nicht um Produktionsbedingungen. Einmal mehr fordere ich, dass der Wirtschaftsteil der Lokalzeitung sich nicht nur an Aktienbesitzer richten sollte, sondern vor allem an Konsumenten. Beim Einkauf stimmen wir ja täglich über unsere Zukunft ab. Natürlich kann man sich im Internet genauer informieren, aber wer tut das schon? Vgl. https://www.foodwatch.org/de/startseite.

In religiöser Hinsicht gestatten die abrahamischen Religionen den Fleischverzehr, schränken ihn aber ein. Lediglich der Protestantismus war lange stolz, dass er keine Speisegebote kennt. Dafür betont er die Eigenverantwortung. Es gibt jedenfalls keine Pflicht zum Fleischkonsum. Die heutige Ernährungsindustrie konnte sich bis vor wenigen Jahren niemand vorstellen. Noch mein Großvater, Dorfpastor in Mecklenburg vor dem Krieg, hielt ein einziges Schwein, das ein Jahr für die große Familie reichen musste.

Vielleicht sollte der Rottenburger Schlachthof öfter Führungen veranstalten. Man kommt ins Nachdenken.

Stuttgarter Oper: Jenufa

„Jenufa“, der Inhalt der Oper von Leos Janacek, scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Die modernisierte Fassung der Stuttgarter Inszenierung von Calixto Bieito kann das nicht ändern. Im Gegenteil: Sie ist streckenweise peinlich (da spielen unmotiviert zwei Tischtennis!, ständig liegen Altkleider herum, es surren Nähmaschinen, Babygeschrei ) und lenkt nur ab.

Bieito versetzt uns in eine Textilfabrik, vermutlich irgendwo im postkommunistischen Osteuropa. Nur ein paar wenige haben Geld und leisten sich ordinäre Goldketten und aufgetakelte Blondinen im Pelzmantel. Die anderen werden auf die ein oder andere Weise ausgebeutet und korrumpiert. Sexuelle Übergriffe scheinen alle ziemlich normal zu finden. Wahrscheinlich, weil in dieser Gesellschaft selten mal jemand richtig nüchtern ist.

Doch ist die eigentliche Handlung wirklich so aus der Welt? Nach einem Schauspiel von Gabriela Preissova spielt sie in einer einsamen Mühle in den mährischen Wäldern.

Jenufa liebt Steva und erwartet von ihm unehelich ein Kind. Laca liebt Jenufa und entstellt sie aus Eifersucht. Die Küsterin, die hier die Moral verkörpert, liebt ihre Stieftochter Jenufa – um deren Ehre zu retten, tötet sie deren Neugeborenes. Aus Liebe lügt sie, das Kind sei an einer Krankheit gestorben. Bis der Frühling unter dem schmelzenden Eis die schreckliche Wahrheit ans Licht bringt.

In der Einführung der Dramaturgin wurde uns erklärt, dass Janáček den zweiten und dritten Akt während jener Monate schrieb, in denen sein eigenes Kind Olga mit dem Tod kämpfte. Er hat das Werk dem Andenken der Tochter gewidmet und später über die Oper gesagt: „Die Jenufa möchte ich nur mit dem Trauerflor der langen Krankheit, der Schmerzen und des Jammers meiner Tochter Olga und des Bübchens Vladimir umwinden.“ Man braucht jedoch Janáček biographische Situation nicht heranzuziehen, um die emotionale Wucht der Jenufa zu erklären.

Finden solche Dramen heute im Wandel der Sitten nicht mehr statt? Sicherlich: Anders als vor 1968 gibt es bei uns Zugang zu guten empfängnisverhütenden Mitteln. Abtreibungen sind nicht erlaubt, werden aber geduldet. Man muss keine Babys mehr töten. Die gesellschaftliche Ächtung nichtehelicher Kinder ist weithin überwunden. Doch warum ist die „Säuglingsklappe“ noch nötig? Warum finden alleinerziehende Mütter oft keinen Partner mehr? Und sind in islamischen Familien die Moralvorstellungen nicht sogar strenger als seinerzeit in böhmisch-katholischen?

Jamnacek ist seiner Zeit weit voraus. 1904 muss diese Oper revolutionär geklungen haben. Er begnügt sich aber nicht mit einer billigen Anklage gegen die Bigotterie der „Küsterin“, die die kirchliche Moral repräsentiert. Christiane Krautscheid (Erstabdruck: Programmheft der Berliner Philharmoniker Nr. 22, 22.04.2001) hat recht, wenn sie in der „Küsterin“ die Hauptfigur sieht: „Aber nicht Jenufa, die Titelfigur, steht im Zentrum des emotionalen Chaos. Sie ist, obwohl der nachträgliche Titel vom Übersetzer Max Brod das suggeriert, keineswegs Trägerin des tragischen Konfliktes oder gar die Hauptperson der Oper. Man kommt der Sache auf die Spur, wenn man die musikalischen Höhepunkte der Oper betrachtet: Es sind die drei Monologe des zweiten Aktes. An diesen Stellen stockt die Handlung; die Musik, komplexer und konzentrierter als in der gesamten restlichen Oper, steht ganz und gar im Dienst der Darstellung psychischer Prozesse. Jenufa singt einen dieser Monologe, es ist die ausgedehnte Szene, in der sie sich von bösen Traumhalluzinationen loszureißen müht. Die beiden anderen, die musikalisch gewichtigsten, gehören zur Partie der Küsterin: die Szene unmittelbar vor dem Kindsmord gehört dazu und das Ende des Aktes, „Wahnsinnsmonolog“ wird diese Szene in Opernführern gern genannt. Diese beiden zentralen Passagen lassen keinen Zweifel daran, wer die Hauptrolle spielt: Die Küsterin und nicht Jenufa ist das musikalische und dramatische „Schwergewicht“ unter den Figuren. Um sie geht es. …in dem Maße, in dem Jenufa ihr Wesen als Frau, als Mutter, als sexuelles Geschöpf annimmt und dadurch gestärkt wird, verliert die Küsterin an moralischer und geistiger Autorität. Das erfolgreichere Konzept vertritt Jenufa: sie befindet sich in Übereinstimmung mit ihrer Natur. Janáček betont diesen Aspekt, in dem er sie mehrfach in Übereinstimmung mit der äußeren, belebten Natur zeigt, etwa in der Fensterszene und in ihrem Gebet. Nur Jenufa besitzt dank ihrer harmonischen Totalität die natürliche Autorität, der Küsterin am Ende des dritten Aktes zu vergeben. Sie vollzieht den entscheidenden Schritt über die vorgegebenen Gesetze hinaus, zu dem die Küsterin nicht fähig war: sie verzeiht der moralisch Gefallenen und verlässt das Dorf. Ob ihre Ziehmutter genesen wird, welche Rolle sie zukünftig in der Dorfgemeinschaft spielen kann, bleibt offen. So erleichtert wir uns mit Jenufa fühlen, so hilflos bleiben wir angesichts der psychischen Zerrüttung der Küsterin zurück.“ Leider war in unserer Vorstellung am 14. Januar die großartige Sängerin Angela Denoke (geboren in Stade!) erkältet und brachte die Partie nur mühsam zu Ende. Die Küsterin wird vom Richter abgeführt. (Eine Szene, die die Regie fast unkenntlich macht) Am Ende findet Jenufa ihr Glück mit dem erst verschmähten Laca: „Zu dir führt mich die große Liebe, die dem Herrgott wohl gefällt.“

Schlatterhaus umbenennen

In den achtziger Jahren hatte ich als Studentenpfarrer häufig im Tübinger Adolf-Schlatter-Haus zu tun. Es ist das Zentrum der Tübinger Evangelischen Studentengemeinde. Allerdings gefiel uns damals die Benennung nach diesem konservativen Theologen nicht. Doch ein neuer Name war nicht möglich. Dass die theologische Fakultät in Tübingen in der Nazizeit ziemlich braun gewesen war, war mir seit 1968 bewusst. Adolf Schlatter selbst war kein Nazi, aber in der Haltung zum Judentum sehr ambivalent.

Heute abend schlug Professor Matthias Morgenstern anlässlich einer Buchvorstellung eine Umbenennung nach Charles Horowitz vor. Dieser war vor der Nazizeit ein jüdischer Mitarbeiter des evangelischen Theologen, half ihm angesichts seiner mangelhaften Hebräischkenntnisse bei der Übersetzung des Talmud, musste dann aber vor dem Naziterror nach Frankreich flüchten und untertauchen. Er konnte nach dem Krieg nicht mehr in Tübingen Fuß fassen.

Eigentlich ging es um das Buch: Matthias Morgenstern (Hrsg.), Reinhold Rieger (Hrsg.):Das Tübinger Institutum Judaicum, Franz Steiner Verlag 2015.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Judentum an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen begann mit der Berufung Adolf Schlatters (1852–1938) zum Sommersemester 1898. Aufgrund judenfeindlicher Äußerungen Schlatters und wegen der Verstrickung seines Nachfolgers Gerhard Kittels in den Nationalsozialismus waren der Neubeginn der Arbeit nach dem 2. Weltkrieg und die Gründung des Institutum Judaicum durch Otto Michel (1903–1993), der selbst Mitglied der NSDAP gewesen war, historisch belastet. Michels Bestreben war darauf gerichtet, nach der Schoah jüdische und christliche Forscher wieder zusammenzubringen; zugleich verschwieg er aber seine eigene Vergangenheit.

In der Diskussion über Schlatter ging es vor allem um eine Altersschrift von 1935, in der er sagt, Jesus sei der Überwinder und der größte Feind des Judentums: „Die nordische Seele ist deshalb dazu angelegt, etwas von der Größe Jesu zu spüren, weil sie die verabscheut, die sich feig und weichlich nur um ihr eigenes Wohlsein bemühen. Gegen diesen Missbrauch des Lebens hat keiner so ernst und so sieghaft gestritten, wie Jesus es tat. Einen gewaltigeren Widersacher als ihn hat das Judentum nie gehabt.“ War das nun krasser Antisemitismus? Oder im gegenteiligen Sinn „eine geradezu leidenschaftliche Absage an die Verherrlichung der arisch-nordischen Rasse einerseits und die Geringschätzung der jüdischen Rasse andererseits“? Die Schrift wurde immerhin von der Gestapo „wegen ihrer unsachlichen Stellungnahme zu den weltanschaulichen und rassischen Problemen des nationalsozialistischen Staates beschlagnahmt und eingezogen“ sowie auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Die Diskussion wird sichetrlich weitergehen. Leider haben sich kaum Studenten daran beteiligt. Ist das für sie „Schnee von vorgestern“?

Neben den theologischen Beiträgen gibt es einen lokalhistorischen von Hans-Joachim Lang „Tübingen nach dem Holocaust“, in dem er beschreibt, wie mühevoll die Aufarbeitung der Vergangenheit war und ist.

Ich bin darum dafür, dass das Schlatterhaus nach Charles Horowitz umbenannt wird.

 

Wozu ist das Alte Testament gut?

Lieber H.

Du hast mir einen Kirchenzeitungs-Artikel „Neue Runde im Professorenstreit um Altes Testament“, (die kirche Nr.50, 13.12.2015) über eine Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin geschickt und bemerkt “Für uns „Laien-Christen” ist dieser Disput absolut irrelevant…” Ich verstehe diese Aussage ganz gut aufgrund Deiner diakonischen Erfahrungen. In der Praxis gibt es andere Prioritäten. Und christlicher Glaube besteht zunächst einmal im praktischen Engagement.

Daneben ist aber auch das Verstehen und Nachdenken über den Glauben wichtig. Dazu ist prinzipiell die Evangelische Theologie da. Wir Protestanten haben nämlich kein päpstliches Lehramt, das sagt, was gilt, sondern wir müssen selber denken. Die wissenschaftliche Theologie kann uns dabei anleiten. Sie kann uns natürlich auch verführen, denn Professoren streben nicht immer nur nach reiner Wahrheit, sondern sind manchmal auch schlicht eitel oder rechthaberisch.

Wenn wir also die Bibel lesen, die die Quelle unseres Glaubens ist, dann müssen wir sagen, welche Bedeutung das Alte Testament hat. Wir sind ja keine Juden, in deren Religion und Kultur die Schriften entstanden sind, die wir Altes Testament (AT) nennen.

Manche Christen meinen nun, wie mir mal einer sagte: „Das AT geht uns doch nichts an“. Er dachte wohl: „alt“ meint „veraltet“. Das denkt unsere Kirche nicht. Aber wie dann?

Da gibt es in der Kirchengeschichte zwei Extreme, die immer wieder variiert werden:

Die einen finden wie schon der Bischof Markion im 2. Jahrhundert oder der liberale Theologe Adolf von Harnack: Das AT ist eine Vorläufer-Schrift; der Gott Jesu ist darin nicht zu finden. Wir können es nicht „Gottes Wort“ nennen. Diese Position haben die „Deutschen Christen“ (DC) in der Nazi-Zeit so extrem vertreten, dass sie die ganze Bibel „entjuden“ wollten. Man hat gesehen, wohin wir kommen, wenn einem ganzen Volk die Zehn Gebote aus dem AT zu dumm sind. Diese Episode unserer Kirche erklärt, warum der Streit um die Thesen des Dogmatikprofessors Notger Slenczka solche Wellen schlägt. Man bringt ihn – sicher fälschlich – in die Nähe der DC-Position.

Das andere Extrem ist nach dem Krieg eine Kehrtwende im Verhältnis zum Judentum. Anders als früher lernen wir Bibelverständnis auch von Rabbinern. Aufgrund der jüdisch-christlichen Dialoge hat man allerdings bei manchen Theologen den Eindruck, dass ihr Christentum ein Judentum für Heiden ist.

Dazwischen gibt es alle möglichen Positionen, darunter meine: Ich frage mit Martin Luther die ganze Bibel danach, „was Christum treibet“. Gemeint ist, dass wir das Evangelium schon im Alten Testament entdecken können, aber im Neuen Testament auch manch „stroherne Epistel“ ist. Will sagen: Ohne theologische Sachkritik, die bereits die Apostel geleistet haben, geht es nicht. Sie lehnten schon die Speisegesetze, Vorschriften wie die Beschneidung und manches andere ab.

Die heutige wissenschaftliche Theologie baut darauf, aber auch auf Kirchenväter, Reformation und Aufklärung auf. Sie analysiert zunächst die Bibel wie andere antike Texte historisch-kritisch, fragt dann aber nach der heutigen Bedeutung. Dazu gibt es in der theologischen Hermeneutik (Kunst des Verstehens) eine Fülle von aufregenden Methoden. Man muss sich einmal klar machen, dass kluge und weise Menschen seit bald 2000 Jahren sich mit diesen Texten beschäftigen.

Heute liebe ich das Alte Testament für seine Schöpfungserzählungen und Psalmen, die mich zur Verantwortung für die Schöpfung inspirieren. Ich liebe prophetische Texte, aber auch manche Gesetzestexte, die mich an den Kampf für Gerechtigkeit – das häufigste Wort im AT! – erinnern. Ich liebe das AT nicht zuletzt, weil es die Nächstenliebe erfunden hat, auf die Jesus, der nur diese Schrift kannte, mit der Feindesliebe aufbaut.

Der „Laien-Christ“ muss sich darum nicht so kümmern wie ein Prediger, der immer wieder einen Abschnitt aus dem Alten Testament „auszulegen“, also im Horizont unserer Zeit zu aktualisieren hat.

Der „Laien-Christ“ darf sich also auf die biblischen Stellen konzentrieren, die ihm Evangelium, d.h. heilbringende Botschaft sind. Die Kirche darf das nicht. Sie muss den ganzen Schatz weitertragen.

Auslegungen sind nämlich immer abhängig von der jeweiligen Zeit und ihrer Kultur, also relativ. Meine afrikanischen Studenten haben beispielsweise das AT ganz anders gelesen. Sie fühlen sich der dort beschriebenen Kultur weit näher als ich aus einem Industrieland kommend. So haben auch in Deutschland gewisse Kapitel des AT lange kaum eine Rolle gespielt. Plötzlich aber werden sie wieder entdeckt..

Übrigens gibt es in der Evangelischen Kirche eigentlich keine „Laien“, sondern es gibt das Priestertum alle Gläubigen. Darum haben die ersten Missionare unseren Vorfahren lesen und schreiben beigebracht; darum haben die Reformatoren Schulen gegründet und etwa die Landeskirche Württemberg 1649 (!) für die allgemeine Schulpflicht gesorgt. Der Christ soll eben gebildet selber denken und seine Bibel verstehen. Und darüber hinaus noch einiges mehr!

Heute geben wir in unserer Kirche viel Geld für Unterricht und Erwachsenenbildung aus, wozu auch die Evangelischen Akademien – die gerade nicht in erster Linie sich an Theologen wenden – gehören. Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Anmeldezahlen jener Berliner Tagung alle Erwartungen übertroffen haben.

 

Beste Grüße an die Hauptstadt

Wolfgang

 

 

Kabarett Stefan Waghubinger

“Außergewöhnliche Belastungen” heißt das  Kabarett von und mit Stefan Waghubinger. Anscheinend ist er vielen bekannt, denn als wir gestern eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung eintreffen, ist der Saal des Rottenburger „Waldhorn“ schon ziemlich voll.

Auf der Bühne beginnt der gebürtige Österreicher mit seiner Steuererklärung, die er endlich angehen will, aber bis zum Schluss nur das Geburtsdatum schafft. Dass er das Zehnte Gebot nach Exodus 20,17 korrekt zitieren kann, verrät den studierten Theologen. Das merkt man endgültig, wenn er im letzten Teil einen besonderen Dialog mit Gott beginnt.

Dabei wirkt Waghubinger mit über der Hose getragenem Hemd und Kaffeepott in der Hand, während er zwischen Stuhl und Tisch hin und herspringt, ziemlich zerstreut. „Es ist tieftraurig und zugleich zum Brüllen komisch, banal und zugleich verblüffend geistreich, zynisch und zugleich warmherzig“, heißt es – oder „durchgängig hochpolitisch und trotzdem kein bisschen besserwisserisch oder missionarisch“ sowie kurz und knapp: „Er nimmt sich nicht wichtig und hält sich zurück“.

„Man muss aufpassen mit der political correctness“, warnt der sprachsensible Künstler, „dass man seine Meinung nicht falsch ausspricht.“ Meinungen hat er zu allem. „Wegen ein paar Betrügern werden die ehrlichen Menschen wie ich erwischt“, schimpft er mit Blick auf seine Steuererklärung.

Die Pointen überschlagen sich, dass man kaum nachkommt. Da sind schöne Erinnerungen an einen Schrottplatz seiner Kindheit: Vielleicht besser als heutiges Spielzeug. Weniger schöne an eine von der Mutter gestrickten Jacke.
Nach rund zwei Stunden des (Ver-)Zweifelns über so ziemlich alle irdischen und überirdischen Probleme trifft ihn dann der Stromschlag seines Wasserkochers, was zum abschließenden Zwiegespräch des Kabarettisten mit Gott führt. „Du gibst uns die Religion und den Verstand, aber beides zusammen dürfen wir nicht gebrauchen.“ Und: „Es ist ja wie in der Beziehung, ich bin da, du bist da, wir wissen nicht warum, aber es muss mal was gewesen sein.“ Es folgt ein letzter Satz, ans Publikum: „Sie sind da, ich bin da, irgendetwas muss gewesen sein.“ Dann ist alles schwarz – der treffende Abgang nach einem tollen Abend.

Der 50-jährige Österreicher, „im ersten Leben studierter Theologe, Kinderbuchautor und Theaterpädagoge, ist auf der Bühne ein Spätberufener, brachte erst vor sechs Jahren sein erstes Soloprogramm heraus. Die typischen politkabarettistischen Plattitüden und Männlein-Weiblein-Späße vieler seiner Berufsgenossen sind ihm daher fremd. Vielmehr hat der genaue Blick ins Dies- und Jenseits aus dem Wahl-Stuttgarter einen schwarzhumorigen, realitätsgesättigten Grantler gemacht, dessen neues Programm mit „Außergewöhnliche Belastungen“ ziemlich treffend betitelt ist. Zwar erntet er immer wieder mit spitzen Pointen heiteres Lachen, doch viele seiner Betrachtungen liegen wirklich schwer im Magen und treffen ins Schwarze.“ So eine Pressekritik.

Waghubinger hat zusammen mit seiner Frau einige Bücher mit Cartoons und Erzählungen herausgegeben, die er anschließend signiert. Darunter „A-men, 130 unglaubliche Cartoons.“ Einige davon sind erstaunlicherweise im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg erschienen.

 

Landraub

Rappelvolles Kino „Waldhorn“ in Rottenburg. Aber es wird kein „Blockbuster“ gezeigt, sondern ein Dokumentarfilm von Kurt Langbein über „Landraub“.

Seit 2008 haben Großinvestoren die Landwirtschaft als Möglichkeit zum Geldverdienen entdeckt. Sie pachten und kaufen vor allem in Ländern der Dritten Welt riesige Flächen, zahlen dafür verschwindend geringe Beträge und machen aus dem ehemaligen Ackerland, brach liegenden Böden und aus Urwäldern monokulturelle „Nutz“flächen, ge„nutzt“ insbesondere für die Märkte reicher Länder. Die ortsansässigen Bauern müssen mit ihrem regionalen Landbau weichen. Nicht selten werden sie mit Waffengewalt vertrieben und es bleibt ihnen nur das, was sie am Leibe tragen…
Überall auf der Welt wird dies praktiziert. Für den unstillbaren Appetit der Industrieländer auf billige Produkte müssen Urwälder brennen, werden kleine landwirtschaftliche Nutzflächen eingeebnet und als Monokulturen mit Kunstdünger und aufwändiger Bewässerung neu bepflanzt, werden Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Neu sind das Ausmaß und die Geschwindigkeit dieses Landerwerbs sowie die dabei zu beobachtende massive Umgehung von Landrechten. Bei der neuen Landnahme heute werden nicht nur wie zuvor Cash Crops (Kaffee, Kakao, Bananen) angebaut, sondern auch Grundnahrungsmittel wie Weizen, Reis und Mais. Zu dem traditionellen Motiv der Profitmaximierung ausländischer Investoren gesellt sich das der eigenen Ernährungssicherung der investierenden Länder.

Der Preisanstieg für Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt in den Jahren 2005 bis 2008 hat den Prozess der Landnahme gefährlich beschleunigt. Im Zuge der ansteigenden Weltmarktpreise auf Agrarprodukte stiegen auch die Preise für Boden in den rasch wachsenden Schwellenländern und der industrialisierten Welt. Dies machte das billigere Land in den Entwicklungsländern für Investoren zunehmend attraktiv.

Ackerland wird zum Spekulationsobjekt. Angesichts mittelfristig steigender Agrarpreise wird das Interesse an Landgeschäften noch steigen. Der in den letzten Jahren deregulierte intransparente internationale Finanzmarkt macht dies möglich.

Die Fakten sind lange bekannt. Dennoch lohnt der eindrucksvolle Film, zumal wenn hinter her eine Diskussion stattfindet. An diesem Abend ergänzt Dr. Lioba Weingärtner, eine „Ökotrophologin“ mit weltweiter Beratungspraxis die Fakten. Sie macht außerdem Vorschläge, was jede/r tun kann.

Sie empfiehlt politische Arbeit mit den bekannten Organisationen wie FIAN oder auch kirchliche Organisationen wie MISEREOR oder BROT FÜR DIE WELT. Nicht zu unterschätzen ist aber auch das eigene Konsumverhalten. Dazu allerdings fehlen oft die Produktinformationen. Wer weiß schon beispielsweise, in welchen Waren überall problematisches Palmöl verwendet wird?

Ich ärgere mich schon lange über den Wirtschaftsteil der meisten Zeitungen. Sie sind fast immer an Aktienbesitzer gerichtet, aber gehen nicht von den Interessen der Mehrheit aus.