Archiv für den Monat Mai 2019

Menschenwürde

Seit ich vertretungsweise regelmäßig im Rottenburger Gefängnis Gottesdienste halte, beschäftigt mich unser Grundgesetz: Art 1. (1) „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Unsere Erfahrung ist  gerade das Gegenteil: Die Würde des Menschen wird überall angetastet. Man muss dazu gar nicht über die deutschen Grenzen hinausgehen, wo die Menschenrechte massenhaft verletzt werden. Auch im eigenen Land sind sie bedroht. Im Grundgesetz geht es zunächst um Schutz vor staatlicher Gewalt. Es gibt aber auch die kriminelle Verletzung der Menschenwürde anderer. Da haben sich vermutlich die Männer schuldig gemacht, die im Gottesdienst vor mir sitzen. Ich  kenne weder  ihre Biografie, noch ihre Straftaten, weswegen sie ins Gefängnis gekommen sind. Darüber bin ich froh, weil ich  ihnen so vorbehaltlos begegnen kann. Andererseits darf ich mich nicht vom freundlichen Eindruck während der Gottesdienste täuschen lassen. Ich vermute, dass sie nun in einer Lage sind, wo ihre  eigene Würde bedroht ist, weniger durch die Gefängnisverwaltung, mehr durch Mitgefangene. Bis ich einen Gesprächskreis einrichten kann, studiere ich derzeit viel Literatur zum heutigen Strafvollzug. In den Leitlinien für die Evangelische Gefängnisseelsorge finde ich folgende Bemerkungen zur Würde des Menschen:

„Gott hat jeden Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen (Gen 1,27). Darin gründen die Würde jedes Menschen und die Verheißung Gottes von Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung für Mensch und Schöpfung. Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil sie nach theologischem Verständnis von Gott selber geschenkt und garantiert ist. Die Achtung vor der Unverfügbarkeit der Person, ihrer Subjekthaftigkeit und Eigenständigkeit muss gerade auch im Strafvollzug gewahrt werden. Im Blick auf die Ökonomisierung des Strafvollzugs gilt es, einem Menschenbild entgegenzutreten, das den Menschen auf seine Marktfunktion reduziert. Im Gefängnis mit seinem starken Machtgefälle besteht die Gefahr, dass Inhaftierte zu Objekten von Behandlung, Therapie und auch Seelsorge werden – und damit ihre Würde missachtet wird. Umkehr, Wandel und Aufbruch aus Verstrickungen sind innerste Schritte eines Menschen für seinen weiteren Lebensweg. Sie geschehen in eigener Verantwortung und sind von außen im Letzten nicht beeinflussbar. Gefängnisseelsorge achtet dies und vertraut Gott diese existentiellen Entwicklungsprozesse an. Das eröffnet Freiheit und macht Begegnung jenseits von vorgespiegelter Reue oder Selbstüberschätzung möglich. Seelsorger/innen suchen ihr Gegenüber zu respektieren und sowohl Bevormundung als auch Beschämung zu meiden. Sie achten auf das strukturelle Gefälle und sich daraus ergebende mögliche Abhängigkeiten. Die Gefahr religiöser Manipulation muss von ihnen wahrgenommen und reflektiert werden.“  S.27. https://www.gefaengnisseelsorge.de/publikationen/unsere-leitlinien/

Bleibt die Frage, was ich am kommenden Sonntag predigen soll. Es geht mit Epheserbrief 3,14-19 um den „inneren Menschen“, eine Art Christus-Mystik. Müsste man die nicht einüben statt darüber  zu  reden? Immerhin schreibt da ein Paulus, der selber ein Gefangener ist: „Lasst euch den Mut nicht nehmen, wenn ihr seht, in welcher Bedrängnis ich bin.“

„Künstliche Intelligenz“

Yogeshwar zur „Künstlichen Intelligenz“

Ganz Tübingen war gestern Abend da? Na ja, wohl 1200 Zuhörer allein im Festsaal der Tübinger Universität. Dazu Übertragung ins AudiMax und ins Internet. Die Akustik war endlich mal ordentlich, wenn auch die Technik wie üblich an der Tübinger Uni ein paar Mal aussetzte.

Es fing gut akademisch an mit einer steifen professoralen Einleitung, sodass sich Ranga Yogeshwar „wie in einer evangelischen Kirche“ vorkam. Die Orgelpfeifen hinter ihm mögen das Gefühl verstärkt haben. Doch dann tänzelte der bekannte Wissenschaftsjournalist in Pullover und Jeans auf die Bühne und gab ein Potpourri seiner gesammelten Bilder zur „Künstlichen Intelligenz“ (KI) mal unterhaltsam, mal ernst zum Besten. Es sollte keine Show sein, war aber doch eine, wenn auch wie bei ihm üblich mit großem Informationswert. Da konnten die professoralen Vorleser (aber auch der Prediger) einiges lernen.

Das meiste allerdings kannte man aus seinen vielen TV-Sendungen: „Lernende“ Maschinen, die Geheimnisse der Algorithmen und die Frage, wohin das führen wird. Von seinen Reisen nach USA und China brachte er erstaunliche Beispiele mit. Vor allem Anwendungen im medizinischen Bereich sind überzeugend, andere in Fragen der Mobilität oder Erziehung weniger. Auf alle Fälle bekam man einen Eindruck von der enormen Geschwindigkeit der Innovationen, die nicht nur ältere Menschen überfordern.

Mit Maschinen reden; Bücher, die einen „ansprechen“; Roboter, die einen unterhalten, aber auch kontrollieren. Datensammler, von denen wir nicht wissen, was sie damit anstellen können. Und das allgegenwärtige Smartphone, das in kurzer Zeit den Globus erobert hat und ganze Gesellschaften kulturell umwälzt.

Erfreulicherweise rief Yogeshwar immer wieder zum Nachdenken auf: „Wollen wir das?“ Zwar steckt sein Optimismus und seine Freude an Forschungen an, aber bedenklich stimmt doch eine gewisse Kritiklosigkeit bei der Frage, wem Wissenschaft im Kapitalismus (sei es USA oder China)  dient.

In China habe ich selber  drei Monate lang die Entwicklung in einer Acht-Millionenstadt beobachten können. Der Lerneifer der jungen Leute resultiert nicht immer aus eigenem Antrieb und schon gar nicht aus der kommunistischen oder konfuzianischen Erziehung, sondern kommt von einem gnadenlosen Wettbewerb, dem schon die Jüngsten ausgesetzt sind. „Studieren“ heißt dort „pauken“ und ganz gewiss nicht kritisches Denken lernen. Deswegen fand ich höchst deplatziert die Wertschätzung der chinesischen Regierung , die „vor allem aus Ingenieuren“ bestehe. Das sind genau  die Leute, die sich die totale Kontrolle der Bevölkerung (socialcredit-system) vorgenommen haben.

Recht hat  er allerdings mit seiner Empörung, dass unsere Politiker auf die Entwicklungen der KI kaum reagieren und etwa die Digitalisierung selten ein Thema in Wahlauseinandersetzungen ist.

Yogeshwar leistete sich den Spaß, uns öfter im Publikum aufzufordern, ob eine Musik von Menschen oder von Maschinen komme. Es war nicht festzustellen. Unsicherheit über „fake-news“ mache sich breit. „Soziale“, besser: „Asoziale“ Medien seien nicht an Wahrheitsfindung interessiert, sondern seien eine Art „Erregungsbewirtschaftung“. „Wir ersticken in einem Nebel der Unwahrheiten.“ Es geht eben immer ums Geschäft.

Ein Beispiel konnte derjenige erleben, der nach über zwei Stunden Soloprogramm zuhause seinen Fernseher einschaltete – und schon wieder Yogeshwar in einem Film begegnete. Klar, das war eine Wiederholung. Teilweise noch mal ausführlicher das, was wir eben von ihm persönlich gehört hatten.

https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/der-grosse-umbruch-12-a-1104340.html

Aber dann folgte – angeblich live – die „Phönixrunde“ und da diskutierte Yogeshwar munter mit. Hat er schon die göttliche Ubiquität angenommen? Seine Bemerkung „morgen bin ich in Tübingen“ verriet allerdings, dass die Sendung am Vortrag aufgezeichnet worden war. Ich finde, das sollten die Sender  eindeutig anzeigen  wie sie es ja bei einigen Interviews tun. Sehenswert war die Debatte trotzdem.

Alexander Kähler diskutiert im Rahmen des phoenix-Themenabends „Künstliche Intelligenz – der große Umbruch“ mit Prof. Judith Simon (IT-Ethikerin und Philosophin, Uni Hamburg),Ranga Yogeshwar, Matthias Spielkamp (AlgorithmWatch) und Achim Berg (Bitkom Präsident).

https://www.phoenix.de/sendungen/gespraeche/phoenix-runde/kuenstliche-intelligenz–zum-wohl-der-menschen-a-1049775.html

 

 

 

Europa macht Frieden?

Das Thema „Europa.Macht.Frieden“ habe ich dem ausgezeichneten Dossier des Publik-Forum  vom April 2019 entnommen. Dort findet sich auch der Aufruf „Rettet das Friedensprojekt Europa“ von 100 Organisationen aus acht europäischen Ländern.

Zu diesem Thema kann ich mich auf unseren Landesbischof berufen, der in seinem Jahresbericht vor der Synode am 21. März wirklich Weg-Weisendes gesagt und nicht mit passenden  Bibelworten gespart hat. Das berühmte Jeremia-Zitat Jer.29,7 („Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN, denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.“) wandelt er ab in „Suchet Europa Bestes“. Ich kann nur wünschen, dass dieser Bericht in unseren Gemeinden nicht nur gelesen, sondern auch diskutiert wird.

https://www.elk-wue.de/fileadmin/Downloads/Wir/Landesbischof/Bischofsberichte/Bischofsbericht_2019_Kirche_n__in_Europa_-_Suchet_Europas_Bestes.pdf

Dieses Motto ist angesichts der bevorstehenden EU-Parlamentswahlen angemessen. Dabei ist ihm klar, dass wir Verantwortung für die ganze Schöpfung haben. Schon deswegen darf es keine „Festung Europa“ geben. Ich muss eingestehen, dass sich die weltweiten, solidarischen Bestrebungen meiner Generation lange auf die sog. Dritte Welt beschränkt haben. „Europa“ schien keine besondere Herausforderung zu sein. „Ökumene“ – das kann man etwa an der Geschichte des württembergischen Dienstes für Mission und Ökumene DIMOE sehen – war lange das Engagement für Lateinamerika, Afrika und Asien. Ich meine: Man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen.

Darum freue ich mich, dass Landesbischof July immer wieder an die „Charta Oecumenica“ erinnert, die 2001 schon „Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter  den Kirchen in Europa“ aufgestellt hat. Die Resonanz seitdem? Ein paar Konferenzen und Tagungen –  das war‘s dann. Mich hat diese mangelnde Aufnahme als Ökumenereferent der Evangelischen Akademie damals sehr erschüttert. Ich fragte mich: Ist  denn der ganze Aufwand für die Katz? Darum wiederhole ich meine Forderung von damals: Druckt dieses Dokument wenigstens im Evangelischen Gesangbuch ab – meinetwegen auf Kosten der Confessio Augustana mit ihrem unsäglichen Artikel 16 („Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen…Hiermit werden die verdammt, die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei“.)

https://www.oekumene-ack.de/fileadmin/user_upload/Charta_Oecumenica/Charta_Oecumenica.pdf

Ich kann allem zustimmen, was unser Landesbischof über die europäischen Netzwerke und Partnerschaften sagt. Ich denke, dass kirchliche Arbeit Kleinarbeit ist. (Übrigens stellt uns die Bibel die Ameise als Beispiel vor. Sprüche 6: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an und lerne!“ Viele Ameisen sind des Elefanten Tod. Darum hoffe  ich, dass viele Friedensbewegte auch den Rüstungswahnsinn überwinden.

Unzählige engagierte Menschen sind da fleißig am Werk, auch wenn sie keine Schlagzeilen machen. Dafür darf man dankbar sein. Ich stimme zu, dass es nicht nur um die EU geht, sondern Europa vor allem nach Osten größer ist. Ich sage deutlich: Auch Russland gehört  dazu. Ich unterstreiche jedes Wort über die Verpflichtung zu den Menschenrechten. Nur muss man sie auch anwenden, wenn Boote mit Flüchtlingen unterwegs sind.

Ich finde den Appell an das soziale Gewissen nötig und richtig: „Unser Platz als Kirchen Europas ist mehr denn je an er Seite der Randständigen, der Entrechteten, der Schwachen und der Verfolgten. Wir haben eine bleibende diakonische Berufung. Das gilt aktuell besonders für das Eintreten für die Rechte Geflüchteter.“

Landesbischof July betont den Wertekanon durch den Vertrag von Lissabon 2009. „Als Glaubensgemeinschaft bringen wir uns in die europäische Wertegemeinschaft ein.“ Dazu gehört der reumütige Blick auf  die Kolonialgeschichte. Sehr gut! Dazu gehört die Bewahrung der Schöpfung: „…dass Europa – durch seine derzeitige starke Wirtschafts- und Konsumkraft – eine umfassende Verantwortung hat, auch für den Erhalt unserer Erde, den Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen, den Schutz von Lebensräumen für Menschen und Tiere sowie für Tier- und Artenschutz.“

„Wir nehmen die Kraft dazu aus dem Glauben, dass wir von Gott mit vielen Dingen reich beschenkt sind und dass es gilt, diese Gaben zu teilen, statt über unser Maß hinaus auf Kosten anderer zu leben: Wir leben eine Ethik des Genug. Damit jedoch alle Menschen dieser Erde im „Genug“ leben können, müssen wir als Industrieländern unsere Ansprüche in Zukunft deutlich verringern.“ Deutliche Worte – wer hört sie? Wer folgt ihnen?

Ein (zu) knapper Absatz geht auf die Friedenspolitik ein. Der Bischof fordert „eigene Wege der Friedenssicherung“. Deutlich sagt er zur „Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der EU: „Wir lehnen es als Kirche ab, dass Europa zur vierten Militärmacht wird. Wir stärken den Einsatz für zivile Formen der Konfliktbearbeitung als Weg zum Frieden.“ Ja: „Die evangelische Friedensethik ist geprägt vom Vorrang für zivile Konfliktbearbeitung und Prävention.“ Aber das ist nicht mehr die Politik der EU oder auch nur der Bundesregierung.

Ab 2021 sind in der EU Milliardeninvestitionen für die europäische Rüstungsindustrie, gemeinsame Militäreinsätze und noch mehr Grenzsicherung geplant.

Ich bin gegen einen „Europäischer Verteidigungsfonds“. Der Vertrag von Lissabon verbietet die Finanzierung von Rüstungsprojekten und Militäreinsätzen aus dem Gemeinschaftshaushalt der EU. Stattdessen Gelder für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und Friedensförderung!

Ich selber habe meine Stimme schon per Briefwahl abgegeben. Auf die rhetorischen Scharmützel eines Wahlkampfes kann ich verzichten. Schließlich habe  ich Jahre lang beobachten können, was in Brüssel vor sich geht und wer welche Politik gestaltet. Ich finde es peinlich, wenn man uns in Medien „Duelle“ vorführt von Kandidaten, die wir gar nicht direkt wählen können.

Der bekannte katholische Sozialethiker Prof. Hengsbach, der jüngst in Rottenburg sprach, schreibt : „Ganz konkret geht es um die Wahl zum Europäischen Parlament, das aus einer relativ unbedeutenden Rolle herausgewachsen und seit einigen Jahren mehr und mehr in die Entscheidungsprozesse der politischen Organe der Union einbezogen worden ist. In den Rang einer souveränen Repräsentanz der Bürgerinnen und Bürger von Nationalstaaten und zugleich europäischen Bürgerinnen und Bürgern ist es indessen immer noch nicht gerückt…“

Die Alternative ist jedenfalls klar: Entweder  entscheiden wir uns für Nationalismus mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus oder für ein Europa, „das sich zu Menschenwürde, Frieden, Freiheit, Toleranz, Recht und Gerechtigkeit als den gemeinsamen Grundwerten bekennt.“

(Aus meiner Ansprache im Schalom-Gottesdienst Jakobuskirche Tübingen)

Jubilate

Wenn ich nicht am Samstag auf dem Bleistift kauen will, muss ich heute meine Sonntagspredigt vorbereiten. Noch immer weiß ich nicht, wie man im Gefängnis sinnvoll predigen kann. Müssen die Insassen nicht aufstöhnen, wenn da einer kommt und bald wieder verschwindet und ihnen etwas von der „Freiheit eines Christenmenschen“ erzählt? Gedruckte Predigthilfen gibt es seltsamerweise kaum. Nur ein paar alte Erinnerungen früherer Gefängnispfarrer sind antiquarisch zu finden. Ich hoffe, dass künftige seelsorgerliche Gespräche hinter Mauern mir einige Lichter aufsetzen.

Der kommende 3.Sonntag nach Ostern  heißt in der Liturgie „Jubilate“ („Jubelt!“). Kann man Jubel befehlen? Ein Nazi-Propagandaminister wie Goebbels konnte das, aber seine Sportpalastrede ist eher abschreckend: „Wollt ihr den totalen Krieg?“  Fällt mir immer am 8. Mai ein, aber das ist eine andere Geschichte.

Wann jubeln wir noch? Wenn unsere Fußballmannschaft gewinnt? Dann sollte man Fan des FC Bayern München sein. Da ist die Jubel-Chance am größten. Aber wir sehen ja diese Woche, dass man eben über ein 3:0 jubeln kann und wenig später 4:0 verlieren. Solcher Jubel hat  eine kurze Lebensdauer. Wahrscheinlich jubeln Gefangene, wenn sie das Gefängnis endlich verlassen dürfen. Doch hält auch solcher Jubel nur bis einen die Mühsal des Alltags eingeholt hat. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem Konfirmandenunterricht. Da kommt ein Strafentlassener nach langer Zeit nach Hause, unsicher über die Haltung seiner Frau. Wenn er willkommen sei, solle sie ein gelbes Tuch zur Straße raushängen, andernfalls würde er im Bus einfach weiterfahren. Als er voller Zweifel eintrifft, hat seine Frau sämtliche Bäume mit gelben Tüchern behängt. Wo habe ich nur diese Geschichte gelassen? Ich finde sie nicht mehr.

Das sagt evangelische Theologie: Christen jubeln, wenn die Osterbotschaft unsern Alltag erreicht. Der Tod hat keine Macht mehr über uns, selbst wenn wir sterben müssen. Wie sage ich das? Welche Bibeltexte wähle ich aus?

Vielleicht finde ich Lieder, die das ausdrücken? Männer singen aber nicht mehr gern. Selbst auf Beerdigungen werden zunehmend CDs abgespielt. Ich halte dagegen. Ich werde vielleicht allein singen müssen. Das kenne ich noch von den Andachten in der Evangelischen Akademie.

Der Neurologe und Psychotherapeut Eckhard Schiffer hat nachgewiesen, wie Singen von klein auf Gesundheit und Lernfähigkeit fördert. Für die Menge an Glückshormonen, die das  Hirn bei einem gesungenen Lied ausschüttet, müsste ein Jogger zehn Kilometer laufen.

Welche Lieder habe ich  da? Das Evangelische Gesangbuch (EG) liegt aus. Die alten Choräle kann man gut singen, aber die Texte? Die neuen mit guter Poesie kennt keiner. Vielleicht versuche ich es mit EG 619: „Die Tür bist du für den, der an sich selbst verzagt. Du machst ihn frei, wenn er ein Leben mit dir wagt.“

Plädoyer gegen die Heuchelei

Als junger Studentenpfarrer organisierte ich ab 1979 wöchentliche Veranstaltungen mit ausländischen Studenten. Einmal ging es um Entwicklungspolitik, zu dem ich MdB Jürgen Todenhöfer eingeladen hatte, der damals entwicklungspolitischer Sprecher seine Fraktion war und sich als scharfer Kritiker Erhard Epplers und später als F.J Strauß-Anhänger profilierte. Die Veranstaltung entgleiste zum Tumult mit folgenden wochenlangen Leserbriefdebatten. Wer hätte damals gedacht, dass dieser „kalte Krieger“ sich zum Kriegskritiker wandeln würde? Dass er heute die linken 68iger rühmt, den Vietnamkrieg der USA kritisiert zu haben? Er schreibt  vornehm: „Diese nicht angepassten jungen Leute haben mitgeholfen, den Vietnamkrieg zu beenden.“ S.59.  Leider war er selbst damals (mit 28 Jahren) auf der anderen Seite und mit seiner Karriere beschäftigt. Aber heute: „Man kann Kriege nur verstehen, wenn man die Opfer erlebt.“ S.24. So ist zu hoffen, dass vor allem seine ehemaligen Parteifreunde und Anhänger dieses Buch lesen.

Keine Frage: Der Autor ist mutig, wohl auch abenteuerlustig. Er geht seit Jahrzehnten in die Brennpunkte des Nahen Ostens, oft unter Lebensgefahr. Seine Schilderungen aus dem Machtbereich des „Islamischen Staates“, aber auch aktueller in Irak,  Jemen oder Afghanistan sind spannend zu lesen, „Frontberichte“ eben: „Plötzlich schlägt zischend, pfeifend, peitschend neben mir eine Kugel ein.“ S.18. Auf die Dauer nervt diese Heldenpose allerdings. Man bekommt den falschen Eindruck, dass nur er vor Ort sich informiert. Schließlich gibt es noch Kriegsberichterstatter, die nicht nur auf einer Reise in den  betroffenen Ländern arbeiten. Wer sich rundum informieren will, hat dazu viele Möglichkeiten.

Zuzustimmen ist ihm in seiner Kritik der deutschen „Qualitätsmedien“ im 19. Kapitel „Das Versagen der Medien“. Als ehemaliger Medienmanager kennt er sich da aus. Aber er ignoriert völlig die alternativen und „sozialen“ Medien. Dabei ist er selber wohl durch Hilfe seines Sohnes Frederic, der Co-Autor ist, etwa auf Facebook reichlich aktiv. Er selber nennt 700000 Abonnenten. Dazu kommen Fernsehsender  wie BBC oder Al Jazira.

In der Kritik der „westlichen“ Politik ist er nicht allein, auch wenn es bei ihm manchmal so tönt. Mit Recht kann er sich bereits auf Mark Twain und unzählige andere oppositionelle Amerikaner berufen, die ihn bestätigen: „Amerikanische Interessen, nicht Werte, waren und sind oberstes Gebot der USA.“ S.29. Todenhöfer kennt die USA gut, weshalb er unzählige Belege für Lügen und Heuchelei  bringen kann. Frage allerdings: Nur im Westen? Ein Blick zu den Eliten Afrikas, Chinas oder Russlands belehrt einen eines Schlechteren. Aber das ist nicht sein Thema. Problematischer ist schon, dass er die islamische Welt vor allem als Opfer sieht. Dazu kommt eine geschönte Sicht der Geschichte des Islam, die bei diesem weitgereisten Mann verwundert. Wer schon mit 18 Jahren in Marokko war, wird doch beispielsweise etwas von den Almohaden wissen, die ohne jeden westlichen Einfluss die Dynastie der Almoraviden stürzten und zum Untergang des Islam in Andalusien beitrugen. Über den Konflikt der  Sunniten mit den Shiiten könnte man ebenfalls kritischer schreiben. Zu rücksichtsvoll ist auch das Iran-Kapitel. Wer sich für interreligiöse Beziehungen einsetzt, sollte doch wenigstens das Schicksal der Bahai erwähnen.

Ich war 1968 das erste Mal in Gaza. Mit den Menschen dort leide ich mit wie die beiden Autoren. Deswegen kann man aber doch nur die Terror-Herrschaft der Hamas kritisieren, die ihre eigene Bevölkerung unterdrückt und immer wieder sinnlose Kriege mit Israel provoziert. (Gerade diese Woche wieder!) Todenhöfer weiß, dass Hamas das tut, „um ihre eigene Daseinsberechtigung zu unterstreichen“. S.79. Dennoch macht er vor allem Israel verantwortlich, das seinerzeit die Besatzung aufgegeben hatte. Der „Dank“ dafür sind seitdem massenweise Raketen auf Zivilisten, die nun mal nicht vom „bösen Westen“ geliefert werden, sondern aus Iran und von Katar finanziert.

Die bedrohten Minderheiten im islamischen Machtbereich werden zu wenig gewürdigt. Zwar trifft Todenhöfer Christen im Nahen Osten. Ihre Vertreter zitiert er kaum. Er hätte beispielsweise in Ägypten bei den Kopten lernen können, wie eine Kirche der Märtyrer zu leiden hat. Seine bibel- und christentumskritischen Passagen nehmen wir Protestanten demütig hin, da wir sie mit und gegen Luther schon selber seit langem, wenn auch differenzierter traktieren. Doch erlaube ich mir die Anmerkung, dass etwa ein Thomas Müntzer ( im 16.Jahrhundert, nicht Anfang des 15.Jahrhunderts ! S. 125) eine vorübergehende Erscheinung war und keine Nachahmer gefunden hat.

Aber letztlich muss man Todenhöfer zustimmen: „Die Heuchelei der westlichen Außenpolitik gefährdet unsere Demokratie. Die Bevölkerung wird in der Frage von Krieg und Frieden systematisch belogen. Und dadurch von jeder echten demokratischen Willensbildung ausgeschlossen.“ S.292f.

Und man muss loben, dass er nicht nur publiziert, sondern mit der eigenen Stiftung „Sternenstaub“ viele Kriegsopfer unterstützt, beispielsweise mit Prothesen für im Krieg verstümmelte Kinder. Auch der Reinerlös dieses Buches ist dafür bestimmt.

Jürgen Todenhöfer: Die große Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten. Propyläen Verlag Berlin 2019. 328 Seiten. 19,99 €.