Archiv für den Monat Februar 2018

Schlechtigkeit

Am heutigen 2. Sonntag der Fastenzeit war in evangelischen Gemeinden prophetisch, also obrigkeitskritisch zu predigen:

„Gott wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Schlechtigkeit.“ (Jesaja 5,7)

Wem sage ich das? Denen, die sich trotz Kälte und Grippegefahr auf den Weg gemacht haben, um eine frohe Botschaft zu hören?  Den Opfern dieser Gesellschaftsordnung?

Den Sozialdemokraten, die über einen Koalitionsvertrag abstimmen, in dem es heißt:„Wir schärfen noch im Jahr 2018 die Rüstungsexportrichtlinien  aus dem Jahr 2000 und reagieren damit auf die veränderten Gegebenheiten.“? Das heißt: Keine Waffen in Kriegs- oder Spannungsgebiete!

Und dann das: Innerhalb eines Monats hat es seitens der Bundesregierung 31 Genehmigungen für Rüstungsexporte in die Türkei gegeben.

Die deutsche Regierung hat nach der Freilassung der Übersetzerin Mesale Tolu und vor der Freilassung des Journalisten Deniz Yücel eine Reihe von Rüstungsexporten in die Türkei genehmigt. „Vom 18. Dezember bis zum 24. Januar 2018 wurden 31 Genehmigungen für Rüstungsgüter in die Türkei erteilt“, hieß es in einer Regierungsantwort aus dem Wirtschaftsministerium.

Zur Frage, inwiefern die Freilassung von Yücel ein Grund war, die aktuell vermeintlich restriktive Genehmigungspraxis in das NATO-Mitglied Türkei aufzugeben, antwortete die Regierung, dass sie sich auf allen Ebenen für die Freilassung deutscher Staatsbürger einsetze, die in der Türkei wegen politischer Vorwürfe inhaftiert seien.

Genehmigt wurden dem Regierungsangaben zufolge unter anderem Rüstungsgüter, die die Bereiche Bomben/Torpedos/Raketen/Flugkörper, Feuerleit- und Überwachungssysteme, Landfahrzeuge, Schiffe und Marineausrüstungen, Luftfahrtgeräte und elektronische Ausrüstungen sowie Spezialpanzer und entsprechende Teile und Ausrüstungen abdecken.

Während die Türkei ihren völkerrechtswidrigen Angriffskrieg ins syrische Afrin vorbereitet hat, sind innerhalb nur eines Monats 31 Rüstungsexporte genehmigt worden.

Eine wichtige Rolle bei diesem miesen Geschäft spielt offenbar Außenminister Gabriel. Er ist derzeit besonders populär. Es gilt anscheinend die Parole: Heuchler aller Länder, vereinigt euch!

Weitere Informationen unter https://www.ohne-ruestung-leben.de/aktuell.html.

 

 

 

Hans Scholl und die „Weiße Rose“

Vor 75 Jahren wurden die Mitglieder der „Weißen  Rose“ durch die Nazi-Justiz ermordet, weil sie aktiven Widerstand geleistet hatten. Ihre Geschichte wurde uns in der Schule gern erzählt, standen sie doch für das „bessere Deutschland“. Vom Widerstand aus der Arbeiterbewegung habe ich erst durch meine Reisen in die DDR erfahren. Die Frömmigkeit der Geschwister Scholl spielte in der Jugendarbeit  der Evangelischen Kirche keine geringe Rolle. Manche haben sie geradezu zu  Helden oder Heiligen stilisiert. Kritik kam lediglich aus der links- und rechtsextremen Szene. Man kennt ihre Geschichte, dachte ich. Schließlich hatte ich früh das Buch der älteren Schwester Inge Aicher-Scholl gelesen.

Jetzt ist aber eine wichtige Biografie über Hans Scholl erschienen, die sein Leben aufgrund neuer Quellen differenzierter darstellt. Mit seinem neuesten Werk „Flamme sein! – Hans Scholl und die Weiße Rose“ ( C.H. Beck Verlag München) präsentiert der Autor Robert M. Zoske, evangelischer Theologe und bis 2017 Pastor in Hamburg, eine bemerkenswerte Biographie mit sämtlichen Gedichten von Hans Scholl sowie dem Text aller Flugblätter der Weißen Rose. Er konnte aufbauen auf seine Dissertation „Sehnsucht nach dem Lichte – Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl – Unveröffentlichte Gedichte, Briefe und Texte“, München 2014.
Hans Scholl stammte aus einem evangelischen Elternhaus, in dem man die Nazis ablehnte. Er hingegen sympathisierte mit der NSDAP, genau wie seine drei Jahre jüngere Schwester Sophie, die in BDM-Uniform zur Konfirmation erschien. Der Gymnasiast wurde begeisterter Fähnleinführer in der Hitlerjugend und träumte von einer Karriere als Offizier.

Als Führer im Jungvolk nahm er im September 1935 am Reichsparteitag in Nürnberg teil. Schon längst hatte er eine Mischung aus elterlich beeinflussten Ideen, idealistischer Abenteuerromantik und Männerbündelei entwickelt: „… und wir wollen doch Flamme sein. Unsere Kraft muss federnder Stahl sein, unsere Seele trockene Weißglut…“.

Daneben leitete er einen verbotenen, der „deutschen autonomen Jungenschaft“ angehörenden Club aus Freunden, mit denen er nach Lappland trampte.

Hans Scholl liebte in diesem Milieu Männer, weshalb er mit  19 Jahren verhaftet wurde. 1938 stand er in Stuttgart wegen illegaler bündischer Jugendarbeit und „widernatürlicher Unzucht“ mit Abhängigen vor Gericht. Weil er auf einen milden Richter („jugendliche Verirrung“) traf , wurde das Verfahren eingestellt. Er kam mit dem Schrecken davon, aber der verunsicherte ihn tief.

Das alles ist eigentlich bekannt, seit vor zehn Jahren die Verhörprotokolle des Stuttgarter Prozesses ausgewertet wurden. Nichts aber wusste man von einem Konvolut an Selbstzeugnissen, das Zoske im Nachlass Inge Aicher-Scholls fand. Sie hatte zeitlebens Stillschweigen über deren Existenz bewahrt, wohl, wie Zoske vermutet, um ihren homosexuellen Bruder gegen die Öffentlichkeit zu schützen.

Es sind 141 handgeschriebene Seiten, Lyrik, Aphorismen, Prosa, Briefe, in denen Scholl die Krise durchbuchstabiert, die der Gerichtsprozess in ihm ausgelöst hatte. Eine Krise aus Scham, Demütigung, Angst, Verzweiflung. Vor allem die Gedichte, die in dem Buch abgedruckt sind, zeigen ihn als einen zutiefst verunsicherten jungen Mann, selbstzweiflerisch und vergrübelt, zugleich elitär, mit einem ausgeprägten Drang zum Heroischen.

„Es liegt nahe, diese Krise als Wendepunkt zu sehen, wie Zoske es tut. Er zeichnet Scholls Weg vom tief verunsicherten Angeklagten, der sich dem Nationalsozialismus entfremdet, zum aktiven Widerständler nach: ein junger Mann mit nun rasch wechselnden Freundinnen, der mit höchster Energie philosophische und theologische Studien betreibt, dessen im Elternhaus angelegte Frömmigkeit neu entflammt, der aber auch eine gewisse elitäre Unnahbarkeit pflegt. Eine prägende Gestalt für den Medizinstudenten mit philosophischen Neigungen wird der Schriftsteller Thomas Mann, dessen Aufforderung aus dem amerikanischen Exil an die „deutschen Hörer“, sich des Regimes zu entledigen, ihren Niederschlag in den Flugblättern findet.“ (Cord Aschenbrenner, SZ)

Im Kriegsjahr 1941 las Scholl das Buch „Kierkegaards Folgen“ des katholischen Philosophen Alois Dempf. Die Kennzeichnungen bei der Lektüre zeigen Scholls Suche nach einem „Staat ohne Repressalien gegen den Einzelnen“. Paul Nordhues war im Herbst 1942 an Scholls Frontabschnitt als katholischer Militärseelsorger eingesetzt. Nach dem Krieg erzählte er, wie Hans Scholl seine Gottesdienste mitgefeiert und voller Eifer an seinen Bibelstunden teilgenommen habe. Nordhues war sehr erstaunt, als er darüber aufgeklärt wurde, dass Scholl evangelisch gewesen sei.

Es ist immer wieder erschütternd, die Details nachzulesen, wie der Widerstand geleistet, verraten und endlich der Prozess geführt wurde, der zur Hinrichtung führte. Zoske schreibt:

„Während Freisler «tobend, schreiend, bis zum Stimmüberschlag brüllend, immer wieder explosiv aufspringend» die Verhandlung führte, blieben die Angeklagten «von ihren Idealen erfüllt […] ruhig, gefasst, klar und tapfer». Unbeeindruckt verhöhnte Hans Scholl die Gerichtsinszenierung als bizarre Farce – Kriminalsekretär Ludwig Schmauß notierte: «Meldung. Hans Scholl bezeichnete die heutige Verhandlung als ‹ein Affentheater›.» Um 12.45 Uhr fällte das oberste deutsche Gericht «Im Namen des Deutschen Volkes» die Todesurteile: Die Angeklagten haben im Kriege in Flugblättern zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Lebensform unseres Volkes aufgerufen, defätistische Gedanken propagiert und den Führer aufs  gemeinste beschimpft und dadurch den Feind des Reiches begünstigt und unsere Wehrkraft zersetzt. Sie werden deshalb mit dem Tode bestraft. Ihre Bürgerehre haben sie für immer verwirkt. Die Verurteilten wurden sofort ins Gefängnis München-Stadelheim überstellt. Die Aufnahmekartei hält die Einlieferung von Hans Scholl – «Beruf: Cand. Medizin / Bekenntnis: ev» – für den 22. Februar 1943 um 13.45 Uhr fest. Um 16.02 Uhr teilte man ihm unter Anwesenheit des Gefängnisvorstands, des Gefängnisarztes und des evangelischen Gefängnisgeistlichen Pfarrer Alt mit, dass das Gnadengesuch seines Vaters abgelehnt worden war und das Urteil um 17.00 Uhr im Gefängnis München-Stadelheim vollstreckt werden sollte. «Der Verurteilte gab keine Erklärung ab», heißt es dazu im Protokoll. Auch die Hinrichtung wurde mit bürokratischer Akribie dokumentiert: Neben Staatsanwalt Albert Weyersberg und einem Justizangestellten waren der Leiter der Strafanstalt, der Gefängnisarzt, der Scharfrichter mit einem Gehilfen «sowie das zur geordneten Durchführung der Hinrichtung unbedingt erforderliche Gefängnispersonal» anwesend. Der «Hinrichtungsraum war […] gesichert. Die Fallschwertmaschine war, durch einen schwarzen Vorhang verdeckt, verwendungsfähig aufgestellt.» Um 17.02 Uhr wurde der Verurteilte durch zwei Gefängnisbeamte vorgeführt. Der Leiter der Vollstreckung stellt die Personengleichheit des Vorgeführten mit dem Verurteilten fest. Sodann wurde der Verurteilte dem Scharfrichter übergeben. Die Gehilfen des Scharfrichters führten ihn an die Fallschwertmaschine, auf welcher er unter das Fallbeil geschoben wurde. Scharfrichter Reichhart löste sodann das Fallbeil aus, welches das Haupt des Verurteilten sofort vom Rumpfe trennte. Der Gefängnisarzt überzeugte sich vom Eintritt des Todes. Der Verurteilte war ruhig und gefasst. Der letzte Satz war eine Standardformulierung auf dem Formblatt für das Hinrichtungsprotokoll; sie steht genau so auf der Niederschrift von Sophie Scholls Exekution, die zwei Minuten früher, um 17.00 Uhr, stattfand, und auf der von Christoph Probst, die drei Minuten später, um 17.05 Uhr, vollzogen wurde. Nachdem die zweite Seite des Protokolls von Hans Scholls Enthauptung bereits aus der Schreibmaschine genommen worden war, wurde sie zur Korrektur erneut eingespannt. Unmittelbar hinter dem Punkt nach «gefasst» setzte der Protokollant ein Komma ein und ergänzte: «seine letzten Worte waren es lebe die Freiheit.» Staatsanwalt Albert Weyersberg korrigierte später handschriftlich das kleingeschriebene «es» in ein großes «Es» und setzte zu Beginn und Ende des Satzes «Es lebe die Freiheit.» Anführungszeichen.“

Nachdem das Leben Sophie Scholls mehrfach beschrieben und verfilmt worden ist, ist es gut, dass nun auch ihr Bruder als Mensch in seinem Widerspruch eine ausführliche Würdigung erfährt.

 

Judentum verstehen

Dem Beauftragten der Landeskirche Württemberg für das Gespräch zwischen Christen und Juden Pfarrer Dr. Michael Volkmann wurde am 19. Februar 2018 die „Otto-Hirsch- Auszeichnung“ verliehen. Sie wird vergeben von der Landeshauptstadt Stuttgart, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ). Der Große Sitzungssaal im Rathaus war überfüllt, was die Anteilnahme einer großen Öffentlichkeit beweist.

Der Stuttgarter Dr. Otto Hirsch, 1914-1919 Rechtsrat und 1921-1933 Ministerialrat, konnte unter schwierigen Bedingungen vielen jüdischen Glaubensgenossen helfen und Zehntausenden zur Auswanderung retten. 1941 wurde er im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.

Nach vielen Gruß- und Dankesworten berührte viele die Uraufführung des neuen Films der Landeskirche über Jüdisches Leben in Württemberg.

Mit besonderer Spannung hörte ich  die Festrede der Prälatin Gabriele Arnold. Sie unterschied in der württembergischen Geschichte zweimal vierzig Jahre nach der Reichspogromnacht 1938. Tatsächlich war die erste Epoche geprägt von oft wenig verstandenen und umstrittenen Einzelgängern. Diese Pioniere des jüdisch-christlichen Dialogs hatte noch mit dem braunen Erbe zu kämpfen, das leider auch in der Kirche und ihrer Theologie verbreitet war. So war beispielsweise der jährliche „Israel-Sonntag“ oft eine Gelegenheit die angebliche Überlegenheit der christlichen Religion gegenüber der jüdischen herauszustellen.

In der zweiten 40jährigen Periode, die für sie überraschenderweise mit den 68igern begann und in der Kirche dann 1978 bis 2018 reicht, sah sie ein zunehmendes Umdenken, Umlernen und eine konsequente Bemühung um Partnerschaft mit Juden „auf Augenhöhe“.

Das ist die Periode, in der ich auch selber zunächst als Vikar und dann in verschiedenen Pfarrstellen aktiv wurde.

Dabei hatte ich bis zum Abitur 1966 nichts in der Schule über das Judentum gelernt, geschweige denn einen lebendigen Juden kennengelernt. Das änderte sich in meinem anschließenden Studium in Berlin, wo Professor Gollwitzer mein wichtigster Lehrer wurde. Im Studium der hebräischen Sprache (später vertieft durch Iwrit, was ja dasselbe mit modernem Wortschatz ist) begriff ich etwas von der Schönheit des biblischen Judentums. Tatsächlich demonstrierten wir im Juni 1967 – übrigens mit Günter Grass – angesichts des „Sechs-Tage-Krieges“ für das Überleben des Staates Israel. Gollwitzer war einer der wenigen, der auch  das Leid der Araber ernst nahm, das dann von den extremen Marxisten für ihre Ideologie ausgeschlachtet wurde.

In Heidelberg studierte ich  dann nicht nur die Bibel bei den damals besten Alttestamentlern Deutschlands sondern auch Judaistik bei Pnina Navé, die als Jüdin an der evangelischen Fakultät einen Lehrauftrag hatte. Zusätzlich lernte ich bei den Germanisten Jiddisch. In jenen Jahren reiste ich mehrfach nach Israel, arbeitete in Kinderheimen oder im Hühnerstall in einem Kibbutz und entdeckte bei ehemaligen Berliner Juden die komplette Bibliothek des Jüdischen Schocken Verlags. Während die andern Freiwilligen abends Party feierten, saß ich über den Büchern von Martin Buber und anderen, was mir den Spitznamen „Rebbe“ einbrachte. Ich kann also die Faszination des Judentums verstehen. Um ein Haar wäre ich dort geblieben.

Der Nahost-Konflikt allerdings belastete mich. Politisch sah ich keine Lösung. Ich hatte inzwischen viele arabische Freunde gefunden und weigerte mich, mich vorbehaltlos auf die eine oder andere Seite zu schlagen.

So ist es bis heute geblieben. Als Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll konnte ich viele Tagungen zur Friedensproblematik im Nahen Osten organisieren. Bei dieser eher politischen Arbeit lernte ich auch viele nichtreligiöse Israelis und Juden kennen. Mein Bild vom Judentum wurde bunter, aber nicht einfacher. Das gilt auch für die unendlichen Debatten in Kirche und Gesellschaft, wenn man sich den universalen Menschenrechten verpflichtet weiß.

Michael Volkmann, dessen Büro bald zur Akademie verlegt wurde, weshalb wir mehr Gelegenheiten zur Zusammenarbeit bekamen, hat sich konsequent der Bekämpfung der jahrhunderte alten christlichen Judenfeindschaft gewidmet. Angefangen von intensiver Bibelforschung und den „Toralernwochen“ mit gesetzestreuen jüdischen Lehrern über Studienreisen, der Produktion von Artikeln und Arbeitshilfen bis zu zahlreichen Vorträgen in Gemeinden und Gedenkstätten. Dazu Lehraufträge an den Universitäten Tübingen und Jena.

1996 ermöglichte er zusammen mit unserm unvergessenen Freund Pfarrer Dankwart Paul Zeller – der noch eine posthume Ehrung verdient hätte – die Gründung einer Synagogengemeinde durch die Schenkung einer Torarolle in der karelischen Partnerstadt Tübingens Petrosawodsk.

Mittlerweile können evangelische Theologen in Israel studieren, es gibt in Tübingen und anderswo viele judaistische Angebote. Allerdings habe ich den Eindruck nach einigen Gesprächen mit Studenten, dass das Spezialwissen bei Einzelnen zwar zugenommen, aber die Allgemeinbildung bei der Mehrheit abgenommen hat. Als Predigthörer habe ich nicht den Eindruck, dass meine Kollegen den Ertrag des jüdisch-christlichen Dialogs der Gottesdienstgemeinde vermitteln. Und was die politische Debatte des Nahost-Problems betrifft, so findet man in Kirche und Gesellschaft noch  immer die ewig gleichen Fronten, wenn auch derzeit eher die Kriege in Syrien und Afghanistan das Interesse finden. In dieser Hinsicht war es eine kühne Behauptung des Stuttgarter Oberbürgermeisters in seinem Grußwort, dass er Ägypten und Saudiarabien für gefährlicher hält als den Iran. Haben doch die Israelis jetzt iranische Kämpfer mit Drohnen an ihrer Nordgrenze.

Man merkt Michael Volkmann an, dass er mit Herzblut bei seiner Arbeit ist, weshalb die Auszeichnung mehr als verdient ist. Schließlich leben wir in einer Zeit, da die nächsten vierzig Jahre anstehen und man fürchten muss, dass der anscheinend unausrottbare Antisemitismus wieder laut wird. Dummheit ist nun mal schneller als Bildung und  Aufklärung.

Siehe auch weitere Informationen unter  http://www.agwege.de.

Einsamkeit überwinden

Die noch immer aktuelle Mahnung des Apostels Paulus ist schlicht, die „Freundlichkeit Gottes nicht vergebens zu empfangen“ (2. Kor. 6,1). Also: bei allen Konflikten und Streitigkeiten, bei allen Interessengegensätzen, die menschlich  und deshalb auch in einer Kirchengemeinde und erst recht in einer Landeskirche oder gar EKD und ÖRK normal sind, nicht vergessen, worum es eigentlich geht: Aus der Erfahrung der Freundlichkeit Gottes zu leben.

Ich wurde kürzlich gefragt, wozu die Kirche eigentlich gut sei. Menschenrechte könne man doch bei „amnesty international“ verteidigen, Entwicklungshilfe bei „attac“ umsetzen, Umweltschutz in vielen Vereinen betreiben. Wohl wahr. Und nichts dagegen, wenn sich Christen dort oder anderswo engagieren. Meinen Glauben kann ich doch auch im Kämmerlein meditieren und die Bibel zuhause lesen. Wohl wahr. Aber Gott loben in Worten, Liedern und Werken kann ich nicht allein. Und Caritas oder Diakonie (Sozial-und Friedensarbeit) kann ich auch nicht allein betreiben. Deswegen organisiert sich die Kirche weltweit in Gemeinden. In großen und kleinen. Darum hat Paulus keine Bücher geschrieben und religiöse Philosophie gelehrt, sondern durch seine durchaus situationsbezogenen Predigten und Briefe Gemeinden gegründet und gefördert. Niemand muss allein und isoliert bleiben. Das ist in einer Zeit, da viele Menschen in ihrer Einsamkeit verloren gehen, so dringend wie nie.

Im aktuellen Koalitionsvertrag findet sich ein Passus, der nahelegen könnte, nach englischem Vorbild einen Regierungsbeauftragten zu installieren, der sich um Einsamkeit und Einsamkeitsschäden in der Gesellschaft kümmern soll. Dabei ist vielleicht nicht gleich an richtiges Einsamkeitsministerium  gedacht wie in Großbritannien, wo Theresa May eigens die Staatssekretärin Tracey Crouch (Sport und Ziviles) mit dem Aufbau einer Behörde betraut hat. Aber der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat schon vor Wochen eine mögliche Zuständigkeit des Gesundheitsministeriums ins Spiel gebracht, und zwar mit Verweis auf die erheblichen medizinischen Folgen: „Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen.“ Marcus Weinberg, der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der ebenfalls bereits Ende Januar „die soziale Isolation“ und den Verlust „familiärer Bindungen“ beklagte, sieht die Zuständigkeit naturgemäß eher beim Familienministerium.

Wir werden sehen, was da kommt. Die Kirche hat jedenfalls schon immer gewusst, dass der christliche Glaube Gemeinschaften hervorbringt.

(Aus meiner gestrigen Predigt zum Ersten Sonntag der Fastenzeit Invocavit)

Freie Fahrt für freie Bürger

Die FAZ (Nr. 38, S.17) nennt es eine „Revolution für Millionen Fahrgäste“. Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer jubelt: „Sensationell. Daran arbeiten wir jetzt schon fast zehn Jahre. Endlich Bewegung! Wenn das kommt, muss Tübingen dabei sein. Meines Wissens sind wir die einzige Stadt, die dafür ein gerechnetes Konzept in der Schublade hat.“

Was ist passiert? Die (bloß geschäftsführende) Bundesregierung will kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr testen. (Nicht einführen!)

Nach neuesten Angaben des Umweltbundesamtes wurden im Jahr 2017 die Stickstoffdioxid-Grenzwerte in siebzig deutschen Städten teils massiv überschritten. Millionen Menschen werden durch fehlende Katalysatoren und illegale Abschalteinrichtungen vergiftet. Die Autoindustrie missbraucht uns alle seit Jahren in einem unkontrollierten Großversuch als Versuchskaninchen.

Das kostet jedes Jahr über 12.000 Menschen vorzeitig das Leben. Hauptverursacher der erhöhten Stickstoffdioxid-Werte in der Luft sind Diesel-Pkw. Eigentlich müsste man jeden Diesel-Fahrer wegen Körperverletzung vor Gericht bringen. Aber mit denen will sich keine Partei, auch keine „Groko“, anlegen.

Gesunde Luft für alle sollte ein Menschenrecht sein, ist es aber nicht. Aber nun kommt Bewegung in die Sache, weil die Regierung unbedingt drohende Fahrverbote vermeiden will. Die Idee steht in einem Brief, den Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) und Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) an den Umweltkommissar der Europäischen Union geschrieben haben.

Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist bezeichnenderweise von der Finanzierung eines kostenlosen Öffentlichen Personennahverkehrs nirgends die Rede. Wie viel Geld die Bundesregierung zahlen könnte und würde, ist offensichtlich noch gar nicht gesprochen worden. Da kommen bereits die ersten „Bedenkenträger“. Die echten Kosten sind aber schwer zu ermitteln. Steigen wirklich viele Autofahrer um, spart nicht  nur der Einzelne, sondern auch die ganze Gesellschaft. Man braucht eben insgesamt weniger PKW-Infrastruktur.

OB Palmer hat in seiner Facebook-Seite die verschiedenen Argumente pro und contra aufgelistet: „was dagegen spricht, und warum ich trotzdem dafür bin.“ Er kommt zu dem Schluss: „Kostenfreier Nahverkehr ist die einfachste und billigste Lösung für Staus, Parkplatznot, schlechte Luft und Klimaschutz im Stadtverkehr. Und sie erspart Ärger mit der EU-Kommission. Machen!“

In Tübingen gibt es versuchsweise schon samstags kostenlosen Busverkehr. Deswegen erstaunt es, dass in der Regierungsvorlage u.a. ausgerechnet Reutlingen vorgeschlagen wird. Aber das wird man ja regeln können.

Ich selber hätte wenig davon, da ich jenseits der Tübinger Stadtgrenze wohne. Ich nutze eine Monatskarte für den Nahverkehr der ganzen Region (Naldo), die für Senioren sehr günstig ist. „Autofasten“ wäre auch für die christliche Fastenzeit eine gute Idee.

Persona

Kürzlich sah ich nach  fünfzig Jahren einen alten Bergman-Film wieder. Ich mochte seine frühen, oft theologisch herausfordernden, dazu sehr poetischen Filme. Als sein „Das Schweigen“ in unserer Kleinstadt lief, war er wegen seiner (wenigen) sexuellen Szenen Stadt-und Schulgespräch. Er war erst ab 18 Jahre zugelassen, weshalb ich zum Kinobesuch einen Anzug mit Krawatte und Sonnenbrille trug, um älter zu erscheinen. Ich sah nicht das Schweigen Gottes, sondern Menschen, die sich die Hölle bereiten. Ingmar Bergmans Kampf mit seinem streng-pietistischen Pastorenvater war mir unangenehm. Ich hatte bessere Erfahrungen mit der Religion gemacht.

Im Spätsommer 1967 also lief in Berlin „Persona“. Ich hatte die meisten Szenen mittlerweile vergessen. Er passte für mich mit seinen individuell-grüblerischen Bildern überhaupt nicht in die studentenbewegte Zeit. Wir wollten die Welt verändern, nicht uns selbst.  Tatsächlich war ich auch bloß mit ins Kino gegangen, um bei einer Studentin zu sein, die ich mochte. Sie hatte sich schon mit Psychoanalyse beschäftigt, von der ich damals keine Ahnung hatte, und war entsprechend begeistert. Ich verstand zwar nichts, war aber wegen meiner Nebensitzerin trotz der düsteren Thematik glücklich.

Inzwischen erinnere ich mich auch an mein tiefenpsychologisches Studium und kenne den Persona-Begriff von C. G. Jung. Damit ist wie im antiken Theater die Maske gemeint, die wir oft tragen müssen, wenn wir eine öffentliche Funktion einnehmen oder auch nur gegenüber den andern eine Rolle spielen. Es kommt dann darauf an, dass wir diese „Persona“ nicht uns ganzes Sein bestimmen lassen, sondern wir unsere Individualität entwickeln. Ich bin sicher, dass Ingmar Bergman dieses Konzept gekannt hat, denn mit diesem Film hat er offenkundig seine eigene Sinnkrise bewältigt – und nebenbei eine große Liebe gefunden. Ich habe dafür eine wichtige Zeugin. Eine der beiden Hauptdarstellerinnen, Liv Ullmann, hat später bekannt, dass sie selbst den Film eigentlich nicht verstanden hat, aber zunehmend den Eindruck bekam, dass sie Ingmar Bergman selber darstelle. Er hatte sie im norwegischen Theater entdeckt und wohl erklärt: „Der Film handelt von der Bedeutungslosigkeit der Kunst, der Ohnmacht der Sprache und der grenzenlosen Einsamkeit der Seele. Darüber hinaus handelt er von wie verschiedenen Menschentypen, die einen inneren und einen äußeren Kampf miteinander ausfechten. Der Film soll Begriffe wie Raum und Zeit aufheben, es soll keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit geben, uns es gibt keinen eigentlichen Handlungsverlauf.“ Der Film ist ein langes Gedicht aus Bildern, nicht aus Worten.

Heute könnte die Frage (mit einem Bestseller-Titel) sein: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Dargestellt am einseitigen Dialog der fast verstummten Patientin Elisabeth (Liv Ullmann) und ihrer redseligen Krankenschwester Alma  (Bibi Andersson). Es gibt in dem Film ein Bild, wie die Gesichter der beiden Frauen zu einem einzigen verschmelzen. Als dann noch der Ehemann von Elisabeth auftaucht, aber in ihrem Beisein mit Alma schläft, die er für seine Frau hält,  ist die Verwirrung des Betrachters komplett.

Bergman hat irgendwann gesagt, dass der Film ihn wieder das Sprechen gelehrt, ihm den Glauben an die Bilder zurückgegeben, ja sein Leben gerettet habe: „Das ist keine Übertreibung. Wäre es mir nicht gelungen, diesen Film zu machen, wäre es wahrscheinlich endgültig mit mir vorbeigewesen.“

Ich denke aber, die Liebe zu Liv Ullmann hat das geleistet und das gemeinsame Kind Linn. Warum hat er darüber nie einen Film gedreht?

Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Persona_(Film).

 

 

 

Illegale Kriege

In theologischen Ethiken und kirchlicher Praxis fand sich lange der Begriff „Gerechter Krieg“, der das Monstrum Krieg als „ultima ratio“ zivilisieren sollte. Er wurde aber derart oft für jegliche Kriegsführung als „prima ratio“ missbraucht, dass er mittlerweile in der Evangelischen Kirche durch den Zielbegriff „Gerechter Friede“ ersetzt wurde. Die Debatte darüber hat allerdings die christliche Friedensbewegung kaum beflügelt. Die Kraft zur Empörung ist erlahmt und der Abstumpfung und Gewöhnung an tägliche Kriegsnachrichten gewichen. Anders ist nicht zu erklären, dass der jüngste Krieg der Türkei gegen Kurden in Syrien in Deutschland wenig Protest findet. Ausnahmen sind die Kurden selbst und die Linken. Die Bundesregierung belässt es bei harmlosen Mahnungen an den NATO-Partner. Die Christen in der Türkei sind ohnmächtig, Papst und Ökumene wollen sie nicht noch mehr gefährden. Aus unserer Evangelischen Kirche (EKD) höre ich wenig.

Dabei gibt es mit der Charta der Vereinten Nationen (vom 26.6.1945) ein weltweites Kriegsverbot mit zwei Ausnahmen: Das Recht der Selbstverteidigung und ein ausdrückliches Mandat des UNO Sicherheitsrates. Konkret heißt es im Artikel 2 der Charta: „Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.«

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser hat anhand dieser Kriterien die jüngsten Kriege in einer „Chronik von Kuba bis Syrien“ analysiert. („Illegale Kriege“, Zürich 3. Aufl. 2016) Er kommt zu dem Fazit, dass gerade NATO-Länder – allen voran die USA unter sämtlichen (!)  Präsidenten – wiederholt andere Länder angegriffen und das in der UNO-Charta verankerte Gewaltverbot verletzt haben.

Er zitiert den hellsichtigen Pastor Martin Luther King: „Wir haben das Gefühl, dass wir mit unserem Geld alles tun können. Wir sind arrogant und glauben, dass wir anderen Ländern Lektionen erteilen müssen, aber nichts von ihnen lernen können. Wir glauben in unserer Arroganz oft, dass wir eine Art göttliche messianische Aufgabe als Polizist der Welt haben.“

Er sagt klar: „Der Angriff auf Syrien 2011 war illegal. Die Angreifer USA, Großbritannien, Frankreich, Türkei, Katar und Saudi-Arabien haben brutale Banden trainiert und mit Waffen ausgerüstet und versuchen seit 2011 Präsident Assad zu stürzen, was ihnen aber bisher nicht gelungen ist.

Diese brutalen Banden müssen als Terroristen bezeichnet werden, aber die Angreifer benutzen das Wort „moderate Rebellen“ und verwirren dadurch die Öffentlichkeit.

Deutschland hat sich erst spät in den Krieg eingebracht, dann aber auf der Seite der Angreifer. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel will Assad stürzen. Das ist aber alles illegal. Es wäre genauso illegal, wenn Assad Frau Merkel stürzen wollte.“

Die Medienberichte über Krieg und Terror jagen sich und es ist schwer, den Überblick zu behalten. Das Chaos ist perfekt. In seinem Buch erklärt er dreizehn illegale Kriege von 1945 bis heute, Irak 2003 und Syrien 2011 sind nur zwei Beispiele von vielen. Das Buch hilft dem Leser, in chaotischen Zeiten den Überblick zu behalten.

Vor allem aber wirken die Medien oft kriegstreibend und nicht kriegshemmend. So fordern die Medien etwa den Sturz von Assad in Syrien. Dabei wird selten erklärt, dass es völlig illegal ist und dem UNO-Gewaltverbot widerspricht, eine Regierung in einem fremden Land zu stürzen. Regime Changes sind verboten.

Wahrscheinlich muss man aus der neutralen Schweiz kommen, um deutlich festzustellen, was man in Deutschland selten liest:  „Die NATO ist keine Kraft für Sicherheit und Stabilität, sondern eine Gefahr für den Weltfrieden. Auch der laufende sogenannte »Krieg gegen den Terror« ist durchsetzt mit Lügen. Dieser von den USA und den NATO-Ländern 2001 ausgerufene Krieg bietet keinen glaubwürdigen Ausstieg aus der Gewaltspirale an und geht die realen Ursachen des Terrors überhaupt nicht an, weil er im Kern gar nicht auf diesen oder dessen Beseitigung, sondern auf die Eroberung und Sicherung von Erdöl, Erdgas, Geld und Macht abzielt. Der sogenannte »Krieg gegen den Terror« ist und bleibt ein Kampf um Rohstoffe und die globale Vorherrschaft.

Die Bilanz nach 15 Jahren ist verheerend: Mehrere Staaten, darunter Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien, sind völlig destabilisiert, Misstrauen und Angst breiten sich aus.

Der sogenannte »Krieg gegen den Terror« stärkt den Militärisch-industriellen Komplex und schwächt die Menschenrechte und die UNO-Charta; er muss von der Friedensbewegung beendet werden, weil er gescheitert ist.“

Die Lektüre der 373 Seiten lohnt, weil man aus dem Abstand manche Zeitereignisse genauer sehen kann und nicht so leicht auf  die aktuelle Propaganda hereinfällt. Andererseits werden viele Kriege in Afrika und Asien (Korea!) nicht analysiert.

 

Dr.phil. Daniele Ganser ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und Internationale Politik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsführung, Ressourcenkämpfe und Wirtschaftspolitik. Er unterrichtet an der Universität St. Gallen zur Geschichte und Zukunft von Energiesystemen und an der Universität Basel Konfliktanalysen zum globalen Kampf ums Erdöl. Er leitet das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) in Basel.

Krieg in Syrien

Es ist noch nicht lange her, dass ich in besseren Zeiten  mehrfach Reisegruppen nach Nordsyrien geführt habe. Die jetzt umkämpfte Gegend von Afrin haben wir seinerzeit aus historischem Interesse besucht. Insbesondere der späthethitische Tempel von Ain Dara hat uns begeistert. Jetzt liegt er in Trümmern. So fatal die Zerstörung einmaliger Kulturschätze ist, ist die massenweise Bombardierung der Menschen natürlich noch schlimmer. Der alte Begriff der „Toten Städte“ bekommt eine aktuelle, fatale Bedeutung. Darum berührt es mich besonders, wenn ich immer wieder Bilder vom Krieg in Syrien sehen muss.

Nun gab es am Wochenende endlich auch Demonstrationen bei uns gegen den Angriffskrieg der Türkei gegen die Kurden in Syrien. Die mehrheitlich kurdischen Demonstranten forderten in Tübingen ein Ende der militärischen Angriffe und Sanktionen gegen die türkische Regierung.

Organisiert hatte unter dem Motto „Hände weg von Afrin“ das „Solidaritätskomitee Afrin“. Eine zentrale Aussage der Sprecherin des Solidaritätskomitees lautete, türkisches Militär habe Afrin mit Hilfe radikaler islamistischer Gruppierungen völkerrechtswidrig angegriffen. Hunderte Kurden seien bereits getötet und verletzt worden. Mit Parolen wie „Türkei bombardiert, Deutschland kassiert!“ und „Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt!“ kritisierten Demonstranten auch die deutschen Waffenexporte an die Türkei.

Die „Informationsstelle Militarisierung“ IMI, der ich die ausführlichsten Informationen verdanke scheibt:

„Die Empörung, die das türkische Vorgehen und die nüchtern betrachtet selbstverständliche Beteiligung deutscher Waffensysteme auslöst, hat jedoch andere Gründe. Denn das Märchen, dass die westlichen Mächte in den syrischen Bürgerkrieg eingegriffen hätten, um demokratische oder irgendwie „bessere“ Verhältnisse zu schaffen, steht nun endgültig vor seiner Entlarvung. Denn mit der kurdischen Selbstverwaltung und der SDF greifen die Türkei und ihre Milizen jene Kräfte an, die mit Abstand am ehesten für eine demokratische und multikonfessionelle Ordnung stehen und diese explizit und glaubhaft anstreben.“

Nun beteiligt sich  Deutschland schon spätestens seit dem 4. Dezember 2015 am Syrienkrieg. Anlass waren die terroristischen Anschläge von Paris. Die Angriffe laufen seitdem ohne Mandat der UNO. Sie sind darum illegal. Der schweizer Friedensforscher Daniele Ganser folgert in seinem Buch „Illegale Kriege“ (Zürich 2016): „Mit dem illegalen Angriff auf Serbien 1999, dem illegalen Angriff auf Afghanistan 2001 und dem illegalen Angriff auf Syrien 2015 hat Deutschland unter dem Druck der USA und anderer NATO-Partner wieder das Kriegsbeil ausgegraben. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern gefährlich, denn illegale Kriege gehören zu den schwersten Verbrechen, die es gibt. Die deutsche Friedensbewegung steht daher heute vor ihrer größte Herausforderung seit 1945: Sie muss trotz Terrorangst zeigen, ob sie Deutschland wieder auf den Pfad des Friedens und des Völkerrechts zurückführen kann.“ S. 327

Leider kann ich nicht behaupten, dass Kirchen oder christliche Gruppen diese Herausforderung schon begriffen haben. Man begnügt sich weithin mit der Gebetslitanei „Verleih uns Frieden gnädiglich“.

Konfuzianismus heute

Kürzlich habe ich bei einem „Neujahrsempfang“ einen Vortrag über meine letztjährigen Erfahrungen in China gehalten. Da kam die Frage auf, welche Rolle Konfuzius in der Gegenwart spielt.

Nun habe ich zwar einige Konfuzius-Tempel besucht und mit Chinesen darüber gesprochen, aber ich bin natürlich kein Sinologe. Selbst die haben kaum soziologische Untersuchungen aus der Volksrepublik.

In diesem Zusammenhang habe ich aber noch einmal das faszinierende Buch „Konfuzius – Der Mann und die Welt, die er schuf“ des amerikanischen Sinologen Michael  Schuman (Kösel Verlag München 2016, 448 Seiten) gelesen. Er beschreibt nicht nur, was wir vom „historischen Konfuzius“ wissen, sondern vor allem, wie er in über 2500 Jahren interpretiert und benutzt wurde. Man sieht, wie vor allem die Kaiser sich diese Philosophie für die Absicherung ihrer Herrschaft nutzbar gemacht haben. Und das geschieht eben auch gegenwärtig, vor allem in Singapur und Korea, aber auch in der formal kommunistischen Volksrepublik.

Michael Schuman, der in Peking lebt,  schreibt:

„Der Konfuzius, den wir heute kennen, ist keine Exklusivschöpfung der Chinesen. Der moderne Konfuzius ist »ein Produkt, das von vielen Händen über viele Jahrhunderte hinweg geschaffen wurde, von kirchlichen ebenso wie von ungläubigen, westlichen genauso wie chinesischen«, sagt der Historiker Lionel Jensen. Jensen geht davon aus, dass Konfuzius zum Teil eine Erfindung der jesuitischen Missionare ist, die im 16.Jahrhundert nach China kamen. Als sie versuchten, diese neue und fremde Zivilisation zu verstehen, fabrizierten sie einen dazu passenden »-ismus«, dessen Begründer natürlich ein großer Heiliger sein musste. So hatten das selbst die Chinesen noch nicht gesehen. Tatsächlich ist der Name Konfuzius eine jesuitische Schöpfung, die seltsame Übertragung des chinesischen Kong fuzi, eine (selten verwendete) Bezeichnung, die einfach »Meister Kong« heißt. Kong war sein Familienname. Der Konfuzius, den wir kennen, so Jensen, ist auf jeden Fall eine »Erfindung der westlichen Einbildungskraft«. S.15

Als die Kommunistische Partei 1949 ans Ruder kam, wurde die patriarchalische Gedankenwelt des antiken Philosophen geschmäht, die vom dritten Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs 1912 die Staatsdoktrin war. Bis zur „Kulturrevolution“ wurde Konfuzius in der Volksrepublik China bekämpft. Mao rühmte sich, dass er mehr konfuzianische Gelehrte umgebracht habe als der „Erste Kaiser“. Heute sind in mehreren hundert Schulen Kinder anzutreffen, die vor Standbildern des alten Lehrmeisters den Kopf verneigen: „Wir verehren dich, Meister Konfuzius! Danke für deine Lehren und dein Mitgefühl!“, singen 30 Kinder in einer konfuzianischen Schule. Sie sind erst zwei bis sechs Jahre alt. Ihre Eltern versprechen sich vom Unterricht in der Privatschule, dass die Kleinen traditionelle Werte wie Respekt und Achtung vor der Familie vermittelt bekommen. Die Eltern zahlen im Halbjahr umgerechnet rund tausend Euro, um den Kindern die konfuzianische Bildung angedeihen zu lassen.

Die Fähigkeiten zum Auswendiglernen sind zwischen zwei und sechs ausgezeichnet“, schwärmt die Rektorin der Schule. „Dann säen wir die Samen des Mitgefühls und des Respekts vor Eltern und Lehrern.“ Wenn die Kinder sechs seien, habe die Schule schon ihre Hauptaufgabe erfüllt, die „klassischen Lehren“ des Konfuzius zu vermitteln. Es handelt sich um mehrere hunderttausend chinesische Schriftzeichen. Nebenbei lernen die Buben chinesisches Schach, die Mädchen die Welt der Tee-Zeremonien.

Auch der eigene Geburtstag wird zum Lehrstoff. „Denke daran, dass deine Mutter an diesem Tag schwer gelitten hat, indem sie dich zur Welt brachte“, sagt die Lehrerin einem verschüchterten Buben, der vor seiner Großmutter kniet. „Es war sehr schmerzhaft.“ Diese Schule ist nach „Dizigui“, einem Lehrbuch aus dem 17. Jahrhundert, benannt. Das vom Konfuzianismus geprägte Werk lehrt blinden Gehorsam gegenüber den Eltern und den Älteren.

Dass Korruption und Umweltverschmutzung auch durch einen „Mangel an moralischer Führung“ verursacht seien, meint Michael Schuman. Das passe gut mit den Vorbehalten der chinesischen Regierung gegen westliche Einflüsse – „besonders Demokratie und Menschenrechte“ – zusammen. In dieser Sichtweise sei „traditionelle chinesische Kultur ein Bollwerk gegen ausländische Ideen“.

Präsident Xi Jinping lässt Aussprüche des Konfuzius in seine Reden einfließen, der Konfuzianismus ist in die Propaganda der Regierung in Peking eingegangen. Insbesondere das Konzept einer „harmonischen Gesellschaft“, in der es keine Opposition gibt, gefällt der Kommunistischen Partei.

In der „Entwicklungsdiktatur“ Singapur ist vielleicht der heutige Konfuzianismus politisch und ökonomisch am erfolgreichsten. Allerdings regt sich dort Widerstand unter den nichtchinesischen Bevölkerungsgruppen. (Ich finde diese supersaubere Stadt schrecklich, aber ich war nur für drei Tage dort.)

Ich denke, es ist mit Konfuzius ähnlich wie mit Jesus.  (Viele ihrer Lehren ähneln sich ja. Man denke an die „Goldene Regel“.) Es kommt darauf an, was man daraus macht.