Archiv für den Monat Oktober 2016

Auf der Donau (4): Bratislava

Wir kehren um und fahren mit der „Select Explorer“ nach Bratislava. Die Stadt ist die einzige Station unserer Reise, die ich noch gar nicht kenne. https://www.visitbratislava.com/de.

Die Altstadt ist überschaubar klein und noch nicht überall restauriert. Viele kleine originelle Läden fallen mir auf. Noch hat die Globalisierung nicht mit voller Wucht zugeschlagen. Donauabwärts allerdings macht sich eine shopping-mall breit wie man sie überall finden kann.

In der Stadt gibt es viele Hochschulen, weshalb erfreulich viele junge Leute die Cafés bevölkern. Eine deutsche Medizinstudentin erzählt uns, dass sie hier viel billiger als in Deutschland studieren kann. Viele bleiben offenbar auch nach dem Examen gleich da.

Der Medizintourismus spielt in Bratislava eine bedeutende Rolle. Über 3.000 Patienten pro Jahr kommen allein nur für Augenoperationen. Attraktiv ist Bratislava mit seinen zahlreichen Kliniken, die deutschsprachigen Service bieten, wegen niedriger Kosten und hohem Standard, insbesondere im Bereich  chirurgische Brustplastiken und Zahnbehandlungen.

Ich muss zugeben, dass die Slowakei für mich bisher ein „weißer Fleck“ war. Ich habe nicht einmal wahrgenommen, dass die Regierung am 1.Juli den EU-Ratsvorsitz übernommen hat. Wer kennt schon den slowakischen Staatspräsidenten Andrej Kiska und den Ministerpräsidenten Róbert Fico?

Wer die Geschichte der Slowakei studiert und ihre gegenwärtige labile Lage sieht, versteht besser, dass man noch um die eigene Identität kämpft und nicht geneigt ist, in größeren Zahlen Migranten aufzunehmen.

Die kirchliche Situation ist mir ein wenig durch das Gustav-Adolf-Werk bekannt. Mit dem leitenden evangelischen Bischof Milos Klatik bin ich vor einigen Jahren durch die Ukraine gereist. Er ist in Württemberg gut bekannt und hat jüngst auf dem Pfarrertag in Stuttgart die Morgenandacht gehalten. Vgl. http://www.evangelische.sk.

Schon seit den 1520er Jahren wurden die Gedanken der Reformation im Gebiet der heutigen Slowakei verbreitet. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war die Mehrheit der Bevölkerung, besonders in den großenteils deutschsprachigen Städten, lutherisch. Mit etwa 370.000 Mitgliedern (ca. 7 % der Bevölkerung) ist die Evangelische Kirche  nach der römisch-katholischen die zweitgrößte der Slowakei. Sie hat derzeit 326 Gemeinden und 657 Kirchenbauten und etwa 355 aktive Pfarrerinnen (!) und Pfarrer.

Leider reicht die Zeit nicht für weitere Erkundungen. Das ist ja ein ständiges Manko unserer Flussreise. Zwar legen wir noch in Dürnstein an, aber an vielen reizvollen Landschaften rauschen wir nachts vorbei. So auch hinter Linz an jenem Strand, wo ich als Jugendlicher geschwommen bin. Ich habe damals in einem internationalen workcamp mit anderen 16jährigen einen Kriegsfriedhof in Ordnung gebracht. Damals habe ich sehnsüchtig den Donauschiffen nachgeschaut.

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Auf der Donau (3): Budapest

Uner Schiff legt direkt in der Innenstadt an. Das ist sehr komfortabel, zumal Bus und Straßenbahn für Senioren nichts kosten. Nur das Wetter spielt nicht mit. Hätte ich doch eine Badehose eingepackt, dann könnte ich mich in den wunderbaren Thermalbädern tummeln. Aus unserer Kajüte blicke ich direkt auf das imponierende Parlamentsgebäude, das aber politisch ziemlich bedeutungslos geworden ist.

Vor acht Jahren nahm ich in Budapest an einer ökumenischen Konferenz teil der kirchlichen Akademien teil. Dort begegneten wir im Parlament Zoltán Balog, reformierter Pastor in einer Art Stadtakademie und gewählter Abgeordneter. Ich hatte damals einen guten Eindruck, da er sich deutlich gegen Korruption aussprach. Allerdings wollte er schon damals über Konflikte nur diplomatisch sprechen.

Seit Mai 2012 ist er unter Ministerpräsident Viktor Orban Minister für Humanressourcen mit der Zuständigkeit für die Bereiche Gesundheit, Soziales, Jugend, Bildung, Kultur und Sport. Da er in Deutschland, u.a. in Tübingen, studiert hat, beherrscht er die deutsche Sprache perfekt. Deswegen tritt er auch öfter im deutschen Fernsehen auf, wenn es um ungarische Politik geht. Vor drei Jahren erhielt er das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband, einen der höchsten deutschen Verdienstorden. Damit wurden nicht nur seine Verdienste um deutsch-ungarische Beziehungen geehrt, sondern auch sein Einsatz für Minderheiten, speziell für die Roma. Genau das ist aber sehr umstritten. Bürgerrechtler und Roma-Aktivisten werfen ihm vor, er wolle die Segregation von Roma-Kindern im Bildungswesen, die seit 2003 in Ungarn gesetzlich verboten ist, wieder legalisieren.

Eigentlich gilt der Chef des „Ministeriums für menschliche Kraftquellen“, wie die sperrige Originalbezeichnung lautet, als liberales Aushängeschild in Orbáns Regierung. Balog engagiert sich im jüdisch-christlichen Dialog und ist einer der wenigen, der immer wieder deutliche Worte gegen Rechtsextremismus findet. Anderseits verantwortet sein Superministerium beispielsweise den Nationalen Grundlehrplan, in dem antisemitische Schriftsteller der Zwischenkriegszeit Schülern kritiklos zur Lektüre empfohlen werden. In Deutschland wir besonders kritisiert, dass er die Abschottungspolitik der Regierung gegen Migranten verteidigt.

Die Empörung über die Schliessung der Zeitung «Nepszabadsag» treibt die Ungarn auf die Strasse. Mehrere tausend Menschen haben im Zentrum von Budapest für Pressefreiheit und gegen Korruption demonstriert. Die Organisatoren sprachen gar von mindestens 10000 Teilnehmern. Es scheint, dass der Widerstand gegen die Regiertung zunimmt. Es hätte mich interessiert, was Pastor  Balog dazu sagt. Aber leider bekomme ich keinen Termin. Ich fürchte, da ist wieder ein engagierter Christ durch die Politik verdorben worden.

Die 39 Mitglieder unserer Schiffsbesatzung stammen aus aller Welt. Der Kapitän ist Niederländer, ein Steward kommt aus Bali, das „Zimmermädchen“ stammt aus Polen, der Maschinist aus Serbien. Andere sind aus der Ukaine, Tunesien oder Rumänien. Ungarn sind auch darunter. Man muss sich auf englisch mit ihnen unterhalten. Nur der „Hotelchef“ ist Deutscher. Das ist genau das neue Europa, das die ungarische Regierung fernhalten will. Mich hätten ihre Arbeitsbedingungen interessiert. Leider gibt es nur wenige substantielle Gespräche mit ihnen. Stattdessen dürfen sie uns mit einer ziemlich schwachsinnigen „Crew-Show“ unterhalten.

 

Auf der grauen Donau (2): Wien

 

Was macht man mit einer Kurzvisite in Wien? Freunde besuchen, Kunst und Kirche?

Jedenfalls verlassen wir schnell die obligatorische Stadtrundfahrt mit ihrem ewigen Sissi-Quark. Schade, dass Reiseführer die Leute so unterschätzen und nur die Vergangenheit umrühren.

Wir nehmen uns das Belvedere vor, wo man der eben genannten Kaiserin zwar auch begegnet, aber doch wenigstens zum Kuss von Gustav Klimt ausweichen kann. Meine Frage, wieso ein General – das nur war der Prinz Eugen eigentlich – sich so einen (auch noch zweifachen)Palast bauen kann, bleibt leider unbeantwortet. War es Erbe, war es Beute? Offenkundig war der Krieg gegen die Türken lukrativ. Vgl. http://www.belvedere.at.

Jedenfalls scheint die Abwehr der Türken noch heute ein Komplex in Österreich zu sein, wenn man sich den gegenwärtigen Wahlkampf zum Präsidentenamt ansieht. Bekanntlich muss die Farce wiederholt werden. Am 4. Dezember ist es dann so weit. Der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer provoziert mit dem Slogan „So wahr mir Gott helfe“.Diesen Satz will Hofer auch als Gelöbnisformel verwenden.

Warum er sich auf seinen Plakaten auf Gott berufe, beantwortete Hofer, der zur evangelischen Kirche übergetreten ist: „Zunächst schätzte ich die katholische Kirche sehr, meine Kinder sind katholisch, meine Frau ist katholisch.“ Er sei evangelisch geworden, da dort auch Frauen das Priesteramt ausüben könnten. Die evangelischen Kirchen Österreichs scheinen aber nicht sehr glücklich über dieses Bekenntnis.

„Gott lässt sich nicht für eigene Absichten oder politische Zwecke instrumentalisieren“, hieß es in einer Stellungnahme von Bischof Michael Bünker (Evangelische Kirche nach Augsburger Bekenntnis), Landessuperintendent Thomas Hennefeld (Evangelische Kirche nach Helvetischem Bekenntnis) und Superintendent Stefan Schröckenfuchs (Evangelisch-methodistische Kirche). Selbstverständlich sei es „gutes Recht eines jeden Christenmenschen“, sich öffentlich zum Glauben zu bekennen und sich mit der Bitte um Hilfe an Gott zu wenden. „Wir lehnen es jedoch ab, Gott für Wahlkampagnen zu bemühen“, so die Repräsentanten der Evangelischen.

Sie wenden sich gegen eine Instrumentalisierung Gottes für eigene Absichten oder politische Zwecke. Der Gott der Bibel sei kein „christlich-abendländischer“, sondern ein universaler Gott, der Partei ergreife für schwache, arme und notleidende Menschen. Aus diesem Gottesverständnis resultierten der Einsatz und eine besondere Verantwortung auch für alle Schwachen in der heutigen Gesellschaft. Dazu zählen, so die Evangelischen Kirchen, „heute ganz besonders auch Flüchtlinge und Fremde“.

„Gott für die eigenen politischen Interessen einzuspannen und ihn in Verbindung mit dem Hinweis auf das christliche Abendland zumindest indirekt als Kampfansage gegen andere Religionen und Kulturen einzusetzen, erachten wir als Missbrauch seines Namens und der Religion“, hieß es in der Stellungnahme weiter.

Hofers Kontrahent im Kampf um das Amt, Alexander Van der Bellen, reagierte mit seinem eigenen Glaubensbekenntnis. Dieses liege im überparteilichen Dienst an Österreich, meinte er bei der Präsentation seiner Wahlplakate. „Österreich dienen – und keiner Partei“ lautet einer der Slogans, den der frühere Parteichef der Grünen als „mein Credo als Bundespräsident“ bezeichnete.

Aus deutscher Sicht ist man fast neidisch, dass es in Österreich einen richtigen Wahlkampf gibt, so unappetitlich der auch sein mag. So werden Positionen und Bekenntnisse wenigstens debattiert. In Deutschland wird das Amt des Bundespräsidenten vermutlich wieder ausgekungelt.

Auf der grauen Donau (1): Melk

Die letzte Flussfahrt haben wir auf dem Mekong erlebt. Recht abenteuerlich. Auf unserer Last-Minute-Donaufahrt ist nur die Bahnreise abenteuerlich. Statt 13.36 Uhr kommen wir wegen eines Unglücks bei München in Passau Hbf.16.55 Uhr an nach einem Umweg über Mühldorf. Südostbayrische Bummelbahn. Andere nehmen panisch ein Taxi von München, denn vernünftige Auskunft gibt die Bahn nicht. Wir hasten endlich im Schweinsgalopp zum Kai, denn um 17 Uhr legt unser Schiff ab. Wir wollen dem grauen Oktober für ein paar Tage entkommen. Das gelingt nur mäßig. Auf dem „Sonnendeck“ fehlt meistens die Sonne. Ansonsten sind wir gut versorgt mit „4- oder 5- Gänge Menüs, die schon mal zwei Stunden dauern können.

Am nächsten Morgen landen wir in Melk, dessen Stift wir besichtigen. Mit gemischten Gefühlen und zu wenig Zeit spazieren wir durch die barocke Anlage, ein Höhepunkt katholischer Macht- und Prachtentfaltung. Siehe : www.stiftmelk.at.

Unser Fahrplan lässt nur eine Stippvisite zu. Das Klostermuseum ist sehr geschickt aufgebaut und die Führung durch eine Historikerin für Anfänger gut geeignet. Ich wäre natürlich gern viel langsamer gegangen, insbesondere durch die Bibliothek.

„Das Besondere an einer Bibliothek wie der Melker Stiftsbibliothek ist, dass eine durch Jahrhunderte hindurch gewachsene Sammlung von Büchern in einem Ambiente präsentiert wird, das der historischen Bedeutung dieser Sammlung entspricht. Wer den barocken Bibliothekssaal betritt, staunt über die sich ihm darbietende Pracht, die Fülle an einheitlich gebundenen Bänden, die sich harmonisch in das Farbenspiel und die Architektur des Raumes einfügen. Er weiß spontan, hier geht es um Kostbares, um eine Welt von Büchern, die gelesen und benützt werden will, die zugleich aber dem Besucher und Benützer bedeutet, mit der gebührenden Ehrfurcht ans Werk zu gehen. Man könnte sagen, die barocke Bibliothek inszeniert sich selbst. Sie weckt Lust zum Lesen und fordert Respekt ein. Sie stellt zur Schau und entzieht das Geschaute doch zugleich dem unmittelbaren Zugriff.“

Man kommt in Zeiten der Reformationsjubiläen ins Grübeln, ob nicht die Klöster für die Zivilisation und Bildung Europas einen größeren Beitrag geleistet haben. Allerdings scheint das Geschichte zu sein. Über die gegenwärtige Arbeit der Mönche erfährt man wenig. Das enorme Kulturprogramm unterscheidet sichn wenig von anderen Anbietern. Die Mönche scheinen  ziemlich „freigeistig“ zu sein, haben sie doch einmal zum Ärger der Konservativen den „Ketzer“ Eugen Drewermann zu Exerzitien eingeladen. Der Abt hingegen wirkt reichlich autoritär, hiesige Klosterschüler vermelden wenig Gutes.

Ich erinnere mich, dass Dietrich Bonhoeffer im Kirchenkampf seinem Bruder schrieb: „Die Restauration (!) der Kirche kommt gewiß aus einer Art neuen Mönchtums, das mit dem alten nur die Kompromisslosigkeit eines Lebens nach der Bergpredigt in der Nachfolge Christi gemeinsam hat.“

Die Stadt Melk haben wir früher einmal besucht. Jetzt muss ein Blick aus der Höhe genügen. Es gibt dort immerhin auch eine Evangelische Kirchengemeinde mit einem bescheidenen Kirchlein.. http://www.evang-melk-scheibbs.at.

Wie mag es um die Ökumene stehen, wenn schon äußerlich der Unterschied  der Konfessionen so krass ist? Ich würde gern mehr erfahren, denn die Krise der Kirche ist nicht zu übersehen. Leider taugt die Bibliothek an Bord nichts. Der mitreisende Priester, ein leutseliger Mecklenburger,  stammt aus Rostock und hat von Österreichs Katholizismus wenig Ahnung. Ich habe aber keine Lust, mit ihm hier über die Kirche in der DDR zu diskutieren. Den meisten Mitreisenden genügt die knappe Bordinformation. Sie hören lieber dem ungarischen Alleinunterhalter zu.

Nachmittags genießen wir die Wachau mit ihren Weinbergen, Burgen und Dörfern am Ufer. Nach etlichen Schleusen landen wir spät  in Wien-Nußdorf, wo man schon die Bürgersteige hochklappt. Auf der Suche nach Internet, das auf dem Schiff nicht funktioniert, werde ich im Vorraum der Austria-Bank fündig.

 

 

 

 

Arabisches Filmfestival

Über 80 Filme waren im Arabischen Filmfestival in Tübingen zu sehen. Man kann sich damit fast eine Reise in den Orient sparen, aber wer soll das alles sehen? Wäre es nicht besser, diese Filme über das Jahr zu verteilen und in den Kinos zu zeigen? In einem Hörsaal kommt nun einmal keine Festivalstimmung auf. Vielleicht könnte man dann auch mehr Diskussionsgruppen anbieten.Siehe http://www.arabisches-filmfestival.de.

Mit Recht jubelt die Lokalzeitung: „Es ist bereits die zwölfte Ausgabe, und wieder bringt es Filme in die komödienverliebte Unistadt, die es sonst kaum noch in die hiesigen Kinos schaffen würden….“ Da gibt es beispielsweise die herausragende Doku „Life on the Border“, für die acht Kinder aus dem Grenzgebiet zwischen dem Irak und Syrien ihren Alltag im Flüchtlingslager mit der Kamera aufgezeichnet haben. Eines von ihnen ist der 13-Jährige, der als letzter in seiner Familie nach außen hin funktioniert. Er organisiert Essen, kocht und wäscht für seine in Trauer gefangene Großmutter und die kleine Schwester, die nicht mehr spricht, seit die Terrormiliz IS sie eine Woche „hatte“, wie es im Film heißt. Diese Kinder waren so eindrucksvoll (und dabei völlig frei von Selbstmitleid), dass einige Zuschauer die Tränen nicht zurückhalten konnten…“

Ein einziger Film lenkte die Aufmerksamkeit auf die christliche Minderheit im Islam: „Abna Yaso | Die Kinder JesuEr zeigt die Realität und Geschichte koptischer Christen im Sudan und ihr Zusammenleben mit der muslimischen Mehrheit. Vier Menschen unterschiedlicher sozialer und beruflicher Herkunft geben einen Einblick in das Leben der christlichen Minderheit im Lande. In aktuellen TV-Berichten allerdings wird weit kritischer über die Menschenrechtslage in Sudan berichtet. Die Stärke dieser Filme ist, dass sie einmal nicht aus europäischer Perspektive schauen. Die Schwäche, dass sie oft nicht frei berichten dürfen ohne sich und andere zu schädigen.

Beim  Filmfestival erfährt man, dass es in Saudi-Arabien, das gerade mit einem verheerenden Kriegsverbrechen in Jemen auffiel, doch auch Leute gibt wie den Regisseur Mahmoud Sabbagh, Pionier des unabhängigen Kinos in seinem Land, dessen schräge Komödie „Barakah meets Barakah“ wegen großen Zuspruchs wiederholt wurde. Er (Barakah) ist Ordnungsbeamter in Dschidda, Laiendarsteller in einer Theatergruppe, die „Hamlet“ aufführen will, und nicht wirklich aus bester Familie. Sie (auch: Barakah) ist die Adoptivtochter eines reichen Paares mit Eheproblemen. Sie schaffen es, mit begnadeter Raffinesse das System von Tradition, Anstand und Religionspolizei zu umgehen. Eine amüsante Geschichte ohne Realitätsgehalt. Der Film wurde kürzlich von Saudi Arabien für den Oscar-Wettbewerb  in die USA geschickt.

Doch gerade das wirft Fragen auf: Warum kann er im Land selbst nicht gezeigt werden? Sind nicht dort alle Kinos längst geschlossen und das in den achtziger Jahren erbaute Opernhaus niemals eröffnet? Lenkt diese harmlose Komödie nicht ab von den Verbrechen, die Tag für Tag in Saudi-Arabien vom Staat begangen werden?

In dem neuesten Heft „ANKLAGEN“ der Tübinger  Amnesty International Gruppe steht, wie in Saudi-Arabien selbst Minderjährige in Gefängnissen Opfer von Folter und Misshandlung werden.  http://www.ai-tuebingen.de/Anklagen/Homepage.

Altmodisch wie ich bin, denke ich, dass Lesen doch mehr bildet als Schauen.

Totale Überwachung

1968 war eine meiner ersten Demonstrationen die gegen die Notstandsgesetze unter Kanzler Kiesinger. Überwachungsrechte der Besatzungsmächte sollten auf die souveräne BRD übertragen werden. Tausende gingen damals in ganz Westdeutschland auf die Straße. Wir fanden, dass eine STASI reicht. Doch ganz souverän wurde Deutschland nicht. Wesentliche Rechte blieben bestehen. Auf dieser Basis können die USA heute Kommunikation in Deutschland ausspähen und auswerten. Nach dem 11. September hat Kanzler Schröder den USA noch weiterreichende Möglichkeiten zur Zusammenarbeit der Geheimdienste auf deutschem Boden eingeräumt. Da hat niemand mehr demonstriert.

Wahrscheinlich denken die meisten wie ich früher „Ich habe nichts zu verbergen. Sollen sie doch meine eMails lesen..“ Dieses Vorurteil habe ich gründlich abgebaut seit ich den Film „Snowden“ gesehen und einige Bücher darüber gelesen habe. Zufällig liefen in dieser Woche bei „3sat“ (natürlich zu nachtschlafender Zeit) die Dokumentarfilme “Citizenfour“ und „We Steal Secrets“ über die Wikileaks-Geschichte.

Erzählt wird in dem Spielfilm von Oliver Stone die wahre Geschichte des CIA- und NSA-Mitarbeiters und Whistleblowers Edward Snowden, der im Jahr 2013 von Hawaii nach Hongkong fliegt, um dort tausende geheime Dokumente an die Presse weiterzugeben, welche die Existenz von Programmen amerikanischer und britischer Geheimdienste öffentlich machen, die der Totalüberwachung des weltweiten Internetverkehrs dienen.

„Wir treffen uns im Flur vor dem Restaurant im Mira Hotel“, hat Snowden sie instruiert. „Ich werde mit einem Zauberwürfel spielen, damit ihr mich identifizieren könnt.“ Vorgaben wie aus einem zweitklassigen Spionagethriller.

Acht Tage lang verschanzen sie sich auf dem Zimmer, um die irrste Story ihrer Generation zu inszenieren: Snowden, Poitras, Greenwald und später auch Ewen MacAskill, der Geheimdienstreporter des „Guardian“. Lange Momente des Schweigens ersticken ihre aufgeregten Gespräche – und untermalen ihre Einsamkeit. Einmal steht Snowden am Fenster und blickt durch die Gardine auf den Kowloon Park, zehn Stockwerke tiefer, unendlich fern. Seine Deklamationen klingen heroisch. „Ich sah, wie die Versprechen der Regierung Obama verraten wurden“, sagt er. „Ich bin mehr bereit, Einkerkerung zu riskieren oder andere persönlich negative Folgen, als ich bereit bin, die Beschneidung meiner intellektuellen Freiheit und der Freiheit derer um mich herum zu riskieren.“ Und an den Staat: „Ich fürchte mich nicht vor euch. Ihr werdet mich nicht zum Schweigen zwingen.“

Dieser Vorgang erschüttert nicht nur die Weltgemeinschaft, sondern auch die internationale Politik, was ihn zu einem der derzeit meistgesuchten Männer der Welt macht. Er lebt seitdem in Moskau. Am Ende des Films kommt Snowden selbst zu Wort.

Ex-CIA-Direktor James Woolsey macht Snowden sogar für die Paris-Attentate verantwortlich und wünscht, dass er „am Hals aufgeknüpft wird, bis er tot ist.“

Es gibt Themen, für die kann einen das Kino besser sensibilisieren als Nachrichtenmedien: Viele Menschen haben zum Beispiel erst begriffen, wie schlimm Aids ist, nachdem sie «Philadelphia» (1993) gesehen hatten. Eine ähnliche aufklärerische Wucht hat nun «Snowden». Natürlich weiss man, dass die USA Milliarden von Handys, Twitter- und Facebook-Konten sowie den globalen E-Mail-Verkehr überwachen. Doch was für weitreichende Folgen das haben kann, begreift man erst im Kino.

Obwohl der Film faktenreich ist, wirkt er nicht überladen. Der Film ist spannend, ein brisanter Thiller, der Obama als Lügner und Hillary Clinton als ­Opportunistin entlarvt. Stone verneigt sich dafür vor den investigativen Journalisten. Die setzen teilweise ihr Leben, zumindest ihre Profession auf’s Spiel. Übrigens nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien. Im Zeialter der „Terrorgefahr“ ist jeglicher Kumpanei Tür und Tor geöffnet.

Der Film hat mich neugierig gemacht, was einer der Protagonisten selber schreibt. Glenn Greenwald hat sein Buch „No Place to Hide“ (deutsch: Die globale Überwachung“) 2014 geschrieben. Er bestätigt, wie nah der Film an den tatsächlichen Vorgängen bleibt. Schlimm genug! Aber noch schlimmer finde ich, wie unkritisch bis opportunistisch selbst liberale Journalisten in den USA mit dem Fall umgehen. Wie in der Antike ist der Bote der schlechten Nachricht der Böse und muss am besten beseitigt werden, zumindest persönlich diffamiert. Politiker aller Richtungen, die die Geheimdienste kontrollieren sollen, decken üble Machenschaften. Vom Ausmaß der Lügereien macht man sich als Laie keinen Begriff.

Greenwald schreibt über Snowden:„Er hat, schlicht und einfach, jeden Einzelnen an die besondere Fähigkeit des Menschen erinnert, die Welt zu verändern. Nach äußerlichen Kriterien ist er ein ganz gewöhnlicher Mensch – seine Eltern sind weder besonders wohlhabend noch einflussreich, er besitzt nicht einmal einen Highschool-Abschluss und hatte eine unbedeutende Stellung in einem riesigen Unternehmen. Mit einer einzigen Tat hat er jedoch, seinem Gewissen folgend, im wahrsten Sinn des Wortes den Lauf der Geschichte verändert… Die Fähigkeit des Menschen zu fördern, selbst nachzudenken und Entscheidungen zu treffen – das ist der Sinn von Whistleblowing, von Protest, von politischem Journalismus. Und genau das geschieht gerade, dank der Enthüllungen, die wir Edward Snowden zu verdanken haben.“ S.361

Noch scheint es ihm im Exil gutzugehen. Doch wie lange noch? Es ist eine Schande, dass Deutschland ihm kein Asyl angeboten hat. Offensichtlich ist unser Land noch nicht wirklich souverän.

 

 

 

 

 

 

Brunch global

In meiner Arbeit in der Evangelischen Akademie Bad Boll habe ich gern mit dem Stuttgarter “Forum der Kulturen” zusammengearbeitet. In der Landeshauptstadt mit ihren 600000 Einwohnern haben 40% einen „Migrationshintergrund“.                      Siehe www.forum-der-kulturen.de.

Dieses Jahr fand das traditionelle interkulturelle Frühstück erstmals in der Stuttgarter Oper statt. Man macht sich selten klar, dass die „Oper des Jahres“ (worauf man mächtig stolz ist!) zu Europas größtem Dreispartentheater (mit Schauspiel und Ballett) gehört. Der „Kommunikationsdirektor“ Thomas Koch erklärt uns  in seiner Begrüßung, dass hier 1350 Menschen aus 80 Nationen arbeiten und im Jahr mehr als 1000 Veranstaltungen produzieren.. Einige von denen geben Beispiele ihres Könnens. Esther Dierkes und Padraic singen Arien aus Mozart bzw. Puccini-Opern. Unglaublich, welchen Zauber sie ausstrahlen ohne das sonstige Bühnentrara drumherum. Erstklassig die Gruppe des Stuttgarter Balletts mit „Cello contra Bass“, die geradezu artistische Stücke vorführt. Der Schauspieler Elmar Roloff interpretiert Lessings Ringparabel. Der Theater-Intendant Klaus Dörr weist auf die vielen Gastspiele seines Ensembles hin, wo man sich besonders um internationale Präsenz bemüht und seit einiger Zeit die deutschsprachigen Stücke englisch obertitelt. Neben solchen Beispielen der Hochkultur müssen sich aber die Laiengruppen nicht verstecken. „Firkat“, der „Klassisch-Türkische Musikverein“ präsentiert Musik aus dem 19. Jahrhundert der Türkei, die man selten hört. Viel Beifall bekommen die japanische Tanzgruppe Todoroki und eine Chinesische Trommelgruppe.

Es fällt allerdings auf, dass die sich präsentierenden Gruppen nicht zu denen gehören, die man gemeinhin mit Migranten in Verbindung bringt. Deshalb weist Rolf Graser vom „Forum“ mit Recht daraufhin, dass die angeschlossenen Vereine sich nicht nur kulturell engagieren, sondern eben auch sozial viel für die Integration tun. Nicht zuletzt gemeinsames Singen bringt Menschen zusammen, weshalb die Oper einen internationalen Chor gegründet hat, in dem jeder mitsingen kann.

Nach diesem anspruchsvollen Programm knurrt der Magen und wir ziehen hinüber ins Theater, wo endlich der eigentliche Brunch aufgebaut ist. Der „Verein der Mongolischen Akademiker“ bietet „vegetarische Buutz“ und „Reispfanne mit Rind“. Der „Treffpunkt Polen lädt zu „Polnischen Piroggen“ und „Bigos“. Der afrikanische Verein „Mozangola“ serviert Hähnchen und gefüllte Teigtaschen und schließlich bieten Chilenen „Empanadas“. Es ist allerdings ein solches Gedränge, dass die gewünschten Begegnungen wohl auf der Strecke bleiben. Nach meiner Beobachtung bleiben die jeweiligen Gruppen doch unter sich.

Immerhin hat das „Forum“ sicherlich weitere Freunde gefunden. Und auch die Stuttgarter Oper hat ein neues Publikum angesprochen, das vielleicht nun den Weg in dieses berühmte Haus finden wird.

Die Eintrittskarten kann man im Internet kaufen und sich selber ausdrucken. So nimmt man der Theaterkasse Arbeit ab. Warum man aber deshalb etwas mehr zahlen soll, verstehe ich nicht. http://www.staatstheater-stuttgart.de.

Stammes – oder Weltreligion

Seit Wochen beschäftige ich mich mit “Xenologie”, der Wissenschaft vom Fremden. Denn der „Bund der Köngener“ (Vorstandssprecher war bis zu seinem Tod Jörg Zink) hat mich zu einem Vortrag in das „Stift Urach“ eingeladen. Ein früherer Kollege meinte, aufgrund meiner Auslandserfahrungen könne ich doch etwas zu dem Thema sagen.

Ich denke, dass die biblischen Perspektiven zum Thema „Fremde“ bekannt sind. Erinnert sei  nur an den Schutz, den schon im Alten Testament die Fremden erhalten sollen. Im Neuen Testament würde ich die christlichen Gemeinden als multikulturelle bezeichnen. Beide Wurzeln sind für heutige kirchliche Stellungnahmen maßgebend.

Dennoch sind immer Erbstücke des Stammesdenkens erkennbar. „Die Stammesreligionen bilden einen geschlossenen gesellschaftlichen Kreis. Innerhalb des Stammes haben sie Gültigkeit, nicht außerhalb. Hier leben die wahren Menschen, die die Ordnungen und Gesetze kennen, die den Fluss des Lebens garantieren und regulieren…Außerhalb der Grenzen des Stammes ist Wüste, Urwald. Dort herrscht die Unordnung, droht die Gefahr. Den dort lebenden Menschen wird oft nicht einmal das Menschseins zuerkannt, oder nur in abgeschatteter Weise. Der ferne Fremde ist der Feind. Ihn tötet man oder nimmt ihn gefangen, um ihn zu versklaven (oder zu opfern). Theo Sundermeier, Den Fremden wahrnehmen, Bausteine für eine Xenologie, 1992, S.189f.

Das biblische Judentum der Israeliten im Alten Testament kann man als Stammesreligion ansehen. Der Fremde ist zunächst der Feind. Doch die jüdischen Stämme  kamen selber als Fremdlinge in das Land. Fremde wie die Kanaanäer lebten immer mit ihnen. Eine  gewisse Vermischung der religiösen Vorstellungen war unvermeidbar, obwohl Synkretismus immer bekämpft wurde. Das biblische Israel ist intolerant, wo es um das Zentrum seines Glaubens geht. Bei Propheten und im Zuge der deuteronomistischen Reformen setzt sich Endogamie (Heirat nur unter den eigenen Leuten) mehr und mehr durch. Verträge dürfen nicht mit Fremden abgeschlossen werden. Für sie gelten andere Gesetze, aber sie sind nicht rechtlos.

Das besondere des biblischen Israel ist nun, dass es den Fremden, der in seiner Mitte wohnt, so ins Zentrum seiner Religion hineinnimmt, dass er zu seiner Identität dazugehört. Die Präsenz des Fremden erinnert Israel an seine Geschichte: „Ihr ward Fremdlinge in Ägypten!“ Diese Geschichte konstituiert Israels Identität und sein Gottesverhältnis. Am Kultus dürfen die Fremden nicht teilnehmen. Ihre fremdreligiöse Identität wird nicht angetastet, ihre Götter werden ihnen nicht genommen. Aber in die Sabbatruhe werden sie hineingenommen. Israel hat im Laufe seiner Geschichte, die durch Bedrohung, Vernichtung des Staatswesens und Deportation gezeichnet ist, gelernt, sein Verhältnis zu den Fremden immer mehr zu präzisieren und zu verschärfen.“Gott liebt den Fremden“(Dtn.10,18), diesen Satz konnte Israel in der babylonischen Gefangenschaft auf sich selbst anwenden.

Jesus im Neuen Testament bestätigt zunächst die vorgegebene Ausgangslage. Doch innerhalb dieser Grenzen gilt seine Aufmerksamkeit dem Fremden. Nicht nur der nahe Nachbar, sondern auch der ferne Feind wird durch die Liebe zum nahen Mitmenschen. Ein weiterer Grund findet sich im Gedanken des Gerichts über alle Menschen. Der ewige Richter identifiziert sich mit dem Fremden. Mt. 25, 38,43:  „Was ihr den Fremden getan habt, das habt ihr mir getan!“

Die Urkirche hat diesen Gedanken in der praktizierten Gastfreundschaft umgesetzt. Radikaler ist der Apostel Paulus, der das Stammesdenken, aber auch soziale und nationale  Schranken in seiner Verkündigung und Gemeindepraxis überwindet. Durch ihn wird das Christentum zur Weltreligion.

„Es bedeutet eine tiefe Fehlentwicklung der christlichen Religion, dass die spätere Staatskirche als Institution sehr bald die Grenze zwischen Glauben und Unglauben meinte bestimmen zu können und durch Taufe und Kirchenmitgliedschaft festlegte. Jetzt gab es wieder eine fest fixierte Grenze, die (angeblich) zwischen Rettung und Verdammnis, zwischen Bürgerrecht nicht nur im Reich Gottes, sondern bald auch im christlichen Staatswesen und dem Ausschluss von beiden schied. Damit wurde die christliche Religion zur ekklesiogenen Stammesreligion. Die Feindesliebe wurde bald auf die Bruderliebe, die eine reine Clanliebe ist, beschränkt. Die für die Stammesreligionen grundlegende Trennung von Innen und Außen, von Feind und Nächstem, die Jesus überwunden hatte, ist erneut aufgerichtet. Das schuf zwar in der Kirche ein Gefühl von Zugehörigkeit, Heimat und Sicherheit, bot aber auch in späterer Zeit die Rechtfertigung dafür, hart gegen diejenigen vorzugehen, die außen wohnten und sich weigerten hereinzukommen und das Bürgerrecht nicht annehmen wollten, die Heiden draußen, die Juden drinnen.“ Sundermeier, a.a.O. S.198f.

Wer heute unsere evangelische Landeskirche Württemberg von außen kommend kennenlernt, wird sie vermutlich als „schwäbische Stammesreligion“ verstehen. Wo man vor allem traditionsgebunden denkt, ist man damit zufrieden. Diejenigen, die dazugehören, finden das normal. Wer aber sich wieder an den Ursprüngen (Jesus und Paulus) orientiert, wie es ja reformatorisch sein sollte, wird leicht zum Fremden in seiner eigenen Kirche. Und doch geht es gerade darum: Die Grenze zwischen „drinnen“ und „draußen“ muss durchlässig werden.

In der Diskussion legten einige Wert darauf, dass sie sich in einer überschaubaren Gemeinschaft der Gleichgesinnten wohlfühlen können. Angesichts der ständigen Innovationen und Veränderungen braucht es auch die Sicherheit des Vertrauten. Ich denke, das ist eine gute Voraussetzung, um auch Fremden unter uns solche eigenen Gemeinschaften  zuzugestehen.

Erntedankfest

Das Erntedankfest der Kirche hat es schwer. Bauern sind rar geworden in den Gemeinden. Wer erntet denn noch? Ich erinnere mich, wie mühsam es schon vor Jahren war, Obst und Gemüse zu erbetteln, damit man den Altar ein wenig schmücken kann. Wozu danken, wenn Lebensmittel aus aller Welt in den Supermärkten billig zu haben sind? Städte kreieren nzwischen allerlei Ersatzfeste, bei uns einen Goldenen Oktober, d.h. verkaufsoffener Sonntag. Die Geschäfte sind voll. Dank? Nachdenken? Fehlanzeige!

In den Gottesdiensten sind die Kindergärten dran. Fast überall. Es macht es sich gut, wenn Kinder etwas aufsagen oder singen und ihre Körble zum Altar bringen.Stolze Väter filmen, die Großeltern sind gerührt.

Dabei – so schreibt Clemens Dirscherl, der Beauftragte der EKD für agrarsoziale Fragen: „Landwirtschaft ist ein öffentliches Thema geworden. Man interessiert sich dafür, wie geackert wird, wie Tiere gehalten werden. Massentierhaltung, Monokulturen, Artenverlust, Vermaisung der Landschaft, Glyphosat, Gentechnik, Agrarwende – das sind die Schlagworte, welche die Kinder im Schulunterricht lernen, welche die öffentlichen Debatten prägen, welche die Repräsentanten von Tierschutz-, Umwelt-, und Verbraucherverbänden als Anklage erheben und welche – nicht zuletzt – auch Kirchenleute von der Kanzel predigen.“ Ich fühle mich ertappt. Schaue ich meine Erntedank-Predigten an, dann sind die Mahnungen nicht zu übersehen. Es sei denn, die Kindergärten haben mitgewirkt. Dann war sowieso kaum eine ernsthafte Ansprache möglich. Das wäre aber nötig. Denn – so Dirscherl:

„Nach wie vor klafft die Lücke zwischen Verbraucherwünschen an Agrarerzeugnisse und der Bereitschaft für höhere Umweltstandards und mehr Tierwohl zu bezahlen. Die Krise der Landwirtschaft zeigt sich zuallererst also finanziell. Was die Bauern für ihre Milch, Tiere, Acker- und Feldfrüchte bekommen, deckt nicht einmal mehr die Unkosten. Von nachhaltigem Betriebsgewinn kann gar keine Rede sein. Dass es in der Landwirtschaft Preiskapriolen mal nach oben, mal nach unten gibt, das ist eigentlich auch nichts Neues. Doch jetzt ist der Preisverfall extrem ausschlagend, lang anhaltend und dramatisch im Hinblick auf seine Folgen. Nicht nur die durchschnittlichen bäuerlichen Familienbetriebe geraten existentiell in seinen Sog, sondern sogar die größeren, lange als konkurrenzfähige Zukunftsbetriebe geltenden.“

Wahrscheinlich gibt es irgendwo – in der Evangelischenn Akademie? – ein paar Leute, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Doch die meisten wollen davon nichts hören. „Bauern klagen ja immer“, heißt es dann. Ich habe indessen gern am Erntedankfest die Gedanken Clemens Dirscherl aufgenommen:

„Erntedank als Dank an den Schöpfer für unsere Lebensgrundlagen. Aber auch Dank, dass Menschen als Teil der Schöpfung in, mit und manchmal auch im Ringen mit dieser Schöpfung ihre Arbeit verrichten: aus Berufung und zur eigenen Freude, zur materiellen Existenzsicherung, aber eben auch für unser aller täglich Brot – allen Preismiseren zum Trotz. Zwei Prozent unserer Gesellschaft als professionelle Schöpfungsbebauer und Schöpfungsbewahrer suchen nach Dankesworten zum Ende der Ernte in schwierigen Zeiten. Wir anderen 98% könnten ihnen dabei helfen.“

Um Wertschätzung geht es also. Ich freue mich, wenn sie wenigstens in der Kirche zum Ausdruck kommt.

 

Von Afrikanern lernen

Als Vorbereitung für einen Vortrag lese ich ein älteres Buch des Heidelberger Missionswissenschaftlers Theo Sundermeier  (Aus einer Quelle schöpfen wir. Von Afrikanern lernen. Gütersloh 1992)

Als es erschien, hatte ich als Gemeindepfarrer wenig Zeit für solche Lektüre, obwohl ich ständig nach meinen Erfahrungen in Tansania gefragt wurde. Ich hatte aber den Eindruck, dass man sich nicht ernsthaft dafür interessiert. Gewiß, man sollte „Partnerschaften“ stiften, vielleicht Chöre einladen, Stipendien für Afrikaner organisieren. Ein gewisses Unbehagen hielt mich davon ab, denn ich hatte erlebt, wie problematisch Afrikaner zuhause ihre Übersee-Erlebnisse umsetzen. Die wenigsten werden glücklich damit, manche sogar korrupt. Hätte ich doch damals schon dieses Buch gelesen! Da heißt es:

„Partnerschaft zwischen ungleichen Partnern gibt es nicht….Selbst wenn auf unserer Seite eine größere Bereitschaft vorhanden wäre, den Gast aus Übersee und seine Spiritualität zu empfangen, ein geistlicher Austausch kann nicht stattfinden. Das Zeugnis des anderen ist in einem anderen Kontext gewachsen, besitzt dort Relevanz. Eine einfache, direkte Übertragung ist nicht möglich, weil der Besucher seinen sozialen und kulturellen Hintergrund nicht mitliefern kann, jedenfalls nicht kurzfristig und bei gelegentlichen Besuchen. Man kann nur das aufnehmen, empfangen und internalisieren, was man verstanden hat. Interkulturelles Verstehen aber setzt einen Lebenszusammenhang voraus. Es bedarf der Vermittlung, der Übersetzung. Zwischenstufen müssen eingeschaltet, hermeneutische Schritte bedacht werden. Eine einfache, direkte Übernahme tut beiden Unrecht, den Gemeinden in Übersee und denen bei uns, weil sie beider Situationen nicht ernst genug nimmt…

Wir sind in unserem abendländischen Hochmut nicht fähig, uns selbst zu vergessen und in Lernschritten auf den anderen zuzugehen. Wir verstehen nicht einmal die Fremden in unserer Mitte, wie viel weniger können wir behaupten, von den anderen empfangen zu können. Wir kennen nicht das einfachste Einmaleins einer Xenologie (Lehre vom Fremden), besitzen keine Hermeneutik (Lehre des Verstehens) des Fremden. Je nüchterner wir das einsehen, um so besser.“ S. 117f.

„Partnerschaft beginnt damit, den anderen ihn selbst sein zu lassen. Das heißt, das Fremde als Fremdes zu ertragen, ohne es sich zurechtzubiegen, ohne selektiv nur das zu sehen, was einem ähnlich oder wünschenswert zu sein scheint. Den andern anders sein zu lassen…“ S.122.

Seine „Zehn Gebote der Partnerschaft“ (S.113ff.) kann ich nur jedem empfehlen, der in Gemeinde, Bezirk oder Schule es dennoch versucht.

Heutzutage muss man keine Afrikaner mehr einladen, sie sind ja als Migranten oder Flüchtlinge unter uns. Wollen wir hier von ihnen lernen? Oder sie paternalistisch nur betreuen?

In unserer Stadt gibt es mittlerweile eine Gruppe von sechzig Leuten aus Gambia. Unsere Kirchengemeinde kümmert sich um sie. In zwei Veranstaltungen haben sie über ihr Land, das hier kaum einer kennt, berichtet.

Anlässlich des Films „Six Faces of Gambia“ gab es im Kino eine Podiumsdiskussion. Unter anderen sprach der Fachreferent für Westafrika beim Reutlinger Entwicklungspädagogischen Informationszentrum Kfalo Sékongo. Er forderte zur Überraschung der Zuhörer, die Entwicklungshilfe ganz einzustellen, da sie nur die Korruption fördere. Sie verfestige die bestehenden Strukturen. Wertschöpfung müsse in den globalen Süden verlagert werden.

Vermutlich ist es eine vergebliche Hoffnung, dass afrikanische Migranten einmal in ihr Heimatland zurückkehren und Motoren der Veränderung werden. Wenn sie sich hier einigermaßen integriert haben, wäre das wohl auch zu viel verlangt.