Archiv für den Monat Oktober 2018

Digitalisierung und Kirche

„Verheißung oder Verhängnis? Globale ethische Herausforderungen der Digitalisierung“ hieß der Vortrag, den der EKD-Ratsvorsitzende Professor Heinrich Bedford-Strohm am 21. Oktober in Tübingens Universität hielt. Diese positioniert sich immer stärker als deutsches Forschungszentrum für „Künstliche Intelligenz“. Deren Wissenschaftler hatten aber nicht eingeladen, traten auch in keiner Diskussion auf, denn Veranstalter dieser 13.Weltethosrede war die gleichnamige Stiftung. Diese wurde von Hans Küng gegründet, der als Ehrengast zugegen war.

Wer die kirchliche Debatte zur Digitalisierung verfolgt hat, erfuhr leider wenig, was nicht bereits veröffentlicht ist. Ich hätte Bedford-Strohms Ausführungen gern diskutiert, aber das lässt dieses monologische Format nicht zu.

https://www.ekd.de/kirche-und-digitalisierung-33392.htm

Wie in seiner Rede zum Johannisempfang der EKD in Berlin begann Bedford-Strohm mit der Frage: „Wer kennt mich am besten? Wenn er mir Gutes will, ist es wunderbar, dass er mich kennt. Denn er versteht mich und kann mir beistehen. Wenn er mir böse will, kann er meine Schwächen und Verletzlichkeiten ausnutzen. Ich muss nicht lange zögern mit meiner Antwort: meine Frau kennt mich am besten…“

Dann aber: „Eine Studie, die Facebook kürzlich durchgeführt hat, scheint Stoff dazu herzugeben, meine Gewissheit in dieser Hinsicht etwas zu bremsen. Diese Studie hat nämlich ergeben, dass der Algorithmus, also die mechanisch programmierte Datenauswertung, von Facebook schon heute die Persönlichkeit von Menschen besser einschätzt als deren Freunde, Eltern und Partner. Immerhin 86220 Freiwillige haben bei der Studie mitgemacht, indem sie einen umfangreichen Fragebogen zu ihrer Persönlichkeit ausfüllten. Auch ihre Arbeitskollegen, Freunde, Familienangehörigen und Partner wurden befragt. Das Erstaunliche war, dass der Algorithmus nur zehn Facebook-Likes benötigte, um die Vorhersagen der Arbeitskollegen zu übertreffen. 70 Likes brauchte er, um die Einschätzungen der Freunde zu toppen. 150, um besser zu sein als die Familienangehörigen. Und 300 Likes, um die Vorhersagen der Ehepartner zu übertreffen.

Es gibt gute Gründe, darüber zu erschrecken, welche Einsicht und so auch Macht diejenigen über uns haben, die über Daten von Milliarden Menschen verfügen. Und dieses Erschrecken bezieht sich ja nur auf jene Datenströme, die wir Nutzer kennen können. Hinter unserem Rücken, ungefragt und unsichtbar, werden wir analysiert und kategorisiert und dann spezifischer Werbung oder gezielter politischer Agitation ausgesetzt, ohne es zu ahnen.

Diese Mächte zu kontrollieren, ihre Macht zu begrenzen, uns wieder mehr Souveränität über unsere eigenen Daten zu geben, dies wird eine entscheidende politische Aufgabe der Zukunft sein. Diese und andere Aufgaben, die über die Zukunft unseres Landes und unseres Lebens entscheiden, setzen handlungsfähige Politik, insbesondere auch handlungsfähige Parteien voraus. An dieser Handlungsfähigkeit kann man in diesen Tagen ernsthafte Zweifel haben.“

Dann beschrieb er seinen Mittelweg zwischen Heilsverheißung und Untergangsszenario:

„Die einen erwarten glückserfüllt eine Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI), die nicht nur selbstlernende Systeme umfasst, sondern irgendwann auch den Umschlag in ein Bewusstsein, das dann dem Menschen über kurz oder lang überlegen sein wird. Die anderen stellen die sorgenvolle Frage, bis wohin die Reise der KI-Entwicklung eigentlich gehen mag und ob wir auf eine neue Dataismus-Religion mit erweitertem Bewusstsein zugehen (Harari) und unser klassisches Bild vom Menschen dem Untergang geweiht ist.

Da tun die Stimmen wohl, die die kategorialen Grenzen zwischen Mensch und Maschine einschärfen, die auch in Zukunft trotz aller rasanten Entwicklung der KI niemals überwunden werden, weil der Mensch ein Mensch ist, „weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, und weil er lacht und weil er lebt“, wie Herbert Grönemeyers Hymne an den Menschen formuliert. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass maschinelles Lernen jemals ein Verständnis von seinem Objekt und von einem eigenen Anfang und Ende gewinnen kann.

Es ist für mich erstaunlich, wie ungebrochen mit der Digitalisierung eine Wiederbelebung des Fortschrittsparadigmas einhergeht. Wobei wir alle wissen: Fortschrittseuphorie nennt in aller Regel nicht den Preis, den andere zu zahlen haben und sie spricht auch nicht davon, wie klein, die Zahl derjenigen oft ist, die davon profitieren. Und: Das, was kommen wird, kommt nicht einfach wie ein Schicksal aus dem nichts Es wird vielmehr gesteuert.

Mitunter wird das Stichwort Digitalisierung mit quasi religiösen Erwartungen verbunden; der neue Himmel und die neue Erde der Bibel sind ein Klacks dagegen. Aber wenn Yuval Noah Harari in seinem Bestseller „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ die Welt im 21. Jh. auf drei Themen konzentriert sieht, nämlich auf Glück, Unsterblichkeit und Gottähnlichkeit, dann muss man kein Theologieprofessor sein, um zu erkennen, dass das schon die Verheißung der Schlange beim Sündenfall war: Ihr werdet sein wie Gott. (Gen 3). Wie wir in der Zukunft leben wollen, entscheiden wir, wobei wir in diesen Tagen erleben, wie zerbrechlich das “Wir” ist. Dazu braucht es die Kräfte der Zivilgesellschaft und der Politik.“

Als solche Kraft sieht  Bedford-Strohm das „christliche Menschenbild“, das er vor allem am Psalm 8 beschrieb: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitest hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, das du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“

„Der Mensch ist „wenig niedriger als Gott, aber eben doch niedriger“. Darin spiegelt sich einerseits das Staunen des Menschen darüber, dass Gott ihn zum Herrn gemacht hat „über Gottes Hände Werk“, über seine Schöpfung, einschließlich aller Schafe und Rinder, aller wilden Tiere und Vögel und Fische. Andererseits wird dieser Mensch zugleich in und trotz dieser Herrschaft über die geschaffene Welt daran erinnert, dass er niedriger als Gott ist, dass er eben kein homo deus ist, sondern ein homo sapiens. Wenn er wirklich sapiens ist, dann darin, dass er sich zu unterscheiden weiß von und bezogen weiß auf Gott, obwohl ihm so viel Macht und Herrschaft in der Schöpfung Gottes gegeben ist.“

Sodann warb er für Nüchternheit angesichts einer Zeit, die nicht einmal die wirtschaftlichen Herausforderungen der Globalisierung bewältigt. Da fordert er internationale Kooperationen und Kontrollen. Als Beispiel nennt er das deutsche Modell eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Hier sei ein wichtiger Teil der Medien eben nicht von Werbeeinnahmen abhängig.

„Anders in den digitalen Kommunikationswelten: die Kommunikation von Milliarden Menschen wird von einigen wenigen mächtigen Firmen kontrolliert. Jede Änderung des Algorithmus von Facebook hat Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten von Milliarden Menschen weltweit. Es fehlt derzeit noch an wirkungsvollen international abgestimmten Transparenz- und Regulierungsvorgaben, um diese gewaltige globale Marktmacht zu begrenzen. Das muss sich ändern. Das Handlungsspektrum reicht hier von Vorschlägen zur Zerschlagung großer Konzerne der Netzwirtschaft, neuer Verantwortlichkeiten der Konzerne auch für die online zur Verfügung gestellten Inhalte bis hin zur Durchsetzung von werbefreien Bezahlmodellen innerhalb etablierter Plattformen (Jaron Lanier). Alle Optionen sollten weiterhin intensiv und hartnäckig verfolgt werden.“

Unbefriedigend beantwortet blieb die Frage des Präsidenten der Stiftung Weltethos Eberhard Stilz in dem den Talkshows nachgeahmten Interview nach den Möglichkeiten der Ökumene. Da brachte auch die vielfältige Amerika-Erfahrung des Bischofs nichts Erhellendes. Immerhin meinte  er:

„ Indem wir als Kirchen Teil einer weltweiten Zivilgesellschaft sind, behalten wir immer auch die Folgen unseres Tuns an anderen Stellen dieser Erde im Blick und erinnern an die globale Dimension des europäischen Handelns. Unter welchen Bedingungen werden eigentlich wo die Rohstoffe unserer mobilen Endgeräte gefördert? Und wohin exportieren die reichen Länder dieser Erde gewaltige Mengen von Elektronik-Schrott?“

Zum guten Schluss noch einmal der Theologe: „Es ist nicht Google, sondern Gott, zu dem wir mit Psalm 139 sagen dürfen: „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von Ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege!“ (Psalm 139, 2f.). Denn trotz aller Digitalisierung, trotz aller Algorithmen und Künstlicher Intelligenz – Gott kennt mich besser als ich mich selbst kenne, weil das am Ende nicht an einer Datenmenge hängt, die jemand über mich aufbieten kann, sondern an der Tiefe der Beziehung, die durch Liebe wächst und mir mein Geheimnis, meine Besonderheit, meine Einzigartigkeit lässt.“

So wurde aus der Rede fast noch eine Predigt. Schließlich ist ja Sonntag (abend). Anders als in der Kirche klatschten die 700 Zuhörer, darunter die Spitzen der Uni und der Landeskirche,  ihren langen  Beifall.

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Suchet der Stadt Bestes

Am Sonntag darf ich über einen Brief des Propheten Jeremia predigen. Jeremiabuch Kapitel 29, Verse 1.4-7.10-14. Da habe ich mal wieder mehr Fragen als Antworten.

Wie kann man nach einem Propheten noch selber den Mund aufmachen? Zu Leuten, die vermutlich nur einen Wunsch haben, dass sich nichts ändern möge. In einer Kirche, die auf Harmonie gestimmt ist? In einer Gemeinde, die oft schon die eingängige Parole gehört hat im schönsten Luther-Deutsch: „Suchet der Stadt Bestes.“? Ich gestehe: Ich habe auch schon oft diesen Vers aus dem Zusammenhang gerissen und gern bei kommunalen Anlässen verharmlosend vorgetragen: Bei Stadtfesten oder Einweihung von Plätzen. Das kommt immer gut an.

Doch Jeremia schreibt seinen Brief – einen der berühmtesten der Literaturgeschichte – nicht an Wohlstandsbürger, sondern an verzweifelte Leute im Exil. Er riskiert Hochverrat und zieht den Zorn der falschen Propheten und Nationalisten auf sich.

Als junger Mann gegen seinen Willen berufen, musste er gegen die Gleichgültigkeit seines Volkes predigen, dass er schier verrückt wurde. Er musste gegen andere Theologen streiten, womit er sich Gefängnis und Redeverbot einhandelte. Er stritt gegen den falschen Frieden und die verkehrte Bündnispolitik seines Königs. Erfolglos! Er kündigte das Gericht Gottes an, als sich die Mächtigen in  Sicherheit wiegten. So schlimm wird es schon nicht kommen, meinten die falschen Propheten seiner Zeit. Religion soll beruhigen, sonst taugt sie nichts für eine Regierung. Doch es kam, wie Jeremia vorausgesehen hatte: Der Krieg gegen Babylon ging 597 v. Chr. verloren und die Oberschicht, Priester und Handwerker wurden ins ferne Zweistromland, das wir heute Irak nennen, verschleppt. Da lebten sie  nun fern der Heimat im Exil und hatten nur einen Wunsch: So schnell wie möglich zurück. Und wieder treten Priester und Weissager auf, die das Volk darin bestätigen: Gott ist mit uns. Es wird ein Wunder geschehen. Manche lassen sich zu Rachegesängen hinreißen, andere versinken in Trauer: „An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten…Unsere Harfen hängten wir an die Weiden, … wie sollten wir des Herrn Lied singen in fremden Landen?“

In dieser Situation schreibt der im Land  verbliebene Jeremia an die Vertriebenen. Dieser Trostbrief hat wütenden Protest hervorgerufen. Aber er hat Wirkung gezeigt. Die meisten Verschleppten haben dieses Schreiben mehr als ernst genommen und sind für immer dort geblieben. Dort ist später der Babylonische Talmud entstanden – etwa 500 vor Christus – als Produkt einer blühenden jüdischen Gelehrsamkeit. Denn die Juden haben dank Jeremia nie ihre Hoffnung aufgegeben. Da der Jerusalemer Tempel verloren war,  gründeten sie Religionsschulen, die Synagogen, in denen die Überlieferung gepflegt und Gottesdienste gefeiert  werden konnten. Die wichtigsten Teile der Hebräischen Bibel, unser Altes Testament, sind im Exil entstanden. Mit der Heiligen Schrift im Herzen konnten sie alle Höllen überstehen und immer wieder Böses durch Gutes überwinden.

Babel/ Babylon ist in der Bibel zum Symbol für das Böse schlechthin geworden. Noch im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung Johannes, ist die „Hure Babylon“ ein Deckname für das alte Rom, eine Stadt der Christenverfolgung und Korruption.

Martin Luther nimmt diesen Begriff auf und zielt auf die damalige Römische Kirche. Die „babylonische Gefangenschaft der Kirche“ ist ein Zustand, in dem die Kirche ihren Auftrag verfehlt und selber ausbeutet statt zu dienen, selber dem Bösen verfallen ist statt es durch Gutes zu überwinden.

So gibt es immer wieder Zeiten, in denen Menschen an Gott und der Welt verzweifeln und resignieren, weil ja doch alle Anstrengung umsonst scheint. Doch diesen müden Tendenzen entgegen hören wir die Botschaft: „Baut auf, pflanzt und esst, verliebt euch und vermehrt das Leben.“ „Suchet der Stadt Bestes“ – genauer übersetzt: „Bemüht euch um den Shalom des Landes“ – , also das Heilsein der Gemeinschaft mit Gott und im Miteinander der Menschen. Sucht den Frieden, bei dem Gott, Mensch und Welt recht beieinander sind als das wirklich Beste. Das ist ein politischer Auftrag, den wir in einer Demokratie weit besser wahrnehmen können als in einer Königsdiktatur zu Jeremias Zeiten.

Erstaunlicherweise erwähnt Jeremia als zweites die Fürbitte. Als Glieder des Gottesvolkes sollen sie für ein heidnisches Weltreich beten. Welche Zumutung! Für ihre Feinde und Unterdrücker! Natürlich, damit sie sich wandeln und ihren eigenen Shalom nicht verfehlen. Das ist wahrhaft revolutionär in der Weltgeschichte: Im Gebet beginnt die Überwindung des Bösen durch Gutes. Deshalb ist auch heute der öffentliche Gottesdienst so wichtig. Wo sonst werden die Verantwortlichen und Mächtigen ins Gebet genommen?

Viele Menschen leben heute im eigenen Land wie in einem Exil. Ich würde mir da keinen Rat anmaßen. Aber sie haben ihre eigenen „Propheten“. Pfarrer Haroutune Selimian beispielsweise ist in Aleppo geblieben, obwohl über die Hälfte der in Syrien lebenden Christen das Land verlassen haben. Er sagt: „Das ist es doch, was die Terroristen wollen, dass wir Christen aus Syrien verschwinden… Jesus hat uns aufgefordert, Frieden und Versöhnung in die Welt zu tragen.“  Mit seiner Gemeinde hilft er Menschen, die geblieben sind. Ein anderer ist Pfarrer in Homs. Mofid Karajili sagt: „Wir sind im Krieg eine bessere Kirche geworden. Wir haben gelernt, was Treue im Glauben wirklich heißt. Es heißt, treu an der Seite  derer zu stehen, die uns brauchen – unabhängig von ihrer Konfession oder Religion.“ Er hat mit seiner Gemeinde das Projekt „Space for Hope“ ins Leben gerufen. Dort spielen, lernen und lachen Kinder aus unterschiedlichsten Familien zusammen: „Unsere Kinder müssen nach diesem Krieg einen Weg finden, im Frieden miteinander zu leben.“

(Weitere Informationen in “Schneller-Magazin 3/2008, hrsg. Evangelischer Verein für die Schneller-Schulen (EVS) in der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS).)

Pfarrer Mofid Karajili  kommt am 1. November nach Stuttgart (Bildungszentrum Hospitalhof, Büchsenstraße 33). Er informiert (18-20 Uhr) aus erster Hand über das Leben in Homs und über die aktuelle politische, wirtschaftliche und kirchliche Situation in Syrien. Das wäre doch ein gutes Ziel für einen Gemeindeausflug.

 

25.Todestag Helmut Gollwitzer

Dank  Deutschlandfunk wurde ich erinnert, dass einer meiner  wichtigsten theologischen Lehrer am 17. Oktober vor 25 Jahren verstorben ist.

https://www.deutschlandfunk.de/25-todestag-des-theologen-helmut-gollwitzer-jeder-obrigkeit.886.de.html?dram%3Aarticle_id=423846&fbclid=IwAR04_e-WGQrqf-xbjJGZtEz-ymcs-p6XZOjCZN8cqoDpYw6oki8XgajGkjQ

Einmal mehr kritisiere ich, dass unser Pfarrerkalender zwar an den Todestag des Ignatius (110) erinnert, aber die Daten neuerer beispielhafter Christen nicht vermerkt. Da wäre doch mal eine Aufgabe für Kirchenhistoriker!

Ich studierte 1966-1968 in Berlin bei Professor Gollwitzer. Allerdings muss ich zugeben, dass in jenen aufregenden Zeiten das klassische Theologiestudium etwas kurz kam. Immerhin erinnere ich zwei wichtige Seminare an der Freien Universität über den Galaterbrief und die damals neu erschienene Biografie von Eberhard Bethge über Dietrich Bonhoeffer. Aufsehen erregte ein sozialethisches Seminar  zur Ehe, an dem teilweise Gretchen und Rudi Dutschke teilnahmen. In diesem Rahmen wurde der damals umstrittene Film „Es“ (Regie: Ulrich Schamoni) gezeigt, der das Problem Abtreibung thematisiert. Ansonsten war ich als Sozialreferent des AStA sehr mit politischen Fragen (teach-ins, Demonstrationen etc.) beschäftigt.

Allerdings habe ich fleißig seine Gottesdienste in der Studentengemeinde oder in Dahlem besucht und diverse Reden bei öffentlichen Gelegenheiten gehört. Gollwitzer ist wohl der einzige Theologieprofessor, der sowohl einen Bundespräsidenten als auch eine Terroristin beerdigt hat. Unvergessen auch sein kindliches Gebet bei dem Geleit des riesigen Trauerzugs für Benno Ohnesorg an der Westberliner Grenze zur DDR.

Von Gollwitzer hatte ich schon als Schüler sein Buch „Und führen, wohin du nicht willst…“ (1951) gelesen, das ich im elterlichen Bücherschrank fand. Seine Verarbeitung von Krieg und Gefangenschaft hatte mich schwer beeindruckt, weshalb ich 1965 nach Köln zum Kirchentag trampte, um seine Vorträge („Forderungen der Freiheit“) zu hören.

In einer Predigt in Berlin-Dahlem zur Bergpredigt sagte er im Februar 1967: „Der bequeme Weg hat viele Vorteile und nur einen Nachteil: Er ist nicht der Weg Jesu. Hinter Ihm kann ich auf diesem Weg nicht nachfolgen. Immer wieder stehen wir am Kreuzweg von Entscheidungen, oft kleinen, unauffälligen, oft solchen, die gar nichts mit Glauben und Gott zu tun zu haben scheinen, oft auch solchen, die uns in schwerste Bedrängnis bringen können. Immer wieder sehen wir dann viele, die zur Gemeinde Christi gehören, abbiegen und den Weg der Bequemlichkeit, der großen Masse, des faulen Kompromisses wählen, wie es in der Geschichte der Kirche oft geschehen ist. Jesu Stimme wird uns in solchen Stunden nicht unhörbar bleiben, wenn wir sie nur nicht gewaltsam überhören. Alles, was er in der Bergpredigt sagt, will uns Mut machen, Ihm nachzugehen auf seinem gefährlichen Wege. Er schickt uns ja nicht voran, wie ein Generalstab die Soldaten, selber weit hinten in Deckung; Er ist selbst der Erste, den alle Bedrängnis trifft, und der uns das Schwerste abnimmt.“

In der Öffentlichkeit wurde vor allem der politische Theologe wahrgenommen. Dabei war ihm theologisch wichtig: „Ein Zentralwort des Christseins, überhaupt des Menschseins, ist der Dank, dass wir fröhliche, dankbare Menschen sein dürfen, das verdanke ich dem Evangelium, und das möchte ich weitergeben in diese unfrohe Kirche und in diese unfrohe Menschengesellschaft hinein.“

Diese fröhliche Menschenfreundlichkeit hat alle beeindruckt, die persönlichen Kontakt zu „Golli“ (und seiner Frau „Golla“) hatten. Als Professor war er nicht nur ein dialogbereiter Wissenschaftler, sondern auch ein den Studenten zugewandter Lehrer. Ich bewahre noch immer einen mehrseitigen Brief, den er mir zur Korrektur einer ziemlich mittelmäßigen Seminararbeit zu Luthers Theologie geschrieben hatte.

Ich frage mich heute, warum ich eigentlich Berlin nach drei Semestern verlassen habe. Es war wohl nicht nur der Insel-Charakter Westberlins und die kulturellen Verlockungen der Großstadt, sondern auch manche Exzesse der Studentenbewegung, die ein vernünftiges Studium schwierig machten. Gollwitzer hatte zum SDS eine weit größere Toleranz als ich als  Mitglied im Sozialdemokratischen Hochschulbund SHB.

Gegen Gewalt hat er sich allerdings immer ausgesprochen. Mit der stalinistischen SED wollte er nichts zu tun haben, obwohl „Sozialismus“ für ihn ein politisches Ziel war. Seine Auseinandersetzungen mit dem Marxismus gingen tiefer als Journalisten wahrnehmen wollten. Seine Solidarität mit Israel stand nie in Frage, auch wenn er dessen aktuelle Politik kritisieren konnte und immer auch die Lage der Palästinenser im Blick hatte. Schließlich hatte er den Dialog mit jüdischen Gelehrten immer gepflegt und den tiefsitzenden Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft bekämpft.

Es gab aber auch später berührende Begegnungen für mich. Als Studentenpfarrer konnte ich Gollwitzer auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung nach Tübingen holen, wo er noch einmal  alle Säle (und die Stiftskirche) füllte. Bei der Beerdigung einer älteren Friedensfreundin erlebte ich einmal mehr seine seelsorgerlichen Fähigkeiten.

Nun bleiben mir neben der Erinnerung seine Bücher und über 1000 anderen Veröffentlichungen. Von Fall zu Fall nehme ich sie mir vor und lerne weiter.

 

 

 

Pfarrertag in Tübingen

„Was ist Kirche? Auf der Suche nach einer Gestalt von Kirche im 21. Jahrhundert  ist das Thema des diesjährigen „Tag der Pfarrerinnen und Pfarrer in Württemberg“ am 8. Oktober. Der Festsaal der Universität Tübingen ist gut gefüllt – vor allem mit Ruheständlern. Man bekommt einen sichtbaren Eindruck von der Pensionslast unserer Landeskirche. Die aktiven Pfarrerinnen und Pfarrer haben wohl Wichtigeres zu tun. Oder genießen ihren freien Montag bei dem herrlichen herbstlichen Sommerwetter.

Bei den unvermeidlichen Grußworten fällt einmal mehr Oberbürgermeister Boris Palmer positiv auf. Ohne Manuskript wirbt er nicht nur für seine Stadt, sondern informiert über neue Tübinger Wissenschaftsprojekte zur künstlichen Intelligenz. Dazu fordert er die Theologen auf, sich mit den ethischen Fragen solcher Zukunftswissenschaften auseinanderzusetzen. Und gibt gleich einen Buchtipp: „Homo Deus“. In diesem Buch beschäftigt sich der Autor Yuval Noah Harari mit einer Zukunft, in der neue Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen. „In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Unsterblichkeit könnten wir uns so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.“

Die Theologen blicken in ihren Vorträgen allerdings erst einmal in die Vergangenheit. Prof. Dr. Volker Leppin (‚Martin Luthers Kirchenverständnis – Hindernis oder Chance für die Ökumene im 21. Jahrhundert?‘), Prof. Dr. Gerald Kretzschmar (‚Kirchenwirklichkeit als Krisenwirklichkeit? Wahrnehmungs- und Gestaltungsperspektiven für das kirchliche Leben‘) sowie Prof. Dr. Birgit Weyel (‚Was wird aus der Kirche? Formen religiöser Vergemeinschaftung und die Rolle der Organisation‘). Neues erfahre ich eigentlich nicht von „unserer“ Fakultät.

Irgendwann werden diese Vorträge irgendwo zu lesen sein. Gruppenarbeit oder Diskussion ist leider nicht vorgesehen. Man eilt in die Mensa und freut sich auf ein Wiedersehen mit manchen Kollegen.

Bei der Abendmahlsfeier in der Stiftskirche mit Totenehrung wird einem bewusst, dass unsere Zeit begrenzt ist. Um so mehr freut man sich auf den Abend der Begegnung mit festlichem Abendessen.

Bei meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema greife ich zu einem Buch, das ich eigentlich schon dem Altpapier überlassen wollte: Eberhard Stammler, Kirche am Ende unsres Jahrhunderts, Radius Verlag Stuttgart 1974. Es ist noch immer lesenswert! Damals arbeitete ich an württembergischen Beispielen zur Kirchenreform im mittlerweile eingesparten „Institut für Praktische Theologie“. Vieles von den damaligen Versuchen gehört heute zur alltäglichen Praxis einer Kirchengemeinde. Anderes wird gegenwärtig aus finanziellen Gründen wieder abgebaut.

Der Publizist Stammler analysierte seinerzeit schon die Krise der Volkskirche und fragte, ob es Kirche in der herkömmlichen Form im Jahr 2000 (!) überhaupt noch geben könne: „Damit kommen auf die künftige Pfarrergeneration ohne Zweifel harte Belastungen zu, die sie oft genug zur Resignation oder auch zur Kapitulation verführen können. Vielleicht entscheidet sich vornehmlich in dieser Schicht der Amtsträger die Zukunft der Kirche: ob sie den Glauben verlieren oder ob sie dann erst recht aus ihm heraus leben, wagen und wirken. …

Wenn die Kirche sich schon nicht um ihrer selbst willen zu dem Übergang in das Neuland entschließen möchte, dann müßte es doch der Blick auf die Welt, auf die Zeichen der Zeit, sein, der sie dazu herausfordert. Sie kann sich nicht mehr in eine Apartheid des Glaubens zurückflüchten, sondern sie ist und bleibt in der Partnerschaft der Welt – auf Gedeih und Verderb. Weil das Verderben aus vielen Gründen so nahe liegt, hat sie „auf Gedeih“ zu setzen, und die Welt hat das Recht, von ihr als der „Stadt auf dem Berge“ diesen Beitrag der Mitverantwortung zu erwarten.“ S.138f.

Was Stammler in seinen „Witterungen“ gar nicht vor Augen hatte, war die revolutionärste Neuerung der sechziger Jahre: Die Frauenordination. Nichts hat unsere Kirche stärker positiv verändert als diese Kulturrevolution. Gab es in meinem Vikariat 1975 eine einzige Frau, so sind nun im Theologiestudium die Frauen in der Mehrheit. Und es ist ein schöner Anblick, wenn die jüngsten Pfarrerinnen mit ihren Babys im Arm an der heutigen Begegnung teilnehmen.