Archiv für den Monat Mai 2016

Kultur als Erfolgsfaktor

„China in der globalisierten Welt – eine Herausforderung“ heißt eine aktuelle Vorlesungsreihe in Tübingen. Veranstaltet wird sie von dem neuen Institut für China-Studien CCT, das das traditionelle sinologische Institut ergänzt. Es heißt:Die Arbeit des CCT deckt vielfältige Aspekte des wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens in China ab, doch wir setzen hierbei ein besonderes Augenmerk auf die Frage der „Werte“, sowohl der Werte der Gesellschaften, die wir untersuchen, als auch unsere eigenen. In einer zunehmend vernetzten Welt ist es unerlässlich Fernkompetenz zu entwickeln, also nicht nur interkulturelle Kompetenz in Form von Wissen über andere Gesellschaften und Kulturen zu erwerben, sondern auch echtes Verständnis zu entwickeln, uns der Unterschiede bewusst zu werden und deren Ursachen zu kennen. Fernkompetenz ist dabei nicht nur eine Fähigkeit, sondern eine Denkweise, die dabei hilft, den Austausch zu stärken, Konflikte zu vermeiden und Kooperation auszubauen.“ Siehe auch http://www.cct.uni-tuebingen.de.

Ich höre die Vorlesung „Kultur als Erfolgsfaktor deutsch-chinesischer Joint Ventures“. Der Saal ist gut besucht von interessierten Senioren, aber auch deutschen und offensichtlich chinesischen StudentenInnen.

Referent ist Prof. Dr. Hans-Wolf Sievert, der als wissenschaftlich interessierter und qualifizierter Unternehmer vorgestellt wird. Seine Beispiele stammen denn auch aus langjährigen Erfahrungen seiner Firma in China. Die Sievert AG in Osnabrück ist eine Holding und Verwaltungsgesellschaft, die an verschiedenen Sparten der Bauwirtschaft beteiligt ist. Näheres unter http://www.sievert-ag.de/de/home.html.

Viel Neues allerdings erfahre ich nicht, da ich in meiner Zeit als Studienleiter selber Tagungen zur interkulturellen Kompetenz durchgeführt habe. Es ist aber wichtig, dass ein Praktiker einmal die Bedeutung der kulturellen Faktoren betont. Wer die nicht beachtet, wird erfolglos bleiben. Die Hälfte der Gemeinschaftsunternehmen (joint ventures) scheitert daran. Insbesondere die Leitungskultur unterscheidet sich häufig, wie das chinesische Sprichwort schon sagt: „Auf der Spitze des Berges haben nicht zwei Tiger Platz.“ Der Referent zitiert solche Sätze auf chinesisch, was allerdings den Chinesinnen neben mir ein leichtes Grinsen entlockt. Beziehungen spielen in China eine weit größere Rolle als im „Westen“, wobei solche kulturellen Muster nicht statisch sind. Die frühere Erfahrung, dass chinesische Studenten nur wiedergeben, was sie gehört haben, ist veraltet. International nehmen sie mittlerweile Spitzenplätze ein. Gleichwohl ist kollektives Verhalten üblicher als westlicher Individualismus. Das Sprichwort dazu: „Der Flintenschuss trifft den Vogel, der den Kopf zu heben wagt.“ Chinesische Unternehmenskultur ist immer noch patriarchalisch geprägt mit Konfuzius: „Der Herrscher sei streng und gütig zugleich.“ Vorbei sei die Zeit, das chinesische Unternehmen viel kopierten, gar technische Entwicklungen stahlen. Abschließend bekamen wir noch einen Weisheitsspruch des Laotse auf den Heimweg: „Der Weg ist zwar beschwerlich, aber die Zukunft ist rosig.“

In der Diskussion wurde mit Recht gefragt, ob denn chinesische Unternehmen sich an westliche Werte anpassen, wenn sie hier investieren, was zunehmend der Fall ist. Der Referent bejahte das und beschrieb als Indiz, dass chinesische Eigentümer das deutsche Management meistens nicht auswechseln (wie es etwa amerikanische Manager tun).

Dass das dennoch zu Schwierigkeiten führt, habe ich kürzlich in dem bemerkenswerten Film „Parchim International“  gesehen. Ich wähnte mich zunächst in einem Spielfilm, weil ich nicht glauben konnte, dass ein  chinesischer Investor in der mir bekannten mecklenburgischen, ziemlich verschlafenen Kleinstadt einen Riesenflughafen à la Dubai bauen möchte. Es ist aber ein irres Kapitel heutiger Globalisierung. Tatsächlich hat ein gewisser Mr. Pang 2007 den alten Militärflughafen gekauft und mit ersten Baumaßnahmen begonnen. Der sehenswerte Dokumentarfilm erzählt wie eine Tragikkomödie das Aufeinandertreffen der Lebenswelten und Glaubenssysteme mit bitteren Einblicken in die skurrile Realität des Kapitalismus.

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Michael-Satteler-Friedenspreis

Als Gemeindpfarrer habe ich mich in den neunziger Jahren für das Gedenken der Märtyrer der Täuferbewegung  Margareta und Michael Sattler eingesetzt und in einem noch lieferbaren  Buch beschrieben: Elisabeth Schröder-Kappus, Wolfgang Wagner: Michael Sattler. Ein Märtyrer in Rottenburg (1490 – 1527). Tübingen 1998.

Darum habe ich es sehr bedauert, dass ich nicht an der Verleihung des diesjährigen Michael-Sattler-Friedenspreises durch das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee teilnehmen konnte. Ausgezeichnet wurde die „Church of the Brethren in Nigeria“ (EYN) und die „Christian and Muslim Peace Initiative“ (CAMPI). Entgegengenommen wurde der Preis von Pfr. Ephraim Kadala, Friedenskoordinator der EYN und dem muslimischen Fachhochschullehrer Hussaini Shuaibu als Vertreter von CAMPI.

Trotz der Agression des Boko Haram hält die EYN fest an der Friedensbotschaft des Evangeliums und verzichtet auf den Ruf nach Vergeltung. Sie unterrichtet ihre Glieder und besonders die junge Generation in der biblischen Lehre von Frieden und Versöhnung, knüpft Kontakte zu dialogbereiten Muslimen und Moscheen. Mit ihren Programmen für Frieden und Gerechtigkeit arbeitet sie gegen die ökonomischen und politischen Ursachen der Gewalt.

„Wir nennen unsere Trauma-Workshops ‚Kathedralen der Tränen'“, erzählte Ephrahim Kadala auf der Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Kirche in Baden, die vom 19.-23. April stattfand. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Tränen in Hülle und Fülle fließen, wenn Täter und Opfer einen Tag damit verbringen, ihre Erlebnisse zu erzählen. Doch für Kadala ist dies ein Kernstück im Prozess der Trauma-Heilung. „Muslime und Christen, Menschen, die mit Boko Haram kooperiert haben und deren Opfer, bringen wir für diesen Prozess bewusst zusammen. Wenn wir diese Menschen in den Workshops miteinander konfrontieren, wird es sehr schwierig“, so der Nigerianer. „Die Opfer haben schließlich nicht nur ihre Häuser und Heimat verloren, sondern mussten in vielen Fällen auch die brutale Ermordung geliebter Menschen mitansehen. Die Täter geben zu, dass sie diese Dinge getan haben, aber sagen, sie hatten keine Wahl. Denn sonst wären sie selbst von Boko Haram ermordet worden.“

Kadala: „Obwohl mehr als eine Millionen Mitglieder unserer Kirche vertrieben worden sind, glauben wir, dass uns Gott hier platziert hat, um diese Krise zu lösen. Deshalb sind wir in Nigeria oder den Nachbarländern geblieben und haben nicht versucht, nach Europa zu fliehen. Doch wir brauchen Hilfe, denn die nigerianische Regierung verwehrt uns ihre Unterstützung. Durch die Unterstützung von Mission 21 in Basel und der Kirche der Geschwister in Amerika, haben wir materielle Hilfe erhalten – Essen, Kleidung, Baumaterial und Haushaltswaren. Aber es ist nicht genug, um die Nachfrage zu decken. Deshalb bitten wir euch, uns in dieser schwierigen Zeit zu helfen, in der wir versuchen, Gottes Willen zu befolgen.“

Husseini  Shuaibu, der sich ehrenamtlich als Moderator und Mediator engagiert, ist im Hauptberuf Dozent an der polytechnischen Fachhochschule in Mubi. Die ersten zehn Minuten jeder Vorlesung nutzt er dafür, seinen Studenten zu erklären, wie wichtig das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen für die Zukunft der Gesellschaft ist. „Ich stamme selbst aus einer Familie, in der es Muslime und Christen gibt. Natürlich feiern wir alle großen Feste gemeinsam“, sagt Shuaibu. Unter dem Terror von Boko Haram litten Christen und Muslime gleichermaßen. Viele Muslime seien ermordet worden, allen voran die islamischen Gelehrten, die den Chefideologen von Boko Haram erklärt hatten, dass ihre Auslegung des Korans unislamisch sei. Shuaibu bestätigt: „Die Terrormiliz hat uns Christen und Muslime eher zusammengebracht, als dass sie uns trennt.“

Die Evangelische Mission in Solidarität EMS (Stuttgart) unterstützt über die Basler Mission – Deutscher Zweig das Projekt „Not- und Aufbauhilfe in Nigeria“

Die Laudatio hielt Prof. Jürgen Moltmann. Er erinnerte daran, dass Luther die Kirche zwar aus der babylonischen Gefangenschaft des Papsttums befreit habe, aber dass die Täufer als die eigentlichen Reformatoren versucht hätten, die Kirche auch aus der babylonischen Gefangenschaft des Staates zu befreien. Michael Sattler als einer der Autoren der Schleitheimer Artikel (Februar 1527) hätte an der Ausformulie­rung des Programms der christlichen Gewaltlosigkeit einen wichtigen Anteil und es sei gut, dass die Erinnerung an ihn hochgehalten werde – und hoffentlich auch in den Feiern zum Jubiläum der Reformation gebührend erwähnt werde.

Wörtlich sagte er: „Es wird Zeit, dass wir nicht nur die Schuld unserer Vorfahren bekennen, sondern auch unsere Bekenntnisschriften revidieren oder neue Bekenntnisse schreiben… Terrorismus entsteht in den Herzen und Köpfen von Menschen und muss darum in den Herzen und Köpfen der Menschen überwunden werden. Das ist die Sprache des Friedens, die Leben schafft, nicht der Gewalt. „Terroristen verstehen nur die Sprache der Gewalt“, wird uns von allen Seiten gesagt. Aber die Sprache der Gewalt hat die Zahl von einigen hundert Terroristen zu Bin Ladens Zeiten zu zehntausenden in ISIS und Boko Haram heute empor schnellen lassen. Es ist gut, wenn die Christlich-Muslimische Friedensinitiative“(CAMPI) die jungenMänner davon abhält, sich dem Töten und Getötetwerden hinzugeben, und sie für das Leben zurückgewinnt. Es ist gut, wenn Christen und Muslime sich um die missbrauchten Kindersoldaten kümmern, um vom Trauma des Todes zu heilen. Es ist gut, wenn die Opfer von Unrecht und Gewalt in Workshop-Zentren der Kirche den Weg aus Schmerz und Trauer heraus finden. Den Menschen von Boko Haram zu vergeben, was sie anrichten, heißt, ihnen den Weg  zum Leben zeigen, und das Böse, das sie in ihren Opfern an Hass und Vergeltungssucht erwecken, zu überwinden. Insofern öffnet die Vergebung den Tätern die Chance zur Umkehr und macht die Opfer frei von der Fixierung auf die Täter. Wir wünschen nicht, dass die Menschen von Boko Haram vernichtet werden, sondern dass sie zu einem Leben in Frieden bekehrt werden. Wir lassen uns durch die Feindschaft nicht zu Feinden unserer Feinde machen, sondern sehen auf den Willen unseres Vaters im Himmel, dessen Kinder wir sind und bleiben wollen. Wir danken der „Kirche der Geschwister“ und der Christlich-Muslimischen Friedensinitiative für ihr Friedenszeugnis in Todesgefahren und sind ihre Geschwister und Freunde.“

Ich hoffe, dass diese Rede und die anderen wertvollen Beiträge noch reichlich verbreitet werden. Gestern war davon im Gottesdienst meiner Rottenburger Gemeinde noch nichts zu sehen. Es reicht nicht, sich allein auf das Internet zu verlassen, wo man glücklicherweise viele Informationen nachlesen kann.

 

2. Juni 1967: Ich war 19

Eine Woche Berlin, um Freunde zu besuchen und Kultur zu tanken. Anlass der Reise ist jedoch eine Einladung des TV-Senders „rbb“, der für 2017 eine Gedenksendung der ARD zum 50. Jahrestag „2. Juni 1967 Benno Ohnesorg“ plant. Ich soll als Zeitzeuge erzählen.

Alle zehn Jahre werde ich zu jenem verhängnisvollen Tag interviewt, als bei der Anti-Schah-Demonstration der Polizist Kurras den Studenten Benno Ohnesorg erschoss und ich zufällig daneben stand. Es hätte auch mich treffen können.

Nun stehen wir also mit einem Kamerateam am „Tatort“ vor der Deutschen Oper Berlin, wo seinerzeit der Regierende Bürgermeister von Berlin Heinrich Albertz den Despoten in die „Zauberflöte“ lud. Diese Aufführung wollten wir Studenten gründlich verpfeifen. Wir hatten eine enorme Wut im Bauch, da bei der ebenfalls gewaltlosen Demonstration am Vormittag vor dem Schöneberger Rathaus – damals der Westberliner „Regierungssitz“ – die berüchtigten „Jubelperser“ mit Latten auf uns eingeschlagen hatten und die Berliner Polizei zu unserem Entsetzen tatenlos zuguckte. Schließlich hatte ja die damals noch mächtige Springer-Presse in BILD oder BZ öfter geschrieben, dass man den linken Studenten mal das Gehirn locker schlagen müsse.

Es ist oft beschrieben worden, was dann geschah. Am besten m.E. von Uwe Soukup: Wie starb Benno Ohnesorg? – Der 2. Juni 1967. Verlag 1900, Berlin 2007, ISBN 978-3-930278-67-1. Er berät jetzt auch das TV-Team.

Die Redakteurin fragt mich  nun ein weiteres Mal. Bald weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich gesehen oder was ich später gelesen habe. Sie hat mir aber erstmals meine Aussage zur Verfügung gestellt, die ich wenige Tage nach dem 2. Juni einer Untersuchungskommission des ASTA (Studentische Selbstverwaltung der Freien Universität) auf’s Tonband gesprochen hatte.

Als die Polizei nach der berüchtigten „Leberwursttaktik“ des Polizeipräsidenten mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln gegen uns vorging, wichen wir in die Krumme Straße aus und flüchteten auf das Grundstück, auf dem Ohnesorg erschossen wurde. Ich sagte damals: „ Ich bin dort von einem Fotoreporter der BZ fotografiert worden, wie ich neben Ohnesorg hinter einer Teppichstange stehe. Etwas davor sah ich, wie in einem gelb-grünen Anzug ein Zivilpolizist auf einem Demonstranten kniete und auf ihn einschlug. Diese Polizisten hatten wir vorher beobachtet, dass sie einzelne Demonstranten als Rädelsführer herausgreifen wollten. Der Beamte schlägt immer wieder zu und ich brülle noch: „Hören Sie doch auf, sie schlagen ihn ja tot.“ Ich wusste aber nicht, was ich machen sollte. Inzwischen wurde es auf dem kleinen Grundstück sehr eng und ich bin weggelaufen. Sekunden später muss der Schuss gefallen sein, den ich aber nicht hörte oder als solchen erkannte.“

Dreimal bin ich mit solchen Aussagen als Zeuge zum Kurras-Prozess geladen worden, aber es hat keine Verurteilung gegeben. Für völlig unwahrscheinlich halte ich, dass der Todesschütze Kurras in Notwehr gehandelt habe.

Außer mir ist jetzt noch ein Arzt vor die Kamera geladen, der damals als Medizinstudent dabei war. Er kann zusätzlich berichten, dass in seiner Klinik Notfallbetten frei gehalten wurden und Chirurgen Urlaubssperre bekamen. Man hat also vorher mit Toten und zumindest Verletzten des Polizeieinsatzes gerechnet.

Es gibt noch mehr Ungereimtheiten, die diverse Verschwörungstheorien befördern. Der dritte Interviewpartner ist Lukas Ohnesorg, der Sohn, der erst später im November geboren wurde. Er fragt vor allem, warum man die Krankenhäuser, die seinem sterbenden Vater Erste Hilfe verweigert haben, nicht weiter belangt hat. Mysteriös findet er auch, dass an der Schädeldecke manipuliert worden war, sodass der genaue Verlauf der tödlichen Kugel nicht rekonstruiert werden konnte. Ein sechs mal vier Zentimeter großes Knochenstück der Schädeldecke mit dem Einschussloch war herausgesägt und die Kopfhaut darüber zugenäht worden.

Ein damals beteiligter Assistenzarzt, der aus einer mit dem Schah befreundeten persischen Familie stammt, erklärte 2009, er habe Ohnesorgs Totenschein auf Anweisung seiner Vorgesetzten mit falschem Todeszeitpunkt ausgefüllt. 2012 erklärte dieser Arzt,  er habe auf Anweisung seines Chefarztes, nicht aufgrund eigener Untersuchung „Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung“ als Todesursache eingetragen.

Darum verstehe ich nicht, warum der damals noch angesehene Rechtsanwalt Horst Mahler als Nebenkläger der Familie nicht nachgehakt hat. Mich hat er seinerzeit als Zeuge ins Kreuzverhör genommen, die Polizei aber wohl nicht. Nachdem 2009 bekannt wurde, dass Kurras 1967 inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gewesen war, wurden neue Ermittlungen durchgeführt. Sie ergaben 2011, dass er auf Ohnesorg ohne Auftrag, unbedrängt und wahrscheinlich gezielt geschossen hatte. Er wurde dennoch nicht erneut angeklagt.

Eine knappe Gesamtdarstellung findet sich in https://de.wikipedia.org/wiki/Benno_Ohnesorg.

Der 2. Juni 1967 war für mich ein Wendepunkt, das Ende meines naiven Glaubens, in einem wohlgeordneten Rechtsstaat zu leben. Ich war 19 Jahre jung, im 2. Semester Theologie und Philosophie und als Sozialreferent im AStA politisch für den Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) aktiv. Wir verstanden uns als Teil der Studentenbewegung, waren aber in Opposition zu Dutschkes SDS. Seine Gewaltbereitschaft und marxistische Weltsicht lehnte ich ab. Geblieben ist aber das globale Engagement gegen Despoten aller Art, der Einsatz für Menschenrechte und Frieden.

So wichtig dieses Datum für meine Generation auch ist, so ist es doch zu relativieren. In diesem Jahr feiert die DEFA ihr 70jähriges Jubiläum. Deren Filme haben wir im Westen lange nicht zu sehen bekommen. Ich schaue mir im Berliner „Babylon“ mit fünf (!) anderen Zuschauern den DEFA-Film von 1968 „Ich war neunzehn“ an. Da schildert Konrad Wolf ziemlich autobiografisch, wie er als Soldat der Roten Armee 1945 nach Berlin kommt und mit neunzehn Jahren Kommandant von Bernau wird. Zwar ist der Einsatz der Roten Armee etwas geschönt, aber meinen Respekt gegenüber dieser Generation, die weit Schlimmeres erlebt hat als wir, kann ich nicht versagen.

 

Evangelische Friedenstheologie

“Warum ist Krieg so geil und Frieden so langweilig?”, fragt einer der wenigen Pfarrer, der an der Diskussion mit dem Friedensbeauftragten der Evangelischen Kirche (EKD) Renke Brahms teilnimmt. Das Evangelische Stift Tübingen hatte den „Schriftführer in der Bremischen Evangelischen Kirche“ – so nennt sich dort der Quasi-Bischof – zu einem Vortrag geladen. Meine Antwort auf jene Frage ist: „Weil Friedensarbeit zumindest in  den Kirchen oft nur aus Papieren besteht.“ Ich bemühe mich jedenfalls um ein Leben, das mein israelischer Freund Ruven Moskowitz einmal „Friedensabenteuer“ genannt hat.

Brahms trägt denn auch erst einmal die letzte, nicht mehr ganz frische  EKD -Friedensdenkschrift  „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ (2007) vor. Das Ziel eines „gerechten Friedens“ hat die alte Doktrin vom „gerechten Krieg“ abgelöst, die den Krieg entgegen ihrer Intention nicht einschränken konnte.

Die evangelische Friedensarbeit wird von Kirchengemeinden und Gruppen vor Ort getragen. Begleitet und gefördert wird sie durch landeskirchliche Beauftragte und Arbeitsstellen, aber auch durch christliche Friedensorganisationen in der Region. Auf EKD-Ebene unterstützen die Beteiligten im Verein für Friedensarbeit sowie die Konferenz für Friedensarbeit mit ihren Akteuren die evangelische Friedensarbeit vor Ort durch vielerlei Impulse, mit Material, Projekten und persönlichen Kontakten. Sie tragen dazu bei, dass friedensrelevante Themen qualifiziert aufgenommen werden können. Leider ist der diesbezügliche Internetauftritt des Friedensbeauftragten nicht sehr aktuell. Siehe http://www.ekd.de/friedensbeauftragter/download/zukunft_der_friedensarbeit_2012.pdf.

Äußerungen einer Volkskirche wie die EKD sind immer Kompromisspapiere, zumal sie aus einer Staatskirchentradition kommt. Eine radikale pazifistische Position wie bei den Quäkern kann man nicht erwarten. Immerhin spricht sich die EKD für einen Vorrang der zivilen Friedensarbeit gegenüber der militärischen Verteidigungspolitik aus. Aber sie lässt der Politik das „Schlupfloch“ der „ultima ratio“ (letzte Möglichkeit), das diese weidlich nutzt. Zwar betont Brahms die „prima ratio“ (erste präventive Möglichkeiten), aber die gegenwärtige Ausweitung der militärischen Einsätze spricht eine andere Sprache. Der Protest der Kirchen dagegen ist verhalten, wenn auch einige christliche Organisationen wie „Ohne Rüstung leben“ deutlich widersprechen.

Immerhin hat sich eine Landeskirche, nämlich die badische,  ebenfalls deutlich positioniert. Das kommt an diesem Abend im Stift leider zu wenig zur Sprache. Die Präsidentin der Landessynode Fleckenstein sagte zur Eröffnung der Herbsttagung 3013: „Ziel der Diskussion ist  es, dass die Christen in der Bundesrepublik, ja in ganz Europa immer mehr zu einer Kirche des Friedens werden, in der die Option des Einsatzes von Gewalt zur Konfliktlösung durch gewaltfreie Lösungspotenziale ersetzt werden kann.“  Viele Stimmen kritisieren die EKD-Position der „vorrangigen  Option für Gewaltfreiheit“. Sie finden, dass aus christlicher Sicht Gewaltfreiheit die einzige (!) Option sein müsse. Siehe http://www.ekiba.de/html/content/der_friedensethische_prozess_in_baden_bis_2013.html

Solange das Ziel nicht erreicht ist, müssen Christen eben selber aktiv, am besten „Friedensabenteurer“ werden. Ich habe jedenfalls immer weniger Lust auf binnenkirchliche Debatten über Papiere, sondern engagiere mich mit andern zusammen lieber direkt in der Öffentlichkeit.

 

Sizilienreise (7): Syrakus

Der Busfahrer steuert unverdrossen trotz Protest auf den “Archäologischen Park“ zu. Meine Klassenkameraden wollen aber die Überreste der einstigen griechischen Millionenstadt gar nicht sehen. Auch das Museum verschmähen sie. Zum Glück waren wir allein vorher schon dort.

Allerdings ist die Altstadt wirklich besonders sehenswert, viel schöner als Catania oder Palermo. Schon Cicero, der hier mach dem Recht schauen sollte, beschrieb sie als größte und schönste aller griechischen Städte.

Siehe http://www.italien-inseln.de/siracusa/syrakus.html

Wir konzentrieren uns mit der Klasse also auf die Insel Ortygia. Diese liegt zwischen zwei Naturhäfen und ist nur durch eine enge Durchfahrt vom Festland getrennt. Auf ihr befindet sich eine erstaunliche Süßwasserquelle mit Papyrus am Ufer..

Unter der Herrschaft von Tyrannen wie Dionysos gelang es mehrere Jahrhunderte, sich den Angriffen fremder Eroberer zu widersetzen und die eigene Vormachtstellung auszubauen. Auch wissenschaftlich und kulturell spielte Syrakus eine bedeutende Rolle. Dichter wie Aischylos oder Pindar versammelten sich am Hof der Stadt. Platon lehrte hier Philosophie und Archimedes entwickelte Kriegsmaschinen zur Verteidigung der Stadt.

Wir starten beim Apollotempel, dem ältesten größeren griechischen Tempel Siziliens. In byzantinischer Zeit diente er als Kirche, in arabischer Zeit als Moschee, dann wieder als christliche Kirche. Erhalten sind das Fundament, Teile der Cellawand und Reste einiger dorischer Säulen.

Der Dom Santa Maria delle Colonne (Heilige Maria der Säulen) wurde im 7. Jahrhundert n. Chr. durch einen Umbau des Tempels der Athene errichtet. Dieser Tempel stammt aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., seine Säulen sind heute an der Hauptfassade und im Innenraum  zu sehen.

Ebenfalls auf dem Domplatz steht die Barockkirche Santa Lucia alla Badia, die zur Zeit das Gemälde „Grablegung der Hl. Lucia“ von Caravaggio ausstellt. Der Frechdachs hat Bischof und Heilige ziemlich klein, die Totengräber um so größer und auch noch von hinten gemalt.

Hier wäre nun Schillers Bürgschaft angesagt. „Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande: Ihn schlugen die Häscher in Bande, … Da schimmern in Abendrot Strahlen, von Ferne die Zinnen von Syrakus.“ Aber das hatten wir schon. Unser zweiter Deutschlehrer trägt am Meer lieber eine Halunkenballade von Fritz Graßhoff vor – auswendig. Respekt!

Die Gruppe will noch nach Noto, das ich schon besucht habe. Sie hat außerdem  noch Enna, Villa Casale und Palermo auf dem Programm. Da muss ich jetzt nicht noch einmal hin.

Was ist mein Resümee dieser seltsamen Klassenfahrt? Es ist erstaunlich, dass wir nach fünfzig Jahren noch so gut uns verstehen. Alle Abiturienten von 1966 sind in lebenslänglichen Berufen erfolgreich gewesen: Beamte, Ärzte, Lehrer, Pfarrer etc. Die meisten erfreuen sich einer guten Gesundheit und genießen den Ruhestand. Unsere damaligen Pauker sind bis auf unsern Lateinlehrer alle gestorben. Der hatte vor 50 Jahren mit uns eine Reise nach Rom unternommen, was damals durchaus nicht selbstverständlich war. Nicht zuletzt durch solche Untenehmungen ist unsere Klassengemeinschaft zusammengewachsen. Vielleicht auch durch gemeinsamen Widerstand gegen damalige autoritäre Methoden.

 

Catania

Das Standquartier unserer Klasse ist für eine Woche ein Hotel  in Catania. Leider ist die Villa etwas abgelegen, sodass man den Bus nehmen muss. Der fährt allerdings nach einem geheimen Fahrplan, in der Siesta wohl selten und am 1. Mai zu unserer peinlichen Überraschung überhaupt nicht. Ich soll die Gruppe führen, obwohl ich selber erst einmal vor 40 Jahren hier war. Aber es gibt ja nicht nur den (nicht mehr so guten) Baedeker, sondern auch Internet-Informationen.

Siehe http://www.italien-inseln.de/catania/ct.html.

Bevor wir richtig in de Innenstadt kommen,  erleben wir den Feiertag der Befreiung Italiens vom Faschismus. Mit roten Fahnen demonstrieren etliche linke Gruppen und blockieren die Straße. Auf einem Transparent wird der Ministerpräsident Matteo Renzi (*1975 in Florenz,  Partito Democratico) als neuer Mussolini bezeichnet. Später schaue ich mir die italienische Geschichtsauffassung im „Museo Storico dello Sbarco in Sicilia 1943“ an.

Catania ist mit über 315000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Siziliens. Ich merke das, als wir einmal in den falschen Bus steigen und eine unfreiwillige Stadtrundfahrt antreten. Zu Fuß muss man erhebliche Strecken zurücklegen. So bin ich einmal rauf und einmal runter die ganze Via Etnea gelaufen. Diese Hauptstraße mit vielen Geschäften und Plätzen, ist etwa drei Kilometer lang und verläuft schnurgerade von der Piazza del Duomo in Richtung Ätna.

Catania ist eine der spätbarocken Städte des Val di Noto, die zum UNESCO-Welterbe erklärt worden sind. Also sind wieder einmal Kirchen und Paläste angesagt.

Die Stadt wurde im 8. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Siedlern aus Naxos gegründet, deren Hinterlassenschaft aber nicht so eindrücklich sind. Wichtiger sind die Römer gewesen. Im 3. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich die Stadt unter römischer Vorherrschaft zum wichtigsten Handelsstützpunkt des damaligen Siziliens. Der Hafen ermöglichte regen Handel im gesamten Mittelmeerraum. Ich ärgere mich, dass ich manche Inschriften nicht übersetzen kann. Dafür hat man nun sieben Jahre Latein auf der Schule gehabt. Immerhin bin ich flott mit den römischen Zahlen. Das Amphitheater, aus Marmor und Lavagestein erbaut, war in der Antike mit 7000 Sitzplätzen eines der größten auf Sizilien. Heute ist es teilweise von barocken Gebäuden überbaut.

Einen weiteren Aufschwung erfuhr die Stadt durch die Araber, die die fruchtbaren Böden in der Umgebung für den Anbau von Zitrusfrüchten nutzten. Catania wurde damit zu einem der wichtigsten Zentren der Landwirtschaft.

Im Jahr 1669 wurden Teile der Stadt nach einem Vulkanausbruch des Ätna unter Lavaströmen begraben. Ein schweres Erdbeben im Jahr 1693 zerstörte Catania fast vollständig. In den folgenden Jahrzehnten wurde es im barocken Baustil, der noch heute das Stadtbild prägt, wieder aufgebaut.

O.K. auf dem berühmten Fischmarkt ist am Feiertag nicht viel los. Auch der Hafen kann die Jungens von der „Waterkant“ nicht beeindrucken, zumal wir dort nichts Essbares finden.

Wir machen Kaffeepause am Castello Ursino, wo ich die schöne Geburtslegende über Friedrich II., erzählt von Albert von Stade(!), zum Besten geben kann.

Das Kastell, um 1240 auf Anweisung des Staufer-Kaisers errichtet, war im 14. Jahrhundert Residenz der aragonischen Könige. Derzeit beherbergt es das Museo Civico, das unter anderem über eine Sammlung griechischer Skulpturen verfügt. Da will aber keiner von uns rein. Die Griechen-Begeisterung hat wohl etwas nachgelassen.

Ansonsten erweisen wir noch den großen Sohn der Stadt, dem Opernkomponisten Vincenzo Bellini, am Teatro Massimo Bellini unsere Reverenz. Ihm ist auch das Nudelgericht Pasta alla Norma gewidmet.

Dieser Tag der Befreiung lässt mich überlegen, was ich über Mussolini weiß. Wenig! Es ist eine neue Biografie erschienen, die ich mir mal vornehmen werde. Die Rezensionen machen neugierig: Hans Woller, Mussolini. Der erste Faschist. Eine Biografie. C. H. Beck Verlag, München 2016.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.04.2016:„Predappio“ heißt das erste und auch das letzte Kapitel der biografischen Parabel – das Städtchen, wo Mussolinis Leben begann und wohin seine sterblichen Überreste zwölf Jahre nach seinem Tod zurückkehrten, sei heute ein „gefährlicher Erinnerungsort“, merkt Hans Woller im Schlusskapitel an und fügt lakonisch und unter Anspielung auf den Kult der in Italien „nostalgici“ genannten Verehrer des Duce hinzu: „Mussolini lebt“; nichtsdestoweniger sei die Gefahr einer Renaissance des Faschismus heute gering, bekräftigt der Autor. Gerade wenn man diesen Optimismus nicht vorbehaltlos teilt, wünscht man Hans Wollers Buch möglichst viele Leser, denn wie kaum ein anderes entzaubert es einen Diktator, der vor nicht einmal einem Menschenalter die Massen begeisterte und dem nicht nur in Italien nicht wenige der Intellektuellen huldigten.

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Am Ätna

Endlich kann ich den Mietwagen am Flughafen Catania unbeschädigt abgeben und meine Klassenkameraden  begrüßen. Zehn (von 16) meiner Abiturklasse von 1966 sind gekommen. Wir feiern im Hotel „Villa del Bosco“ bei einem Festmenu zusammen mit meiner Frau und deren Freundin, die beide wegen ihrer Italienischkenntnisse hoch willkommen sind. Einige habe ich fünfzig Jahre nicht mehr gesehen. Beim Abendessen werden aber nicht nur Erinnerungen ausgetauscht. Morgen soll es gleich auf den Ätna gehen. Darum hält – wie 1966 bei unserer Romreise – einer einen Einführungsvortrag. E. ist Lehrer geworden und visualisiert seinen originellen Vortrag mit einem selbst gemalten Plakat. Allerdings ist wohl nicht Geografie sein Fach.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem gemieteten Bus gleich los. Doch ist der Berg, den wir schon ein paar Mal unter blauem Himmel bewundert haben, in dunkle Wolken gehüllt. Wir nehmen die Seilbahn und stapfen munter von der Bergstation los. Natürlich ist es windig und sehr kalt. Oben liegt noch Schnee. Ich steige etwas höher. Aber so ein schwarzer Berg ohne Baum und Büsche gefällt mir nicht. Den Gipfel mit seinen 3300 m werde ich ohnehin nicht schaffen. Diesmal nicht! Es ist ein Gefühl, als laufe man auf einem Aschehaufen. Die ersten sind schon wieder unten und plaudern lieber im Café. Man kann sich dort die früheren Ausbrüche per Video anschauen.

2013 erst konnte man sehen: So heftig wie seit Jahren nicht spuckt der Ätna Feuer. Der italienische Berg ist der am besten erforschte Vulkan der Welt – und der unberechenbarste. Der Feuerberg tobt. Alle paar Wochen schießen Lavafontänen empor, teilweise höher als der Eiffelturm. Glühende Ströme ergießen sich in die umliegenden Täler. Bereits dreizehn Ausbrüche gab es seit Anfang Februar.“

Dieses Jahr ist zum Glück alles ruhig. Aber man sieht weiter unten die Zerstörungen, die die Lava angerichtet hat. Manchmal musste der Flughafen geschlossen werden.

Der Ätna ist voll verkabelt mit Sensoren: Er spuckt nicht nur Lava aus, sondern auch Ströme von Daten – täglich viele Gigabyte, die von Magnetfeldsensoren, GPS-Höhenmessern oder Erdbebenfühlern geliefert werden.

Trotz der Totalvermessung gibt der Ätna den Forschern aber noch immer Rätsel auf. Vielen Geologen gilt der Ätna bis heute als der am schwersten zu verstehende Vulkan der Welt. Der Berg befindet sich genau dort, wo die afrikanische und die europäische Kontinentalplatte seitlich aneinanderreiben wie zwei gigantische Eisschollen. An dieser Plattengrenze fließt aus über 30 Kilometer Tiefe dünnflüssige Lava nach oben in ein Magmareservoir zwei Kilometer unter dem Gipfel. Der Magmastrom bewegt sich nicht gleichmäßig voran, sondern in Schüben, er gerät in Schwingungen wie in einer Hydraulikpumpe. Das macht den Ätna so schwer berechenbar

Derzeit verhält sich der Ätna wie eine unter Druck stehende Sektflasche. Seit einigen Jahren fließt das Magma schneller empor, ein schaumartiges Gebräu aus Gas und glühender Gesteinsschmelze. Für den Ätna ist das relativ normal, aber die Gesellschaft hat sich enorm verändert. Es ist heute sehr viel schwieriger geworden, eine Evakuierung durchzusetzen.

Schon in der Antike fragten sich die Menschen, welche Kräfte wohl imstande seien, Lavafontänen bis in den Himmel zu schießen. In der griechischen und der römischen Mythologie schwingt ein hinkender Schmied seinen Hammer, auf dass die Funken fliegen. Der Naturphilosoph Empedokles aus Agrigent soll der Legende nach vor 2500 Jahren in den Krater gesprungen sein. Der Tod des Empedokles ist ein unvollendetes Dramenprojekt von Friedrich Hölderlin.

Die Umgebung am Fuße des Berges ist viel schöner. Da das Gebiet sehr fruchtbar ist, siedeln sich die Leute trotz der Gefahren immer wieder an. Wir sind später, als meine Klasse schon wieder weg ist, eine Etappe mit der Kleinbahn „Circumetnea“ bis Adrano gefahren.

Die Gruppe will aber heute noch nach Taormina. Für uns ist das ein befremdliches Wiedersehen nach vierzig Jahren, denn der Touristenrummel hat erheblich zugenommen. Das griechische Theater aber bietet noch immer einen traumhaften Ausblick auf das Meer. Unser Literaturdoktor lässt es sich nicht nehmen, Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ („Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich…“) ganz vorzutragen und erntet Szenenapplaus auch von denen, die kein deutsch verstehen.

 

 

 

Magna Graecia in Sizilien

Der aktuelle Grund für unsere Sizilien-Reise ist das Klassentreffen der ehemaligen 13g meines „Athenaeums“. Wir feiern fünfzig Jahre Abitur! Die zehn Herren (Jungengymnasium!) treffen aber erst später ein. So besuchen wir teils allein, teils mit der Gruppe die Überreste der „Großgriechen“ (Magna Graecia), also Segesta, Selinunte, Agrigent, Syrakus, Taormina und als Standquartier Catania.

Zunächst aber muss ich mit dem kreativen Verkehrsverhalten der Sizilianer allein klarkommen. Die meisten Autos haben Beulen und Kratzer, die ich bei einem Mietwagen vermeiden will. Chaotisch ist auch unser „Navi“. Die spanische Sprache geht ja noch, aber es lässt sich einfach nicht vernünftig einstellen. Das wäre aber nervenschonend gewesen, denn auch die Hinweisschilder, falls überhaupt vorhanden, führen oft in die Irre. Auf der Autobahn geht es ja, aber auf Nebenstraßen ist man schier verloren. Doch außer Zeit und Geld können wir ja nichts verlieren.

Goethe hatte es da auf seiner italienischen Reise, Abteilung Sizilien, schon schwerer. Er musste noch Räuberbanden fürchten. Damit hat die Mafia aufgeräumt, indem sie selber eine wurde.

Goethe ist immerhin bis Segesta geritten. Mit seinen Augen sehe ich den wunderbaren einsamen Tempel: „Die Lage des Tempels ist sonderbar: am höchsten Ende eines weiten, engen Tales, auf einem isolierten Hügel, aber doch noch von Klippen umgeben, sieht er über viel Land in eine weite Ferne, aber nur ein Eckchen Meer.“ Sorry, Herr Geheimrat! Das Meer kann man vom Tempel durchaus nicht sehen. Da ist wohl die dichterische Imagination – wie so oft – mit ihm durchgegangen. Ein Mythos ist wohl auch die Erzählung, dass die Griechen von Segesta den Tempel nur begonnen haben, um den Athenern zu imponieren, deren Unterstützung im Krieg  sie wollten. Fakt ist, dass die griechischen Stadtstaaten sich ständig bekriegt haben. Warum nur? Es ist doch genügend Platz für alle hier. Übrigens wurden diese Kriege mit aller Härte ausgefochten: „Die oder wir!“ Oft wurden die Städte total zerstört, die Männer massakriert und Frauen und Kinder versklavt. Die überlieferten Tricksereien der Griechen will man gern glauben. So haben sie es in ihrer Geschichte immer gehalten, und machen mit der EU so weiter.

Es ist noch keine Saison, weshalb wir fast allein solchen Gedanken nachhängen können. Unheimlich ist die Einsamkeit, als ich über Calatafimi eine Abkürzung zu Südautobahn nehmen will und auf abenteuerliche Straßen gerate. Mir fällt ein, dass noch vor achtzig Jahren viele Dörfer nur durch ausgetrocknete Flusstäler zu erreichen waren.

In der weit größeren Ausgrabung von Selinunte bleiben wir ein paar Tage. Ich gebe zu: Archäologie macht nur mit viel Phantasie Spaß. Man muss schon die Ruinen im Geiste auferstehen  lassen und sich das Treiben vom 8.-3. vorchristlichen Jahrhundert lebhaft vorstellen. Einmalig am Meer gelegen wandere ich bis zum Heiligtum der Demeter Malophoros und frage mich, welche geheimnisvollen Mysterien ihre Priesterinnen wohl veranstaltet haben. Die andern Tempel kann man nicht zuordnen, die Archäologen haben sie einfach nach dem Alphabeth gekennzeichnet. Auch diese antike Großstadt (300000 Einwohner) erlitt ein grausames Schicksal: Karthago eroberte sie 409 v.Chr. , richtete 16000 hin und versklavte 6000. Gute alte Zeit?!

Karthago – man kennt die drei späteren punischen Kriege gegen Rom. Doch schon vorher haben die Punier (ursprünglich aus Phönizien) welche in Sizilien geführt. Die Eroberer kommen ja schon immer über das Meer. Von ihnen gibt es nicht viele Hinterlassenschaften. Eine großartige Ausgrabung ist auf der Insel Mozia (Mothia), das wir auf einer Spritztour nach Erice besuchen.

Der englische Weinhändler Whitaker hat die Insel bei Trapani gekauft und erste Ausgrabungen geleitet. Bereits im 8. vorchristlichen Jahrhundert entstand hier eine phönizische Siedlung, die 397 v.Chr. von Dionysios I. von Syrakus erobert wurde. Ein Meisterwerk aus dieser Epoche ist die Marmorstatue „Jüngling von Mothia“, die im Museum gezeigt wird. Den Binnenhafen der Siedlung (Kothon) diente als Dockanlage.

Mit Karthago verbinde ich ein kleines Schultrauma. Irgendwann übersetzten wir im Lateinunterricht Vergils Aeneis. Plötzlich wurde ich aus tiefstem Schlummer geweckt durch die schnarrende Stimme unseres Lehrer: „Wie interpretieren Sie Didos Verhalten?“ „Verdammt“, dachte ich, „wer ist das überhaupt?“ Um meine Ahnungslosigkeit zu überspielen, versuchte ich eine Antwort, die sowohl für die weibliche als auch die männliche Form durchgehen könnte. Es muss ein ziemlicher Unsinn  gewesen sein, weshalb ich ein scharfes Urteil erhielt, das mein Selbstbewusstsein erheblich gefährdete. Was interessierte mich der Liebeskummer dieser Königin von Karthago? Ich hatte selber welchen. Wikipedia gab es leider noch nicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Dido_%28Mythologie%29.

„Auf der Flucht aus Troja treibt den Aeneas ein Sturm an die Küste des neu gegründeten Karthago, dessen Königin Dido ihn gastlich aufnimmt. Auf Betreiben von Venus, der Mutter von Aeneas, die ihren Sohn auf diese Weise schützen will, und Juno die ihn so vom verheißenen Land Italien fernhalten will, verliebt sich Dido unsterblich in Aeneas. Trotz eines Eides, den sie einst abgelegt hatte, sich nie mehr mit einem Mann einzulassen, vereinigt sie sich mit Aeneas während eines Unwetters in einer Höhle. Doch Jupiter schickt den Götterboten Mercurius, um Aeneas an seine Pflichten zu erinnern − so verlässt er Karthago, was Dido in den Suizid treibt: Sie ersticht sich mit dem Schwert des Aeneas. Doch zuvor schwört sie Rache und schafft so die Grundlage für den späteren Konflikt zwischen Rom und Karthago.“

 

Migranten und Mafia in Palermo

Städte im Süden sind ein wunderbares Freilufttheater, weil sich das Leben weithin auf der Straße abspielt. In diesen Tagen sind massenweise Schulklassen mit ihren hübschen Lehrerinnen unterwegs. Da sage noch einer, die Italiener hätten keine Kinder mehr. Mit ihren einfarbigen Kappen je Klasse tummeln sie sich lautstark in Museen und Kirchen. In Palermo führen die älteren Schüler sogar Touristen. So trainieren sie gleichzeitig ihre Sprachkenntnisse. Jede Klasse hat ein Objekt genauer studiert. Wir hören einer Studentin zu, die uns detailliert die sogenannte Admiralskirche „Chiesa Santa Maria dell’Ammiraglio“ erklärt. Die Kirche ist ein gutes Beispiel für das friedliche Zusammenleben verschiedener Rassen und Religionen. Eine Säule trägt eine Inschrift mit dem islamischen Glaubensbekenntnis in kufisch-arabischer Schrift. Die Madonna hält ein Blatt mit griechischen Buchstaben in Händen. An der Decke ist ein Kindergebet aus Griechenland in Arabisch zu entdecken. Der Altarraum ist mit wunderbaren byzantinischen Goldmosaiken gestaltet, der hintere Teil hingegen im Barockstil ausgemalt. Neben der Tür lese ich eine Gedenktafel für den albanischen Freiheitskämpfer Skanderbeg. Nach ihrer Niederlage im Kampf gegen die Osmanen sind viele Albaner nach Sizilien geflüchtet und haben eigene Dörfer gegründet, in denen sie noch heute albanisch sprechen und eigene Gottesdienste feiern. Zehn Jahre nach Skanderbegs Tod konnten die Türken 1478 Albanien erobern und mehr als 400 Jahre lang beherrschen. Viele Mitglieder der Adelsfamilie der Kastrioti und auch andere Albaner flüchteten danach in die versprochenen Ländereien Süditaliens, deren Nachkommen bis heute die Volksgruppe der Arbëresh bilden.

Nebenan vor der Chiesa  San Cataldo treffen wir den Bürgermeister von Palermo, der uns auf deutsch anspricht. Er behauptet, dass diese Schülerführungen seine Erfindung seien. Anscheinend ist er vom nahen Rathaus herübergekommen, um nachzuschauen wie es funktioniert. Seltsamerweise stellt er sich als Schauspieler vor. Jedenfalls zieht er eine ziemliche Show ab. Seine Verdienste werden international anerkannt, aber wir hören auch skeptische Stimmen. Es gibt eben immer missgünstige Verlierer von Reformen.

Leoluca Orlando (*1947 in Palermo) ist  promovierter Jurist und Politiker. Mit kurzer Unterbrechung war er von 1985 bis 2000 und ist erneut seit Mai 2012 Bürgermeister von Palermo sowie auch Abgeordneter des sizilianischen, italienischen und europäischen Parlamentes. Orlando wurde durch seinen Kampf gegen die Mafia international bekannt und lebt seitdem unter permanentem Personenschutz.

Siehe Näheres unter https://de.wikipedia.org/wiki/Leoluca_Orlando.

Von der Mafia spüren wir natürlich als Reisende nichts. Die Meinungen über ihre gegenwärtige Stärke sind kontrovers. Anscheinend ist sie von den traditionellen kriminellen Projekten des Frauen- Waffen- und Drogenhandels in das Finanzwesen gewechselt. Im Baugewerbe und kurioserweise im Müllmanagement scheint sie noch stark zu sein. Vielleicht erklärt ihre Existenz auch, dass weit weniger Afrikaner in Sizilien zu sehen sind als wir erwartet haben. Vermutlich reisen diese bald in den Norden weiter. Das erklärt die wütenden Reaktionen italienischer Politiker gegen österreichische Pläne, den Brenner-Pass zu schließen. Die italienischen TV-Nachrichten sind voll davon.

Im Ursprungsland des Mafia-Clan Cosa Nostra landen täglich bis zu 1000 neue Flüchtlinge und Migranten. Unter den Notleidenden befinden sich auch zahlreiche Bandenmitglieder. Diese Entwicklung beunruhigt die Bosse der Mafia-Organisation.

Sie sehen ihre kriminelle Vormachtstellung bedroht und erklärten den Einwanderern nun den Krieg. Dies berichtet die die britische „MailOnline“. Der Kampf gegen die Einwanderer forderte bereits ein unschuldiges Opfer. Anfang April wurde ein Gambier im Zentrum von Palermo auf offener Straße angeschossen. Der 21-Jährige wurde am Kopf getroffen und schwer verletzt. Eigentlich wollte dieser nur mit Freunden Fußball spielen. Bei dem Attentat handelte es sich anscheinend um eine Verwechslung.

Der Bürgermeister Leoluca Orlando zeigt sich besorgt über die Lage in seiner Stadt. „Palermo ist keine italienische Stadt mehr. Sie ist auch nicht mehr europäisch. Wenn man durch die Stadt spaziert, kommt man sich vor wie in Istanbul oder Beirut,“ so Orlando. Besonders im Stadtteil Ballaro ist der Migrantenanteil seit Beginn der Flüchtlingskrise besonders hoch. Die Anzahl der Einwanderer stieg von fünf auf 25 Prozent. In Ballaro wurde auch der Gambier angeschossen.

Durch die schnellwachsende Anzahl der Migranten und den darunter befindlichen Bandenmitgliedern verliert die Mafia ihre heimliche Kontrolle über die italienische Mittelmeerinsel. Orlando sagt, als die „Mafia noch mächtiger war, hielt sie die Asylwerber fern.“ Zu dieser Zeit habe es fast keine Afrikaner oder Asiaten auf Sizilien gegeben. Die Polizei würde sich nur wenig um die Probleme die durch ausländische Banden entstehen kümmern, erzählen Leute aus der Bevölkerung.  Das Attentat auf den Gambier sei ein brutales Beispiel, wie die Gewalt um sich greift und allmählich die Lage auf der ganzen Insel außer Kontrolle gerät. Offenbar hoffen die Menschen in Palermo auf die Unterstützung der Mafia. Doch jetzt nach dem Anschlag auf den unschuldigen Afrikaner nimmt die Polizei die Mafia-Bosse wieder verstärkt ins Visier. „Die Cosa Nostra will ihre Regeln durchsetzen und ihr Territorium verteidigen. Es gab eine ganze Reihe von gewaltsamen Übergriffen auf Migranten, die die Handschrift der Mafia tragen,“ sagte Polizeikommissar Guido Longo der „MailOnline“.  Der schwerverletzte Flüchtling lag einige Tage im Koma, befindet sich aber inzwischen auf dem Weg der Besserung. Er sagte der Zeitung: „Ich bin ein gläubiger Christ. Ich bin nicht wütend, sondern einfach nur froh, dass ich noch lebe.“

Mit diesem eher pessimistischen Bild verlassen wir Palermo. Vor 40 Jahren sind wir mit der Eisenbahn von Zürich über Rom nach Palermo gefahren. Dieses Jahr nehmen wir sie nur vom Hauptbahnhof zur „Stazione Notarbartolo“ (Spitzengeschwindigkeit gefühlt 30 km/h). Dort mieten wir ein Auto.

 

 

Palermo (2)

Goethe kam mit dem Schiff von Neapel nach Palermo und  gelangte am 2. April 1787 in den Hafen, „wo uns ein höchst erfreulicher Anblick entgegentrat“. Heute kann man das vom Hafengebiet Palermos nicht mehr sagen. Abgeschnitten durch eine verkehrsreiche Stadtautobahn ist ein Spaziergang kein Vergnügen. Das gilt auch für das nördlichere Ufer jenseits der „Villa Guiseppe Tomasi di Lampedusa“. Einige Jogger laufen vorbei, andere führen ihren Hund aus. Weit und breit kein Strandcafé. Und das in dieser Lage!

So gehen wir wieder zurück in die Gassen am Botanischen  Garten vorbei, um einige Adelspaläste zu besichtigen. Seit ich Viscontis „Der Leopard“ gesehen habe, tanzt in meiner Einbildung überall Claudia Cardinale durch die Säle. Den Roman gleichen Titels , der jüngst neu übersetzt wurde („Der Gattopardo“), habe ich nun zum zweiten Mal gelesen. Er fasziniert zwar, gefällt mir aber dennoch nicht. Im Grunde verklärt Tomasi eine Ausbeuterkaste, die bis heute eine menschenwürdige Entwicklung der Insel erschwert. Hin und her gerissen betrachte ich darum die alte Pracht. Manche der Kästen sind arg verfallen, aber andere wieder herausgeputzt. Der originale Palast der Lampedusa ist wie andere am 5. April 1943 bei einem Luftangriff auf Palermo in Schutt und Asche gelegt worden.

Ja, auch hier holt einen die deutsche Vergangenheit ein. In der Stadt verschanzte sich das Hauptquartier der deutschen Wehrmacht, weshalb die US-Luftwaffe ein Drittel des alten Stadtkerns zerstörte. Die Nazis wollten sogar noch den Sarkophag mit den Gebeinen Friedrichs II. nach Deutschland transportieren und den Kaiser „heim ins Reich“ holen, aber das gelang ihnen nicht mehr. Nach wie vor liegt er zusammen mit Roger II. und Heinrich VI. im Dom unter mosaikverzierten Baldachinen. Deutsche Verehrer haben ihm ein Blumengebinde mit der deutschen Fahne (wenigstens schwarz-rot-gold) hingestellt. Weniger Beachtung findet an der Seite seine erste Frau Konstanze. An der Wand ihres Grabes steht in Latein: „Siziliens König war ich, Konstantia, des Kaisers Gemahlin. Nun ich hier wohne, bin ich Friedrich, die deine.“ Im Leben war sie es wohl weniger. Er war dreimal verheiratet und hatte wie üblich unzählige Mätressen. Wirklich geliebt soll er aber ein Schwabenmädchen haben.

An Friedrich, schon zu Lebzeiten legendenumrankt, scheiden sich die Geister. Allzu oft war er weder in Palermo noch in Deutschland. Sein Sizilien war im Grunde Unteritalien. Das hinderte ihn nicht, seine Macht überall durch wuchtige Kastelle zu demonstrieren.

Kurioserweise stieß ich bei der Beschäftigung mit seiner Biografie auf einen Abt namens „Albert von Stade“, der in seiner Historie aus sächsisch-welfischer Sicht den Staufer-Kaiser ziemlich mies aussehen lässt. Bedeutsam ist Abt Albert vor allem durch seine im Jahr 1204 begonnene Weltchronik Annales Stadenses, die bis in das Jahr 1256 reicht. (Ich wundere mich nachträglich, dass unser ins Mittelalter verliebter Geschichtslehrer über diesen offenbar bedeutenden Historiker meiner Heimatstadt nichts erzählt hat.)

Bald habe ich vom Adelspöbel genug, der in der Geschichte Siziliens seinen Luxus immer wieder unglaublich obszön ausgelebt hat. Lieber wandere ich an den hübsch-häßlichen Märkten Capo oder Ballarò vorbei, kehre immer wieder in das alte Armenviertel La Kalsa zurück und schaue den Handwerkern zu. Nicht viel ist geblieben von der Zeit der arabischen Emire, die im 9. und 10. Jahrhundert Palermo mit 200000 Einwohnern zur islamischen Großstadt machten. Allerdings muss ich aufpassen, dass mich meine nostalgischen Anwandlungen nicht blind für die Moderne machen. Als der kleine Bäcker nebenan morgens um 9 Uhr immer noch kein frisches Brot gebacken hat, gehe ich zum nahen Supermarkt Lidl (!) und hole mir in diesem schwäbischen Unternehmen mit allerdings sizilianischem Schlendrian frische Lebensmittel.