Archiv für den Monat Dezember 2016

Trutz Rendtorff gestorben

Zu meinen Lehrern gehörte Professor Trutz Rendtorff nicht, eher zu den theologischen Gegnern. Aber bekanntlich lernt man von denen am meisten. Als ich in den Weihnachtstagen vom Tod Rendtorffs erfuhr, erinnerte ich mich an sein Büchlein von 1968 „Theologie der Revolution“, das er zusammen mit Heinz Eduard Tödt auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung in der von allen „Progressiven“ abonnierten Reihe „edition suhrkamp“ (Nr.258) veröffentlicht hatte.

Das Wort „Revolution“ hatte damals einen guten Klang als Wende vom Schlechten zum Guten, obwohl die zeitgleiche „Kulturrevolution“ Maos in China tobte. Ich wundere mich noch heute, wie blind angeblich kritische Studenten auf diese Barbarei schauten.

Ich hole also wieder einmal ein lange nicht gelesenes Buch aus dem Keller und studiere meine damaligen Unterstreichungen und Bemerkungen. Viele Theologiestudenten waren begeistert von einer heute vergessenen „Theologie der Revolution“, die Richard Shaull aufgrund seiner Erfahrungen in Südamerika entworfen hatte. Sie passte zu der widersinnigen Heroisierung Che Guevaras, dessen Bild wie eine Ikone verehrt wurde.

Tödt und Rendtorff widersprachen diesem Trend und erinnerten an die deutsche Erfahrung mit den Nazi-Christen, die ebenfalls von einer Revolution schwärmten und Adolf Hitler zum Erlöser erklärten:

„Überblickt man den Wert der Theologie der Revolution, soweit das bisher möglich ist, ihre Struktur und ihre theologische Argumentation, so zeigt sich eine merkwürdige Ambivalenz. Sie besteht in der Verbindung politischer und sozialer Progressivität mit Tendenzen einer letztlich unkritischen Bibeltheologie und Geschichtstheologie.“ S.67

Und Rendtorff stellte Fragen: „Ist Freiheit erst das Merkmal einer künftigen Welt oder Gesellschaft? Oder ist sie nicht das Maß unserer endlichen Welt, so daß sich auch die Theologie darnach bemessen muß, indem sie sich von der Ethik begrenzen lässt und nicht mehr verspricht, als Menschen zu halten vermögen?“ S.75

Sowieso fern von jeglicher Revolutionsschwärmerei mag dieses Büchlein beigetragen haben, dass ich mich eher für Reformen in Kirche und Gesellschaft eingesetzt habe. Dazu hat allerdings mein Studium beim Sozialethiker Professor Heinz Eduard Tödt in Heidelberg mehr beigetragen.

In der EKD-Synode und der Synode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschland (VELKD) setzte sich Trutz Rendtorff  für ein offenes Christentum und einen Protestantismus als „Institution der Freiheit“ ein. Die Theologie war für ihn ein „geistvoller Umgang mit dem Leben“.  Als „liberalen Kulturprotestanten“ bezeichnete ihn der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf (München) in einem Nachruf der „Neuen Zürcher Zeitung“:

„In seiner 1966 publizierten Habilitationsschrift «Kirche und Theologie. Die systematische Funktion des Kirchenbegriffs in der neueren Theologie» zeigte er am Beispiel des prominenten Aufklärungstheologen Johann Salomo Semler, wie neben einer öffentlichen bzw. kirchlichen Theologie eine «Privattheologie» entstand, in der jeder und jede fromme Einzelne eine individuelle Sicht aufs Christentum ausbildetet. Ein «Christentum ausserhalb der Kirche» sei theologisch ebenso legitim wie ein «unfanatischer Denkglaube», der es dem Individuum erlaube, sich um seiner Freiheit willen vom Ganzen der Gesellschaft zu unterscheiden…

Kirchenpolitisch wollte Rendtorff, ein liberal-konservativer Wechselwähler ohne feste Parteibindung, hoch engagiert die Demokratieferne des lutherischen Protestantismus überwinden und der Evangelischen Kirche in Deutschland helfen, ein demokratiekompatibles Selbstverständnis als zivilgesellschaftliche Organisation im Staat des Grundgesetzes zu entwickeln.“

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Reformation und Bildung

Im altehrwürdigen Evangelischen Stift in Tübingen findet eine hochkarätige Podiumsdiskussion zum Thema „Reformation und Bildung“ statt. Tradition ist ja schön und gut, aber der bestuhlte Speisesaal mit seiner schlechten Akustik ist für Zuhörer eine Zumutung. Das hindert die verschiedenen Gruß-Redner allerdings nicht. Der stets wortflotte Oberbürgermeister Boris Palmer kann sogar in den berühmt-ironischen Vers von Eduard Paulus den Philosophen Fichte eingemeinden, der Württemberg nie betreten hat. Die Fassung im Original lautet: „Der Schiller und der Hegel, der Schelling und der Hauff,/ die sind bei uns die Regel, die fall’n hier gar nicht auf.“ Der gern zitierte Vers verschleiert, dass seit hundert Jahren kein Stiftler mehr eine überregionale Rolle in der deutschen Geisteswelt gespielt hat. Die meist braven Studenten und netten Studentinnen glänzen heute sowieso überwiegend durch Abwesenheit.

Das Podium besetzen der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der Landesbischof Frank O. July, der Religionspädagoge Prof. Friedrich Schweitzer und die Schulleiterin Cornelia Theune, die m.E. die besten, weil praxisnahen Beiträge liefert.

Nachdem alle die historische Leistung der Reformation für die Bildung in Deutschland gewürdigt haben, geht es vor allem um den Religionsunterricht, der – so Kretschmann – wie kein anderes Fach vom Grundgesetz geschützt ist. Deswegen ist eine Veränderung des konfessionellen Charakters nur mit einer Zweidrittel Mehrheit im Bundestag möglich. Er sieht aber auch, dass nicht nur in seiner grünen Partei die Säkularisten zunehmen und die gesellschaftliche Basis für dieses Modell schwindet. Professor Schweitzer reagiert auf die multireligiöse Zusammensetzung der Schülerschaft mit Konzepten eines „konfessionell-kooperativen Unterrichts“. Ansonsten verweist er wie der Bischof auf die Statistik, die in Württemberg eine große Teilnahme und Zustimmung zeigt. Beide Vertreter der Kirche bringen aber nicht nur Forderungen an die Politik, sondern können auch auf nichtschulische kirchliche Jugendarbeit mit enormen Teilnehmerzahlen verweisen. Sie weisen den Begriff „Einmischung“ zurück, den der Moderator vom SWR Hoger Gohla provozierend vorgebracht hat. Christen sind Staatsbürger wie andere auch und nehmen ihre Rechte wahr. Solche Partizipation wird vom Ministerpräsidenten ausdrücklich gewünscht.

Mir fehlt in der Diskussion die Rolle des Elternhauses. Alle stellen Forderungen an Politik, Schule  und Kirche. Was aber leisten eigentlich die Eltern? Traditionell wurde religiöse Bildung zunächst von der Familie geleistet. Ich habe beispielsweise die Zehn Gebote nicht in der Schule, sondern von meinem Großvater gelernt. Gegenwärtig kann man fast nur noch in pietistischen Familien sehen wie das funktioniert. Und in islamischen. Doch den Islam sieht der Ministerpräsident überraschend negativ.

Unklar ist, welche Rolle die „digitalen Revolution“ spielen wird, die Cornelia Theune betont. Sie hat selbst sowohl das Fach Informatik als auch das Fach Religion unterrichtet und fragt, wie man mit diesen neuen Herausforderungen umgehen kann. Wird das Buch künftig wirklich vom Smartphone abgelöst? Kommen Werte unter die Räder?

Einige Doktoranden haben vor der Debatte eine Kostprobe gegeben. In einer „digitalen Entdeckungstour“ zeigen sie Tübinger Reformationsgeschichten. Man kann sich die App(lication) herunterladen und dann einen virtuellen Spaziergang durch Tübingen machen. Ich gebe zu, das macht Spaß. Aber Bildung? Eher würde ich es Tourismuswerbung nennen.

Immerhin ist es drinnen wärmer als draußen ein echter Rundgang, den Mitarbeiter des „EKD-Trucks“ am nächsten Tag anbieten. Dieses mobile Informationszentrum zur Reformation macht derzeit Station in unserer Stadt und reist dann weiter durch halb Europa in 67 Städte. Ich gebe zu, dass ich meine gemütliche Leseecke zuhause vorziehe.

Innovative Reformation

 

 

Das „Studium Generale“der Tübinger Universität ist ein tolles Angebot. https://www.uni-tuebingen.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&g=0&t=1481924688&hash=b7810b9f74f60d1dfebdfb51eedc709cd7b95ed0&file=fileadmin/Uni_Tuebingen/Allgemein/Dokumente/Publikationen/Studium_Generale/StudiumGenerale_WS_16_17.pdf

„Lernen von den Religionen“ heißt eine Reihe. Heute geht es um  „Innovation durch Reformation“. Die erste Rednerin ist die katholische Theologieprofessorin Johanna Rahner. Sie hat auch ein Biologiestudium abgeschlossen und arbeitet auf dem Lehrstuhl von Hans Küng. Das ist ja mal eine Innovation, jedenfalls für die katholische Kirche. Früher bekamen solche Posten nur Priester. Allerdings bewegen sich ihre Ausführungen heute weithin im binnenkirchlichen Horizont. Anscheinend ist es schon viel „Innovation“, wenn endlich die Beschlüsse des 2.Vatikanischen Konzils umgesetzt werden. Sie kann aber auch anders:

„Seit dem Zweiten Vatikanum haben wir ein offenes Verständnis des Katholizismus. Wir sollen mit der Welt katholisch sein und nicht gegen die Welt. Hans Küng hat sich über die Grenzen der katholischen Kirche hinweggewagt und wurde deshalb auch außerhalb der Kirche als Gesprächspartner ernst genommen… Ich möchte die klassische Dogmatik nach außen hin öffnen; interkonfessionell und interreligiös, aber auch im Angesicht von Nicht-Glaubenden und Zweiflern…Die Attitüde „Wir haben die Wahrheit, die anderen suchen sie noch“ ist theologische Hybris…Wenn die Kirche die Welt scheut, wird sie esoterisch, also selbstbezüglich. Sie muss der Welt etwas geben, ohne sich darin aufzulösen. Dabei kann sie aber auch fehlgehen. Die Kirchenväter hatten nie ein Problem, zuzugeben, dass die Kirche eine casta meretrix , eine keusche Hure ist.“ Zum Frauenpriestertum zitiert sie einen berühmten Verwandten: „ Karl Rahner hat einmal formuliert, dass er kein theologisch stimmiges Argument für die Verweigerung der Frauenordination kenne. Jedes Argument werde durch das Prinzip der Gleichberechtigung aus der Genesis wieder entkräftet.“„Ein frommer Mensch kann nicht dumm sein! Zum Amen gehört das Aber. Wer den Glauben ohne Zweifel will, verkauft ihn unter Niveau. In manchen Kirchen Afrikas heißt es: Wenn Gott dich auserwählt hat, dann hast du in dieser Welt Erfolg. Das meinte Karl Marx mit Religion als Opium des Volkes. Mir sind halb leere Kirchen mit aufgeklärten Katholiken lieber als volle Kirchen, die die Not der Menschen ausnutzen.“

Uns Protestanten sieht sie ebenfalls kritisch: „Man scheint immer noch nicht sagen zu können, was protestantisch heute heißt, ohne sich am Katholizismus abzuarbeiten. Die Profilierungsnot reicht mit Blick auf 2017 soweit, dass Martin Luther gar zum Erfinder der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz stilisiert wird. Diese Art konfessionelle Profilneurose ist lächerlich…Das Erbe der Reformation ist ein gemeinsames Erbe. Und damit die Erkenntnis, dass stets neu um den Glauben gerungen und um seine Gestalt gestritten werden muss. Wir sollten lieber das Gemeinsame betonen: Die Option, Freiheit und Glaube zusammenzudenken. Und die personale Würde des Menschen als Dreh- und Angelpunkt des Christentums zusehen.“

Der zweite Redner dieses seltsamen Dialogs ist Professor Christoph Schwöbel, den ich wegen seines weiten Horizonts sehr schätze. Er setzt sich mit der „Postmoderne“ auseinander, die sich oft von der Vernunft verabschiedet. Gesellschaftliche Folgen der postmodernen Situation sind Pluralisierung, Individualisierung, Merkantilisierung und Ästhetisierung. Spirituelle Folge ist der Verlust der Gnade, d.h. die Erfahrung eines Angenommenseins und -werdens durch Gott, das vor und jenseits aller eigenen Leistung und Rechtfertigung liegt.

Der evangelische Theologe kann nicht nur Erfahrungen aus Rom beisteuern, sondern ist auch mit führenden Islam-Theologen in Iran im Gespräch. Leider kommen seine eigenen Innovationen an diesem Abend zu wenig zur Geltung, da auch in der Diskussion mit dem Publikum die historischen Fragen überwiegen. Statt die Reformation weiter zu entwickeln angesichts der globalen Probleme, die uns bedrängen. Er kritisiert mit Recht die nationale Engführung der Reformationsdebatte, die schon mit dem „zu frühen Datum des Thesenanschlags“ beginnt. Der Durchbruch war das Auftreten Luthers vor dem Reichstag in Worms als er seine Gewissensfreiheit  gegen die Macht von Kaiser und Papst behauptete. Und feiern könnte man seine Verbrennung des Kanonischen Rechts zusammen mit der „Bannandrohungbulle“. Das muss Frau Rahner einräumen. Theoretisch bestimme in der Katholischen Kirche die Theologie das Kirchenrecht. Faktisch bist es umgekehrt. Und damit wird der gegenwärtige Papst Franziskus ständig ausgebremst.

 

 

Kommunion

Kurzfristig übernehme ich am 3. Adventssonntag eine Krankheitsvertretung in einem ökumenischen Gottesdienst. In unserm Dorf werden die künftigen Kommunionkinder und Konfirmanden („Konfi 3“) gemeinsam vorgestellt und begrüßt. Verschiedene Frauen haben die Liturgie wunderbar vorbereitet. Die Kleinen bekommen ein Kreuz umgehängt, ihre Kerzen werden angezündet, einige tragen Gebete vor. Unser Dorf hat eine besondere ökumenische Tradition. Ich finde schön, dass die Kinder in diesem Alter zusammen unterrichtet werden.

Den neuen Priester kenne ich noch nicht. Dummerweise frage ich ihn, wie ich mich bei der Kommunion verhalten soll. Schon vor Jahren hat mich ein Domherr vor aller Augen zum Konzelebranten gemacht. Doch die Zeiten haben sich geändert. Meine Frage macht ihn verlegen, zumal noch ein indischer Mönch dabei ist. Jetzt gilt das katholische Kirchenrecht. So stelle ich mich hinter die Ministranten. Mir macht das nichts aus. Für mich ist sowieso die Predigt wichtiger.

Aber am gleichen Tag lese ich eine Meldung aus Rom die mich doch provoziert:

Kardinal Kasper hofft in absehbarer Zeit auf ein gemeinsames Abendmahl für gemischt konfessionelle Paare.“ Und die andern? Wann endlich?

Papst Franziskus hatte im November 2015 mit Blick auf ein gemeinsames Abendmahl von gemischt konfessionellen Paaren gesagt, er könne keine Erlaubnis dazu geben, weil ihm die Kompetenz (?!) hierfür fehle. Zugleich deutete er jedoch an, dass die Paare selbst vor ihrem Gewissen eine Entscheidung treffen müssten. Das Leben sei größer als Interpretationen und Erklärungen, so der Papst beim Besuch der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms. „Beziehen Sie sich immer auf die Taufe: ‚Ein Glaube, eine Taufe, ein Herr‘, so sagt uns Paulus – und daraus ziehen Sie die Konsequenzen. Sprecht mit dem Herrn und geht weiter. Mehr wage ich nicht zu sagen.“

Ich erinnere mich an eine peinliche Szene in einer katholischen Messe in China. Unsere konfessionell gemischte Gruppe stand brav in einer Reihe. Alle wurden gefragt, ob sie katholisch seien. Wer es verneinte, musste sich gleich wieder setzen. Ich habe die Frage guten Gewissens bejaht und meine Oblate bekommen. Aber „römisch“ werde ich nie.

Luther!

Luther steht bei mir in solcher Verehrung, dass es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel an ihm entdeckt zu haben, weil ich in der Tat der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern.“ So begeistert äußerte sich Lessing 1753. Bewusst setzt der Philosoph und Schriftsteller Joachim Köhler dieses Zitat über seine Luther-Biographie, die ich nun endlich durchgelesen habe.

»Christsein heißt, von Tag zu Tag mehr hineingerissen werden in Christus.« Dieses leidenschaftliche Bekenntnis des Reformators steht im Mittelpunkt des Buches, das Luthers dramatische Entwicklung in drei Stadien – Bedrängnis, Befreiung und Bewahrung – darstellt.

Köhler schreibt uns den großen Luther ins Herz, ohne den manchmal kleinlichen und irrenden zu beschönigen. Vor allem aber zeigt er: Luther ist nicht von gestern. Er hat vor 500 Jahren Fragen aufgeworfen und beantwortet, die wir uns heute wieder stellen: Wohin uns diese von sich selbst besessene Gesellschaft bringt, in der nur das Ich und seine Facebook-Likes zählen.

In einem Interview sagte der Autor:  Ich wollte über Luther, den Befreiten, schreiben. Der Glaube bedeutete für ihn Befreiung. Glaube ist nach der Vorstellung der meisten Menschen eine Zwangsjacke. Aber er zeigte, er erlöst aus der Zwangsjacke des Selbstbezugs des Menschen und er ist  Freiheit. Luther gab sich den Namen Martinus Eleutherius, das ist Griechisch und es heißt der Befreite. Martin ist jetzt der Befreite. Und als verkürzte Form dieses Eleutherius wählte er dann Luther. Das heißt: Luther ist Synonym für Befreiung und das wollte ich in meinem Buch anschaulich machen. Luther ist nicht eine besondere Art sozusagen eine neue Zwangsjacke einer menschenfeindlichen Religion, sondern im Gegenteil, er ist die Befreiung des Menschen zu dem, was er als Christenmensch bezeichnet. Er ist ein Philosoph der Freiheit.“ Und ein Theologe der Freude mit umwerfenden Humor á la Eulenspiegel. “Nur wer überall und immer lachen kann, ist ein wahrer Doktor der Theologie.“ (WA 239,15) Der scholastischen Selbstherrlichkeit setzt er „wissendes Nichtwissen“ entgegen. Als es für ihn um Tod und Leben ging, sei er wie „ein Narr mit fröhlichem Gesicht“ vor den Kaiser getreten.

Das sind Töne, die man unter progressiven Protestanten selten findet, sofern sie sich überhaupt von Kirchengeschichte und Reformation etwas erwarten. Wir finden einen frühen Kritiker einer menschenfeindlichen Globalisierung. Köhler betont immer wieder die gesellschaftspolitischen Zustände der Reformation:

„Mit Columbus trat Europa in die Epoche der Globalisierung ein. Der „Weltmarkt“, basierend auf Bankgewerbe, Industrieproduktion und Logistik, entstand. Wer gestern noch seinen Acker bebaut hatte, nahm heute einen Kredit auf, um Waren zu produzieren und zum Verkauf in ferne Länder zu exportieren. Dass man sich damit an anderen Völkern vergriff, war dem Reformator sehr wohl bewusst. Nie zuvor in der Geschichte, so würde er dereinst sagen, hätten so viel Irrtum, Sünde und Lügen geherrscht wie in dieser Epoche, wo die Kaufmannschaft um die Welt fährt und alle Welt verschlingt.“

Das Buch ist flott geschrieben, was den Neid der theologischen Zunft hervorruft. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann kann dem Autor höchstens literarisches Talent attestieren. Sachkenntnis über Luther gesteht er ihm nicht zu. Frei von Bezügen zu verlässlichen Textausgaben, meint er, stellt uns der Autor zwar einen zeitgemäßen Luther vor, der es auch schon mal krachen lässt, doch dieses „Reheroisierungsprogramm für Pluralisierungsmüde“ verfängt bei ihm nicht. Bei mir schon! Ich habe nämlich viel Neues gelernt. Niemand ist ja gehindert, nun die 80000 Seiten der Weimarer Ausgabe (WA) der Werke Luthers selbst zu lesen.

Joachim Köhler: „Luther! Biographie eines Befreiten“
Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2016. 408 Seiten, 22,90 Euro.

Bachtyar Ali

Als unsere Evangelische Akademie noch politisch risikofreudig war, veranstaltete sie etliche Tagungen mit und über Kurden. Die haben sogar in Bad Boll einen Gewaltverzicht für Deutschland erklärt. Immer gab es nach den Debatten abends ein anspruchsvolles Kulturprogramm. So habe ich viele kurdische Traditionen kennengelernt.

Daran musste ich denken, als ich an einer Dichterlesung im Berner „Haus der Religionen“ teilnehme. Vgl. https://www.haus-der-religionen.ch.

Der in Deutschland noch kaum bekannte kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali liest aus seinem Roman „Der letzte Granatapfel“. Genauer gesagt: Er lässt lesen. Obwohl er gut deutsch spricht, begnügt er sich mit Kommentaren und der folgenden  allgemeinen Diskussion.

„An Bord eines Bootes, das ihn zusammen mit anderen Flüchtlingen in den Westen bringen soll, erzählt Muzafari Subhdam seine Geschichte. Selbst ein hochrangiger Peschmerga, rettete er dem legendären kurdischen Revolutionsführer einst das Leben, als sie von Truppen des Regimes umstellt waren. Er aber geriet in 21-jährige Gefangenschaft, mitten in der Wüste. Wieder in Freiheit, begibt er sich auf eine Reise durch das, was aus seinem Land geworden ist. Eine Reise durch Geschichten, Geheimnisse und zu Personen, die ihm dabei helfen, seinen verschollenen Sohn zu finden. Eine Reise, die ihn schließlich auf den Weg führt, den Tausende schon vor ihm genommen haben: übers Mittelmeer in den Westen.“

Dieser Roman von scharfer Aktualität und berückender Poesie erzählt von verwunschenen Schlössern, von Bienenschwärmen und Honigsammlern, von Kindern auf Schlachtfeldern, von den weißen Schwestern, die mit ihren Liedern den Bazar verzaubern, von Freiheitskämpfern, die zu Fürsten werden, von Seelen in schwarzer Trauer – und von einem Jungen mit Namen Glasherz, der von einer Welt träumt, in der alles durchsichtig und rein ist.

Das „Haus der Religionen“ in Bern wird von Besuchergruppen schier überrollt. So haben sich die Stadtgärtner angesagt, die interreligiöse Anregungen für die Gestaltung ihrer Friedhöfe suchen.

Wichtiger sind aber sicherlich die Begegnungen der verschiedenen religiösen Gruppen untereinander. So erzählte man mir, dass hier erstmals ein Rabbiner mit einem Imam Freundschaft geschlossen habe. Zwei Vertreter traditionell feindlich eingestellter Religionen aus Sri Lanka (Tamilen bzw. Buddhisten) wollen nun dort ein ähnliches Haus der religiösen Versöhnung aufbauen.

Das Erfolgsrezept ist wohl darin zu sehen, dass kooperationswillige Gruppen nicht nur eine religiöse Heimat gefunden haben mit eigenen Kulträumen, sondern viele Veranstaltungen „querbeet“ verlocken. So gab es an diesem Abend erst einmal ein Essen, das Aleviten zubereitet haben.