Archiv für den Monat März 2017

Happy in Thailand

Carolin Genreith hat einen Dokumentarfilm „Happy“ über die Ehe ihres Vaters Dieter Genreith und Tutka Supaphon Pimsoda-Genreith aus Thailand gedreht. Denn sie fragt sich: Ist das Liebe oder ein Deal?

Der Film überrascht durch den Verzicht auf die üblichen Thailand-Klischees. Eltern können peinlich sein. Ganz besonders Väter, die sich in eine Thai-Frau verlieben, die so alt ist wie die eigene Tochter. Da denkt jeder gleich an „Sextourist“. So wird im ersten Teil ausführlich geschildert, wie die Tochter ihren Vater befragt und von seinem Entschluss abbringen will, als sie von seiner Liebschaft erfährt. Auf der einen Seite Carolin, die  sich  offenkundig schwer tut, sein Handeln zu verstehen. Die immer wieder wissen will, warum es nicht auch eine gleichaltrige Frau aus Deutschland hätte sein können. Die sich fragt, was eine Frau wie Tukta an einem so viel älteren Mann finden kann. Und auf der anderen Seite Dieter Genreith, der sehr schonungslos sein Alter und die eigene Einsamkeit reflektiert, für den eine Frau wie Tukta ein Geschenk des Himmels ist.

Die Wende tritt wohl ein, als sie ihn auf thai telefonieren hört. Jedenfalls imponiert auch mir, wie sehr er diese schwierige Sprache gelernt hat. Das habe ich in Pattaya nur bei wenigen Deutschen erlebt, selbst wenn sie „ordentlich“ verheiratet sind. Die meisten Ausländer (farangs) begnügen sich sowieso mit einer „freien“ Beziehung oder heiraten ohne rechtliche Bedeutung in einem buddhistischen Kloster.

Da handelt keiner kopflos, sondern bereitet sich sehr ernsthaft auf diese Beziehung, ja aufv eine Ehe vor. Ich gebe ihr Chancen, denn er hat die Frau nicht aus einer Bar geholt oder aus einem Katalog ausgesucht, sondern im Dorf ihrer Eltern kennengelernt. Er weiß, dass er finanzielle Aufgaben übernehmen muss. Es wird erwartet, dass er die thailändische Großfamilie unterstützt. Das hat schon manchen ins Elend gestürzt. Offenbar hat er aber mit seiner Partnerin Glück. Ihre Wünsche sind nicht wie bei vielen anderen endlos.

Vater und Tochter besuchen sie in dem kleinen Dorf im Nordosten Thailands, zwei Stunden von der laotischen Grenze entfernt. Dort lebt sie mit  ihren Eltern, Geschwistern und dem kleinen Sohn Tui aus erster Ehe mit einem Thai. Wenn das Geld aus ist, isst die Familie nur noch Reis. Die schönen Häuser in dem Dorf stehen dort hingegen wegen der „Farangs“, der weißen Ausländer, die eine thailändische Frau geheiratet haben. Der Film endet mit der Hochzeit. Es bleibt offen, wie sich das Zusammenleben in Thailand oder doch in Deutschland gestaltet.

In Interviews hat Carolin Genreith erzählt, wie es weitergeht. http://www1.wdr.de/kultur/film/happy-genreith-110.html

Tatsächlich lebt Tukta mit ihrem Vater jetzt auf seinem Bauernhof in der Eifel. Carolin Genreith könnte eine Fortsetzung drehen. Wie funktioniert eine solche, ja gar nicht seltene Ehe in Deutschland? Der kauzige Vater würde wie in diesem Film schon für einen hohen Unterhaltungswert sorgen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Von Indien lernen?

Eine hiesige Kirchengemeinde organisiert unter dem sympathischen Titel „Nachtcafé“ Gespräche zu verschiedenen Themen. Kaffee gibt es zwar nicht, aber mit kalten Getränken kann man an Tischen gut ins Gespräch kommen. Das ist eine sinnvolle Ergänzung zu den vielen Vorträgen, die man in einer Universitätsstadt besuchen kann. Mich lockt der Beitrag „Indien verstehen – von Indien lernen?!“ von Georg Fehling. Er war Unternehmer mit Geschäftserfahrungen in Indien und ist jetzt Professor im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Dualen Hochschule in Stuttgart.

Seit meiner Arbeit in der „Gandhi-Peace-Foundation“ beobachte ich die Entwicklungen in Indien. Als Studienleiter der Evangelischen Akademie habe ich jährliche Tagungen mit Indern über indische Probleme veranstaltet.

Vgl. http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/doku/641010-Prakash_1.pdf

Die meisten meiner Gesprächspartner sind aus dem kirchlichen Bereich. Darum bin ich auf die Sichtweise eines Vertreters der Wirtschaft gespannt.

Ich freue mich über die sympathische „Gewürzmischung aus Bildern, Fakten und Berichten aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen und Lebenswirklichkeiten“. Insbesondere bei den Bildern aus den Dörfern kann ich das Gefühl von „deja vu“ nicht vermeiden. Allerdings haben sich die Großstädte erheblich verändert.

Vereinfacht kann man sagen, dass lange der kolonialistische Blick auf Indien durch einen entwicklungspolitischen abgelöst wurde. Maßstab von Entwicklung blieb der „Westen“. Heute fallen manche ins andere Extrem und romantisieren den Kontinent.

Man kann das am Problem der Menschenrechte studieren. Soll man beispielsweise die strukturelle Gewalt des Kastenwesens kritisieren? Ich denke: Wenn man die Perspektive der Opfer einnimmt, dann muss man es. Ich unterstütze jedenfalls die Bemühungen unserer evangelischen Partnerkirche, die sich einem neuen Hindu-Faschismus ausgesetzt sieht.

Die Kirche von Südindien (CSI) ist heute mit fast vier Millionen Mitgliedern in 22 Kirchendiözesen und 15.000 Gemeinden die größte evangelische Kirche Indiens. Damit ist sie auch eine der größten protestantischen Kirchen Asiens. Die CSI unterhält Kindergärten, Schulen, Colleges sowie Krankenhäuser. Ein Schwerpunkt der Arbeit der CSI ist die Überwindung der Kastenschranken und die Förderung von Frauen und Mädchen. Die Kirche möchte in der indischen Völker– und Religionsvielfalt eine vermittelnde Rolle spielen.

Indien ist ein säkularer Staat, der Religionsfreiheit garantiert. Heute sind rund 80 Prozent aller Inder Hindus, 13 Prozent Muslime, 2,4 Prozent Christen (überwiegend Katholiken). Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten Jahre bleiben die Gegensätze zwischen Arm und Reich in Indien bestehen. Teilweise verschärfen sie sich sogar noch. Dalits und Adivasi werden in der indischen Gesellschaft noch heute diskriminiert, auch wenn sie mittlerweile rechtlich gleichgestellt sind und zum Beispiel in der Schulbildung staatliche Unterstützung erfahren. Ausgenommen von der staatlichen Hilfe sind aber die zum Christentum konvertierten Dalits und Adivasi.

Besonders benachteiligt sind Frauen und Mädchen. Mit dem Programm zur Stärkung der Frauen will die CSI deren Situation langfristig verbessern. Ziel ist es, sie in ihrer Persönlichkeit und ihrer kulturellen Identität zu stärken und ihnen beizubringen, wie sie staatliche Förderungen bekommen können. Parallel dazu erhalten sie eine Ausbildung in unterschiedlichen Berufen um finanziell unabhängig zu werden.

Vgl.  https://ems-online.org/laender/asien/indien/

Von nationalistischen Indern  möchte ich nichts lernen, von den indischen Christen schon.

 

Ökumene dreifaltig

An diesem Wochenende beschäftigt mich die evangelisch-katholische Ökumene gleich dreimal.

Am Freitag lese ich aufmerksam das große ZEIT-Interview mit dem Papst, das der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit erkennbarem Stolz geführt hat. Er outet sich nebenbei als katholischer Gottesdienstbesucher, zumindest an Heiligabend. Ich finde das Gespräch erstaunlich nett und harmlos, wirklich kritische Fragen gibt es kaum. Der Papst ist nun mal nicht nur ein „ganz normaler Mensch“, sondern Oberhaupt eines monarchischen Systems. Man kann sich ja freuen, dass diese Funktion ein sympathischer, leutseliger Bischof ausfüllt, aber das kann nach der nächsten Wahl wieder ganz anders aussehen. Die protestantische Kritik richtet sich gegen das autoritäre System, das nach wie vor bis in die letzte Dorfpfarrei hineinregieren kann. Der Vatikan ist noch immer eine völlig undurchsichtige Behörde, der offenbar nicht einmal Franziskus völlig trauen kann. So verschiebt man jede wichtige Entscheidung zum Zölibat oder zum Priestertum der Frau auf eine ferne Zukunft. Die Redaktion bebildert das Interview mit großformatigen Fotos des Papstes. Leider nur ganz klein druckt sie ein Foto des Kapitells der Kirche in Vézelay „Der erhängte Judas wird vom guten Hirten Christus getragen.“ Das hätte aus evangelischer Sicht mehr Größe verdient.

Am Samstag feierte man einen evangelisch katholischen  „Versöhnungsgottesdienst“, der in der ARD übertragen wurde. Warum Samstagnachmittag? Weil nach katholischem Kirchenrecht der Katholik seine Sonntagspflicht mit Teilnahme an der Kommunion erfüllen muss. Und da bleiben offiziell die „Andersgläubigen“ ausgeschlossen. Natürlich spielt das in der praktischen Ökumene auf Ortsebene längst keine Rolle mehr, aber in Gegenwart der gesamten Staatselite wollte man wohl kein falsches Bild senden. Im Zentrum des G6ttesdienstes standen dabei ein gemeinsames Schuldbekenntnis, eine Vergebungsbitte sowie eine Selbstverpflichtung. Darin heißt es, man wolle „Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen gehen“. Konkreter geht es wohl nicht. Es gelte, die Gemeinsamkeiten des Glaubens hervorzuheben, die Übereinstimmung in der Rechtfertigungslehre zu vertiefen, gemeinsam Zeugnis von Gott abzulegen und eine Kultur der Zusammenarbeit auf allen kirchlichen Ebenen zu fördern. Zugleich wolle man alles unterlassen, was Anlass zu neuen Zerwürfnissen geben könnte. Wenn Christen die Kraft der Liebe Gottes ausstrahlten, könnten sie die Gesellschaft erneuern. Das Reformationsgedenken solle ein neuer Anfang sein: „Christus führt uns zusammen.“

Gut, wer die alten Streitigkeiten noch erinnert, mag wie Bundespräsident Gauck von einem „Wunder“ sprechen. Ich habe mehr erwartet als folgenlose Worte und symbolische Handlungen.

Am Sonntag wurde in einem örtlichen Gottesdienst  an die Auswirklungen der Reformation in Lateinamerika erinnert. Die Pfarrerin  Yasna Crüsemann zeigte in ihrer Lehrpredigt zunächst einmal die fatalen Auswirkungen der spanischen Eroberung (mit ihrer katholischen Missionsbegleitung). Heute sind es multinationale Konzerne, die den Kontinent ausbeuten. Und wir profitieren insgeheim davon. Doch gerade in der katholischen Kirche der Gegenwart wurde eine „Theologie der Befreiung“ entworfen, die auch viele Protestanten inspiriert hat. Viele evangelische Gemeinden, die ja eine kleine Minderheit sind, arbeiten vorbildlich im Sozial- und Schulwesen. Allerdings werden sie bedrängt von „Pfingstkirchlern“, die ein fatales „Erfolgsevangelium“ verkünden. Da wäre die Stimme Martin Luthers einmal mehr nötig, der ja mit seinen 95 Thesen gegen den Irrglauben kämpfte, man könne Gott und das Heil mit Geld kaufen. Ein Tübinger Theologieprofessor fand in dieser Predigt zu wenig biblische Verkündigung. Dabei hätte doch schon die Schriftlesung genügt, in der es beim Propheten Jesaja heißt: „Gott hoffte auf Rechtsspruch, doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit, doch siehe: Schlechtigkeit.“ (Jes. 5, 7) Das ist eine sehr präzise Beschreibung der gegenwärtigen globalen Situation.

Sicher hätte man gut darüber sprechen können (und müssen!) Aber eine Diskussion war leider wie meistens nach deutschen evangelischen Gottesdiensten nicht vorgesehen.

 

Autoirrsinn

Zurück von einer leider notwendigen längeren Autofahrt mit den üblichen Staus schaue ich mir abends im ZDF „die Anstalt“ an, die den „Autoirrsinn“ zum Thema hat. Wer denkt, die angeführten Beispiele sind komödiantische Übertreibungen, kann sich im mehrseitigen „Faktencheck“ kundig machen. Es stimmt leider alles. Die Kungelei von Autoindustrie und Politik ist ungeheuer. Sie suggeriert noch immer „Freie Fahrt für freie Bürger.“ So kommen jetzt chinesische Touristen, um in unserm Land ohne allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzungen über die Autobahn zu rasen.

https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-7-maerz-2017-100.html.

Die Frage nach einer menschen- und umweltfreundlichen Mobilität beschäftigt mich in unterschiedlicher Intensität seit den siebziger Jahren. Seitdem habe ich erleben müssen, dass mit dem kritischen Blick auf das Auto nicht zu spaßen ist. Als ich als Vikar in einer Bezirkssynode für eine freiwillige Geschwindigkeitsbeschränkung der Christen plädierte, fuhren mir einige besonders Fromme hinterher, um mein eigenes Fahrverhalten zu überprüfen. Es ging damals um die „Grenzen des Wachstums“, von denen man heute nicht mehr redet, obwohl sie noch immer gelten.

Als ich als Gemeindepfarrer „carsharing“ einführte mit dem Vereinsnamen „Teilauto“,  wurden meine Kinder gefragt, mit welchem Teil ihr Vater denn fahre. Und ein Porschemanager empörte sich: „Ich teile ja auch nicht m eine Unterhose“.

In der Evangelischen Akademie haben wir auf hohem Niveau über Mobilitätskonzepte nachgedacht und schnell gemerkt, dass es keine Ideallösung gibt. Elektroautos jedenfalls haben  keine bessere Ökobilanz, wenn der Strom aus Kohle- oder gar Atomkraftwerken kommt.

So fällt mir nichts anderes ein, als so oft wie möglich öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und kurze Strecken Rad zu fahren. Wobei das Angebot oft schlecht ist und die Deutsche Bahn einem das Leben schwer machen kann.

Dennoch: „Autofasten ist eine Möglichkeit, in der Fastenzeit Schöpfungsverantwortung im Alltag bewusst zu leben. Als Christen sind wir in der Fastenzeit eingeladen, unsere Beziehung zu Gott und den Mitmenschen zu überdenken und zu vertiefen, eigene Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu verändern und in diesem Sinne neu in Bewegung zu kommen. Rund 1850 Menschen haben in der Fastenzeit 2016 an der Aktion Autofasten teilgenommen und statt des Autos andere Möglichkeiten der Mobilität ausprobiert.“ http://www.autofasten.de

 

Sein wie Gott

Die  Urgeschichte (nach Genesis 3) hat sich immer wiederholt, wenn Menschen wie Gott sein wollten. Sei es, dass ihre Ideologien oder auch Religionen das  Paradies mit Gewalt herstellen wollten und eher eine Hölle geschaffen haben; sei es, dass sie durch Technik und Wissenschaft keine Grenzen mehr anerkennen.

Kein geringerer als Goethe hat diesen Drang in seiner Ambivalenz beschrieben: Mephistopheles in „Faust I“ nennt im Prolog die Schlange, die Adam und Eva versuchte: „meine Muhme (Tante, weibliche Verwandte), die berühmte Schlange“, und sagt einem Studenten, dem er das Bibelzitat „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“  ins Stammbuch geschrieben hat, nach: „Folg’ nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange, / Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!“.

Ich habe eigentlich selten Angst, aber bange wird mir bei einer Erfindung der Menschheit, die man noch vor wenigen Jahrzehnten als bedeutenden Fortschritt bejubelt hat. Das liegt vielleicht daran, dass etwa 10 km von meinem Elternhaus in Stade ein Atomkraftwerk gebaut wurde. Es wird derzeit mit enormen Verlusten wieder abgewrackt.

Das Atomkraftwerk Stade wurde von 1972 bis 2003 an der Elbe betrieben. Es war das erste nach dem Atomausstieg stillgelegte Kraftwerk Deutschlands und befindet sich zurzeit im Rückbau. Das Kraftwerk wurde von der Firma Siemens errichtet, der Bau kostete umgerechnet 150 Mio. Euro. Der Rückbau des Kraftwerks gliederte sich in 5 Phasen, die bis 2015 hätten abgeschlossen sein sollen; der Betreiber veranschlagte im März 2011 hierfür 500 Millionen Euro. Am 27. April 2005 wurden die letzten Brennelemente aus dem Kernkraftwerk abtransportiert. Das Niedersächsische Umweltministerium hat ein Lager mit einer Kapazität von 4.000 Kubikmetern für schwach- und mittelradioaktive Abfälle[ auf dem Kraftwerksgelände bis maximal 2046 genehmigt. Der Rückbau sollte Ende 2014 abgeschlossen sein, doch im selben Jahr waren neue Probleme aufgetaucht: Im Sockelbereich des Reaktorgebäudes wurde radioaktiv kontaminierte Kondensnässe nachgewiesen, die vermutlich aus Leckagen im Primärwasserkreislauf während des Betriebs stammten. Im Bodenbereich waren Werte von bis zu 164 Bq/g gemessen worden. Das Umweltministerium in Hannover kündigte an, dass der Abbau womöglich drei oder vier Jahre länger dauern werde. Im Dezember 2016 schätzt der Betreiber PreussenElektra, dass für den Rückbau rund eine Milliarde Euro aufgewendet werden müsse. Der Rückbau solle bis 2023 dauern.. (nach wikipedia)

In den siebziger Jahren nahm ich an einer Diskussion in der Studentengemeinde teil. Ein rhetorisch begabter Atomphysiker, der den sogenannten „Schnellen Brüter“ betreiben wollte, schwärmte  von dieser angeblich unendlichen Energiequelle. Unsere Einwände wegen des Risikos dieser gefährlichen Technologie leugnete er nicht. Das „hypothetische Restrisiko“ der Atomanlage müsse im höheren Interesse des Fortschritts in Kauf genommen werden. Und dann verstieg sich dieser angeblich nüchterne Wissenschaftler zu der Aussage: Die gewaltigen Anlagen der „schnellen Brüter“  seien für ihn vergleichbar mit den großen Kathedralen der Vergangenheit: weithin sichtbare und bewunderungswürdige Symbole eines modernen Glaubens.(!) Ich fragte mich damals, wer eigentlich der Wissenschaftler und wer der Theologe ist.

Übrigens wurde das Atomkraftwerk Kalkar nie ans Netz gebracht. Bis zu 40000 Demonstranten haben diesen Wahn beendet. Es ist heute ein Vergnügungspark. Und die Milliardenkosten zahlen wir Steuerzahler.

Noch schlimmer finde ich die neuen Pläne, völlig sinnlos die Atombombenproduktion wieder anzukurbeln. Leider gibt es sowieso schon viel zu viele davon. Trotz Nobelpreis ist Präsident Obama nur eine geringe Reduzierung gelungen. Jetzt will Präsident Trump wieder atomar aufrüsten . Wissen Sie, wie viele Atombomben derzeit bereit liegen? 100? 200? Es sind ca. 15385, wobei sich Russland und die USA etwa je 7000 „teilen“. (Das „böse“ Nordkorea hat „nur“ 10.)

Wann, wenn nicht in der Passionszeit gilt die Verantwortung,  sich ernsthafte Gedanken zu machen? Wo ist unsere Versuchung, Gott gleich zu sein?

(aus meiner heutigen Predigt über 1. Mose Kapitel 3 )

Wahlkrampf

Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, zu Beginn der Fastenzeit politische Büttenreden zu halten? Der Karneval ist doch vorbei.

Seit Aschermittwoch ist nun kein Halten mehr: Der Wahlkampf zur Bundestagswahl hat begonnen. Ausgerechnet an meinem 70. Geburtstag wird sie stattfinden. Ob ich da eine Wahlparty veranstalten soll? Oder eine Kreuzfahrt buchen?

Ich gebe zu, dass ich mich nicht mehr so erregt an Wahlkämpfen beteilige wie in meiner Jugend, als es immer mindestens um den Untergang Deutschland ging. Als Schüler bekam ich wegen frecher Zwischenrufe bei Kundgebungen paritätisch je eine Ohrfeige von CDU- bzw. SPD-Anhängern. Im Studium war ich sogar Mitglied einer politischen Partei, habe diese aber mit dem Eintritt in den Kirchendienst verlassen. Parteipolitik auf der Kanzel oder mit der Autorität des Talars mag ich nicht.

Am besten konnte ich mein politisches Engagement als Studienleiter der Evangelischen Akademie ausüben. In vielen meiner Tagungen waren Politiker verschiedener Parteien als Referenten eingeladen. In den sehr qualifizierten Debatten (ohne Kameras) konnten sie frei ihre Position darlegen und manchmal im inoffiziellen Teil an der Bar ihre Zweifel und Schwierigkeiten benennen. In jenen Jahren habe ich großen Respekt vor Politikern bekommen, weshalb ich den üblichen Verdruss oder gar Häme gegen sie ablehne. Solche Auseinandersetzungen, in denen die Argumente zählen, vermisse ich heute sehr.

Natürlich ist ein Wahlkampf keine Erwachsenenbildung. Es geht um Positionen, die man einnehmen und Macht, die man gewinnen will. Spüren Politiker, dass ihnen demagogische Parolen mehr Stimmen bringen als nüchterne Aufklärung, kann man ihnen nicht verübeln, wenn sie dieser Versuchung erliegen.

So werden wir wohl damit rechnen müssen, dass die Medien uns ein „Kopf-anKopf-Rennen“ aufschwatzen wollen, obwohl wir nicht den/die Kanzler/in wählen, sondern Abgeordnete für ein Parlament. Medien lieben nun einmal die Sensation. Da bleiben die Sachthemen gern auf den hinteren Seiten. Durch den Einfluss des Fernsehens ist ohnehin die Rhetorik vorherrschend: eine Spielwiese für alle Blender. Hinzukommen die ständigen Umfragen „Wenn am Sonntag Wahl wäre…“. Eine ziemlich überflüssige Übung, die nur alle nervös macht. Mich hat außerdem noch nie jemand gefragt.

Müssen wir also sechs Monate Wahlkrampf erdulden? Nun, Talkshows muss ich nicht mehr anschauen, denn für Unterhaltung habe ich keine Zeit. Die TV-Nachrichten in Deutschland, die vor allem Politiker-Zitate statt Fakten bringen, kann ich ausschalten.

Verzichten möchte ich auf twitter und andere asoziale Medien, die meine Zeit rauben wollen. Warum muss eigentlich jeder dumme Spruch noch in den „Qualitätsmedien“ wiedergekäut werden? Es interessiert mich auch nicht, wen irgendwelche Promis wählen.

„Die Menschen urteilen im Allgemeinen mehr nach dem, was sie mit den Augen

sehen, als nach dem, was sie mit den Händen greifen; … Die Menschen sind ja so

einfältig und gehorchen so leicht den Bedürfnissen des Augenblicks, dass der, der

betrügen will, immer einen findet, der sich betrügen lässt… Denn der Pöbel hält sich

immer an den Schein…“ (Machiavelli (1513).

Das ist keine Analyse zur Mediendemokratie in postfaktischen Zeiten, sondern eine

mehr als 500 Jahre alte Beschreibung zur Staatskunst in der Tradition

mittelalterlicher Fürstenspiegel. Das Zitat stammt aus Niccolò Machiavellis Schrift

„Der Fürst“.

Also: Mehr Leben statt Medien!

Vor allem andern kann ich mir die jahrelange Arbeit anschauen, die meine Abgeordneten bisher geleistet haben. Vielleicht höre ich mir auch den einen oder andern Vortrag an, vor allem wenn die Kandidaten die „Vordenker“ ihrer Partei einladen, die ein Problem wirklich erarbeitet haben und nicht nur ein „briefing“ nachbeten.

Wahrscheinlich gibt es von vertrauenswürdigen Organisationen, z.B. von der evangelischen Diakonie wieder Wahlprüfsteine, die mir die Wahl zwar nicht erleichtern, aber doch Erkenntnisse bringen. Den „Wahl-o-mat“ allerdings werde ich nicht mehr konsultieren. Er rät mir jedes Mal zu einer Splitterpartei.