Archiv für den Monat März 2016

Nachösterliche Spätlese

Der Chefredakteur unserer Lokalzeitung schreibt in seinem österlichen Leitartikel gegen “Kulturarme Religionsbanausen” Terry Eagleton zitierend: „Glaubenslosigkeit gehört zur Routine des fortgeschrittenen Kapitalismus“. Seinen eigenen Redakteuren fällt zum Osterfest aber nur die übliche Eier- und Hasen-Geschichte ein. Die interviewten Kinder wissen aber immerhin: „Jesus tut ja nur Gutes und Gott will eben, dass er den Menschen weiter hilft.“ Früher wurde in der Universitätsstadt wenigstens einer der zahlreichen Theologieprofessoren um einen Artikel gebeten. Diesmal muss das knappe „Wort zum Sonntag“ eines Pfarrers genügen.

Schaue ich nach Ostern in die Meldungen, was vielleicht so in den Kirchen gepredigt wurde, ist wieder Fehlanzeige. Journalisten gehen nicht gern in Gottesdienste.  Sie begnügen sich mit Agenturmeldungen und Bischofszitaten, die eher politische Statements zulasten der theologischen Aussagen  enthalten. Dabei sind die Predigten, die ich gehört habe, allemal substantieller als die Bürgermeister- Vereinsvorstände- oder Unternehmerreden, die unsere Zeitung sonst so würdigt. Ausgenommen ist die klassische Kirchenmusik, wo durchaus erwähnt wird, dass etwa am Karfreitag eine Passionsmusik (bis auf die Orgelbank!) überfüllt war. Doch da begnügen sich die Pfarrer auf liturgische Formeln. Eine „Drei-Minuten-Predigt“ wäre m.E. nicht zu viel, damit das Publikum merkt, dass sich seit Pergolesi theologisch einiges getan hat. Doch es gibt eine erfreuliche Ausnahme: Im Familiengottesdienst der reformfreudigen Jakobuskirche gab es zu Ostern eine kleine Tanzperformance. („Wenn der Tod nicht das letzte Wort habe über das Leben, komme etwas in Bewegung.“)

Ich gebe zu, es ist leichter am Karfreitag zu klagen als am Ostertag zu jubeln. Mich hat eine bisher nicht bestätigte Meldung über die Kreuzigung eines Paters im Jemen besonders erschüttert, die seltsamerweise bei so viel Syrien-Griechenland-etc- Tragödien untergegangen ist.

Die Informationen über die  Kreuzigung des Priesters stammten aus dem Umfeld der Mutter-Teresa-Schwestern in der jemenitischen Hauptstadt Aden. Die mit den Schwestern in engem Kontakt stehende Gebetsgemeinschaft „Corpus Christi Dubai“ hat die Kreuzigung des Priesters auf ihrer arabischen Internetseite gemeldet. Die Gebetsgemeinschaft wiederum berief sich auf Informationen des katholischen Erzbischofs der indischen Stadt Bangalore. Bewaffnete Jihadisten hatten Pater Thomas Uzhunnalil (56) Anfang März im Zuge eines Blutbades, das sie in einem von Mutter-Teresa-Schwestern betriebenen Seniorenheim in Aden anrichteten, als Geisel genommen. Der aus Indien stammende Salesianer Don Boscos soll in der Kapelle gebetet haben, als die Islamisten das Gebäude stürmten. Bei dem blutigen Anschlag auf das Heim waren am 4. März 16 Menschen gezielt getötet worden, allesamt christliche Nonnen und christliches Pflegepersonal, das einheimische Jemeniten dort betreute. Die Bluttat habe in ganz Aden „Entsetzen und Trauer“ ausgelöst. Die Mutter-Teresa-Schwestern und ihre Arbeit seien in Aden hochgeschätzt worden.

Eine erfreuliche Äußerung, wenn auch in einer von mir nicht geschätzten Zeitung, stammt von der Bischöfin a.D. Margot Käßmann. Sie plädiert dafür, auf Terrorakte wie in Brüssel nicht mit Gewalt und Hass zu reagieren. Der Staat müsse seine Bürger schützen – dürfe das aber nicht auf Kosten der offenen Gesellschaft tun.  „Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen!“, sagte Käßmann der „Bild am Sonntag“. „Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation. Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen.“ Zwar sei es der menschliche Instinkt, Rache zu üben, „aber auf den Hass nicht mit Hass zu antworten, das ist die Herausforderung. Die größten Persönlichkeiten in der Geschichte sind nicht Stalin, Hitler oder Pol Pot, sondern Martin Luther King, Mahatma Ghandi oder Aung San Suu Kyi, die nicht mit Gewalt reagierten. Als Christin bin ich fest davon überzeugt, dass, wer den Kreislauf der Gewalt durchbricht, am Ende der Mächtigere ist. Jesus wurde unvergesslich, weil er am Kreuz starb und nicht zum Schwert griff.“ Zugleich warnte Käßmann davor, die Werte der offenen Gesellschaft im Kampf gegen den Terror aufzugeben. „Ja, der Staat muss seine Bürger schützen…Aber was wir in Europa an Freiheit erreicht haben, das sollte der Staat nicht durch Terroristen einschränken lassen.“  Sie plädierte dafür, sich vom Terror nicht einschüchtern zu lassen. „Wir sollten jetzt erst recht auf die Straße gehen, tanzen, in den Cafés sitzen und Fußballspiele nicht absagen… „Damit zeigen wir den Terroristen: Wir lassen uns von euch nicht Angst machen! Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen.“

Wie bei jeder profilierten Äußerung folgt eine aufgeregte Debatte. Einer besonders üblen Stellungnahme von Thomas Rietzschel habe ich öffentlich widersprochen. Denn dem ehemaligen „Kulturkorrespondenten“ der FAZ  geht es nicht um Argumente, sondern um die Zerstörung einer Persönlichkeit. Hat er – geboren 1951 bei Dresden – das  in der DDR gelernt? „Vom Kanzel-Luder der Nation…SM macht sie an… die verrentete Bischöfin …tolle Margot nun mit der Offenbarung ihrer sadomasochistischen Visionen … protestantische Domina“. Ich schrieb dem Autor: „Ein selten dämlicher und gehässiger Kommentar, der bewusst missverstehen will.“ Ich hätte hinzufügen sollen, dass sein frauenfeindlicher Hintergrund nicht zu übersehen ist.

Vielleicht hätte Margot Käßmann in ihrem Beitrag erwähnen können, dass „Entfeindung“ nach der Bergpredigt Jesu ein durchaus rationales zukunftsstiftendes Projekt ist, nachdem bereits viele Friedensstifter arbeiten.

 

 

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Brüssel, Istanbul, Paris etc.

Ich bin froh, dass ich zu den Attentaten nicht öffentlich reden muss. Die meisten Äußerungen und den üblichen Medienrummel („Brennpunkt“) finde ich abstoßend. Sympathisch bescheiden der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: „Ich bin bestürzt über die brutale Gewalt gegen unschuldige Menschen. In diesen Stunden bete ich für die Opfer und ihre Angehörigen. Unzählige Menschen sind heute im Gebet für die Opfer vereint. Solche feigen Anschläge sind durch keine Religion zu rechtfertigen: Terror ist Gotteslästerung.“

Peinlich ist der Vorsitzende des sogenannten „Zentralrats der Muslime“ Aiman Mazyek, der seine Stellungnahme zu Paris wieder auflegt und sich zum Gerichtspropheten aufschwingt: „Euch wird der Zorn Gottes und der gesamten Menschheit treffen.“ Wenigstens wiederholt er nicht sein Mantra „Mit Islam hat das nichts zu tun.“ Denn es sieht ja jeder, dass Menschen in weit schlimmeren und lang andauernden Bedingungen wie etwa Sinti und Roma eben keine Bomben auf Unschuldige werfen. Es reicht, dass die Täter vor ein ordentliches Gericht kommen.

Übel auch die Zeitung mit den großen Buchstaben: „Wir sind im Krieg.“ Politiker bemühen sich derweil noch um verbale Abrüstung.

Fragen: Lässt der Terror Europa enger zusammenrücken? Werden Initiativen der EU-Innenminister zu einem intensiveren Austausch von Fluggastdaten jetzt schneller umgesetzt? Oder werden auch diejenigen jetzt wieder lauter vernehmbar, die Sicherheit vor allem durch nationale Maßnahmen fordern? Schlagen die EUkritischen und nationalistischen Parteien Kapital aus den Anschlägen von Brüssel?

Ich erinnere an ein Wort, das mich am meisten beeindruckt. In der Terrornacht vom 13. November kam seine Frau um. Er schrieb einen Offenen Brief an die Mörder: „Ihr werdet meinen Hass nicht bekommen… Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. … Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein. …Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen.“

Ich will den Verbrechern auch keine Zeit mehr opfern und schalte nur kurz zu den Nachrichten ein.

 

Palmsonntag ohne Palmen

Vom Palmsonntag merken wir in diesem Gottesdienst in Pfrondorf nicht viel, in dem es um „Gott und Gehirn“ gehen soll. Die evangelische Kirche strahlt vor Nüchternheit. In vielen Gemeinden, nicht nur katholischen, wird „der Einzug nach Jerusalem“ am Palmsonntag regelrecht aufgeführt, etwa in Rottenburg mit einer großen Prozession. Da zeigt sich dann der ganze klerikale Hofstaat vom Bischof, über die Domherren bis zum Ministranten. Doch der Bischof kommt natürlich nicht auf einem Drahtesel, er bevorzugt wie die Herren dieser Welt die große Karosse mit dem berühmten Stern…Nemand streut in Pfrondorf Palmen aus. Aber wir singen – leider nur die üblichen drei schwäbischen „Sparstrophen“ – das Lied „Dein König kommt in niedern Hüllen“ EG 14. Es gilt als Adventslied. Ich erinnere mich, dass ich über das ganze Lied meine letzte Predigt in der Evangelischen Akademie Bad Boll gehalten habe. Ich sagte u.a.: „Es ist das einzige Gedicht von Friedrich Rückert, das sich in unserem Gesangbuch findet, ein Dichter,  der weithin vergessen ist, obwohl ihn die Zeitgenossen mit Goethe und Schiller auf eine Stufe stellten. Geboren wurde er 1788 in Schweinfurt. Er war zunächst Jurist, dann Altphilologe, verstand sich aber vor allem als Dichter. Seine Arbeit als Privatdozent vernachlässigte er und lebte von seinen Dichtungen. Das reichte allerdings nicht, als er heiraten wollte und später eine Familie zu ernähren hatte. Selbst Gesuche an Verwaltungen gab er mitunter als Sonette ein und ärgerte sich als eine Übersetzung aus dem Arabischen als Bewerbung für die Universität gedacht von einem Hofbeamten für indische Literatur gehalten wurde. Seine Sprachbegabung war legendär, er beherrschte über vierzig Sprachen, darunter aserisch, aethiopisch, arabisch, und altkirchensklavisch etc.

Er hat bis heute die poetischste Übersetzung des Koran geliefert und eine lyrische Geschichte des Islam verfasst. In seiner Weite ist er uns noch heute voraus, wenn er über Mohammed dichtet: „Wenn wir erwägen Zeit und Ort, wo jeder steht,/ So darf uns gelten auch Mohammed als Prophet.“ Über den Nahen Osten, den er nie besuchen konnte, richtete sich sein Blick nach China und Indien. Er beherrschte Sanskrit, übersetzte die Veden und hat sich mit den fernöstlichen Religionen befasst. In der „Weisheit des Brahmanen“ besingt er den Frieden der Religionen. Einer, der so offen auf andere Religionen zugeht, war (und ist) suspekt. Da er auch Altes Testament zu lehren hatte, blockierten die Theologen seine Berufung an die Universität Erlangen mit allerlei fadenscheinigen Argumenten jahrelang. Dabei hat er ein Buch über die hebräischen Propheten herausgegeben und auch über „das Leben Jesu“ geschrieben. Irgendwann wurde es dem bayrischen König Ludwig I., der ja auch Kirchenoberhaupt war, zu dumm, und er bestellte den Kreisschulrat Georg Wilhelm Nehr, der einigermaßen Hebräisch verstand. Da beeilten sich dann die blamierten Theologieprofessoren und stimmten Rückerts Berufung zu. Er war bald der Star der Universität. Das Genie in der Forschung hatte aber weniger Lust zur Lehre. Es war ihm gerade recht, wenn nur vier bis fünf Studenten kamen. Dann konnte er seine Seminare im Wohnzimmer abhalten. So machte er es auch, als er an die Humboldtuniversität nach Berlin berufen wurde. Noch lieber lebte er auf dem Land bei Coburg in Neuses, wo er 1866 starb.

Er war übrigens ein fleißiger Kirchgänger. Leider weiß ich nicht die näheren Umstände, die zu diesem Lied führten. Die Bibel kannte er so gut und das Neue Testament fast auswendig, dass er eine asiatische Sprache, für die es kein Lehrbuch und keine Grammatik wohl aber ein Neues Testament gab, so lernte, dass er den unbekannten Text mit dem griechischen NT verglich.

Als Weihnachten 1833 sechs seiner Kinder – insgesamt hatte er zehn -an Scharlach erkrankten und zwei jüngere Kinder starben, schrieb er ein halbes tausend „Kindertotenlieder“, von denen einige durch die Vertonungen Gustav Mahlers bekannt sind. Dies war ungefähr die Zeit, da auch unser Lied 1834 entstand…

In vielen Gemeinden, nicht nur katholischen, wird „der Einzug nach Jerusalem“ am Palmsonntag regelrecht aufgeführt, etwa in Rottenburg mit einer großen Prozession. Da zeigt sich dann der ganze klerikale Hofstaat vom Bischof, über die Domherren bis zum Ministranten. Doch der Bischof kommt natürlich nicht auf einem Drahtesel, er bevorzugt wie die Herren dieser Welt die große Karosse mit dem berühmten Stern…

Rückert betont die „Friedenspalmen“. Im Urtext sind es nur Zweige von den Bäumen.* Und von Maien ist die Rede. Aber das war Gustav Schwab wohl zu katholisch und sie revidierten den Text. Wer schon mal Zweige von Palmen abreißen wollte, weiß, dass dies schier unmöglich ist. Da muss man schon ein Buschmesser nehmen. Aber die „Friedenspalme“ wird zum Symbol, dass wir etwas einbringen müssen, damit Christus zu uns kommen kann. Wir brauchen die Gesinnung des Friedens, sonst kommt er nicht. Diesen Gedanken betont Friedrich Rückert immer wieder, auch in den nächsten Strophen. Da heißt es: „Die Herren der Erde wollen den Weg des Friedefürsten versperren.“ Die königlichen Kirchenbehörden legten die Sache in die Vergangenheit: „Es wollten dir der Erde Herren…“ Erst in der Demokratie kam die Urfassung zurück.

In jungen Jahren hatte Rückert „Geharnischte Sonette“ für den Widerstand gegen Napoleon geschrieben und gar den Guerillakrieg, den Landsturm besungen. Wie er das mit dem Friedefürsten zusammenbringt, weiß ich nicht, vermute aber als Begründung die problematische lutherische „Zwei-Reiche-Lehre“. Frieden nur im Biedermeier-Herzen, aber in der Politik die (angeblichen!) Machtzwänge

Ich jedenfalls bringe den Friedefürsten nicht zusammen mit Gewaltpolitik und halte es auch im öffentlichen Raum mit einer Macht, die ohne Schlachten auskommt. Friedensarbeit scheint mir die beste Vorbereitung auf das Fest zu sein. Ich erwarte keinen ewigen Frieden, der einfach vom Himmel fällt, aber einen Frieden, der vom Himmel ausgeht und unter uns Gestalt annehmen kann. Kriege brechen nicht aus wie Vulkane. Sie werden von Menschen vorbereitet und durchgeführt, also können sie auch von Menschen verhindert werden. Die Vision des Jesaja in Strophe 2 beflügelt uns, auch nach der Dekade „Gewalt überwinden“ in unseren Bemühungen nicht nachzulassen.

  1. 2. O mächt’ger Herrscher ohne Heere,
    gewalt’ger Kämpfer ohne Speere,
    o Friedefürst von großer Macht!
    Es wollen dir der Erde Herren
    den Weg zu deinem Throne sperren,
    doch du gewinnst ihn ohne Schlacht.

    3. Dein Reich ist nicht von dieser Erden,
    doch aller Erde Reiche werden
    dem, das du gründest, untertan.
    Bewaffnet mit des Glaubens Worten
    zieht deine Schar nach allen Orten
    der Welt hinaus und macht dir Bahn.

    4. Und wo du kommst herangezogen,
    da ebnen sich des Meeres Wogen,
    es schweigt der Sturm, von dir bedroht.
    Du kommst, daß auf empörter Erde
    der neue Bund gestiftet werde,
    und schlägst in Fessel Sünd und Tod.

Die angetönte Geschichte von der Sturmstillung sollte bekannt sein. Wir wissen, dass es dabei nicht um ein Mirakel geht, sondern um eine Geschichte mit tiefer Symbolkraft. Der Sturm symbolisiert das Bedrohliche im Leben, die Gefährdungen, die uns umgeben. Noch deutlicher wird das in der Geschichte vom sinkenden Petrus. Als er den starken Wind sah, erschrak er und beginnt zu sinken. Jesus aber streckt die Hand nach ihm aus und rettet ihn. Glaube ist die Überwindung von Lebensangst. Man darf aber dann nicht auf die „Wellen“ der Probleme und Sorgen starren, sondern auf Christus, der diese Welt überwunden hat.

Angst umgibt viele Menschen. In einer Langzeitstudie über „Deutsche Zustände“, die der Soziologe Wilhelm Heitmeyer seinerzeit (jetzt mit der AFD noch übertroffen!) veröffentlichte, stellte sich heraus, dass fast 10 % der Bevölkerung rechtsextreme Einstellungen haben: Antisemitismus, Homophobie, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit. Die vergangene Dekade nennt er „das entsicherte Jahrzehnt“, weil Zukunftsängste und politische Apathie zugenommen haben. Bis zu 20 % unserer Mitmenschen billigen Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. Das gilt gerade auch für ältere Menschen. Der Koautor Professor Zick erklärt das „mit dem Statusübergang in die Rente“. Das sei eine große Verunsicherung. Viele bekommen das Gefühl, sie seien wertlos. Um sich dennoch zugehörig zu fühlen, wertet man die ab, die noch schwächer sind. Das ist eine düstere, aber belegte Darstellung der Gegenwart. Es ist keine Übertreibung, wenn Rückert dichtet: „Wir sind schwer verstört.“

Können wir dagegen Besseres erwarten? Sollen wir uns zurückziehen von dieser bösen Welt? Für eine vorübergehende Einkehr durchaus. Aber dann „zieht deine Schar nach allen Orten der Welt hinaus…“

Möglicherweise hat Rückert hier schon die beginnende Missionsbewegung im Auge gehabt oder intuitiv geahnt. Wir können uns kaum noch vorstellen, wie begeistert tatsächlich im 19. Jahrhundert die Christen hinausgezogen sind, um die Welt mit dem Evangelium zu beglücken. Heute ist Ernüchterung eingekehrt. Christlichen Imperialismus will niemand mehr. Aber von der Überzeugung will ich nicht lassen, dass die Liebe Gottes allen Menschen gilt, allen verkündet und vorgelebt werden soll.

Die restlichen beiden Strophen sind eigentlich ein Gebet.

  1. O Herr von großer Huld und Treue,
    o komme du auch jetzt aufs neue
    zu uns, die wir sind schwer verstört.
    Not ist es, dass du selbst hienieden
    kommst, zu erneuen deinen Frieden,
    dagegen sich die Welt empört.

    6. O lass dein Licht auf Erden siegen,
    die Macht der Finsternis erliegen
    und lösch der Zwietracht Glimmen aus,
    dass wir, die Völker und die Thronen,
    vereint als Brüder wieder wohnen
    in deines großen Vaters Haus.

„Die Völker“ des Orients hatte Rückert bei seinen Übersetzungen vor Augen. „Seine Frömmigkeit war gewiss nicht die seiner damaligen Kollegen in der Theologischen Fakultät und des offiziellen Kirchenchristentums, sondern die Weltfrömmigkeit eines Mannes, der in dem Vertrauen lebte, dass in seines Vaters Hause mehrere Wohnungen seien…Sein Gottvertrauen hat nichts Phrasenhaft-Frömmelndes an sich, sondern entstammt einer tiefen Ehrfurcht vor der gottgeschaffenen Welt und äußert sich immer wieder in einer gläubigen Ergebenheit in den Willen Gottes…“ (Helmut Prang, Friedrich Rückert, 1963, S.178)

„Die Macht der Finsternis“ soll zum Erliegen kommen. Das erwarten wir. Wir warten auf Christus wie wir auf Frieden warten, auf Blühen und Fruchtbarkeit der Erde, auf gelingende Beziehungen statt Zwietracht, auf eine geschwisterliche Menschheit. Es geht um „die Völker“, nicht um fromme Konventikel. Unser Warten heißt aber nicht, „die Hände in den Schoß legen“, der HERR wird’s schon richten. Da gefällt mir das schwäbisch-blumhardtsche „Warten und Pressieren“; alles zu seiner Zeit.“

 

 

Beten für den Frieden

Aus meiner gestrigen Ansprache im  Shalom Gottesdienst

Im März 1981 – vor 35 Jahren – feierten wir in der Tübinger Jakobuskirche den ersten Shalom-Gottesdienst. Es ist erstaunlich, dass seitdem, wenn auch nicht mehr wöchentlich, so doch monatlich, sich nach wie vor Menschen zum Friedensgebet treffen.

Der wahre Anfang ist noch einige Jahre älter. 1975 fand in Nairobi eine Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen statt und gab die Empfehlung heraus, die Kirchen sollten auf den Schutz von Waffen verzichten. Normalerweise versanden solche Aufrufe in der kirchlichen Routine. Diesmal aber griffen in Württemberg einige den Ruf auf und gründeten die Aktion „Ohne Rüstung leben“.

Im gleichen Jahr trat ich als Ausbildungsvikar in den Dienst der württembergischen Landeskirche. Mit der Begeisterung des Anfängers versuchte ich, die Impulse von Nairobi umzusetzen – und merkte wie schwierig das ist. Als ich 1979 in Tübingen Studentenpfarrer wurde, begannen wir mit regelmäßigen Friedensgebeten. Das war die Zeit der Nachrüstungsdebatten, die Friedensbewegung nahm einen ungeheuren Aufschwung. Unsere Gottesdienste sollten anders als gewöhnlich sein: ökumenisch, nicht Pfarrer-zentriert, kreativer, von Gruppen begleitet und vorbereitet. Es sollte den damals zahlreichen Friedensgruppen eine spirituelle Basis geben. Deswegen die Anfangszeit 19 Uhr. Anschließend um 20 Uhr sollte man sich an die Arbeit machen bei Amnesty International, im Weltladen u.ä.– oder zumindest sich zusammensetzen zur Diskussion.

Anfangs war viel Zuspruch. Der Ost-West-Gegensatz machte Angst. Viele Gottesdienste füllten den großen Kirchenraum, nicht nur den Chor. Ich erinnere mich an viele Höhepunkte, auch mit Gastrednern aus der weltweiten Ökumene und darüber hinaus. Als damals Flüchtlinge kamen, gab es eine Prozession in die Kirche mit Muslimen und Hindus. Einmal kam ein amerikanisches Fernsehteam. Das bayrische TV-Team brachte unsere „politische Theologie“ tendenziös in die Ecke der „Deutschen Christen“. Dabei verstanden wir uns eher in der Tradition der Bekennenden Kirche. Bonhoeffer war und ist wohl der meistzitierte Kronzeuge.

Leider wurde nur wenig dokumentiert. Theologie- oder Liturgiereform war ja Nebensache, ein „Beiprodukt“. Wir wollten Frieden in der Welt erreichen.

Wie in einer Universitätsstadt üblich gab es einen bleibenden „Kern“ und viele kommende und wieder gehende Generationen. Ich selber verließ Tübingen 1986, um eine Dozentur an einem College in  Tansania zu übernehmen.

Nach der Wiedervereinigung, von der ich im fernen Tansania hörte, hoffte man auf eine Friedensdividende. In der Kirche war die Friedensbewegung einerseits angekommen, andererseits im volkskirchlichen Milieu gezähmt. In den 90iger Jahren verwirrte uns der Krieg in Jugoslawien und stellte unseren Pazifismus auf den Prüfstand. Man hatte es nun mit einer neuen Art von Krieg zu tun. Joschka Fischer gab „grünes Licht“ für einen zumindest völkerrechtlich fragwürdigen Angriffskrieg der NATO gegen Serbien. Dabei hatten „die Grünen“ pazifistische Wurzeln.

Konnte man noch gegen den späteren Krieg der USA in Irak und Afghanistan gute Gründe anführen, ist das  nun mit dem „IS“ viel schwieriger. Gestern lief in ARTE ein „Thementag“ über den Syrienkrieg bis 3 Uhr morgens. Ich dachte, ich muss zu Ehren der Opfer ausharren. Es war nur grausam und deprimierend. Sozusagen eine stundenlange Passonsgeschichte aus unserer Gegenwart.

Was tun? Da sind wir in der laufenden Debatte. Ein Patentrezept hat niemand. Ich kann nur mitarbeiten, die friedensgefährdenden Einflüsse aus Deutschland zu reduzieren. Das sind m.E. vor allem unsere Waffenexporte!

Hilft uns die Bibel dabei? Wohl nicht in der politischen Analyse. Da müssen wir selber denken so gut wir können und über Informationen verfügen. „Ohne Rüstung leben“ z.B. liefert die regelmäßig. Die Bibel hilft aber bei der Motivation und Zielfindung.

Wir wissen heute, dass Shalom nach der Bibel mehr ist als die Abwesenheit von Krieg. Frieden mit der Natur, Frieden in der Wirtschaft, aber auch existentieller Frieden für uns selber sind eins und gehören zusammen.

Wenn wir heute als Tageslosung ein Wort der altisraelitischen Weisheit hören, dann dürfen wir wissen, dass diese im Kontakt mit ihrer nichtjüdischen Umwelt stand. Ein knappes Wort kann man sich merken, es trägt durch den Tag und oft noch weiter.

Sprüche 3,29 Trachte nicht nach Bösem gegen deinen Nächsten, der arglos bei dir wohnt.

Das kommt wie ein harmloser Kalenderspruch daher. Aber es steckt Dynamik drin. Der „Nächste“, das kann man wörtlich nehmen. Die ganze Welt umarmen ist ein billiger Traum. Mit dem Nächsten klarkommen, kann unendlich schwierig sein.

Mir ist das neulich bewusst geworden, als wir in einem privaten Kreis Tolstois Briefen und Tagebücher gelesen haben. Leo Tolstoi gehört zu meinen geistigen Wegbegleitern. Ich liebe seine großen Romane und kleineren Erzählungen. Ich wusste von seinen Auseinandersetzungen mit der russischen orthodoxen Staatskirche und der zaristischen Politik. Was für ein Friedensfreund! Wie sehr angetan von der Bergpredigt! Inspirator für Gandhi und andere große Pazifisten. Und was für ein Scheusal seiner Frau und seiner Familie gegenüber. Ja sagen zur großen Bauernbefreiung, aber unfähig seine Angehörigen als „Nächste“ zu akzeptieren. Und wohl auch nicht angeleitet, die eigenen Schattenseiten zu sehen. Lange war ich von so großen Propheten begeistert. Aber man sollte sie nicht zum Guru machen und kritiklos verehren.

Als Lehrtext haben wir Galater 6,10: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann!“

Paulus, der wunderbare Sätze über die Liebe, die „nimmer aufhört“ schreiben konnte, konnte seine Gegner auch als „Hunde“ diffamieren. Ich stelle mir vor, dass er immer unter Strom stand und nicht immer auf der Höhe der eigenen ethischen Forderungen war. Aber er öffnet das Evangelium über die völkischen, nationalen Grenzen hinaus. Vielleicht dachte er nicht wirklich an „jedermann“, sondern nur an seine Gemeinden. Denn der Satz geht ja weiter, wie unsere pietistischen Freunde zu betonen pflegen: „…am meisten aber den Glaubensgenossen.“ Ja, liebe Friedensbewegte, auch die Pietisten sollen wir annehmen. Allerdings nicht alles übernehmen.

Man sagt aus humanistischen, kritischen Kreisen: „Das Christentum hat seine hohe Moral nur intern gepredigt und gelebt. Nur für die „drinnen“. Für die „draußen“ gilt Ablehnung, Gleichgültigkeit, womöglich Islamophobie und Hass. Wenn das so wäre, hätten wir das Evangelium nur halb verstanden. Aber wir haben es da mit einem ererbten Menschheitsübel zu tun. Jahrtausendelang haben Menschen geübt, ihr Horde zu verteidigen, ihren Clan und Stamm, später die Nation. Das ändert man nicht so schnell. Deswegen muss man daran arbeiten. Gerade nach diesen Landtagswahlen!

Immerhin heißt es „Brot für die Welt“ – und nicht „Brot für Christen“. So soll es auch heißen: Frieden für die Welt – und nicht Frieden nur für Deutschland.

 

 

 

Ich bin mal weg im Kino

In meiner Predigt letzten Sonntag habe ich einen Komiker zitiert. Manchmal haben Menschen unrealistische Erwartungen, als sei die Kirche schon der Himmel auf Erden, eine Gemeinschaft der Untadeligen. Nicht alle können das mit Humor nehmen wie Hape Kerkeling, der auf seiner Pilgertour nach Santiago Gott und die Kirche mit Kino vergleicht:

„Gott ist für mich so eine Art hervorragender Film wie „Gandhi“, mehrfach preisgekrönt und großartig! Und die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. Die Projektionsfläche für Gott. Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Vorführung anhören…Die Vorführung ist mies, doch ändert sie nichts an der Größe des Films.“ Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg, 5. Aufl.2009, S.186f.

Im Mai 2006 veröffentlichte Kerkeling sein Buch über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg im Jahr 2001. Es wurden mehr als vier Millionen Exemplare gedruckt, eines der meistverkauften Sachbücher in Deutschland.

Das nun nicht mehr ganz neue Taschenbuch ist mir eher zufällig unter die Augen gekommen. Es hat mir gefallen. Letztes Jahr hat man es verfilmt. Ich finde, sehr gut. Jetzt läuft der Film unter dem gleichen Titel programmgemäß in meinem Lieblingskino. Flüchtlingskrise, Landessynode, Wahlkampf – ich bin jetzt mal weg mit Kerkeling.

Regisseurin Julia von Heinz hat zwei Gründe dafür gefunden, warum das Buch so erfolgreich ist: Zum einen gehe es um „Glauben neben der Kirche“, der viele Menschen umtreibe, zum anderen um Hape Kerkelings Haltung. „Sein Blick auf die Welt und die Menschen soll auch die Haltung meines Films sein“, so die junge Regisseurin. „Leicht, aber nicht oberflächlich – genau, aber nicht analytisch – durchschauend, aber dabei immer liebevoll.“
Neben den Gesprächen, die – wenn auch gekürzt – nahe am Buch bleiben, begeistern mich die Naturaufnahmen. Ich bin dort nie gepilgert, aber 1973 mit meinem R4 durch Nordspanien bis Santiago gefahren. Der Pilgerbetrieb hat mich, wie auch der damals noch sehr vorkonziliare spanische Katholizismus ehe abgestoßen. Das Massenpilgern unserer Tage kam erst später in Mode. Damals hielten sich Evangelische noch an das Augsburger Bekenntnis(CA20), das Wallfahrten verbietet. Heutzutage gehen ja ganze evangelische Gemeinden mit ihren Pfarrern auf Pilgerfahrt. Sogar die Linksprotestanten nennen ihre Aktivitäten „Pilgerreise für den Frieden“.

Kerkeling wählte für seine Wanderung den Camino Francés und musste sich wie alle Pilger mit den physischen und psychischen Anforderungen einer solchen Reise auseinandersetzen. Er lernt dabei nicht nur sich selbst und seinen Glauben als „Buddhist mit christlichem Überbau“, besser kennen, sondern trifft auch auf die verschiedensten Menschen, deren Charaktere er sehr plastisch beschreibt. Auf S. 20 geht es los mit der Frage „Wer ist Gott?“, die zu der anderen führt: „Wer bin ich?“ „Anscheinend weiß ich ja nicht mal so genau, wer ich selbst b in. Wie soll ich da herausfinden, wer Gott ist?“ S.22

Mit der Heiligen Schrift kommt er nicht klar, er liest sie kaum. „Kann es sein, dass die heiligen Schriften auf unserem Planeten komplizierte, schlecht ins Deutsche übersetzte Bedienungsanleitungen für einen hochwertigen japanischen DVD-Player sind?“ S.59

Im amüsant plaudernden Ton schildert Kerkeling seine Erfahrungen, die an manchen Stellen tiefsinnig werden, und reflektiert über den Sinn des Lebens. Jeder Tag schließt mit einer „Erkenntnis“.

Mit dem „klassischen“ christlichen Pilger sucht er keinen Kontakt, er schätzt sie als „nicht lernfähig“ ein ( „Die werden als die gleichen Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben…“). Das ist zumindest einseitig. Es fällt auf, dass er den normal-katholischen Pilger nicht beachtet. Gottesdienste oder Andachten unterwegs werden nicht erwähnt, hat er wohl nicht besucht. Stattdessen ziehen ihn „Sonderlinge und Exoten“ an, er macht u. a. Erfahrungen mit einer heiratswilligen Südamerikanerin, einem sexlüsternen Mitwanderer, Spießern, Kirchenkritikern, Esoterikern und Spiritisten. Eine Frau meint, dass das Pilgern doch eigentlich die Sünde überwinden soll. „Manche aber gehen pilgern, um zu sündigen.“ (Das ist übrigens ein Grund für scharfe reformatorische Kritik an der mittelalterlichen Pilgerei gewesen.)

Besonders intensiv beschreibt Kerkeling die geschlossene Freundschaft mit der Engländerin Anne (im Film eine Journalistin) und der Neuseeländerin Sheelagh, denen Kerkeling im Prolog des Buches für die gemeinsamen Erfahrungen dankt. Offenkundig kann er recht entspannt mit ihnen zusammen sein, weil er homosexuell ist.

Kerkeling geht – nach bis dahin eher ungeplanten, aber regelmäßigen Treffen – ab dem 5. Juli 2001 gemeinsam mit diesen beiden Frauen auch den überwiegenden Teil des restlichen Pilgerweges bis Santiago, wo sie zum Abschluss der Reise noch fünf Tage zu dritt verweilen. Beide erhalten von Kerkeling dort als Abschieds- bzw. Erinnerungsgeschenk ein Silberglöckchen, zu dessen Bedeutung und verbindende Wirkung Kerkeling im Nachwort eine persönliche Anekdote erzählt.

2014 erschienen seine Memoiren „Der Junge muss an die frische Luft“ (Piper Verlag), in denen er viel aus seiner Kindheit im Ruhrgebiet erzählt. Da thematisiert Kerkeling ausführlicher den Suizid seiner Mutter. Er war damals acht Jahre alt. Ich denke, dass dieses schockierende Ereignis seine Frage nach Gott gefördert hat. Eine Zeitlang wollte er sogar evangelischer Pfarrer werden. Schade, dass er sich anders entschieden hat. Ein solcher „Amtsbruder“ hätte uns gut getan.

 

 

Im unheiligen Land

Wer in kirchlichen oder friedensbewegten Kreisen zum Thema Israel / Palästina spricht, kann ziemlich sicher mit Ärger rechnen. Denn es ist Parteinahme für die eine oder andere Seite gefragt.

Jahrelang habe ich Tagungen zum Frieden im Nahen Osten durchgeführt, aber zunehmend die Lust verloren, weil es nur wenigen um Erkenntnisse geht. Die meisten wollen bloß ihre Position gestärkt sehen. Schließlich gibt es für einen „Ökumeniker“, der in der ganzen Welt für eine gedeihliche Entwicklung eintritt, noch andere Brennpunkte. Und weil ich keine Lösung für den Nahost-Konflikt weiß, habe ich mich sehr früh anderen Regionen zugewandt. Derzeit haben wir sowieso mit den Flüchtlingen im eigenen Land genug zu tun.

Vor einer Woche habe ich mich aber doch wieder mit Israel/Palästina beschäftigt. In einem Literaturkreis stellte Katharina Wahl  ein Buch vor, das ich noch nicht kannte: Tuvia Tenenbom, Allein unter Juden – Eine Entdeckungsreise durch Israel, 2014.

Der Autor ist gebürtiger Israeli, lebt aber in New York als Journalist und Theatermacher. Er hat neben Mathematik auch Islamwissenschaft studiert und ein Rabbinerdiplom erworben. Er spricht perfekt viele Sprachen, sodass er für sein Buch in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Auf diese Weise entlockt er seinen Gesprächspartnern Aussagen, die sie sonst verschweigen würden.
Hier schreibt ein Mensch, der sich nicht mit vorgegeben Sichtweisen und Sprachregelungen abspeisen lässt – und dabei seinen Humor behält. Israelis und Palästinenser kriegen ihr Fett ab, vor allem aber auch die vielen Deutschen, die sich in diversen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) engagieren. Ihnen unterstellt er durchweg unterschwelligen Antisemitismus. Leider findet er genügend Beispiele.

In Tenenboms Buch sind es besonders Mitarbeiter der NGOs, von Hilfsorganisationen und politischen Stiftungen, aber auch Dokumentarfilmer und Medien, die ein eindimensionales Israelbild verbreiten – weil sie die Darstellung der palästinensischen Seite viel zu selten infrage stellen, die israelische dagegen fast generell anzweifeln. Die Folge: eine einseitige Parteinahme als Verstärker israelkritischer Stimmung. Das trifft gerade auch kirchliche Gruppen. Die vielen Israel wohlgesonnenen Pilger und vernünftigen Freiwilligen etwa der „Aktion Sühnezeichen“ interviewt er nicht. Insgesamt muss ich ihm recht geben, dass die Präsenz der Christenheit im Land oft nur peinlich ist.

Allerdings verallgemeinert er seine Beobachtungen zu der Behauptung, dass Europa gegen das jüdische Israel eingestellt ist. Er unterschlägt vollkommen, wie viele EU-Gelder Israel zufließen, von wohlfeilen Waffengeschäften ganz zu schweigen. Allerdings reichen diese Mittel wohl nicht an die milliardenschwere Militärhilfe der USA heran. Keine Erwähnung ist es ihm wert, dass die Bundeskanzlerin das Existenzrecht Israels zur deutschen Staatsräson erklärt hat.

Abgesehen von solchen Einseitigkeiten lernt man Israel von einer Seite kennen, die dem schnellen Besucher verborgen bleibt. Manche fragwürdigen Verhaltensweisen führt er auf „jüdischen Selbsthass“ zurück. Ein Musterbeispiel erlebt Tenenbom ausgerechnet in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. Ein sich selbst als „Ex-Jude“ vorstellender Reiseleiter ist im Rahmen einer von der EU finanzierten Bildungsreise mit einer Gruppe italienischer Teenager unterwegs. Der Reiseleiter hat keine Mühe, eine historische Linie von der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart zu ziehen: „In Israel werden heute Afrikaner in Konzentrationslager gesteckt“, behauptet er. Was sich im Land abspiele, sei „ein Holocaust“, ein Befehl Hitlers zum Judenmord hingegen sei nicht überliefert.

Scharf ist sein Blick auf Palästina und seine Funktionäre. Sie erscheinen Tenenbom wenig glaubwürdig, weil sich offizielle Statements für die Öffentlichkeit und hinter vorgehaltener Hand Geäußertes so sehr unterscheiden. „Es wäre sehr gut gewesen, wenn Rommel sein Ziel erreicht hätte“, wird ihm in einer geselligen Runde beschieden. Gemeint ist der NS-General, der im Zweiten Weltkrieg den Versuch unternahm, auf das Gebiet des heutigen Israel vorzustoßen. Dschibril ar-Radschub, graue Eminenz der Fatah, verleiht dem vermeintlichen Deutschen wenig später gar einen Ehrentitel: „Abu Ali“ – es ist der umgangssprachliche palästinensische Ausdruck für Adolf Hitler. Trotzdem schreibt Tenenbom: „Ich persönlich liebe die Palästinenser. Weil die Palästinenser stolz auf ihre Identität sind. Aber sie haben sich bestens in ihrer Opferrolle eingerichtet, auch dank großzügiger finanzieller Alimentation aus Europa.“

.Es gehe, so stimmt er Amos Oz zu, in Israel aber nicht um den Kampf Gut gegen Böse – sondern um „zwei vollkommen berechtigte Ansprüche auf dasselbe Land.“

Dieses Land hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Als ich 1968 in einem Kibbutz arbeitete, waren die meisten deutschen Freiwilligen proisraelisch – aus welchen Motiven auch immer. Der Sechs-Tage-Krieg stellte sich als Kampf des israelischen David gegen den arabischen Goliath dar. Mit der andauernden Zeit der Besetzung Palästinas drehte sich das Bild. Das militärisch starke Israel mit den USA im Rücken erwies sich als „Goliath“. Offenkundige Menschenrechtsverletzungen und die illegalen Siedlungen veränderten das Image Israels – und nicht in erster Linie Antisemitismus.

Das sieht Tenenbom anders. Er fragt in einem Interview für „Cicero“: „Warum interessieren sich Deutsche nicht für Tschetschenien oder den Sudan? Oder die Lage der Palästinenser in den arabischen Ländern? Denen geht es da gar nicht gut. Aber das kümmert niemanden. Das zeigt doch, dass sie Konflikte, vor allem aber Palästinenser letztlich gar nicht interessieren. Es geht den Palästinenserfreunden um Israel und die Juden… Antisemitismus, den es seit über zweitausend Jahren gibt und der im christlichen Europa Teil der Kultur ist. Selbst heute, da Europa weitgehend entchristlicht ist und viele Europäer selbst die historische Existenz Jesu leugnen, halten sie doch an einem eisern fest: dass es Juden waren, die Jesus gekreuzigt haben. Es ist Teil der Kultur…Es gibt Konflikte und Probleme überall auf der Welt. Als in Israel geborener Jude stellt es sich mir so dar: Es geht um zwei Stämme, die dasselbe Stück Land wollen. Kein Stamm ist aber bereit, ernsthaft darüber zu verhandeln. Das war so und das wird so bleiben….Es geht nicht um Land, sondern um einen Zusammenstoß der Kulturen und Religionen. Es gibt für diesen Konflikt keine Lösung. ..Letztlich waren die ersten Zionisten naiv und dachten, man könnte sich das Land mit den Arabern teilen. Das hat nicht funktioniert. Das musste man bei der Staatsgründung spätestens 1948 einsehen. Und nach 1967 mussten sie erkennen, dass sie auch dann keinen Frieden mit den Arabern haben würden, wenn sie die eroberten Gebiete zurückgeben würden. Denken Sie an das Nein der Arabischen Liga in Khartum zu Verhandlungen mit Israel. Jetzt hatte man die Westbank am Hals. Die liberalen, naiven Zionisten wurden von der nahöstlichen Realität eingeholt. Diese Lektion müssen deutsche, schwedische und andere Gutmenschen aber erst noch lernen.“

Das ist harte Kost für einen Friedensfreund. Ich fürchte, er hat recht. Was können wir dann tun? Wir sollten nicht als die „Selbstgerechten der Völker“ auftreten, sondern trotz allem die unterstützen, die an eine gemeinsame Zukunft aller Bewohner des Landes glauben. Vor allem sollten wir alles unterlassen, was diesen Konflikt weiter anfeuert, Waffenexporte zum Beispiel. Es kann sein, dass eine Friedenslösung in weiter Ferne liegt. Die Deutschen brauchten immerhin zwei Weltkriege, um zu erkennen, dass man mit Franzosen in Frieden leben und auf Straßburg verzichten kann.

Kirche und Kolonialismus

Eine Theologenrunde beschäftigt sich mit einem speziellen Kapitel der Auslandsarbeit der Evangelischen Kirche. Es geht um die Beziehungen der EKD und ihrer Vorgänger zu den Kirchen in Namibia. Hauptreferent ist der Tübinger Kirchengeschichtler Professor Jürgen Kampmann. Er hat an einem aufwendigen Studienprozess mitgearbeitet, dessen Ergebnisse in zwei dicken Bänden vorliegen, die er herumreicht. Dass viele die lesen, wird er nicht  erwarten: „Deutsche Evangelische Kirche im kolonialen südlichen Afrika. Die Rolle der Auslandsarbeit von den Anfängen bis in die 1920er Jahre.“ Harrasowitz Verlag Wiesbaden 2011.

Es gab damals eine Auswertungstagung dazu, in der es hieß: „Seit mehr als 300 Jahren leben deutsche Siedler im südlichen Afrika. Im Jahr 1780 wurde die erste evangelische Gemeinde deutscher Siedler in Kapstadt gegründet. Seit dieser Zeit unterstützen Kirchen, Missionsgesellschaften und kirchliche Vereine in Deutschland die Arbeit der deutschsprachigen evangelischen Gemeinden im Gebiet des heutigen Südafrika und Namibia. Im Mittelpunkt dieser Zusammenarbeit stand neben der Verkündigung des Evangeliums und der pastoralen Versorgung der Deutschsprachigen auch die Förderung der Beziehung zu den deutschen Kirchen über viele Jahrzehnte und die Bewahrung von deutscher Sprache, Kultur und Identität. Diese Orientierung der deutschen evangelischen Auslandsarbeit wurde immer wieder kritisiert. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts strebten die deutschen Siedler durch die Gründung von eigenen Synoden und Kirchen nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Seit mehr als 50 Jahren wird der Auslandsarbeit vor allem von den aus der Missionsarbeit entstandenen schwarzen Kirchen vorgeworfen, Nationalität und Rasse über die Universalität des Evangeliums zu stellen und so zur Entstehung von Systemen der Rassentrennung im südlichen Afrika beigetragen zu haben.“

Man muss hinzufügen, dass viele kirchliche Anti-Apartheids-Gruppen sich im Gegensatz zur EKD-Linie befanden, was zu schweren Auseinandersetzungen, ja Verwundungen geführt hat, die immer noch schmerzen. Federführend in dieser Kritik war seinerzeit unser Kollege Markus Braun, der mir in vielen Gesprächen seinen Standpunkt klargemacht hat: „Der EKD-Studienprozess ist der weitgehend misslungene Versuch, die koloniale Vergangenheit der EKD in einem mehr als 700 Seiten umfassenden Sammelband und einer 90 Seiten umfassenden epd-Dokumentation „aufzuarbeiten“.“

Prof. Kampmann hat diesen Anspruch gar nicht erst. Er gibt uns in bester deutscher wissenschaftlicher Tradition einen Einblick in eigene Forschung. Es folgt kaum eine Diskussion. Keiner will die alten Debatten wieder anfangen. Ich hätte jetzt Lust, Namibia endlich mal selber kennenzulernen. Mir genügt nicht wie dem Professor die Kenntnis „nach Aktenlage“.

 

 

 

Im falschen Film

Mit einiger Verspätung, aber großem Vergnügen habe ich Hape Kerkelings Pilgerbericht „Ich bin dann mal weg“ gelesen. Eine witzige Bemerkung zitiere ich in meiner Sonntagspredigt. In meinem Lieblingskino wird abends eine Vorstellung des gleichnamigen Films angezeigt. Nichts wie hin!

Ich komme sehr rechtzeitig und wundere mich, dass die Leute vor der Kasse bis auf die Straße eine Schlange bilden. Ist denn der Kerkeling so populär? Bis endlich alle ihren Platz im überfüllten Kino, teils auf Klappsitzen, eingenommen haben, ist eine halbe Stunde vergangen. Dann kommen die überflüssige Werbung und die Vorfilme. Einer heißt „Südafrika – der Kinofilm“. Der hört gar nicht wieder auf. Ja, haben die denn hier das Programm gewechselt? Allmählich dämmert mir, dass ich im falschen Film sitze. Nun, was man nicht ändern kann, muss man genießen. Wehmütig erinnere ich mich an zwei eigene Reisen nach Südafrika. Die erste ging in den Norden und war eher entwicklungspolitisch ausgerichtet. In Durban gibt es das kirchliche Bildungszentrum „Diakonia“, das damals vor allem in der AIDS-Prävention tätig war. Die zweite Reise ging mit einer Gruppe Herrnhuter von Durban nach Kapstadt mit Besuchen bei Gemeinden der Moravian Church im Hinterland . Jedesmal begegnete ich vielen sehr verschiedenen Menschen.

Der Film ist schön. Leider nur schön. Die Filmemacher Silke Schranz und Christian Wüstenberg sind Experten in Sachen Reise-Dokumentation. Mit zwei Journalisten begaben sie sich mit ihrem Wohnmobil auf eine Reise kreuz und quer durch Südafrika, Swaziland und Lesotho. Mehrere Tausend Kilometer legten sie insgesamt von Kapstadt bis nach Johannesburg zurück und dokumentierten jeden Tag während der zweimonatigen Reise mit ihrer Kamera. Entstanden ist ein vielfältiger, ausführlicher filmischer Beitrag über ein spannendes Land, dessen imposante landschaftliche Schönheit durch den Film eingefangen wird.

Nun kann man solche Landschafts- und Tierfilme allerdings reichlich in diversen TV-Programmen sehen. Zwar zeigen die Filmemacher auch die problematischen Seiten, aber der freundliche Kommentar packt sie gewissermaßen pflegeleicht wie in Watte. Wir sehen den Bewohner eines Townships in den verdreckten, engen Gassen. Sie zeigen die Armut in einem abseits gelegenen Dorf auf, in der die Frauen täglich Kilometer um Kilometer zur nächsten Wasserstelle zurücklegen müssen. Nur um am Ende mit einem 20 Liter Wasser fassenden Eimer auf dem Kopf und einem Baby auf dem Rücken den beschwerlichen Gang zurück ins Dorf zu bewältigen. Die Highlights: das höchste Gebirge des südlichen Afrika (Drakensberge), der zweithöchste Wasserfall der Welt (Tugela Falls), das früher wegen seiner Klippen gefürchtete „Kap der Guten Hoffnung“ oder das Geburtsdorf von Nelson Mandela. das über ein Museum verfügt.

Der Film ist durchaus unterhaltsam, aber auf Dauer ärgert mich doch, dass über die gegenwärtigen sozialen und politischen Probleme kein Wort verloren wird.

Fazit: Ein bunter Film, der der Tourismusindustrie sicher gefallen wird.

Und wieso habe ich mich im Film geirrt? Später sehe ich, dass ich in der Hast ins Februar-Programm geguckt habe. Nächstes Wochenende habe ich aber noch einmal eine Chance.

 

Im Altenpflegeheim

Letzten Sonntag halte ich in dem Altenpflegeheim, das ich als Gemeindepfarrer 1991 mit eingeweiht habe, einen Gottesdienst. Ich habe seinerzeit viele seelsorgerliche Besuche gemacht, aber von den damaligen Bewohnern ist wohl keiner mehr am Leben. Nach 25 Jahren rücke ich selber nun der Altersgruppe näher, die hier ihre letzte Station bezieht. Der katholische Andachtsraum ist zu klein. Helfer haben in einem Aufenthaltsraum Dutzende von Hochbetagten in Rollstühlen vor mir aufgereiht. Ich predige lieber wenige Meter vor ihnen mit Augenkontakt statt auf einer überhöhten Kanzel. Es kommen noch einige von draußen. Eine 90igjährige freut sich, ihren alten Pfarrer wiederzusehen. Ist doch schön, dass sie sich noch erinnert. Sogar mein  ehemaliger Vorsitzender des Kirchengemeinderats gibt mir die Ehre.

Was sage ich da bloß? Die für den Sonntag vorgeschlagene Epistel kann ich nicht nehmen. Da geht es um Gier und Unzucht. Das passt ja hier wohl nicht. Oder gibt es Porno im Altenpflegeheim? Man kann es nie wissen. Ich predige lieber über den Trost des Evangeliums. Mir helfen die Choräle. Es ist ja Passionszeit. Wir singen eine Strophe, die meine Mutter mit mir gebetet hat als nach meiner Konfirmation mein Vater starb: „Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir,/ wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.“ EG 85,9

Einige singen auswendig mit. Sie haben das noch gelernt. Und sie wissen, dass ihre Lebensfrist immer kürzer wird. Die meisten strahlen mich hinterher an. Ich denke, was wird wohl eine Generation im Kopf haben, die diese Lieder nicht mehr auswendig – by heart! – sagen kann? Ich verschweige, dass ich diese Strophe einmal im Religionsunterricht zum Auswendig lernen aufgab. Da bekam ich einen wütenden Anruf eines Vaters, ich möge seinen Sohn mit solchem Mittelalter verschonen. Ja, der geht sicher erst in ein solches Heim, wenn er hineingetragen wird. Ein wenig bin ich stolz, dass unsere Kirche sich um diese Menschen kümmert. Wo sind denn die „Humanisten“, die neuerdings so lautstark die Religion kritisieren? Wer hier die Rollstühle schiebt, gehört zur oft gescholtenen Kerngemeinde.

Ich schließe meine Ansprache mit meinem Lieblingstheologen. Ich weiß, er selber wollte kein Heiliger sein. Aber er ist es für viele geworden. Ich weiß, so große Vorbilder können einschüchtern, weil wir sie doch nicht erreichen. Aber sie können uns auch anspornen. Auf alle Fälle beweisen sie, dass Christen keine Hinterwäldler sind. Ich freue mich einfach, dass es solche Menschen immer wieder gibt.

Ein Vorbild ist mir Dietrich Bonhoeffer. Er fühlte sich im Nazi-Gefängnis oft verlassen. Er hatte das Todesurteil vor Augen. Ein Mitgefangener schreibt über ihn: „Immer war er guter Laune, immer gleich bleibend freundlich und gegen jedermann zuvorkommend… Immer war er es, der einem Mut und Hoffnung zusprach, der nicht müde wurde zu wiederholen, dass nur der Kampf verloren ist, den man selbst verloren gibt. Wieviel Zettel hat er mir zugesteckt, auf denen der Bibel entnommene Worte des Trostes und der Zuversicht von seiner Hand geschrieben waren.“ Fabian von Schlabrendorff, „Mit Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis“, Begegnungen, S.167.