Archiv für den Monat April 2020

Erster Mai

Der „Tag der Arbeit“ wird dieses Jahr, wenn überhaupt, sicherlich anders begangen als in früheren Zeiten. „Heraus zum 1. Mai“ kann nicht die Parole sein. Die Pandemie zwingt uns auch bei diesem Feiertag neue Überlegungen auf. Es wäre erstaunlich, aber auch nicht wünschenswert, wenn sich Positionen durchsetzen, die schnellstmöglich wieder zu alten Verhältnissen zurückkehren wollen. Fatal ist allerdings, dass wir neue Gedanken nicht direkt austauschen können, sondern vor allem auf Medien angewiesen sind.

Ein kirchlicher Ort der gesellschaftlichen Diskussion sind die Evangelischen Akademien, deren übliche Konferenzen nun allerdings auch kaum möglich sind. Dort hat man sich schon lange Gedanken zur Zukunft der Arbeit gemacht. Sie begann schon 1945 Tagungen mit „Männern der Wirtschaft“. Bald sind Frauen und Jugendliche hinzugekommen. Ich arbeite gerade mit an einer Chronik meiner früheren Arbeitsstätte, speziell geht es um die berühmte Diskussion Rudi Dutschkes mit Ernst Bloch über Chancen der Revolution in Deutschland aus dem Jahre 1968. Ich bin begeistert, wie vielfältig in den 75 Jahren die Bemühungen um eine Humanisierung der Arbeitswelt gewesen sind. Aus der Erkenntnis heraus, dass sich kirchliche Arbeit nicht in den Gemeinden erschöpfen darf, ist mittlerweile ein „Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt“ (KDA) entstanden. Immer mehr wurde klar, dass Problemlösungen nur noch im Dialog gefunden werden können. Eine „Theologie der Arbeit“ kann nicht mehr ohne die Betroffenen entwickelt werden. Einen weithin vergessenen Ansatz führte Dorothee Sölle aus.

Unter Berufung auf die Option für die Armen und das biblische Gerechtigkeitsethos spricht sie sich für eine in gesellschaftlichen Zusammenhängen ermöglichte Verwirklichung der jedem Menschen von Gott zugesprochenen Subjektivität und Würde aus. Insoweit die Erwerbsarbeit in der Arbeitsgesellschaft die Instanz der Verteilung gesellschaftlicher Anerkennung darstelle, sei von einem Menschenrecht auf Erwerbsarbeit auszugehen. Zugleich wendet sie sich aber gegen die Verengung des Arbeitsbegriff auf die bezahlte Arbeit. In den späten Schriften deutet sich eine Abkehr vom Leitbild der Arbeitsgesellschaft an. Einen ersten Schritt dahin geht die Verfasserin mit ihrem Plädoyer, die Muße als Gegenpol des Arbeitslebens wiederzuentdecken. Leider ist Dorothee Sölle am 27. April 2003 während einer Tagung in Bad Boll verstorben.  (Lieben und arbeiten. Eine Theologie der Schöpfung. Kreuz Verlag Stuttgart 1985)

In einem Aufruf des KDA zum 1.Mai heißt es u.a.: „Nach dieser Krise muss unser gesellschaftliches Wertedenken und unser Wirtschaftssystem auf den Prüfstand. Wir müssen uns von einem System verabschieden, das mit der Krankheit und dem Leid von Menschen viel Geld verdienen soll. Berufe, die einen Dienst am Menschen leisten, müssen ideell und finanziell aufgewertet werden. Wir brauchen ein Wirtschaften, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dazu bedarf es politischer Entscheidungen, aber auch des solidarischen Miteinander von allen.“  https://www.kda-wue.de.

Ein Bibelvers zur Arbeit hat in der Geschichte besondere Bedeutung gewonnen. Der Apostel Paulus schreibt an die Christen in Thessaloniki: „Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ 2.Thess 3,10.

Religiösen Schwärmern galt der Satz, nicht den Armen der Gemeinde. Die Unterstützung der Armen, die aus welchem Grund auch immer nicht von ihrer Hände Arbeit leben können, ist für Paulus selbstverständlich.

Der Arbeiterführer August Bebel hat ihn später gern zitiert. Die Losung der noch revolutionären Sozialdemokratie Ende des 19. Jahrhunderts wurde von den späteren Bolschewiken übernommen. Gerichtet war nun diese Losung gegen das arbeitslose Einkommen der herrschenden Klassen.

„Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber die Arbeit soll auch nützliche, produktive Tätigkeit sein. Die neue Gesellschaft wird also verlangen, daß jeder eine bestimmte industrielle, gewerbliche, ackerbauliche oder sonstige nützliche Tätigkeit ergreift, durch die er eine bestimmte Arbeitsleistung für die Befriedigung vorhandener Bedürfnisse vollzieht. Ohne Arbeit kein Genuß, keine Arbeit ohne Genuß. Indem alle verpflichtet sind zu arbeiten, haben alle das gleiche Interesse, drei Bedingungen bei der Arbeit erfüllt zu sehen. Erstens, daß die Arbeit im Zeitmaß mäßig sei und keinen überanstrengt; zweitens, daß sie möglichst angenehm ist und Abwechslung bietet; drittens, daß sie möglichst ergiebig ist, weil davon das Maß der Arbeitszeit und das Maß der Genüsse abhängt.“ (August Bebel: „Die Frau und der Sozialismus“, Kapitel: Grundgesetze der sozialistischen Gesellschaft, 50. Auflage, Wien 1909 – erste Auflage erschien 1879)

Die Losung der noch revolutionären Sozialdemokratie Ende des 19. Jahrhunderts wurde von den späteren Bolschewiken übernommen. Gerichtet war nun diese Losung gegen das arbeitslose Einkommen der herrschenden Klassen. Lenin machte eine sozialistische Arbeitspflicht daraus.

 „Somit wird in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft (die gewöhnlich Sozialismus genannt wird) das „bürgerliche Recht“ nicht vollständig abgeschafft,… „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, dieses sozialistische Prinzip ist schon verwirklicht; „für das gleiche Quantum Arbeit das gleiche Quantum Produkte“ – auch dieses sozialistische Prinzip ist schon verwirklicht. Das ist jedoch noch nicht Kommunismus, und das beseitigt noch nicht das „bürgerliche Recht“, das ungleichen Individuen für ungleiche (faktisch ungleiche) Arbeitsmengen die gleiche Menge Produkte zuweist.“ (W. I. Lenin: „Staat und Revolution – Kapitel V.: Die ökonomischen Grundlagen für das Absterben des Staates“)

Getragen war diese Losung von der Forderung nach gerechter Verteilung der Arbeit. Abgesehen von Ausnahmen wie Christoph Blumhardt in Bad Boll hat sich die obrigkeitshörige evangelische  Staatskirche leider allzu oft gegen die Arbeiterbewegung gestellt. Die Folgen spüren wir noch heute.

Man kann aber wohl nicht bestreiten, dass die absolute Wertschätzung der bezahlten Arbeit zu einer Geringschätzung der unbezahlten Arbeit, erst recht der Muße geführt hat. Wer gegenwärtig arbeitslos geworden ist, kämpft darum oft um sein Selbstwertgefühl, fühlt sich überflüssig. Das kann noch schlimmer sein als die ebenso bedrohlichen Einkommensverluste.

Zur Tageslosung aus der Hebräischen Bibel fügen die Herrnhuter immer  einen „Lehrtext“ aus dem Neuen Testament hinzu. Da spricht der Bergprediger Jesus zu uns.  Der will uns nicht zur Gleichgültigkeit verführen, aber anregen, dass wir uns von Sorgen nicht zerfressen lassen. Seine Botschaft ist: Es wird immer einen Weg geben, den wir gehen können. Gottvertrauen ist in jeder Lage möglich.

„Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.  Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen… Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?  Mt. 6,28-29.31.

Suchen und Gefunden

Unsere Kirchengemeinde gibt jeden Tag einen „Impuls“ heraus, für den ich gelegentlich schreibe: http://www.evangelisch-in-rottenburg.de.

Wissenschaftler suchen derzeit hektisch nach einem Impfstoff, der uns vor COVID-19 schützt. Besser wäre noch ein Medikament, das uns heilt, wenn das Corona-Virus „Sars-CoV-2“ uns erreicht hat. Die Ungeduld wächst und die Leute fragen: Wann ist es endlich soweit? Man sagt uns, es wird noch dauern. Bis dahin müssen wir vorsichtig sein und Abstand halten. Unsere Geduld ist notwendig, wird aber strapaziert. Politiker suchen einen Weg, um mit den wirtschaftlichen und finanziellen Folgen umzugehen, die man noch gar nicht abschätzen kann. Immer mehr Gruppen fordern Hilfe und Unterstützung. Christen fragen, wann denn endlich die Kirchen wieder für alle geöffnet werden und die gewohnten Gottesdienste stattfinden. Dabei wissen wir doch, dass jede Stube zur Kirche werden kann. Gott lässt sich wahrlich  überall finden.

Meine Generation – ich bin Jahrgang 1947 – ist besonders unwillig, die eigenen Handlungsmöglichkeiten einschränken zu lassen. Wir waren bisher gewöhnt, dass wir Anordnungen hinterfragen und uns nicht einfach fügen. Mühsam erkämpfte Rechte wollen wir uns nicht einfach nehmen lassen. Individuelle Entfaltung ist für viele höchstes Lebensziel, artet allerdings manchmal unverantwortlich individualistisch aus.

In dieser Situation lese ich die Herrnhuter Losung aus der Bibel: „So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den Herrn, euren Gott, zu suchen.“  1.Chronik 22,19.

Die alttestamentlichen Bücher der Chronik haben bei vielen Theologen einen schlechten Ruf. Sie gelten als historisch besonders unzuverlässig und ideologisch belastet. Um 400 vor Christus oder noch später entstanden, erzählen sie noch einmal die Geschichte Israels. Dabei betonen sie besonders die Bedeutung des rechten Gottesdienstes und des Jerusalemer Tempels. In diesem Kapitel wird berichtet, wie König David den Bau des Tempels vorbereitet und seinen Sohn und Nachfolger Salomo mit der Durchführung des Baus beauftragt. Die führenden Männer werden mit diesem Satz aufgefordert, das Werk zu unterstützen:

„Gebt also jetzt euer Herz und eure Seele, um den Ewigen, eure Gottheit, zu suchen!“ (Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“)

Dieser Vers spricht mich direkt an. Er fordert mich heraus, hinter den aktuellen Aufgaben den tieferen Sinn meines Lebens nicht zu vernachlässigen. Krisen sind ja immer eine Chance, die gewohnten Abläufe zu unterbrechen. Unfreiwillig habe ich jetzt Zeit zur inneren Einkehr, die ich nicht mit allerlei medialen Zerstreuungen vertreiben will.

Ich denke aber auch an die Menschen, die ich letztes Jahr im Rottenburger Gefängnis betreut habe. Sie sind wirklich eingesperrt, bekommen kaum noch Besuche und fragen sich ängstlich, wie die Welt aussieht, in die sie womöglich entlassen werden. Die Suchbewegungen ihres Lebens endeten oft in einer Sucht, die sie straffällig werden ließ. Einigen kann ich Briefe schreiben. (Eine sehr sinnvolle Beschäftigung für alle Rentner!) Einem habe ich zum Thema „Suchen-Finden“ folgende Strophe Jochen Kleppers aus dem Evangelischen Gesangbuch aufgeschrieben:

„Glaubst du auch nicht, bleibt Gott doch treu. / Er hält, was er verkündet. / Er wird Geschöpf – und schafft dich neu, / den er in Unheil findet.  Weil er sich nicht verleugnen kann, sieh ihn, nicht deine Schuld mehr an. / Er hat sich selbst gebunden. / Er sucht: Du wirst gefunden.!“  EG 539,3

Atombomber

 

Darüber verhandelte heute die Bunderegierung: „Gekauft werden sollen 135 Flugzeuge, darunter 90 Eurofighter sowie 45 US-amerikanische F-18. Der Preis wird auf eine zweistellige Milliardensumme geschätzt. Die F-18 sollen unter anderem im Rahmen der “nuklearen Teilhabe” genutzt werden, die den Transport und den Abwurf der in Büchel (Eifel) gelagerten US-Atombomben durch deutsche Bomber vorsieht. Parallel zu dem milliardenschweren Kauf treibt die Bundesregierung einen Zusammenschluss der drei großen deutschen Kriegsschiffbauer zu einem deutschen Marinegiganten voran; er wird, sofern seine Gründung gelingt, mit einem französisch-italienisch geführten südeuropäischen Konsortium konkurrieren. Um die Aufrüstung zu beschleunigen, ist kürzlich ein Gesetz verabschiedet worden, das EU-weite Ausschreibungen in der Rüstung einschränkt. Verschleppt hat die Bundeswehr hingegen die Beschaffung von Covid-19-Schutzausrüstung.“

Man hat den Eindruck: Die Corona-Katastrophe ist noch nicht schlimm genug. Ständig werden Milliarden Euro für soziale Unterstützung aufgebracht, was wohl nur durch künftige Inflation zu schaffen ist. Woher soll das Geld sonst kommen?

Optimisten hoffen ja, dass die gegenwärtige Viren-Katastrophe die Menschheit zum Umdenken bringt. Schön wäre es ja. Doch ich verhehle meine Skepsis nicht. Kaum zeigt sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont, verfällt man wieder in alte Muster: Für Kriege ist immer Geld da. Allzu viele verdienen ja auch daran.

Die meisten Leute haben derzeit andere Sorgen. Demonstrationen gegen den neuen Rüstungswahnsinn sind kaum möglich, von Kampagnen ganz zu schweigen. Bleibt fast nur das Internet.

Und die Kirche? Fehlanzeige! Unsere evangelischen Bischöfe versorgen uns mit betulichen Aufmunterungen. Eine Ausnahme ist „Ohne Rüstung leben“:

https://www.ohne-ruestung-leben.de/nachrichten/article/atombomber-zusage-von-annegret-kramp-karrenbauer-ist-affront-360.html

Die einzigen, die politisch noch aufmucken, sind die Bundestagsabgeordneten der Linken.

https://www.linksfraktion.de/presse/pressemitteilungen/detail/zuschlaege-fuer-krankenhauspersonal-statt-anschaffung-von-us-atombombern

Die Tübinger Informationsstelle Militarisierung „imi“ hat schon früher auf die Rüstungsplanungen warnend hingewiesen. Aber wer macht sich schon die Mühe, sich in die schwierigen Details zu vertiefen?

http://www.imi-online.de/2020/03/26/fauler-tornado-kompromiss/

Daniel

Unsere Kirchengemeinde gibt jeden Tag einen geistlichen Impuls heraus, den man in der Homepage lesen kann:  www.evangelisch-in-rottenburg.de. Für den 21. April habe ich über die Tageslosung Daniel 6,24 geschrieben:

Helden sind wieder im Gespräch. Eigentlich hatte ich mich schon von ihnen verabschiedet, hab‘ keinen Bedarf an „Heldengedenktagen“. Aber die engagierten Menschen, die jetzt in Krankenhäusern und Altenheimen unter erschwerten Bedingungen ihren Dienst tun, haben diese Auszeichnung verdient. In der Krise merkt man plötzlich dankbar, wem man alles ein auskömmliches Leben verdankt. In unserer Stadt gibt es sogar „Lokalhelden“. https://www.rottenburger-lokalhelden.de.

Die Bibel kennt „Helden“, die sich nicht durch Kriegstaten auszeichnen, sondern durch Humanität. Einer heißt Daniel. Der Name bedeutet „Gott hat (auf)gerichtet“. Im gleichnamigen Buch sind seine Taten und Worte aufgeschrieben. Daniel war nicht nur klug, sondern verstand auch Visionen und Träume. So gelangte er als Jude in eine einflussreiche Stellung am babylonischen Königshof. Vor allem aber war er mutig gegenüber den Gewaltherrschern und trat für Recht und Gerechtigkeit Gottes ein. Weil er die Gebote seiner Religion einhielt und darum die des Staates übertrat, wurde er nach einer Intrige in eine Löwengrube geworfen. Doch Gott rettete ihn. „Daniel wurde herausgezogen. Er war völlig unverletzt geblieben, weil er seinem Gott vertraut hatte.“ (Kap. 6,24)

Die Wirkung dieser Legende ist gewaltig. Zunächst hat sie den bedrängten Juden in der Makkabäerzeit (2. Jahrhundert vor Christus) geholfen, die tödliche Krise ihres Glaubens zu überwinden. Vermutlich sind in dieser Zeit altüberlieferte Geschichten zum heute vorliegenden Buch Daniel redigiert worden. Später hat es dem Judentum zum Überleben verholfen, als immer wieder mächtige Antisemiten es vernichten wollten. Skandalös finde ich, dass wir diese Judenfeindschaft noch immer nicht überall überwunden haben und sie sogar in der jetzigen Corona-Krise wieder aufkommt..

Ebenso hat dieses späte Buch im Alten Testament Christen in Verfolgungszeiten gestärkt. Es hat sie ermahnt und gestärkt, wie Daniel dem Glauben bis zum Martyrium treu zu bleiben. Darum ist dieses Buch in Kirchen des globalen Südens viel populärer als bei uns. Die „Löwengrube“ ist für viele auch heutzutage nicht bloß ein Symbol, sondern brutale Realität.

Zwei Momente sind mir heute besonders wichtig:

  1. Die Geschichte von der Befreiung aus der Löwengrube wurde oft als Vorläufer der österlichen Auferstehung verstanden. Unzählige Bilder der christlichen Kunst feiern diese Tat des (auf)richtenden Gottes. Wie Christus aus dem Grab als Sieger herauskommt, so der Glaubensheld Daniel aus den Nachstellungen böser Feinde. Ungewöhnlich für das Alte Testament wird in Kap. 12,2f. die Auferstehung der Toten ausdrücklich genannt. Sie gehört zur Gerechtigkeit Gottes, denn wie jeder sehen kann, bleibt diese in unserem zeitlichen Leben oft auf der Strecke. „Viele, die in der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Die Einsichtigen werden leuchten wie der taghelle Himmel, und alle, die anderen den rechten Weg gezeigt haben, werden glänzen wie die Sterne für ewige Zeiten.“ Mich tröstet, dass böse und brutale Machthaber nicht ewig triumphieren.
  2. Mit diesem Buch Daniel beginnt die literarische Gattung der „Apokalypse“. Das Wort bedeutet schlicht „Offenbarung, Enthüllung“. Eine gewisse Geschichtstheologie deutet die Zeichen der Gegenwart auf Zukunft hin. Sie sieht in allem Unheil der Zeiten doch den letzten Heilswillen Gottes. Leider wird im alltäglichen Sprachgebrauch, vor allem auch der Medien, „apokalyptisch“ mit „unheilvoll“ gleichgesetzt. Insbesondere Sektierer stürzen sich auf diese Texte, um Menschen zu ängstigen. In Krisenzeiten haben Verschwörungstheoretiker Konjunktur. Um so wichtiger ist theologische Aufklärung, die Gottes Rettung verdeutlichen kann. Eine Theologin sprach mal von einem „Waffenschein“, den man für bestimmte biblische Texte braucht. Nun, ein guter Kommentar tut es auch. Wer dieses Buch liest, bekommt heilsame Distanz zu den Aufgeregtheiten der Gegenwart. Allerdings muss man Freude an Symbolen, Visionen und Träumen haben.

Wer heute „Daniel“ heißt, verkündet seiner Umgebung, dass Gott der Richter der Welt ist und nicht die Tyrannen aller Zeiten. Darum singe ich gern aus dem Evangelischen Gesangbuch:

„Herr, du bist Richter! Du nur kannst befreien, / wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da. / Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen, / so weit, wie deine Liebe uns ergreift.“  EG 643,4

 

Ostern mit Händel

Am Morgen des 14. April 1759, an einem Karsamstag, verstarb Georg Friedrich Händel im Alter von 74 Jahren. Die gegenwärtig erzwungene Klausur ist eine  gute Gelegenheit, um endlich wieder seine Musik auf alten Schallplatten und CDs zu hören. Mein Favorit ist der „Messias“, den Händel am 13. April 1742 in Dublin uraufgeführt hatte.

In London reagierte man zunächst kühl auf das ohne Titel als „sacred Oratorio“ gegebene Werk. Erst 1750 begann eine jährliche Aufführungstradition: Händel schloss seine Oratoriensaison in der Fastenzeit mit einer Aufführung des „Messias“ ab und gab nach Ostern eine weitere Vorstellung in der Kapelle des Foundling Hospital, deren Erlös den Findelkindern zugute kam. Dieser Institution vermachte er nach seinem Tod auch einen beträchtlichen Teil seines, nach den Verlusten mit den diversen Opernkompanien, wieder riesigen Vermögens.

In Deutschland wird das Werk oft in der Adventszeit aufgeführt. Nach der Vorstellung seines Textdichters Charles Jennens, der die Idee zu dem Werk hatte, passt es besser in die Passions- und Osterzeit. Er hat die Texte nach der King-James-Übersetzung der Bibel und dem anglikanischen „Book of Common Prayer“ zusammengestellt. Übrigens hochgelobt von keinem geringeren als Goethe. Er scheibt in einem Brief über sein Projekt: „Ich hoffe, Händel wird sein ganzes Genie und sein Können daran beweisen, so dass die Komposition all seine früheren Kompositionen übertrifft, da das Thema alle anderen übertrifft. Das Thema ist der Messias.“ Es fällt auf, dass kaum Erzählungen aus den Evangelien vorkommen, sondern überwiegend Verse aus dem Alten Testament. In einem Begleitheft finde ich die deutsche Übersetzung der altenglischen Zitate. So kann ich die Bibelverse meditieren, über die man sonst schnell hinwegliest.

Zu Händels Lebzeiten wurde der „Messias“ gelegentlich „großartige musikalische Unterhaltung“ genannt. Als Händel einmal dazu beglückwünscht wurde, soll er geantwortet haben: „Ich wäre betrübt, wenn ich die Zuhörer nur unterhalten hätte; ich wollte sie  zu besseren Menschen machen.“

Kein geringerer als Stefan Zweig hat diesem Werk in seinen „Sternstunden der Menschheit“ ein weiteres Denkmal gesetzt. (Ein Buch, das mir zur Konfirmation geschenkt wurde.)

Er erzählt von  einer Krankheit Händels, die ihn gelähmt hatte. „Noch einmal riss er sich los aus der lähmenden Umstrickung des Todes, um das Leben zu umfassen, heißer, glühender als je zuvor mit jener unsäglichen Beglückung, die nur der Genesende kennt.“ Doch die Zeit ist anscheinend gegen ihn. Ein harter Winter, ein Krieg, Krankheiten lähmen das öffentliche Leben, Konzerte sind nicht möglich, die Schulden türmen sich auf. „War es nicht besser, da die eine Seite des Leibes gelähmt war, als nun die ganze Seele?“

Kongenial beschreibt Stefan Zweig die Verzweiflung dieses Mannes, die durch die Beschäftigung mit den Textes des „Messias“ überwunden wird. „Comfort ye“, so beginnt der Text. „„Sei getrost!“ – wie ein Zauber war es, dieses Wort – nein nicht Wort: Antwort war es, göttlich gegeben, Engelsruf aus verhangenen Himmeln in sein verzagendes Herz.“

Tatsächlich komponiert Händel dieses Oratorium wie in einem Rausch in nur drei Wochen. „Nur der viel gelitten, weiß um die Freude, nur der Geprüfte ahnt die letzte Güte der Begnadigung, sein ist es, vor den Menschen zu zeugen von der Auferstehung um des erlebten Todes willen.“

Kurz vor seinem Tod kann er schon schwer erkrankt das Oratorium noch einmal selber dirigieren. „Am Tage, da alles in ihm gestorben gewesen, war er auferstanden. Am Tage, da  er auferstanden war, wollte er sterben, um Gewissheit zu haben des Auferstehens zum ewigen Leben.“

3sat sendet am Karsamstag (11.4.20) um 20.15 Uhr den „Messias“ in der Bearbeitung von Mozart.

Einsiedel

Zum Glück darf man noch wandern. Unser Ziel ist heute das Schlößchen Einsiedel im Schönbuch. Normalerweise ist die Gegend an einem sonnigen Wochenende total überlaufen. Heute sind nur wenige Leute unterwegs. Wir grüßen uns mit dem gehörigen Abstand. An einer Feuerstelle braten Studenten sich Würstchen. Eine fünfköpfige Familie lässt sich nieder. Wir gehen lieber weiter.

In dem „Schößchen“ – die Bezeichnung ist ziemlich übertrieben – ist ein katholisches Jugendzentrum untergebracht. Das Hofgut ist seit 1913 an die Süddeutsche Zucker AG verpachtet, die hier Saatgutveredelung betreibt. Ein paar Mitarbeiter scheinen hier zu wohnen.

Die Hochfläche mitten im Schönbuch-Wald ist schon im Mittelalter gerodet worden. Die bereits im 14. Jahrhundert erwähnte Stelle „zu dem Einsiedel“ lässt vermuten, dass hier ursprünglich ein Waldbruderhaus stand. Um 1460 richtete Graf Eberhard V. „im Barte“ ein Gestüt ein. Er baute 1482 das Schlößchen, von dem aber kaum noch etwas übrig ist. Das heutige Gebäude dürfte von 1600 stammen. 1492 – da fuhren andere nach Amerika – gründete er das völlig abgegangene Stift St. Peter, wo er 1496 beigesetzt wurde. Später wurde der berühmte Gründer der Tübinger Universität, mittlerweile Herzog, in die Tübinger Stiftskirche umgebettet.

Ich frage mich, wie kommt man auf die Idee einer Einsiedelei? Es gab doch sowieso im Mittelalter nicht so viele Menschen, die Wälder waren riesig. War es Überdruss an der bösen Welt? Wollte man besonders fromm sein?

In der „Geschichte des Christentums“ (I,1932) von Johannes von Walter lese ich, dass das Mönchtum in Form der Eremiten populär wurde, als im 4. Jahrhundert der römische Kaiser sich die Kirche zu Diensten machte. Der Sieg des Christentums über das Heidentum war ein zweifelhafter Erfolg, denn nun mischten sich die Mächtigen in die Kirchenpolitik ein. Es lohnte sich plötzlich ein Christ zu sein, nachdem wenige Generationen zuvor Christen noch verfolgt und hingerichtet wurden.

Das damalige Mönchtum beschränkte sich darauf, die Wüsten zu bevölkern und mied bewohnte Gebiete. Man kann sie bewundern, ohne der dauernden Kritik ihres bloßen Daseins ausgesetzt zu sein. Seit den Zeiten der apostolischen Väter hatte man eine zweistufige Moral anerkannt. „Was konnte dagegen prinzipiell geltend gemacht werden, dass nun ein großer Stand von „Vollkommenen“ sich bildete, der „das ganze Joch des Herrn“ in einem seit jeher hochgeschätzten asketischen Leben auf sich nahm? Es kam hinzu, dass das Mönchtum hierdurch mit dem Umweg über das Christentum an ein Ideal anknüpfte, welches der antiken Philosophie schon längst als Gipfel der Vollkommenheit vorgeschwebt hatte. War, so lässt Gregor von Nazianz sich vernehmen, das, was der Mönch tat, nicht genau das gleiche, was man an Sokrates und Pythagoras, an Epiktet und Anaxagoras zu bewundern pflegte?“ von Walter a.a.O. S.139f.

Ja, von der „vita contemplativa“ haben evangelische Theologen meistens keine Ahnung, von alter Kirchengeschichte auch nicht. Aber das Christentum beginnt nicht erst mit Martin Luther. Mir macht es viel Freude in diesen Tagen der Zwangsklausur, mich in die Texte der alten Kirche zu vertiefen. Sie geben mir Abstand zu den nervösen Nachrichten unserer Gegenwart und den oberflächlichen Ermutigungen unserer Medien.

Was die Einsiedler im schwäbischen  Schönbuch gedacht haben, weiß ich leider nicht. Hat sonst jemand Informationen über „Einsiedel“?

Tagesimpuls

Meine Kirchengemeinde veröffentlicht in der Corona-Krise jeden Tag einen „Tagesimpuls“. Ich finde sehr schön, dass man auf diese Weise etwas von den eigenen Seelsorgern hört. Das ist mir lieber als irgendwelche „Startheologen“ aus den allgemeinen Medien. Heute bin ich selber dran.

https://www.evangelisch-in-rottenburg.de/besondere-angebote-in-der-corona-krise/

Seit meinen afrikanischen Lehrjahren lese ich täglich die Herrnhuter Losungen. Diese Bibelverse verbinden mich spirituell mit meinen ehemaligen Studenten in Tansania, die es genauso machen. Für diese vier Jahre als Dozent in  einem afrikanischen College bin ich heute besonders dankbar, da sie mich lehrten, wie wenig ein Mensch braucht und worauf es wesentlich ankommt im Leben. Leere Regale in den mickrigen Läden waren jedenfalls damals alltäglich, Lebensmittel Mangelware. Telefon funktionierte nicht und die Post von zuhause brauchte mindestens drei Wochen. Krankheiten und andere Katastrophen forderten uns als Lehrer und Seelsorger ständig heraus. Damals begann die Aids-Pandemie die Menschen zu erschüttern. Medikamente gab es nicht. Doch man konnte sich besuchen und trösten. Die einzige Therapie war der gemeinsame Gesang. Afrikaner lieben die Gemeinschaft. Wie mag es in diesen Wochen sein, wenn sie Abstand halten sollen? Hände waschen, wenn kaum Wasser zum Trinken da ist? Oft relativiert mein Blick in die Ferne die hiesigen Sorgen und Nöte. Ich habe manchmal Mühe zu verstehen, worüber sich meine Zeitgenossen hier aufregen.

Die aktuelle Losung ist den Psalmen entnommen: „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.“ (Psalm 71,17) Es lohnt die Lektüre des ganzen Psalms. Denn er ist eine Bitte um Gottes Hilfe angesichts widriger Umstände im Alter. Es sind Worte, die in mir sprechen, wenn ich eigene nicht über die Lippen bringe. Es tut gut, sie laut zu lesen.

Hat Gott mich gelehrt? Kann ich seine Wunder verkündigen? Meine eigene Erfahrung ist bescheidener. Es war vor allem meine Mutter, die mich die ersten Gebete gelehrt hat. Sie setzte sich Abend für Abend an mein Bett und sprach die bekannten Kindergebete. Sie haben sich mir tief eingeprägt und Geborgenheit vermittelt.  Vorher kam manchmal mein Vater, der ein Märchen vorgelesen hat. Die waren natürlich spannender, manchmal beängstigender. Ich bekam durch diese „schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag“ eine Ahnung, dass die Horizonte weit und  das Leben gefährlich sein kann. Aber letztlich wird alles gut. Ein gewisses Grundvertrauen vermittelte auch er, der wohl Agnostiker war. Als er allerdings kurz nach meiner Konfirmation völlig überraschend starb, wurde mein Glaube auf eine harte Probe gestellt. Meine unbefangene Kindheit war mit einem Schlag beendet. Alle gut gemeinten Philosophien und Theologien, die den Tod ausklammerten, wurden für mich danach uninteressant. Mittlerweile hatten sich aber meine Gebete verändert.

Eines der Abendgebete, das ich aus dieser Zeit noch auswendig kann, stammt aus dem Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt, der sich zehn Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges als Student der Theologie immatrikulieren ließ .:

„Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir, / wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.“

Erst kürzlich habe ich es bei einer lebensgefährlichen Operation gesprochen. Welche Freude, dass sie gut ausgegangen ist! Mein Sterben hat noch etwas Zeit. Aber nun gehöre ich plötzlich zu einer „Risikogruppe“.

Nach meinen Eltern gab es andere Lehrer des Glaubens. Einer schrieb zu dieser Strophe: „Es geht nicht um ein „leichtes Sterben“, auch nicht um ein Sterben „in Würde“. Es geht um ein Sterben, das sich „glaubensvoll“ dem Gott anvertraut, der im Tod seines Mensch gewordenen Sohnes ewiges Leben in Aussicht gestellt hat.“ (Eberhard Jüngel)

Gegenwärtig werden mir auf allen Kanälen Ratschläge erteilt, wie ich in der Corona-Krise mich verhalten soll. Positiv denken, ist angesagt. Auch Theologen beteiligen sich daran. Ich will die Zwangspause nutzen, um mich tiefer von Gott belehren zu lassen. Vielleicht kann ich dann auch mit dem Psalm 71 Vers 23 beten: „Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen.“