Archiv für den Monat Dezember 2018

Seine Haut riskieren

Unsere monatliche  Gesprächsrunde über politische Bücher ist am Ende nicht viel schlauer, was wir von dem neuen  Buch „Das Risiko und sein Preis“ von Nassim Nicholas Taleb halten sollen. Sein Grundgedanke ist einfach: Je mehr wir unsere menschengemachten Verhältnisse zwanghaft zu beherrschen suchen, desto unbeherrschbarer werden sie. Den Eindruck kriegt man ja schon, wenn man die gegenwärtige Weltpolitik betrachtet.

Berühmt wurde der Amerikaner mit libanesischem Migrationshintergrund, weil er 2007 die Finanzkrise aufgrund seiner Berechnungen vorausgesagt hatte und stinkreich  geworden war. Kann das aber nicht einfach Zufallsglück gewesen sein? Sind die Börsen nicht zu gewaltigen Lotterien geworden, die fatalerweise unsere Wirtschaft und Politik bestimmen?

Er beschreibt „Entscheider“, die nichts für sich selber riskieren, sondern bei Fehlern die Allgemeinheit zahlen lassen. So sehen wir einen amerikanischen Präsidenten Trump, der keineswegs seine Haut riskiert, sondern bei Fehlern ständig die Schuld bei andern sucht. Müssten aber Manager und Politiker für ihre Fehlentscheidungen aufkommen, – wer  würde dann noch ein solches Amt übernehmen? Sie treten allenfalls zurück, oft nicht einmal  das.

Ein Kritiker meint: „Wissenschaftler, Journalisten, Politiker erscheinen durchweg als „Scharlatane“, die jede Bodenhaftung verloren hätten. Er hat keinerlei Berührungsängste mit der rechtspopulistischen Holzhacker-Rhetorik und spricht von „politikgestaltenden Trotteln“ und „Intellektuellen also Idioten“ (eine von mehreren Fehlübersetzungen im Buch, im Original heißt es „intellectuals yet idiots“, also „Intellektuelle, die trotzdem Idioten sind“).“

Unsere Regierung möchte das Problem angehen, indem sie Heerscharen von externen Beratern bezahlen. Ob man dadurch schlauer wird?

Ich denke, wir überschätzen gern die Möglichkeiten der Sozialwissenschaft. Schon Aristoteles hat beschrieben, dass die präzise mathematische Logik nicht anwendbar ist, wenn man menschliche Gesellschaften verstehen will. Allzu viele subjektive Faktoren beeinflussen die Analyse.

Es ist darum  noch immer die Frage sinnvoll: Mit welchem Interesse wird eine bestimmte Wissenschaft betrieben und vermarktet?

Also komme ich zu dem Schluss: Dieses Buch kann ich mir sparen. Ein anderes des Autors aber hole ich mir aus der Stadtbibliothek „Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen.“ (Knaus Verlag 2012). Dort finden sich amüsante Bemerkungen aus der Welt der Wirtschaft, beispielsweise über die Schweiz: „… das letzte größere Land, das kein Nationalstaat ist, sondern ein Zusammenschluss kleiner, weitgehend sich selbst überlassener Gemeinwesen.“ S. 133. Taleb meint, dass kleine Strukturen besser sind als große. Unsere föderale Verfassung in Deutschland erscheint so in einem positiven Licht. Wir müssen sie nur nutzen.

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Gott kommt zur Rache

Die TAZ macht sich lustig, dass die neue Perikopenordnung der Evangelischen Kirche eine Pressemeldung des epd abgibt. Recht hat sie. Haben wir nichts Besseres zu melden? Meinetwegen hätte man sich den Aufwand sparen können. Schon jetzt konnte jeder Prediger auch eine eigene Auswahl treffen. Und wenn er oder sie unbedingt über das Buch Leviticus predigen wollte, dann bestünde nur die  Gefahr, dass die Zuhörer wegbleiben. Ich selber  würde lieber über biblische Texte, gerade auch des Alten Testaments, diskutieren. Aber dazu werde ich selten eingeladen. Bibelarbeiten finden in unseren Gemeinden kaum statt.

Am 2. Advent darf ich also predigen: „Stärkt die müden Hände! Macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost! Fürchtet euch nicht!“ Jesaja 35, 3

Ich arbeite für unsere Kirche als ein Ort, wo diese „Befehle“ Wirklichkeit werden. Kirche ist der Ort, wo müde Hände gestärkt und wankende Knie festgemacht werden. Wo verzagte Menschen getröstet und Ängstliche von Furcht befreit werden.

Allerdings heißt es dann auch „Gott kommt zur Rache“. Was ist dem wohl vorausgegangen? Das lässt sich schwer rekonstruieren. Hier spricht nämlich nicht der einigermaßen bekannte Prophet Jesaja aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, sondern ein späterer, uns nicht bekannter Mann Gottes. Diesem „Redaktor“ ging es nicht um unveränderte Bewahrung der Prophetenworte, sondern um eine aktuelle Stärkung des Volkes Gottes. Bis in die spätere hellenistische Zeit des 3. Jahrhunderts ist an diesem Buch „Jesaja“ gearbeitet worden. Wir finden in ihm also ein halbes Jahrtausend jüdische Theologie. In diesen Jahrhunderten fanden immer wieder Kriege, Verschleppung und Verwüstungen statt. Meistens waren die Israeliten die ohnmächtigen Opfer. Die Menschen fragten sich, wo denn die göttliche Gerechtigkeit bleibe.

In vielen alttestamentlichen Psalmen wird Gott angefleht, das erlittene Unrecht zu rächen und sich als Gott der Vergeltung zu erweisen. Die Menschen, die so beten, tun dies in Situationen tiefster Erniedrigung und Ohnmacht. Sie schreien verzweifelt um ein Ende der Gewalt, und ihre Rachewünsche sind als Protest, Anklage und Hilfeschrei zu hören. Wir wissen aus der Traumatherapie, dass solche Rachewünsche zugelassen werden sollten, sie sind heilsam. Entscheidend ist: Die Beter legen die Rache in Gottes Hand; allein Gott ist es vorbehalten, die Täter und Täterinnen zur Verantwortung zu ziehen. Anders als in unserem Sprachgebrauch bedeutet das Wort nakam in den hebräischen Texten kein affektgeladenes, außergerichtliches Tun, sondern ist als Ahndung eines Schadens im Bereich des Rechts und der Gerechtigkeit zu verstehen.  Manche Bibelausgaben haben dazu gute Erklärungen, wie beispielsweise die „Bibel in gerechter Sprache“.

Wenn also wieder ein Antisemit vom „jüdischen oder alttestamentarischen (!) Rachegott“ schimpft, widersprechen Sie! Sie wissen es jetzt besser.

Als ich einmal in einer Bibelstunde lehrte, dass im Alten Testament das Wort “Gerechtigkeit“ öfter vorkommt als das Wort „Gott“, stand ein Unternehmer auf und erzählte, wie er zweimal von israelischen Geschäftspartnern betrogen worden sei. Für ihn stand fest: Juden sind geborene Gauner. Ich fragte, ob ihm das bei Christen noch nie passiert sei. „Doch, ja schon, aber die Juden…“ Natürlich sind sie nicht alle bessere Menschen. Aber es ist ihnen in der Tora gesagt, was gut ist. Deswegen müssen wir sie nicht idealisieren. Ob die göttlichen Gebote gehalten werden, ist eine Frage, die auch wir Christen uns selber  immer stellen müssen.

Es gibt in diesem Kapitel 35  noch  wunderbare Bilder, die erst den Juden und dann den Christen geholfen haben, schlimme Durststrecken zu überwinden. Sie tragen zur Humanisierung der Welt bei. Freilich gibt es davor ein Kapitel 34, in dem von einem „Schlachtfest Gottes“ an den Edomitern erzählt wird. Gegen solche Texte muss man kräftig predigen, bevor sie Fundamentalisten in die Hände fallen.