Archiv für den Monat Juli 2016

Afrika-Festival

Das wechselhafte Wetter macht derzeit allen zu schaffen die “Open-Air” anbieten. So leidet auch das Tübinger Afrika-Festival, das auf der Festwiese zum 7. Mal stattfindet, unter den Kapriolen. Mal ist es zu heiß, dass man wenig Lust auf Diskussionen hat, mal regnet es in Strömen, sodass man nicht gern an den zahlreichen Buden vorbeischlendert. Es ist bewundernswert, was der Verein „AfrikAktiv“ wieder zusammengebracht hat. Vgl. www.afrikafestival.net

Das Afrika Festival hat Burundi als Fokusland gewählt. Neben zahlreichen Ständen mit Kunstgewerbe  und kulinarischen Angeboten, gibt es verschiedene Foren, die die Themen der Entwicklungszusammenarbeit thematisieren. Am Samstag war der Burundi Celebration Day mit burundischen KünstlerInnen und einen Friedensparade.

Ich suche Ansprechpartner, die Swahili sprechen, finde aber nur wenige. Tansania ist kaum vertreten. Überhaupt fehlen viele Gruppen, die man sonst zum Thema Afrika kennt. Schließlich gibt es hier eine Partnerschaft mit Moshi/Tansania, der Kirchenbezirk hat eine mit Kamerun und das Land Baden-Württemberg mit Burundi. Um Burundi kümmert sich die regierungsnahe „Stiftung Entwicklungszusammenarbeit SEZ“ mit einem „Kompetenzzentrum“.

Allerdings: Der Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten Nationen in Burundi äußert sich besorgt über die Zustände und Entwicklungen in den Binnenstaat. Nachforschungen und Berichten zufolge sollen nach wie vor Folter, willkürliche Festnahmen und Einschüchterungen gegenüber der Bevölkerung stattfinden .

Die Regierung schränkte die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit 2015 zunehmend ein. Die Entscheidung von Präsident Pierre Nkurunziza, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren, löste bei der Opposition, in der Zivilgesellschaft und bei anderen Akteuren Proteste aus, die von den Sicherheitskräften, insbesondere von Polizei und Geheimdienst (Service National de Renseignement – SNR), gewaltsam unterdrückt wurden. Demonstrierende sahen sich mit exzessiver Polizeigewalt konfrontiert. Festgenommene Personen wurden vom SNR gefoltert und auf andere Weise misshandelt. Die Sicherheitskräfte drangen gewaltsam in die Räumlichkeiten unabhängiger Medien ein. Mehrere Menschen wurden rechtswidrig getötet, weil sie als Gegner des Präsidenten galten.

Am 13. Mai 2015 unternahmen mehrere Generäle einen Putschversuch, während Präsident Nkurunziza in der tansanischen Stadt Daressalam an einem Gipfeltreffen zur aktuellen Lage in Burundi von Staatschefs aus der Region teilnahm. Der Umsturzversuch schlug fehl. Mehrere Offiziere flohen außer Landes. Sicherheitskräfte, die loyal zum Präsidenten standen, inhaftierten mehrere Offiziere.

Nach den Parlamentswahlen im Juni folgte im Juli 2015 die Präsidentschaftswahl, die Pierre Nkurunziza gewann.  Belgien, die Niederlande, die USA und weitere Länder stellten ihre Entwicklungszusammenarbeit mit Burundi teilweise oder vollständig ein. Die EU leitete Konsultationen, um die Zusammenarbeit zu überprüfen. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF) waren die für den Sozialbereich zuständigen Ministerien zuletzt zu 80% von ausländischer Unterstützung abhängig. Die Regierung unternahm nichts gegen Angehörige der Sicherheitskräfte, denen außergerichtliche Hinrichtungen vorgeworfen wurden. Es kam weder zu Ermittlungen, noch wurden sie vom Dienst suspendiert. Mehr als 230000 Menschen flohen 2015 in die Nachbarländer. Von alldem war zu wenig die Rede. Ob diese Themen diejenigen überhaupt interssieren, die vor allem Party machen wollen?

Es ist sicherlich löblich, dass  die „Afrikanische Diaspora in Deutschland“ ein differenziertes Afrikabild vermitteln will. Man wünscht sich ja, dass Migranten mithelfen bei der Entwicklung ihres Heimatlandes. Die Höhe der Überweisungen an Familienangehörige übertrifft bereits die Aufwendungen für Entwicklungshilfe. Die Bilder von Hunger, Krieg und Elend nun aber durch solche von Modenschauen und Musikgruppen zu überwinden, kann nicht sinnvoll sein. Die diesbezühliche Hochglanzbroschüre des Vereins, die kostenlos verteilt wird,  zeigt das Dilemma deutlich. Sie zeigt aber auch, dass der Verein offensichtlich verstanden hat, was „fundraising“ ist. Firmen haben gern ein positives Umfeld. „Hässliche Themen“ sind schädlich für das Geschäft.

 

Exodus als Befreiung

Das Sommersemester, also auch das Tübinger „Studium Generale“, geht seinem Ende entgegen. Star dieser Veranstaltungen ist seit einiger Zeit der Germanist  Jürgen Wertheimer, der sich unter dem Titel „Exodus: Mythos, Wirklichkeit, Narrativ“ auf Spurensuche begab nach Erzählungen über Flucht und Migration, Exil und Neuanfang: von der Geschichte des babylonischen Exils bis zur filmischen und literarischen Verarbeitung aktueller Flüchtlingsbewegungen. Seine locker-legere und höchst subjektive Art zieht die Massen an. Zum Schluss hat er sich einen besonderen Gast eingeladen.

Der Ägyptologe Jan Assmann, früher Professor in Heidelberg, jetzt emeritiert in Konstanz, verfolgt die Spuren der Exodus-Erzählung zurück bis ins Alte Ägypten und nach vorne bis ins 20. Jahrhundert. Er entfaltet eine neue Theorie des Monotheismus und zeigt, warum die Geschichte vom Auszug aus Ägypten auch die Gründungserzählung der modernen Welt ist. Das Buch Exodus enthält Schlüsselszenen der Heilsgeschichte, die in Judentum, Christentum und Islam, aber auch in Kunst und Literatur eine vielfältige Wirkung entfaltet haben.

Dem Theologen sind seine Thesen nicht neu, aber andere mögen erstmals wahrnehmen, dass man das Alte Testament auch als Literaturgeschichte lesen kann. Die Vorlesung bietet eine knappe Zusammenfassung seines neuen Buches: Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt. Verlag C. H. Beck, München 2015. 493 Seiten.

Assmann liest das biblische Buch Exodus nach der Art eines historischen Romans – als eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, aber die Gegenwart meint. Die Vergangenheit ist die legendäre Zeit des Auszugs aus Ägypten (vielleicht um 1200 v. Chr.), die Gegenwart der Erzähler dürfte die Zeit um 500 v. Chr. sein. Israel war damals ein kleines Untertanenvolk im Persischen Reich. Einem Provinzverwalter unterstellt, besaß es keinen König, und sein Tempel, 586 v. Chr. verwüstet, lag noch in Trümmern. Von der Vergangenheit wird nun so erzählt, dass sie für die Gegenwart relevant ist. Das geschieht durch die von Gott auf dem Berg Sinai verfügten Gebote, von denen in der alten Exodus-Sage noch nicht die Rede war.

Statt des Königs erlässt Israels Gott selbst und höchstpersönlich die Sozial- und Kultordnung. Die Religion bedarf keines Königs als Gesetzgeber – darin besteht die politische Pointe des Exodus-Buches. Die von Gott verfügte Kultordnung kann verwirklicht werden, sobald der neue Tempel mit Genehmigung der persischen Behörden errichtet ist. Tatsächlich wurde um 500 v. Chr. ein neuer Tempel in Jerusalem erbaut.

Die Frage, was historisch geschehen ist, lässt Assmann – immerhin! – offen. Wir haben eben keine andern außerbiblischen Quellen. Gläubige können sich also mit der Nacherzählung der biblischen Berichte begnügen. An das Ereignis kommen wir nicht ran, als Ägyptologe kann er nur eine Fehlanzeige beglaubigen. Das ist aber auch schon sehr interessant, denn das zwingt uns, nach der Symbolik der Geschichte zu fragen.

Assmann: „Man muss sich klar machen, dass der Keim der Exodus-Erzählung zu einem ungeheuren Baum gewachsen ist. Und in irgendeinem Stadium dieses Baumes, das man mit dem Buch Deuteronomium in Verbindung bringt, hat die Erzählung politische Stoßkraft gewonnen. Exodus ist Aufklärung, ist Säkularisierung der Herrschaft… Ich halte überhaupt nichts von der Unterscheidung eines neutestamentlichen Gottes der Liebe und eines alttestamentlichen oder gar „alttestamentarischen“ Gottes der Rache und des Zorns. Das Element der Liebe im christlichen Glauben ist in der alttestamentlichen Bundestheologie grundgelegt. Zum Pessachfest, dem Fest des Auszugs aus Ägypten, wird das Hohelied der Liebe (Salomos) gelesen.“

Ich frage mich, ob sich Professor Wertheimer diese „Bibelstunde“ so vorgestellt hat. Die konfuse Debatte anschließend, zu der er selber beiträgt, lässt die Ambivalenz der Exodus-Tradition in einer Art Grauzone. Denn dort, wo sich der Mythos vom „erwählten Volk“ nicht länger in der Ohnmacht, sondern in der Macht wiederholt, erschwert er Kompromisslösungen. Das war so im Genf Calvins, bei den Puritanern in Amerika und wohl auch bei radikalen Israelis gegenüber den Palästinensern.

 

 

Begegnung ohne Grenzen

Wummernde Bässe machen am Samstag mein „Freibad“ zu einem fragwürdigen Vergnügen. Kaum komme ich mit dem Auto aus dem nahen Festplatz heraus, weil 4000 junge Leute „holi gaudy“ feiern. Die Zeitung jubelt: „Tübingen macht bunt“: Jedes Jahr zwischen Februar und März feiern Millionen Hindus in Indien das Holi-Fest und bewerfen sich mehrere Tage lang mit buntem Farbpulver, dem „Gulal“. Es ist eines der ältesten Hindu-Feste und markiert den Frühlingsbeginn. Trotz aller Veränderungen in der modernen indischen Gesellschaft ist die sakrale Bedeutung weiterhin deutlich erkennbar, so werden etwa die Farben noch heute meist vorher auf dem Altar geweiht und die Menschen überbringen Segenswünsche. Davon ist in Tübingen und anderswo nichts zu spüren. Seit einigen Jahren feiern junge Farbfans das Holi-Fest auch in Deutschland, allerdings in Form eines eintägigen Festivals mit elektronischer Musik. Außer Spaß hat es keinen Sinn.

Keine Schlagzeile ist es bisher der Ortszeitung wert, dass am Sonntag in der überfüllten  Morizkirche in Rottenburg viele Menschen einen ökumenischen Gottesdienst  und anschließend unter dem Motto „Begegnung ohne Grenzen“ ein beeindruckendes Fest feierten, ein Tag der Gemeinschaft für Menschen mit und ohne Behinderung.

Am Gottesdienst beteiligten sich der Kinderchor von St. Moriz, Schüler der Lindenschule und Hohenbergschule und Erwachsene aus verschiedenen Wohnprojekten. Leider hat man die Wortbeiträge zum Gebet  hinten akustisch nicht mehr verstanden. Schade! Immerhin sprach die evangelische Pfarrerin deutlich. Dann gab es ein einfaches Mittagessen. Ein buntes Rahmenprogramm mit Vorführungen und Spielangeboten begleiteten durch den Tag. Zum Abschluss gab es noch  ein Konzert in der evangelischen Kirche.

In meiner Rottenburger Zeit gab es jährlich den „Stettener Tag“, an dem Menschen aus der Diakonie Stetten die Kirchengemeinde besuchten, privat bei Gastgebern essen konnten und man mit ihnen einen bunen Nachmittag gestaltete. Mit Schaudern erinnere ich mich an meine Leichtfertigkeit, als ich Bootsfahrten der Behinderten auf dem Neckar mit dem legendären „Affenpaule“ organisierte. Nicht auszudenken, wenn die gekentert wären. Das jetzige Begegnungsfest ist tatsächlich ein „Paradigmenwechsel in Richtung Inklusion“. Das vielfältige Engagement der zahlreichen Ehrenamtlichen hätte in der Zeitung mehr Beachtung als das „Gaudy- Festival“ verdient.

 

 

 

Gedanken zum 14. Juli über Fouché

1929 schreibt Stefan Zweig die Biografie eines Menschen, den er verabscheut, gleichwohl psychologisch verstehen will: „Fouché, Bildnis eines politischen Menschen.“ Als Schüler habe ich mir das entsprechende Taschenbuch gekauft und gelesen – aber alles restlos vergessen. Wahrscheinlich nahmen wir im Geschichtsunterricht die Französische Revolution durch und ich wollte mehr verstehen als der Lehrer bieten konnte. Ich erinnere mich, dass ich in der 9. Klasse – seit kurzem Besitzer eines Tonbandgerätes – sogar ein Hörspiel geschrieben und produziert hatte. Allerdings über Robespierre. Nun regt mich ein Film an, das Bändchen aus dem Keller zu holen, das seltsamerweise alle Umzüge mitgemacht hat.

Hätten doch die vielen Leser seinerzeit dieses Buch nicht nur wie einen spannenden Roman verschlungen, sondern auch die antiideologische Philosophie beherzigt, die Zweig immer wieder einstreut. Mir haben seine Gedanken jedenfalls 1968 geholfen, nicht selbst Ideologen au den Leim zu gehen. Die brutal-autoritär eine antiautoritäre Revolte bewerkstelligen wollten.

Zweig beschreibt Fouché als eine „Charaktermaske“, die vor allem Lust an der Macht hat, unter welchem Regime mit welcher Ideologie auch immer. Das nennt Stefan Zweig seltsamerweise und mit Widerwillen „politisch“. Darüber kann man streiten. Sein Ideal ist die individuelle Persönlichkeit, die sich eben nicht von der Masse mitreißen lässt.

Am 31. Mai 1759 wird Joseph Fouché – noch lange nicht Herzog von Otranto! – in der Hafenstadt Nantes geboren. Was soll erwerden in einem System, das Bürgersöhnen nur untergeordnete Stellungen ermöglicht. „Bleibt nur die Kirche. Diese tausend Jahre alte, an Weltwissen den Dynastieen unendlich überlegene Großmacht denkt klüger, demokratischer und weitherziger. Sie findet immer Platz für jeden Begabten und nimmt auch den Niedrigsten in ihr unsichtbares Reich. .. Er könnte höher gelangen, Pater werden, vielleicht einmal gar Bischof oder Eminenz, wenn er das Priestergelübde leistete. Aber typisch für Joseph Fouché: schon auf der ersten, der untersten Stufe seiner Karriere tritt ein charakteristischer Zug seines Wesens zutage, seine Abneigung, sich vollkommen, sich unwiderruflich zu binden an irgend jemand oder irgend etwas. Er trägt geistliche Kleidung und Tonsur, er teilt das mönchische Leben der andern geistlichen Väter, er unterscheidet sich während jener zehn Oratorianerjahre äußerlich und innerlich in nichts von einem Priester. Aber er nimmt nicht die höheren Weihen, er leistet kein Gelübde. Wie immer, in jeder Situation, hält er sich den Rückzug offen, die Möglichkeit der Wandlung und Veränderung. Auch an die Kirche gibt er sich nur zeitweilig und nicht ganz, ebensowenig wie später an die Revolution, das Direktorium, das Konsulat, das Kaisertum oder Königreich: nicht einmal Gott, geschweige denn einem Menschen verpflichtet sich Joseph Fouché, jemals zeitlebens treu zu sein.“

Kein Zufall vielleicht, dass alle die drei großen Diplomaten der Französischen Revolution, dass Talleyrand, Sieyès und Fouché aus der Schule der Kirche kamen, schon längst Meister der Menschenkunst, ehe sie noch die Tribüne betraten. Die uralte, gemeinsame, weit über sie hinausreichende Tradition prägt ihren sonst gegensätzlichen Charakteren in den entscheidenden Minuten eine gewisse Ähnlichkeit auf. Dazu kommt bei Fouché noch eine eiserne, gleichsam spartanische Selbstzucht, ein innerer Widerstand gegen Luxus und Prunk, ein Verbergenkönnen privaten Lebens und persönlichen Gefühls.“

Atemberaubend ist es zu verfolgen, wie dieser Mann alle Eskapaden der Revolution überlebt: Jakobiner und „Schlächter von Lyon“, Kollege und dann Todfeind Robespierres, dem er mit der Guillotine zuvorkommt.

Als unbeschränkter Diktator der Verwaltung reißt er alle kirchlichen Befugnisse an sich. Er hebt das Zölibat auf, gebietet den Priestern, innerhalb eines Monates zu heiraten oder ein Kind zu adoptieren, er schließt Ehen und scheidet sie auf offenem Markte, er steigt auf die Kanzel (von der sorgfältig alle Kreuze und religiösen Bildnisse entfernt wurden) und hält atheistische Predigten, in denen er die Unsterblichkeit und das Dasein Gottes leugnet. In Moulins reitet er an der Spitze eines Zuges durch die ganze Stadt, einen Hammer in der Faust, und zerschlägt die Kreuze, Kruzifixe und Heiligenbilder, die »schändlichen« Wahrzeichen des Fanatismus. Die geraubten Priestermitren und Altardecken werden zu einem Brandstoß aufgeschichtet, und während die Flammen grell emporschlagen, umtanzt der Pöbel jubelnd dieses atheistische Autodafé. Stolz kann er sich gegen seinen schwächlicheren Atheistenkollegen rühmen, er habe den Fanatismus zerschmettert, das Christentum in dem ihm unterstellten Gebiet so ausgerottet wie den Reichtum. Als Polizeiminister Napoleons baut er eine Staatssicherheit auf und bespitzelt nicht nur „unten“, sondern auch „die da oben“. Der Kaiser soll ihn gefürchtet haben. Als der fällt, bringt es Fouché zum Regierungschef und unter dem wieder eingesetzten König gar wieder zum Ministeramt. Zwischendurch gleicht seine Karriere einer Achterbahnfahrt und am Ende von allen verlassen kehrt er zum Sterben in den Schoß der Kirche zurück.

Wie schafft er das? Zweig: „Die Nerven beherrschen ihn nicht, die Sinne verführen ihn nicht, alle seine Leidenschaft lädt und entspannt sich hinter der undurchdringlichen Wand seiner Stirn. Er lässt seine Kräfte spielen und lauert dabei wach auf die Fehler der andern; er lässt die Leidenschaft der andern sich verbrauchen und wartet geduldig, bis sie sich verbraucht haben oder in ihrer Unbeherrschtheit eine Blöße geben: dann erst stößt er unerbittlich zu. Furchtbar ist diese Überlegenheit seiner nervenlosen Geduld: wer so warten kann und so sich verbergen, der kann auch den Geübtesten täuschen. Ruhig wird Fouché dienen, er wird, ohne mit der Wimper zu zucken, die gröbsten Beleidigungen, die schmachvollsten Erniedrigungen kühl lächelnd einstecken, keine Drohung, keine Wut wird diesen Fischblütigen erschüttern. Robespierre und Napoleon, beide zerschellen sie an dieser steinernen Ruhe wie Wasser am Fels: drei Generationen, ein ganzes Geschlecht stürmt und verebbt in Leidenschaft, indes er kalt und stolz beharrt, der einzige Leidenschaftslose. Diese Kälte also des Blutes bedeutet Fouchés eigentliches Genie. Sein Körper hemmt ihn nicht und reißt ihn nicht mit, er ist gleichsam nicht dabei in all diesen verwegenen Geistspielen. Sein Blut, seine Sinne, seine Seele, all diese verwirrenden Gefühlselemente eines wirklichen Menschen tun nie wirklich mit bei diesem heimlichen Hasardeur, dessen ganze Leidenschaft hinaufgeschoben ist ins Gehirn. Denn dieser trockene Schreibstubenmensch liebt lasterhaft das Abenteuer, und seine Passion ist die Intrige.“

Was die einstigen Parteifreunde von ihm meinen und reden, was die Menge, die Öffentlichkeit denkt, lässt ihn vollständig kalt. Wichtig bleibt ihm nur eins, immer beim Sieger, niemals bei den Besiegten zu sein. In der Blitzartigkeit dieser Umkehr, im maßlosen Zynismus seiner Charakterumstellung bewährt er ein Maß Frechheit, das unwillkürlich betäubt und zur Bewunderung zwingt. Ihm genügen vierundzwanzig Stunden, oft nur eine Stunde, oft nur eine Minute, um blank die Fahne seiner Überzeugung wegzuwerfen und eine andere rauschend zu entrollen. Er geht nicht mit einer Idee, sondern geht mit der Zeit, und je rascher sie rennt, desto geschwinder wird er ihr nachlaufen.“

Dass er bald selber Multimillionär wird und in den Adel aufsteigt, gehört dazu.

Stefan Zweig mahnt die Politiker zur Mäßigung. „Die Schuld der französischen Revolutionäre ist also nicht, sich am Blute berauscht zu haben, sondern an blutigen Worten: sie haben die Torheit begangen, einzig, um das Volk zu begeistern und ihren eigenen Radikalismus sich selbst zu bescheinigen, einen bluttriefenden Jargon geschaffen und ununterbrochen von Verrätern und vom Schafott phantasiert zu haben. Aber dann, als das Volk, berauscht, besoffen, besessen von diesen wüsten, aufreizenden Worten, die ihnen als notwendig angekündigten »energischen Maßregeln« wirklich fordert, da fehlt den Führern der Mut, zu widerstreben: sie müssen guillotinieren, um ihr Gerede von der Guillotine nicht Lügen zu strafen. Ihre Handlungen müssen zwanghaft ihren tollwütigen Worten nachrennen, und ein grauenhafter Wettlauf beginnt, weil keiner wagt, hinter dem anderen in dieser Jagd um die Volksgunst zurückzubleiben.“

Ich finde, dieses Werk ist aktuell wie eh und je. Mag sein, dass heutige Literaturkritik sich daran stört, dass es spannend und überaus lesbar geschrieben ist. Vielleicht sehen Historiker einige Details anders. Bleibt die Frage: Warum verfilmt keiner das Leben dieses Charakterchamäleons?

Nach der Morgenröte

Mit gemischten Gefühlen verlassen wir das Kino nach dem Film „Vor der Morgenröte, Stefan Zweig in Amerika“. Die letzte Szene wirkt nach: Da liegen Stefan Zweig und seine Frau Charlotte tot in ihrem Bett in Petrópolis, und die Kamera zeigt aus der Perspektive der beiden, wie die Leute im Schlafzimmer auf den Selbstmord des Ehepaars reagieren. Es gibt Tränen, Flüstern, ratloses Schweigen und hektische Aktivität, und zugleich liegt eine tiefe Vergeblichkeit über dem Geschehen. Sein Freund und Kollege Ernst Feder verliest die letzte Erklärung, in der es heißt: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht!“  Dieser Doppel-Suizid wirft bis heute Fragen auf. Wie kann ein Pazifist zu dieser Gewalt gegen sich kommen? Warum musste seine weit jüngere Frau mit ihm gehen? War er einfach erschöpft oder angesichts der Entwicklung des Krieges verzweifelt? Im Februar 1942 standen die deutschen Truppen in Libyen mit Ziel Suez-Kanal, die japanischen hatten Singapur erobert. Der Film lässt die Fragen offen, nachdem er die schwierige Lage der deutschen Emigranten in Amerika ausführlich gezeigt hatte. Stefan Zweig ging es äußerlich eigentlich gut. Seine international erfolgreichen Bücher sicherten ihm ein Einkommen, vielen weit ärmeren Flüchtlingen konnte er helfen. Brasilien war nicht gefährdet.

Leider wird die „Schachnovelle“, die er kurz vorher abgeschlossen hatte, im Film nur kurz erwähnt. Ich denke, sie enthält viele autobiografische Züge. Kurioserweise ließ er nur 250 Exemplare drucken, weil er die Arbeit für abseitig hielt und „zu abstrakt für das große Publikum“. In diesem Bestseller schildert er eine psychologische Foltermethode, die erst später von der CIA angewendet wurde: die totale Isolierung, die einen Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Offenbar empfand sich Zweig in einer ähnlichen Situation. Vielleicht hatte er auch Trost gesucht in der Lektüre der Essais Montaignes, der den Freitod verherrlicht. Schon früher hatte er sich immer wieder in seinen Erzählungen mit dem Suizid beschäftigt. Zeitlebens litt er selber unter endogenen Depressionen. Wahrscheinlich hat Hartmut Müller recht:„Seine Religion war der Glaube an den Menschen. Als das Traumschloß des humanen Optimismus in Trümmern lag, flüchtete Stefan Zweig in sein letztes Refugium, in den Tod.“ (Stefan Zweig, rm 413 S.132.)

Der Film „Vor der Morgenröte“ beginnt mit einem Empfang in Rio de Janeiro und einer Schriftstellerkonferenz in Buenos Aires im September 1936. Zweig erläutert seinen Pazifismus, dem er sich nach einer kurzen nationalistischen Begeisterung im Ersten Weltkrieg  verschieben hatte. Diese Haltung isoliert ihn von den politisch engagierten Schriftstellern.

Der FAZ-Kritiker meint: „Von Buenos Aires springt der Film fünf Jahre weiter nach Bahia, dann nach New York und schließlich nach Petrópolis, und jedes Mal herrscht die gleiche lähmende Mischung aus Dokufiction und Kostümtheater. Die Kapelle, die in der Hitze der Zuckerrohrfelder den Donauwalzer intoniert, ist eine schöne Pointe, aber sie verzischt ohne Nachhall.“ Insgesamt wird furchtbar viel geredet.

Der Film hat mich angeregt, noch einmal einige seiner Werke  und die Biografie von Oliver Matuschek zu lesen. Gerade angesichts der gegenwärtigen Europa-Krise hat dieser im besten Sinn altmodische Autor uns einiges zu sagen. Das kommt im Film zu wenig ins Bild.

 

Christliche Klinik

Kürzlich nahm ich an der Mitgliederversammlung des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission e.V. (Difaem) teil. Über die internationale Arbeit der Gesundheitsdienste, die ausführlich vorgestellt und diskutiert wurde, habe ich erst kürzlich berichtet. www.difaem.de.

Neu waren für mich die Informationen über das Paul-Lechler-Krankenhaus, das mittlerweile in eine gemeinnützige Betriebs-GmbH ausgegliedert wurde. Bei den vielen Millionen Euro, die zu verantworten sind, freut man sich, dass Vorstand und Verwaltungsrat offenbar sehr sorgfältig arbeiten. Denn das Difaem ist immer noch von Spendern abhängig.  http://www.tropenklinik.de. Die Leistungen der Mitarbeiter sind jedenfalls äußerst eindrucksvoll. Die 1916 als Tropengenesungsheim gegründete Klinik hat ihren Schwerpunkt heute in Geriatrie und Palliativmedizin. Doch wurden 2015 in der Abteilung „Tropen- und Reisemedizin“ insgesamt 3584 Patienten ambulant versorgt, sowie 3949 Reisende geimpft. 109 Fälle mit tropenmedizinischen Erkrankungen wurden stationär behandelt.

Nun ist schon länger klar, dass das hundertjährige Gebäude den heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen ist. Darum hat man einen Neubau begonnen, den wir besichtigen durften. Sehr gerühmt wurde der tolle Ausblick auf Tübingen im Tal. Ehrlich gesagt finde ich allerdings umgekehrt den Aufblick auf diesen Kasten nicht besonders schön. Aber es geht darum, dass Patienten gesund werden und sich wohlfühlen. Das wird wohl der Fall sein. Man kann sich vielfältig für diesen Neubau engagieren. https://bauen-sie-mit.tropenklinik.de/home.

Wichtig war den Mitgliedern, dass der berühmte „Geist des Hauses“ erhalten bleibt.

Kopfzerbrechen bereitete uns aber die Frage, was mit dem Altbau geschehen soll. Anscheinend ist eine Renovierung teurer als ein Neubau. Da wird man dann wohl um einen (Teil?-)Abriss nicht herumkommen, obwohl das Gebäude den Tübingern seit exakt hundert Jahren ans Herz gewachsen ist. Völlig offen ist die Frage, welche Funktion dieses Haus übernehmen könnte. Eine Abstimmung gab es diesmal noch nicht, aber das Meinungsbild favorisierte klar eine ökonomische Lösung. Wobei ein guter Architekt die vertraute Fassade aufnehmen könnte.

Seit bald vier Jahren besteht die Akademie für globale Gesundheit und Entwicklung (AGGE), die das Difaem in Kooperation mit anderen Trägern betreibt. Dieses Jahr führt die AGGE Kurse für medizinische Fachkräfte in Westafrika, um die Gesundheitssysteme vor Ort in der Post-Ebola-Periode zu stärken. Außerdem gibt es Kurse zu „Migration und Gesundheit“ für Mediziner in Deutschland, die Asylsuchende betreuen.

Bei dieser Mitgliederversammlung finde ich immer reizvoll, dass nicht nur eine Tagesordnung abgearbeitet wird, sondern auch viele Gespräche mit auf verschiedenen Feldern engagierten Mitgliedern möglich sind. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass ihr Altersdurchschnitt steigt, obwohl mit „StuDifaem“ auch Medizinstudenten vertreten sind. Als Studentenpfarrer habe ich mich in den achtziger Jahren dafür eingesetzt, dass auch Theologiestudenten einbezogen werden. Es müsste sie ja eigentlich interessieren, wie  eine heilende Kirche weltweit agiert.

 

Licht in Dußlingen

Man muss nur einige Kilometer hinter unserem Haus durch den Wald Rammert gehen, dann kommt man nach Dußlingen. Dort steht seit 1501 die Peterskirche. Heute gehen wir hin in den Gottesdienst, weil eine russische Missionarin predigt. Ich lese:

„Vom 05.07. bis 14.07.2016 besucht die Straßenmissionarin Schirinaj Dossowa aus Moskau Gemeinden in Deutschland und hat dabei spannende Berichte aus Russland und Zentralasien im Gepäck. Die körperlich eher zierliche Frau Mitte Fünfzig schafft es, den Zuhörer mit ihrem Temperament und ihren bewegenden Zeugnissen von Menschen zu faszinieren und zum Nachdenken zu bringen. Da sie als Kind selbst in einem moslemischen Land aufgewachsen ist, liegen ihr Menschen mit muslimischem Glauben besonders am Herzen. Dossowa unterrichtet an Theologischen Ausbildungsstätten, wird gerne als Referentin angefragt und predigt auf der Straße das Evangelium in der Hauptstadt Russlands. Schirinaj Dossowa ist langjährige Missionarin von „Licht im Osten“ und mehrfach ausgezeichnet mit dem internationalen „Hope Award“.“

Zunächst feiert aber der 70iger Jahrgang mit seinem Liederkranz. Da muss die Predigt warten. Dann legt Frau Dossowa los, ihr Dolmetscher ist manchmal noch schneller. Man merkt, dass die beiden Routine haben. Auch wenn ich ihre Theologie und manche Praxis ablehne, bin ich doch beeindruckt von dem persönlichen Einsatz.  Als deutscher Religionsbeamter mit Pensionsberechtigung kann man sich kaum vorstellen, welche Gefahren diese Menschen für ihren Glauben an Christus auf sich nehmen. In Russland und Zentralasien hat man für evangelikale Christen wenig Verständnis, schon gar nicht für offensive Missionare. Manch einer sitzt jahrelang im Gefängnis. Oder kommt in die Psychiatrie. Diese Nachfolgestaaten der Sowjetunion haben nie bürgerliche Freiheiten gekannt. Ihre oft noch kommunistisch ausgebildeten Staatsführer nutzen nun den Islam zur Unterstützung ihrer Macht. Religionsfreiheit stört da nur.

Dass Frau Dossowa, die selbst aus einer muslimischen Familie kommt, den Islam kritisch beurteilt, kann man verstehen. Es ist erstaunlich, dass sie offenbar ihre zahlreichen Geschwister für den christlichen Glauben begeistern konnte.Manches erscheint mir naiv. Aber es wird durch große Opferbereitschaft bekräftigt.

Im Vortrag nach dem Gottesdienst geht sie besonders auf das neue „Anti-Terror-Gesetz“ in Russland ein. Dieses Gesetz schränkt unter anderem das vom russischen Grundgesetz her garantierte persönliche Recht jedes Bürgers zur freien Ausübung und Verbreitung der eigenen Glaubensüberzeugungen massiv ein. Neu eingeführt wurde der Begriff „missionarische Tätigkeit“. Darunter wird jegliche Aktivität einer religiösen Vereinigung verstanden, bei der es um die Verbreitung ihrer Glaubenslehre unter Personen geht, die dieser Vereinigung nicht angehören, mit dem Ziel, sie zu Mitgliedern zu machen.
Zuwiderhandlungen werden mit hohen Geldstrafen geahndet. Die Strafen betragen zwischen 400 und 750 EUR für Privatpersonen und für juristische Personen zwischen 1.400 und 14.000 EUR.
Dieses Gesetz legt außerdem fest, dass alle Telefonate und sämtliche Arten von elektronischer Kommunikation mindestens für ein halbes Jahr zu speichern sind.

Was dieses Gesetz an konkreten Auswirkungen für die protestantischen Gemeinden haben wird, ist im Einzelnen noch nicht abzusehen, aber es ist klar, dass dies zu drastischen Beschneidungen der Möglichkeiten evangelischer Tätigkeit führen wird.

Vor der Kirche wird an einem Bücherstand russische und deutsche Literatur angeboten. Das Buch „Mein ewiger Frühling“ von Schirinaj Dossowa ist allerdings heute schon vergriffen. Ich bestelle  es mir bei „Licht im Osten“ http://www.lio.org.

 

Orthodoxes Trauerspiel

Seit langer Zeit gehe ich wieder einmal zum Stuttgarter Oberkirchenrat. Der Arbeitskreis Orthodoxie tagt. Es ist nett, dass wir „Pfarrrentner“ auch eingeladen sind. Allerdings würde dem Kreis eine jugendliche Auffrischung nicht schaden. Die Debatte über das Selbstverständnis zeigt mir, dass man sich immer noch nicht klar über die Ziele ist. Beratung der Kirchenleitung? Will die das überhaupt? Ich schätze den Austausch mit orthodoxen Gästen. Ein junger russischer Priester spricht über das Gebet, ein serbischer stellt seine Kirche vor. Ebenfalls wertvoll sind die Kontakte mit osteuropäischen Stipendiaten. Ansonsten besteht der Kreis aus Individualisten, die alle sehr unterschiedliche biografisch bedingte Zugänge zur Orthodoxie haben. Manche haben berufliche Kontakte, andere haben in orthodoxen Fakultäten studiert.

Heute hat der ehemalige Nahostreferent und Griechenland-Kenner Ulrich Kadelbach seinen Auftritt. Er hat die „panorthodoxe Synode“ beobachtet, die jüngst in Kreta zu Ende ging. Natürlich kam er als „Ketzer“ nicht zu den internen Beratungen, aber am Rande kann man ja auch allerlei aufschnappen und vor allem fotografieren.

Dieses Konzil war jahrelang  – eigentlich jahrhundertelang! (Es würde die Reihe der von der Orthodoxie anerkannten sieben Ökumenischen Konzilien zwischen 325 und 787 fortsetzen.) – vorbereitet worden, litt aber vor allem unter der Absage u.a. der russischen Kirche. Deswegen werden die verabschiedeten Dokumente wohl auch nicht offiziell anerkannt.  Themen wie Die moderne Welt aus der Sicht der Orthodoxen Kirche wären nicht unwichtig, wenn auch aus protestantischer Sicht wenig aufregend. Das Dokument „Die Mission der Orthodoxen Kirche in der modernen Welt“ dient als Konzilsvorlage zur Beschreibung des Verhältnisses der Kirche zur heutigen Welt. In ihm spiegeln sich verschiedene einflussreiche orthodoxe Denkströmungen im 20. Jahrhundert wider. Bei der Endredaktion hat das Dokument in den letzten beiden Jahren eine Akzentverschiebung weg  von einem liberaleren Freiheitsverständnis erfahren. Entsprechend kritisch fallen die Kommentare westlicher Journalisten aus.Erstaunlich allerdings die positive Einschätzung der Ökumene. In manchen orthodoxen Kreisen ist das ein Schimpfwort.

Mir geht es in der Beschäftigung mit der Orthodoxie immer gleich: Fasziniert von der Schönheit der Ikonen und der Liturgie nehme ich gern an Gottesdiensten teil. Ich bewundere manche Aspekte der Spiritualität. Theologisch kann ich aber nur den Kopf schütteln, wenn man heutige Probleme mit Zitaten der Kirchenväter lösen will. Frustriert bin ich von der politischen Machtpolitik, die mich kalt lassen könnte, wenn sie nicht die gesamte Christenheit diskreditieren würde. Unter ihr leiden allerdings die orthodoxen Menschen,  mit denen ich befreundet bin, am meisten.

Ich beneide unsere Kirchenleitungen und Orthodoxie-Fachleute nicht um ihre oft schwierigen diplomatischen Aufgaben. Ich bin froh, dass ich dazu nicht mehr gezwungen bin. „Dieses Konzil ist ein Trauerspiel“, meint jemand. Wer will da widersprechen?

 

 

 

 

 

Zinzendorf in Tübingen

Lieber hätte ich über “Zinzendorf und Europa” gesprochen, denn dieser originelle Theologe hatte dazu ein paar kreative Ideen. Doch der ehemalige Stiftskirchenmesner hatte mich eingeladen zum Thema „Zinzendorf und Tübingen“, weil der Herrnhuter 1734 einen bemerkenswerten Auftritt in seiner Kirche hatte.

Der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine sollte als Mitglied des Hochadels kein geistliches Amt übernehmen. Der Reichsgraf, ein studierter Jurist, wollte aber nicht nur in Konventikeln predigen, sondern suchte die offizielle Anerkennung seiner aus mährischen Flüchtlingen und seltsamen Querdenkern zusammengewürfelten Gemeinde. So legte er zunächst im (damals schwedischen) Stralsund ein „Rechtgläubigkeits-Examen“ ab und suchte dann eine Art Ordination. Mitglieder seiner Gemeinde hatten schon Tübinger Studenten angesprochen. Umgekehrt wirkten schwäbische Theologen wie Oetinger in Herrnhut. Nach seiner Ausweisung aus Sachsen reiste er 1733 durch Württemberg, knüpfte Kontakte zu führenden Pietisten wie Johann Albrecht Bengel und Tübinger Professoren. Diese verfassten ein positives theologisches Gutachten „Bedenken“ und wollten ihn gar zum Doktor der Theologie promovieren. Zinzendorf lehnte das ab, nahm aber eine Art Appobation an. So bestieg er also am 4. Advent 1734 die Kanzel der Tübinger Stiftskirche, eine große Show für die ganze Stadt:  „Er war in schwarzem Samt gekleidet, hatte einen langen Mantel an, unter demselben das kleine Ordensband und den Stern auf der Brust. Er redete aus der Fülle seines Herzens. Aus der Kirche ging sein Heiduck (Diener)  mit ihm.“ Er predigte noch in der Spitalkirche und reiste dann schnell wieder ab, nannte sich seitdem aber gern einen württembergischen Theologen. Man kann ihn im weiteren Sinn zu den Pietisten zählen. Als er einmal gefragt wurde, was seine Leute von den Schwaben unterscheide, soll er gesagt haben: „Wo die Württemberger  hinken, da tanzen wir Herrnhuter.“ In der Tat zeichnen Fröhlichkeit und Gesang die Gemeinden der Brüder-Unität aus.

Auf einer seiner zahlreichen Reisen kam er 1740 von Philadelphia in Nordamerika über Frankreich für 14 Tage nach Tübingen und predigte über die „Verklärung Christi“. Ein schwedischer Student berichtet: „Die Kirche war bei dieser Gelegenheit ganz gestopft voll von Menschen…Obwohl der Graf über zwei volle Stunden lang predigte, schien es sämtlichen Zuhörern dessen ungeachtet so, als ob die Predigt wegen ihrer gefälligen Form nur kaum eine halbe Stunde gedauert hätte.“

Bei meiner Vorbereitung staune ich einmal mehr über den weiten Horizont, in dem Graf Zinzendorf wirkt. Seine Handwerker-Gemeinde hatte nicht nur die „Äußere Mission“ (Karibik, Indianer, Grönland, Südafrika, Surinam etc.) für die evangelische Christenheit wieder begründet, die heute in Afrika verblüffendes Wachstum verzeichnen kann.  Ihm lag auch die „Innere Mission“ (Diasporaarbeit in London, Amsterdam etc.) in Europa am Herzen, wobei ihn Klassen- und Milieuschranken nicht irritierten. Wenn er in einer Räuberhöhle übernachten musste, nutzte er die Gelegenheit, um auch den Ganoven Christus zu bezeugen. Wenn das Geld für die Kutsche nicht mehr reichte, ging er zu Fuß weiter und nutzte die Wanderung für Gespräche mit Leidensgenossen oder innere Gespräche mit seinem Heiland.

Bis heute ist die „Brüder-Unität“ eine weltweite Kirche, die lediglich in „Provinzen“ organisiert ist. Die vielen Fragen dazu in der Diskussion zeigen mir allerdings, dass die Herrnhuter ihre Öffentlichkeitsarbeit noch verstärken sollten.

Näheres unter http://www.ebu.de/startseite/

Kirche gegen Rüstungsexporte

Ich möchte, dass meine Kirche deutlich etwas zur Steigerung der Waffenexporte sagt“, meint der Tübinger Synodale Dr.med.Harald Kretschmer in einer Vorbesprechung der „Offenen Kirche“ zur kommenden württembergischen Landessynode. Geduldig hat er die Tagesordnung vorgetragen, die bei dem kleinen Häuflein der Zuhörer nur müde Anteilnahme findet. Dass der Rüstungsexport angesprochen werden soll, weckt aber das Interesse. Doch wozu noch ein „Wort“, das dann wie so viele andere in der pfarramtlichen „Ablage“ landet? Reicht es denn nicht, was der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, veröffentlicht hat? Er hat den deutlichen Anstieg deutscher Rüstungsexporte scharf kritisiert. „Es ist in meinen Augen ein Skandal, dass Deutschland mit diesen Exporten dazu beiträgt, dass Konflikte in der Welt entstehen, fortgeführt oder verschärft werden“. Der EKD-Friedensbeauftragte reagierte damit auf Berichte, wonach sich laut Rüstungsexportbericht im vergangenen Jahr die deutschen Rüstungsexporte gegenüber 2014 nahezu verdoppelt haben.

„Rüstungsexporte tragen zur Friedensgefährdung bei“, sagte Brahms: „Sie dürfen nicht ausgeweitet, sondern sie müssen drastisch reduziert werden.“ Es reiche nicht aus, wenn die Bundesregierung in Erklärungen immer davon rede, Rüstungsexporte zu begrenzen, wenn am Ende die Ausfuhrgenehmigungen doch so stark stiegen. „Hier müssen den Worten dann auch erkennbare Taten folgen“, erklärte der EKD-Friedensbeauftragte. Als besonders kritisch hob Brahms Waffenlieferungen in Krisengebiete wie Saudi-Arabien oder Katar hervor. „Es ist höchste Zeit, dass die Menschenrechtslage in diesen Ländern, aber auch die Frage, ob sie in Konflikte involviert sind, eine größere Beachtung bei Exportgenehmigungen erfährt“, sagte er und fügt hinzu: „Die Menschenrechtslage in diesen arabischen Ländern ist schlimm und Saudi-Arabien trägt mit seiner Politik dazu bei, dass die Golfregion nicht zur Ruhe kommt. Hier dürfen keine deutschen Waffen geliefert werden.“

Die Einzelgenehmigungen für die Ausfuhr von Rüstungsgütern stiegen im vergangenen Jahr auf 7,86 Milliarden Euro. 2014 hatte die Bundesregierung Ausfuhrgenehmigungen für Rüstungsexporte im Wert von 3,97 Milliarden Euro erteilt.

Natürlich wünsche ich, dass unser Landessynode sich damit befasst und deutliche Worte findet. Noch besser wäre es, wenn sich der Landesbischof an die Spitze der Rüstungs-Kritiker stellt. Am besten wäre es, wenn er dem Rüstungskonzern Daimler eine Lektion erteilen würde. „Doch“, so weiß auch der Synodale Kretschmer, „einen so starken Kirchensteuerzahler verärgert ein Bischof nicht.“ Also müssen wir Christen an der Basis es selber tun.