Archiv für den Monat September 2018

Kirche hat Zukunft

Am 1. Advent 2019 werden rund 10.000 Kirchengemeinderäte und 90 Landessynodale in der württembergischen Landeskirche gewählt.

Darum ging ich am Samstag zur Mitgliederversammlung der „Offenen Kirche“, die in Stuttgart ein neues Wahlprogramm beschlossen hat. Siehe www.offene-kirche.de.

Da geht es zu wie auf einem Parteitag, nur harmonischer. Die Synodalgruppe der „Offenen Kirche“ ist meistens in der Opposition, kann aber doch den einen oder andern Antrag durchbringen.

„Es ist ein bewundernswertes Engagement, sich für sechs Jahre ehrenamtlich für eine kirchliche Leitungsaufgabe zur Verfügung zu stellen und eine besondere Weise, die Entwicklung der Landeskirche mitzubestimmen“, so Landesbischof July. Etwa 10.000 Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte leiten die etwa 1.280 Kirchengemeinden der Landeskirche zusammen mit ihrer Pfarrerin bzw. ihrem Pfarrer. Und die 90 ebenfalls zu wählenden Landessynodalen bestimmen den Kurs der gesamten Kirche auf landeskirchlicher Ebene mit. Wie weit diese „Mitbestimmung“ geht ist immer eine offene Frage.

Ich erinnere eine böse Erfahrung: Gern habe 1978/79 als Landesjugendvikar in der „Arbeitsgemeinschaft Höhere Schule“ (ahs) mit kritischen Schülern gearbeitet. Weil der damaligen Synode die politische Ausrichtung nicht passte, wurde diese verdienstvolle Arbeit im  Rahmen des Landesjugendpfarramts später einfach per Synodalbeschluss abgeschafft.

Ich gebe zu: Meine Leidenschaft für Kirchenpolitik hat stark gelitten. Theologische und spirituelle Anregungen bekomme ich eher auf anderen Feldern.

Die württembergische Landessynode ist aber  die einzige in Deutschland, deren Mitglieder per Urwahl direkt von den Kirchenmitgliedern gewählt wird und vertritt – so die Kirchenverfassung – „die Gesamtheit der evangelischen Kirchengenossen“. Zu den Aufgaben der 90 Landessynodalen gehört neben der Wahl des Landesbischofs auch die kirchliche Gesetzgebung. Sie beschließt zudem den landeskirchlichen Haushaltsplan und regelt die Verwendung der Kirchensteuer-gelder. Der letzte Punkt ist mir besonders wichtig. Viele mir wichtige gesellschaftliche Aufgaben bleiben liegen, wenn die konservative Mehrheit immer nur die eigenen Anhänger bedient. Und das womöglich noch „Mission“ nennt. Eine starke Bastion ist der Oberkirchenrat, dessen Finanzfachleute besonderes Gewicht haben. Darum wäre es wünschenswert, wenn diese Menschen von der Synode gewählt und abgewählt werden könnten. So demokratisch will man bisher aber noch nicht sein.

Jedem ist klar, dass das Interesse der Kirchenmitglieder bescheiden ist. Sie mucken meistens erst dann auf, wenn lokale Interessen berührt sind. Ich finde  deswegen den Vorschlag gut, dass  die jetzigen Synodalen einen kleinen Katalog vorlegen, was sie bisher erreicht haben. Dazu gehört beispielsweise ein Papier zur Rüstungskonversion und der Beitritt zur „Aktion Aufschrei“ gegen Rüstungsexporte.

Die Prospekte „Kirche hat Zukunft“ sind inhaltlich und formal überzeugend. Aber Papier allein reicht nicht. Wir müssen auch Menschen finden, die sich für den weiteren Weg der Evangelischen Kirche begeistern.

 

 

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Postwachstum

Selten habe ich die Rottenburger Zehntscheuer bei einer politischen Veranstaltung so voll, ja überfüllt gesehen wie gestern  abend  beim Vortrag von Professor Niko Paech zum Thema „Das Wachstum-Dogma hat sich überlebt“. Veranstalter war das „Aktionsbündnis Rottenburg/Kiebingen: Kein Gewerbegebiet Galgenfeld.“ Siehe: www.galgenfeld.info. Ein regelrechter „Wahlkampf“ hat begonnen bis zum Bürgerentscheid am 21 Oktober.

Niko Paech war mir im November 2011 in der Evangelischen Akademie Bad Boll aufgefallen, als er auf der Tagung „Ökologisierung Deutschlands“ für mich erstmals über Postwachstum sprach. Die Tagung wurde vom Freundeskreis Erhard Eppler unterstützt, der ja schon Anfang der siebziger Jahre das Wachstumsdogma in Frage stellte, allerdings damit bei  den Landtagswahlen 1976 und 1980 als Spitzenkandidat der SPD krachende Niederlagen einfuhr. Ich fürchte, das Rottenburg/Kiebinger Aktionsbündnis wird dieselbe Erfahrung machen. Denn unsere Kommunalpolitiker  – und übrigens auch die meisten Ökonomen – vertrauen in der Mehrheit immer noch auf weiteres Wachstum um jeden Preis. Der Zwischenruf des Rottenburger Baubürgermeisters war dafür typisch. Er brachte allerdings das Publikum gegen sich auf, weil er dem Aktionsbündnis das St. Floriansprinzip unterstellte. Als seien die Leute nur gegen weitere Gewerbegebiete, wenn sie vor der Haustür geplant werden.

Wie gefährlich und kurzsichtig das ist, führte Professor Niko Paech ausführlich mit vielen Schaubildern aus. Da ist zunächst schon der Klimawandel und Flächenverbrauch als Preis des Wohlstands beschrieben. Unversiegelte Flächen werden also wichtiger denn je. Skeptisch sieht er das „grüne Wachstum“, das er nicht für nachhaltig hält. Nachhaltig seien nicht Technologien, sondern Lebensstile. In unserm Land sei ein Zustand erreicht, den er als „Konsumverstopfung“ bezeichnet. Der Ressourcenverbrauch ist nicht nur schädlich, sondern überfordere den Menschen auch psychisch. Dazu führte er Erkenntnisse der Glücksforschung vor. Der erste Kauf kann befriedigen, der xte verursacht nur noch Stress. Die Zunahme von „burnout“ und Antidepressiva zeige die Grenzen der Konsumgesellschaft mit ihren falschen Versprechungen.

Genügsamkeit und Begrenzung möchte er attraktiv machen durch kleine Netzwerke, die neue Befriedigung schaffen. So ist er nicht nur für industriellen Rückbau, sondern auch für den Aufbau kleiner handwerklicher Produktionsstätten und Reparaturbetriebe. Regionaler Produktion wird  dabei der Vorzug gegeben, was schädliche Verkehrsströme minimiert.

Er selbst geht mit gutem Beispiel voran: Er fliegt nicht, benutzt öffentliche Verkehrsmittel statt eigenes Auto, trägt geflickte Kleidung und repariert oder lässt  seine Industrieprodukte reparieren. Dabei fordert er Reduzierung von Arbeitszeit, um mit der restlichen Zeit ehrenamtlich oder genossenschaftlich sozial wertvolle Arbeit leisten zu können. Dazu zählen auch seine vielen Vorträge überall im Land, die seiner Universitätskarriere eher geschadet haben. Einen ähnlichen Vortrag von ihm kann man im Internet hören: https://www.youtube.com/watch?v=Pd7KAph6qj8.

Wenn Paech auch in seiner Zunft der Ökonomen abgelehnt wird, so bekommt er um so mehr Anerkennung in der Zivilgesellschaft. So verleiht ihm am 21. Oktober die Evangelische Akademie Baden den Bad Herrenalber Akademiepreis 2018 für seine Beiträge zu einer Ökonomie der Genügsamkeit.

Jesus liebt Trans*

Noch sitzt mir eine lange Wanderung um Zavelstein herum in den Knochen, da bin ich schon wieder im Schwarzwald. Ich besuche Pfarrer Klaus-Peter Lüdke in Altensteig, der ein Buch über „Transidentität in Familie und Kirchengemeinde“ geschrieben hat. Er teilt sich die Pfarrstelle mit seiner Frau, sodass er mit seinem 50%-Auftrag Zeit für andere Aufgaben hat. Wer hier als Theologe tätig ist, muss ganz schön fromm sein. Denn in diesem idyllischen Ort tummeln sich neben den landeskirchlichen Pietisten auch noch vierzehn weitere Freikirchen und Sekten. Und die finden es gar nicht gut, dass sich ein Pfarrer mit Genderfragen beschäftigt und nun sogar im Vorstand von „Trans-Kinder-Netz“ tätig ist. (https://www.trans-kinder-netz.de).

In der eigenen Gemeinde hat sich allerdings das Pfarrerehepaar seit sechs Jahren einen guten Ruf erarbeitet, sodass die meisten der 2000 Gemeindeglieder es akzeptiert  haben, als die jüngste Tochter der Familie vor Beginn des Konfirmandenunterrichts öffentlich machte, dass sie fortan ihre wahre männliche Identität leben wolle und künftig als Junge mit einem neuen Namen angesprochen werden möchte. Lüdke beschreibt in seinem Buch den Lernprozess der Familie, die sich plötzlich  auf einen Sohn einstellen musste. Darüber hinaus musste sich die Familie mit Schule, Gemeinde und Kirche auseinandersetzen. Er beschreibt diese Prozesse in seinem Büchlein und hofft, dass er  damit zu einer liebevolleren Kirche beitragen kann. Man lernt viel über Menschen, die gar nicht so selten unter uns leben. Bei 4300 Gemeindegliedern kann man von zehn transidenten Menschen ausgehen.

Als Theologe stellt er sich auch grundsätzliche anthropologische und ethische Fragen. Die ganze Schöpfungstheologie wird wieder aktuell. (Dazu hat er jüngst im gleichen Verlag ein Andachtsbuch herausgebracht „Mehr Schöpfer wagen, Ökologische Spiritualität für jeden Tag“)

Lüdke weiß: „Viele transidente Kinder und Jugendliche erhalten kaum Unterstützung aus der eigenen Familie, stoßen auf wenig Verständnis in der Schule, wo sie schutzlos gemobbt werden. Ahnungsloses Gesundheitspersonal kann ihnen nicht weiterhelfen. Sie erleben Ausgrenzung aus der Kirchengemeinde und leiden unter populistischer Hetze gegen Transidente im Wahlkampf. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Transidentität und dem damit verbundenen Anderssein als die meisten macht ihnen viel zu schaffen. Aber in solch einem Umfeld sind Selbstverletzungen, Suizidversuche, Depressionen oder Angststörungen bei transidenten Kindern und Jugendlichen verständlich. Erwachsene bekommen bei der Berufswahl und bei der Suche nach einem neuen Job Steine in den Weg gelegt und finden im Verein oder in der Kirchengemeinde keinen Platz, weil dort bereits die nächste Unterschriftenliste gegen Gendervielfalt kursiert und in der Kirche ausliegt, oder sie werden aktiv aus den Kreisen, der Abendmahlsgemeinschaft oder gar dem Gottesdienst ausgestoßen. “
Er setzt dagegen:  „Jesus dagegen liebt transidente Menschen voraussetzungs- und bedingungslos. Und wir sollten es auch tun, ob in der Familie, Kirche oder Gesellschaft. Als Elternteil eines transidenten Jungen kann ich für die Familie sprechen. Als Pfarrer und Diplom-Theologe richte ich meinen Blick aber auch auf die Chance, unsere Kirchen und Kirchengemeinden in menschenfreundliche und angstfreie Orte zu verwandeln, an denen Liebe und Annahme keine leeren Phrasen bleiben. Denn Jesus liebt Trans*.“

Klaus-Peter Lüdke, Jesus liebt Trans*, Manuela Kinzel Verlag 2018, 80 S.

Man sollte meinen, dass die Pfarrkollegen dieses Büchlein lesen. Man braucht nur einen Abend dafür. Aber viele scheuen das. Sie ärgern sich eher, wenn Menschen eine Namensänderung in den Kirchenbüchern und Taufurkunden verlangen. Evangelikale Propaganda, vor allem aus Amerika, hat sie gegen diese Fragen immunisiert. Stattdessen interessieren sich jetzt die Medien dafür. Das Kirchenfernsehen kommt und  „chrismon“ macht ein Interview. Da muss ich mich sputen, wenn mein Beitrag für die „anstöße“ der OFFENEN KIRCHE noch aktuell sein soll. Immerhin wird schon die 2. Auflage vorbereitet.

 

 

Unerhört

Kürzlich entschuldigte sich eine Lehrerin, die ich früher häufig im Gottesdienst gesehen habe, dass sie altersbedingt lieber den Fernsehgottesdienst schaue. Bei mir ist das anders. Ich kann noch laufen und freue mich über die echten Begegnungen in meiner Gemeinde. Ich gebe aber zu, dass diese Fernsehgottesdienste oft langfristig vorbereitet und darum besser sind als die eigenen. Man kann sie ja in der Mediathek ansehen. Heute geht es um die Aktion der Diakonie „Unerhört“, von der ich bisher noch nichts mitgekriegt habe.

https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste/evangelischer-gottesdienst-308.html

Wer nur die Predigt des Diakoniepräsidenten Lilje nachlesen will, kann dies auch: https://www.diakonie.de/unerhoert. Er sagt u.a.: Eine der schönsten Heilungsgeschichten der Bibel erzählt davon, dass Jesus einen Kranken fragt: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Der blinde Bartimäus hatte Jesus hinterher geschrien. „Und Jesus hört den Un-Erhörten. Im Beifall und Rufen der Menge hört er die verzweifelte Stimme dieses blinden Mannes, dem schon lange niemand mehr zuhört.“ Aber die Jünger wollten sich nicht ablenken lassen, gehen weiter, drängen auch Jesus, weiterzugehen. Aber Jesus schickt sie zu Bartimäus zurück, er „schickt seine Jünger, die ihm wie die vielen anderen Leute auch einfach nur nachgelaufen sind – wieder einmal – auf eine kurze Lernreise: Er lehrt sie den Unterschied zwischen Nachlaufen und Nach-folgen. Sie sollen ihm eben nachfolgen und nicht einfach hinterherlaufen.“

In diakonischen Einrichtungen geht es immer ganz konkret um das Zuhören. So auch auf dem Gelände des früheren Klosters Lehnin, wo der Gottesdienst heute stattfand. Dort stehen ein Krankenhaus, eine Rehaklinik, ein Hospiz und ein Altenzentrum, ein Kindergarten und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sowie ein Gäste- und Tagungshaus – alles Einrichtungen des Evangelischen Diakonissenhauses Berlin Teltow Lehnin. Hierher kommen Menschen, weil sie wissen, dass man sich ihrer Sorgen und Hilfsbedürftigkeit annimmt.

Die Krankenschwester Martina Haufe beschreibt es im Gottesdienst so: „In meiner Arbeit ist Zuhören manchmal das Wichtigste. Dabei geht es auch um die Zwischentöne. Ich versuche dabei auch wahrzunehmen, was unausgesprochen im Raum steht.“ Und Lehnins Bürgermeister Uwe Brückner, dem die Bürgerinnen und Bürger viele Fragen stellen, hat beobachtet: „Wenn ich antworte, merke ich manchmal, dass sie an der Antwort schon gar mehr nicht interessiert sind. Sie haben sich die Frage schon selbst beantwortet.“

Besonders gut hat mir der Satz gefallen: „Diakonie, das heißt, anderen helfen, ein eigener Mensch zu sein.“

Nach den medial ständig wiederholten Skandalen in Sachsen, fragen sich viele, was die Kirche eigentlich zu einem gedeihlichen Zusammenleben beiträgt. Die Fragenden kennen die kirchliche Arbeit meistens nicht mehr aus eigener Erfahrung. Wer nicht selber  teilnimmt, ist abhängig von den mehr oder weniger einseitigen Berichten anderer. Auch die Beiträge in  diesem Gottesdienst sind einseitig. Aber sie stammen von Menschen, die sich konkret für andere engagieren. Die Evangelische Kirche in Ostdeutschland ist klein an Mitgliedern, aber nicht bedeutungslos. Darum muss man sie unterstützen. Das kann man sogar vom Fernsehsessel aus. In einem echten Gottesdienst wird immer eine Kollekte eingesammelt, in Württemberg „Opfer“ genannt. Hier dient eine Kontonummer dem gleichen Zweck.

 

Die Brücke u.a.

Ein Besucher aus Australien, mit dem ich über die Chemnitzer Ereignisse spreche, fragt mich, wie ich zu meiner friedenspolitischen und Nazi-kritischen Einstellung gekommen bin. Es war nicht die Schule! Im Gegenteil: Die Lehrer unserer norddeutschen Kleinstadt waren selbst überwiegend in der Nazi-Zeit sozialisiert. Der Geschichtsunterricht reichte immer nur bis 1914. Im Deutschunterricht wurde nach dem Mauerbau 1961 Bert Brecht nicht mehr behandelt. Nein, es war die Evangelische Jugend, wo wir pazifistische Filme wie „Die Brücke“ oder antifaschistische wie „Unsere Ehre heißt Treue“ sehen konnten. Später kam  die Lektüre von Eugen Kogons „SS-Staat“ und andere Bücher hinzu.

Ein „Augenöffner“ war aber die zufällige Entdeckung eines lokalen historischen Skandals, der uns verschwiegen wurde. Am 16. September 1935 jagten SA und SS-Leute in Stade den Pastor Johann Gerhard Behrens durch die Straßen der Stadt. Ihre nach Nazigrößen bezeichneten Namen ließen mich schlagartig erkennen, dass die Nazis nicht irgendwo auf dem Mars, sondern in unserer Stadt ihr Unwesen trieben. Und die mussten doch noch irgendwo sein? Es herrschte aber in meiner Schulzeit bis 1966 eisernes Schweigen.

Bei einer Predigt verurteilte Pastor Behrens die rassistischen Nazi-Gesetze. Rasse und Volkstum dürfe nicht an die  Stelle Gottes gesetzt werden. Glaube sei Sache der Kirche und nicht des Staates. Als er im Konfirmandenunterricht lehrt, dass Christen nach der Bergpredigt Jesu auch seine Feinde lieben solle, wollen die Nazis dem Pastor einen Denkzettel verpassen und prügeln ihn durch die Stadt. Um seinen Hals hängen sie ein Plakat mit der Inschrift „Ich bin ein Judenknecht“. Er wird mit Wasser (oder Jauche?) übergossen und soll ins KZ.  Er wird danach vom Landesbischof aus dem Verkehr gezogen und überlebt den Krieg. Er kehrt nicht mehr nach Stade zurück. Auch  in der Kirche wird er nicht mehr  erwähnt. Dabei wäre er auch sonst eine aufregende Persönlichkeit, beispielsweise als Astronom,  gewesen. Mittlerweile  ist ein Gemeindehaus nach ihm benannt.  Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gerhard_Behrens.

Diese Entdeckung bringt mir in  der Schule aber Ärger ein. Bei einer Tagung der Evangelischen Schülerarbeit beschäftigen wir uns mit Bert Brecht.

Im Epilog seines Theaterstücks „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ schreibt er:

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert / Und handelt, statt zu reden noch und noch. /
So was hätt‘ einmal fast die Welt regiert! / Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert – / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Wirklich erschüttert hat mich (wohl 1964) der wichtigste westdeutsche Antikriegs-Film „Die Brücke“, weil die Jugendlichen, die da bei der sinnlosen Verteidigung einer Brücke umkommen, etwa in unserm Alter waren. Er läuft heute abend bei „3 sat“.

https://www.3sat.de/page/?source=/ard/197921/index.html

 

Haiti

Wenn Pfarrer von der Kollekte leben müssten, würden sie diese vermutlich  engagierter „abkündigen“. Normalerweise wird sie, die in Württemberg übertrieben als „Opfer“ bezeichnet wird, recht knapp angesagt. Heute war es in unserer kleinen Dorfgemeinde anders.

Ein Vater stellte die Hilfsorganisation „Pwojè men kontre, Haiti-Deutschland e.V.“ vor, die seine Tochter, eine Ärztin vor Jahren gegründet hatte. Damit brachte er ein Land und seine neun Millionen Menschen ins Bewusstsein, von denen man lange nichts mehr gehört hatte. Nach dem Erdbeben von 2010 und dem Wirbelsturm von 2016 tummelten sich dort wenig ruhmvoll UN-Soldaten und Entwicklungshelfer, die Gelder veruntreuten und junge Frauen missbrauchten.

Ich erinnere mich an eine Notiz von Anfang des Jahres: „Die Schweiz hat ihre Zahlungen an die britische Hilfsorganisation Oxfam eingestellt, nachdem Berichte von sexuellen Übergriffen von deren Mitarbeitern bekannt geworden waren. »Das eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten fordert eine lückenlose Aufklärung der Vorkommnisse. Bis die Resultate dieser Abklärung vorliegen, wird die Schweiz keine Zahlungen an Oxfam leisten.« Die Eidgenossenschaft hat Oxfam zwischen 2013 und 2017 mit knapp 20,4 Millionen Franken (heute knapp 18 Millionen Euro) unterstützt. Oxfam-Mitarbeiter sollen nach dem Erdbeben in Haiti 2010 Sexpartys mit Prostituierten gefeiert haben. Einem Report zufolge wurden dort Frauen ausgebeutet, belästigt und eingeschüchtert.“

Das Vertrauen deutscher Spender in solche Organisationen war dahin. Das Land blieb weithin sich selbst überlassen mit all dem Elend und zunehmender Gewalt.

Eine Meldung Anfang Juli: „Bei Protesten gegen eine geplante Erhöhung der Treibstoffpreise in Haiti sind mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen. Sie seien bei Plünderungen im Großraum Port-au-Prince getötet worden. Auch die Polizei sprach von Todesopfern, nannte allerdings keine genaue Zahl. Zahlreiche Menschen hatten zuvor gegen eine Erhöhung der Benzinpreise protestiert. Demonstranten steckten Straßensperren in Brand, plünderten Geschäfte, griffen Hotels an und zündeten Autos an. Auch in anderen Städten kam es zu Unruhen. Die Flughäfen des Landes wurden geschlossen. Die Regierung nahm die Preiserhöhung von bis zu 50 Prozent daraufhin vorerst zurück. (dpa)

Dr. Anke Brügmann arbeitet seit ihrem Engagement für „Ärzte ohne Grenzen“ in Haiti. Sie hat mittlerweile sich ganz diesem Einsatz gewidmet und die private Hilfsaktion gegründet. Über 300 Mitglieder unterstützen seit 2002 die vielfältige humanitäre Hilfe. Das sind ein Waisenhaus, eine Schule, ein Sozialhilfeprogramm, ein Landwirtschaftsprogramm und medizinische Versorgung.

Ich weiß: Die Vertreter kirchlicher Hilfsorganisationen sehen solche privaten Initiativen kritisch. Sie unterstützen lieber lokale Netzwerke, die die Eigeninitiative der Einheimischen fördern. In diesem Fall fehlen aber alle Voraussetzungen dafür. Um so mehr bewundere ich den opferbereiten Einsatz dieser Ärztin. Nicht zufällig sprach der Pfarrer heute von einem „kleinen Lambarene in Haiti“.

Mehr Informationen und das Spendenkoto findet man unter http://www.menkontre.de. Ich denke, auch Leute, die nicht in den Gottesdienst gehen, dürfen sich beteiligen.