Archiv für den Monat Dezember 2019

Heilige in Rußland

Die Zeit zwischen Heiligabend und Dreikönig nennt man auch „Raunächte“. Vielleicht, weil sie besonders rau und unwirtlich sind. Vielleicht kommt das „rau“ aber auch von „Rauch“, weil früher in dieser Zeit die Räume und Ställe mit Weihrauch geräuchert wurden, um böse Geister zu vertreiben.

Ich glaube nicht an Geister, aber ich habe in Ländern Afrikas und Asiens gearbeitet, wo man das tut. Ich musste lernen, dass unsere wissenschafliche Weltanschauung beschränkt ist. Das gilt auch für unsere davon abhängige evangelische Theologie in Deutschland. Das macht die Ökumene so schwierig, aber auch herausfordernd.

In diesen Raunächten habe ich das Buch „Heilige des Alltags“ des russisch-orthodoxen Mönchs Tichon Schwewkunow gelesen. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man nicht einfach die vielen Wundergeschichten westlich-arrogant als Hirngespinste abtun will. Dazu ist die Orthodoxie zu wichtig und für Millionen die einzig wahre Religion. So heißt es schon im Klappentext: „ Geschichten, die das Leben schreibt, aus dem Alltag russischer Mönche. Jede Begebenheit erzählt von kleinen Offenbarungen, die sich täglich ereignen können. Dieses Buch möchte eine wunderbare Welt vorstellen, in der man nach anderen Gesetzen lebt und Heiligkeit und Glück näher liegen, als man vermutet.“

Nach der Information des EOS-Verlages, in dem die deutsche Ausgabe 2017 des mit ca. 560 Seiten sehr umfangreichen Buches erschienen ist, wurden über zwei Millionen  Exemplare verkauft. Das Buch gilt als „Klassiker der neueren spirituellen Literatur“.

Bischof Tichon Schewkunow schreibt in seinem Vorwort. „Es war nicht nötig, sich etwas auszudenken. Alles, wovon Sie hier lesen werden, ist wirklich passiert. Und viele der Personen, von denen hier berichtet wird, leben noch heute.“ Es ist also ein wahres Buch besonders aus der Zeit der zu Ende gehenden Sowjetunion und dem Wiederaufstreben des russisch-orthodoxen Glaubenslebens in Russland. Im Vorwort heißt es:

„Einmal, als wir noch ganz junge Novizen des Höhlenklosters von Pskowo-Petscherskij waren, liefen wir an einem warmen Septemberabend über Gänge und Galerien, kletterten auf die alten Klostermauern und ließen uns hoch über dem Garten und den Feldern gemütlich nieder. Beim Plaudern erzählte dort jeder, wie er dazu gekommen war, ins Kloster zu gehen. Und je länger wir einander zuhörten, desto mehr staunten wir.

Es war das Jahr 1984. Wir waren zu fünft. Vier von uns waren in nicht-religiösen Familien aufgewachsen und sogar beim fünften, dem Sohn eines Priesters, unterschieden sich die Vorstellungen über Menschen, die ins Kloster gehen, nur wenig von denen anderer Sowjetbürger. Noch ein Jahr zuvor waren wir alle davon überzeugt gewesen, dass in unserer Zeit entweder Fanatiker ins Kloster eintreten oder Menschen, die im Leben absolut nicht zurechtkommen. Ach ja! Und außerdem noch Opfer unglücklicher Liebe.

Doch wenn wir uns so betrachteten, sahen wir etwas völlig anderes. Der Jüngste von uns war gerade mal achtzehn Jahre alt, der Älteste sechsundzwanzig. Wir waren alle gesunde, kräftige, gutaussehende junge Männer. Einer hatte sein Mathematikstudium glänzend abgeschlossen, ein anderer war trotz seiner jungen Jahre ein in Leningrad bekannter Maler. Ein weiterer hatte den größten Teil seines Lebens in New York verbracht, wo sein Vater arbeitete, und war nach Beendigung seines dritten Studienjahres ins Kloster eingetreten. Der Jüngste, der Priestersohn, war ein talentierter Holzschnitzer, der gerade seine Ausbildung an einer Kunstschule abgeschlossen hatte. Auch ich hatte kurz zuvor mein Studium als Drehbuchautor am Staatlichen Institut für Kinematografie (VGIK) beendet. Alles in einem winkte uns damals eine äußerst beneidenswerte weltliche Karriere.

Warum waren wir also ins Kloster gegangen und wünschten uns von ganzem Herzen dort zu bleiben? Die Antwort auf diese Frage kannten wir gut: Weil sich jedem von uns eine wunderschöne, mit nichts Anderem vergleichbare Welt aufgetan hatte. Und diese Welt erwies sich als unendlich viel anziehender als jene, in der wir bis dahin unsere wenigen und auf ihre Weise auch sehr glücklichen Jahre verbracht hatten.

Von dieser wunderbaren Welt, in der man nach völlig anderen Gesetzen lebt als im gewöhnlichen Leben, von dieser unendlich hellen Welt voller Liebe und freudiger Entdeckungen, voller Hoffnung und Glück, voller Erfahrungen, Siege und lehrhafter Niederlagen, von einer Welt, die – und das ist das Wichtigste – von der machtvollen Anwesenheit und Hilfe Gottes erfüllt ist, will ich in diesem Buch erzählen.“

Und erzählen kann er hervorragend: Von Mönchen, die noch im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben und sich dann mit der atheistischen Sowjetmacht anlegen.

Von dem autoverrückten Boris Ogorodnikow: „Boris, der beste Sportler unter den Schülern der Oberklassen, ein sympathischer und lustiger Kerl, in den alle Mädchen seiner Klasse schrecklich verliebt waren, ging nach Schulabschluss zur Armee und diente die ganzen drei Jahre heldenhaft als Grenzsoldat auf der Damanskij-Insel, wo gerade der blutige Konflikt mit China in vollem Gange war. Er kehrte lebend und wohlbehalten in sein Tschistopol zurück – mit Auszeichnungen durch die Armeeführung und den Schulterstücken eines Unteroffiziers. Als Nächstes erwartete ihn die Hochschule. Boris hatte sich entschlossen, in die Automobilindustrie zu gehen, um neue, schöne Autos zu konstruieren, mit denen er dann selbst Gas geben, begeistert losbrausen und alles auf der Welt vergessen konnte. Doch eines Tages fiel dem Grenzsoldaten in Reserve in seinem Heimatstädtchen auf wer weiß welchen Wegen ein Buch in die Hände, das ihm und seinen Altersgenossen unter keinen Umständen hätte unter die Augen kommen sollen. Dafür sorgte das strenge Reglement des Staatsapparats unermüdlich. Aber offensichtlich war dort irgendetwas schiefgelaufen. Und nun betrachtet unser Held, der sich ans Ufer der Kama zurückgezogen hat, neugierig und misstrauisch dieses Buch. Dann schlägt er es auf und beginnt die ersten Zeilen zu lesen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“ Wie schnell können Welten zusammenbrechen! Noch einen Augenblick zuvor hatten wir einen vorbildlichen jungen Sowjetmenschen mit einer tadellosen Vergangenheit und einer nicht weniger tadellosen strahlenden Zukunft vor uns. Aber auf einmal gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr. Die Gegenwart hat begonnen. „Siehe, Ich mache alles neu!“ verspricht nicht nur, sondern warnt Jener auch ernsthaft, von Dem das Buch erzählt, das Boris Ogorodnikow, der künftige Vater Rafail, am Ufer der Kama erstmals, Zeile für Zeile, liest.“

Manche Wunder sind unglaublich komisch: Da wird eine große Summe aus der Klosterkasse geklaut und der Dieb vom Autor dank intensiver Gebete ausgerechnet in München gefunden.

Bei vielen amüsant erzählten Geschichten kommt  man nicht umhin, das orthodoxe Klosterleben zu bewundern. Doch es gibt auch ein anderes Gesicht der Orthodoxie. Ihre Kirchendisziplin nähert sich dem Fundamentalismus. Entsprechend seien Gehorsam und Vertrauen im Umgang jedes orthodox Gläubigen mit seinem spirituellen Mentor das Wichtigste, lehrt Tichon. Wobei er zugibt, dass echte Lehrer selten seien, anmaßende, die die Freiheit ihrer Protegés missachten, hingegen häufig anzutreffen. Umso mehr preist er seinen geistlichen Vater oder „Starez“, den Mönchspriester Ioann. Der in den fünfziger Jahren im GULag einsaß, habe seinen geistlichen Kindern nie Vorschriften gemacht, sondern sie höchstens angefleht, etwas zu unterlassen, bezeugt Tichon, den dieser Starez an das Jesus-Gebet heranführte und ihn später nach Moskau schickte. Er berichtet aber auch, wie es Schützlingen von Ioann, die seinen fürsorglichen Rat missachteten, übel erging.

„Ökumene“ ist für viele orthodoxe Kirchenvertreter ein Schimpfwort. Andere Konfessionen werden nicht anerkannt. Der Westen gilt als dekadent. Die Machtrangeleien der Bischöfe sind brutal. Bischof Tichon selbst ist bei allem Humor theologisch und politisch äußerst konservativ. Das hat  seiner Kirchenkarriere genutzt. 2018 ernannte ihn der Heilige Synod zum Metropoliten von Pskow und Porchow Er gilt mittlerweile als Beichtvater Putins und berät ihn vermutlich. So verteidigt er die Annexion der Krim.

„Tichon steht in der äußersten nationalistischen und obskuren Ecke der Kirche. Der Mensch führt Krieg gegen die moderne Kultur und Zivilisation“, sagte der Ausstellungskurator Andrei Jerofejew. Er wurde 2010 für seine Ausstellung „Verbotene Kunst 2006“ zu einer Geldstrafe wegen Anstiftung zur religiösen Feindschaft verurteilt – unter anderem aufgrund eines Gutachtens Tichons. „Damals schien mir das in all seinem Schwachsinn noch als marginale Extravaganz, jetzt ist es mehrheitsfähig.“

So ähnlich erging es mir in vielen Begegnungen mit der russischen Orthodoxie. Fasziniert von der Liturgie, der Schönheit der Ikonen, der Liebenswürdigkeit der einfachen Gläubigen, erstarrt man immer vor dem Dogmatismus und der Hartherzigkeit der kirchlichen Herrscher.

Das Buch mit seinen zahlreichen Fotos ist wie eine Reise nach Russland. Aber man sollte es kritisch lesen.

 

Kirchen in Südafrika

In einem Kreis der pensionierten Pfarrer sprach Professor James Cochrane über aktuelle kirchliche Entwicklungen in Südafrika. Sein nüchternes Fazit lautet, dass die Kirchen ihre gesellschaftsverändernde Kraft verloren haben.

Viele erinnern sich an den tapferen Kampf vieler Christen und Kirchen gegen den rassistischen Apartheidsstaat Südafrika. Seit aber Widerstandsorganisationen wie der ANC Regierungsparteien geworden sind, scheint der  politische Elan erschöpft. Gegen die nach wie vor absolute Armut und nun grassierende Korruption scheint kein Kraut gewachsen. Resignation  und Fatalismus breiten sich aus. Die verschiedenen traditionellen Kirchen sorgen sich um ihren Bestand und werden durch charismatische Bewegungen bedrängt, die ein „Wohlstandsevangelium“ versprechen.

http://www.religion.uct.ac.za/religion/staff/academicstaff/jamescochrane

Als Ökumenereferent  der Evangelischen Akademie Bad Boll hatte ich zwischen 2000 und 2010  zweimal Gelegenheit verschiedene Kirchen und ihre Projekte zu besuchen. Dazu kamen diverse Tagungen mit Referenten aus Südafrika. Es zeichnete sich schon ab, dass die ehemals so aktiven Kirchen keine neue Perspektive finden konnten. Auch die damals noch zahlreiche Unterstützerszene in Deutschland  hatte Schwierigkeiten, sich auf die neue Realität einzustellen.

Der für den Kampf gegen die Apartheid so wichtige Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) verlor nicht nur Finanzen, sondern auch politischen Einfluss. Man sieht das an dem jüngsten Besuch einer ÖRK-Delegation.

Am 9. Dezember hat sich eine Delegation unter der Leitung von Pastor Dr. Olav Fykse Tveit, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), mit dem südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa und Mitgliedern seines Kabinetts in Johannesburg in Südafrika getroffen.

Dieser Pilgrim Team-Besuch ist als eine Reise im Zeichen der Solidarität und Spiritualität gedacht, die zu Veränderungen der Menschen führt, sowohl der Besuchten als auch der Besuchenden auf ihrem gemeinsamen Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens. Der Südafrikanischen Kirchenrat (SACC) richtet diesen Besuch aus.

Der ÖRK möchte sich vor Ort über zwei wichtige Themen in Südafrika informieren: geschlechtsspezifische Gewalt und Morde an Frauen, und Gewalttätigkeiten gegenüber ausländischen Staatsangehörigen.

Zu der ÖRK-Delegation unter der Leitung des ÖRK-Generalsekretärs Dr. Olav Fykse Tveit und der stellvertretenden ÖRK-Generalsekretärin Prof. Dr. Isabel Apawo Phiri gehören Mitglieder der ÖRK-Kommission der Kirchen für Internationale Angelegenheiten mit ihrem Vorsitzenden Pastor Frank Chikane aus Südafrika.

Tveit sagte nach dem Treffen mit Ramaphosa und der Delegation: „Das Gespräch mit Präsident Cyril Ramaphosa bot die einmalige Gelegenheit, globale Themen anzusprechen, die auf der Agenda des Ökumenischen Rates der Kirchen stehen und die auch zu den großen aktuellen  Herausforderungen für die Kirchen und die Gesellschaft in Südafrika zählen.“

Tveit fügte hinzu: „Zusammen können wir unsere gemeinsame Geschichte bekräftigen, die auf die Zeiten des Kampfes gegen das ungerechte Apartheidsystem zurückgeht und die sich im ÖRK-Programm zur Bekämpfung des Rassismus heute fortsetzt. Der Rassismus ist nicht tot, sondern ein globales Phänomen mit zahlreichen neuen Gesichtern. Der ÖRK muss dagegen vorgehen und diesen Kampf gemeinsam mit unseren Kirchen und Partnern führen. Wir haben über unsere Arbeit zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt berichtet und darüber, wie unsere Arbeit gegen Fremdenfeindlichkeit aussieht, und wir haben uns für ein erneutes Engagement und für Zusammenarbeit zu diesem Thema mit unseren Partnern hier in Südafrika stark gemacht.“

Tveit wies darauf hin, dass der Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens dem ÖRK dabei geholfen habe, sein Engagement im Kampf gegen Rassismus und damit verbundene Herausforderungen durch seelsorgerische Arbeit und öffentliche Advocacy-Arbeit fortzusetzen, aber auch durch Predigten und Lehre. „Das Treffen hat bestätigt, wie wichtig der Beitrag der Kirchen zu dieser Thematik ist, und wir haben gezeigt, dass wir bereit sind, die Wahrheit öffentlich und auch selbstkritisch gegenüber uns selbst auszusprechen“, sagte Tveit.

Minister Dr. Aaron Motsoaledi und eine Delegation des Innenministeriums waren ebenfalls zu einem Treffen mit der ÖRK-Delegation eingeladen, um über Themen wie Migration und Flüchtlinge und deren Rechte zu sprechen.

Dieser ÖRK-Besuch ist ein historisches Ereignis, denn es  ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass eine Delegation des ÖRK offiziell zu einer  Gerechtigkeitsmission nach Südafrika gekommen ist.

Tveit fügte hinzu: „Südafrika nimmt einen sehr speziellen Platz in der Geschichte und im Herzen des ÖRK und seiner Führungskräfte ein, auch heute noch. Der Kampf für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Menschenwürde im Rahmen des ÖRK-Programms zur Bekämpfung des Rassismus hat dazu beigetragen, die Realität in Ihrem Land zu verändern, und er hat auch die Kirchen weltweit verändert. Südafrika hat in der Welt eine Vorbildfunktion, wenn es um die Zusammenarbeit für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden und um die Suche der Kirchen nach Einheit geht. Heute erleben wir, wie die Menschen in Südafrika und in den Nachbarländern wieder gegen Gewalt und wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Benachteiligung aus ethnischen Gründen kämpfen.“

https://www.oikoumene.org/de/press-centre/en/press-centre/news/wcc-delegation-to-meet-president-ramaphosa-to-discuss-gender-based-violence-and-violence-on-foreign-nationals-in-south-africa

Im überaus empfehlenswerten Jahrbuch Mission 2018 „ Faszination Afrika“ (Missionshilfe Verlag Hamburg 2018, S.165ff) beschreibt Pastor Moss Nthla von der „South African Christian Leadership Initiative“ (SACLI) durchaus hoffnungsvoll die gegenwärtige Entwicklung: „In jüngster Zeit kommt das prophetische Zeugnis wieder voll zur Geltung und gibt den Südafrikanerinnen und Südafrikanern den Glauben zurück, dass der Kampf gegen die Korruption gewonnen werden kann. Auch in Bezug auf Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit haben die Kirchen ihre Rolle weitgehend wieder übernommen indem sie zur Bildung beitragen.“  www.sacli.org.za

Ökumene als Liebesgeschichte

Der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) Pastor Dr. Olav Fykse Tveit kam am 10. Dezember nach Württemberg zur Vorbereitung der nächsten ÖRK-Vollversammlung. Die Veranstaltung findet vom 8. bis zum 16. September 2021 in Karlsruhe  statt und hat das Thema „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt.“ Im Original ein anderer Akzent: „Christ’s love moves the world to reconciliation and unity“.

Die ÖRK-Vollversammlungen finden alle acht Jahre statt und haben eine wichtige Funktion im Leben der ÖRK-Mitgliedskirchen und der gesamten Ökumene. Als einzigartige Veranstaltung bietet sie dem ÖRK die Gelegenheit, seinen Weg als lebendiger Ausdruck der Gemeinschaft von Kirchen, die zusammen ihre gemeinsame Berufung leben wollen, weiterzugehen. Die Vollversammlung ist auch das oberste gesetzgebende Organ des ÖRK: Sie überprüft Programme, legt die allgemeinen Richtlinien für die Arbeit des ÖRK fest, wählt Präsident/innen und ernennt einen Zentralausschuss, der bis zur nächsten Vollversammlung als wichtigstes Leitungsgremium dient.

Bei dem Arbeitsbesuch in Stuttgart wirkte der norwegische Theologe in  zwei sehr verschiedenen Veranstaltungen mit, die schon die enorme Weite seiner Tätigkeit verdeutlichen.

Zunächst ging es am Nachmittag in der „Württembergischen Arbeitsgemeinschaft für Weltmission“ (WAW) um die Frage „Wo steht die Missionstheologie?“ In der WAW treffen sich die Vertreter aller möglichen Kirchen und Vereine, die sich in irgendeiner Weise mit Mission beschäftigen.

Tveit konnte sich auf die ÖRK-Missionskonferenz in Arusha/Tansania von 2018 berufen, wo insbesondere das christliche Zeugnis  der an den Rand Gedrängten („mission from the margins“) in den Mittelpunkt gestellt wurde. Doch wer ist „Mitte“, was ist  „Rand“?  Insbesondere in Deutschlands Volkskirchen halten sich viele noch immer für den Nabel der Welt, während doch die interessantesten Aufbrüche woanders stattfinden. Eine Funktion des ÖRK könnte sein, diese Geschichten weiter zu erzählen und Begegnungen zu ermöglichen. Mission ist dann nicht wie früher die Bekehrung anderer, sondern die Transformation der eigenen Tradition zur im Alltag gelebten Liebe Christi..

Zwar ist eine ÖRK-Vollversammlung kein allgemeiner Kirchentag, aber die badischen Gastgeber wollen möglichst viele kirchliche Kreise einbeziehen. Kirchenrätin Anne Heitmann erwähnte die Hoffnung des „sehr säkularen“ Oberbürgermeisters von Karlsruhe, der sich viel von der kirchlichen Kraft  zur Versöhnung erwartet.

Die Abendveranstaltung zum Tag der Menschenrechte stand unter dem Thema „Rassismus heute“. Neben Dr. Tveit sprachen aus eigener leidvoller Erfahrung Robert Reinhardt vom Landesverband deutscher Sinti und Roma und die Ethnologin Sabine Mohamed vom Max-Planck Institut Göttingen.

Es wurde daran erinnert, dass das „Antirassismus-Programm“ der ÖRK gegen die Apartheid in Südafrika beinahe den Austritt der württembergischen Landeskirche zur Folge hatten. Pietistische Kreise warfen jahrelang dem ÖRK die Unterstützung terroristischer Gruppen vor. Durch die Gründung von „Pro Ökumene“ konnte dieser synodale Antrag verhindert werden. Der damalige Direktor des Programms Baldwin Sjollema musste übrigens diesen Konflikt mit seinem eigenen Vater durchstehen, der ihn zum sofortigen Rücktritt aufforderte.

Tveit berichtete von heutige Bemühungen, die Folgen des Kolonialismus zu überwinden. Hassreden gegen Minoriten, sexuelle Gewalt gegen Frauen und Fremdenfeindlichkeit seien auch in den Kirchen anzutreffen. Die Auswirkungen der „weißen Überlegenheit“ müsse man als eine Art „Erbsünde der Kirche“ betrachten. Ohne den Namen zu nennen erwähnte er die Erschütterung seines Landes Norwegen durch das schlimmste  Attentat eines weißen Rassisten.

Aus dem Bericht des Generalsekretärs des ÖRK 2018 „Die ökumenische Bewegung der Liebe“:

Menschenwürde und Menschenrechte, die das Leben und die Würde jedes Menschen schützen, müssen nach dem Gebot Jesu Christi im Zentrum unserer Fürsprache als christliche Kirchen stehen. Sie sollten auch das Grundanliegen und die Botschaft all jener sein, die sich für die Heiligkeit des Lebens und für den Respekt vor Gott als Schöpfer aller Menschen einsetzen, egal wo sich diese Menschen befinden und in welche Schublade sie von manchen Leuten gesteckt werden. Rassismus in jeglicher Form ist das menschliche Versagen, die Vielfalt der Menschheit als gottgegeben anzuerkennen, und er ist eine Sünde vor Gott. Alle Arten, andere Menschen zu kategorisieren, um sie auszuschließen oder zu diskriminieren, sind per se ein Angriff auf den Glauben an den Gott des Lebens und der Liebe, den wir bewahren. Der Kampf gegen Rassismus ist für den ÖRK zu einer Priorität geworden und muss es bleiben, egal welche Form dieser annimmt. Selbst unsere eigenen hochgesteckten Ziele der Einheit, der Gerechtigkeit und des Friedens können manchmal uminterpretiert oder missbraucht werden, um Menschen zu dominieren oder zu diskriminieren. Durch einen ernsthaften Dialog untereinander, der auch einmal kritische Töne enthalten darf, können wir feststellen, ob sie tatsächlich der Liebe dienen, die wir zu fördern aufgerufen sind.

Den Einladungsprospekt ziert übrigens  ein Foto von einer Umbenennung der Berliner „Mohrenstraße“ in „Anton-W-Amo- Straße“. Der war der erste bekannte Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland.

https://philomag.de/amo-der-afrikanische-philosoph-der-aufklaerung/

Zweiter Advent im Knast

Beifall gibt es in meinen Gefängnisgottesdiensten eher selten. Doch diesmal klatschen sie sogar bei der Begleitung der Lieder. Ich habe „die Hurgler“ zu Gast, eine Rottenburger Fasnetskapelle. Bei ihrem beschwingten Nachspiel kennt die Begeisterung der sonst so müden Insassen keine Grenze. „Zugabe“ fordern sie lautstark. Endlich  gehen sie fröhlich in ihre Zellen zurück.

Mich bestärkt diese Erfahrung in meiner Unzufriedenheit mit der üblichen Liturgie. In unserm  Gefängnis finden die Gottesdienste wechselnd unter katholischer und evangelischer Leitung statt. Die 60-80 teilnehmenden Männer dürften jeweils dieselben sein. Die Probleme mit dem offiziellen Gesangbuch auch. Selbst die populärsten Choräle singe ich meistens fast allein.

Wir starten mit Nr.  1  „Macht hoch die Tür“. Ich wundere mich, dass keiner dazwischenruft: „Dann schließ doch auf.“ Der schwere Schlüsselbund drückt unter meinem Talar. Die geniale Verdichtung des 24. Psalms von Georg Weissel, immerhin aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, verfängt nicht. „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, / meins Herzens Tür dir offen ist, /  Ach zieh mit deiner Gnade ein; / dein Freundlichkeit auch uns erschein. / Dein Heilger Geist uns führ und leit / den Weg zur ewgen Seligkeit. / Dem Namen dein, o Herr, / sei ewig Preis und Ehr.“   EG 1,5

Bis zur letzten Strophe haben viele das Lied noch nicht gefunden. Immerhin: Einer fragt später, ob er das Gesangbuch mit in die Zelle nehmen kann. Leider nein! Ich hoffe, er kann es aus der Gefängnisbibliothek bekommen. Die sollte ich mir demnächst mal ansehen Zehn Bücher pro Woche dürfen sie ja ausleihen.

Zum Gebet lasse ich sie aufstehen. So kehrt Ruhe ein, sogar bei der obligatorischen „Stille“. Ich dehne sie aus bis die Konzentration nachlässt.

Meine Predigt habe ich aufgeschrieben, spreche aber ohne Manuskript. So kann ich am besten unterbinden, wenn wieder einige losschwatzen wollen. Aus der nicht ganz leichten Perikope (Lukasevangelium Kap.21,25-33) nehme  ich den Wochenspruch „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“.

„Erhebt eure Häupter!“ – das ist eine sehr vornehme Aufforderung. Wir normalen Leute haben Köpfe, nur bei Königen oder andern hochgestellten Persönlichkeiten sprechen wir vom „Haupt“. Offenkundig werden Christen geadelt, wenn wir so angesprochen werden.

Häufiger hören wir wohl das aufmunternde „Kopf hoch“. Da ist einer niedergeschlagen, krank, enttäuscht oder depressiv. Dann sagen Freunde und Bekannte: „Kopf hoch!“ Wenn wir allerdings merken, dass da einer sich billig  davon machen will, sich gar nicht auf unser Leid einlässt, reagieren wir sauer. Dennoch ist es befreiend, wenn wir selber unsern Kopf wieder frei kriegen.

In manchen Ländern werden Gefangene ganz bewusst klein gemacht. In China z.B. sieht man Gefangene, die schon vor dem Urteil den Kopf zu senken haben. Ein Angeklagter darf  da nicht aufrecht vor dem Richter stehen, der Verurteilte erst recht nicht. Ich hoffe, dass das hier keiner erlebt. Denn unsere Justiz will keine Rache, sondern Resozialisierung. Jeder soll einmal aufrecht dieses Haus verlassen können. Es mag sein, dass für die meisten die Entlassung eine Art Erlösung ist. Doch schnell wird man  merken: „Draußen“ gibt es neue „Gefängnisse“. Man kann gefangen sein von der Überforderung, sein Leben wieder zu organisieren. Gefangen von der Unfähigkeit, liebevolle Beziehungen aufzubauen. Zur Zeit sind viele in der Vorweihnachtszeit gefangen vom Konsumrausch. Doch wie jeder Rausch verfliegt der auch  schnell. Insbesondere wenn man Schulden macht. Deswegen ist Freiheit noch keine Erlösung, sondern eine Aufgabe.

Was ist denn Erlösung? Warum nennen  wir Christus Jesus den „Erlöser“? Traditionell gesagt: Weil er uns befreit von Sünde, Tod und Teufel.

Der Evangelist Lukas drückt das in Bildern seiner Zeit aus, die wir „apokalyptisch“ nennen. Apokalypse heißt einfach Offenbarung, wörtlich „aufdecken“. Hinter den schlimmen Katastrophen, die die Menschen zu allen Zeiten ängstigen, sieht er die gute Macht Gottes.

Ich übersetze: Gott hat das letzte Wort über uns. Leider haben die Menschen immer nur die Katastrophen ausgemalt. Eine ganze Filmindustrie lebt heute davon. Deswegen ist für viele Apokalypse ein anderes Wort für Katastrophe. Es ist aber in Wirklichkeit die gute Offenbarung Gottes in der Katastrophe. Weil unser Erlöser nahe ist, können wir trotz aller Katastrophen mit erhobenem Haupt durchs Leben gehen.

Jesus erklärt dies mit dem Hinweis auf den Feigenbaum. In seiner Gegend war der besonders markant. Im Winter wie tot. Auch unsere Bäume wirken wie tot. Aber es keimt schon das neue Grün. Wir sehen Winter, aber können wissen: der Frühling  ist nahe. So ist es auch mit uns. Wir mögen Kälte spüren, Hass und Frustration, aber das neue Leben ist schon da. Mancher fühlt ich hier wie ein totes, krummes Holz. Aber auch darin keimt neues Leben.  Wir sehen und fühlen es noch nicht, aber wir können aus diesem Vertrauen heraus leben.

Advent ist Zeit des Wartens und der Erwartung. Also nicht nur Zeit zum  Totschlagen. Oder zum  „Zeitvertreib“. Die Zeit soll man nicht vertreiben, sondern nutzen. „Auskaufen“ sagt der Apostel Paulus.  Sondern Zeit der Vorbereitung. Wie man sein künftiges Leben vorbereitet. Wie einem Gott zur lebendigen Kraft wird.

Ich habe mich in letzter Zeit mit Jens Söhring beschäftigt. Der war in den USA  als junger Mensch wegen Doppelmord zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Es war ein zweifelhafter Prozess. In Deutschland wäre das Jugendgericht zuständig gewesen, vermutlich wäre  mangels Beweisen ein Freispruch erfolgt. Aber in den USA bedeutet lebenslänglich wirklich Knast bis zum Tod. Wie hält man das durch? Womöglich unschuldig jahrzehntelang zu sitzen? Er hat meditiert und seinen christlichen Glauben wiedergefunden. Er hat sogar Bücher darüber geschrieben. Und nun gibt es tatsächlich ein „happy end“. Man will ihn nun nach 30 Jahren nach Deutschland abschieben. Ich bin gespannt, wenn er demnächst nach Deutschland ausgeflogen  wird. Ich würde ihn gern zu euch einladen. Er kann hier bestimmt besser predigen als ich.

Jesus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“ Darum können wir auch in üblen Umständen mit erhobenem Kopf durch das Leben gehen.

Amazing Grace

Irgendwann 1965 hörte  ich als Schüler den Neutestamentler Eduard Schweizer, der Gottesdienste forderte, die so attraktiv wie Kino seien. Das gelingt eher selten. Seitdem habe ich  solche Gottesdienste in Deutschland allenfalls auf Kirchentagen erlebt.

Gestern abend allerdings wurde sogar das Kino zum Gottesdienst. Im nüchtern-schäbigen „Arsenal“-Kino in Tübingen wippten die Leute, sprangen auf und sangen mit. Gezeigt wurde „Amazing Grace“ mit der letztes Jahr verstorbenen Gospel-Sängerin Aretha Franklin. Wir gehen im Film aber zurück in das Amerika von 1972.

Wer ihre späten Fernsehauftritte kennt, muss erst einmal schlucken, wenn sie auf der Leinwand als junge Frau quasi aufersteht. In der schmucklosen Kirche (New Temple Missionary Bapist Church Los Angeles) nimmt an zwei Abenden die schon berühmte 29-jährige Sängerin eine Platte auf, die das erfolgreichste Gospelalbum aller Zeiten werden wird. So weiß man nicht, ob die beiden Abende nun Konzert oder Gottesdienst sein sollen. Ob es wirklich um den getauften Jesus geht, der immer mal wieder mit der kirchlichen Wandmalerei ins Bild kommt, um erstaunliche göttliche Gnade oder um Freude in allem Leid hier auf Erden? Wer weiß das schon. Sieben Kameraleute und der Regisseur Sydney Pollack huschen herum. Letzterer hat bekanntlich den Film vermasselt, sodass die Aufnahmen erst jetzt verarbeitet werden konnten.

Reverend James Cleveland, der „Hausherr“ der Kirche und selber ein begnadeter Musiker (als „King of Gospel“ bekannt), führt humorvoll und freundlich durch das Programm. Er bittet die paar hundert, die in seine Kirche passen, sich lautstark bemerkbar zu machen. Die Band spielt „On Our Way“ und der Chor läuft ein mit silbernen Boleros über schwarzen Hemden. Sie heizen die Stimmung an, singen sich schier in Ekstase mit ihrem tanzenden Dirigenten Alexander Hamilton. Die „First Lady of Music: Miss Aretha Franklin“, erscheint im langen strassbesetzten weißen Abendkleid. Sie setzt sich an den Flügel und zieht einen schon beim ersten Lied „Wholy Holy“ in den Bann. Es geht weiter mit Klassikern wie „Precious Lord“ von Thomas Dorsey und „How I Got Over“ von Clara Ward und endet mit einer epischen Version von „Never Grow Old“: Musik über Erlösung, die süchtig macht. Es sind ergreifende Momente, wenn Pastor Cleveland das Klavier stehen lässt und weint. Man sieht beseelte Zuschauer, die die Arme noch oben werfen, zwischen den Stühlen tanzen oder ekstatisch zuckend unter dem Sitz verschwinden.

Die Diva wirkt bescheiden. Als später ihr Vater, selber Baptistenpfarrer,  eine Lobrede hält, ist sie wieder die kleine Tochter, die schon mit ihm auf Tournee gegangen ist. Rührend, wie er ihr mit einem Tuch den Schweiß abwischt. „Während Cleveland sich ganz und gar nach außen verströmt, scheint Aretha Franklin derweil ganz bei sich. Es wirkt, als nähme sie kaum wahr, was um sie ist, ihr Blick ist die meiste Zeit wie nach innen gerichtet, fokussiert auf eine andere Dimension; das Publikum scheint für sie höchstens in weiter Ferne zu existieren.“ So ein Filmkritiker. Zum Publikum spricht sie wenig.

Manche Panne bleibt im Film: Da legt ein umgekippter Wasserbecher das Mikrophon lahm. Einmal setzt die Sängerin neu an. Alles wirkt deswegen sehr authentisch. Sie ist nicht Gott, wie Filmenthusiasten behaupten, aber  sie weist auf ihn hin.

https://www.youtube.com/watch?v=hI96HTk3EJ0

Es gibt auch in unseren Kirchen Bemühungen, Gospelmusik von Zeit zu Zeit aufzuführen. Aber irgendwie wirkt es immer wie eine Kopie. Es fehlt das afroamerikanische Umfeld. Um so schöner, wenn man wenigstens im Kino das Original erleben kann. Schließlich kann man nicht jeden Sonntag nach Harlem reisen.

 

 

Advent im Knast

Das Gefängnis ist ein gutes Symbol für den Advent. Alle Insassen warten. Sie warten auf ihre Entlassung. Manche jahrzehntelang. Wie hält man das aus?

Einer, dessen Entlassung nun überraschenderweise bevorsteht, ist Jens Söring. Verurteilt zweimal lebenslänglich wegen Doppelmord hat er inzwischen mehrere Bücher geschrieben. In „Ein Tag im Leben des 179212“ (Gütersloher Verlagshaus 2008) schildert er seinen unglaublich brutalen Alltag. Amerikanische Gefängnisse sind um einiges härter als deutsche. Die ganze Gesellschaft scheint von dem Gedanken geradezu besessen zu sein, dass Strafe sein muss. Deshalb gibt es kaum noch vorzeitige Entlassungen. Die amerikanischen Wähler verlangen das. Es geht ihnen um Rache, nicht um Resozialisierung.

Söring macht dafür eine evangelikale Religiosität verantwortlich, die sich eher an einem strafenden Gott orientiert. Er sieht Ursprünge bei Anselm von Canterbury und Jean Calvin, nennt aber ausdrücklich Jonathan Edwards (1703-1758) mit seiner phänomenal beliebten Predigt „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“. „In Amerika gehört diese Predigt zur theologischen Grundausstattung und wird in den Kirchen gelegentlich immer noch wiederholt. Bei konservativen Gläubigen, die ja in der überwiegenden Mehrheit sind, findet man das Konzept eines strafenden Gottes ganz offen. Sie sprechen häufig und gerne davon, dass sie „saved“ (gerettet) worden sind – gerettet vor der Hölle, der gerechten Strafe Gottes.“ S.158

Der Katholik Söring möchte eine „theologische Revolution: ein neues Verständnis von Gott.“ S.160

Er selber hat es durch Meditation gefunden. Seine Gewährsleute sind neben Meister Eckhart Dietrich Bonhoeffer und der niederländische Katholik Henri Nouwen („Der verlorene Sohn“). „Das Wunderbare an der Meditation ist, dass man endlich aufhört zu fliehen und sich die Gitter und Ketten des „Ich“-Gefängnisses genauer ansieht.“ S. 172

Zu den Übungen, die er praktiziert und sogar anleitet, gehört Tai Chi. So überwindet er das gefängnistypische Gefühl der völligen Einsamkeit. „Auch fördert Tai Chi eine gewisse Eleganz und Grazie, eine Sanftheit und Schönheit in der Weise, in der man die Bewegungen durchführt. Im Knast gibt es natürlich nur sehr, sehr wenig Elegantes, Schönes oder Ästhetisches, da ist es schon beinahe ein Schock, einer Tai-Chi-Gruppe zuzusehen. Wann sonst hat man als Häftling schon die Gelegenheit, sich selbst als elegant oder schön zu empfinden?“

Die theologischen Überlegungen helfen ihm, menschlich in einer unmenschlichen Umgebung zu bleiben. So schließt er den Tag: „Wie jeden Tag versuche ich mit Worten zu beten, was mir jedoch immer schwerer fällt: Wortlos verstehen Gott und ich uns besser. Aber ein Vaterunser und ein Credo gönne ich ihm doch! Dann bete ich für meine Freunde in der Außenwelt und meine Freunde im Gefängnis. Und zuletzt bete ich jeden Abend den letzten Vers von Psalm 142:

Führe uns aus dem Kerker / damit wir deinen Namen preisen. / Die Gerechten scharen sich um uns / weil Du uns Gutes tust.

Im Original ist  dieser Psalm im Singular, aber  ich bete ihn immer im Plural. Warum? Weil Gott gefälligst nicht nur mich aus dem Kerker herausführen soll, sondern all die anderen Gefangenen in diesem Buch auch. Dann sage ich mein Amen, drehe mich  um und schlafe sofort ein.“ S.198f.

Es sind ernste Gedanken wie sie zur Adventszeit passen. Jedenfalls besser als die unsäglichen Vorweihnachtsfeiern und Konsumorgien, mit denen sich viele betäuben. Wenn Jens Söring nach Deutschland kommt, lade ich ihn in unser Rottenburger Gefängnis ein. Denn er kann glaubwürdiger zu den Gefangenen predigen als ich es vermag.

https://www.welt.de/vermischtes/article203877650/Entlassung-nach-33-Jahren-Haft-Die-offenen-Fragen-im-Fall-Jens-Soering.html