Archiv für den Monat Juli 2018

Andalusien (10): Neue Regierung

Unsere Andalusien-Reise beginnt ungefähr zu der Zeit, da Spanien eine neue Regierung bekommt. Natürlich habe ich im spanischen  Fernsehen die ersten Schritte verfolgt und – so gut es geht – spanische Zeitungen gelesen. In Cádiz gibt es nicht nur die bekannten überregionalen Blätter, sondern auch Lokalzeitungen, eine sogar kostenlos.

Am 1. Juni 2018 wurde Sánchez, erstmals in der Geschichte des spanischen Parlamentarismus, durch ein Misstrauensvotum zum Ministerpräsidenten von Spanien gewählt und löste dabei Mariano Rajoy ab; Sánchez erhielt 180 von 350 Stimmen (169 für Rajoy, eine Enthaltung). Seine sozialistische Partei PSOE, etwa mit der deutschen SPD vergleichbar, verfügt aber nur über 84 Sitze im Parlament und Sánchez’ neue Minderheitsregierung muss daher auf die Duldung durch verschiedene Parteien setzen. Wie lange diese Konstellation hält, wird man sehen.

Als Atheist wurde der neue Premierminister Pedro Sánchez ohne Bibel und Kreuz von König Felipe VI. eingeschworen. In seinem Auftreten wirkt Pedro Sánchez sehr sympathisch und lässt vergessen, dass er in seiner eigenen Partei nicht unumstritten war und ist. Eine Gegenspielerin war z.B. die Ministerpräsidentin Andalusiens Susana Díaz, die die traditionell starke Region der Sozialisten vertritt. Seit drei Jahrzehnten regieren sie hier ununterbrochen.

Große Anerkennung findet das Kabinett: 11 von 17 Ministerien werden nun von Frauen geführt, darunter sind die Schlüsselpositionen Wirtschaft und Arbeit. Sánchez‘ Vizepräsidentin Carmen Calvo wird auch das Gleichstellungsministerium innehaben, als Zeichen dafür, wie ernst es der Regierung mit dem Thema ist. Mit Teresa Ribera bringt eine ausgewiesene Klimaexpertin die von Rajoy stiefmütterlich behandelten Themen erneuerbare Energien und Umweltpolitik auf die Tagesordnung.

Sánchez ist Hochschullehrer für Ökonomie, er spricht Fremdsprachen und hat in Brüssel gearbeitet. „In Wirtschafts- und Europafragen vertritt er einen ganz ähnlichen Kurs wie die anderen europäischen Sozialdemokraten.“

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger will Pedro Sánchez den Katalonienkonflikt als „politisches Problem“ behandeln und hat einen Dialog mit der katalanischen Regionalregierung angekündigt.

Die neue sozialistische Regierung von Pedro Sánchez hat beschlossen, den Diktator Franco im Valle de los Caídos, wo seine Anhänger einen Kult betreiben, so bald wie möglich zu exhumieren und ihn in die Gruft seiner Familien überführen zu lassen. Sánchez möchte einen Ort der Versöhnung schaffen, hat aber natürlich die Konservativen gegen sich.

Viel Zustimmung fand die Aufnahme des Flüchtlingsschiffs Aquarius. Für 45 Tage sind die Geretteten Gäste der Regierung. Dann müssen sie ins Lager oder werden zurückgeschickt. Viele sind deswegen schon nach Frankreich weitergereist.

Man wird sehen, ob es mehr als eine Geste ist. Sánchez stimmte sogar dem Plan des französischen Präsidenten zu, „geschlossene Lager“ für Migranten in der EU einzurichten. „Dieser Vorschlag unterscheidet sich nicht zu sehr von dem System, das wir haben“, sagte Sánchez. In Spanien gibt es sogenannte Internierungslager für Ausländer, wo Migranten auf die Abschiebung in ihr Heimatland warten.

Spanien setzt nun auf altbewährte Methoden. Die Grenzkontrollen sollen verstärkt werden – und die finden in erster Linie in Marokko statt, auf der anderen Seite des Mittelmeers.

Bis heute erfüllt Marokko seine Aufgabe als „europäische Außengrenze“. Das Königreich gibt dafür jährlich 200 Millionen Euro aus. Nach Angaben von dem Leiter der marokkanischen Grenztruppe wurden im vergangenen Jahr insgesamt 65.000 Versuche unterbunden, nach Spanien überzusetzen. In diesem Jahr seien es bisher 25.000 gewesen. In Andalusien sind die Aufnahmekapazitäten längst erschöpft. Viele der Neuankömmlinge müssen unter freiem Himmel schlafen.

Im Norden Marokkos halten sich 35.500 Migranten auf, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt. Und jeden Tag werden es mehr, die von Marokko übers Mittelmeer wollen.

Ein anderes „Aufregerthema“ in den Medien ist die Verurteilung des Schwagers des Königs Inaki Urdangarin. Am 12. Juni 2018 wurde das Urteil gegen ihn vom Obersten Spanischen Gericht bestätigt. Er erhielt wegen Veruntreuung von sechs Millionen Steuergeldern, Betrug, Urkundenfälschung und Geldwäsche eine Gefängnisstrafe von 5 Jahren und zehn Monaten. Reporter zeigen genüsslich die Zelle, die auf den ehemaligen Handballer wartet.

Es kommen außerdem immer mehr unschöne Praktiken der Königsfamilie ans Licht. Da geht es nicht nur um Ehekrisen und Liebschaften, sondern auch um Finanzskandale. Aber die überlasse ich besser den Klatschblättern. Ich verstehe jedenfalls die Spanier, die am liebsten die Monarchie abschaffen möchten und immer mal wieder gegen sie demonstrieren.

Andalusien 9 : Kreuzfahrer

Die heutigen Kreuzfahrer sind harmlos. Wenn allerdings so ein schwimmendes Hochhaus im Hafen anlegt, ergießen sich auf einen Schlag möglicherweise 5000 Menschen in die Stadt. Sie können vom Schiff in wenigen Minuten zu Fuß ins Zentrum gehen. Zum Glück legen sie am Abend wieder ab.

Weniger harmlose Kreuzzügler – jedenfalls in mancher muslimischen Propaganda – sind die Amerikaner, die in Rota einen Militärstützpunkt unterhalten. Es ist einer der größten Europas und wurde schon 1953 unter dem Franco-Regime  aufgebaut. Man kann ihn von Cádiz aus am Horizont beobachten.

Die Reporterin Sara Lozano gab einen Einblick in die Basis von Rota: Man erfährt, „dass auf dem Militärstützpunkt nur in Dollar gezahlt wird, dass es ein Krankenhaus, eine Bibliothek, einen Kindergarten, eine Grundschule, eine Oberschule und eine Universität gibt. Auf drei Amerikaner kommen sieben spanische Arbeiter, die zwar angestellt vom spanischen Verteidigungsministerium sind, jedoch aus den Staaten ihr Gehalt erhalten. Die Gehälter sind höher in den einzelnen Berufen als außerhalb des Stützpunktes. Natürlich gibt es auch ein Fitnessstudio und einen Golfplatz. Im Supermarkt dürfen allerdings nur Amerikaner einkaufen, denn dort wird genau das angeboten, was sie auch zu Hause antreffen würden, nur weitaus billiger.

Die Städte Rota und El Puerto de Santa María profitieren von den Mieteinnahmen und Ausgaben der Amerikaner außerhalb der Militärbasis. Die amerikanischen Soldaten erhalten eine Unterstützung bei den Mietkosten, sodass sie im Gegensatz zu einem Spanier im Durchschnitt bis 1500 Euro im Monat zahlen, anstatt 500 bis 600 Euro, heißt es in der Reportage. Es gibt sogar Familien in Rota, die ihr eigenes Haus zur Verfügung stellen und dafür in eine Mietwohnung ziehen. Insgesamt 600 Millionen Euro jährlich soll das Gebiet an wirtschaftlichen Einnahmen durch den Aufenthalt der Amerikaner erhalten. Die Angaben stammen von den Berechnungen der Militärbasis selbst.“

Seit zwei Jahren sind hier vier Zerstörer der US-Navy stationiert, die zur seegestützten Raketenabwehr der NATO gehören. Von hier kommen die Kriegsschiffe, die immer wieder „Tomahawk“-Raketen auf Syrien abfeuern. In der Bucht von Cádiz werden Kriegswaffen für Saudi-Arabien gebaut, die auch im Jemen eingesetzt werden. Zuletzt wurden im April der Bau von fünf weiteren Korvetten in Auftrag gegeben.  Der Bürgermeister von Cádiz José Maria González, Mitglied der linken Partei „Podemos“ unterlässt seine früheren  jährlichen Friedensdemonstrationen. Jobs für die Bewohner der Stadt sind ihm wichtiger als die Opfer der Kriege und der saudischen Diktatur. Es fällt auf, dass sich alle Linksparteien in Spanien  mit Kritik an NATO – und EU-Kriegspolitik zurückhalten. Die neue sozialdemokratische Verteidigungsministerin Margarita Robles begrüßte am 25.6.  sogar die EU-Militärmission „Atalanta“ am Horn von Afrika, die ab März 2019 von Rota aus geführt werden soll. Das sei „ein Beweis für die Solidarität gegenüber den afrikanischen Ländern“. Das ist ziemlich zynisch, denn etwa in Somalia haben solche Missionen noch gar nichts zur Verbesserung der Lage der Menschen beigetragen. Für das Geld könnte man besser humanitäre Hilfe leisten.

In unseren Reiseführern steht davon kein Wort. Nur, dass es dort noch eine nette Altstadt geben soll.  Wir fahren nicht hin.

Andalusien (8):  Die „Neue Welt“

170 Aussichtstürme auf Dächern der Altstadt von Cádiz verraten, dass einst sehnsuchtsvoll nach Schiffen aus Amerika Ausschau gehalten wurde, die sagenhafte Schätze aus der „Neuen Welt“ bringen würden. Im  Oktober 1492 – so die klassische Auffassung  – entdeckte der Genuese  Kolumbus im Auftrag der kastilischen Könige Amerika. Die drei Schiffe seiner ersten Expedition starteten von Palos de la Frontera zu den Bahamas, Kuba und Hispaniola. Drei weitere Fahrten von andalusischen Häfen schlossen sich an. Von Cádiz aus fuhr Kolumbus 1493-1496 zu den Kleinen Antillen, nach Puerto Rico und Jamaica, 1502-1504 segelte er nach Honduras und Panama. Bis zu seinem Tod 1506 hatte er nicht bemerkt, dass er einen neuen Kontinent betreten hatte. Er suchte ja den Seeweg nach Indien. Sein Grab kann man in der Kathedrale von Sevilla bewundern. In dieser Hafenstadt wurde schon 1503 eine Art Monopolbehörde eingerichtet, wo alle Schiffe aus Amerika ihre Schätze abliefern mussten. Als der Zugang zum Meer versandete, bekam Cádiz den Übersee-Handel in die Stadt. Im 17. Und 18. Jahrhundert brachte der enormen Reichtum und ermöglichte die noch heute sichtbare einmalige Architektur.

Allerdings lockte dieser Reichtum jede Menge Piraten an. Die aus Algier im 16. Jahrhundert konnten noch abgewehrt werden, aber die Engländer unter Francis Drake zerstörten 1587 die im Hafen befindliche spanische Flotte. 1596 plünderten sie unter Charles Howard und Walter Raleigh die Stadt erneut und zogen mit großer Beute ab. 1625 allerdings scheiterten sie im Englisch-Spanischen Krieg beim Versuch, die Stadt zu erobern.

Wenn man zu den Befestigungsanlagen wie Castillo de Santa Catalina der Castillo de San Sebastián geht, fragt man sich, wie man überhaupt mit den damaligen vergleichsweise winzigen Segel-Kriegsschiffen eine Stadt  erfolgreich angreifen konnte.

Als 1717 die für den Amerika-Handel verantwortliche „Casa de la Contratación de las Indias“ nach Cádiz verlegt wurde, erlebte die Stadt ökonomisch ihre Blütezeit. In diesem Jahr kreierte die Stadt ihren eigenen Meridian – Längengrad 0 – als Leitfaden für die Schifffahrt. Bis 1850 werden die meisten spanischen Seekarten und Logbücher auf diesen Meridian eingestellt. Am Hafen finde ich ein Plakat, das die Bedeutung erklärt und im  Pflaster einen langgezogenen Strich, der die Erinnerung wach hält. Man kann ja zu den Eroberungen kritisch eingestellt sein, aber die nautischen Leistungen der damaligen Seefahrer muss man einfach bewundern.

In der schier unendlichen Reihe der Kriege wurde die Stadt 1800 erneut bombardiert, diesmal unter dem Kommando von Admiral Nelson. Während der Besetzung Spaniens durch französische Truppen unter Bonaparte 1808-1814 blieb Cádiz als einzige Region unabhängig.  In der belagerten Stadt wurde am 19. März 1812 die  erste liberale Verfassung Spaniens verkündet, genannt „La Pepa“ nach dem Tagesheiligen. Das „Museo de las Cortes de Cádiz“ informiert darüber. Für die Cortes steht ein riesiges Denkmal auf der Plaza de Espana. Ich gehe aber lieber in das schöne Café, in dem die Abgeordneten die Grundsätze dieser Verfassung debattiert hatten.

Man fragt sich mitunter, wo die riesigen Schätze aus der Neuen Welt geblieben sind. Andalusien blieb ja bis zum Aufkommen des Tourismus ziemlich arm. Wenn sie nicht auf dem Meeresgrund landeten oder von Piraten gekapert wurden, wurde vieles in prunkvolle Kirchen und Paläste verbaut, aber auch an ausländische Geldgeber weitergeleitet. Das fing schon bei Karl V. an, der bekanntlich bei den Fuggern hochverschuldet war und 65% der Einnahmen abliefern musste. Zwischen 1503 und 1660 gelangten 185000 kg Gold und 16 Millionen kg Silber in den Hafen. Es wurde im Flottenbau („Armada“) und Landkriegen verpulvert. Genua und andere italienische Städte machten als Kreditgeber ihren Profit. Schließlich musste auch noch eine Heer adliger Müßiggänger unterhalten werden. Arbeit schickte sich schließlich nicht für einen stolzen „hidalgo“. Die „Neue Welt“ erlebte allerdings die alten Übel.

 

Andalusien (7): Reconquista

Im 8. Jahrhundert hatten Muslime innerhalb von sieben Jahren fast die ganze iberische Halbinsel militärisch erobert. Den Norden schafften sie nicht, wollten es vielleicht auch gar nicht. Sie begnügten sich mit einzelnen Raubzügen. Es wundert mich nicht, dass manche heutigen Muslime von einer Wiederholung dieser Demonstration der Stärke träumen. Dank gegenwärtiger Migration gibt es ja wieder eine wachsende muslimische Minderheit, die ihre in der EU garantierten Rechte einfordern. In der Öffentlichkeit fallen vor allem die verschleierten Frauen auf. Moderne Moscheen sehe ich aber nicht. Die erste wurde 1982 in Pedro Abad (Provinz Córdoba)  eingeweiht. Sie gehört der Ahmadiyya und  heißt ausgerechnet „Gute Nachricht“, auf Urdu „Bascharat“. Heute gibt es in Spanien über 1400 Moscheen. Der reichste Geldgeber von Moscheen in Spanien ist Saudi-Arabien. 1985 eröffnete das Königreich Saudi-Arabien mit ausschließlich eigenem Geld das Islamische Kulturzentrum in Madrid, der größten Moschee Europas, gefolgt vom Islamischen Zentrum Málaga, das die Saudis mit 22 Millionen Euro finanzierten. Angeblich kaufen arabische Investoren bewusst ehemalige muslimische Zentren auf.

So erstaunt es nicht, dass viele Spanier Gegenmaßnahmen fordern und von einer neuen Reconquista träumen. Historisch zog sich die „Rückeroberung“ über mehrere Jahrhunderte hin. Ein geeintes Spanien gab es ja nicht. Die verschiedenen Königreiche folgten eigenen Interessen, was gelegentliche Koalitionen mit muslimischen Herrschern nicht ausschloss.

Ein gutes Beispiel dafür ist der spanische Nationalheld „El Cid“ (eigentlich Rodrigo Díaz de Vivar †1099 in Valencia),  dessen Geschichten immer wieder erzählt werden, heute auch durch Comics, Festspiele und Filme. Seine Verherrlichung begann schon gegen 1140 in dem Epos „El cantar de mio Cid“. Der unbekannte Dichter verschweigt nicht, dass die Beute für diesen Ritter, der von seinem König aus dem Land gewiesen wurde, überaus wichtig ist, weil er und die Seinen von ihr leben müssen. So wechselt er mehrmals die Fronten.

„Dass es die Kampfgrenze gibt mit Burgen  und Kleinstädten, die der Cid den Muslimen streitig machen und abnehmen kann, ist ein Glück für den von seinem Herren und König Geächteten und seiner angestammten Lehen Beraubten, denn diese Grenze verschafft ihm den Freiraum, in dem er sich bewähren und am Ende sein eigenes Königreich, jenes von Valencia, erobern kann. Die Kampfgrenze erlaubt ihm, als Ritter zu leben, obgleich er aus seinem ursprünglichen Lebensverhältnis ausgeschieden ist und damit die bisherige Grundlage seines Rittertums verloren hat. Dank seiner außerordentlichen Fähigkeiten als Kämpe und Kriegsherr vermag er sich sogar ein neues, nun eigenes und unabhängiges Herrschaftsgebiet zu schaffen. Dies ist der historische Kern des Heldenliedes.“ Arnold Hottinger: Die Mauren, Arabische Kultur in Spanien,  Zürich 1995, S. 380.

Die Legenden sind natürlich bis heute viel wirksamer, nicht zuletzt der Hollywood-Film „El Cid“ (mit Charlton Heston und Sophia Loren) von 1961, der mich als Jungen begeisterte. Mit der historischen Wahrheit hat er nicht viel zu tun, obwohl der Historiker Menéndez Pidal als Berater mitwirkte. Immerhin gibt er ein Bild von der Grausamkeit, mit der auf allen Seiten gekämpft wurde. Ich habe ihn mir extra vor der Reise als DVD besorgt.

In der Umgebung von Cádiz, unserem Standquartier, haben viele Dorf- und Städtenamen den Zusatz „de la Frontera“, ein Hinweis auf die lange umkämpfte Grenze. Überall findet man mehr  oder weniger erhaltene Burgen wie beispielsweise in Arcos de la Frontera. Das „castillo“ ist noch immer Privatbesitz der Herzöge und darf nicht betreten werden. Auf andere Burgen steige ich, um den wunderbaren Rundblick zu genießen, da sie natürlich auf die Berge gebaut wurden.

Erst mit dem Fall Toledos 1085 richtete sich die Reconquista gegen Kerngebiete des  Herrschaftsbereiches  der Muslime, weshalb  diese die Berberdynastie der Almoraviden ins Land riefen. Sie proklamierten den Dschihad zur Verteidigung des Islam. Die europäischen Herrscher riefen daraufhin zum Kreuzzug auf. 1212 besiegten sie die Almohaden, eine weitere fundamentalistische Berberdynastie unter Kalif Muhammed an-Nasir. Dadurch kam die Wende. Es blieb schließlich noch das Emirat Granada.

Als schönstes Dorf, das maurische Architektur bewahrt hat, gilt Vejer de la Frontera. Mittlerweile wird es vom Massentourismus überrollt. Eine Besonderheit sieht man nur noch auf den Postkarten: Cobijos, eine auf islamische Traditionen zurückgehende Tracht mit Gesichtsschleier. Dieser Tschador wurde 1931 von der regierenden Volksfront verboten, da reaktionäre Kräfte darin unerkannt Waffen für terroristische Anschläge transportierten. An der Fassade der Klosterkirche Iglesia Merced zeigt ein Halbrelief das Porträt einer verschleierten Cobijada. Offensichtlich haben auch Christinnen sich lange so gekleidet.

Der Wirt eines Hotels gleichen Namens preist sein Haus an: El Cobijo ist Frieden und riecht nach Jasmin. http://www.elcobijo.com/el_entorno_historia. Na denn!

Im Januar 1492 kapitulierte der letzte arabische Herrscher in Andalusien. Da blickten die „katholischen Könige“ schon in die Neue Welt. Ein weitere „conquista“ sollte beginnen.

 

Andalusien (6): Fußball

Wieder einmal erlebe ich eine Fußballweltmeisterschaft im Ausland. Eigentlich will ich diese Geldmeisterschaft – Gesamtmarktwert der spanischen Mannschaft: 1,03 Mrd. € (laut transfermarkt.de) – boykottieren, aber in Cádiz kommt man an den Spielen nicht vorbei. Jede Kneipe stellt nicht nur ein paar Stühle und Tische auf die Straße, sondern auch riesige Fernseher, sodass man manches Match im Vorübergehen verfolgen kann. Ich gebe zu, dass ich das eine oder andere Spiel ganz gern sehe, aber auf die oft nationalistischen deutschen Kommentare und das ganze Drum und Dran gern verzichten kann. Es ärgert mich, wenn ARD oder ZDF sogar Trainingsbilder für Nachrichten halten. Durch das frühe Ausscheiden der deutschen Mannschaft bleiben uns diese glücklicherweise erspart. Nachdem auch Spanien  ausgeschieden ist, erlischt hier das Interesse. Man nimmt es aber anscheinend ziemlich gelassen  hin.

Spanien hat so viele gute Vereine, dass man sich wieder auf die eigene Meisterschaft konzentriert. Die Vereinsmannschaften sind ja mittlerweile so multinational besetzt, dass  man von ständigen Weltmeisterschaften sprechen könnte.

Der FC Cádiz ist leider aus der Ersten Liga abgestiegen. Deswegen haben sie nun  Mühe, das überdimensionierte Stadion zu füllen, das in unserer Nachbarschaft steht. Jetzt überlegt man, ob dort Hotels eingebaut werden können. Wohin mit Stadien, die man  nicht mehr braucht?

https://www.cadizcf.com/club/instalaciones/estadio-ramon-de-carranza.

Ich lese, dass Engländer das Spiel nach Spanien gebracht haben: „Am 8. März 1890 fand das erste offizielle Fußballmatch in der Pferderennbahn Hipódromo de Tablada in Sevilla statt. Die Mannschaft von Recreativo de Huelva trat gegen Colonia Inglesa Sevillana an, eine Mannschaft aus britischen (!) Arbeitern. Bis auf zwei spanische Spieler auf Seiten von Huelva waren alle Spieler britischer Herkunft. Die Auswahl aus Sevilla entschied dieses Spiel mit 2:0 für sich.“

Ein Vorteil hat der Fußball: Er löst allmählich den Stierkampf ab. Deren Arenen stehen die meiste Zeit mangels Interesse vor allem der jüngeren Spanier leer. In Ronda ist es eher ein Museum, in Antequera ein Restaurant, in Malaga gähnende Leere. Aber die konservative Regierung hat es noch geschafft, den Stierkampf zum nationalen Kulturgut mit Steuerbefreiung zu erheben. Dagegen protestieren die Tierschützer.

Der SPIEGEL Nr. 24 vom 9.6.18  S.60 zitiert eine Beratungsfirma, die das WM- Endspiel voraussagt: Brasilien – Deutschland 2:1. Haha. Wenn sich Journalisten doch endlich auf Fakten konzentrieren würden, statt uns mit abwegigen Meinungen und Prognosen zu belästigen. Und das Geschwätz aus den asozialen Medien sollten sie besser ignorieren statt durch ihre Kommentare aufzuwerten.

Andalusien (5): Kirchen

Die vielen spanischen Kirchengebäude demonstrieren noch immer den Sieg der Rückeroberung unter den „katholischen Königen“. Viele können ihre Vergangenheit als Moschee nicht verleugnen, andere wie die neue Kathedrale von Cádiz stammen aus späterer Zeit. 116 Jahre hat man seit 1722 an ihr gebaut, was einen schönen Stilmix ergibt. Eine Renovierung wäre nicht schlecht, denn die Decke bröckelt schon. Ich kriege trotz der Auffangnetze plötzlich ein paar Splitter auf den Kopf.

Das anfänglich barocke Gotteshaus wurde im klassizistischen Stil vollendet. Im Innern sind mehrere Skulpturen aus der alten Kathedrale zu sehen. Zuletzt wurden im 19. Jahrhundert die Türme und die Sakristei errichtet. Besonders hervorzuheben sind die Gewölbe des Altarraums und das Chorgestühl, das jedoch ursprünglich nicht für die Kathedrale angefertigt wurde. Die barocken Heiligenfiguren sind von großer Schönheit. Die Kirche überwölbt eine eindrucksvolle, mit golden glasierten Dachziegeln gedeckte Kuppel. In der Krypta ist der berühmte Komponist Manuel de Falla begraben.
Seit 2003 kann der Westturm, der Torre de Poniente, bestiegen werden. Über die Rampe gelangt man in den Glockenturm, mit dessen Bau im 18. Jahrhundert, der Blütezeit von Cádiz, begonnen wurde. Von dem Turm aus bieten sich wunderschöne Blicke auf die umliegende Stadt.

Zur Zeit stellt man in ihr besondere Schätze aus unter dem Leitwort „Translatio Sedis“, weil die Diözese vor 750 Jahren gegründet wurde. Wie bei vielen Kathedralen muss man Eintritt bezahlen und bekommt dafür einen Audioguide, der einem auf Deutsch die wichtigsten Kunstwerke erklärt, vor allem die unendliche Schar der Heiligen. Unverdrossen kämpft Santiago (Hl. Jakobus), der Maurentöter, noch immer gegen die Muslime und setzt seinen Fuß auf ihren Kopf. Die vielen Madonnen sind so allerliebste Himmelsköniginnen, dass Mann sich glatt vergucken könnte. Die beiläufig eingestreute massive katholische Propaganda muss  man in Kauf nehmen.

Die römisch-katholische Kirche kämpft nämlich um ihren Einfluss. In den ausliegenden Schriften betonen die Autoren besonders den Wert ihrer Schulen und sozialen Projekte. Unsere eher linken Freunde sind dennoch skeptisch: Die jahrhundertelange Kungelei mit den Mächtigen und zuletzt mit dem Franco-Regime hat der Kirche massiv und auf Dauer geschadet. In Andalusien sollen nur 1 % der Bevölkerung an der Messe teilnehmen. Gleichwohl spielen die Bischöfe traditionell eine wichtige Rolle, nicht zuletzt durch die Politiker der konservativen Partei. http://www.catedraldecadiz.com.

Direkt bei der Neuen steht noch die ältere Kathedrale Santa Cruz, die im 13. Jahrhundert auf den Fundamenten einer Moschee errichtet wurde. Sie war ursprünglich als Ruhestätte für Alfons X. vorgesehen, der Cádiz 1262 von den Mauren befreite. Ihm begegnen wir in Spanien allerorten.

Als Enkel des Königs Philipp von Schwaben können wir ihn fast als Landsmann verstehen. Tatsächlich strebte er mit diesem Erbe die deutsche Kaiserkrone an. Letztlich reichte aber sein Geld dafür nicht. Als er deswegen den Wert der Münzen manipulierte und die Preissteigerungen durch eine Steuer ausgleichen wollte, schädigte er die Wirtschaft. Wenn auch finanzpolitisch kein „Käpsele“, so verdiente er den Titel „der Weise“ durch seine Gesetzgebung und ein chemisches sowie philosophisches Werk, das er neben bedeutenden Gedichten verfasste. In der Astronomie lernte er von den Mauren und verbesserte die Ptolemäischen Planetentafeln. Darum ist der Krater Alphonsus auf dem Mond nach ihm benannt. In Toledo gründete er eine wichtige  Übersetzerschule aus Juden, Muslimen und Christen, die arabisches und jüdisches Wissen ins christliche Europa vermittelten.

Als er nach seinem Kreuzzug gegen die Mauren sich mit den Herrschern von Marokko verbünden wollte,  denunzierten ihn  der eigene Sohn und die Adeligen als Feind des christlichen Glaubens. Er wurde 1282 entmachtet und starb zwei Jahre später vereinsamt in Sevilla.

Zur stillen Einkehr ziehe ich  die unbekannten Gotteshäuser mit ihrer Kühle und Stille vor. Glücklicherweise gibt es Bänke, auf denen man ausruhen kann. In unserer Nachbarschaft ist beispielsweise die Kirche St. José, die also dem Hl. Josef geweiht  ist. Auf einem Altar ist  er in seltener Pose mit dem Jesusbaby zu sehen, andernorts allenfalls mit dem größeren Kind Jesus an der Hand. Jeden Abend kommen Leute zur Messe, die ein junger Priester zelebriert.

Dass die Leute von Cádiz ihren Glauben in eigenartiger Weise leben, sehe ich in der Markthalle. Drei lange Reihen sind von Fischhändlern belegt, die oft ein Jesus- oder Marienbild hinter sich aufgehängt haben. Es ist gewöhnungsbedüftig, wenn man ihnen zuschaut, wie sie vor diesen Bildern mit großen Messern die Fische zerlegen, portionieren oder entgräten. Aber schließlich waren ja die ersten Jünger Jesu Fischer.

 

Andalusien (4): Eroberer

Ich blicke von der Burg „Castillo de Guzmánel Bueno“ in Tarifa hinüber nach Marokko. Von dort sind sie also 710 gekommen, die muslimischen Eroberer. Gerade mal 14 km sind es von der südlichsten Stadt Europas bis nach Afrika. Der Dschebel Musa, einer der „Säulen des Herkules“ ist gut zu erkennen. Wie viele werden wohl von drüben sehnsuchtsvoll herblicken und  trotz Todesgefahr irgendwann mit wenig seetüchtigen Booten die Überfahrt wagen? Erst kürzlich sind wieder Tote hier angeschwemmt worden. Damit müssen wir uns auf der ganzen Reise immer wieder konfrontieren. In den Jahren von 1997 bis 2001 wurden gemäß einer Zählung der marokkanischen „Vereinigung der Freunde und Familien von Opfern der illegalen Einwanderung“ (Association des amis et familles des victimes de l’immigration clandestine, AFVIC) an den marokkanischen und spanischen Küstenstreifen der Straße von Gibraltar insgesamt 3.286 Tote gefunden. Wie viele aufs Meer abgetrieben und nie gefunden wurden, ist unbekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl etwa dreimal so hoch wie jene der an die Strände geschwemmten ist – also fast 2.000 Tote pro Jahr. Genaue aktuelle Zahlen gibt es nicht.

In der Burg ist eine gut gemachte historische Ausstellung, die auch die islamische Epoche würdigt. Das hat Seltenheitswert. Man muss diese oft mühsam unter den späteren Überbauten aufspüren. Die Steine sprechen ja erst, wenn man nicht nur die Geschichte, sondern auch die Geschichten kennt, die sich hier abgespielt haben. Mir hilft dabei die „Islamische Geschichte Spaniens“, dargestellt von Wilhelm Hoenerbach auf Grund der A’mal al-A’lam und ergänzender Schriften in der „Bibliothek des Morgenlandes“ im Artemis Verlag Zürich 1970.

Im  Juli 710 führte der Berber Tarif abu Zura gerade mal 500 Leute zur Erkundung her. Wahrscheinlich war –  wie später gegen Nordspanien – nur an Beutezüge gedacht. Aber ein Jahr später folgte die Eroberung von „Al Andalus“ durch Tarik Ibn-Sijad mit immerhin 7000 Mann. Er besiegte das durch Streitereien geschwächte westgotische Heer unter Roderich in der siebentägigen Schlacht in Jerez de la Frontera im Juli 711. Wir haben die Stadt viermal besucht, aber das Schlachtfeld nicht mehr gefunden. Es gab ja dann in den achthundertjährigen islamischen Herrschaften in Spanien viele davon. Ich schreibe im Plural, weil man von Anfang an sehen kann, dass die Muslime  sich nie einig waren und – wie die Christen auch – sich öfter gegenseitig abschlachteten oder sogar sich mit den „Kafiren“ („Ungläubigen“) verbündeten. . Die Berber, vor allem als Almoraviden und Almohaden waren immer wieder besonders brutal gegen ihre Glaubensgenossen. Deren Fanatismus erinnert an die Taliban oder IS heutzutage. Von Anfang an waren die eindringenden Muslime noch einmal als Nord- und Südaraber (Syrer bzw. Jemeniten) verfeindet. Die viel gerühmte Toleranz war eine kurze  Ausnahme, die „umma“ (arabisch أمة ) eine Illusion.

Vielleicht war dafür die beste Zeit die im 10. Jahrhundert unter Abd ar-Rahman III., der die Burg bauen ließ, auf der ich stehe. Bezeichnenderweise als Schutz gegen Überfälle der Fatimiden, die später Kairo gründeten. „Islam heißt Frieden“? Ganz gewiss nicht in der Geschichte Andalusiens. Dieser Machthaber ernennt sich 929 zum Kalifen, eine ungeheure Provokation. Denn in Bagdad sitzt der rechtmäßige Nachfolger des Propheten.

Ihren Namen hat die Burg in Tarifa vom christlichen Kommandanten der Rückeroberung 1292 Alonso Pérez de Guzmán. Der opferte lieber seinen Sohn als zu kapitulieren, wofür ihm König Sancho IV. den Ehrentitel „El Bueno“ (der Gute) verlieh und mit Ländereien belohnte. Später wurde er zum Herzog von Medina Sidonia ernannt und begründete eines der mächtigsten Adelsgeschlechter Spaniens. Seine Nachkommen gehören noch immer zu  den größten Großgrundbesitzern Andalusiens.

Ich schaue auf den Hafen, wo Fähren nach Tanger auslaufen. Eine Gruppe Marokkanerinnen wartet dort mit allerlei Ware, die sie wohl zuhause weiterverkaufen werden. Anders als die Männer sind sie noch traditionell gekleidet.

Als ich 1969 mit meinem R 4 durch Marokko bis in die Sahara fuhr, trugen noch alle Männer den Wollmantel, die Dschellaba (arabisch جلابة). Ich „tarnte“ mich auch damit um nicht gleich als Tourist aufzufallen. Die Armut war damals weit schlimmer als heute, aber es gab keine Bootsflüchtlinge. Man kannte es ja nicht anders. Meine Reisekasse als Student war mager, sodass ich mich oft über die große Gastfreundschaft freute.

Jetzt schauen wir uns noch ein wenig in der Altstadt um, die mit ihren engen Gassen den maurischen Charakter behalten hat und zum geschützten Kulturgut erklärt wurde. Etwas abseits am Strand fallen die Wind- und Kite-Surfer auf, die die starken Winde nutzen: locos por el viento genannt, „die nach dem Wind Verrückten“.

Der Tourismus hat den Vorteil, dass es heute eine gute Infrastruktur gibt. Die wichtigen Straßen sind mittlerweile erstklassig, wenn auch die Autobahnen teilweise Maut kosten. 1969 kam ich auf den schmalen Landstraßen oft an  den Lastwagen nicht vorbei. Das ist heute dank der EU besser. Überall gibt es reichlich Informationsmaterial und gute Stadtpläne. Dazu natürlich das Internet: https://tarifa.de.

Auf dem Rückweg nach Cadiz kommen wir am Kap Trafalgar vorbei. Zu sehen ist nicht viel, aber der Name genügt, um die Phantasie über die Seeschlacht von 1805 anzuheizen. Anfang diesen Jahres erst wurden etliche „Devotionalien“ des englischen Seehelden (und Pastorensohns!)  Lord Nelson versteigert.

https://www.welt.de/geschichte/article172276554/Schlacht-von-Trafalgar-Mit-diesem-Trick-schlug-Nelson-die-Flotte-Napoleons.html

Ein Anlass für Demut: Bis in die jüngste Vergangenheit haben sich nicht nur in Spanien die Christen gegenseitig umgebracht. Und das nach der vielgerühmten „Aufklärung“.

 

Andalusien (3): Westgoten

Ein Interesse unserer Andalusienreise ist ein besseres Verständnis zu gewinnen für den Islam in Spanien. Vor der islamischen Herrschaft spielten die Westgoten eine besondere Rolle. Manche sagen, sie seien verantwortlich, dass  die muslimischen Eroberer leichtes Spiel hatten.

Seit dem 2. Jahrhundert ist in Spanien das Christentum nachweisbar. In Kirchen wird gern auf die angeblichen Besuche durch den Apostel Paulus hingewiesen. Der schreibt zwar in seinem Brief an die Römer, dass er noch nach Hispania reisen möchte, aber dazu kam es sicherlich nicht. Flächendeckende christliche Präsenz beweist aber  das Konzil von Elvira (bei Granada) um 300, an dem 19 Bischöfe und 24 Presbyter teilnahmen. Bischof Hosius von Córdoba war einer der wichtigsten Berater von Kaiser Konstantin, der die christliche Staatskirche vorbereitete. Der iberorömische Kaiser Theodosius ließ bereits 392 jede Anbetung nichtchristlicher Götter verbieten.

Doch das römische Imperium teilte sich erst in West und Ost und zerfiel dann ganz. Bereits romanisierte Wandalen, Sueben und Westgoten folgten den Römern. Letztere bildeten ein föderiertes Reich von 418 bis 711 erst in Gallien und dann in Spanien mit der Hauptstadt Toledo. Zahlenmäßig waren es kleine Verbände, sodass eine Minderheit ein riesiges Gebiet kontrollieren wollte. „Die Schätzungen der Anzahl der im Toledo-Reich lebenden Westgoten schwanken zwischen rund 70 000 und 200 000, was einem Anteil von etwa ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung (zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung des Reichs) entspricht.“ Praktisch übernahmen sie die Rolle der römischen Armee, die inzwischen von Ravenna aus verwaltet wurde. Wesentliche Strukturen der Verwaltung wie auch die lateinische Amtssprache wurden von den Westgoten beibehalten. Sie waren als Großgrundbesitzer  am Land interessiert, stützten sich auf Sklavenwirtschaft und vernachlässigten die Schifffahrt. Das sollte sich bald rächen.

Wenn man auf den Ruinen steht und sich das damals pulsierende Leben vergegenwärtigt, fragt man sich, ob die Menschen eigentlich ein Bewusstsein dafür hatten, dass ein Weltreich untergeht. Ich frage auch: Was werden spätere Generationen auf unseren Ruinen von uns denken? Erleben wir auch  gerade eine Zeitenwende mit dem Niedergang des Westens und dem Aufstieg Chinas?

In Mérida haben wir viele Objekte westgotischer Kunst gesehen, in Cádiz nur wenige. „Bis heute hat im kollektiven Gedächtnis der Spanier gerade das westgotische Erbe einen hohen Stellenwert. Dies mag Echo einer national-spanischen Geschichtsschreibung, bzw. der Versuch sein, die Einbindung der Iberischen Halbinsel in das Abendland zu betonen.“ Freller/Vázquez S.71.

Bekannt ist, dass die verschiedenen westgotischen Clans auch untereinander Zoff hatten und sich in Machtkämpfen aufrieben. Religiös hingen sie der christlich-arianischen Konfession an, die später als Ketzerei ausgemerzt wurde. Deren Theologie hat mir immer eingeleuchtet. Aber sie spaltete die Christenheit. Ihre intolerante Haltung zu den Juden ließ diese auswandern. Basken und Katalanen waren schon damals widerständig. Die Thronfolge war nie geklärt und führte regelmäßig zu Bruderkriegen. 711 kam das Ende nach  einer verheerenden Niederlage gegen ein muslimisches Invasionsheer unter Tariq ibn Ziyad. Schon vorher sind wohl Bewohner aus Nordafrika ganz friedlich eingewandert und haben in menschenleeren Gegenden gesiedelt. Das Mittelmeer war eben keine politische oder kulturelle Grenze. Unser Bild der Ereignisse ist oft eine Rückprojektion aus späterer Zeit, wenn nicht sogar fundamentalkatholische Propaganda. Die neuere Geschichtsschreibung schildert weniger große Schlachten zwischen Westgoten und Muslimen, sondern eher eine „sanfte“ Übernahme durch Araber und Berber.

Bei manchem blauäugigen Blondschopf am Strand frage ich mich, ob dieser stolze Spanier vielleicht auch von den Westgoten abstammt. Bei den Blondinen klärt mich meine Liebste auf, dass diese ihre Haare gefärbt haben. Dabei steht ihnen doch schwarz so gut.

Andalusien (2): Die Römer

Vor uns waren auch die Römer in Spanien. Aber sie interessieren uns auf dieser Reise nicht so sehr, nachdem wir letztes Mal in Mérida die römischen Ruinen von Emerita Augusta rauf und runter bestaunt haben. Sie sehen ja fast überall gleich, wie  genormt aus und „leben“ erst durch unsere Phantasie bzw. Wissen, das ich dieses Jahr vor allem aus Thomas Feller/ Miguel Vázquez: „Die Geschichte der Iberischen Halbinsel“ (Thorbecke Verlag 2012) beziehe. Mittags ist es im Juni schon so heiß, dass wir am liebsten wie die Spanier Siesta halten. Tatsächlich erstirbt das öffentliche Leben Mittags bis sechs oder gar sieben Uhr, um dann wieder bis Mitternacht aufzuerstehen. Selbst kleine Kinder laufen dann noch herum und man kann einkaufen oder essen gehen.

In Cádiz sieht man noch ein römisches Theater, das aber teilweise  von alten Häusern überbaut ist. In Málaga hat man diese weggeschlagen und eine Freilichtbühne aufgebaut. Die „Cloacas Romanas“ in Medina Sidonia lassen wir auch aus. Schließlich gibt es ein Römerklo bei uns in Rottenburg.

Was ich aber noch nirgends gesehen habe, sind römische Fischfabriken. Westlich von Bolonia ist mit „Baelo Claudia“ die bedeutendste antike Ruinenstadt Andalusiens nach Itálica zu besichtigen. Deren Theater liegt herrlich mit Blick über‘s Meer. Das Original der Statue des Kaisers Trajan steht allerdings im Museum Cádiz. Dazu Thermen, Kapitol, Wasserleitungen und Stadtmauern. Auch drei Tempel hatten sie. Einen für Isis. Wie kommt die Ägypterin hierher?

Wikipedia: „Die populärste Gottheit in der römischen Provinz Hispanien war Isis, gefolgt von Magna Mater, der großen Mutter. Die karthagisch-phönizischen Gottheiten Melkart (sowohl ein Sonnen- als auch ein Meergott) und Tanit-Caelestis (eine Muttergottheit, die möglicherweise dem Mond verbunden war) waren ebenfalls populär. Das römische Pantheon verdrängte schnell die ursprünglichen Gottheiten durch Identifikation: Melkart wurde zu Herkules, der lange Zeit bei den Griechen als Variante ihres Herakles galt. Baal-Hammon, der karthagische Hauptgott, spielte ebenfalls eine wesentliche Rolle, so wie die ägyptischen Götter Bes und Osiris.“

Römische Tempel kennt man ja. Aber Fischfabriken? Wenn ich den Archäologen richtig verstanden habe, sind längst noch nicht alle ausgegraben. Leider folgt er der Unsitte vieler Fremdenführer, dass er uns in praller Sonne Vorträge hält, die er menschenfreundlicher im kühlen kleinen Museum erzählt hätte. EU-Bürger haben übrigens dort wie anderswo freien Eintritt. (Schweizer müssen zahlen, recht so.) Die Stadt Baelo wurde Ende des 2. Jh.v.Chr. gegründet  und erhielt unter Kaiser Claudius (41-45 n.Chr.) die römischen Stadtrechte und den Beinamen. Schon Ende des 2.Jh. zerstörte ein Erdbeben die Stadt, die daraufhin von ihren 2000 Bewohnern verlassen wurde. Bis dahin produzierten und exportierten sie bis nach Germanien eine sehr begehrte Fischsoße „Garum“, die mich an ein ähnliches Gebräu in Thailand erinnert. In den noch sichtbaren Becken wurden kleinere Fische und Innereien von Makrele und Thunfisch mit Gewürzen eingesalzen und bis zu zwei Monaten der Sonne ausgesetzt. Der Fermentationsprozess zersetzte das Fischeiweiß. Das muss fürchterlich gestunken haben, weshalb die reicheren Bürger etwas entfernt wohnten. Der heute so attraktive Strand mit seiner gewaltigen Düne interessierte die damaligen Menschen nicht.

Wir essen hier sehr gut ohne Fischsoße im „Restaurante La Rejas“. Auf deren Homepage ist ein schönes Bild der Bucht: http://lasrejasrestaurante.com. Nachdem ich mir bei der Markthalle in Cádiz fast den Magen verdorben habe, habe ich sowieso keine Lust mehr auf Fischgerichte.

Den Römern verdanken die Spanier ihren Namen. „Hispania“ war der lateinische Name für die Halbinsel, deren Beifügung „iberisch“ verrät, dass da vorher und nebenan noch andere Leute zuhause waren. Als Rom nach dem Ersten Punischen Krieg expandierte, bauten zunächst die Punier ihre Machtbasis aus, deren Wirtschaft, vor allem der Silberexport, wieder florierte. Als Hannibal die mit Rom verbündete griechische (!) Stadt Saguntum einnahm, fingen die Römer den Zweiten Punischen Krieg an. 217 v.Chr. landeten sie mit zwei Legionen und 60 Schiffen, um Hannibal den Nachschub abzuschneiden. Den Rest besorgte der später berühmte Scipio Africanus. Was man uns nicht im Lateinunterricht in der Schule erzählte: Immer geht es um den Profit.

Der noch wenig bekannte Julius Caesar beispielsweise tummelte sich 60 v.Chr. auch in Spanien, was seine Karriere entscheidend prägte: „Es war in dieser Phase, als er die Kontakte mit dem punisch-stämmigen Bankier Balbus aus Cádiz  herstellte. Balbus sollte für den ehrgeizigen Römer bis zu dessen Tod wichtiger Finanzier bleiben. Höchstwahrscheinlich war es als Gegenleistung für diese Dienste, dass Cádiz die römischen Bürgerrechte bekam, lange bevor Kaiser Vespasian diese den Bewohnern ganz Hispaniens verlieh. Balbus wurde wenige Jahre später in den Rang eines Konsuls erhoben… Im andalusischen Munda errang Caesar einen entscheidenden Sieg über die Anhänger des Pompejus.“  Freller/Vázquez, aaO. S.54.

Also: Geld regiert die Welt.

Noch eine kleine Lesefrucht: Unter Kaiser Diokletian gehörte zu Spanien die Hälfte des heutigen Marokko: Dioecesis (!) Hispaniae. Daher hat die römisch-katholische Kirche ihre Diözesen geerbt. Dazu komme ich noch.

Andalusien (1): Phönizier

Unser Stützpunkt der diesjährigen Reisen in Andalusien ist wie vor drei Jahren die Hafenstadt Cádiz, die über den Flugplatz in Jerez leicht von Stuttgart aus zu erreichen ist. Diesmal allerdings mieten wir ein Auto, damit wir auch abgelegene Orte besuchen können. Unsere Wohnung liegt direkt am 7 km langen Sandstrand in der Neustadt (Playa de la Victoria). Während der Woche sind kaum Leute dort, am Wochenende jedoch vor allem Einheimische. Der Atlantik ist noch ziemlich kalt, zumal immer ein frischer Wind weht. Die Altstadt kann man bequem mit dem Bus Nr. 1 erreichen.

Cádiz ist eine der ältesten Städte Spaniens. „Die Phönizier gründeten Cádiz unter dem Namen Gadir (Festung) um 1100 v. Chr., von dem bis heute die Bezeichnung für die Bewohner gaditenos abgeleitet wird.“ Oliver Breda/Susanne Lipps: Andalusien, Dumont Reisehandbuch, Ostfildern 4. Aufl. 2017, S.198.

Prunkstücke im Museo de Cádiz sind zwei gewaltige Marmorsarkophage, die aus einer phönizischen Nekropole der Umgebung stammen. Sie sind menschlichen Körpern nachgebildet und zeigen eine Frau (mit Messer?) und einen Mann (mit Apfel?). Sie sind sehr lebensecht gestaltet. Im Innern fanden Archäologen 1887 bzw. 1980 je ein männliches und weibliches Skelett, die auf 470 v.Chr. (Neukirchen/Vogler) bzw. 541 v.Chr. (wikipedia) datiert werden. Die andern Fundstücke wie Terrakottafiguren, Masken, Vasen und Schmuck beweisen eine enge Handelsbeziehung zu Sidon. Eine Münze stellt den phönizische Gott Melkart dar, auf der Rückseite sind Thunfische abgebildet.  www.museosdeandalucia.es/web/museodecadiz.

Ich verstehe nicht, dass die neuesten phönizischen Ausgrabungen in keinem Reiseführer angezeigt oder gar beschrieben werden. Dabei ist das „Yacimiento Arquelogico fenicio“ sogar im Internet zu bestaunen: https://www.youtube.com/watch?v=uVDwa4uKm-E.

Meine Liebste hat vorsorglich Homers Dichtungen mitgenommen, geht aber lieber in die öffentliche Bibliothek, um mehr zur realen Geschichte der Stadt zu  studieren. Die gekühlten Leseräume würden mich auch reizen, denn in der Hitze ist man  tagsüber schnell erschöpft. Dennoch wandere ich unermüdlich durch die engen Gassen.

Man kann ja auch einfach den Legenden glauben: Laut Stadtwappen wurde die Stadt von Herkules gegründet: „Hercules Fundator Gadium Dominatorque“ (Herkules, Gründer und Herrscher von Cádiz). Tatschlich waren es wohl  Kaufleute aus Tyros, die die günstige Lage der Insel (heute nur noch Halbinsel) erkannten. In der Nachbarschaft besuchen wir die Stadt Medina Sidonia, deren Name vermuten lässt, dass auch Leute aus Sidon gesiedelt haben. Dennoch fragt man sich, was diese antiken Phönizier veranlasst haben könnte, die eigene Heimat zu verlassen und Kolonien zu gründen. Platz gab es doch sicher überall genug. Schon damals war jedenfalls das Mittelmeer keine Grenze, sondern innerhalb der mediterranen Welt ein konkurrierend und kämpfend genutzter Handelsraum. Nun waren die Phönizier tüchtige Seeleute und leider auch Schiffbauer. Leider – weil sie deswegen (wie später andere auch) alle Bäume, die „Zedern des Libanon“,  zu Planken verarbeiteten. Nachhaltige Forstwirtschaft gab es im ganzen Mittelmeergebiet nicht mit bösen Folgen bis heute.

Mit der Ausbreitung der Herrschaft der Phönizier aus Karthago in Nordafrika kam Cádiz zu deren Reich und entwickelte sich seit etwa 500 v. Chr. zum bedeutendsten Handelszentrum des punischen – die Römer nannten sie „poeni“ – Atlantikverkehrs. Unsere Nachbarstraße hier heißt nach Hamilkar Barkas. Seine Statue steht vorm Haus am Strand. Dieser Stratege nutzte die Stadt seit 237 v. Chr.  als Ausgangspunkt für seine Feldzüge, ebenso sein Sohn Hannibal bei seinem Kriegszug des Jahres 218 v. Chr., der bekanntlich Rom an den Rand einer Niederlage brachte.

Ich denke oft an Bert Brechts Text: „Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ (Offener Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller, 1951)

Ich fürchte allerdings, dass Rom auf dem Weg zur Weltmacht diese Kriege provozierte. Caesar hat dann ja auch die Stadt wieder aufbauen lassen. Die „Mutterstadt“ Tyros wurde übrigens schon 332 v. Chr. von Alexander zerstört, nachdem es als einzige phönizische Stadt Widerstand gegen sein Heer geleistet hatte.

Ihre kulturelle Leistung aber blieb. Wir danken ihnen unsere Schrift. Das phönizische Alphabet, das wohl im 12. Jahrhundert v.Chr. entstand, wurde zur Basis der europäischen, aber auch der hebräischen und arabischen Schriften.

Ihre Religion begegnete mir beim Studium des Alten Testaments. Eine Trias von Göttern verehrten die Bewohner von Tyros, Sidon, Arwad, Byblos und dem untergegangenen Ugarit. An der Spitze stand ein Vatergott namens El. Ihm zur Seite stand die Göttin Aschera oder Astarte. Dazu dann als beider Sohn der Gott Baal, auch Adon, Adoni oder Adonis,  der Herr, während die Tyrer ihn als Melkart und die Sidonier als Eschmun verehrten. Jeder dieser drei himmlischen Herrscher repräsentierte und verkörperte jeweils eine Reihe von bestimmten Naturgewalten und -erscheinungen. Bekanntlich beeinflusste diese Götterwelt auch die Israeliten, weshalb ihre Propheten gegen den Baalskult predigten. Hat das womöglich  eine Bedeutung für unseren heutigen Umgang mit der Natur?

In einer schattigen Bar vor dem wuchtigen Rathaus von 1799 trinke ich einen Kaffee. An dessen Fassade prangen Reliefs in Form phönizischer Münzen und eine Darstellung des Halbgottes Herkules. Ich denke über diese alten Geschichten nach. Eine unangenehme Schulerinnerung taucht auf. Im Lateinunterricht übersetzten wie Vergils Aeneis, Gründungsmythos des Römischen Reiches. Da kommt die Königin von Karthago Dido vor. Auf der Flucht aus Troja werden Aeneas und seine Gefährten von einem Sturm an die Küste des neu gegründeten Karthago getrieben, wo Königin Dido ihn gastlich aufnimmt. Auf Betreiben von Venus , der Mutter von Aeneas, die ihren Sohn auf diese Weise schützen will, und Juno , die ihn so vom verheißenen Land Italien fernhalten will, verliebt sich Dido unsterblich in Aeneas. Trotz eines Eides, den sie einst abgelegt hatte, sich nie mehr mit einem Mann einzulassen, vereinigt sie sich mit Aeneas während eines Unwetters in einer Höhle. Doch Jupiter schickt den Götterboten Mercurius, um Aeneas an seine Pflichten zu erinnern − so verlässt er Karthago, was Dido in den Suizid treibt: Sie ersticht sich mit dem Schwert des Aeneas. Doch zuvor schwört sie Rache und schafft so die Grundlage für den späteren Konflikt zwischen Rom und Karthago.

Während ich unter der Bank mit anderen Dingen beschäftigt bin, trifft mich die bellende Stimme meines Lehrers: „Was sagen Sie zu Dido?“ Ich hätte sagen sollen „Nichts, keine Ahnung!“, versuche aber eine verquere Ausrede und handle mir einen üblen Tadel ein. Was interessierte mich der Liebeskummer von Dido? Ich hatte selber welchen.

Damit sind wir bei den Römern. Die waren natürlich auch in Cádiz.