Archiv für den Monat August 2017

Israel-Sonntag

Die Evangelische Kirche begeht seit langem am 10. Sonntag nach dem Fest der Dreieinigkeit (Trinitatis) ihren „Israel-Sonntag“. Nicht alle Prediger nehmen das Thema „Israel“ auf, kann man sich doch damit auch in der Kirche viel Ärger einhandeln. Denn kaum einer denkt an den biblischen Begriff „Israel“, sondern aufgrund der Nachrichtenlage natürlich an den heutigen Staat Israel. Trennen kann man das nicht, wohl aber unterscheiden.

Prof. Dr. Klaus Müller ist Vorsitzender der Konferenz landeskirchlicher Arbeitskreise „Christen und Juden“ im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er schreibt u.a.:

Die Gottesdienste am 20. August werden geprägt sein vom Herzstück biblischer Israeltheologie, die die Unverbrüchlichkeit des Bandes zwischen Gott und seinem Volk bezeugt. Ob in der Sprache der Psalmen: „Der Herr gedenkt ewiglich an seinen Bund, den er geschlossen hat für tausend Geschlechter, an den Bund, den er geschlossen hat mit Abraham. Und an den Eid, den er Isaak geschworen hat (Ps. 105,8-9). Oder in der Sprache des Apostels Paulus: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ (Römer 11,29). Allemal Aufforderung genug um abzulassen von den alten Lehren der Enterbung und der Ersetzung des einen Gottesvolkes durch ein anderes.

Am Israelsonntag 2017 jähren sich eine Reihe von Daten, deren Zusammenschau zu denken gibt: 1917 sagte die Kolonialmacht England in der sog. „Balfour-Deklaration“ den Vertretern der Juden in Europa die Unterstützung im Aufbau einer nationalen Heimstätte in Palästina zu; der UN-Teilungsbeschluss 1947 sah im Mandatsgebiet Palästina die Bildung eines jüdischen und eines arabischen Staates vor; vor nun 50 Jahren eroberte die israelische Armee im Sechstagekrieg 1967 das Westjordanland, den Gazastreifen, den Sinai und die Golanhöhen – und 2017? Zeit, diese schwierigen Daten konstruktiv-kritisch „zusammenzudenken“.

Israel ringt um seine Zukunft als demokratischer und jüdischer Staat inmitten eines palästinensischen Volkes, das seine Selbstbestimmung einfordert. Politische Lösungen sind Sache fairer Verhandlungen – sie stehen nicht in der Bibel geschrieben. Sehr wohl aber geschrieben stehen in der Bibel Grundprinzipien der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens für alle Menschen an allen Orten dieser Erde – allemal Leitlinien für die Suche nach politischen Antworten heute, auch in Nahost.

Apropos 2017: Dieses Jahr birgt selbstverständlich noch eine weitere Herausforderung und Chance – auch für den Gottesdienst am Israelsonntag. Der 20. August im Jahr des Reformationsjubiläums ist eine überfällige Gelegenheit für die Kirche und ihre Verkündigung, sich von den letzten Resten eines Antijudaismus loszusagen, der das geliebte Eigene auf Kosten eines schwarzgemalten Anderen zum Ausdruck zu bringen sucht. Im Klartext: Das Evangelium hat es nicht nötig – anders als Martin Luther es meinte – vor der dunklen Folie eines angeblich gesetzesverhafteten Judentums zum Leuchten gebracht zu werden.

Die Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden (KLAK) formulierte in ihrem Zwischenruf zur Reformationsdekade:

„Zeitlebens schöpfend aus den Worten der Hebräischen Bibel konnte Luther doch zu keiner Zeit eine aus dieser Schrift lebende jüdische Glaubens- und Lebensweise positiv in seiner Theologie denken. In den Psalmen fand er seine reformatorischen Grundgedanken wieder – dem real lebenden Volk der Psalmen konnte er aber zu keiner Zeit einen theologischen Wert zuschreiben. Statt eines unverstellten Wahrnehmens jüdischer Menschen und ihrer Glaubenswelt folgte der Reformator einem kursierenden Halbwissen aus zweiter Hand. Ein einziges Mitvollziehen synagogaler Liturgie an den Hohen Feiertagen zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur hätte dem Prediger der unverdienten Gnade Gottes die antijüdische Binde von den Augen nehmen können:  “ Unser Vater, unser König, sei uns gnädig und erhöre uns, denn wir haben keine Werke vorzuweisen! Übe an uns Gerechtigkeit und Gnade und errette uns!“ So betet die Synagogengemeinde seit Jahrhunderten überall auf der Welt. Stattdessen blieb für Luther das Judentum die personifizierte Selbstgerechtigkeit und buchstäbliche Gotteslästerung.“

Diese Analyse gibt allen Anlass zu kirchlicher Selbstkritik, zu Buße und zum Neuanfang – der ersten der 95 Thesen Luthers durchaus gemäß. Die Synode der EKD zeigt sich in ihren beiden Kundgebungen 2015 und 2016 in einer erstaunlichen Klarheit dieser Überzeugung verpflichtet.

Reformationsjubiläum 2017. Übrigens steckt im Wort „Jubiläum“ das hebräische jovel, welches wie der Ausdruck Schofar das Widderhorn bezeichnet, das zur Umkehr und zur Abkehr von alten Fehlentwicklungen ruft. In diesem Sinne kann und soll sich die reformatorische Kirche gerade am Israelsonntag 2017 als eine ecclesia semper reformanda (immer zu reformierende Kirche)  zeigen. Stimmen wir auch in diesem Jahr mit ein in die Friedensbitte der Psalmen: „Sh’alu Shlom Jerushalajim“ – „Bittet um Frieden für Jerusalem; es möge wohl gehen denen, die dich lieben …!“

Unsere Predigten leiden heute unter langweiligen „Allgemeinheiten“. Deswegen würde ich einen aktuellen Konflikt ansprechen, und zwar den Israel-Boykott von BDS, wie er sich jüngst in Berlin an einem Pop-Festival entzündet hat:

Die israelische Sängerin Riff Cohen, deretwegen die BDS-Kampagne zum Boykott des Festivals Pop-Kultur aufrufen hat, hat selbst, wie Jan Kedves in der Süddeutschen Zeitung schreibt, arabische Wurzeln, ihr Vater ist tunesisch-jüdischer, ihre Mutter algerisch-französisch-jüdischer Abstammung: „Es gibt viele Kooperationen von Künstlern, die politisch Gegner sein könnten, aber in der Kunst zusammenfinden. So hätte es auch in Berlin sein können. Bis die Boykott-Agitatoren mit ihren Lügen alles zerstörten… Die BDS-Kampagne hat auf ihrer Website inzwischen die Behauptung zurückgezogen, das Festival sei von Israel ‚mitorganisiert‘. ‚But that’s not the point‘, heißt es. Es gehe um Israels Besetzung von Palästina. Doch, genau das ist der Punkt: Eine jüdische Künstlerin wird mit der Politik der israelischen Regierung gleichgesetzt. Das trägt Züge von Antisemitismus.“

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Mobilmachung

Eigentlich hat mich der Titel „Eurotaoismus“ gelockt, versprach ich mir doch Aufklärung über eine mir schwer verständliche chinesische Philosophie und Religion. Doch Peter Sloterdijk, der ehemalige Bhagwan/Osho-Jünger, bietet in seiner „Kritik der politischen Kinetik“ (edition suhrkamp Frankfurt 1989) dazu wenig, genauer: Zwei Zeilen und ein Zitat aus dem Tao Te King. Stattdessen finden sich in seiner bekannten Machart allerlei Sprachspielereien und Sentenzen, die auch nach mehrmaliger Lektüre nicht zu verstehen sind. Man begreift, dass der Philosoph Amerikaner beneidet: „Das alte Europa hat es schwerer, und ein Schriftsteller, der hier mit Politikern diskutiert, auch. Keine Spur von transatlantischer Entspanntheit und keine Rede vom Tao der Politik. Hier ist die protestantische Ethik noch intakt.“

Geradezu prophetisch liest sich allerdings die Passage über „Mobilmachung“, in der er den Autokult beschreibt. Das ist eine Religionskritik, die eigentlich die evangelische Theologie hätte leisten müssen.

„Weil in der Moderne das Selbst ohne seine Bewegung gar nicht gedacht werden kann, gehören das Ich und sein Automobil metaphysisch wie Seele und Körper derselben Bewegungseinheit zusammen…Darum ist das Automobil das Allerheiligste der Moderne, es ist die kultische Mitte einer kinetischen Weltreligion, es ist das rollende Sakrament, das uns Teilhabe verschafft an dem, was schneller ist als wir selbst. Wer Auto fährt, nähert sich dem Numinosum, er fühlt, wie sein kleines Ich sich zu einem höheren Selbst erweitert, das uns die ganze Welt der Schnellstraßen zur Heimat gibt und uns bewußt macht, dass wir zu mehr berufen sind als zum halb tierischen Fußgängerleben.“ S. 42

Mir scheint allerdings, dass wir in diesem Sinne gerade eine Art „Götterdämmerung“ erleben. Die Chefs der Autoimperien sahen kürzlich beim „Diesel-Gipfel“ ziemlich belämmert drein. Mein Nachbar, der vor kurzem noch mit seinem Ferrari aus der Garage dröhnte und kaum um die Kurve unserer Gasse kam, merkte wohl, dass im gleichmacherischen Stau die  „freie Fahrt für freie Bürger“ bald beendet ist. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen bewies jüngst in einer Wettfahrt mit einem Auto, dass er mit der Fahrrad schneller ans Ziel kam. (Wenn auch die Bedingungen   nicht ganz fair waren.)

Schön wäre es, wenn Sloterdijk mit seiner Zukunftsahnung recht bekäme: „Ein anderes Zeitalter wirft seine Schatten voraus. Auch wer das Wort Postmoderne noch nie gehört hat, ist an diesen Nachmittagen im Stau bereits mit der Sache vertraut geworden.“

Heute nun noch diese Meldung: Die Autohersteller überschreiten nach ARD-Informationen nicht nur den Ausstoß von Schadstoffwerten bei ihren Wagen, sondern auch Lärmgrenzwerte. Das Magazin „Plusminus“ berichtet, dass viele Autos und Motorräder auf der Straße viel lauter seien, als bei der Typenzulassung im Prüflabor. Das hänge damit zusammen, dass es bei den Tests allein auf die Geräuschentwicklung bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde ankomme. Wenn man schneller fahre, würden die Autos wesentlich lauter. Verursacht wird der Lärm unter anderem durch spezielle Auspuffanlagen, die serienmäßig in die Autos eingebaut würden.

Journalisten sprechen da gern verharmlosend von „tricksen“ oder „schummeln“. Es ist aber Betrug im großen Stil!

Und wir werden für dumm verkauft: Mit zahlreichen Prämien wollen die großen Autohersteller erreichen, dass Kunden ihre älteren Diesel-PKW abstoßen – das Angebot gilt aber nur bei Neukäufen. Im Prinzip dienen diese Aktionen dazu, noch viele Diesel mit Euro 6 zu verkaufen – insofern ist das Angebot besonders für die Autokonzerne selbst attraktiv. Eigentlich ist es eine Verkaufsaktion unter dem gefälligen Titel „Umweltschutz“.

Maos Verbrechen in Changchun

Die Verbrechen Mao Tsetungs sind einerseits so maßlos, andererseits so verschleiert, dass man sich keinen Begriff davon machen will. Nicht nur unbelehrbare Ideologen wie die Kommunisten der MLPD halten Mao noch immer für einen Befreier seines Volkes. Konnten in den sechziger Jahren Journalisten noch der Mao-Propaganda auf den Leim gehen, gibt es dafür heute nach unzähligen Belegen keine Entschuldigung mehr. Allerdings ist die Volksrepublik jetzt so mächtig, dass offene Kritik an Mao kaum noch möglich ist. Chang und Halliday schreiben in ihrer Mao-Biografie über ein Kapitel des Bürgerkriegs, das mich besonders interessiert, weil ich in der Stadt Changchun kürzlich fast drei Monate gearbeitet habe. Sie schreiben u.a.:

Maos schlagkräftigste Waffe war Mitleidslosigkeit. 1948, als er in Richtung Changchun in der Mandschurei zog und ein direkter Angriff scheiterte, gab er den Befehl, die Stadt auszuhungern. Wörtlich lautete Maos Befehl an Lin Biao, den Befehlshaber vor Ort: „Mach aus Changchun eine Totenstadt.“

Der verteidigende Kommandant, General Cheng Tung-kuo, ein Kriegsheld aus dem Krieg gegen Japan, lehnte eine Kapitulation ab. Da die Nahrungsmittel für die 500000 Einwohner nur bis Ende Juli reichten, versuchte er die Zivilbevölkerung zu evakuieren.

Mao notierte Lin Biaos Antwort: „Zivilisten dürfen die Stadt auf keinen Fall verlassen.“ Die Kommunisten ließen all jene gehen, die Waffen oder Munition besaßen, weil sie hofften, das werde die nationalistischen Soldaten zum Überlaufen bewegen; Zivilisten dagegen wurden aufgehalten. Maos Kalkulation ging dahin, dass General Cheng „ein netter Kerl“ war, wie er zu Lin Biao sagte, und kapitulieren würde, wenn er sah, wie massenweise Zivilisten verhungerten. Mao selbst empfand zwar niemals Mitleid, aber er wusste, wie er das Mitgefühl anderer manipulieren konnte. Doch Cheng harrte bis zuletzt aus, obwohl er verzweifelt war.

Nach drei Monaten Abriegelung der Stadt berichtete Lin Biao an Mao: „Die Blockade… hat bemerkenswerte Resultate erbracht und eine schwere Hungersnot in der Stadt verursacht… Die zivilen Einwohner leben hauptsächlich von Blättern und Gras, und viele sind bereits verhungert…“

„Unsere Hauptstrategie bestand darin, das Verlassen der Stadt zu verbieten“, schrieb Lin Biao. „Entlang der Frontlinie haben wir alle 50 Meter einen Wachtposten aufgestellt, dazu Stacheldraht und Gräben, und alle Schlupflöcher geschlossen…“

Die Politik war so brutal, dass die Soldaten davor zurückscheuten, sie durchzusetzen. Lin Biao berichtete Mao: „Massenhaft knieten verhungernde Menschen vor unseren Soldaten… Einige legten ihre Säuglinge vor den Männern ab und kehrten selbst zurück, andere erhängten sich bei den Wachtposten…“

Selbst der hartherzige Lin Biao empfahl, die Flüchtlinge gehen zu lassen. Mao antwortete nicht. Lin kannte Maos Taktik, Ablehnung durch Schweigen auszudrücken, und erteilte auf eigene Verantwortung am 11. September einen Befehl: „Lasst die Flüchtlinge aus Changchun…sofort gehen.“ Aber der Befehl wurde nicht ausgeführt, was nur bedeuten kann, dass Mao ihn aufhob.

Ab Mitte September registrierte der Bürgermeister von Changchun einen starken Anstieg der Todeszahlen, weil nun die Blätter fielen, die letzte Nahrungsquelle. Am Ende der fünfmonatigen Belagerungszeit war die Zahl der zivilen Einwohner von 500000 auf 170000 zurückgegangen. Die Zahl der Toten übertraf die höchsten Schätzungen für das japanische Massaker in Nanjing 1937.

Berichte über diese monströse Gräueltat wurden unterdrückt. Die wenigen Einwohner, die gehen durften, bekamen vier „Flüchtlingsregeln“ in ihre Pässe gestempelt, eine davon lautete „keine Gerüchte verbreiten“ – das hieß: nicht reden. Das Modell von Changchun – die Zivilbevölkerung verhungern lassen, um die Verteidigungskräfte zur Kapitulation zu bewegen – wurde „in einigen Städten“ praktiziert, wie der kommunistische General Su Yu es verständlicherweise vage formulierte.

Selbst die beschönigenden offiziellen Angaben der KPC nennen die Schreckenszahl von 120000 verhungerten Zivilisten in Changchun.

Jung Chang, Jon Halliday: Mao, Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, München 2005, S.409ff.

Der Autoskandal

Nachdem ich fast drei Monate seelsorgerlich mit Autobauern – Ingenieure, Verkäufer, Manager – in Changchun (China) gearbeitet habe, habe ich einen gewissen Eindruck von ihrem Innenleben. Ich war erstaunt über das durchaus kritische Bewusstsein zur Mobilität und den verständlichen Ärger über “Dieselgate“. Ihr Dogma war aber immer: „Wir bauen Autos, die die Kunden wollen.“ Ganz falsch ist das nicht!

In der gegenwärtigen Debatte fällt auf, dass die Autofirmen zu Recht kritisiert werden, viel zu wenig die mitverantwortlichen Politiker und überhaupt nicht die Autokäufer. Diese gelten als unschuldig, da sie es „ja nicht gewusst“ haben. Das stimmt aber nicht. Die Umweltfeindlichkeit der Autos allgemein und der Dieselmotoren im Besonderen ist lange bekannt. Irgendwann in den 80iger Jahren las ich ein Buch „Umweltfeind Auto“, das leider nicht mehr lieferbar ist. Ich gab danach meinen „Jetta- Diesel auf. Seit dieser Zeit ärgere ich mich über die Ignoranz meiner Zeitgenossen, die selbst für kurze Entfernungen das Auto benutzen. In den 90iger Jahren gab ich mein Auto ganz auf und führte in unserer Gemeinde „Teilauto – Carsharing“ ein. Spott war die Folge. Die meisten wollen „Spaß am Fahren“ haben, schauen vielleicht noch auf den Preis. Alles andere ist egal. Mütter bringen ihre Kinder in SUVs zum Kindergarten, „weil der Verkehr so gefährlich ist“. Absurd! Dennoch finden sich in der Kirche m.E. die meisten Leute, die den Autokult ablehnen und nach intelligenten Mobilitätskonzepten suchen.

Es ist sicher richtig, dass Seelsorger zunächst den Einzelnen im Blick haben. Angesichts der Kartell-Vorwürfe gegen fünf deutsche Automobilkonzerne mahnt der Wolfsburger Industriepfarrer Peer-Detlev Schladebusch, die Mitarbeiter nicht vorschnell zu verurteilen. »Die meisten, die da arbeiten, haben die Fehler nicht gemacht«, sagt der evangelische Theologe. Aber auch: »Wo steigende Renditeforderungen eine Rolle spielen, stellt kühle Strategie die Ethik oft hintenan.« Dabei hätten viele Menschen eine große Sehnsucht, verantwortungsvoll zu handeln. Dies stelle er etwa in den Gebetskreisen großer Konzerne, darunter VW, Daimler, BMW, Opel, Audi, Porsche oder Bosch, fest. Schladebusch ist Sprecher der Initiative »Christen in der Automobilindustrie« (CAI). In den Gebetsrunden werde für persönliche Anliegen gebetet, aber auch für die Lösung von Konflikten im Unternehmen oder für die Vorstände. Die Gebetskreise funktionierten auch als Netzwerk und seien eine Art »Gütezeichen« für die Unternehmen: »Die Forscher, Ingenieure oder Fließbandarbeiter geben einander Mut, eigenverantwortlich zu handeln.«

Ich wundere mich, dass es kaum deutliche Kritik aus Kirchenleitungen gibt. Liegt es daran, dass unsere Bischöfe selber gern große Autos fahren (lassen)? Haben sie Angst vor dem „Totschlagsargument“ der gefährdeten Arbeitsplätze? Fürchten sie die Lobby der Autoindustrie?

 Die Suche nach Alternativen muss weitergehen. Das Elektroauto ist jedenfalls keine Lösung, solange der Strom aus Kohle oder Atomkraftwerken gewonnen wird. Von anderen Umweltproblemen zu schweigen. Es wird höchste Zeit, dass nicht nur die Hersteller und Politiker, sondern auch die „Verkehrsteilnehmer“ umdenken.

Der Umweltökonom Niko Paech verspricht sich vom Autoskandal, dass der motorisierte Individualverkehr insgesamt auf den Prüfstand kommt. Öffentlicher Verkehr oder das Fahrrad bergen seiner Ansicht nach „unglaublich tolle Potenziale, gerade für die Fortbewegung innerhalb einer Stadt“, sagte er im Deutschlandfunk.

http://www.deutschlandfunk.de/wachstumskritik-das-auto-ist-kein-normales-produkt.694.de.html?dram:article_id=392533