Maos Verbrechen in Changchun

Die Verbrechen Mao Tsetungs sind einerseits so maßlos, andererseits so verschleiert, dass man sich keinen Begriff davon machen will. Nicht nur unbelehrbare Ideologen wie die Kommunisten der MLPD halten Mao noch immer für einen Befreier seines Volkes. Konnten in den sechziger Jahren Journalisten noch der Mao-Propaganda auf den Leim gehen, gibt es dafür heute nach unzähligen Belegen keine Entschuldigung mehr. Allerdings ist die Volksrepublik jetzt so mächtig, dass offene Kritik an Mao kaum noch möglich ist. Chang und Halliday schreiben in ihrer Mao-Biografie über ein Kapitel des Bürgerkriegs, das mich besonders interessiert, weil ich in der Stadt Changchun kürzlich fast drei Monate gearbeitet habe. Sie schreiben u.a.:

Maos schlagkräftigste Waffe war Mitleidslosigkeit. 1948, als er in Richtung Changchun in der Mandschurei zog und ein direkter Angriff scheiterte, gab er den Befehl, die Stadt auszuhungern. Wörtlich lautete Maos Befehl an Lin Biao, den Befehlshaber vor Ort: „Mach aus Changchun eine Totenstadt.“

Der verteidigende Kommandant, General Cheng Tung-kuo, ein Kriegsheld aus dem Krieg gegen Japan, lehnte eine Kapitulation ab. Da die Nahrungsmittel für die 500000 Einwohner nur bis Ende Juli reichten, versuchte er die Zivilbevölkerung zu evakuieren.

Mao notierte Lin Biaos Antwort: „Zivilisten dürfen die Stadt auf keinen Fall verlassen.“ Die Kommunisten ließen all jene gehen, die Waffen oder Munition besaßen, weil sie hofften, das werde die nationalistischen Soldaten zum Überlaufen bewegen; Zivilisten dagegen wurden aufgehalten. Maos Kalkulation ging dahin, dass General Cheng „ein netter Kerl“ war, wie er zu Lin Biao sagte, und kapitulieren würde, wenn er sah, wie massenweise Zivilisten verhungerten. Mao selbst empfand zwar niemals Mitleid, aber er wusste, wie er das Mitgefühl anderer manipulieren konnte. Doch Cheng harrte bis zuletzt aus, obwohl er verzweifelt war.

Nach drei Monaten Abriegelung der Stadt berichtete Lin Biao an Mao: „Die Blockade… hat bemerkenswerte Resultate erbracht und eine schwere Hungersnot in der Stadt verursacht… Die zivilen Einwohner leben hauptsächlich von Blättern und Gras, und viele sind bereits verhungert…“

„Unsere Hauptstrategie bestand darin, das Verlassen der Stadt zu verbieten“, schrieb Lin Biao. „Entlang der Frontlinie haben wir alle 50 Meter einen Wachtposten aufgestellt, dazu Stacheldraht und Gräben, und alle Schlupflöcher geschlossen…“

Die Politik war so brutal, dass die Soldaten davor zurückscheuten, sie durchzusetzen. Lin Biao berichtete Mao: „Massenhaft knieten verhungernde Menschen vor unseren Soldaten… Einige legten ihre Säuglinge vor den Männern ab und kehrten selbst zurück, andere erhängten sich bei den Wachtposten…“

Selbst der hartherzige Lin Biao empfahl, die Flüchtlinge gehen zu lassen. Mao antwortete nicht. Lin kannte Maos Taktik, Ablehnung durch Schweigen auszudrücken, und erteilte auf eigene Verantwortung am 11. September einen Befehl: „Lasst die Flüchtlinge aus Changchun…sofort gehen.“ Aber der Befehl wurde nicht ausgeführt, was nur bedeuten kann, dass Mao ihn aufhob.

Ab Mitte September registrierte der Bürgermeister von Changchun einen starken Anstieg der Todeszahlen, weil nun die Blätter fielen, die letzte Nahrungsquelle. Am Ende der fünfmonatigen Belagerungszeit war die Zahl der zivilen Einwohner von 500000 auf 170000 zurückgegangen. Die Zahl der Toten übertraf die höchsten Schätzungen für das japanische Massaker in Nanjing 1937.

Berichte über diese monströse Gräueltat wurden unterdrückt. Die wenigen Einwohner, die gehen durften, bekamen vier „Flüchtlingsregeln“ in ihre Pässe gestempelt, eine davon lautete „keine Gerüchte verbreiten“ – das hieß: nicht reden. Das Modell von Changchun – die Zivilbevölkerung verhungern lassen, um die Verteidigungskräfte zur Kapitulation zu bewegen – wurde „in einigen Städten“ praktiziert, wie der kommunistische General Su Yu es verständlicherweise vage formulierte.

Selbst die beschönigenden offiziellen Angaben der KPC nennen die Schreckenszahl von 120000 verhungerten Zivilisten in Changchun.

Jung Chang, Jon Halliday: Mao, Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, München 2005, S.409ff.

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