Mobilmachung

Eigentlich hat mich der Titel „Eurotaoismus“ gelockt, versprach ich mir doch Aufklärung über eine mir schwer verständliche chinesische Philosophie und Religion. Doch Peter Sloterdijk, der ehemalige Bhagwan/Osho-Jünger, bietet in seiner „Kritik der politischen Kinetik“ (edition suhrkamp Frankfurt 1989) dazu wenig, genauer: Zwei Zeilen und ein Zitat aus dem Tao Te King. Stattdessen finden sich in seiner bekannten Machart allerlei Sprachspielereien und Sentenzen, die auch nach mehrmaliger Lektüre nicht zu verstehen sind. Man begreift, dass der Philosoph Amerikaner beneidet: „Das alte Europa hat es schwerer, und ein Schriftsteller, der hier mit Politikern diskutiert, auch. Keine Spur von transatlantischer Entspanntheit und keine Rede vom Tao der Politik. Hier ist die protestantische Ethik noch intakt.“

Geradezu prophetisch liest sich allerdings die Passage über „Mobilmachung“, in der er den Autokult beschreibt. Das ist eine Religionskritik, die eigentlich die evangelische Theologie hätte leisten müssen.

„Weil in der Moderne das Selbst ohne seine Bewegung gar nicht gedacht werden kann, gehören das Ich und sein Automobil metaphysisch wie Seele und Körper derselben Bewegungseinheit zusammen…Darum ist das Automobil das Allerheiligste der Moderne, es ist die kultische Mitte einer kinetischen Weltreligion, es ist das rollende Sakrament, das uns Teilhabe verschafft an dem, was schneller ist als wir selbst. Wer Auto fährt, nähert sich dem Numinosum, er fühlt, wie sein kleines Ich sich zu einem höheren Selbst erweitert, das uns die ganze Welt der Schnellstraßen zur Heimat gibt und uns bewußt macht, dass wir zu mehr berufen sind als zum halb tierischen Fußgängerleben.“ S. 42

Mir scheint allerdings, dass wir in diesem Sinne gerade eine Art „Götterdämmerung“ erleben. Die Chefs der Autoimperien sahen kürzlich beim „Diesel-Gipfel“ ziemlich belämmert drein. Mein Nachbar, der vor kurzem noch mit seinem Ferrari aus der Garage dröhnte und kaum um die Kurve unserer Gasse kam, merkte wohl, dass im gleichmacherischen Stau die  „freie Fahrt für freie Bürger“ bald beendet ist. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen bewies jüngst in einer Wettfahrt mit einem Auto, dass er mit der Fahrrad schneller ans Ziel kam. (Wenn auch die Bedingungen   nicht ganz fair waren.)

Schön wäre es, wenn Sloterdijk mit seiner Zukunftsahnung recht bekäme: „Ein anderes Zeitalter wirft seine Schatten voraus. Auch wer das Wort Postmoderne noch nie gehört hat, ist an diesen Nachmittagen im Stau bereits mit der Sache vertraut geworden.“

Heute nun noch diese Meldung: Die Autohersteller überschreiten nach ARD-Informationen nicht nur den Ausstoß von Schadstoffwerten bei ihren Wagen, sondern auch Lärmgrenzwerte. Das Magazin „Plusminus“ berichtet, dass viele Autos und Motorräder auf der Straße viel lauter seien, als bei der Typenzulassung im Prüflabor. Das hänge damit zusammen, dass es bei den Tests allein auf die Geräuschentwicklung bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde ankomme. Wenn man schneller fahre, würden die Autos wesentlich lauter. Verursacht wird der Lärm unter anderem durch spezielle Auspuffanlagen, die serienmäßig in die Autos eingebaut würden.

Journalisten sprechen da gern verharmlosend von „tricksen“ oder „schummeln“. Es ist aber Betrug im großen Stil!

Und wir werden für dumm verkauft: Mit zahlreichen Prämien wollen die großen Autohersteller erreichen, dass Kunden ihre älteren Diesel-PKW abstoßen – das Angebot gilt aber nur bei Neukäufen. Im Prinzip dienen diese Aktionen dazu, noch viele Diesel mit Euro 6 zu verkaufen – insofern ist das Angebot besonders für die Autokonzerne selbst attraktiv. Eigentlich ist es eine Verkaufsaktion unter dem gefälligen Titel „Umweltschutz“.

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