Archiv für den Monat März 2018

Ostermarsch in Stuttgart

Lange habe ich nicht mehr an einem Ostermarsch teilgenommen. Dieses Jahr gehe ich aus verschiedenen Gründen hin.

1. Unsere Pfarrerin hat – wohl als einzige im Kirchenbezirk – im Gemeindeblatt dazu eingeladen. Die Friedensbewegung ist also im Alltag einer sonst recht konservativen Gemeinde angekommen. Das möchte ich durch meine Teilnahme unterstützen. Entsprechend fröhlich werde ich von der Gruppe im Zug nach Stuttgart begrüßt. Mit der  regenbogenen Fahne „Pace“ marschiere ich lieber als hinter roten, die natürlich das Bild heute prägen.

2. Die offenkundigen Lügen unserer neuen Regierung regen mich auf. „Keine Waffenexporte in Spannungsgebiete“, heißt es – und dann werden sie in den Nahen Osten noch gesteigert.

3. Der keineswegs aufgeklärte Giftanschlag in Salisbury wird in der Machart des Kalten Krieges genutzt, um in lange nicht mehr gekannten Weise gegen Russland zu hetzen. Wenn man in einen heißen Krieg stolpern will, muss man nur so weitermachen.

4. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des NATO-Partners Türkei gegen Nordsyrien wird lau kritisiert, aber offen durch Waffenlieferungen unterstützt.

5. Schließlich protestiere ich gegen die geplante Erhöhung des Rüstungsetats auf zwei Prozent des BIP (deutsche Wirtschaftsleistung). Das sind voraussichtlich weitere 30 Milliarden Euro, die natürlich bei sozialen Aufgaben fehlen.

In diesem Jahr stand die Stuttgarter Demonstration unter dem Motto: „Frieden braucht Bewegung! Gegen Aufrüstung, Krieg und atomares Wettrüsten“.

Ralf Chevalier von der Stuttgarter Friedenskoordination mahnte: „1944 wurde dieser Platz völlig zerstört, 4562 Menschen verloren während des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart ihr Leben. Nach dem Krieg hat man den Schutterberg auf dem Birkenkopf als Mahnmal errichtet mit dem Ziel, dass es nie wieder Krieg geben solle… Wir fordern, dass die Zentralen Eucom und Africom geschlossen werden. Wir wollen diese Kommandozentralen weder hier, noch sonst wo… Außerdem sagen wir Nein zu Militäreinsätzen, Rüstungsexporten und Krieg, der die Menschen weltweit in die Flucht treibt. Wir fordern eine Umstellung von Waffenexporten auf zivile Güter.“

Ein weiterer Kritikpunkt war die geplante Militärmesse ITEC. „Einerseits setzt sich Stuttgart für Menschenrechte ein und bietet vielen Menschen Schutz – teils auch in Gebäuden der Messe“, sagte Paul Russmann von „Ohne Rüstung leben“. „Aber das wird ad absurdum geführt, wenn Stuttgart Gastgeber der ITEC wird, einer todbringenden Rüstungsschau… So eine Messe gehört nicht zu unserer Stadt, so eine Messe gehört verboten.“

Beinahe wäre ich noch in eine kurdisch-türkische Keilerei geraten. Zwei wütende Frauen können nur unter Mühe getrennt werden.

Im Reisegepäck lese ich von Eugen Drewermann, Von Krieg zu Frieden, Band 3 Kapital und Christentum, Patmos Verlag 2017. Er schreibt S.380 f.: „Die Friedensbewegung heute protestiert – auf quantitativ weit niedrigerem Niveau – gegen den Drohnenkrieg der USA, gegen die Modernisierung der Atomwaffen, gegen Bundeswehroffiziere in den Schulen, – im Wissen, daß sie nichts von alledem verhindern wird; alles wird in den nächsten Jahren schon so kommen, wie die strategischen Zielsetzungen des Weltmachtgehabes der USA es vorsehen. Warum also immer wieder vergebens das Unaufhaltsame aufhalten wollen?… Allein schon um mit den Enttäuschungen aller Weltverbesserungs-bemühungen leben zu lernen, bedarf es einer Perspektive weit über das politische Denken in Machtgewinn und Machbarkeit hinaus; um an den Menschen zu glauben, braucht es einen Glauben, der sich festmacht jenseits des Menschen.“

An Frau Merkel

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

zunächst möchte ich Ihnen zur Wiederwahl als Bundeskanzlerin gratulieren.

Sie haben am 21. 3.2018 in Ihrer Regierungserklärung erfreulich klar gesagt:

„Bei allen berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei ist es inakzeptabel, was in Afrin passiert, wo Tausende und Abertausende von Zivilisten verfolgt sind, zu Tode kommen oder flüchten müssen“. Auch das verurteilen wir auf das Schärfste.“

Darf ich fragen, wie diese Verurteilung umgesetzt wird? Werden Sie endlich die Waffenlieferungen an die Türkei stoppen? Wird der Angriffskrieg der Türkei gegen das UN-Mitgliedsland Syrien völkerrechtlich verurteilt? Stellen Sie die NATO-Mitgliedschaft der Türkei in Frage? Bedauern  Sie,  nachdem sie  in ihrer Regierungserklärung frühere Fehler eingeräumt haben, dass Ihre Regierung Deutschland seit dem  15.12.2015 am Krieg gegen Syrien beteiligt hat? War auch das ein Fehler?

Sie kennen die Charta der Vereinten Nationen mit ihrem weltweiten Kriegsverbot:

Konkret heißt es im Artikel 2 der Charta: „Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.« Dabei gibt es als Ausnahme das Recht der Selbstverteidigung und ein ausdrückliches Mandat des UNO Sicherheitsrates. Beides trifft weder für die Türkei noch für Deutschland oder die NATO zu .

Sie kennen auch das das deutsche Grundgesetz (Artikel 26), nach dem Deutschland nicht an der Bombardierung von anderen Ländern mitwirken darf: „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“

Die Türkei droht ihren Angriffskrieg gegen Syrien auf den Irak auszuweiten. Man behalte sich vor, gegen die Einheiten der Kurden auf nordirakischem Territorium künftig auch mit Landstreitkräften vorzugehen, kündigt Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan an. Wird bereits der türkische Angriffskrieg gegen die kurdischen Gebiete Nordsyriens mit deutschen Waffen geführt, so dürften nach Lage der Dinge auch für einen Einmarsch in den Irak Leopard 2-Kampfpanzer aus deutscher Produktion genutzt werden. Die Bundesregierung hat auch nach dem Beginn der türkischen Aggression gegen Afrin am 20. Januar neue Ausfuhren von Kriegsgerät in die Türkei genehmigt. Dabei warnen inzwischen selbst die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages, die türkischen Militäroperationen in Afrin seien mit dem Völkerrecht nicht in Einklang zu bringen.

Ich möchte Sie dringend bitten, den Einfluss Ihrer Regierung geltend zu machen, um weitere völkerrechtswidrige Handlungen zu beenden. Ihre Glaubwürdigkeit steht auf  dem Spiel!

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Wagner

 

Kriegsverbrechen beenden

Aus dem Schalomgottesdienst Tübingen vom 21. März 2018

I.

An diesem  Mittwoch erinnern wir uns  an zwei große europäische Christen – beide sind an einem 21.  März gestorben: Benedikt von Nursia 547 im Kloster Montecassino in Italien
und Nikolaus von Flüe fast tausend Jahre später, 1487, in seiner Einsiedelei in der Schweiz .

Der Mönch Benedikt hat eine Klosterregel verfasst, nach der viele überall in Europa gelebt haben und immer noch leben.  Unter dem Leitwort „Ora et labora“ beten und arbeiten sie heute wie damals überall in der Welt. Das Europa von heute ist sicher auch den Klöstern zu verdanken, die Benedikt und seine Brüder gegründet haben –  oft in eher wilden und einsamen Gegenden. Europa ist mitgeprägt auch von einer Kultur aus Mission und Gebet –  und aus Arbeit, Entwicklung und wirtschaftlichem Aufbau: Ora et labora.

Nikolaus von Flüe war als Asket und Einsiedler ein Friedensstifter. Zuvor nahm er ab 1440 als Offizier an einem Krieg gegen Zürich teil mit der Bluttat von Greifensee, wo man schon besiegte Verteidiger ermordete. Er engagierte sich dann als Ratsherr und Politiker. Wohl aufgrund von Visionen verließ er seine Frau (mit ihrem Einverständnis) und zehn Kinder und widmete sich in seiner Einsiedelei ganz der mystischen Meditation. Doch gefragt nach der besten Gabe Gottes für den Menschen nannte er „die Vernunft“. Viele Menschen besuchten ihn, auch Politiker und Mächtige, und baten um Rat. Es gab in der Schweiz viele Konflikte, Aggressionen und Kriege. Wahrscheinlich wäre die Eidgenossenschaft 1481 auseinandergefallen. Erst in letzter Minute habe Nikolaus die Beratungen gerettet.

Beide große Christen sind zu ihren Zeiten und bis heute ein Hinweis dafür, dass der christliche Glaube und das Gebet  wirklich die Welt verändern können und zwar durch konkrete Menschen und ihre Konsequenz und ihre Hingabe an die göttliche Kraft.

II.

Ein „illegaler Krieg“ tobt seit sieben Jahren in Syrien.  Bevor ich darauf eingehe, möchte ich eine syrische Stimme zu Gehör bringen. Auf der hierzulande kaum bekannten Missionskonferenz in Arusha / Tansania sprach kürzlich der „Patriarch von Antiochien“ Mor Ignatius Aphrem II. als Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Er führte u.a. aus:

Gott ist Liebe – du darum muss die Kirche eine Kultur der Liebe ausbreiten. Weil Liebe eine Beziehung ist, muss die Kirche gute Verhältnisse aufbauen. Nächstenliebe verzichtet auf irgendeinen Profit. Die Mission der Kirche ist darum ein Dienst an der Welt, um sie zu heiligen. Zwar ist die Gegenwart durch Egoismus bestimmt, aber der Einzelne muss in seinen spirituellen Bedürfnissen nicht in Narzissmus enden, sondern ein Schüler Christi werden. In seiner Lehre sehen wir ein Modell, dem wir folgen sollten. Es kann gut sein, dass dies Diskriminierung und Verfolgung mit sich bringt. Vermutlich ist das Christentum deswegen unwillkommen ist in der modernen Welt, weil es die Leute aus der Comfort-Zone stößt. Es fordert die philosophischen Übereinkünfte durch das Wort vom Kreuz heraus. In der Weisheit der Welt ist das Dummheit. Für die Mehrheit ist dieser Weg nicht attraktiv. Man muss die materiellen Dinge ablehnen, um die spirituellen Güter zu empfangen. Es ist darum kein Wunder, dass es Verfolgungen gibt. Viele christliche Gemeinschaften erleben jeden Tag Nachstellungen. Das kann der Verlust religiöser Freiheit sein. Aber es werden auch unschuldige Kinder getötet oder harmlose Familien, wenn sie zur Kirche gehen. Im Mittleren Osten, in Syrien kennen wir Völkermorde in allen Jahrhunderten. Vor hundert Jahren wurden im Osmanischen Reich mehr als eine halbe Million syrisch sprechende Menschen massakriert, zusammen mit den Armeniern. Das Leiden setzt sich  heute fort in Irak und Ägypten. IS hat gezielt christliche Gemeinschaften angegriffen und viele unserer Kirchen zerstört.

Kürzlich  haben wir die syrische Stadt Deir El Zor besucht, nachdem sie von Terrorgruppen befreit worden ist. Da gab es eine schmale christliche Bevölkerungsgruppe, die teils getötet, teils vertrieben wurde. Wir trafen den einzig überlebenden christlichen Mann, der geblieben war und überlebt hatte. Natürlich durfte er seinen Glauben nicht zeigen. Wir waren von den Zerstörungen schockiert. Sämtliche Kirchengebäude sind zerstört. Aber nach fünf Jahren Terror konnten wir in den Ruinen der Syrisch-orthodoxen Marienkirche die „Himmlische Liturgie“ feiern. Als Zeichen unserer Anteilnahme haben wir eine Klinik für die Armen eröffnet. Sie dient zwei Dutzend rückgekehrter Christen, aber tausenden Muslimen. Trotz dieer desaströsen Erfahrungen predigen wir Vergebung. Wir fahren fort, unseren christlichen Glauben zu bezeugen. Wir vertraue darauf, dass die Verfolgten selig gepriesen werden. I(Matth.5,10). In vielen zerstörten Gebieten von Syrien und Irak haben wir Hilfs- und Entwicklungsprojekte begonnen. Mit unseren bescheidenen Mitteln helfen wir leidenden Menschen in Damaskus, die in die Flucht gezwungen worden waren. In der Nähe unserer Residenz ist vor einem Monat ein unschuldiges Kind namens Elias von einer Granate getötet worden. Seine Eltern wurden schwer verletzt. Man begrub den Jungen ohne das der Mutter zu sagen, weil man fürchtete, dass sie in ihrem zustand die Nachricht  nicht verkraften könnte. Trotz allem widerstehen wir denen, die Hass säen und fördern die Hoffnung für alle Ofer solcher Unmenschlichkeit. Wir wollen zuverlässig Botschafter Christi sein, d.h. Zeugen seiner Liebe und seines Friedens.

Wegen des Krieges haben viele Christen ihre Länder im Mittleren Osten verlassen. Dazu stelle ich fest. 1. Unsere Präsenz im Land, wo es geboren wurde, ist nicht nur für das Christentum wichtig, sondern auch für alle andern. Christen sind ein notwendiges Element für Versöhnung und den Brückenbau unter verschiedensten Volksgruppen. 2. Wir bringen Hoffnung zu unserm Volk: Sicherheit, finanzielle Hilfe, Projekte für künftige Arbeitsplätze. 3. Interreligiöser Dialog auf der akademischen Ebene ist nicht genug, sondern wird durch gemeinsame Aktivitäten (Workshops, Jugendcamps etc.) ergänzt. 4. Wir unterstützen unsere Schwestern und Brüder durch Fürsprache („advocacy“) und Entwicklungshilfe.         5. Christen können nur unter einer säkularen Regierung überleben, wo ihre Staatsbürgerschaft mit gleichen Rechten und Pflichten anerkannt ist.

Den letzten Satz hat der syrische Bischof in einer Pressekonferenz bekräftigt. Er macht den Standpunkt sämtlicher christlicher Kirchen in Syrien verständlich, die lieber unter dem Assad-Regime leben wollen als unter irgendwelchen islamistischen „Rebellen“ und ihren sogenannten Befreiungsbewegungen.

https://www.oikoumene.org/de/press-centre/news/world-mission-conference-embraces-the-cross.

III.   Illegale Kriege.

Vgl. Blog vom 7. Februar 2018. https://wolfgangwagnerblog.wordpress.com/2018/02/07/illegale-kriege/

Für Christen gibt es m.E. keine andere Option als nicht nur den jüngsten Angriffskrieg der Türkei im Norden Syriens, sondern auch die Komplizenschaft der Bundesregierung anzuklagen. Nicht zu schweigen von den anderen westlichen Mächten wie die USA, die ihre Werte andauernd verraten.

 

Die eherne Schlange

Am kommenden Sonntag „Judika“ wird über  4. Mose 21,4-9 „Die eherne Schlange“ gepredigt. Da murren die Israeliten auf ihrem Marsch durch die Wüste ins Gelobte Land. Zur  Strafe werden feurige Schlangen geschickt, deren Bisse tödlich sind. Doch ein Blick auf das von Mose angefertigte bronzene Kultbild einer Schlange am Stab rettet sie. Was soll man zu dieser altertümlichen Erzählung sagen?

Dass die Israeliten sich immer wieder mit dieser Erzählung beschäftigt haben, zeigt das nicht kanonische Buch „Weisheit Salomos“, das wohl im 1. Jahrhundert vor Christus entstanden ist. Es wendet sich an Juden, die in der hellenistischen Zeit durch die antike Philosophie in ihrem traditionellen Glauben verunsichert sind. (Es findet sich nur in wenigen evangelischen Bibeln als Anhang, aber meistens in allen katholischen Bibelausgaben.) Weisheit 16,5-11 nimmt die Geschichte auf und setzt den Akzent  auf Gottes rettendes Handeln. Der Bau der ehernen Schlange hatte ein pädagogisches Ziel. Mit ihm erhielt das Volk ein Zeichen der Rettung zur Erinnerung an das Gebot der Tora.  Man soll Gottes Gesetz beachten, nicht weil Gott sonst giftige Schlangen schickt, sondern weil er sich sogar gegenüber beißenden Schlangen als rettender Gott erwiesen hat. „5 Es kamen zwar über die Israeliten auch böse, zornige Tiere, und sie wurden gebissen und vernichtet durch die sich krümmenden Schlangen. 6 Doch blieb dein Zorn nicht bis zum Ende, vielmehr wurden sie nur kurze Zeit zur Warnung erschreckt und erhielten ein rettendes Zeichen, damit sie an das Gebot deines Gesetzes denken sollten. 7 Denn die sich zu diesem Zeichen hinwandten, die wurden errettet, nicht durch das, was sie anschauten, sondern durch dich, den Heiland aller Menschen. 8 Und damit bewiesest du unsern Feinden, dass du es bist, der aus allem Unheil erlösen kann. 10 Aber deinen Kindern konnten auch die Zähne der giftigen Drachen nicht schaden; denn deine Barmherzigkeit trat dazwischen und machte sie gesund. 11 Denn sie wurden dadurch angestachelt, an deine Worte zu denken, und wurden schnell wieder geheilt, damit sie nicht in tiefes Vergessen versinken, sondern deinen Wohltaten zugewandt bleiben sollten. 12 Denn es heilte sie weder Kraut noch Pflaster, sondern dein Wort, Herr, das alles heilt. 13 Denn du hast Gewalt über Leben und Tod.“

Im späteren Judentum hört die Beschäftigung mit dieser Schrift nicht auf. Der Traktat Rosch ha-Schana der Mischna hebt in 3,8 einen ethischen Aspekt der Erzählung hervor. „Tötet denn etwa eine Schlange oder macht eine Schlange lebendig? Nein, sondern: Wenn die Israeliten nach oben blickten und ihr Herz ihrem Vater im Himmel unterwarfen, wurden sie geheilt, und wenn nicht, kamen sie um.“

Dass zum rechten Hören die richtige Herzenseinstellung gehört, wird daran veranschaulicht, dass die Israeliten nicht einfach nach oben blicken, sondern auch ihr Herz auf Gott ausrichteten. Die richtige Einstellung war also die Voraussetzung der Rettung. Insofern entscheidet nicht die Schlange über Leben und Tod, sondern das Verhalten des Menschen.

Frey, J. , „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat …“. Zur frühjüdischen Deutung der „ehernen Schlange“ und ihrer christologischen Rezeption in Johannes 3,14 f., in: M. Hengel / H. Löhr (Hsg.), Schriftauslegung im antiken Judentum und im Urchristentum (WUNT 73), Tübingen 1994, 153-205.

So ähnlich haben die Reformatoren gepredigt, um den mittelalterlichen „christlichen“ Aberglauben zu überwinden. Melanchthon hat das Bild der ehernen Schlange geliebt und in sein Wappen übernommen. Wir sehen, wie im Laufe der Religionsgeschichte magisches Denken und ein archaisches Gottesbild durch Ethik überwunden wird. Auf Bildern wird es in der christlichen Kunst oft neben der Kreuzigung dargestellt.

„Böse Schlangen“ gibt es in der Natur eigentlich nicht. Giftige sehr wohl. Aber im übertragenen Sinne sind „böse Schlangen“ ganz aktuell.

„Der Angriff der Schlange“ heißt eine Überschrift in einem Artikel über die russische Hackergruppe Snake. „Sie gilt als Elitegruppe unter den russischen Hackern, etwas klüger als die anderen, etwas vorsichtiger, geduldiger, aber hochgefährlich, wie eine Schlange…Dass die Hacker von Snake ihr Geschäft verstehen, haben sie in der Vergangenheit schon oft bewiesen. So sollen sie weltweit in Botschaften, internationale Organisationen, Rüstungsfirmen, Regierungen und Geheimdienste eingedrungen sein; auch das U.S. Central Command, eine Leistelle der amerikanischen Armee, sollen sie bereits attackiert haben.“ SPIEGEL Nr.10/2018, S.28.

Ich finde das giftig und brandgefährlich, kann mich aber nicht über Russland empören, wenn ich lese, dass „Spionieren zum alltäglichen Geschäft gehört, auch für demokratische Staaten wie Deutschland.“ Soll man sich nun daran gewöhnen? Oder lieber „murren“, d.h. diesen Wahnsinn der Herrschenden kritisieren und wenigstens auf der eigenen Seite abstellen?

Plastik- fasten

Eigentlich kennen wir ja die Vermüllung der Meere durch Plastik. Aber hin und wieder braucht man den „Tritt in den Hintern“, um von seiner Verdrängung und Bequemlichkeit aufgeschreckt zu werden. So ging es mir gestern mit dem schaurig-schönen und gleichzeitig schaurig-schrecklichem Film über den „Blauen Planeten“.

http://www.ardmediathek.de/tv/Der-Blaue-Planet/Sendung?documentId=49529922&bcastId=49529922. Die Hochsee ist eine Wasserwüste, weit entfernt von jeder Küste, mehrere Kilometer beinahe ohne Nahrung. Dennoch leben hier einige der größten und spektakulärsten Tiere der Welt.

Endlich wurde einmal ein Film durch eine nachfolgende Diskussion von verschiedenen Fachleuten vertieft. Die konnten zwar die Unarten eine Talkshow nicht ganz vermeiden, aber letztlich konnte man doch eine Menge lernen.

http://www.ardmediathek.de/tv/Hart-aber-fair/Ein-Ozean-voll-Plastik-ertrinken-die-M/Das-Erste/Video?bcastId=561146&documentId=50788764.

Wie leichtsinnig wir mit dem Müll umgehen, wurde mir erstmals 1979 bewusst, als ich eine Jugendbegegnung in Korsika leitete. Wir campierten zum Abschluss am Meer, saßen an einem wunderschönen Strand und schauten auf das blaue Meer. Wenn aber die Brise nicht von dort wehte, sondern von hinten kam, stank es gewaltig vom Müll, den andere Touristen einfach hinter sich warfen. Ein Warnschild „Müll abladen verboten“ wurde nicht beachtet. Idealistisch wie junge Leute  sind erbaten wir von der Dorfverwaltung einen Kleinlaster und transportierten tagelang den Müll vieler Wochen ab. Aber wohin? Man kippte ihn damals in eine der schönen Schluchten im Landesinneren. Was hatten wir also gewonnen?

Schon damals gab es den Kampf in der evangelischen Jugendarbeit gegen Plastiktüten. („Jute statt Plastik“). Doch Industrie und Handel waren immer schneller. Der bequeme Konsum in Supermärkten hat dazu geführt, dass es für die meisten Leute kaum noch möglich ist, Plastik beim Einkauf zu vermeiden. Darum muss – wie in der TV-Diskussion deutlich wurde – die Politik entsprechende Vorgaben und Gesetze machen. Im Koalitionsvertrag gib es dazu einen knappen Abschnitt „Internationaler Meeresschutz“:

„Wir werden der übermäßigen Nutzung der Ozeane entgegenwirken und den Schutz  der Meere insbesondere vor Vermüllung verbessern. Wir setzen uns für ein Schutzgebietsnetz für Hochseegebiete und für ein internationales Durchführungsübereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt im Bereich der Hohen See ein und unterstützen die Einrichtung von Schutzgebieten in Arktis und Antarktis. Um Nord- und Ostsee besser zu schützen, werden wir ein wirksames Management der Freizeitfischerei in den Schutzgebieten in Kraft setzen und uns für wirksame Fischereiregelungen auf EU-Ebene sowie eine bessere Förderung ökosystemgerechter Fangtechniken und -methoden einsetzen. Für einen umweltverträglichen Tiefseebergbau sollen internationale Regeln entwickelt werden.“ S.138.  Man kann zweifeln, ob das reicht. Zumindest braucht es mehr öffentlichen Druck.

Schaut man sich die riesige globale  Aufgabenfülle an, die die gesamte Menschheit zu leisten hat, kann man zweifeln, ob das Ziel erreicht wird. Es ist  darum kein Wunder, dass viele resignieren, in Depressionen fallen oder zynisch werden. Für mich kommt da der Glaube ins Spiel. Nicht ein naiver Glaube, dass wir es schon schaffen. Ich denke sogar: Wir schaffen es nicht. (Die Plastikteile vergiften weltweit Fische und damit die Nahrungskette für mindestens 500 Jahre! Plastikmüll hat sich sogar im arktischen Eis festgesetzt, wo nie Menschen gelebt haben.) In anderen Ländern wie beispielsweise in Asien ist weder das Wissen noch die Mentalität vorhanden, um das eigene Verhalten zu ändern. Wo immer Touristen sich breit machen, breitet sich auch der Müll aus.

Der christliche Glaube an den Schöpfer verlangt zwingend die Verantwortung des Geschöpfs. Christliche Ethik ist aber unabhängig vom Erfolg und vom „Man“. (Es gilt nicht, was „man“ tut.) Leider sind auch viele Christen zu bequem, zu ahnungslos, ja zu dumm. Dennoch haben gerade jetzt vor Ostern viele das „Plastik-Fasten“ entdeckt. Man probiert es mal aus. In der TV-Debatte wurde eine Familie vorgestellt, die es schafft, weithin auf Plastikverpackung zu verzichten. Und das nicht nur bis Ostern. Der BUND hat dazu einen Einkaufsratgeber herausgegeben:

https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/meere_mikroplastik_einkaufsfuehrer.pdf. Im Internet findet man weitere Anregungen.

Einsamkeit

Mehr als 250 Zuhörer kamen jüngst in Tübingen zu einer Lesung des Ulmer Psychiaters Manfred Spitzer. Obwohl sein neues Buch „Einsamkeit – Die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ viele Kritiker findet, scheint es doch den Nerv der Zeit zu treffen. Für ihn ist Einsamkeit die wichtigste Todesursache.

Vgl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/manfred-spitzer-ueber-einsamkeit-an-allem-ist-das-internet-schuld-a-1197453.html

Seine praktischen Therapie-Vorschläge zur Überwindung von Vereinsamung finde ich richtig, wenn auch wenig originell: Musik, Kunst und Sport. Dazu Ehrenämter: „Das ist nachgewiesenermaßen eines der besten Dinge, die man für seine Gesundheit tun kann.“ Das hat schon Albert Schweitzer empfohlen!

In der Kirche ist Einsamkeit ein schon länger diskutiertes Thema. Im neuen Gemeindebrief (März 2018) meiner Evangelischen Kirchengemeinde Rottenburg hat sich Pfarrerin Regina Fetzer dazu Gedanken gemacht: „Wer einsam ist, erweckt den Eindruck, bemitleidenswert und ungeliebt zu sein. Es klingt beinahe nach jemandem, mit dem etwas nicht ganz stimmt. In einer Welt, in der man vernetzt ist und ständig irgendwie und irgendwo mit jemandem kommuniziert, ist es absolut uncool, einsam zu sein. Und doch: Einsamkeit kennen wir alle. Wir kennen das Gefühl von Einsamkeit sogar dann, wenn wir mitten  unter Menschen sind.“ Schaut man sich heutige kirchliche Angebote an, dann gibt es überall einladende Gruppen, gemeinsame Essen und andere soziale Aktivitäten für jedes Alter. Fast nach jedem Gottesdienst wird eine Tasse Kaffee angeboten. Allerdings beobachte ich bei solchen Gelegenheiten, dass die meisten Leute auf Bekannte zugehen. Wer neu hinzukommt, braucht schon eine gewisse Energie, um sich einzubringen. Bei der viel gelobten „Vesperkirche“ schwiegen etliche vor sich hin.

http://www.evangelisch-in-rottenburg.de

Wenn man einem Pfarrer ein schlechtes Gewissen machen will, muss man nur sagen, dass er zu wenige Kranke und Einsame besucht. In der Tat kommt die Seelsorge oft zu kurz. Aber mit einem „Zehn-Minuten-Besuch“ ist ja noch wenig gewonnen.  Deswegen gibt es nicht  nur ehrenamtliche Besuchskreise, sondern auch professionelle Helfer. Dennoch werden die Ränder der Gesellschaft immer dicker. Und die Aufrufe zur Caritas nehmen zu.

Es gibt aber auch ein Recht auf Einsamkeit. Gerade die Fastenzeit, die man in unserer Kirche vor allem durch soziale Appelle wahrnimmt, ist eine Gelegenheit, sich einmal zurückzuziehen. Es muss ja nicht gleich ein 40tägiges Schweigen sein. Spirituelle Erfahrungen werden jedenfalls nicht in ständiger Betriebsamkeit und medialer Berieselung gemacht.

Lied der Lieder

„Ich habe das Hohelied Salomonis übersetzt, welches ist die herrlichste Sammlung Liebeslieder, die Gott erschaffen hat“, schreibt Goethe 1775 in einem Brief. Seitdem haben sich immer wieder Poeten, Übersetzer und Literaten mit diesem Buch beschäftigt, am wenigsten wohl die Theologen. Jedenfalls habe ich es seinerzeit bei meinen Heidelberger Studien des Alten Testaments kaum beachtet. Kein Wunder: Hat doch der damals hoch berühmte Gerhard von Rad diese Schrift in seiner „Theologie des Alten Testaments“ überhaupt nicht gewürdigt. So weit ich andere „Theologien des AT“ durchgesehen habe, ist auf weitem Feld Fehlanzeige. In der kirchlichen Praxis war  es später  nie Predigttext. Eine Ausnahme bildet Helmut Gollwitzers „Das hohe Lied der Liebe“, der in diesem erweiterten Kirchentagsvortrag aber vor allem an sexualethischen Fragen interessiert war. (Kaiser Traktate 29, München 1978). Immerhin verdanke ich ihm den Hinweis auf die Übersetzung des jüdischen Schriftstellers Leopold Marx („Das Lied der Lieder“, Reclam Nr.8896, Stuttgart 1964). Leider ist sie nicht mehr lieferbar und nur in Uni-Bibliotheken zu finden. Ich habe sie jetzt gern für meine Bibelarbeiten genutzt. Das „Hohelied“ ist nämlich für die diesjährigen evangelischen Bibelwochen vorgeschlagen. Vermutlich beteiligen sich nur wenige Gemeinden.

Die Biografie Leopold Marxs ist selber ein Roman: Geboren 1889 in Cannstatt musste der Fünfzehnjährige seine Schulzeit am Gymnasium abbrechen, um sich auf die Leitung der Fabrik seines verstorbenen Vaters vorzubereiten. 1916 ließ er sich durch Tausch mit seinem Bruder in den Kriegsdienst einberufen und geriet in französische Gefangenschaft.

„Dort überwand er allgemeine Vorurteile gegen Franzosen, klärte sein Verhältnis zum Judentum nach einer Begebenheit mit algerischen Juden, die als Soldaten in Frankreich dienten. In der Gefangenschaft lernte er etwas Hebräisch und machte sich mit den Schriften Martin Bubers vertraut. Er kam in Kontakt mit Hermann Hesse, der für die deutsche Kriegsgefangenen-Fürsorge in Bern arbeitete und Bücher für Gefangene zur Verfügung stellte. Leopold Marx verfasste erste Lyrik, von denen Hermann Hesse einige veröffentlichte.“

Nach dem Krieg leitete er die väterliche Fabrik bis diese 1938 „arisiert“ wurde. Nebenbei veröffentlichte er eigene Werke und beteiligte sich an der Gründung des Stuttgarter Lehrhauses. Nach einem KZ-Aufenthalt konnte er 1939 nach Palästina emigrieren und lebte seitdem in der Siedlung Shavej Zion, die vor allem von schwäbischen Juden aus Rexingen gegründet worden war. Er veröffentlichte mehrere Werke, immer auf Deutsch. 1983 starb er. Posthum erschien sein stark autobiografisch gefärbter Roman „Franz und Elisabeth“.

Seine Ausgabe „Das Lied der Lieder“ (mit einem Vorwort von Albrecht Goes) ist nicht nur durch seine intime Kenntnis der hebräischen Sprache eindrucksvoll, sondern auch durch den Versuch, den poetischen Charakter der Lieder, teils durch Reime, herauszustellen. Sein „Nachwort“ bietet nicht nur einen Überblick über die vor allem jüdische Auslegungsgeschichte, sondern auch in den Anmerkungen einen eigenen durchaus wissenschaftlichen Kommentar. Dabei spart er nicht mit Kritik an der Zunft der christlichen Alttestamentler. Zum Beispiel zum damals neuesten Kommentar von Wilhelm Rudolph (KAT 17): „Was an diesem Kommentar auffällt, ist die alte Neigung, einige abschätzige Bemerkungen fallen zu lassen, die in einem heute in Deutschland veröffentlichten religionswissenschaftlichen Werk befremdlich wirken. So kann es nur als die Auswirkung alteingefleischter Vorurteile verstanden werden, dass das Lied von  der Kleinen Schwester (VIII, 8-10) hier „Die geschäftstüchtigen Brüder“ überschrieben ist. Heutige Brautkaufsitten, die in arabischen Hochzeitsliedern, sehr im Gegensatz zum Lied der Lieder, eine Rolle spielen, werden unbesehen auf dessen Entstehungszeit übertragen und vom Gesichtswinkel des Europäers betrachtet. Ernster zu nehmen ist eine andere Stelle, wo mit Bezug auf die allegorische Auslegung gesagt wird: „So wurde das Hohe Lied ein Beleg für den jüdischen Erwählungsdünkel.“ Keine authentische jüdische Quelle hat je den Begriff der Erwählung anders verstanden und ausgelegt wie als das folgenschwere Aufsichnehmen eines strengen göttlichen Auftrags und als Bejahung des Schicksals auch in Leid und Verfolgung …  Gewiß, die Neigung zur Selbstüberhebung, der enge Geister gern verfallen, gedeiht auf dem Boden aller Bekenntnisse. Sie ist die Gefahr und das Unglück von ihnen allen. Es war ein „Erwählungsdünkel“ solcher Art, der Deutschland zu Fall gebracht hat und die Erde zur Hölle werden ließ.“ S.72f.

Am liebsten würde ich in Kirchengemeinden einfach seine schönen Verse vorlesen. Es ist dringend zu fordern, dass demnächst eine Neuauflage erscheint.

Bad Banks

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ An dieses Zitat aus Brechts Dreigroschenoper musste ich denken bei der von der Kritik hochgejubelten Fernsehserie „Bad Banks“. Der Titel spielt auf einen Begriff aus der Finanzkrise an, als Großbanken durch die Aufspaltung in zwei Teile gerettet wurden: Die Good Bank war weiter wettbewerbsfähig, in der Bad Bank wurden die faulen Kredite ausgelagert, die oft genug durch staatliche Interventionen (oder die der Notenbanken) gestützt wurden.

Während wir wochenlang mit Koalitionsdebatten unterhalten werden, gilt wohl Willy Brandts Einsicht: „Wer  gewählt wird, hat keine Macht. Diejenigen, die Macht haben, werden nicht gewählt.“ Ich hoffte also auf Einsichten in die mir wenig bekannte Bankenwelt, wurde aber in jeder Hinsicht enttäuscht.

Die TV-Serie handelt von einer jungen Investmentbankerin, die nach ihrer Entlassung von der Bank Crédit International Financial Group (CIFG) in Luxemburg zu der großen deutschen Investmentbank Deutschen Global Invest nach Frankfurt am Main wechselt und sich dabei immer tiefer in persönliche Abhängigkeiten und kriminelle Machenschaften begibt.

Nach Art heutiger Krimis, die meist verschiedene Handlungsstränge gleichzeitig erzählen, werden undurchsichtige Vorgänge gezeigt, die sich vor allem auf Computern und Smartphones abspielen. Wenn gar nichts passiert, sollen die immer gleichen Musiktöne für Spannung sorgen. Man begreift, dass es um viel Geld geht, aber versteht kaum, wie diese „Finanzprodukte“ eigentlich funktionieren. Offenbar verstehen das auch die Filmemacher nicht.

Eine Jungbankerin, deren Praktikum kaum zwei Jahre hinter ihr liegt, die nach ihrer Kündigung im Weinkrampf schnurstracks zur Finanzdirektorin läuft, immer wieder unter Panikattacken leidet, soll binnen acht Wochen plötzlich zur Protagonistin werden, die wiederholt  die Topmanager der beiden Großbanken ausspielt und mit ihrem irrationalen Geltungsstreben („Weil ich’s brauche“) die nächste Lehman-Krise auslöst? Es wäre die schnellste Lernkurve der Finanzwelt. Ziemlich unglaubwürdig! Damit das alles nicht zu langweilig wird, werden noch ein paar deftige Sexszenen eingeführt.

Ich erinnere mich an die Lektüre eines Buches, das ich zur Finanzkrise 2008 gelesen habe: Anne T.: „Die Gier war grenzenlos“, (Econ Verlag 2009.)

Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus, wie sie gezockt, gelogen und betrogen hat.
„Sieben Jahre lang war ich Händlerin für komplexe strukturierte Produkte, für exotische Derivate und, ja, für eben diese Zertifikate gewesen, Inhaberschuldverschreibungen. Ich war vor dem Crash ausgestiegen, weil das gesamte Business mich ankotzte.“
Es wird mit Millionen gezockt. Neue Finanzprodukte ohne Wert werden erfolgreich verscherbelt. Es wird gelogen, betrogen und wilde Sexpartys werden gefeiert.

Anne T. ist die einzige Frau im Derivatehandel ihrer Bank und sie beschreibt ihre Kollegen als einen Haufen asozialer Egomanen. Sie lernt, immer neue Produkte ohne Wert zu schnüren und mit klangvollen Namen zu versehen. Und die werden dann Stiftungs- und Pensionskassenverwaltern, Kirchenvermögensverwaltern und kleinen Banken verkauft, deren Bilanzen sich kurzfristig aufblähen, wie Teig mit viel zu viel Hefe.
Natürlich handelt Anne T. wie ihre bonusgetriebenen Kollegen nur im Dienst am Kunden, der über den Tisch gezogen wird. Strafrechtlich relevant ist ihr Vorgehen nicht. Und die Moral gilt ihr, wie allen Brokern, nur, wenn Aktienkurse sich damit bewegen lassen. Womit sie wieder ein neues Papier erfinden kann, das die Tendenz auch dieses Kurses wettend vermarktet. Ein Wertpapier ohne Gegenwert für neue gierige Kunden.

Angesichts der aktuellen Fernsehserie „Bad Banks“ habe ich den Eindruck, dass sich nichts geändert hat. Leider werden solche Spielfilme nicht mit weiterer Aufklärung verbunden. Es wäre doch leicht, ein paar Experten diskutieren zulassen. Aber das ist offenbar nicht gewünscht.

Der wirkliche Krimi spielt sich gerade in diesen Tagen in meiner norddeutschen Heimat, in der Realität ab. Es geht um die schwer angeschlagene, noch staatliche hamburgisch-schleswigholsteinsche „Nordbank“.

„Wenn Olaf Scholz stolz verkündet, dass die Absichtserklärung zum Verkauf von Teilen der HSH Nordbank an zwei Finanzinvestoren ein „gutes Verhandlungsergebnis“ war und damit die „existenzielle Krise“ der Nordländer abgewendet sei, so ist dies bestenfalls der fromme Wunsch eines Bürgermeisters, der seine Qualifikation für das Amt des Finanzministers unterstreichen will. Mit der Realität hat dies nichts zu tun. Verkauft wurde nicht die HSH Nordbank, sondern ein von den Käufern sorgfältig ausgesuchter Teil der Bank; die ganzen faulen Kredite verbleiben beim Staat und wie hoch die Kosten letztlich ausfallen, ist nach wie vor vollkommen offen. Die Medien rechnen bereits jetzt mit Folgekosten in Höhe von 10 bis 15 Milliarden Euro für Hamburg und Schleswig-Holstein. Doch das ist immer noch viel zu defensiv, sehen unabhängige Expertenschätzungen die Kosten doch rund doppelt so hoch. Dieses Geld – mehr als 8.000 Euro pro Bewohner der beiden Nordländer –, mit dem man 30 Jahre lang Kitas und Polizei hätte bezahlen können, wird in den nächsten Jahrzehnten fehlen. Klar, die Kosten trägt – wie immer – der Steuerzahler. Aber wohin ist das Geld eigentlich verschwunden? Und wer trägt die politische Verantwortung?“ (NDS)

Angesichts solcher Vorgänge klingt der Abschnitt zum „Finanzmarkt“ im aktuellen Koalitionsvertrag wenig beruhigend: „Unsere Finanzmarktpolitik gibt der realwirtschaftlichen Dienstleistungsfunktion des Finanzsektors Vorrang.“ S.70

Darüber erfährt man im Fernsehen so gut wie nichts. Stattdessen bereitet das ZDF die zweite Staffel der Serie „Bad Banks“ vor. Unterhaltungssendungen statt Aufklärung betreiben bereits reichlich die privaten Fernsehanstalten. Ein gebührenfinanzierter Sender sollte nicht nur Quote im Sinn haben.