Der Gott der letzten Tage

Die Schriftstellerin Sibylle Knauss liest vor einem Kreis älterer Pfarrer  und ihren Frauen aus ihrem neuen Roman „Der Gott der letzten Tage“ (Klöpfer & Meier Verlag Tübingen 2017, 184 S. 20 €). Die Theologin versetzt sich in einen todkranken 66jährigen Pfarrer und schildert dessen Auseinandersetzung mit Gott. Offenkundig sind viele Passagen autobiografisch. Einige meinen, den in Romanform beschriebenen Pfarrer identifizieren zu können. Manche vermuten, dass die im Roman öfter auftauchende „Geliebte“ die Autorin womöglich selber sei. Die meisten sind jedenfalls sehr angetan und haben den Roman gleich zweimal gelesen. Ein Rezensent bezeichnet das Buch im Deutschen Pfarrerblatt (2/ 2018 S. 119) sogar als „literarische Pastoraltheologie“.

Der Pfarrer, der sein  ganzes Berufsleben lang Grabreden gehalten hat, kann nun im Krankenbett nur noch schweigen. Er ist so isoliert, dass er einen gedanklichen Dialog mit Gott beginnt. Verbittert blickt er auf sein Leben zurück, erinnert sich an seine Untugenden. So hat er seine Frau geschlagen, die sich dann von ihm trennt. Seine Lage in der Intensivstation des Krankenhauses wird drastisch geschildert:

„Er fühlt etwas Ungewohntes. Er fühlt sich nackt, öffnet die Augen und sieht, dass es der Fall ist. Sie haben seinen Leib aufgedeckt und machen sich an ihm zu schaffen. Zwei Frauen. Er fühlt ihre Hände über seinen Leib gleiten. Er sieht an sich hinab, sieht seine Brust, die vorstehenden Rippen, den mageren Bauch, eine Mulde zwischen Hüftknochen und Schambein, den Penis, klein und schutzlos wie ein Tier, das sich im Nest seiner Schamhaare schlafen gelegt hat, den Katheter, der aus ihm herausführt, er sieht seine Beine, lang und dünn, die Füße weit weg, versucht sie zu sich heranzuziehen, merkt aber, dass er so wenig Gewalt über sie hat wie über seine Arme. Die Frauen sind überaus freundlich. Wir waschen Sie, sagen sie.“

In einem Interview wurde  die Autorin gefragt, ob der religiöse Glaube an das ewige Leben beim Sterben hilft. Ihre Antwort:

„Ich glaube nicht, dass es wirklich hilft. Denn die Unabänderlichkeit, die bleibt bestehen – egal, ob man ein gläubiger Mensch ist oder nicht. Ich glaube, es verändert sich damit, ob man in ein totales, gespenstisches Nichts hinübergeht; oder die, den Gedanken hat, die Vorstellung hat, dass man in Gottes Hand landet. Das ist ein Bild, ganz klar. Aber zwischen dem totalen Nichts und dieser Gottesvorstellung, die im Tod wirklich aktuell wird, dazwischen passt nur ein Wimpernschlag, ein Gedanke: Und das ist der Gedanke, den man im christlichen Kontext Glauben nennt.“

Obwohl der Roman handlungsarm ist, folgt man den Dialogen mit Spannung. Und man  fragt sich, wie man selber sich zum Tod verhält. Bin ich ein Funktionär, der andern predigt, was er selber nicht lebt? Oder bringe ich meine Predigten mit meinem Leben in Einklang? Stelle ich mir vor, wie mein eigenes Sterben einmal sein wird?

Angesichts vieler Romane, in denen die Pfarrerexistenz romantisiert oder gar verkitscht wird, ist der Autorin ein sehr ehrliches, manchmal brutales und dann  doch wieder heiteres Buch gelungen, das man in einem Zug liest.

Näheres unter http://www.sibylle-knauss.de/der-gott-der-letzten-tage.html

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Konvertiten

Pfingsten ist mittlerweile ein Fest allerlei kirchlicher und sonstiger „events“. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn die eigene Gemeinde „gediegene Kost“ bietet.  Die Pfarrerin berichtet in ihrer Predigt vom Gottvertrauen zweier Schwestern, die 1945 als Teenager auf der Flucht einen Treck übernehmen mussten und in den Wirren jahrelang getrennt blieben. Schließlich landeten sie wenig willkommen und lange isoliert in einem katholischen Dorf, das heute zu Rottenburg gehört.  Beim  „Kirchenkaffee“ nach dem Gottesdienst komme ich mit zwei Iranern ins Gespräch, die etwas schüchtern an der Seite stehen. Ihre Flüchtlingsgeschichte ist erschütternd. Ob sie bleiben können, ist ungewiss. Im Iran erwartet sie die Todesstrafe!

„Es ist ein Skandal, dass derzeit fast allen Konvertiten vom Islam zum Christentum das Asyl verweigert wird“, meint Prof. Thomas Schirrmacher. Ich stehe ihm weder theologisch noch kirchenpolitisch nahe, aber nach dem Gespräch mit zwei christlichen Iranern gebe ich ihm recht.

Er schreibt: „Das Amtsgericht Traunstein hat den 30-jährigen afghanischen Flüchtling Hamidullah M. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, weil er eine vierfache Mutter aus Afghanistan brutal ermordete, da sie vom Islam zum Christentum übergetreten war. Die Tat an der ihm sonst unbekannten Frau geschah vor einem Lidl-Geschäft mit 16 Messerstichen vor den Augen zweier Söhne, 5 und 11 Jahre alt. Das Gericht stellte mit dem Staatsanwalt eine besondere Schwere der Schuld fest und folgte nicht der Argumentation der Verteidigung, dass schuldmindernd zu berücksichtigen sei, dass er von klein auf mit Gewalt, Blut und Tod konfrontiert worden sei.
Wer bisher immer meinte, dass die Klagen von Konvertiten vom Islam zum Christentum, sie würden hier bedroht, sei es von Verwandten und Landsleuten (wie im Falle von Afghanistan oder Pakistan) oder von ihren Heimatstaaten (wie im Falle des Iran), übertrieben oder vorgeschoben seien, hat nun wieder einmal einen Beweis, dass es um bittere Realität geht.

Oft werden die Taufen von Konvertiten zu geheimen Kommandounternehmen!
Das hindert aber das zuständige Bundesamt (BAMF) nicht daran, derzeit in großer Zahl Konvertiten vom Islam zum Christentum das Asyl zu verweigern und schnell abzuschieben und das, wo die Abschiebepraxis etwa bei Gewalttätern sehr verhalten ist und aus nichtigeren Gründen anderen Landsleuten Asyl gewährt wird. Da lässt sich einer unter Lebensgefahr taufen, alle versuchen, das aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich zu machen, die Polizei warnt vor der Gefahr, aber das BAMF weiß es besser – es sei alles nur Show.
Tausendmal wurde beklagt und von den großen Kirchen angemahnt, dass das BAMF unparteiische Übersetzer einsetzen müsse. So aber baut das BAMF seine Urteile oft auf den ungenügenden Übersetzungen von muslimischen Übersetzern auf, wenn es prüft, ob die Bekehrung echt gemeint ist oder nicht. Absurd. „Komik, die das Leben kosten kann“, nannte das vor kurzem das Medienmagazin pro und führt als Beispiel an, dass ein Asylant laut Übersetzer vermeintlich über den Fußballer Lothar Matthäus sprach, als er von Martin Luther und vom Evangelisten Matthäus sprach. Scheinbar witzig, aber gar nicht komisch, wenn das Asyl und damit das Leben davon abhängen kann. Denn das Land, in das er dann zurück muss, weiß sehr wohl, was es mit Luther und Matthäus auf sich hat.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der EKD hatten in ihrer Stellungnahme zu Übergriffen gegen Christen in Flüchtlingsunterkünften unter anderem angemahnt, die Dolmetscher besser zu überprüfen, die oft zu Lasten der Christen oder Konvertiten zum Christentum falsch übersetzten. Teils witzige, teils haarsträubende und gefährliche Fehlübersetzungen kursieren in den Medien. Vom BAMF war nichts zu hören, es schwieg oder wiegelte ab. Jetzt wird bekannt, dass das BAMF 2017 und 2018 zweitausendeinhundert (!) Übersetzern den Stuhl vor die Tür gestellt hat. Den Schaden, den die Übersetzer gerade auch für christliche Asylsuchende angerichtet haben könnten, ist derzeit nicht auszumachen. Aus den „witzigen“ Beispielen wird damit nun potentiell tödlicher Ernst. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Übersetzer Aussagen der Christen aus mangelndem Wissen falsch übersetzt haben oder weil ihre eigene religiöse Sozialisation sie gegenüber christlichen Aussagen ablehnend gemacht hat oder direkt aus der Absicht heraus, Christen zu schaden. Wie wollen Entscheider des BAMF die hochkomplizierte und hochsensible Frage, ob die Bekehrung vom Christentum vorgetäuscht ist oder nicht, mit schlechten und parteiischen Übersetzern beantworten? Sie wäre doch schon in bestem Deutsch beider beteiligter Seiten schwer genug zu eruieren! Aber das BAMF ist sich nach wie vor sicher, hier immer sorgfältig und richtig zu entscheiden.
Neben den Übersetzern ist auch zu beklagen, dass sich bei den Entscheidern religiös meist völlig „unmusikalische“ Menschen anmaßen, den wahren Glauben eines Menschen anderer Sprache zu beurteilen, der äußerlich gesehen getauft ist, in eine Kirchengemeinde integriert ist, ein gutes Zeugnis seines Pfarrers ausgestellt bekommt und meist seinen Glauben viel aktiver lebt als die meisten Christen in Deutschland, die doch trotzdem unter dem Schutz der Religionsfreiheit leben.
Dabei werden auch Altfälle aufgerollt, wie jüngst in Pforzheim bei einem seit Jahren dort lebenden Konvertiten, der plötzlich nach Pakistan abgeschoben werden soll, wo der islamistische Mob mit Vorliebe Apostaten („vom Islam abgefallene“) umbringt, wobei ihnen ebenfalls völlig egal ist, ob der Betroffene jahrelang nur in die Kirchen gegangen ist, um eine Konversion vorzutäuschen oder es ernst meint. Muslim ist er so oder so nicht mehr.
Sein Pforzheimer Ortspfarrer, der ihn nach langem Unterricht getauft hatte, war so erschüttert, dass er den irrigen Vorwurf, die Kirche sei einem Konversionschwindler aufgesessen, zum Thema seiner Weihnachtspredigt machte – natürlich ohne damit etwas zu ändern.
Natürlich darf und muss das BAMF prüfen, ob die Asylgründe vorgeschoben sind. Aber letztlich ist es eigentlich egal, ob ein Iraner oder ein Afghane den Islam nur zum Schein verlassen hat oder wirklich. Einmal in den Iran heimgekehrt, gilt er so oder so als Apostat, der entweder offiziell verhaftet wird oder noch häufiger einfach verschwindet.“

Ich weiß, dass meinen progressiven Freunden diese Meinung nicht gefällt. Sie wolllen sich die mühsam aufgebauten interreligiösen Dialoge nicht zerstören lassen. Aber mittlerweile geht es um Menschenleben. Da sollten kircheninterne Gegensätze um der Menschen willen zurückstehen. Ich kann nur hoffen, dass unsere Behörden in Zukunft geist-reicher handeln – es muss ja nicht gleich der Heilige Geist sein.
 

Psalmen predigen

Man denkt kaum darüber nach: In jedem evangelischen Gottesdienst werden jüdische Gebete gesprochen, die Psalmen. Seltsamerweise werden sie nach der bisherigen Ordnung niemals in einer Predigt erklärt. Einzelne Verse sind beliebt bei Hochzeiten oder Beerdigungen und werden dann der Ansprache zugrunde gelegt. Aber da kann selten die Fülle des Textes zur Geltung kommen. Das soll sich mit einer neuen Perikopenordnung in der Landeskirche Württemberg ändern.

Die Tübinger Pfarrer trafen sich heute mit dem Alttestamentler Jürgen Ebach, um sich fortzubilden. Im Studium haben sicherlich die meisten sich mit den Psalmen beschäftigt, aber das ist lange her. Immerhin benutzen einige den hebräischen Text.

Gleich zu Beginn seiner Ausführungen bin ich ernüchtert. Es sind von 150 Psalmen lediglich sechs ausgewählt. Natürlich ist jeder Pfarrer frei, auch jenseits der Ordnung über Psalmen zu sprechen oder biblische Gespräche anzubieten. Ich selber ziehe zunehmend solche „Bibelarbeiten“ vor, weil man im Gespräch eher merkt, wo die Interessen oder auch Verstehensschwierigkeiten der Menschen liegen. Man kann verschiedene Übersetzungen vergleichen und natürlich fragen, was die Texte uns heute sagen können. Nur so kann man die bedauerliche Abneigung vieler gegen das Alte  Testament überwinden.

Psalmen sind Gebete in poetischer Form. Es ist hilfreich, die spezielle Eigenart der hebräischen Poesie zu verstehen. Viele drücken Verzweiflung und Klage, manche auch ein Lob Gottes aus. Sie können zur Schule des Betens werden, aber auch Worte ermöglichen, wenn wir nur noch verstummen möchten.

Die liturgische Textfassung im Gesangbuch ist meistens verkürzt, manche behaupten „getauft“. Gerade  die ausgelassenen Verse lassen aber oft den jüdischen Hintergrund ahnen, den herauszuarbeiten lohnt.  Ihre Theologie könnte das christliche Denken bereichern:

Ebach: „Wie sähe eine Dogmatik aus, welche die Vielfalt der „Schrift“ nicht in Lehrsätze auflöste, sondern ihr folgte? In ihr hätten auch solche biblischen Motive eine Bedeutung, welche viele Dogmatiken an den Rand stellen oder ganz ausblenden, wie z.B. das der Reue Gottes. Einer ‚schriftgemäßen“ Dogmatik ginge es nicht um eine Überführung der biblischen Vielfalt in eine systematische Einlinigkeit, sondern darum, die Bibel als Sammlung von Zeugnissen des gelebten Lebens in gegenwärtiges Fragen einzubringen. In welcher Haltung wäre das zu tun? Dazu ein Satz aus Psalm  62, einem Psalm übrigens, den das Evangelische Gesangbuch gar nicht für das gottesdienstliche Gebet vorsieht. Mehr als nur einen Schriftsinn kennt Psalm 62,12: „Eines hat Gott gesprochen, zwei sind’s, die ich gehört habe.“ Was besagt dieser Satz, in welchem Ton gesprochen sollen wir ihn hören? Dazu müssen wir nach seinem illokutionären Anteil fragen. Ich will diesen Aspekt der Sprechakttheorie zunächst an einem Alltagsbeispiel in Erinnerung bringen, an dem simplen Satz: „Ich komme morgen.“ Was er besagen kann, zeigt sich in verschiedenen Möglichkeiten des mit ihm Bezeichneten, auch in ihm nicht Ausgesprochenen. Er kann z.B. besagen: Ich informiere dich darüber, dass ich morgen komme. Er impliziert womöglich auch die Entschuldigung, dass ich leider nicht schon heute kommen kann. Er kann besagen: Ich verspreche, morgen zu kommen, oder: Ich nehme mir fest vor, morgen zu kommen. Ich komme morgen – das kann jedoch auch als eine Drohung gehört werden und schließlich womöglich direktiv zu verstehen sein: Ich komme morgen, sei also bitte zu Hause! Den illokutionären Sprechakt erfassen wir in der mündlichen Kommunikation in der Regel aus dem Kontext, dem Tonfall und der Mimik. Obwohl das bei literarischen und vollends bei sehr alten wie den biblischen Texten schwieriger zu bestimmen ist, stellt sich auch für ihre Sprechakte die entsprechende Frage. Eine Möglichkeit wäre, ihn im Ton von Trauer und Demut zu hören. Leider vermag ich das eine Wort Gottes nicht als das eine klare zu hören. So gehört, bekundete die Sentenz, dass menschliche Verstehensmöglichkeiten in ihrer Vorläufigkeit und ihren Defiziten stets zurück bleiben hinter der Klarheit des Gotteswortes. Die gegenstrebige andere Lesart wäre dagegen: Ich bin beglückt angesichts des Reichtums, dass das eine Wort Gottes so vielfältig, so reich an Verstehensmöglichkeiten ist und dass Menschen mit Verstand und Phantasie, für sich grübelnd und mehr noch im Diskurs, etwas von diesem Reichtum herausfinden können – und sollen. Diese zweite Haltung kennzeichnet die rabbinische „Schrift“- Lektüre im Lehrhaus und ihr Konzept von festem Text und freier Auslegung, für das Ps 62,12 zu einem wiederholt zitierten Grund-Satz wurde.“

Professor Ebach gehört zu den Alttestamentlern, die ihre Wissenschaft nicht in Orientalistik auflösen, sondern sich als Theologen verstehen, die der Kirche dienen. So hat er jüngst ein Buch veröffentlicht, das die reichhaltigen Bezüge des christlichen Gottesdienstes zum Alten Testament aufzeigt: Jürgen Ebach. Das Alte Testament als Klangraum des evangelischen Gottesdienstes. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2016. 368 S., 24,99 €.

Eine katholische Rezension findet sich unter http://www.biblische-buecherschau.de/2018/Ebach_Klangraum.pdf

Ehe

Kürzlich nahm ich an einer Hochzeit teil. Der junge Prediger zitierte Dietrich Bonhoeffers berühmte Traupredigt, die er im Mai 1943 seinem Freund aus dem Gefängnis geschrieben hatte: „Nicht eure Liebe trägt die Ehe, sondern von nun an trägt die Ehe eure Liebe.“ Bei der anschließenden Feier saß ich zufällig neben zwei mir bis dahin unbekannten Gästen, die –   erst der Mann und dann die Frau – dem heftig widersprachen. Ich merkte bald, dass sie beide geschieden waren. Ihr Schmerz über die Trennung war noch frisch. Es ist bitter, wenn die Liebe verdunstet. Da trägt dann die Institution Ehe gar nichts mehr. Ich geriet in die kuriose Lage, dass parallel zu dem fröhlichen Festprogramm wir in eine leidenschaftliche Debatte über Ehe und Beziehungen gerieten, die erst um Mitternacht endete.

Bonhoeffer war dabei keine Hilfe. Man kann sich ja fragen, ob dieser Junggeselle überhaupt etwas von der Ehe verstanden hatte. Er vertritt in seiner Predigt jedenfalls ein schon in den vierziger Jahren reichlich fragwürdiges und dogmatisches Eheverständnis. Für ihn ist die Ehe ein Amt oder Stand: „Gott macht die Ehe unauflöslich.“ Und der gibt eine „Hausordnung“: „Es ist die Ehre der Frau, dem Manne zu dienen.“ Diese Sätze wurden zum Glück in der Predigt nicht zitiert.

Die Traupredigt ist eine schwierige Aufgabe. Sie gilt zuerst dem Hochzeitspaar, das man oft nur in einem einzigen Gespräch kennengelernt hat. Als Seelsorger bekommt man eine Ahnung, wie die beiden ihre Ehe verstehen.  Manche sind bibelfest und wünschen sich einen bestimmten Spruch, andere haben sich noch keine Gedanken  gemacht. Manche streiten sich in diesem Gespräch bereits, sodass man mit gewissen Zweifeln an die Vorbereitung geht. In jedem Fall will man ihnen ja gute Worte mitgeben und den Segen Gottes spenden. Man spricht aber darüber hinaus zur Festgemeinde. Da  sind die beiden Familien, aus denen die Hochzeiter kommen. Nicht immer sind sie positive Begleiter, manchesmal sogar ziemlich verstritten. Da gleitet man schnell in Mahnungen ab, die natürlich selten helfen. Und dann gibt es den Freundeskreis, darunter Skeptiker und Enttäuschte, Neider und Begeisterte, Traurige und Fröhliche, Gläubige und Ungläubige. Sie wollen hören, was „die Kirche“ zur Ehe zu sagen hat. Man kann eigentlich nur scheitern, wenn man dem allen gerecht werden will.

Die Ehe war lange Zeit „out“ – wer hip und modern sein wollte, lebte ohne Trauschein zusammen. Neue Familien-Modelle haben sich etabliert. Doch jetzt scheinen die Deutschen wieder heiratswilliger. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Eheschließungen. Werden die Menschen wieder romantischer? Offenbar sucht man bei aller Autonomie doch auch eine gewisse Sicherheit. Nach allen Umfragen bei Jugendlichen heißt es: Ehe und Familie sind  ein begehrtes Gut. Hat es vor allem wirtschaftliche Gründe, dass sich mehr Menschen das Ja-Wort geben? Man hat gesagt, die Ehe bietet eine „Paketlösung“. Ohne Ehe muss man nämlich in einer „freien“ Beziehung alle Verträge und finanziellen Regelungen mühsam aushandeln. Manche leben erst unbefangen zusammen, um dann doch zum Standesamt zu gehen. Manchmal mit dem Nachwuchs auf dem Arm. Wie hat sich der Blick auf die Ehe gewandelt? Die traditionelle Ehe als Versorgungsinstitut mit ihrer Arbeitsteilung ist ziemlich abgeschafft, kommt vor allem aber durch Migranten wieder zur Geltung. Rund ein Drittel der Ehepaare werden geschieden. Dennoch halten die meisten Ehen länger (!) als in früheren Zeiten, weil die Menschen viel älter  werden. Warum wollen also so viele Menschen an den Bund fürs Leben glauben? Weil vermutlich  eine gewisse Routine lebensdienlich ist. Jedenfalls leben Eheleute nach etlichen psychologischen Untersuchungen gesünder und glücklicher.

Meine oben erwähnten Gesprächspartner sind nicht zufällig wieder auf der Suche. So lustig ist das Single-Leben nämlich auf Dauer nicht. Internetportale erleichtern den neuen Anfang. Manche sind sogar auf religiöse Menschen spezialisiert wie zum Beispiel  https://www.christ-sucht-christ.de.

Und so werden meine KollegInnen nicht nur im Wonnemonat Mai reichlich Trauungen gestalten.

Kreuz

Ich lebe in einer katholisch geprägten Gegend Württembergs. Beim morgendlichen Waldlauf komme ich an mindestens drei Wegkreuzen vorbei. Insofern ist das christliche Kreuz ein kulturelles Denkmal dieser Landschaft. Bisher haben weder Protestanten, Muslime oder Atheisten sich daran gestört. Seit langem hängen Kreuze auch in Rathäusern, Schulen und gar Gasthäusern. Das finden manche befremdlich.

Nun hat der bayrische Ministerpräsident eine Debatte über das Kreuz ausgelöst, die auch in den Kirchen ihr durchaus vielstimmiges Echo findet. Denn für Christen ist das Kreuz nicht nur ein kulturelles Symbol. Die hiesigen Wegkreuze werden von frommen Frauen liebevoll geschmückt. Im Mai sind sie das Ziel von Marienprozessionen. Es wird vor ihnen gebetet. Wie wir es aber theologisch verstehen können, ist durchaus schon länger umstritten.

2005 führte ich zu diesem Thema in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Tagung durch, in der Frau Professor Friedel Kriechbaum einen befreiungstheologischen Vortrag hielt „Das Kreuz – Symbol ohnmächtigen Leidens und des Widerstandes gegen Unrecht“. Ich stimme dem zu,  was sie u.a. sagte:

„Wenn es so ist, dass Jesu Tod nur von seinem Leben her verstanden werden kann, dann möchte ich das Kreuz ergänzen, nicht ersetzen, durch das Symbol des Festes. Jesus hat in seinem Leben Festatmosphäre verbreitet. Das mit ihm aufbrechende herrschaftsfreie Zusammenleben hieß, aufatmen zu können. Wie oft sprechen die Gleichnisse von Gottes Reich in Bildern von Freude und Fest. Jesus wird erzählt im Bild des Bräutigams, der seine Gäste nicht gerade zum Fasten einlädt (Matth.9,15). Er war kein finsterer Bußprediger, festliche Fülle für alle blitzte in seiner Gegenwart auf. Könnte uns das Symbol des Festes davor bewahren, ein wenig freudvolles Christsein zu leben, verliebt ins Leiden angesichts der Ungerechtigkeiten in der Welt, ein Christsein, das sich von Hoffnungslosigkeit überschwemmen lässt? Statt dessen ein Christsein, das die befreienden Spuren, die lebensspendenden Erfahrungen aufmerksam wahrnimmt, schätzen lernt. Es könnte unserem Christsein etwas von der Verbissenheit nehmen, die uns oft charakterisiert.“

http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/641505-Kriechbaum.pdf

Als in der letzten Mitgliederversammlung der  „Offenen Kirche“ das Grundsatzdokument „Kirche hat Zukunft“ vorgestellt  wurde, gab es zum Abschnitt mit Kreuzestheologie den einzigen grundsätzlichen Widerspruch. Die Diskussion wird also weitergehen – und das ist gut so.

 

Fürbitte

Im ostafghanischen Chost sind bei einem Bombenanschlag auf eine Moschee mindestens 14 Menschen getötet und 30 verletzt worden. Nach offiziellen Angaben handelt es sich bei einem Teil der Opfer um Personen, die sich als Wähler registrieren lassen wollten. Zu dem Anschlag bekannte sich bisher niemand. Diese Nachricht wurde am 6.5.2018 im Deutschlandfunk gesendet.

Solche Meldungen regen kaum noch auf. Die meisten reagieren mit Achselzucken. Ist nur noch Abstumpfung oder Verdrängung („Und nun zur Bundesliga…“) möglich? Wie gut, wenn am heutigen Sonntag „Rogate“ (Betet) wenigstens in der Kirche für diese Menschen gebetet wird. Ich nutze als Liturg gern die Gebetsvorschläge des Ökumenischen Rats der Kirchen. Diese Woche  geht es um Afghanistan, Kasachstan, Kirgisistan, Mongolei, Tadschikistan, Turkmenistan und  Usbekistan.

Wir danken für:

  • das großartige Panorama der Berge, Grasländer und Wüsten in diesen zentralasiatischen Ländern
  • die reichen Bodenschätze
  • die unglaubliche ethnische Vielfalt
  • kulturelle Traditionen und Praktiken, die seit Jahrhunderten und auch trotz der Herausforderungen der Modernisierung bewahrt wurden
  • Menschen christlichen Glaubens, die zwar eine verschwindend kleine Minderheit sind, jedoch den Mut haben, Zeugnis für das Evangelium abzulegen und nach dem Wort Gottes zu leben
  • diejenigen, die trotz aller Gefahren ihr Leben dem Dienst an anderen Menschen widmen.

Wir bitten um/für:

  • die Menschen in diesen Ländern, die unter Armut und unter einem repressiven Regime leiden
  • ein Ende der Konflikte, die durch Stammesdenken, Traditionalismus und Modernisierung entstehen
  • das Land, die Luft und das Wasser, die durch Ausbeutung durch den Menschen Schaden genommen haben
  • gute Beziehungen zwischen Menschen muslimischen und christlichen Glaubens
  • ein Ende von Unterdrückung und Gewalt.

Gebet

„Und so knie ich in der Nähe des Altars meiner kleinen Kapelle nieder, barfuß und bei Einbruch der Dunkelheit, wenn mein Volk schläft, und ich werde sein Fürsprecher – so wie Abraham, Jakob, Moses, so wie Jesus. Ein Stück Sandelholz verströmt seinen Duft, das Symbol all derer, die heute ausgebrannt sind von ihrer Arbeit in Leid oder in Liebe. Hier knie ich nun, und all die Verfehlungen meines Volkes lasten schwer auf mir, all ihre Sorgen und alle Hoffnungen derer, die beim Einschlafen einzig und allein daran denken, einen Richter zu treffen. All denen stelle ich Ihn als ihren Retter vor und führe sie zum ewigen Hochzeitsfest. All die kleinen Kinder, die heute geboren werden, sollen durch mich zu Kindern Gottes werden. Alle Gebete, die heute in ihren Häusern, ihren Moscheen gesprochen werden, sollen durch mich zum „Vaterunser“ werden. Mein Herz ist nicht mehr als der Schmelztiegel, in dem das Feuer der Liebe Christi mein Volk von all seinen Schlacken läutern und sie in Gold verwandeln wird  – und durch meinen Mund ruft ganz Afghanistan das Abba zum Vater, das der Heilige Geist eingibt.“

(Afghanistan, aus: A Procession of Prayers – Meditations and Prayers from Around the World, zusammengestellt von John Carden, © Cassell, London und ÖRK Genf)

„Ja, denkst Du denn, dass sich dadurch in der Welt was ändert?“, fragen meine skeptischen Freunde. –  „Nein, aber in mir.“

Was wir ändern müssen

„Postwachstumsökonomie und Schöpfungsspiritualität“

Studientag der Offenen Kirche am 5.5.2018 in Tübingen.

Seit 1972 hat der Club of Rome die „Grenzen des Wachstums“ der Weltöffentlichkeit bewusst zu machen versucht.  Ein grenzenloses Wachstum auf einem endlichen Planeten hat katastrophale Folgen. Viele  kirchliche Kreise, nicht zuletzt die OK, haben seitdem diesen Appell aufgenommen. An einem schönen Frühlingstag haben sich einmal mehr über sechzig Teilnehmende mit drei unbequemen Themenbereichen beschäftigt.

  1. Ändern muss sich das aktuelle Wachstumsparadigma der Wirtschaft und der Konsumgesellschaft. Professor Rudi Kurz (Pforzheim) sieht allerdings in seiner ökonomischen Zunft wenig Bereitschaft, gewohnte wissenschaftliche Muster zu verlassen. Wirtschaftswachstum wird global als vorrangiges strategisches Ziel gesehen, das dadurch begründet ist, dass es zugleich zur Lösung verschiedener gesellschaftlicher Probleme beiträgt. Negative Nebenwirkungen werden insgesamt als relativ gering eingeschätzt. Die Kosten-Nutzen-Bilanz fällt eindeutig positiv aus: Wirtschaftswachstum bedeute per saldo mehr Wohlstand. Positionen, die das Wachstumsparadigma generell in Frage stellen, die Kosten-Nutzen-Bilanz negativ sehen, haben bislang die herrschende Meinung wenig beeinflusst. Die Auseinandersetzung damit wäre eine wichtige Herausforderung zu kritischem Denken. Es ist aber auch die immer drängender werdende Suche nach sozialverträglichen Auswegen aus zunehmenden ökologischen Problemen. Wenn Wirtschaftswachstum in der Wahrnehmung relevanter Teile der Gesellschaft nicht mehr mit einer Zunahme des Wohlstands verbunden ist, dann ergibt sich die Chance für die Durchsetzung eines neuen Paradigmas, das bessere Erfolg versspricht. Allerdings gelingt es immer noch mächtigen Meinungsmachern, „Wachstum“ als Voraussetzung weiteren Wohlstands darzustellen. Da sich die Universitätsökonomen und die politischen Parteien systemkritischen Anfragen oft verweigern, empfahl der Referent die Mitgliedschaft beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND). Der hat jüngst zum „Deutschen Erdüberlastungstag“ u.a. einen Kommentar veröffentlicht: „Eine nachhaltige Entwicklung, die darauf zielt, unsere natürlichen Lebensgrundlagen hier und weltweit zu erhalten, ist mit einem ‚Weiter so‘ nicht vereinbar. Wir brauchen eine Abkehr von einer Politik, die vorrangig auf Wirtschaftswachstum setzt. Vielmehr gilt es dringend umzusteuern. Weniger Verbrauch lässt sich mit mehr Lebensqualität gut vereinbaren, wenn die Politik entsprechende Rahmenbedingungen schafft.“ www.bund.net.
  2. Ändern muss sich die Einstellung des Menschen: Es braucht eine andere Philosophie und eine tiefgreifende Veränderung einer bisher ganz auf den Menschen zentrierten Theologie. Dazu trug Bischöfin i.R. Bärbel Wartenberg-Potter Gedanken ihrer „Grünen Reformation“ vor. Sie laufen auf eine Art „Panentheismus“ hinaus, der Gott in allen Dingen wahrnimmt. Christliche Mystiker haben immer schon die Natur als weiteres Wort Gottes verstanden. Viele Choräle nehmen solche Gedanken auf wie z.B: EG 510 „Freuet euch der schönen Erde…“ Sie verwies auf die vielen naturbezogenen Bilder der Bibel, die nicht nur in den Schöpfungsberichten zu finden sind. In Hiob 12,7ff. werden gar Tiere als Lehrer des Menschen genannt. Jesu Selbstbezeichnung als „Wasser des Lebens“ und „Licht der Welt“ ist ein weiterer Hinweis auf die Schöpfung. Ermutigend findet die Referentin die häufige Erwähnung der kleinen Kraft in der Bibel: Die Chancen des Senfkorn sind zu nutzen. Denn noch steht der spirituelle Umgang mit der Natur im Streit mit der agnostischen oder gar materialistischen Naturwissenschaft. „Grüne Reformation heißt heute: Der Mensch wird aus Einsicht aus dem Mittelpunkt heraustreten und sich demütig in das Erd-umschlingende Band aller Geschöpfe einreihen. Er muss seine Mittelpunktstellung – den Anthropozentrismus -aufgeben, und demütig ein Geschöpf mit anderen werden und anerkennen, wie abhängig er ist. Er wird eine gute Haushalterin, ein guter Haushalter im Sinne des Schöpfers sein und das Netz des Lebens nicht zerstören, sondern erhalten. Ein paar grüne Gebete genügen nicht. Nur eine tiefgreifende Veränderung des theologischen Paradigmas – des Anthropozentrismus- , der Mittelpunktstellung des Menschen, mit dem wir heute die Welt interpretieren, wird uns herausführen.“ Vgl. http://www.baerbel-wartenberg-potter.de/resources/Gottes_gruenes_Kleid__Gott_im_21_Jahundert.pdf
  3. Wie solche Änderungen möglich sind und was wir als Einzelne und als Gruppen dazu tun können, auch in den Kirchengemeinden, dazu gab es Kleingruppengespräche. Mit Hilfe der früheren Umweltbeauftragten der Stadt Tübingen Dr. Sybille Hartmann, Sozialpfarrer Romeo Edel und anderen Fachleuten entwickelten sich angeregte Diskussionen, die nicht zuletzt durch jüngste Meldungen zum Insektensterben befeuert wurden. Wahrscheinlich ändert sich die Mehrheit erst, wenn sie den Klimawandel am eigenen Leib spürt. Dann ist es um so wichtiger, dass kleine engagierte Gruppen ihre Erfahrungen einbringen. Siehe auch http://www.umkehr-zum-leben.de.

Tag der Arbeit

Der 1.Mai ist für mich der schönste Feiertag, denn da hat auch ein Pfarrer keine Pflichten. Es sei denn, er gehört zur Arbeitsgemeinschaft „Kirche und Gewerkschaft“ und fühlt sich verpflichtet, an einer Kundgebung der Gewerkschaften teilzunehmen. In unserer Stadt findet aber gar keine statt. Wenn man bedenkt, dass der DGB mit seinen Einzelgewerkschaften eine riesige Organisation ist, dann ist diese Fehlanzeige am jährlichen „Kampftag der Arbeiter“ schon schwach. Zum Vergleich: Die Kirche begeht jeden Sonntag einen Feiertag mit mindestens einem Gottesdienst pro Gemeinde mit insgesamt mehr Teilnehmern als zu Bundesligaspielen kommen.

In meiner aktiven Zeit habe ich sogar Gottesdienste am 1.Mai veranstaltet. In diesem Jahr hätte ich aus der Umwelt-Enzyklika des Papstes „Laudato si“ vorgelesen, in der er sich zur heutigen Arbeitswelt äußert mit einem überraschenden Ausblick auf das Unternehmertum:

„129. Damit es weiterhin möglich ist, Arbeitsplätze anzubieten, ist es dringend, eine Wirtschaft zu fördern, welche die Produktionsvielfalt und die Unternehmerkreativität begünstigt. Es gibt zum Beispiel eine große Mannigfaltigkeit an kleinbäuerlichen Systemen für die Erzeugung von Lebensmitteln, die weiterhin den Großteil der Weltbevölkerung ernährt, während sie einen verhältnismäßig niedrigen Anteil des Bodens und des Wassers braucht und weniger Abfälle produziert, sei es auf kleinen landwirtschaftlichen Flächen oder in Gärten, sei es durch Jagd, Sammeln von Waldprodukten oder kleingewerbliche Fischerei. Die Größenvorteile, besonders im Agrarsektor, führen schließlich dazu, dass die kleinen Landwirte gezwungen sind, ihr Land zu verkaufen oder ihre herkömmlichen Produktionsweisen aufzugeben. Die Versuche einiger von ihnen, auf andere diversifiziertere Produktionsformen überzugehen, stellen sich am Ende als nutzlos heraus aufgrund der Schwierigkeit, mit den regionalen oder globalen Märkten in Verbindung zu kommen, oder weil die Infrastruktur für Verkauf und Transport den großen Unternehmen zur Verfügung steht. Die Verantwortungsträger haben das Recht und die Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, um die Kleinproduzenten und die Produktionsvielfalt klar und nachdrücklich zu unterstützen. Damit es eine wirtschaftliche Freiheit gibt, von der alle effektiv profitieren, kann es manchmal notwendig sein, denen Grenzen zu setzen, die größere Ressourcen und finanzielle Macht besitzen. Eine rein theoretische wirtschaftliche Freiheit, bei der aber die realen Bedingungen verhindern, dass viele sie wirklich erlangen können, und bei der sich der Zugang zur Arbeit verschlechtert, wird für die Politik zu einem widersprüchlichen Thema, das ihr nicht zur Ehre gereicht. Die Unternehmertätigkeit, die eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, kann eine sehr fruchtbringende Art und Weise sein, die Region zu fördern, in der sie ihre Betriebe errichtet, vor allem wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist.“

Diese Enzyklika ist nach wie vor lesenswert. Ich nutze sie zur Vorbereitung eines Studientags der OFFENE KIRCHE : „Postwachstumsökonomie und Schöpfungsspiritualität“ am 5.5.2018 in Tübingen.

Bereits 1972 hat der Bericht des Club of Rome die „Grenzen des Wachstums“ der Weltöffentlichkeit bewusst zu machen versucht: Ein grenzenloses Wachstum auf einem endlichen Planeten hat katastrophale Folgen. Viel ist seitdem geschehen, doch viel zu wenig, um die planetarische Krise zu überwinden, die sich immer mehr abzeichnet. Mit einem Studientag möchten die Veranstalter darum die Thematik aufnehmen. Auftakt war ein Vortrag von Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem Ko-Präsidenten des Club of Rome unter dem Motto „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“. Dazu wird der Studientag drei Schwerpunkte setzen: 1. Ändern muss sich das aktuelle Wachstumsparadigma der Wirtschaft und der Konsumgesellschaft. Dazu wird Professor Kurz am Vormittag referieren. 2. Ändern muss sich die Einstellung des Menschen: Es braucht eine andere Philosophie und eine tiefgreifende Veränderung eines bisher ganz auf den Menschen zentrierten theologischen Paradigmas. Dazu wird am Nachmittag Bischöfin Wartenberg-Potter referieren. 3. Wie solche Änderungen möglich sind und was wir als Einzelne und als Gruppen dazu tun können, auch in den Kirchengemeinden, dazu wird es am späten Vormittag nach zwei kürzeren Impulsen Kleingruppengespräche geben.

Leitungswasser

„Wasserknappheit ist eines der drängendsten ökologischen Probleme unserer Zeit, von dem viele Länder bedroht und bereits heute betroffen sind. Mehr als eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu ausreichendem und sauberem Wasser und mehr als zwei Milliarden verfügen über keinen Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen.

Wasser ist eine Grundvoraussetzung allen Lebens auf der Erde und muss mit allen Lebewesen und der übrigen Schöpfung geteilt werden. Es ist richtig, die Stimme zu erheben und zu handeln, wenn das Leben spendende Wasser weltweit und systematisch gefährdet wird.“

Dass es ein christliches Wassernetzwerk gibt, war mir neu:

https://water.oikoumene.org/de.

Da geht es um große Anliegen. Ich habe heute ein kleines: Trinkt Wasser vom Wasserhahn. Es ist in Deutschland meistens gesünder als Flaschenwasser. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit, bis wir Migranten überzeugen konnten, dass sie keine Plastikflaschenwasser kaufen müssen. Man spart Geld und Plastikmüll! Womöglich wird Mineralwasser ja noch aus weiter Ferne herangekarrt und verschlechtert die Ökobilanz..

Ich erinnere mich, wie mühsam wir in unserer afrikanischen Zeit Wasser filtern mussten, um es trinken zu können. Aus dem Hahn kam meistens nur eine Brühe, wenn man nicht sogar zum Fluss gehen musste. So ist es leider in den meisten Ländern dieser Welt. Also genieße ich das hiesige Trinkwasser.

Es ärgert mich aber, dass man in Bahnhöfen oder öffentlichen Brunnen meistens auf einem Schild liest „Kein Trinkwasser“. Warum ist das so? Stecken da Lebensmittelkonzerne wie Nestle dahinter, die ja andernorts schamlos Trinkwasser vermarkten?

Wäre es nicht ein Art „bedingungsloses Grundeinkommen im Kleinen“, wenn jeder an vielen Plätzen frei trinken könnte? Sollten wir nicht viel mehr gemeinschaftliche Anlagen bauen, die alle nutzen können?

Wenn mehr Trinkwasser aus der Leitung zur Verfügung steht, würde mancher wohl auch auf Softdrinks wie Coca Cola verzichten, die mit ihrem Zuckerwasser weniger Durst löschen als Übergewicht verursachen.

In Berlin hat sich eine Initiative vorgenommen, Trinkbrunnen zu fördern. Siehe www.atiptap.org. Das wäre ja auch etwas für kleine Städte und Dörfer.

Übrigens:

In Deutschland verbraucht jeder Mensch etwa 120 Liter Wasser pro Tag im Haushalt: beim Kochen, Putzen und Duschen, für die Toilettenspülung, die Wasch- und Spülmaschine. Doch insgesamt verbrauchen wir 33 Mal so viel Wasser am Tag, nämlich rund 4.000 Liter. Diese enorme Zahl beinhaltet den Wasserverbrauch für die Herstellung der Nahrungsmittel und Güter, die in Deutschland tagtäglich jede Person im Schnitt konsumiert. Diese Wassermenge heißt virtuelles Wasser, weil es nicht unmittelbar zu sehen ist. Verbraucht wird es dennoch, oft in den ohnehin wasserarmen Regionen der Erde. (BROT FÜR DIE WELT)

 

 

Hans Küng zum 90.

Die „Stiftung Weltethos“ veranstaltete zum 90. Geburtstag Hans Küngs in der Universität Tübingen ein wissenschaftliches Symposium über sein Werk. Der Jubilar war den ganzen Tag anwesend, wenn auch im Rollstuhl, und hörte offenbar konzentriert zu. Das muss ihm seltsam vorgekommen sein, wenn die Redner ihn  immer wieder zitierten. Prof. Karl-Josef Kuschel moderierte die vier Vorträge und die abschließende Podiumsdiskussion.
Prof. Dr. Johanna Rahner eröffnete das Symposium mit dem Thema „Zwischen Neckar und Tiber. Kirche und Ökumene im Umbruch“. Ihr folgte Prof. Dr. Hermann Häring über Küngs Christus- und Gotteslehre. Beide sagten den Küng-Kennern nichts Neues. Darum war ich gespannt auf Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel, dessen pluralistische Theologie der Religionen ich seit langem anregend finde. Sein Buch „Gott ohne Grenzen“ habe ich vor Jahren zustimmend rezensiert. Er ging von Küngs Impulsen zur Theologie der Religionen aus, führte sie aber über die ethischen Fragen hinaus.

„Statt ihre Theologie weiter ausschließlich religionsspezifisch zu betreiben, werden Religionen in Zukunft verstärkt auf interreligiöse Theologie setzen“, sagt Schmidt-Leukel. Das führt er in seinem neuen Buch „Religious Pluralism and Interreligious Theology“ (Religiöser Pluralismus und interreligiöse Theologie) aus: „Religionen wie das Christentum, der Islam, der Hinduismus und der Buddhismus sind nach meiner Theorie einander viel ähnlicher, als bislang angenommen. Sie ähneln einander mit Blick auf ihre jeweilige interne Vielfalt…Die fremde Religion und der Andersgläubige sind weniger fremd als man zunächst glaubt. Das bietet eine Alternative zur verbreiteten Ansicht, Religionen seien nicht vergleichbar und unvereinbar.“ Was Religionen voneinander unterscheide, finde sich oft in anderer Form als Unterschied innerhalb der eigenen Religion wieder. „Das erlaubt die Ausweitung ökumenischer Theologie zur interreligiösen Theologie.“ Im interreligiösen theologischen Diskurs kämen Themen und Fragen auf, die aus der Theologie der eigenen Religion bekannt seien, aber zugleich ein neues Licht darauf würfen. Schmidt-Leukel: „Der Schlüssel zum Verständnis fremder Religionen liegt somit in der eigenen.“

Der Religionswissenschaftler hat seine „Fraktale Theorie der Religionsvielfalt“ in Anlehnung an die Fraktal-Theorie des Mathematikers Benoît Mandelbrot (1924-2010) entwickelt, nach der viele Objekte in der Natur wie Farnpflanzen, Bäume oder Blumenkohl, aber auch Eiskristalle, Felsformationen oder Küstenlinien aus verkleinerten Kopien ihrer selbst zusammengesetzt sind. „Das fraktale Verständnis religiöser Vielfalt“, so Schmidt-Leukel, „verlangt geradezu nach einer interreligiösen Theologie.“
Als „religiösen Pluralismus“ bezeichnet der Wissenschaftler eine Haltung, die andere Religionen als „zwar verschiedene, aber dennoch gleichermaßen gültige und vielfach komplementäre Heilswege“ betrachte. Letztlich gehe es dabei um eine Veränderung im Selbstverständnis aller Religionen. „Das ist auch politisch wichtig, insofern religiöse Ansprüche auf Alleingültigkeit oder Überlegenheit häufig dem interreligiösen Konfliktpotential zugrunde liegen.“
„Im Unterschied zur interkulturellen Philosophie nimmt interreligiöse Theologie den Bekenntnischarakter von Religionen ernst“, führt der Wissenschaftler aus. Hinter den Bekenntnissen zu Muhammad als „Propheten“, zu Jesus als „Sohn Gottes“ und zu Gautama als „Buddha“ zeigten sich grundlegende Gemeinsamkeiten in den Motiven: „Bei den Muslimen wird das Wort Gottes zum Text, wie im Fall des Koran, während es bei den Christen zur Person wird, wie im Fall Jesu. Aber beide Religionen kennen auch das andere Konzept und in beiden Fällen geht es darum, wie die Gegenwart Gottes im Akt der göttlichen Offenbarung zu verstehen ist“, so der zur anglikanischen Kirche übergetretene Theologe. Oft liege sogar hinter der Ablehnung anderer Glaubensvorstellungen mehr Gemeinsamkeit als man denke, etwa, wenn etwas abgelehnt wird, was der andere in dieser Form gar nicht vertritt. Als Beispiel nannte er die islamische Kritik am Begriff Sohn Gottes“. Was diese kritisieren, sei eine Karikatur, die auch Christen gar nicht glauben sollten. „Statt andere Religionen als Gefahr zu sehen, können sie den eigenen Glauben bereichern.“ Daher ziehe eine interreligiöse Theologie nicht nur Heilige Schriften der eigenen Religion heran, sondern auch die der anderen. „Das bietet große Chancen im Umgang mit der wachsenden religiösen Pluralität in unserer Gesellschaft.“ Wenn man Küngs Unterscheidung von prophetischen, mystischen und weisheitlichen Religionsfamilien folge, stelle man fest, dass jede Religion in sich auch die anderen Aspekte kenne.

Herkömmliche Theologien aller Religionen werden sich nach Einschätzung des Wissenschaftlers über kurz oder lang in Richtung der Interreligiösen Theologie entwickeln. „Der interreligiösen Theologie geht es darum, die Gründe und Motive religiöser Bekenntnisse zu verstehen und gegebenenfalls zu teilen.“ Sie könne Gläubigen helfen, Vorurteile zu überwinden und Wertschätzung für andere Religionen zu entwickeln. „Vor diesem Hintergrund ist der Dialog der Religionen, der gesellschaftlich auf vielen Ebenen angestrebt wird und oft diplomatisch bleibt, als theologische Aktivität im strengen Sinne zu verstehen“. Es gehe dabei nicht nur um friedliche Koexistenz, sondern darum, sich über Religionsgrenzen hinweg „mit jenen großen Fragen auseinanderzusetzen, die die Menschheit seit jeher in allen Kulturen und Religionen bewegt haben.“ Allerdings dürfe interreligiöse Theologie nicht als Theologie einer weltweiten „Einheitsreligion“ missverstanden werden.

Leider war für eine Diskussion wenig Zeit. Denn es folgte noch aus der jüngeren Generation Prof. Dr. Claus Dierksmeier, der das „Weltethos-Institut“ an der Universität Tübingen leitet. Der Wirtschaftsethiker  fragte, wie man Atheisten und Agnostiker vom  Weltethos überzeugen könne. Seine Auseinandersetzung mit Richard Dawkins „Gotteswahn“ schien mir recht abstrakt zu sein. Für mich aufschlussreich war sein Hinweis auf den mir bisher unbekannten Scholastiker Francisco de Vitoria. Er trug mit seiner Konzeption des Rechts der Völker zur Entwicklung des Völkerrechts bei. Offenbar lange vor der amerikanischen und französischen Revolution begründete dieser Theologe die Menschenrechte, weil er auch den gerade entdeckten Indios in Südamerika die Gotteskindschaft zusprach und entsprechend Respekt einforderte.

Der Jahresbericht 2017 der Stiftung Weltethos zeigt einrucksvoll, welche erstaunlichen Aktivitäten die Theologie Hans Küngs ausgelöst hat. (www.weltethos.org). Einmal mehr durfte er den  großen Beifall der Anwesenden genießen.