Über den Jordan

Wenn jemand „über den Jordan geht“, lebt er nicht mehr lange. http://www.redensarten.net/ueber-den-jordan-gehen/

Diese Redensart verkehrt eine biblische Wahrheit ins Gegenteil. Nach Josua Kapitel 3 jedenfalls ziehen die Israeliten über den Jordan ins Gelobte Land. „Ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch…“ Das war heute Predigttext. Allerdings habe ich wenig über den Bibeltext erfahren, weil der Pfarrer noch den Übergang ins Neue Jahr thematisierte. Ansonsten fand er mit Dietrich Bonhoeffer von 1925, dass uns die Unsichtbarkeit Gottes kaputt mache. Zum Glück hat dieser berühmte Theologe auch positiv von Gott  gesprochen. So sangen wir sein zum Jahreswechsel passendes Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

Ich blieb trotz der vielen schönen Gedanken an einem Bibelvers hängen, der zwar verlesen, aber nicht weiter erklärt wurde.: „… dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisieter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter.“ Jos.3,10.

Sollen wir also an einen Gott glauben, der Völker vertreibt? Es gibt jüdische und christliche Fundamentalisten, die exakt das glauben und danach handeln. Heute wären das die Palästinenser. Die Konsequenzen sind mörderisch. Nun wissen wir, dass sich die „Landnahme“ der alten israelitischen Stämme weit weniger gewaltsam vollzogen hat als es das Buch Josua im Alten Testament darstellt. Das ist kein historischer Bericht im modernen Sinne, sondern eine theologische Interpretation aus der exilischen oder nachexilischen Zeit, also viele Jahrhunderte später. Die historische „Landnahme“ war ein längerer Prozess nomadischer Stämme, die meistens friedlich auf dem Weg  des Weidewechsels ihren Platz gefunden haben. Wer das genauer  wissen will, kann sich informieren bei Matthias Ederer, Das Buch Josua (Stuttgart 2017).

Aber nun steht dieser Vers (neben anderen schlimmen Geschichten) in der Bibel, die wir unseren evangelischen  Predigten zugrunde legen. Was sollen wir also davon halten?

Keinesfalls können wir mit dem Evangelium Vertreibungen sanktionieren. Unsere Friedensbemühungen müssen das Ziel haben, dass alle Menschen ihren Platz auf dieser Erde finden. Darum werde ich diesen problematischen Bibelvers historisch-kritisch relativieren, damit er nicht die Botschaft vom Schalom verdeckt. Friedensarbeit fängt beim Umgang mit der Bibel an, hört aber da nicht auf.

Wir sollten von jüdischen Weisen lernen, dass jede Bibelstelle eine Auslegung enthält, für die wir verantwortlich sind. Notfalls muss darüber „wie in der Judenschule“ gestritten werden. Wo eigentlich finden neben den Gottesdiensten solche Gespräche statt?

Zufällig komme ich am Nachmittag in einem Café mit einem Zeitgenossen ins Gespräch, der von institutionalisierter Religion und ihrer Friedensfähigkeit nicht viel hält. „Man sieht es ja überall…“ Seine Religion ist die Musik. Die sei Frieden. An Militärmusik hat er da wohl nicht gedacht. Menschen können nun einmal alles verderben, auch die Religion.

Nur  selbstkritisch kann man wohl mit gutem Gewissen die Botschaft aus Josua 3 positiv, nämlich evangelisch verstehen, dass in unseren Friedensbemühungen Gott mit uns ist. Nicht exklusiv, sondern andere einschließend. „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ EG 65,7.

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Menschenkinder

Leere Kirchen? Nicht in Tübingen, jedenfalls nicht zur Weihnachtszeit. Seit die Stiftskirchengemeinde ihre zahlreichen Festgottesdienste mit Kantaten, d.h. Solisten, Chor und Orchester musikalisch-festlich gestaltet, muss man nicht nur Heiligabend sehr früh kommen, um noch einen guten Platz zu kriegen. Trotz der liturgischen Bemühungen der PfarrerInnen mit anspruchsvollen Predigten hat man allerdings oft das Gefühl, an einem Konzert teilzunehmen.

Heute am Erscheinungsfest hielt die Predigt zwischen Monteverdi und Praetorius die neue Hochschulpfarrerin Dr. Inge Kirsner. Sie hatte sich bereits in einem Zeitungsartikel zum Weihnachtsfest als Filmliebhaberin vorgestellt.

So war es wohl nicht verwunderlich, dass sie nicht mit der Lesung  des Matthäusevangeliums von den Weisen aus dem Morgenland begann, sondern mit der Schilderung einiger Szenen aus dem Film „Children of Men“. („Menschenkinder“ nach Psalm 90,3)

Dieser dystopische Science-Fiction-Thriller von Alfonso Cuarón ist  nun alles andere als eine Gute Botschaft. Er passt allerdings zum geplanten Jesuskindsmord des Königs Herodes, den die sternkundigen „magoi“ bekanntlich vereiteln.

Nun ist  es natürlich kein leichtes Unterfangen, von der Kanzel herab einen Film von 2006 zu schildern, den vermutlich keiner der Anwesenden gesehen hat. Ich verstehe, dass es um den Untergang der Menschheit geht. Die Menschen bekommen keine Kinder mehr und sind zum Aussterben verurteilt. Das Böse nimmt überhand. Biblisch werden wir an die schlimme Babel-Zeit vor Noah erinnert. Aber wo ist die Arche? In dieser Situation wird eine illegale Immigrantin schwanger. Ein desillusionierter Regierungsangestellter namens Theo (heißt auf griechisch „Gottesgeschenk“, Achtung Religion!) soll das ungeborene Baby, ein Mädchen,  an einen sicheren Ort bringen. Ist das die Erlösung? Ich weiß es auch nach der Predigt nicht. Das „Lexikon des Internationalen Films“ schreibt: „Das eindrucksvolle pessimistische Zukunftsgemälde entwirft mit vielschichtigen Figuren eine düstere Version der Weihnachtsgeschichte…“ Na denn!           https://www.youtube.com/watch?v=cB1zcJKS0z8.

Die Kollekte des Gottesdienstes ist teilweise für Projekte evangelischer Missionswerke in Nigeria und Sudan bestimmt. Gerade kurz zuvor hatte ich mit zwei Kollegen gesprochen, die die aktuelle Situation in diesen Bürgerkriegsländern gut kennen, weil sie etliche Jahre dort  gearbeitet haben. So sind beispielsweise die berüchtigten Islamisten von „Boko Haram“ wieder auf den Vormarsch. Frauen und Kinder werden barbarisch abgeschlachtet. Die Welt schaut nicht mal zu wie im Jemen, denn es gibt dort keine Journalisten mit Kameras mehr. Die Berichte sind so schrecklich, dass ich eigentlich keine Spielfilme brauche, um mir den fortwährenden bethlehemischen Kindermord vorzustellen. So gesehen hat  die Produktion von Kantaten mit eingestreuter Dystopie etwas Dekadentes. Um so mehr bewundere und unterstütze ich Christen und ihre Kirchen, die in dem kriegerischen Horror die weihnachtliche Friedensbotschaft umsetzen.

Bohème geschenkt

„Wir schenken uns nichts mehr“. Jedes Jahr missachten wir diesen Weihnachtswunsch. Aber wenigstens nichts Materielles. Also geht die ganze Familie am 2. Weihnachtstag in die Stuttgarter Oper zu „La Bohème.“

Als Kind hatte mich mal meine Lübecker Tante in diese Oper mitgenommen, weil eine entfernte Verwandte als Statistin mitwirkte. Viel verstanden habe ich  damals nicht. In Erinnerung bleib mir nur der Satz „Wie eiskalt ist dies Händchen.“ (Che gelida manina). Jahrelang konnte man mich mit Opernmusik jagen. Seit aber Regisseure fast jedes Theaterstück verhunzen, zieht es mich zu Aufführungen, deren Musik man wenigstens nicht verändern kann.

Die aktuellen Rezensionen der Stuttgarter Aufführung,  die ich im Internet finde,  sind nicht berauschend. Aber darauf gebe ich nichts. Da schreiben Leute, die ständig im Theater sitzen.

Um die Stuttgarter Inszenierung besser zu verstehen, hören wir uns die Einführung des Dramaturgen an. Er erläutert zunächst den Roman, der dem Libretto vorausgeht.

Dann geht er auf die Biografie Puccinis ein, der Erfahrungen aus seiner eigenen ärmlichen Studienzeit einbringt. Der hat damals sogar einen eigenartigen Männer-Club mit skurrilen Statuten gegründet.

Schließlich betont der Dramaturg die besonderen Interessen der Regisseurin Andrea Moses. Sie versteht die Bohème-Künstler als Selbstdarsteller, die sich den Erfordernissen des Kunstmarkts unterwerfen. Sogar das Sterben der lungenkranken Mimi wird am Ende selbst zum Kunstobjekt.  Sie verlegt  die Oper in die Jetztzeit. Eine Hälfte der Bühne zeigt die unwohnliche Männer-WG mit zeitgemäßen Werkzeugen wie Laptop, Mischpult, Kameras, mit denen sie sich filmen. Die andere Hälfte ist mit übereinander gestapelten Fernsehern vollgestopft, die ständig ihre gefilmten bunten Videos senden.

Der (mir bisher nicht bekannte) Streetart-Künstler Stefan Strumbel bietet ein abwechslungsreiches Bühnenbild, sodass nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen gefordert sind. Die Künstler-WG im ersten Bild ist so detailliert ausgebaut, dass man unwillkürlich an eigene Studentenbuden erinnert wird. War ich ein Messi damals? Das Private wird öffentlich.

Im zweiten Bild fasziniert den Zuschauer dann ein weihnachtlicher Konsumtempel, wo sich Käufermassen und Verkäufer durch die Stuttgarter Straßen wälzen. Den Weihnachtsbaum krönt der bekannte Mercedes-Stern. Der Platz am Café Momus: eine Shopping-Mall mit kostümiertem Volk, Schneehasen, Pinguin, Engel, Eisbären, Schnee­königin, Nackttänzerin, Früchten; die Kinder neonfarben kostümiert. Wie in einem Musical. Die leichtlebige Musetta erscheint in blonder Riesenperücke. Die Bohemiens nehmen Mimi vor dem Café Momus in ihren seltsamen Bund auf. Sie engagieren sich außerdem ein bisschen politisch, ziehen zum Fest also mit Guy-Fawkes-Masken los und geraten sogar in einen Polizeieinsatz. Hemmungslos inszeniert die schrille Musetta einen Skandal. Alles versinkt im Chaos.

Im dritten Bild sieht man in öden Stuttgarter Hinterhöfen eine eisige Landschaft. Prostitution im Container. Es schneit. Rodolfo, der Dichter,  ist verzweifelt wegen Mimis tödlicher Krankheit. Paare finden und  trennen sich. Die angebliche Romantik des freien Künstlerlebens kippt.

Im vierten Bild stürzt die sterbende Mimi in das grelle Licht des trügerischen Kunstmarktes. Zahlreiche Bildschirme reflektieren das Geschehen. Sie selbst hat die Videokamera aktiviert; das Bild auf der großen Videoleinwand friert ein – eine große Pause des Orchesters kündigt ­Mimis Tod an. Spot aufs Sofa – das Leinwand­gesicht verliert seine Farbe – ein roter Punkt signalisiert: Das Bild ist verkauft.

Dass sich Künstler inszenieren, gehört zum Geschäft. Man akzeptiert es. Im Fernsehzeitalter treten Journalisten und Politiker in Talkshows auf. Betonung auf Show! Das ist schon problematischer.

Und wir Pfarrer? Da wird es heikel. Einerseits ist ein Gottesdienst eine Art Aufführung. Vikare lernen heute bei Schauspielern, wie man sich bewegen und reden kann. Andererseits soll es eben keine Show sein. Es muss der Botschaft, dem Evangelium dienen. Pfarrherrliche Selbstinszenierungen finde ich darum unerträglich.

Und wie steht es im sonstigen Leben? Prägen wir unsere Rolle – oder ist es umgekehrt?  Ein Medium wie Facebook z.B. verführt ja zur Selbstinszenierung. Man braucht sich nur die eigentlich doch persönlichen Fotos anzuschauen. Manchmal ist die Sprache verräterisch. Mein Großvater, ein Dorfpastor, hatte ein „Studierzimmer“. Meine Generation fand das Wort „Pfarrbüro“ angemessener. Eine jüngere Kollegin spricht von ihrem „Atelier“.

Seine Haut riskieren

Unsere monatliche  Gesprächsrunde über politische Bücher ist am Ende nicht viel schlauer, was wir von dem neuen  Buch „Das Risiko und sein Preis“ von Nassim Nicholas Taleb halten sollen. Sein Grundgedanke ist einfach: Je mehr wir unsere menschengemachten Verhältnisse zwanghaft zu beherrschen suchen, desto unbeherrschbarer werden sie. Den Eindruck kriegt man ja schon, wenn man die gegenwärtige Weltpolitik betrachtet.

Berühmt wurde der Amerikaner mit libanesischem Migrationshintergrund, weil er 2007 die Finanzkrise aufgrund seiner Berechnungen vorausgesagt hatte und stinkreich  geworden war. Kann das aber nicht einfach Zufallsglück gewesen sein? Sind die Börsen nicht zu gewaltigen Lotterien geworden, die fatalerweise unsere Wirtschaft und Politik bestimmen?

Er beschreibt „Entscheider“, die nichts für sich selber riskieren, sondern bei Fehlern die Allgemeinheit zahlen lassen. So sehen wir einen amerikanischen Präsidenten Trump, der keineswegs seine Haut riskiert, sondern bei Fehlern ständig die Schuld bei andern sucht. Müssten aber Manager und Politiker für ihre Fehlentscheidungen aufkommen, – wer  würde dann noch ein solches Amt übernehmen? Sie treten allenfalls zurück, oft nicht einmal  das.

Ein Kritiker meint: „Wissenschaftler, Journalisten, Politiker erscheinen durchweg als „Scharlatane“, die jede Bodenhaftung verloren hätten. Er hat keinerlei Berührungsängste mit der rechtspopulistischen Holzhacker-Rhetorik und spricht von „politikgestaltenden Trotteln“ und „Intellektuellen also Idioten“ (eine von mehreren Fehlübersetzungen im Buch, im Original heißt es „intellectuals yet idiots“, also „Intellektuelle, die trotzdem Idioten sind“).“

Unsere Regierung möchte das Problem angehen, indem sie Heerscharen von externen Beratern bezahlen. Ob man dadurch schlauer wird?

Ich denke, wir überschätzen gern die Möglichkeiten der Sozialwissenschaft. Schon Aristoteles hat beschrieben, dass die präzise mathematische Logik nicht anwendbar ist, wenn man menschliche Gesellschaften verstehen will. Allzu viele subjektive Faktoren beeinflussen die Analyse.

Es ist darum  noch immer die Frage sinnvoll: Mit welchem Interesse wird eine bestimmte Wissenschaft betrieben und vermarktet?

Also komme ich zu dem Schluss: Dieses Buch kann ich mir sparen. Ein anderes des Autors aber hole ich mir aus der Stadtbibliothek „Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen.“ (Knaus Verlag 2012). Dort finden sich amüsante Bemerkungen aus der Welt der Wirtschaft, beispielsweise über die Schweiz: „… das letzte größere Land, das kein Nationalstaat ist, sondern ein Zusammenschluss kleiner, weitgehend sich selbst überlassener Gemeinwesen.“ S. 133. Taleb meint, dass kleine Strukturen besser sind als große. Unsere föderale Verfassung in Deutschland erscheint so in einem positiven Licht. Wir müssen sie nur nutzen.

Gott kommt zur Rache

Die TAZ macht sich lustig, dass die neue Perikopenordnung der Evangelischen Kirche eine Pressemeldung des epd abgibt. Recht hat sie. Haben wir nichts Besseres zu melden? Meinetwegen hätte man sich den Aufwand sparen können. Schon jetzt konnte jeder Prediger auch eine eigene Auswahl treffen. Und wenn er oder sie unbedingt über das Buch Leviticus predigen wollte, dann bestünde nur die  Gefahr, dass die Zuhörer wegbleiben. Ich selber  würde lieber über biblische Texte, gerade auch des Alten Testaments, diskutieren. Aber dazu werde ich selten eingeladen. Bibelarbeiten finden in unseren Gemeinden kaum statt.

Am 2. Advent darf ich also predigen: „Stärkt die müden Hände! Macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost! Fürchtet euch nicht!“ Jesaja 35, 3

Ich arbeite für unsere Kirche als ein Ort, wo diese „Befehle“ Wirklichkeit werden. Kirche ist der Ort, wo müde Hände gestärkt und wankende Knie festgemacht werden. Wo verzagte Menschen getröstet und Ängstliche von Furcht befreit werden.

Allerdings heißt es dann auch „Gott kommt zur Rache“. Was ist dem wohl vorausgegangen? Das lässt sich schwer rekonstruieren. Hier spricht nämlich nicht der einigermaßen bekannte Prophet Jesaja aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, sondern ein späterer, uns nicht bekannter Mann Gottes. Diesem „Redaktor“ ging es nicht um unveränderte Bewahrung der Prophetenworte, sondern um eine aktuelle Stärkung des Volkes Gottes. Bis in die spätere hellenistische Zeit des 3. Jahrhunderts ist an diesem Buch „Jesaja“ gearbeitet worden. Wir finden in ihm also ein halbes Jahrtausend jüdische Theologie. In diesen Jahrhunderten fanden immer wieder Kriege, Verschleppung und Verwüstungen statt. Meistens waren die Israeliten die ohnmächtigen Opfer. Die Menschen fragten sich, wo denn die göttliche Gerechtigkeit bleibe.

In vielen alttestamentlichen Psalmen wird Gott angefleht, das erlittene Unrecht zu rächen und sich als Gott der Vergeltung zu erweisen. Die Menschen, die so beten, tun dies in Situationen tiefster Erniedrigung und Ohnmacht. Sie schreien verzweifelt um ein Ende der Gewalt, und ihre Rachewünsche sind als Protest, Anklage und Hilfeschrei zu hören. Wir wissen aus der Traumatherapie, dass solche Rachewünsche zugelassen werden sollten, sie sind heilsam. Entscheidend ist: Die Beter legen die Rache in Gottes Hand; allein Gott ist es vorbehalten, die Täter und Täterinnen zur Verantwortung zu ziehen. Anders als in unserem Sprachgebrauch bedeutet das Wort nakam in den hebräischen Texten kein affektgeladenes, außergerichtliches Tun, sondern ist als Ahndung eines Schadens im Bereich des Rechts und der Gerechtigkeit zu verstehen.  Manche Bibelausgaben haben dazu gute Erklärungen, wie beispielsweise die „Bibel in gerechter Sprache“.

Wenn also wieder ein Antisemit vom „jüdischen oder alttestamentarischen (!) Rachegott“ schimpft, widersprechen Sie! Sie wissen es jetzt besser.

Als ich einmal in einer Bibelstunde lehrte, dass im Alten Testament das Wort “Gerechtigkeit“ öfter vorkommt als das Wort „Gott“, stand ein Unternehmer auf und erzählte, wie er zweimal von israelischen Geschäftspartnern betrogen worden sei. Für ihn stand fest: Juden sind geborene Gauner. Ich fragte, ob ihm das bei Christen noch nie passiert sei. „Doch, ja schon, aber die Juden…“ Natürlich sind sie nicht alle bessere Menschen. Aber es ist ihnen in der Tora gesagt, was gut ist. Deswegen müssen wir sie nicht idealisieren. Ob die göttlichen Gebote gehalten werden, ist eine Frage, die auch wir Christen uns selber  immer stellen müssen.

Es gibt in diesem Kapitel 35  noch  wunderbare Bilder, die erst den Juden und dann den Christen geholfen haben, schlimme Durststrecken zu überwinden. Sie tragen zur Humanisierung der Welt bei. Freilich gibt es davor ein Kapitel 34, in dem von einem „Schlachtfest Gottes“ an den Edomitern erzählt wird. Gegen solche Texte muss man kräftig predigen, bevor sie Fundamentalisten in die Hände fallen.

 

 

Die Kirche und ihr Geld

Die Pfarrpensionäre (wie auch ich) verbrauchen die Zukunftsmöglichkeiten der jungen kirchlichen Mitarbeiter. So sehr ich mein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ab dem 65. Lebensjahr genieße, so fragwürdig finde ich zunehmend das Beamtentum in unserer Kirche. Es muss zumindest einmal in Frage gestellt werden. Ein solches System gibt es in anderen Kirchen der Welt nicht.

Unsere württembergische Landeskirche hat gerade ihre Herbstsitzung beendet. Man kann die Beratungen heutzutage im Internet verfolgen und muss seine Zeit nicht mehr auf der Empore vertun. Die wichtigste Aufgabe des Kirchenparlaments ist die Regelung der Finanzen und der Haushaltsplan.

Der verantwortliche Finanzdezernent Kastrup verwies auf der Synode auf den hohen Fixkostenanteil dieser Landeskirche, der vor allem durch einen kostenintensiven Immobilienstand und einen „ausgesprochen hohen Personalkostenanteil“ geprägt sei. Der Pfarrdienst mache derzeit die Hälfte des landeskirchlichen Haushalts aus. Ein Posten, der trotz des Rückgangs aktiver Pfarrerinnen und Pfarrer weiter deutlich steigen werde, weil die Gesamtzahl der zu finanzierenden Personen im Pfarrdienst durch die personenstarken Jahrgänge, die in den Ruhestand gehen, lange Zeit „mindestens stabil“ bleibe. Um die Deckungslücke im Pfarrdienst zu schließen, müsse in den nächsten zehn Jahren eine weitere Milliarde in die Versorgungsabsicherung investiert werden.

Der Vorsitzende des Finanzausschusses, Michael Fritz, sprach von einem „Haushalt, der sehr solide gebaut ist“. Besonderes Augenmerk legte Fritz  auf die Beiträge zu den Versorgungskassen, insbesondere die der Pfarrerinnen und Pfarrer. Allein der laufende Beitrag an die Evangelische Ruhegehaltskasse steige von 2018 auf 2019 um 10,5 Prozent, was einen Mehraufwand von sechs Millionen Euro verursache. „Wir haben bald ein Beitragsniveau von 60 Millionen Euro pro Jahr erreicht und weitere etwa zehnprozentige Steigerungen sind für die Jahre 2020 und 2021 angekündigt“, so Fritz. Oberstes Ziel müsse es sein, auch kommenden Generationen Gestaltungsspielräume zu erhalten.

Obwohl derzeit die Kirchensteuern noch sprudeln, werden aus berechtigter Angst vor künftigen Verpflichtungen laufend Pfarrstellen gestrichen oder halbiert.

Es wäre zumindest zu überlegen, ob PfarrerInnen, die dies wollen und können, nicht über die bisherige Pensionsgrenze hinaus beschäftigt werden sollen. In den USA habe ich ein Senior-Junior-Modell kennengelernt, in dem älteren und jüngere Kollegen zusammenarbeiten. Sicherlich mag ein Senior nicht mehr unbedingt pubertierende Konfirmanden oder eine 9. Klasse unterrichten, aber seine Predigten sind vielleicht durch mehr Lebenserfahrung besonders interessant. Da geschäftsführende Pfarrer kaum noch Besuche machen können, wären  auch spezielle Seelsorge-Aufträge denkbar.

Natürlich kann man als Pfarrer i.R. (in Rufweite) jederzeit ehrenamtlich tätig werden. Viele tun das auch. Ein regelrechter kirchlicher Auftrag wäre aber angebracht und könnte beim künftigen Pfarrermangel die jüngeren entlasten.

Weiteres unter https://www.elk-wue.de/#layer=/wir/landessynode/sitzungen-der-landessynode/herbsttagung-2018.

 

Gescheiterte Integration?

„Die Wirtschaft und ihre exportorientierten Interessen, der Sozialstaat und seine Profiteure, die Kirchen und ihre Privilegien, die Islamverbände und ihre Agenda wehren sich gegen ein umfassendes Integrationskonzept.“

Das ist eine These aus dem neuen Buch „Integration“ von Hamed Abdel-Samad, das ich im politischen Gesprächskreis der Rottenburger Stadtbibliothek vorstelle. Der Autor wird nicht nur von Muslimen angegriffen, sondern ärgert auch linksliberale Zeitgenossen, die ihren Traum von der multikulturellen Gesellschaft nicht stören lassen wollen. Ich aber schätze seine der europäischen Aufklärung verpflichteten Position, die er schon in seinen Büchern über Mohammed und den Koran dargelegt hat.

Abdel-Samad ist 1972 in Gizeh bei Kairo als Sohn eines Imams geboren und 1995 nach Deutschland gekommen.  Er hat Islamwissenschaft und Politologie studiert, aber auch über jüdische Geschichte gearbeitet. Mehrere islamische Geistliche haben 2013 zu seiner Ermordung aufgerufen, weil er den Islam mit dem Faschismus verglich. Weil die Sicherheitsbehörden von einer realen Gefahr ausgehen, wird Abdel-Samad seither rund um die Uhr beschützt.

Auf den ersten etwa 230 Seiten breitet der Journalist seine Diagnose aus, die schon der Untertitel zusammenfasst: „Ein Protokoll des Scheiterns“. Er kennt zwar auch Integrationserfolge, aber insbesondere in islamischen Kreisen sieht  er Deutschland bedroht von Integrationsverweigerern.

Der Autor beschreibt seine persönliche Integration, die zu der Erkenntnis  führt: „Das islamische Wertesystem und das westliche Wertesystem passen einfach nicht zusammen.“ In Teilen würden sich beide System sogar ausschließen.

Er listet auf, was wo alles schiefläuft bei der Integration der muslimischen Einwanderer: Bildungsverweigerung, mangelnde Wertevermittlung, Ausgrenzung, Politisierung des Islam, Anspruchsmentalität, „Naivität der Politiker“, Fehlen einer offenen Streitkultur.

So kritisiert er die unzähligen Studien zu Migration und Integration, unter denen sich jeder das Passende aussuchen könne. Der Autor bevorzugt deshalb das unmittelbare Gespräch mit Migranten, um der Wahrheit näherzukommen. Allerdings trifft er vor allem Migranten, die seinen Befund stützen.

„Leider hat sich unter den Muslimen noch kein Gegenkollektiv gebildet, das Freiheit nicht nur toleriert, sondern auch zelebriert. Der freie Muslim ist nach wie vor ein Einzelkämpfer, der nicht nur für seine Freiheit kämpfen, sondern sich dafür bei vielen sogar entschuldigen muss.“

Seine These des Scheiterns stützt er auch durch diverse Reisen. Er erzählt, dass er Migrantenviertel in Paris, Marseille, Brüssel, Amsterdam, Aarhus, Kopenhagen, Malmö, Bonn und Berlin besucht habe: „Nicht überall konnte ich unbeschwert spazieren gehen, in vielen dieser Orte gibt es No-go-Areas, vor denen die Polizei mich gewarnt hat.“

Sein  Appell: „Wenn wir uns genauso vehement für unsere Werte einsetzen würden wie die Intoleranten für ihre, könnten wir die Demokratie noch retten.“ Die „Zivilisation“ sei durch intolerante Muslime gefährdet, die „Zersetzungstendenzen“ seien „weit fortgeschritten“. Und er zieht noch eine Parallele zur dunkelsten Vergangenheit: Damals die schweigende Mehrheit der Deutschen zwischen 1933 und 1945, heute die schweigende Mehrheit der friedlichen Muslime, die nichts zum heutigen Terror sage.

Er stellt berechtigte Fragen und weist auf Widersprüche im politischen Spektrum hin. Wenn er kritisiert, dass Politik und Teile der Gesellschaft Migranten zwar förderten, aber zu wenig fordern, weil man das für Diskriminierung halte. „Ich nenne das ,Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung'“, weil „diese Leute“ Migranten in ihrer „Opferhaltung“ bestätigten. Überhaupt dürfe man den Rassismus nicht vorschnell verantwortlich machen für Defizite auf Seiten von Muslimen. Oft liege etwa eine Jobabsage am fehlerhaften Deutsch der Migranten.

„Millionen von Migranten haben sich durch eigene Kraft und ohne staatliche Maßnahmen in dieses Land integriert. Auch Muslime! Gelungen ist aber nur ihr individuelles Ankommen, gescheitert der Versuch, Muslime als Kollektiv zu integrieren. Konservative Kräfte bestimmen heute das Bild vom Islam. Der Staat, indem er die Islamverbände förderte, hat Integrationsgegner zu Wächtern des Integrationsprozesses gemacht – und so das Glaubenskollektiv gestärkt, nicht den Einzelnen.“

Integration ist keine Einbahnstraße, beide Seiten müssen etwas dafür tun – und beide müssen es wollen. Aufseiten der Migranten setzt Integration Widerstand gegen muslimische Einflüsse voraus. „Wer sich in eine freie Gesellschaft integrieren will, muss sich weigern, Teil von unfreien Strukturen zu bleiben. Dazu braucht er Entscheidungsfreiheit. Eine patriarchale Kultur, die auf Ehre und Gehorsam setzt, räumt dem Einzelnen keine Freiheit ein. Die Mainstream-Theologie des Islams zwingt Muslime, sich entweder als Muslime oder als Europäer zu definieren. Deutschland muss sich endlich gegen diese Theologie und dieses Patriarchat abgrenzen. Zwischen Freiheit und Unfreiheit gibt es keinen Mittelweg.“

Besonders verurteilt er die Islam-Verbände, die vor allem die Gleichstellung mit den Kirchen anstreben und dafür „Kreide fressen“. Diese sieht er durch die üblichen „Dialoge“ als Komplizen, um eigene Privilegien zu verteidigen. Der konfessionell-getrennte Religionsunterricht beispielsweise erschwere die Integration und solle durch einen gemeinsamen Ethik-Unterricht ersetzt werden.

Tatsächlich kann ich aufgrund meiner eigenen Dialog-Tätigkeit bestätigen, dass kritische Beiträge meistens beleidigt abgewiesen wurden und man sich gern in einer gewissen Opferrolle gefiel. Muslimische Vertreter suchten immer Unterstützung für ihre Anliegen, waren aber nicht an einer selbstkritischen Debatte etwa zur Frage der Gewalt interessiert.

Als ehemaliges Mitglied der Islam-Konferenz weiß der Autor, dass auch dort keine kritische Debatte stattfindet, sondern die konservativen Verbände nur das Interesse hätten, an staatliche Gelder und Anerkennung zu kommen. Dabei seien sie noch immer aus dem Ausland gesteuert.

Auf den letzten 30 Seiten skizziert Abdel-Samad einen „Marshallplan“ für gelingende Integration. Mag auch diese historische Parallele falsch sein: Würde der Forderungskatalog (an Staat, Justiz, Polizei, Wirtschaft, Schule Zivilgesellschaft u.a.) umgesetzt, das Land käme schneller ans Ziel eines toleranten und freiheitlichen Miteinanders. Er will alle relevanten Akteure in die Pflicht nehmen, nicht zuletzt auch die Kirchen. Sie sollten der Versuchung widerstehen, sozusagen eine Koalition der Religiösen gegen die Säkularen einzugehen.  Dazu zitiert er zustimmend Nikolai Frederik Severin  Grundtvig, dänischer Pfarrer und Philosoph: „Sei zuerst Mensch, dann Christ.“

Hamed Abdel-Samad: Integration. Ein Protokoll des Scheiterns. Droemer Knaur München 2018, 272 Seiten, 19,99 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

40 Jahre AK Orthodoxie

Ungewöhnliche Männerstimmen erschallen am Freitag in der Stuttgarter Diakonissenanstalt. Orthodoxe Würdenträger singen einen Lobpreis. Sie sind wie ich Gäste bei einer Feier zum 40. Jubiläum des „Arbeitskreises Orthodoxe Kirchen“ (AKO) der württembergischen Landeskirche. Auf deutsch klingt der Lobgesang etwas seltsam, vor allem die zwölfmalige Wiederholung des „Kyrie eleison“. Die  eigentlich vorgesehene vierzigmalige (!) Wiederholung beim Schlussgebet erlässt uns der Liturg gnädiglich.

Dann folgen etliche Rückblicke der noch lebenden Gründungsmitglieder des AKO. Viele von ihnen haben orthodoxe Theologie studiert oder im Austausch in „orthodoxen Ländern“ gearbeitet.

Von ihnen habe ich während meiner vierzehnjährigen Mitarbeit als Studienleiter für Ökumene viel gelernt. Allerdings haben mich im Sinne der Ausrichtung unserer Evangelischen Akademie Bad Boll vor allem die politischen und sozialen Fragen interessiert. Die meisten orthodoxen Kirchen sind nun einmal politisch konservativ bis reaktionär. Höhepunkt war  sicherlich unsere gemeinsame Studienreise in die Ukraine. Gerade dort aber bekam ich einen Eindruck von den internen harten Auseinandersetzungen der verschiedenen orthodoxen Kirchen. Diese fanden oftmals eine Bestätigung durch Reisen nach Armenien, Georgien, Russland, Serbien, Rumänien, Türkei und Griechenland. Nicht zu vergessen der Nahe Osten. Dennoch habe ich mich in unzähligen Tagungen um „Brückenbau“ bemüht. Wer von orthodoxer Seite daran teilnahm, war meistens dialogisch orientiert. Die durchaus mehrheitlich vorhandenen dogmatischen „Betonköpfe“, die uns Protestanten als Ketzer ablehnen, habe ich nur indirekt kennengelernt. Für jene ist Ökumene ein Schimpfwort.

Grundsätzlich kam ich natürlich an der nun einmal bestehenden Hierarchie nicht vorbei und musste mich oft diplomatisch schier verbiegen. Viel angenehmer war das Gespräch mit einfachen Christen ohne Amt und – für mich überraschend – mit orthodoxen Frauen. (Die bei der Feier des AKO leider keine Stimme hatten.) Was manche Äbtissin in sozialer Hinsicht mit ihrem Kloster leistet, wird viel zu wenig gesehen.

In einem Kloster, dem von  Niederaltaich, das den byzantinischen Ritus pflegt, habe ich meine beste orthodoxe Schulung bekommen. Der leider verstorbene Pater Irenäus nahm den 68iger Protestanten scharf ins Gebet: d. h. die volle  kirchenslavische Litanei jeden Morgen früh auf nüchternem Magen. Ich gestehe: der  Gesang kann einen süchtig machen. Eigentlich wollte ich mein Examen vorbereiten, nahm aber stattdessen ein kleines Sonderstudium auf.

Damals musste man sonst in fremde Länder reisen, um die Orthodoxie kennenzulernen. Mittlerweile leben durch  die Migration orthodoxe Christen neben uns. Das war denn auch ein ständiges Thema unseres  Arbeitskreises. Erst als Gäste, nun als Partner treten sie selbstbewusst auf. Manche haben sich auf die moderne westliche Welt eingelassen und lernen schnell. Man merkte an den Beiträgen von Metropolit Augoustinos oder Pfr. Dr. Sardaryan und diversen Grußworten, dass sie nicht nur die deutsche Sprache beherrschen, sondern auch den deutschen Protestantismus wertschätzen .

Unser Landesbischof July hat recht, wenn er in seinem Beitrag betonte, dass in einer konfliktreichen Welt das kirchliche Modell der „versöhnten Verschiedenheit“ für Europa beispielhaft sein könne. Er vertritt ja die Evangelische Kirche in diversen internationalen Gremien. Ich habe ihn ermuntert, davon doch mehr zu erzählen. Auch durch Twitter und Facebook. Die Leute kriegen sonst ja nichts mehr mit. Die Zeitungen berichten über kirchliche Thesen immer seltener und schlechter. Manche Journalisten können kaum evangelisch und katholisch unterscheiden, geschweige denn dass sie eine Ahnung von der Orthodoxie haben.

Manchmal allerdings ist es gut, wenn keine Journalisten dabei sind. Bei  einer Tauffeier jüngst in Tübingen schickte der orthodoxe Priester brüskierend die Mutter wieder weg, weil sie geschminkt war. Seine Worte vor der schockierten Gemeinde: „Das schickt sich nicht im Heiligtum Gottes.“

Friedensdekade 2018

Die kirchliche Mitwirkung am Volkstrauertag ist eine Relikt des Bündnisses von „Thron und Altar“. Ich bin froh, dass ich daran als Pfarrer nicht mehr mitwirken muss. Denn die übliche Liturgie auf den Friedhöfen lässt kaum die Freiheit zu sagen, was gegen den Krieg gesagt und getan werden muss. Ich habe darum schon als Vikar 1975 in unserer Gemeinde die „Friedenswoche“ eingeführt, die nach der Wiedervereinigung aufgrund der Erfahrungen der ostdeutschen Christen zur Friedensdekade geworden ist. Ihre Veranstaltungen bieten den Rahmen, um sachgemäß die unterschiedlichsten Facetten der Friedensarbeit zu besprechen. Ich freue mich, dass immer mehr daran teilnehmen und die EKD hervorragendes Vorbereitungsmaterial zur Verfügung stellt.

Natürlich ist die Teilnahme selektiv. Manche begnügen sich mit einem Gottesdienst oder musikalischen Beiträgen, andere (wohl eher weniger) organisieren theologische und politische Veranstaltungen, in denen notwendige Auseinandersetzungen zivilisiert ausgetragen werden können.

Der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Renke Brahms, hat aus Anlass der Ökumenischen FriedensDekade vor den Gefahren einer zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung kriegerischer Waffen gewarnt. „Es ist höchste Zeit, dass es möglichst bald zu einer internationalen Ächtung automatischer Waffensysteme kommt“, betont Renke Brahms. Er sieht sich dabei in Übereinstimmung mit IT-Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Bereich künstliche Intelligenz, die bereits im August vergangenen Jahres in einem Schreiben an die UN ein Verbot von Killerrobotern gefordert haben. „Und auch Nichtregierungsorganisationen haben deren Verbot gefordert. Hier muss die Staatengemeinschaft reagieren“, so der Theologe.  „Die Digitalisierung macht uns auch in unserem Alltag angreifbar. Darauf muss die Politik antworten und sich verteidigen, aber dies kann nicht automatisch eine Sache des Militärs sein“. Und mit Blick auf das Motto der diesjährigen Friedensdekade betont der EKD-Friedensbeauftragte: „Unsere Antwort auf einen Krieg 3.0 muss Frieden 3.0 sein. Dazu gehört der klare Vorrang für Zivil und Prävention.“

Die Bundesregierung sieht das anders wie ihre Finanzplanung beweist: Die sieht bis 2022 eine massive Erhöhung der Verteidigungsausgaben vor, während die Mittel für Frieden und Entwicklung stagnieren oder sogar sinken sollen.
Das ist geplant: Der Etat des Verteidigungsministeriums steigt 2019 um 11 Prozent auf insgesamt 42,9 Milliarden Euro. Beim Etat für Entwicklungszusammenarbeit fällt das Wachstum mit 3 Prozent auf insgesamt 9,7 Milliarden Euro wesentlich bescheidener aus. Laut der im Mai veröffentlichten Planung für die Folgejahre soll der Entwicklungsetat ab 2020 sogar sinken!

Unsere Kritik: Investitionen in Entwicklung, zivile Krisenprävention und Friedensförderung
sparen langfristig Kosten, wirken nachhaltig und schaffen notwendige Lebensgrundlagen für kommende Generationen. Dennoch haben sie im Bundehaushalt keine Priorität. Investitionen in militärische Verteidigung aber geben keine Antworten auf drängende Zukunftsfragen.

(Nach einer Information von ORL-Informationen 166). Ich habe mich darum an der Briefaktion „Zivil ist MehrWert“ beteiligt. http://www.ohne-ruestung-leben.de.

Tränen und Trotz

Im Deutschen Institut für Ärztliche Mission Tübingen werden wir ständig mit unvorstellbarem Leid konfrontiert. Es kommt nicht nur durch Medien zu uns, die man notfalls abstellen kann, sondern durch persönliche Kontakte in alle Welt.

Wenn ich höre, dass die Ebola-Seuche im Kongo fast schon besiegt war, aber nun die marodierenden Banden gezielt Krankenstationen angreifen, dann steigen in mir Tränen der Wut und des Trotzes auf. Und wir fragen mit Recht, warum die UN-Soldaten nur zugucken  und nicht eingreifen, um vor allem die geschändeten Frauen zu schützen.

In dieser Lage lese ich Losung und Lehrtext für Samstag, den 17. November 2018:

Die Tage deiner Trauer werden ein Ende haben. Jesaja 60,20

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.  Offenbarung 7,17

Der erste Vers ist zunächst Menschen gesagt, die im Exil auf ihre Rückkehr hoffen. Eine prophetische Vision macht Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse. Sie ist wohl aufgeschrieben worden, weil sie Wirklichkeit geworden ist. Die Juden konnten aus der “babylonischen Gefangenschaft“ heimkehren.

Aber sie mussten in ihrer Geschichte bis auf den heutigen Tag immer wieder erleben, dass ihre Existenz nicht gesichert war. Wie es scheint, hören die Kriege unter den Menschen nicht auf, auch gegenwärtig nicht. So ist der Satz aus der Offenbarung wohl ein Blick über unsere Zeit hinaus. Ein Blick, der uns aber befähigt, die Herausforderungen unserer  Zeit zu bestehen.

Gerade die Geschichte der christlichen Mission ist eine Beispielsammlung von Menschen, die ihrer Zeit voraus waren.

Ich erinnere an David Zeisberger, dessen Todestag heute ist. David wer? Zeisberger war ein Flüchtlingskind. Seine Eltern mussten 1726 mit dem fünfjährigen Sohn wegen religiöser Verfolgung aus Mähren (heute Tschechien) fliehen. Sie wurden vom Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine  Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf aufgenommen. 1735 kaufte er Land für die Missionsarbeit in der damals britischen Kolonie von Georgia (heute USA). Davids Eltern gehörten zu den ersten Siedlern, ließen aber den Sohn zur Schulausbildung in Deutschland zurück. Erst drei Jahre später  durfte der besonders sprachbegabte Schüler zu seinen Eltern nachreisen. Er lernte die Indianer-Sprache der Creek. Das war der Beginn seiner 62-jährigen Missionstätigkeit unter den Indianern. Er lernte und erforschte weitere Indianer-Sprachen und kümmerte sich um die Angehörigen der von der Ostküste vertriebenen Stämme.

Zeisbergers Beziehungen zu den britischen Behörden verschlechterten sich im Verlauf des Unabhängigkeitskriegs zusehends, weil er sich auf die Seite der Indianer stellte und für deren Rechte eintrat. Die von ihm gegründeten und betreuten christlichen Indianer-Gemeinden vertraten einen konsequenten Pazifismus, den sie mit der Ausrottung ganzer Dörfer bezahlen mussten. Der „Apostel der Indianer“ publizierte Grammatiken und Wörterbücher, Kulturgeschichte und Predigten. Seinen Lebensabend verbrachte er bei christlichen Indianern in Ohio. Dort starb er hochangesehen am 17.11.1808. Die amerikanische „Moravian Church“ gehört zu den bedeutenden „Provinzen“ der  weltweiten Brüder-Unität, bei uns bekannt als Herrnhuter Brüdergemeine.

An ihm erfüllte sich das Psalmwort (126,5) „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“

(Nach einer Andacht im Verwaltungsrat des Deutschen Instituts für ärztliche Mission.)