Zum Tod von Liu Xiaobo

An jenem besonders heißen Juli-Tag in Peking schlendern wir mit gefühlt tausenden chinesischen Touristen über den „Platz des Himmelsfrieden“ „Tian’anmen“. Hinter uns ruht Mao (oder eine Kopie der Leiche?) in seinem Mausoleum. Heute ist es geschlossen. In der Mitte feiert ein Denkmal die „Volkshelden“, darunter die Studenten des Pekinger Aufstands von 1919. Kein Hinweis indessen erinnert an die Toten der friedlichen Demonstration von 1989. Nur die vielen Militärs, die überall wie Zinnsoldaten Wache halten, von den uniformierten und nichtuniformierten Polizisten ganz zu schweigen, weisen auf die Nervosität der Regierung hin. Hier soll künftig nichts mehr anbrennen.

Aus aktuell-traurigem Anlass – der Tod von Liu Xiaobo – lese ich noch einmal die mich tief berührende Biografie von Bei Ling „Der Freiheit geopfert“ Riva Verlag München 2010. (Hoffentlich gibt es eine Neuauflage mit Ergänzung der letzten sieben Jahre!) Er schreibt ausführlich über die dramatischen Geschehnisse 1989. Am 4. Juni hatte Liu wesentlich durch seinen Pazifismus dazu beigetragen, dass auf dem Platz selbst kein Menschen zu Schaden kam. Er konnte das Militär dazu überreden, die Demonstranten abziehen zu lassen, und die Studenten in letzter Minute dazu bringen, tatsächlich den Platz zu räumen. Nach der Niederschlagung wurde Liu dennoch als einer der Rädelsführer verhaftet. Nach eineinhalb Jahren in Haft schrieb er ein Schuldbekenntnis, das er später bitter bereute. Liu hatte für dieses Selbstbezichtigungspamphlet alle linientreuen Hetzartikel über sich gelesen und daraus eine Totalanklage formuliert. Er schämte sich, das Massaker nur aufgrund seines Ruhms überlebt zuhaben, während viele namenlose Demonstranten gestorben sind, so wie der Schüler Jiang Jielian, der an einer U-Bahnstation zusammen mit 35 anderen Menschen erschossen worden war. Nach seiner Freilassung freundete Liu sich mit den Eltern des Jungen an, dem er ein Gedicht widmete. In dessen Vorwort heißt es: „Gegenüber der Seele eines jungen Toten ist mein Überleben ein Verbrechen. Dass ich dir ein Gedicht schreibe, ist für mich beschämend. Die Lebenden sollen still sein und die Toten sprechen lassen.“

Liu setzte sich dafür ein, dass die „Mütter des Tian’anmen-Platzes“, die Vereinigung der Hinterbliebenen, für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird, und widmete seinen eigenen Preis den Opfern des Massakers. Er publizierte zu jedem Jahrestag  Texte, die so scharf, so unerbittlich mit sich selbst, mit der Regierung und mit all den prahlend selbstgefälligen Demonstrationsveteranen ins Gericht gingen, dass er sich zum einen in der Dissidentenszene viele Feinde machte und zum anderen zu drei Jahren Umerziehungslager verurteilt wurde: Bohnen sortieren, Tag für Tag, bei möglichst schlechtem Licht, um seine Augen zu zerstören.

Abend für Abend schrieb er in diesem Lager für seine Frau Gedichte, wobei die Staatssicherheit die meisten dieser Texte vernichtete. Ein Dreizeiler, der überlebt hat, lautet: „Bevor deine Asche im Grab versinkt, schreib mir damit einen Brief und vergiss deine Anschrift im Jenseits nicht.“

Tatsächlich hat nun das Regime seine Asche im Meer verstreut, damit kein Ort des Gedenkens zu finden ist. Doch: Man kann Blumen am „Denkmal der Volkshelden“ niederlegen und an die von 1989 denken.

Kann man sich heute noch solchen Widerstand vorstellen? Mancher kriminelle Akt, aber auch jegliche politische Subversion werden in China zusehends unmöglich, so David Bandurski in der heutigen taz über Gesichtserkennungssoftware und Verknüpfung von Datenbanken: „China ist in vieler Hinsicht führend darin, Big Data und intelligente Maschinen im Feld der Strafverfolgung und Sozialkontrolle anzuwenden… Örtliche Polizeistationen können in China nicht nur auf Überwachungskameras in Wohngebieten und an anderen Orten zugreifen. Sie können sich zudem in die nationalen Melderegister einloggen – und diese werden dann unverzüglich mit Daten über Fahrkarten- und andere Einkäufe verknüpft, für die man in China seinen Ausweis zeigen muss.“ Wer immer sein Smartphone einsetzt, ist schon überwacht.

Im Reich der Gegensätze

Unsere Zeit in China geht zu Ende. Mit vielen widersprüchlichen Erfahrungen und Beobachtungen kehren wir heim. 90 Seiten Tagebuch und andere Bücher warten auf die Auswertung. Eines, das meine Gefühle gut ausdrückt, ist das Buch der Olympiasiegerin 2008  im Fechten Britta Heidemann „Willkommen im Reich der Gegensätze: China hautnah.“ ( Bastei Lübbe, Köln 2014). Sie spricht nicht nur seit ihrer Schulzeit perfekt chinesisch, sondern hat auch ein Studium der „Regionalwissenschaften China“ absolviert. Ihre Diplomarbeit befasst sich mit der Entwicklung alternativer Energien in China. Seitdem berät sie deutsche Firmen und Politiker. Sie beschreibt das Land und seine Menschen mit unerschütterlicher Sympathie. Das ist heilsam angesichts des „china bashing“ vieler Journalisten und Expats , das oft genug auch seine Berechtigung hat.

„In Peking merkt der westliche Besucher an jeder Ecke: Chinesen ticken einfach anders. Ein Verkehrsunfall wird dort zur munteren Diskussionsrunde, an der sich Passanten rege beteiligen, die Wartenden an der Bushaltestelle sind allesamt in Tiefschlaf gefallen, und im Park halten sich Rentner mit Tanzen und Tai-Chi fit. Diese Andersartigkeit genießt Britta Heidemann immer wieder, und sie lädt uns ein, sie bei einem Spaziergang vom alten ins neue China zu begleiten, von den traditionellen Palästen und engen Gassen hin zu modernen Einkaufstempeln und glitzernden Hochhäusern der modernen Metropole. Dabei öffnet sie uns die Augen für den chinesischen Alltag, erklärt die Hintergründe oft seltsam anmutender Verhaltensweisen und bringt uns so eine Kultur näher, mit der uns viel mehr verbindet, als wir oft denken.“

Am letzten Sonntag in Peking  gehen wir nach all den Besichtigungen buddhistischer und daoistischer Tempel in einen christlichen Gottesdienst. Die deutschsprachige Gemeinde macht Urlaub. https://www.d-cip.com/

Wir können in einen englischsprachigen der Gemeinde Haidian  fahren. Die „Beijing Haidian Christian Church“ hat einen eindrucksvollen Internetauftritt.  Aber sie liegt am andern Ende der Stadt. http://english.hdchurch.org.

So entscheiden wir uns für die „Beijing International Christian Fellowship“ – Gemeinde, die wir zu Fuß erreichen können. Die Kirche unterhält neunzehn (registrierte) Gemeinden in der Stadt. Sie begann 1980 mit zehn Mitgliedern und hat heute nach eigenen Angaben über 3000. http://www.bicf.org/

Der Gottesdienst findet nicht in einem klassischen Kirchenraum statt, sondern in einer riesigen Kongresshalle. Am Eingang sind Kontrollen. Wieder einmal genügt unser Gesicht als Pass, die Chinesen müssen ihren Ausweis zeigen. Auf der Bühne agiert eine Popband und „heizt“ die religiöse Stimmung schon mal kräftig an. Ich komme mir vor wie in einer amerikanischen Megachurch. Es sind eher junge Leute, aber hinter uns kommen auch Eltern mit ihren Kindern. Eingangs wird auf die  Angebote der Kirche aufmerksam gemacht. Irgendwo ist ein Sommercamp, wo man seine Teenager hinschicken kann. Dann wechseln Gesänge und Gebete, persönliche Bekenntnisse und gegenseitige Begrüßungen. Die internationale, eher westliche Teilnehmerschar geht leidenschaftlich mit. Die junge Chinesin neben mir ist eher verhalten. Höhepunkt ist die Predigt eines amerikanischen Mennoniten. Er spricht angenehm vernünftig und durchaus humorvoll über den klassischen Missionstext aus der Apostelgeschichte Kapitel 17 „Paulus in Athen“. Die Zitate und manche Kernsätze werden an die Bühnenwand projiziert. Es geht um die Akzeptanz der jeweiligen lokalen Kultur, aber auch ihre Verwandlung durch die Begegnung mit Christus. Wie Paulus den „unbekannten Gott der Athener“ aufnahm, so „können wir an die kulturellen Gegebenheiten des Landes  anknüpfen“. Seine Anspielungen auf die Gegenwart verstehen wohl alle. Er muss nicht konkreter werden. Immer eindrucksvoll ist natürlich eine massive Bekehrung aus dem „Missionsfeld“. In diesem Fall  ist es das „Peacechild“ Jesus in Papua-Guinea. Mit weiterer Lobpreisung und Anbetung geht der Gottesdienst zu Ende.  Anschließend trifft man sich zum Kaffee im Foyer. Dort kann man Bücher kaufen, weitere Informationen erhalten oder sich als Mitglied eintragen und in kleineren Gemeinschaften verabreden.

Wir treffen uns mit unserm evangelischen Kollegen und seiner Frau zu einem Abschiedsessen. Bei herrlichen „dumplings“, die entfernt an schwäbische Maultaschen erinnern, tauschen wir noch einmal unsere Erfahrungen aus. Die beiden werden Anfang August in Wittenberg beim „Gasthaus Ökumene“ der EKD-Auslandsarbeit über  ihre China-Erfahrungen sprechen und diskutieren.

https://r2017.org/nc/weltausstellung/programm/kalender/

Chinas „Harmonie“

China möchte eine „harmonische Gesellschaft“ aufbauen. Man könnte meinen, „KPC“ heiße nicht „Kommunistische Partei“, sondern „Konfuzianische Partei Chinas“. Aber das täuscht. Der angeblich konfuzianische Begriff „Harmonie“ passt einer autoritären Regierung nur allzu gut, um jegliche Opposition als Störung zu brandmarken.

Tatsächlich ist ja schon der Konfuzianismus der Kaiserzeit eine massive Veränderung der ursprünglichen Lehren des „Meister Kong“ gewesen und wohl aus guten Gründen mit der bürgerlichen Revolution 1911 beseitigt worden. Während der Kulturrevolution  wurde Konfuzius als nutzloser und reaktionärer Denker verunglimpft, seine Statuen zerstört und die Tempel geplündert. Heute wird er vorsichtig rehabilitiert und zumindest dem Ausland gern präsentiert. Die chinesischen Kulturinstitute, die die Volksrepublik in aller Welt aufbaut, tragen seinen Namen.

Es wundert mich darum nicht, dass sein Tempel in Peking wieder schön restauriert ist. Seine heutige Gestalt erhielt er erst 1906 als die untergehende Qing-Dynastie glaubte, durch die Aufwertung des Konfuziuskultes  den christlichen Einfluss abwehren zu können. Ich gehe gern dorthin, weil ihn die meisten Touristen langweilig finden und deswegen meiden. So hat man eine meditative Stille für sich allein.

Das erste, was man sieht, sind rot gestrichene Pavillons, die kaiserliche Stelen schützen. Das Tier, das sie trägt, sieht aus wie eine Schildkröte, ist aber eigentlich einer der neun Drachensöhne und heißt Bixi. 198 Stelen verzeichnen die Namen von 15624 Jinshi, den Absolventen der laiserlichen Staatsprüfung. Natürlich gibt es eine prominente Statue des Meisters selbst. Die Haupthalle heißt „Große Vervollkommnung“. Dort bezeugte der Kaiser dem Meister seinen Respekt. Die Verehrung des Großen Meisters galt ab dem 2. Jahrhundert vor Christus als staatliche Aufgabe.

Heute schallen mir laute Reden entgegen. Sie kommen von einem wie ein Priester gekleideten Lehrer, der per Mikrofon ca. 200 Knirpse zur Ordnung ruft. Sie sind wie kleine Gelehrte gekleidet und sollen vor einem winzigen Schreibpult hockend erste Schriftzeichen üben. Aufgeregte Mütter greifen helfend ein und stolze Väter filmen das Geschehen mit ihrem Smartphone. Hier ist die Ruhe dahin. Es beweist aber, dass die Lehren des Konfuzius aktuell sind. „Lernen und es von Zeit zu Zeit wiederholen, ist das nicht eine Freude?“ Während man bei uns mit den Kindern vor der Schule spielt, lernen sie hier die ersten der über 5000 Schriftzeichen.

Ich gehe weiter in den hinteren Bereich des Tempels, wo ich weitere Klassenräume finde und einen Seitenflügel, in dem eine Kostprobe der Ritualmusik gegeben wird. Sie wird seit dem Altertum gepflegt und könnte als älteste Musik der Welt gelten. Daneben wird es wahrhaft voluminös. Auf 189 großen Stelen meißelte man 654000 Zeichen des konfuzianischen Kanons. Nachgezählt habe ich allerdings nicht.

Stattdessen gehe ich noch hinüber zur „kaiserlichen Akademie“, wo der Kaiser selber nach seiner Thronbesteigung eine Vorlesung gab, die einige tausend Gelehrte knieend (!) anzuhören hatten.

Wie verhält es sich nun aber mit der ständig beschworenen „Harmonie“?

Konfuzius bemerkt in seinen Gesprächen (Lunyu Kapitel XIII, Vers 23), dass der Edle und Weise den Einklang, aber nicht den Gleichklang suche. Der Edle ist friedfertig, macht sich aber nicht gemein, während der Unedle sich gemein macht und dabei nicht einmal friedfertig ist.

Das chinesische Einparteiensystem setzt keineswegs auf Pluralismus und Relativismus der Normen. Der Staat  mischt sich in alle Einzelheiten ein. So kann ich hier nicht einmal meinen eigenen Blog im Internet lesen. Die Kommunistische Partei Chinas  reagiert trotz wohlklingender Rhetorik auf Abweichungen notfalls mit Gewalt und Folter.

Unter dem Schlagwort der „Asiatischen Werte“ beanspruchen autoritär regierte Staaten ein eigenes Wertesystem, das sich von „westlichen Werten“ deutlich unterscheidet und zu weniger auf das Individuum bezogenen Menschenrechten führt. Der Sinologe Heiner Roetz, dem ich hier folge, macht klar, dass es weder historisch  noch aktuell ein asiatisches oder chinesisches Wertesystem gibt. „Harmonie“ bedeutet in China Aufgabe des Anspruchs auf universale Geltung der Menschenrechte. Kultur wird „zum wichtigsten Einfallstor einer normativen Beliebigkeit.“ (Heiner Roetz, Konfuzius, Beck Verlag 2006). Wenn es um Bewertungen geht, möchte ich lieber auf die Verlierer als auf die Gewinner des Systems hören.

PS: Nach unserer Reise lese ich Stefan Aust/Adrian Geiges „Mit Konfuzius zur Weltmacht“, Quadriga Verlag Berlin 2012. Es bestätigt meinen Eindruck. Allerdings ist die ständige Garnierung des Textes mit Konfuzius-Zitaten manchmal etwas bemüht. Völlig überflüssig finde ich die Polemik gegen die Kritiker des Stuttgarter Bahnhofsprojekts. Es ist ein Vorzug unserer Demokratie, dass nicht einfach über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden wird. Ziemlich ärgerlich ist die Polemik am Schluss S.225 : „An einen Gott, der alles sieht, alles kann und alle liebt, glauben immer weniger Menschen in einer modernen Welt.“ Den Autoren ist wohl entgangen, dass in China nicht nur Konfuzius ein „Comeback“ erlebt, sondern auch der christliche Glaube , der sich allerdings etwas differenzierter ausdrückt. Mit erheblicher Gewalt wird er leider eingeschränkt oder sogar unterdrückt. Die christliche Religion bietet nämlich ein Grundvertrauen, das durch moralische Appelle allein nicht erreicht werden kann.

 

Afrikaner in China

Schon in Changchun und jetzt erst recht in Peking fallen mir die vielen afrikanischen Studenten an den Universitäten auf. Anscheinend schreckt der asiatische Rassismus sie nicht mehr. Oft bilden sie wie zuhause eigene, eher charismatische Kirchengemeinden. Beamtete Pfarrer brauchen sie nicht. Sie sind – wie fast alle Christen in der nichteuropäischen Welt – gewohnt, ihre Religion selbst zu organisieren.

Eine besonders erstaunliche Persönlichkeit ist Samantha Sibanda aus Zimbabwe. Sie hat sich lange genug über antiafrikanische Vorurteile geärgert, sodass sie in China ein Netzwerk für Wertschätzung Afrikas ( Appreciate Africa Network) gegründet hat.

Ihr Lebenslauf ist atemberaubend: Aufgewachsen in Bulawayo fing sie dort an mit Angestellten eines Chinarestaurants Chinesisch zu lernen. Später belegte sie Kurse am Konfuzius-Institut der Universität Zimbabwe. Von dort wurde sie zu einem Studentenaustausch nach China eingeladen. In dieser Zeit begann sie einen eigenen Handel mit Textilien aus China für einen Laden zuhause. Zwei Jahre später schon zog sie nach Peking als Lehrerin, gab den Job aber auf als sie nur die Hälfte des Salärs ihrer weißen Kollegen bekam. Sie bemerkte auch, dass sie auf Werbematerial nicht vertreten sein durfte und manche Leute sie als Schwarze ablehnten. Nach einem weiteren Aufenthalt in einer spanischen Business School mit üblen rassistischen Erfahrungen und weiteren Studien in England kehrte sie mit etlichen Diplomen (z.B. in Psychologie) nach China zurück. Hier bemerkte sie, dass etliche Afrikaner ihre Herkunft schamvoll verleugnen und sich als Amerikaner ausgeben. Sie unterrichtet in interkulturellen Kursen, wobei sie vielen Landleuten erst einmal das Selbstwertgefühl stärken muss. „Wer sich selber nicht wertschätzt, wird diese nie von andern bekommen.“ So organisiert sie diese Woche den „Africa Asia Awards“, mit dem Leute ausgezeichnet werden, die antiafrikanische Stereotypen abbauen.

Ich finde zwar, dass sie ihre Lobeshymnen für China etwas übertreibt, muss ihr aber glauben, wenn sie sagt: „China hat mich dazu gebracht, mein Land mehr zu lieben als es zuhause der Fall gewesen wäre. Hier habe ich die Kraft gefunden aufzustehen und mutig zu sagen, wo ich herkomme.“

Viele Studenten bekommen Stipendien. Manche schlagen sich aber auch selber durch. So haben wir in einer christlichen Gemeinde für einen angehenden Mediziner gesammelt, damit er seine Examen nach vielen Jahren endlich abschließen kann. Er kam aus Kamerun und will dorthin zurückgehen.

Es ist bekannt, dass China sich verstärkt in Afrika wirtschaftlich engagiert. Die neue „Seidenstraßen-Initiative“ bezieht sich auch auf den afrikanischen Kontinent. Dabei versteckt China die eigenen Interessen nicht. Sehr geschätzt wird von vielen Machthabern, dass sich China nicht in die inneren Angelegenheiten einmischt. Als Anwalt für Menschenrechte wäre es ja auch noch weniger glaubwürdig als die westlichen Staaten. Allerdings kriegt so mancher Potentat schon mal einen Mercedes als Begrüßungsgeschenk für erfolgreiche Verhandlungen. Das hat in China durchaus Tradition.

China: In vollen Zügen genießen

Nach Peking fahren wir wieder mit dem Zug. Die Superschnellzüge haben meistens eigene Bahnhöfe, die ziemlich weit draußen liegen. Offenbar sind sie in Serie gebaut worden, da sie alle gleich aussehen. Ich bevorzuge aber die zentralen Bahnhöfe der Innenstadt, um mir stundenlange Taxifahrten zu sparen. Da nehme ich in Kauf, dass wir nur 250 km/h schnell fahren. Das ist eine Geschwindigkeit, bei der man noch aus dem Fenster gucken kann. Allerdings ermüden die endlosen grauen Hochhauslandschaften der Riesenstädte. Wir sind froh, wenn wir endlich die freie Landschaft erreichen, die es gottlob auch noch gibt. Reisfelder wechseln sich mit Gemüsefeldern ab. Hin und wieder rasen wir an einem Dorf vorbei. Der Zug von Dalian nach Peking ist voll, aber jeder findet seinen Platz, da nur Fahrkarten mit Sitzreservierung angeboten werden. Die Passagiere dösen in ihren Sitzen. Da ist in den Lokalzügen weit mehr Leben zu beobachten.

Die neuen Superschnellzüge sind mit Recht Chinas stolz. Ich bin gespannt, wann sie den ICEs der deutschen Bahn Konkurrenz machen. Ihre Güterzüge fahren bereits bis nach Spanien. Der Binnenschiffshafen von Duisburg profitiert schon davon. Die neuen „Seidenstraßen-Initiative“ der chinesischen Regierung wird vor allem die Infrastruktur in Mittelasien weiter ausbauen.

Die neuen „bullet trains“ der dritten Generation bilden einen eigenen chinesischen Standard und erreichen eine Spitzengeschwindigkeit von 400 km/h. Sie werden „rejuvenation“ oder auf chinesisch „fuxing“ genannt. Die Entwicklung scheint mir typisch für die chinesische Industrie zu sein. Die ersten Hochgeschwindigkeitszüge vor zehn Jahren wurden mit deutscher (Siemens!) und japanischer Hilfe gebaut. Die zweite Generation ab 2010 war schon weitgehend selbst entwickelt. Die Züge erreichten bereits 300 km/h. Am 1.Juli geht nun die dritte Generation auf Reisen. Sie wird völlig in China entworfen und gebaut.

Wang Menshu, Parteikader und Professor an der Pekinger Verkehrsuniversität, ist sichtlich stolz: „Peking als Hauptstadt ist Chinas Zentrum. Unser Ziel ist, dass man von Peking aus jede Provinz-Hauptstadt mit dem Zug in maximal acht Stunden erreichen kann. Lhasa in Tibet und das uigurische Urumqi im äußersten Nordwesten ausgenommen: Diese beiden Städte sind schlicht zu weit weg. Und wir wollen auch erreichen, dass man von jeder Provinzhauptstadt aus jede andere in nur acht Stunden erreichen kann. Bis 2020 planen wir das Hochgeschwindigkeitsnetz für Züge mit rund 300 Stundenkilometern auf 16.000 Kilometer auszubauen.“  

Das Problem ist die Ankunft. Nach einer gut temperierten Fahrt landen wir im ziemlich chaotisch-überfüllten Zentralbahnhof von Peking. Die Backhofenhitze legt uns ziemlich lahm. Deswegen lassen wir uns von Schleppern zum Taxi verführen. Als die aber einen undurchschaubaren Streit mit der Fahrerin anfangen und eine unverschämte Summe fordern, springen wir rechtzeitig wieder hinaus und reihen uns in die Warteschlange ein. Wir sind auf dem Weg zum deutschen Pfarrer, der leider weit draußen wohnt und arbeitet. Die Fahrt dauert trotz Stadtautobahnen fast eine Stunde.

Unterwegs in Dalian

Häfen üben auf mich seit Kindheitstagen einen besonderen Reiz aus. Darum machen wir auf dem Weg nach Peking einige Tage Urlaub in Dalian. Allerdings darf man in China keine alten Bilder im Kopf haben. Man wird totsicher von der neuesten Entwicklung überrascht. Die Kleinstadt aus früherer Lektüre hat sich zur 6-8-Millionenstadt gemausert.

Dalian ist seit dem 6. Jahrhundert ein wichtiger Hafen. Wir schauen uns im Museum seine Geschichte an, insbesondere den Untergang der kaiserlichen Flotte im chinesisch-japanischen Krieg 1894. An den heutigen Hafen kommt man leider kaum heran, aber man kann ihn von einigen Hochhäusern aus besichtigen. Von der ungeheuren Ausdehnung bekommen wir einen Eindruck, als wir mit der S-Bahn eine Stunde vom Zentrum nach Jinshitan im Norden fahren, um jenseits der Kaianlagen und Werften an einen Strand „Golden Pebbles“ zu kommen. Weiter nördlich beginnt eine zerklüftete Steilküste, die geologisch interessant ist.

Ein anderer Strand ist mit dem Stadtbus Nr.309 zu erreichen. Leider ist es dort aber mit der Ruhe vorbei. Da sowieso kein Chinese hier schwimmen mag, hat man für das allgemeine Vergnügen einen Jahrmarkt aufgebaut, Bungee jumping eingeschlossen.

Durch Verpachtung kam die Stadt von 1897 bis 1905 unter russische Herrschaft. (Der russische Name „dalni“ bedeutet „Fern“ (im Osten). Hier war ein Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Wer im Museum genau hinschaut, muss als Chinese zugeben, dass die Russen industrielle Entwicklungshilfe geleistet haben.

Stolz zeigt man eine „russische Straße“. Einige Villen und Häuser im schlechten Zustand sind noch zu sehen, ein kleiner Palast ist einsturzgefährdete Ruine. Gleichwohl hat man für Touristen jede Menge Buden aufgebaut, wo allerlei russischer Krimskrams verkauft wird. Auf unserer stetigen Suche nach einem Café landen wir bei einer chinesischen Studentin, die mit ihrem „boyfriend“ einen kleinen Laden betreibt. Sie stammt aus dem Süden und spricht passabel englisch. Nicht ganz passend zum russischen Ambiente hat sie sich den „Kleinen Prinzen“ als Motto gewählt.

Nach dem russisch-japanischen Krieg kam die Stadt von 1905 bis 1945 unter die Kontrolle der Japaner. Diese haben außer weiterer Industrie ebenfalls einige Straßenzüge hinterlassen, die im Gegensatz zu den heutigen Wolkenkratzers wenigstens ein menschliches Maß haben.

In Dalian liegt normalerweise Chinas erster Flugzeugträger „Liaoning“, der noch halb von Russland gebaut wurde. Er wurde 2012 in Dienst gestellt. Mittlerweile haben sie einen zweiten selbstgebauten vom Stapel gelassen, den wir von ferne fotografieren konnten.

China baut seine Seestreitkräfte erheblich aus. Sie kaufen zahlreiche Kriegsschiffe und U-Boote. Man will bald auf allen Weltmeeren präsent sein. Gern wäre ich ins legendäre Port Arthur gefahren, das heute Lüshunkou heißt. Aber dort ist militärisches Sperrgebiet.

Was ich nicht wusste: Im riesigen Kongresszentrum Dalians findet seit zehn Jahren eine Art „Sommer-Davos“ statt, eine Ergänzung oder doch wohl Konkurrenz zum Weltwirtschaftsforum.

Kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg hat Chinas Premierminister Li Keqiang dort demonstrativ für freien Handel und Globalisierung geworben. Das hört sich im deutschsprachigen chinesischen Radio so an:

Die Regierung setzte die Jahresvorgaben für das BIP-Wachstum auf rund 6,5 Prozent fest und versprach gleichzeitig, bessere Ergebnisse in der aktuellen wirtschaftlichen Arbeit anzustreben. Ferner wird China die Erhöhung der Verbraucherpreise bei rund 3 Prozent und die offizielle städtische Arbeitslosenquote unter 4,5 Prozent halten.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt meldete im ersten Quartal eine Wachstumsquote, die 6,9 Prozent über dem Vorjahreswert lag und damit die aufgestellte Prognose übertraf. Es handelte sich um den schnellsten Zuwachs in 18 Monaten.

Eine ganze Reihe von Finanzinstitutionen, darunter auch der Internationale Währungsfonds, hat ihre Prognose für China erhöht, da sich eine neue Dynamik entwickelt und die wirtschaftliche Ausbalancierung voranschreitet.

Li führte diese kometenhafte Leistung auf die anhaltende wirtschaftliche Umstrukturierung des Landes zurück.

China wird nach Lis Angaben die Strukturreform der Angebotsseite weiter vorantreiben, die Verwaltung straffen, Befugnisse an untere Ebenen delegieren, einen einfacheren Zugang zum Markt gewährleisten, Unternehmertum und Innovationen vorantreiben, gesättigte Sektoren verkleinern und den Verbrauch stimulieren.

Das ist immer eine sehr angenehme Rhetorik der chinesischen Regierung, aber deutsche Firmenvertreter machen andere Erfahrungen. China betrachtet Wirtschaft als Krieg – und den will es gewinnen.

Unwetter in China

Die Fernsehbilder von dem katastrophalen Erdrutsch  in der Provinz Maoxian haben wohl auch Deutschland erreicht. Es ist rührend, dass sich einige um uns sorgen, weil sie von Unwettern in China gehört oder gelesen haben. Doch China ist groß. (Wenn in Italien ein Erdbeben ist, fällt ja in Hamburg auch kein Ziegel vom Dach.) Tatsächlich kümmert sich bei uns im Norden Chinas niemand darum, was im Süden oder Westen geschieht. Immerhin berichtet die „China Daily“, die sonst nur positive Nachrichten verbreitet, ausführlich über den Erdrutsch im westchinesischen Sichuan. Es stellt dem Land aber kein gutes Zeugnis aus, dass die Helfer nach Verschütteten nicht nur mit Baggern gruben, sondern auch mit bloßen Händen. Noch immer werden mehr als 100 Menschen vermisst,  zehn Tote wurden bestätigt. Rund achtzehn Millionen Kubikmeter Schlamm und Geröll vom Berg Fugui haben das Dorf  Xinmo mit seinen 62 Häusern ausgelöscht. Es regnet dort weiter in Strömen, sodass weitere Katastrophen zu befürchten sind. Die Gegend ist für ihre Erdbeben berüchtigt. 2013 sind 43 Menschen  umgekommen und 118 vermisst.

Die chinesische Zeitung singt ein Loblied auf die mehr als 3000 Helfer, erwähnt aber auch, dass die technische Ausrüstung besser geworden ist. Man setzt jetzt  Sounddetektoren und Drohnen ein. Der Journalist vor Ort Zhang Zhihao beschreibt, wie er selber in eine gefährliche Lage geraten ist, weil der Boden aufgeweicht ist.

Seltsam aus deutscher Sicht mutet an, dass die nationale Regierungsspitze den Rettungsteams Ratschläge gibt. Als ob die nicht vor Ort am besten wüssten, was zu tun ist. Vielleicht ist ein gewisser Paternalismus aber psychologisch wichtig. Man soll spüren, dass die Regierung sich um das Wohl und Wehe kümmert.

Heute  werden drei Experten nach den Konsequenzen gefragt. Der Geologe betont, dass es keinen generellen Schutz in jener Region gibt, man aber durch Vorbeugung mögliche Schäden minimieren kann. Er verlangt ständiges durch Satelliten gestütztes „monitoring“, um rechtzeitig warnen zu können. Der Bergbauingenieur fordert, dass die Baurichtlinien eingehalten werden. Noch immer siedeln zu viele traditionsbestimmt in gefährdeten Regionen. Schließlich betont ein Professor für öffentliche Politik, dass durch die digitale Technologie die Rettungsmannschaften effektiver eingesetzt werden konnten.

Es bleibt eine widersprüchliche Gleichzeitigkeit, wenn einige Regionen unter mächtigen Überschwemmungen und andere unter Trockenheit leiden. China spürt jedenfalls den Klimawandel.

Zur Erinnerung an Benno Ohnesorg

An jedem 2. Juni feiere ich still meinen „zweiten Geburtstag“, denn der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg 1967 hätte auch mich treffen können.  Ich stand ja – wie ein Pressefoto beweist – direkt neben ihn. Es gab später weitere politische Morde und heute so viele Attentate, dass niemand mehr  sich ständig empören kann. Das sinnlose Sterben Benno Ohnesorgs hat aber eine ganze Generation nachhaltig verändert und leitete die kritische Bewegung von „1968“ ein.

Alle zehn Jahre wird seiner gedacht. Heute nach fünfzig Jahren wohl zum letzten Mal. Darum habe ich mich gefreut, dass ich an einem Film mitwirken konnte, den der rbb produziert und ausgestrahlt hat. Die Autorin Margot Overath schrieb mir ins ferne China, dass über eine Million Menschen die Sendung zur späten Stunde gesehen haben. Bis zum 6.6.2017 kann man die Dokumentation noch in der ARD-Mediathek anschauen.

http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Wie-starb-Benno-Ohnesorg/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=43152814

Nur wer mich als bartlosen Jugendlichen kannte, wird mich auf den alten Filmaufnahmen im Gewühl vor der Westberliner Oper, der berüchtigten „Leberwurst“, wiedererkennen. Auf dem entscheidenden Foto  (wenige Sekunden vor dem verhängnisvollen Schuss) bin ich mit meinem alten Sommermantel neben Ohnesorg nur von hinten zu sehen.

Mehrmals wurde ich zu den Prozessen gegen den Todesschützen Kurras nach Berlin geladen, musste aber miterleben, wie sie im Sande verliefen. Es war mir klar, dass die Justiz versagt hatte, aber das Ausmaß dieses Skandals ist mir erst durch diesen Film mit seinem lange verschollenen Material vollends bewusst geworden.

Ich habe nicht geahnt, wie viele wichtige Augenzeugen nicht berücksichtigt wurden. Vor allem wusste ich nicht, dass noch am Schädel des Toten offenkundig manipuliert worden war, um eine Rekonstruktion der Tat unmöglich zu machen. Man kann Otto Schily, der damals als Nebenkläger den Vater Ohnesorgs vertrat, nur zustimmen, dass eine „Vertuschung großen Ausmaßes“  stattgefunden hat.

Teile der Westberliner  Polizei waren  damals eine Art Berufsarmee, die antikommunistisch gedrillt die „Frontstadt“, in der es ja keine Bundeswehr geben durfte, verteidigen sollte. Ich vermute, dass die vorhergehenden Demonstrationen linker Gruppen, bei denen es schon Konfrontationen mit der Polizei gegeben hatte, gewisse Polizeiführer so gereizt hatten, dass sie nun ein Exempel statuieren wollten und deshalb diesen sinnlos übertriebenen Einsatz befahlen. Die berüchtigte Presse des Verlegers Axel Springer hatte schon wochenlang die Bevölkerung gegen die „kommunistischen Studenten“ aufgehetzt. Da durfte es nicht sein, dass einer der Polizisten willkürlich einen unschuldigen Studenten erschossen hatte. Keiner der Verantwortlichen wurde je zur Rechenschaft gezogen. Nur der Regierende Bürgermeister Pastor Heinrich Albertz, der eigentlich am wenigsten schuldig war,  übernahm die politische Verantwortung und trat zurück.

Für mich mit meinen neunzehn Jahren brach das bisherige Bild von der „Polizei, dein Freund und Helfer“ zusammen. Ich studierte zwar auch Philosophie an der Freien Universität, aber hauptsächlich Evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin. Im Rahmen meines Ehrenamts als Sozialreferent im AStA (studentische Selbstverwaltung) nahm ich an Begegnungen mit Polizisten teil, die das Polizeipfarramt organisierte. Ich stellte fest, dass viele Bereitschaftspolizisten, die man auf uns gehetzt hatte, nicht viel älter als wir waren. Ich konnte mich darum nicht mit radikalen Parolen des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) identifizieren, der diese Leute als „Bullenschweine“ eines verhassten Systems beschimpfte und zur (revolutionären) Gewalt aufrief. Mit meiner pazifistischen Position gehörte ich zu einer Minderheit in der Minderheit der Studentenbewegung. Gleichwohl meine ich noch heute, dass dies allein das wichtigste Vermächtnis Benno Ohnesorgs ist, dessen letzte Worte lauteten: „Bitte nicht schießen!“

Zweiter Juni

Der 2. Juni 1967 ist für die mittlerweile legendäre Studentenbewegung, was für die älteren Generationen Stalingrad oder Verdun war. Man erzählt mit leuchtenden Augen: „Ich bin dabei gewesen.“ Schon dieser Vergleich macht deutlich, dass die Nachkriegsgeneration keine historisch nachhaltigen Taten vollbracht hat. Das hat sie nicht gehindert, diese auch APO (außerparlamentarische Opposition) genannte Bewegung von Anfang an zu verklären. Der erste Roman von Uwe Timm „Heißer Sommer“ erschien schon in der Endphase der auch so genannten „antiautoritären Bewegung“. https://de.wikipedia.org/wiki/Hei%C3%9Fer_Sommer_%28Roman%29.

Die Verlage werden es sich nicht nehmen lassen, zum 50. Jahrestag der Erschießung Benno Ohnesorgs weitere Bücher auf den Markt zu werfen. Zu ihnen könnte auch Meinhards Schröders „Mein 2. Juni 1967“ gehören, dessen Cover zumindest mit dem zur Ikone gewordenen Pressefoto des erschossenen Studenten wirbt. Tatsächlich schreibt der Autor aber nicht einmal zehn Seiten (S.27-36) über den Tag der Schah-Unruhen. Wer mehr wissen will, sollte das Buch von Uwe Soukup: „Wie starb Benno Ohnesorg?“ (Verlag 1900 Berlin, 2007)  lesen. Mit Bild von mir neben Ohnesorg auf S.95!

Trotzdem ist Schröders Buch die interessante, oft humorvolle oder selbstironische „autobiographische Erzählung“ eines Politaktivisten der „68er“, dem man nicht jedes Detail glauben muss.

So lernen wir als Vorgeschichte seine Familie kennen, aus deren Kleinbürgerlichkeit er ausgerechnet mit einem Theologiestudium entkommen will. Bald wird daraus ein Studium der marxistischen Religionskritik mit dem  Ziel – wie es seinerzeit die „Celler Konferenz“ formulierte: „Theologie ist die Strategie ihrer eigenen Abschaffung“. Kein Wunder, dass die Kirche auf solche Mitarbeiter verzichten wollte.

So schildert er mit Lust die Auseinandersetzungen an den Berliner Hochschulen bis er nach Heidelberg wechselt und für den „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) zum AStA-Chef („Studentenselbstverwaltung“) gewählt wird.

Hier muss ich nun persönlich werden: Ich war mit Meinhard Schröder in meinen ersten Semestern ab 1966 durchaus befreundet und verdanke ihm meine Wahl zum Sozialreferenten im AStA unserer Hochschule. Ich wurde aber Mitglied im „Sozialdemokratischen Hochschulbund“, der vom SDS als Gegner betrachtet wurde. Ich trat für Reformen ein, widersprach der Gewaltbereitschaft des SDS und glaubte weder an Che Guevara noch an Mao, deren Verbrechen ich schon kannte. So entfremdeten wir uns, obwohl wir 1967 noch diskutierend drei Monate durch die Türkei wanderten. Er erwähnt die Tour auf S.49 mit meinem Vornamen. Ansonsten habe ich aber mit seiner Kunstfigur „Wolfgang“ nichts gemein. In Heidelberg und danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich wollte Pfarrer werden, er Revolutionär. Und er wurde es mit allen persönlichen Konsequenzen.

Jede Autobiographie ist bekanntlich immer ein wenig Selbstrechtfertigung. Geschenkt sei darum die Versicherung, dass ich manches ganz anders erlebt habe. Von der Menschenfreundlichkeit des Sozialismus war im Gegensatz zu Rudi Dutschke, der bekanntlich eine Zukunft bei den jungen „Grünen“ suchte, bei den KBWlern und anderen marxistischen Sekten nicht mehr viel zu spüren. Da finde ich Schröders humorvolle Schilderungen nicht immer lustig. Die freimütige Darstellung seiner sexuellen Eskapaden mag den Spießer beeindrucken, mir imponieren sie nicht. Die in der „Studentenrevolte“ proklamierte „freie Sexualität“ hatten längst die Illustrierten und andere kommerzielle Verwerter übernommen. Man darf nicht vergessen, dass Beate Uhse 1967 in Berlin ihren ersten Sex-Laden eröffnete. Was in manchen Kinderläden getrieben wurde, beschreibt Schröder nicht. Aber es ist heute bekannt und wird nicht nur von der Frauenbewegung kritisiert.

Meinhard Schröder hat aufgrund seiner revolutionären Ideale auf eine bürgerliche Karriere verzichtet. Zu einem PH-Professor hätte es allemal gereicht. Darum ist bewundernswert, wie er sich durch die Arbeitswelt kämpft und schließlich sogar Personalentscheidungen beeinflusst. Genial finde ich seine Schilderung, wie er Entlassungen vorbereiten muss (S.147-152). Keine Frage: Der Mann kann schreiben.

Muss man deswegen das Buch lesen? Ich habe es trotz inhaltlicher Differenzen mit Vergnügen getan.

Meinhard Schröder:  Mein 2. Juni 1967, Von der Studentenrevolte zum Kleingärtnerprotest, Backe-Verlag Hützel, 2017

PS: Der Sender RBB hat mich als Zeugen interviewt und sendet zum Thema

Radiofeature: 24.05. ab 22:03 rbb-Kulturradio „Benno Ohnesorg – Chronik einer Hinrichtung“. Wiederholungen: 28.05. ab 11:05 auf WDR 5 und 31.05. 22:03 SWR 2.

TV-Doku: 29.05. nach den ARD-Tagesthemen „Benno Ohnesorg – Wie starb Benno Ohnesorg“.

 

 

 

 

 

Happy in Thailand

Carolin Genreith hat einen Dokumentarfilm „Happy“ über die Ehe ihres Vaters Dieter Genreith und Tutka Supaphon Pimsoda-Genreith aus Thailand gedreht. Denn sie fragt sich: Ist das Liebe oder ein Deal?

Der Film überrascht durch den Verzicht auf die üblichen Thailand-Klischees. Eltern können peinlich sein. Ganz besonders Väter, die sich in eine Thai-Frau verlieben, die so alt ist wie die eigene Tochter. Da denkt jeder gleich an „Sextourist“. So wird im ersten Teil ausführlich geschildert, wie die Tochter ihren Vater befragt und von seinem Entschluss abbringen will, als sie von seiner Liebschaft erfährt. Auf der einen Seite Carolin, die  sich  offenkundig schwer tut, sein Handeln zu verstehen. Die immer wieder wissen will, warum es nicht auch eine gleichaltrige Frau aus Deutschland hätte sein können. Die sich fragt, was eine Frau wie Tukta an einem so viel älteren Mann finden kann. Und auf der anderen Seite Dieter Genreith, der sehr schonungslos sein Alter und die eigene Einsamkeit reflektiert, für den eine Frau wie Tukta ein Geschenk des Himmels ist.

Die Wende tritt wohl ein, als sie ihn auf thai telefonieren hört. Jedenfalls imponiert auch mir, wie sehr er diese schwierige Sprache gelernt hat. Das habe ich in Pattaya nur bei wenigen Deutschen erlebt, selbst wenn sie „ordentlich“ verheiratet sind. Die meisten Ausländer (farangs) begnügen sich sowieso mit einer „freien“ Beziehung oder heiraten ohne rechtliche Bedeutung in einem buddhistischen Kloster.

Da handelt keiner kopflos, sondern bereitet sich sehr ernsthaft auf diese Beziehung, ja aufv eine Ehe vor. Ich gebe ihr Chancen, denn er hat die Frau nicht aus einer Bar geholt oder aus einem Katalog ausgesucht, sondern im Dorf ihrer Eltern kennengelernt. Er weiß, dass er finanzielle Aufgaben übernehmen muss. Es wird erwartet, dass er die thailändische Großfamilie unterstützt. Das hat schon manchen ins Elend gestürzt. Offenbar hat er aber mit seiner Partnerin Glück. Ihre Wünsche sind nicht wie bei vielen anderen endlos.

Vater und Tochter besuchen sie in dem kleinen Dorf im Nordosten Thailands, zwei Stunden von der laotischen Grenze entfernt. Dort lebt sie mit  ihren Eltern, Geschwistern und dem kleinen Sohn Tui aus erster Ehe mit einem Thai. Wenn das Geld aus ist, isst die Familie nur noch Reis. Die schönen Häuser in dem Dorf stehen dort hingegen wegen der „Farangs“, der weißen Ausländer, die eine thailändische Frau geheiratet haben. Der Film endet mit der Hochzeit. Es bleibt offen, wie sich das Zusammenleben in Thailand oder doch in Deutschland gestaltet.

In Interviews hat Carolin Genreith erzählt, wie es weitergeht. http://www1.wdr.de/kultur/film/happy-genreith-110.html

Tatsächlich lebt Tukta mit ihrem Vater jetzt auf seinem Bauernhof in der Eifel. Carolin Genreith könnte eine Fortsetzung drehen. Wie funktioniert eine solche, ja gar nicht seltene Ehe in Deutschland? Der kauzige Vater würde wie in diesem Film schon für einen hohen Unterhaltungswert sorgen.