Tatort Tübingen

Joe Bausch, der bekannte Gerichtsmediziner Dr. Roth im WDR-Tatort, macht sich keine Illusionen: „Dass so viele Leute gekommen sind, liegt sicher nicht am Interesse für den Strafvollzug.“ Alle wollen am Montag den bekannten Gefängnisarzt und Schauspieler einmal live erleben.

Erstmals sitze ich auf den engen, ständig knarrenden Holzklappstühlen im Hörsaal 9 der juristischen Fakultät Tübingen. Man fühlt sich wie im Mittelalter, als sich herausstellt, dass der Saal nicht zu verdunkeln ist und der Referent auf seine Powerpoint-Präsentation verzichten muss. Dann hängt man ihm noch ein Mikrophon um den Hals, das lange nicht angeschaltet wird. Wie erbärmlich für eine Universität, die sich mit Künstlicher Intelligenz schmückt!

Joe Bausch liefert dennoch den erwarteten glänzenden Vortrag, dessen Inhalt ich allerdings schon weitgehend aus seinen Büchern kannte. Ich habe die beiden erst kürzlich hier vorgestellt.

https://wolfgangwagnerblog.wordpress.com/2019/06/04/knast/

Ziel seines Vortrags war es, die Jurastudenten für den Strafvollzug zu sensibilisieren. Am besten sei es, wenn sie dort einmal ein Praktikum machen und nicht nur am „Tag der Offenen Tür“ hineinschauen. „Da sehen Sie gar nichts!“ In diesem Zusammenhang forderte er eine bessere wissenschaftliche Begleitung des Strafvollzugs, die offenbar unzureichend ist. Natürlich fehlt auch geeignetes Personal, vor allem gibt es zu wenig Ärzte, viel zu wenige Psychiater. Bei über 80000 Haftplätzen gibt es für auffällige Gewalttäter nur 2000 verhaltenstherapeutische Angebote. Dabei nehmen die psychisch Kranken, aber auch die Drogenabhängigen zu. Wichtig ist da die Drogen-Substitution. Bausch hat seinerzeit die erste Patientin in Haft substituiert, also ein Ersatzmedikament gegeben. Heute ist das Standard. Bausch hat also einige Erfolge vorzuweisen, findet aber dennoch, „dass unsere Generation mit der Resozialisierung versagt habe und Sie, die nächste Generation, das besser machen müsse.“

Positiv habe sich auch der Einsatz von weiblichen Bediensteten ausgewirkt. Mittlerweile sind 15% der AvDs weiblich.

Früher hatte die meisten Straffälligen einen Beruf. Heute von zehn Neuzugängen nur einer. Da müsse es eine Aufgabe sein, dass sie eine Ausbildung bekommen, die ihre Vermittlung auf den Arbeitsmarkt erleichtere.

Natürlich hat Bausch viele Forderungen an Politiker, die allerdings  mit Reformen im Strafvollzug keine Wahl gewinnen können. Bei jedem brutalen Verbrechen wird hingegen eine Strafverschärfung gefordert. Der einzige Bundespräsident, der jemals eine Haftanstalt besucht habe, sei Gustav Heinemann gewesen. Das ist ziemlich lange her.

In seiner humorvollen Art macht Bausch jedenfalls Lust im Gefängnis zu arbeiten. Ich habe deswegen meine Mitarbeit als ehrenamtlicher Gefängnisseelsorger heute bis zum Januar verlängert. Im Wechsel mit dem katholischen Kollegen halte ich alle 14 Tage im Rottenburger Gefängnis zwei Gottesdienste. Sie sind –  aus welchen Gründen auch immer – gut besucht.

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Sie-fanden-ihn-als-Killer-besser-421615.html

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Ärztliche Mission

Ein eingetragener Verein braucht eine ordentliche Mitgliederversammlung, so auch das „Deutsche Institut für ärztliche Mission“ e.V. (Difaem) Tübingen. Da ich im Verwaltungsrat bin, darf ich nicht fehlen, obwohl ich die meisten Informationen schon kenne. Über das Difaem habe ich bereits öfter berichtet. Zuletzt die Beiträge auf dem Kirchentag mit Dr. Denis Mukwege und der  entsprechenden Resolution zur katastrophalen Situation im Kongo. https://difaem.de/aktuelles/dr-denis-mukwege.

Die Resolution braucht natürlich noch weitere Unterstützung. Ebenso das neue Kompetenzzentrum, das in Verbindung mit der Evangelischen Universität in Afrika (UEA) aufgebaut wird.

Ein weiterer TOP war die Difaem-Stiftung „Gesundheit Weltweit“, an der man sich beteiligen kann.

Ich gebe zu, dass ich als Theologe nur mäßige Leidenschaft für die Finanzkontrolle aufbringe. Es reicht mir, wenn ein anerkannter Prüfer keine Beanstandungen hat. Mit Spenden muss man  natürlich besonders sorgsam umgehen.

Wenig Ahnung hatte ich bisher  von den Managementproblemen eines Krankenhauses, habe ich mich doch als Seelsorger allenfalls auf Patientengespräche konzentriert. Zum Difaem gehört aber die Tropenklinik, die mit dem Pflegenotstand und allerlei gesetzlichen Vorgaben zu kämpfen hat. Als Laie fragt man sich, ob unsere Regierung in der Gesundheitspolitik die richtigen Entscheidungen trifft.

Erfreut hat uns aber bei vielen geäußerten Schwierigkeiten diese Nachricht:

Die  Klinikstudie des F.A.Z.-Instituts von 2018 führt die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus unter den zwanzig besten Krankenhäusern Deutschlands. Das Team erreichte im Ranking 88,5 von 100 möglichen Punkten. Kein Wunder, dass die Tropenklinik in der Region einen erstklassigen Ruf hat und besser bekannt ist als der „Träger“ Difaem.

Es wird immer wieder neue Anstrengungen brauchen, um den christlichen Charakter des Hauses zu gewährleisten. Allein mit moralischen Appellen kann man keine Mitarbeiter gewinnen oder halten. Schon deswegen ist es wichtig, dass wir Mitglieder auch politisch eine Lobby bilden für eine bessere Gesundheitspolitik. Dazu brauchen wir aber Vorlagen. Ich kriege täglich viele Initiativen mit der Bitte um Unterzeichnung serviert, aber keine, die sich auf die deutschen Verhältnisse beziehen.

Ein Blick in die Runde lässt nicht übersehen, dass unsere Mitgliedschaft überaltert ist. Es ist eine ständige Frage, wie man jüngere in die Arbeit einbinden kann. Vermutlich muss man dafür die Mitgliederwerbung verändern. Bei tausenden Medizin- und Theologiestudenten in Tübingen müssten sich doch genügend Kandidaten finden lassen. Es würde sich lohnen, wenn man auf das Selbstbild des Krankenhauses schaut:

„Menschlichkeit und Leistung werden ausgewogen berücksichtigt. Wir sind uns bewusst, dass wir uns in einem Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Barmherzigkeit und Fürsorgepflicht bewegen. Fort- und Weiterbildungen verbessern die Qualität der Krankenhausarbeit und steigern die Zufriedenheit der Mitarbeitenden.

Mit Zeit und Geld gehen wir verantwortungsvoll um. Wir wissen, dass die materiellen Reserven begrenzt sind und berücksichtigen wirtschaftliche und ökologische Gesichtspunkte in allen Arbeitsbereichen. Als Christen sehen wir eine rein marktwirtschaftliche Orientierung und das Gewinnstreben im Gesundheits- und Sozialwesen kritisch, weil diese zu weiterer Benachteiligung der finanziell Bedürftigen und Schwachen führen, denen unsere Solidarität und Aufmerksamkeit gilt.

In allen Arbeitsbereichen wird der Qualitätssicherung ein großer Stellenwert beigemessen. Wir handeln entsprechend unserer Verpflichtung, Mittel und Spenden sachgemäß zu verwenden. Das Recht auf Leben und das Recht auf Gesundheit sind von den Vereinten Nationen als Menschenrechte anerkannt – durch unsere Arbeit tragen wir zu ihrer Verwirklichung bei.“

https://www.tropenklinik.de

Högerland

Die meisten Deutschen, die noch in der Schweiz Urlaub machen, wollen im Sommer  in die Berge und im Winter in die Skigebiete. Das „Mittelland“ interessiert sie meistens nicht.  Sehr schade! Wir besuchen eine  Woche lang Freunde und Verwandte eben dort. Für mich eine Gelegenheit, die Gegend um Bern besser kennen zu lernen.

Mein Reiseführer ist der „Dichterpfarrer“ Kurt Marti, Högerland, Ein  Fußgängerbuch (Luchterhand Literaturverlag Frankfurt 1990), das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist. Eine neue Auflage ist nicht zu erwarten, sonst müsste sie unbedingt ein Ortsverzeichnis, am besten mit einem Kartenteil erhalten. Marti ordnet seine Wanderungen in und um Bern herum nicht übersichtlich-geografisch, sondern chronologisch vom 3.4.1985 bis 7.11.1989. Die nun über dreißig Jahre alten Texte haben aber kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt –  oder soll man Zeitlosigkeit sagen? Zwar stolpert der deutsche Leser über  manchen „berndütschen“ Dialektausdruck, aber dadurch wird einem das Eigentümliche der Schweiz besonders nahe gebracht. Höger sind beispielsweise Hügel oder kleinere Berge. Dort findet man nicht nur kulturelle Schmuckstücke, sondern auch eindrucksvolle Menschen. Ihr Leben in Geschichte und Gegenwart stellt Marti einem plastisch vor Augen. Fast prophetisch finde ich seine kritischen Bemerkungen zum Autowahnsinn auf den Straßen, aber auch zu den im Bewusstsein verdrängten schweizerischen Atomkraftwerken. Werden denn noch immer mehr als 40% von Berns Elektrizität durch Atommeiler erzeugt? S.63. Da kann er schon schwermütig Dennis Meadows, Mitautor der Studie „Grenzen des Wachstums“, zitieren: „Die Menschheit verhält sich wie ein Selbstmörder und es hat keinen Sinn mehr, mit einem Selbstmörder zu argumentieren, wenn er bereits aus dem Fenster gesprungen ist.“ S.233. Altersweise Resignation? Auch in der Schweiz demonstrieren jetzt freitags die Schüler. Lange haben wir mit Marti darauf gehofft. Zu fast  jedem Kriegs-Denkmal fällt ihm eine alternative Geschichte ein. Wer seine theologischen Schriften kennt, wundert sich darüber nicht.

Eine der tausend Jahre alten Kirchen um den Thuner See herum schauen wir genauer an. Über die in  Amsoldingen schreibt er: „Christen beten um Kraft aus der Höhe. Früher kannten sie aber auch die Strahlungskräfte der Erde und der Atmosphäre, respektierten in ihnen das sinnreiche Walten des Schöpfers. Davon wissen wir wenig mehr. Heute werden Kirchen gebaut, wo gerade ein passendes Grundstück  erhältlich ist. Was zählt ist der Quadratmeterpreis, nicht die „Energie“ eines Ortes… Zarter Lichteinfall. Vielfarbig bringt er die Steine des Mauerwerks zum Leuchten. Ein Raum von robuster, zugleich auch spiritueller Präsenz. Geistort, Stockhornmystik.“ S. 83.

Wie Marti ärgere ich mich, dass der nahe See  nicht zugänglich ist. „Warnend groß auf einem Schild: PRIVAT! Zu deutsch: GERAUBT!“ S.84.

Den Beitrag über Louis Claude de Saint-Martin kann ich sogar für meine nächste Ansprache am 14.Juli gebrauchen: „ „Die Seele des Menschen kann nur leben von Bewunderung.“ „Das Schweigen der Natur ist das Beredsamste, was es gibt.“ „Die Zeit ist der Winter der Ewigkeit.“ Sätze von Saint-Martin, entnommen einem Büchlein von Gerhard Wehr (1980), das auf  den Theosophen wieder aufmerksam zu machen versucht und Verbindungslinien bis hin zu Rudolf Steiner und C.G. Jung zieht. Übrigens hat sich auch Honoré de Balzac von Saint-Martin anregen lassen. „Gott selbst ist es, der  in uns weint…“, konnte der französische Landadelige schreiben. Wie seinem Lehrmeister und zeitweiligem Chef Martinez de Pasqually (1727-1774), Gründer des esoterisch-freimaurerischen Martinistenordens, ging es ihm um die Wiedervereinigung des Menschen mit Gott…. Ironie der Geschichte freilich: die triadische Devise der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“  war – Saint-Martins Schöpfung!“ S. 19f.  1798 jedenfalls stürzten napoleonische Truppen das Patrizierregime Berns mit dieser Parole.

Auf Napoleon – so lerne ich – waren die Berner nicht gut zu sprechen. Er mochte die Stadt nicht, was ihn nicht hinderte, ihren Goldschatz mitzunehmen.

Nicht nur ein Ortsregister vermisse ich, sondern auch ein Personenregister. Nochmal nachlesen, was er über Horkheimer, Bakunin, Lenin, Cooper (Lederstrumpf) oder Dorothee S.(ölle) und die vielen mir unbekannten Größen der Berner Geschichte schreibt.

War da nicht auch was über Albert Einstein, dessen Museum wir am letzten Tag besuchen? Es befindet sich im riesigen Berner Historischen Museum, das man unmöglich an einem Tag bewältigen kann.

Ja, Einstein studierte und arbeitete einige Jahre in Bern. 1901 bekam er die schweizerische Staatsangehörigkeit. Ich gebe zu, dass ich seine physikalischen Forschungen noch immer nicht wirklich verstehe. „1905 eine Explosion von Genie. Vier Publikationen über verschiedene Themen, deren jede, wie man heute sagt, nobelpreiswürdig ist: die spezielle Relativitätstheorie, die Lichtquantenhypothese, die Bestätigung des molekularen Aufbaus der Materie durch die ‚brownsche Bewegung‘, die quantentheoretische Erklärung der spezifischen Wärme  fester Körper.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker)

Bewundert habe ich  immer seinen Pazifismus. Weniger schön finde ich,  wie er mit seinen Frauen umgegangen ist. Seine Studentenliebe Mileva Maric hat er zwar gegen den Willen der Familien geheiratet, aber dann doch schäbig behandelt. Die vorehelich geborene Tochter Lieserl muss er komplett verleugnet haben. Über das Schicksal des Mädchens ist nichts bekannt; seine Existenz wurde von den Eltern verheimlicht. Möglicherweise starb es 1903 an Scharlach oder wurde zur Adoption freigegeben. Mileva gehörte zu den ersten Studentinnen der Physik, hat ihm nicht nur in Mathematik geholfen, sondern auch  – wie Mann so sagt – „den Rücken frei gehalten“ und sich  um Haushalt und die beiden Kinder gekümmert. Zum Dank dafür hat er sich mit anderen Frauen amüsiert.

https://www.bhm.ch/de/ausstellungen/einstein-museum/

Landessynode Württemberg

Dass an einem lauen Sommerabend ein paar Leute sich für die Württembergische Landessynode engagieren, ist hoch zu ehren. Denn die meisten interessieren sich für Kirchenpolitik  erst, wenn ihre persönlichen Interessen bedroht sind oder  ein Skandal die Runde macht. Dann heißt es schnell „Die Kirche sollte mal…“ – und das sind immer die anderen. Aber so funktioniert die Evangelische Kirche nun einmal nicht, die sich (mit Einschränkungen) der Demokratie verpflichtet weiß. Und die ist bekanntlich anstrengend. Unser Synodaler Harald Kretschmer („Offene Kirche“) lädt regelmäßig vor Tagungen der Synode zum Gedankenaustausch ein. Und so überlasse ich den Baggersee anderen und mache mich ins Tübinger „Haus der Kirche“ auf.

https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/synodale-von-a-z#layer=/synode/dr-harald-kretschmer.

Fleißig sind sie jedenfalls, die Synodalen und Kirchenbürokraten. 33 Tagungsordnungspunkte sollen sie abarbeiten. Schon beim ersten TOP stocken wir: „Entscheidungen am Beginn und am Ende des Lebens“. Was soll das denn sein?

Es geht um ethische Bewertungen von vorgeburtlichen Eingriffen einerseits und Sterbehilfe andererseits.

  1. Seit 2012 sind in Deutschland Blutuntersuchungen (Nichtinvasive Pränataldiagnostik) der Schwangeren zur Feststellung von autosomalen Trisomien zugelassen, müssen jedoch in der Regel privat bezahlt werden. Es geht nun darum, ob im Sinne einer sozialen Gerechtigkeit die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen sollen. Eine Finanzierung durch die solidarische Krankenversicherung könnte die Nichtinvasive Pränataldiagnostik (NIPD) in der frühen Schwangerschaft zur Routine werden lassen, zumal diese Methode auch das Fehlgeburtsrisiko vermeidet, welches mit dem bisherigen invasiven Vorgehen einherging. Die Evangelische Kirche beteiligt sich an der gewünschten gesellschaftlichen Debatte über die Konsequenzen einer Aufnahme der NIPD in die Regelversorgung. Denn der damit verbundene Übergang von einer ausschließlich individuell verantworteten und finanzierten zu einer durch die Solidargemeinschaft getragenen Praxis könnte deutliche Veränderungen im Umgang mit dem ungeborenen Kind mit sich bringen. Insbesondere die Katholische Kirche fürchtet eine Zunahme der Abtreibungen und bevorzugt zwar klare, aber damit auch moralisch-rigorose Aussagen. Die Evangelische Ethik sollte m.E. zwar  die Gewissen schärfen, Beratung anbieten, aber auch den sozialen Gerechtigkeitsaspekt einbringen.
  2. Die klassische theologische Ethik („das Leben ist Gottes Geschenk“) kritisiert aktive Sterbehilfe. Die Kirchen fördern darum den Ausbau der Schmerztherapien. Offenbar wirken diese aber bei 5 % der Schwerstkranken nicht. Die Debatte ist darum international schon länger eröffnet, ob Ärzte beim Suizid assistieren dürfen. Auch hier sollte  sich m.E. die Evangelische Kirche von der Katholischen Kirche unterscheiden und der Gewissensfreiheit eine Lanze brechen. Die säkulare Öffentlichkeit hat sich sowieso von der traditionellen Moral emanzipiert und wird mehr und mehr auch die Gesetzgebung beeinflussen.

Auf die Debatte in der Landessynode darf man gespannt sein. Sie hat auch in unserm Vorbereitungskreis die meiste Zeit eingenommen. Andererseits sind das keine typisch württembergischen Probleme. Es müsste reichen, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vernünftige Stellungnahmen abgibt, die dann allerdings in  den Gemeinden und in der weiteren Öffentlichkeit diskutiert werden sollten. Ich finde es übel, wenn solche Debatten zunehmend von Fernsehstars angeführt  werden.

Die Synode hat sich in den letzten Sitzungen zur Frage der Trauung homosexuell liebender Menschen schwer getan. Dr. Kretschmer hat immer weder auf die Schuld der Kirchen hingewiesen, die bis in die jüngste Vergangenheit an der Diskriminierung und Verfolgung dieser Menschen beteiligt  war. Nun will der Landesbischof Frank Otfried July dazu am Freitag eine „Bitte um Vergebung für Unrecht, das von unserer Kirche an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde“ aussprechen. Listigerweise wird diese Bitte in einer Andacht als „Liturgischer Impuls“ ausgesprochen. Das verhindert eine weitere unselige Debatte mit den vielen Pietisten, denen diese Bitte nicht gefallen wird.

Natürlich geht es in einer Synode vor allem um innerkirchliche Gesetze sowie Finanzen und deren Verteilung. Da müssen sich die Synodalen und wir Zuhörer viele langen Berichte anhören. Wirkliche Diskussionen miteinander sind eher selten. Meistens spulen die Synodalen ihre Voten einfach hintereinander ab. Kontroversen werden selten offen ausgetragen.

Möglicherweise wird es aber kontrovers, wenn in „Förmlichen Anfragen“ gefragt wird, warum der Oberkirchenrat etwa eine Resolution zur Lage in Palästina des Lutherischen Weltbundes – die Landeskirche ist dort Mitglied! – nicht weiter publiziert hat. Meine Vermutung: Man will keinesfalls Ärger mit den Israel-Freunden in der Landeskirche oder gar den Vorwurf des Antisemitismus sich aufhalsen.

Man kann mittlerweile die Tagungen der Landessynode im Internet verfolgen, so auch die nächste vom 4.-6. Juli.

https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/sitzungen-der-landessynode/fruehjahrstagung-2019-1

Oratorium Jephtha

Ich mag Händels Musik. Meine CDs „Messias“ gehören wohl zu den bei uns  häufigst  gespielten. Als jüngst in einer Tübinger Kirche sein Oratorium „Jephtha“ vom Chor des Evangelischen Stifts aufgeführt wird, gehe ich spontan hin. Gut, 20 € Eintritt finde ich für ein Kirchenkonzert nicht wenig, aber die Berliner Oper wäre teurer. https://www.komische-oper-berlin.de/programm/a-z/jephtha.

Die Aufführung ist gut und wird mit viel Beifall belohnt. Gleichwohl finde ich, dass solche Oratorien wie zu Händels Zeiten in die Oper gehören. Warum?

Das Textbuch mit den deutschen Übersetzungen gibt die Antwort. So schön die englischen Gesänge sind, es wäre besser, man verstünde sie nicht. Denn sie transportieren eine Theologie, die nicht mehr die heutige ist. Mag sein, dass das reichlich vertretene Bildungsbürgertum abstrahieren und sowohl die alttestamentliche Grundlage als auch das Libretto von Reverend Thomas Morell historisch einordnen kann. Ich fürchte allerdings, dass sich bei vielen das Vorurteil über die „alltestamentarische Gewalt“ verfestigen kann. Ich arbeite jedenfalls derzeit mit Leuten, die die Bibel wörtlich nehmen und bei der  Lektüre des „Buches der Richter“ ein fürchterliches Gottesbild gewinnen.

Das geht aber nicht nur schlichten Gemütern so. Als ich in den 80iger Jahren friedensbewegt ein Streitgespräch über die damals aktuelle Friedensdenkschrift der EKD in der Bezirkssynode mit dem Reutlinger Prälaten führte, wies dieser zu meinem Entsetzen darauf hin, dass es in der Bibel – er meinte die Bücher Josua und Richter – doch auch eine Kriegstheologie gäbe. Ja, die gibt es und sie hat schlimme Folgen gehabt, weshalb sich die Weltkirchen 1948 auf den Satz geeinigt haben „Krieg soll um Gottes Willen nicht sein.“

Da die Bibel nicht mehr zum Bildungskanon gehört, werden viele erstmals von dieser Geschichte (Buch der Richter Kap.11) gehört haben, in der ein Kriegsheld seine Tochter opfert als Dank, dass Gott ihm den Sieg über die Feinde Israels gewährt hat. Im Oratorium wird diese Grausamkeit abgemildert, weil ein Engel dazwischen geht: „Kein Schwur kann das Recht Gottes ersetzen.“  Die Tochter soll stattdessen zu ehe – und kinderlosem Leben verdammt sein. Gut verständlich, dass die Gemeindediakonin über diesen frauenfeindlichen Aspekt später nur den Kopf schütteln konnte. Ich meinte bei der Passage „Glücklich sollst du deine Tage in reinem engelhaften jungfräulichen Stand verbringen…“ im Chor der Stiftsstudentinnen ein distanzierendes Grinsen gesehen zu haben. Man braucht keine feministische Theologie, um zu denken, dass der Textdichter hier kräftig vom militaristischen Regen in die frauenfeindliche Traufe gekommen ist.

Nein, in die Oper damit! Ich bin sicher, dass heutige Regisseure in ihrer Inszenierung etwas Kritisches daraus machen können, was bei einer konzertanten Aufführung natürlich nicht möglich ist.

Hätte ich für jene Kirche die Leitungsverantwortung, hätte ich eine Aufführung nur nach einer theologischen Einleitung zugestimmt, die ausführlicher als jene vom Musikrepetenten im Programmheft die heutige Diskussion zum Verständnis des Alten Testaments referiert. Auch das Konzertpublikum einer Universitätsstadt ist damit nämlich nicht auf der Höhe der Zeit.

Wenn die biblischen Texte keine historischen Berichte, sondern Glaubenszeugnisse sind, dann muss man sie so auslegen, dass sie erneute zur Anrede an den Menschen in der Gegenwart werden, als Motiv und Impuls heutigen, neuen Glaubens. Etwas anderes hat in der Kirche nichts zu suchen.

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/jeftah/ch/3e04a13b4e8c8b6bff8c616582850f82/

Mein Kirchentag

Vom Kirchentag Dortmund 1963 hörte ich  eine Rundfunkübertragung „für junge Hörer“. Da stellte der populäre Fernsehunterhalter Peter Frankenfeld neue christliche Lieder vor. Das galt als Sensation, war man doch bis dahin nur Choräle in der Kirche gewohnt. Wir haben die gleich in einem Jugendgottesdienst eingesetzt, den wir ohne Pastoren in einer Aula feierten. Das Lied „Danke“ ist bis heute das einzige Gemeindelied, das es unter die „Top Ten“ der Schlagerparade geschafft hat. Im Evangelischen Gesangbuch ist es unter Nr.334 zu finden. Neue Lieder prägen alle weitere Kirchentage, so auch jetzt in Dortmund.

1965 trampte ich noch als Schüler zum nächsten Kirchentag nach Köln, wo ich Helmut Gollwitzer hören wollte. Mehr zufällig landete ich in einem Gemeindehaus, in dem eine junge Lehrerin namens Dorothee Sölle sprach. Beide traten immer wieder auf Kirchentagen auf und wurden für mein weiteres Denken äußerst wichtig.

1967 mischten wir als „Berliner Studenten“ den Kirchentag in Hannover auf. Politiker wurden ausgepfiffen, aber Professor Carl-Friedrich von Weizsäcker imponierte mir mit seinen Überlegungen zur Friedensforschung.

1969 war in Stuttgart die  Zeit der volksmissionarischen Kundgebungen vorbei. Beim „Streit um Jesus“ wurde hart gerungen, woraufhin die Pietisten jahrelang ihren Bekenntnistag abhielten. Die historisch-kritische Bibelforschung war endlich in den Gemeinden angekommen. Zehn Jahre nach der Gründung von BROT FÜR DIE WELT wurde die Entwicklungshilfe verstärkt. Themen des „globalen Südens“ sind seitdem nicht wegzudenken.

50 Jahre später bin ich immer noch von den Kirchentagen begeistert, die eine anregende Mischung von Kongress, Begegnung und Feier darstellen. Mittlerweile ist das Protestantentreffen aber so groß, dass jeder Teilnehmer vermutlich einen anderen Kirchentag erlebt.

Als Kind habe ich öfter Verwandte in Dortmund besucht. Da waren noch die Folgen des Bombenkrieges zu sehen, die Luft war vom Kohlenstaub durchsetzt. Jetzt präsentierte sich eine umsatzstarke Handelsstadt. Die Fläche einer Montanfabrik (96 Hektar der ehemaligen Hermannshütte) wurde in den Phönix-See verwandelt. Normalerweise hat man wenig Zeit, die Umgebung zu erkunden, außer man legt ein paar Urlaubstage zusätzlich ein. Die Kirche von Westfalen hatte nämlich ein eigenes regionales Kulturprogramm. Einzig die Oper „Echnaton“ von Philip Glass konnte ich besuchen.

So freundlich die Stadt sich am Abend der Begegnung präsentiert, so hat sie doch eine hässliche rechtsradikale Seite. Laut Pfarrer Stiller von den „Christen gegen Rechtsextremismus“ gibt es jährlich 70 bis 100 Versammlungen der Rechtsextremen in Dortmund. Im Dezember 2016 provozierten diese zum Beispiel mit einem Banner, auf dem der Slogan „Islamisierung stoppen“ prangte und das sie von der Turmbalustrade der Reinoldikirche hängten. Erst vor kurzem, am Tag vor der Europawahl Ende Mai diesen Jahres, fand wieder ein Aufmarsch von gut 180 Neonazis statt, den die Partei „Die Rechte“ angemeldet hatte. Die rechte Szene versucht außerdem, einige Stadtteile in von ihnen dominierte Kieze umzuwandeln. Angesichts solcher Aktivitäten ist es offensichtlich, dass gesellschaftlicher Widerstand gegen die rechte Szene in Dortmund notwendig ist. Ich  hätte mir in dieser Frage den Kirchentag etwas kontroverser, weniger harmonisch gewünscht. Der Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke müsste uns doch viel stärker herausfordern.

Immerhin äußerte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Anteilnahme. Sie trat zusammen mit der Ex-Präsidentin von Liberia Ellen Johnson-Sirleaf in der vollen Westfalenhalle auf und genoss die erstaunliche Zustimmung. Die Bundeskanzlerin, meinte diese, dürfe nun nicht einfach aufhören – „als motivierende Kraft für Frauen weltweit.“ Tosender Applaus. Die gut aufgelegte und lockere Kanzlerin gab an diesem Punkt allerdings trocken zurück: „Alles hat einen Anfang und alles hat auch ein Ende.“ Saalmikrophone gab es leider nicht. Die von „Anwälten des Publikums“ eingesammelten Fragen waren mehr als harmlos. Hätte man Frau Merkel allein mit ihren politischen Mängeln konfrontiert, wer wohl eine andere Stimmung gewesen. Aber Kontroversen sind wohl nicht mehr erwünscht.

Weithin einig, wenn auch mit anderem politischen Vorzeichen („Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich“), war ebenfalls in der riesigen Westfalenhalle ein Podium zur sozialen Gerechtigkeit mit Prof. Oliver Nachtwey. In Erinnerung geblieben ist mir ein leidenschaftliches Plädoyer der Präsidentin von BROT FÜR DIE WELT Füllkrug-Weitzel gegen die Übernahme der Entwicklungspolitik durch reiche Sponsoren.

Bei der Menschenkette für den Frieden kamen so viele Menschen zusammen, dass sich eine durchgehende Kette zwischen den Westfalenhallen und dem Stadtgarten formieren konnte. Auch der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm war dabei.

Ein gewisses Unbehagen beschleicht mich aber bei diesen Neuauflagen der alten Demonstrationen zum „konziliaren Prozess“ (Bewahrung der Schöpfung, Frieden, Gerechtigkeit). Man kennt die Themen irgendwie. Schön, wenn die Jungen weitermachen. Nicht zufällig wurden immer wieder die Freitagsdemos zum Klimawandel zitiert und beklatscht.

Das alte Schema der Bibelarbeiten am Vormittag hat sich erstaunlich aktuell gehalten, zumal schwierige Texte zu hören waren. Der Theologe Prof. Ebach hat sicher die exegetisch gründlichste Arbeit geleistet, aber der Arzt und TV-Unterhalter Eckart von Hirschhausen die lustigste. Originell war auch der Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo zu Hiob, sehr literarturwissenschaftlich die Anglisten Aleida Assmann über die Bindung Isaaks.

Konkreter geht es im „Markt der Möglichkeiten“ in sage und schreibe fünf Hallen  zu, wo ich mich am liebsten aufhalte. Man trifft nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch neue Gruppen und Initiativen aus allen Praxisfeldern der Kirche. Diesmal informierte ich mich eingehend bei der Gefängnisseelsorge, mit der ich die nächsten Monate beschäftigt bin.

Seelsorge und Lebenshilfe ist neben den Gottesdiensten und Andachten ein weniger beachteter Teil der Kirchentage. Mich interessierte erstmals die Angebote zum „Älter werden“ mit einem fulminanten Auftritt des Psychiaters und Hirnforschers Prof. Manfred Spitzer über die Krankheit Einsamkeit.

Ein Aufregerthema für die Presse war ein Workshop „Vulven malen“. «Ist das noch Kirche oder schon Sexmesse», fragte die «Bild»-Zeitung. Ich kann nicht mitreden, da ich noch nie auf einer Sexmesse war. Der konservative Medienwissenschafter Norbert Bolz schrieb auf Twitter, der Kirchentag sei «ein getreuer Spiegel des Zeitgeists, aber mit dem Christentum hat er nichts mehr zu tun». Dafür erhält er viel Applaus. Natürlich war er gar nicht in Dortmund. Vielleicht ist seine Meinung schon so gefestigt, dass empirische Überprüfungen überflüssig erscheinen. 2017 twitterte Bolz ebenfalls zum Kirchentag. Damals bezeichnete er die Veranstaltung als «Symptom der schweren geistigen Krankheit, an der die evangelische Kirche leidet».

Ich nahm an jenem workshop nicht teil. Aber ich hörte bei einer Diskussion im „Zentrum Geschlechterwelten“ zu, bei der es ziemlich konkret um weibliche Sexualität ging. Ich war erstaunt, welche Fragen die vielen Frauen hatten. Männer  waren kaum zu sehen. Schade eigentlich, denn es würde zwischen den Geschlechtern Vertrauen stiften, wenn man sich mal zuhört.

Den Abschlussgottesdienst im Fußballstadion hätte ich mir beinahe geschenkt, denn dauernd wurde vor Überfüllung gewarnt. So dachten wohl viele, denn es blieben Plätze frei. Außerdem kann man ja die Übertragung im ZDF sehen. Die einsame Predigerin auf dem großen, grünen Spielfeld tat mir fast ein wenig leid. Wahrscheinlich musste der Rasen geschont werden, weshalb es auch keine szenische Darbietungen gab. Ich fand den früheren Brauch schöner, dass zum Schluss noch einmal ein paar wichtige Ergebnisse vorgetragen

Nun wird man sehen, welche Anstöße jeder Teilnehmer mit nach Hause und womöglich in seine Gemeinde bringt. Ich bin jedenfalls noch einige Tage mit der Nacharbeit beschäftigt. Man kann das auch tun, wenn man nicht in Dortmund dabei war. Weitere Texte gibt es unter  http://www.kirchentag.de.

 

Jenseits von Schuld und Sühne

Im Gefängnis zu predigen ist eine besondere Herausforderung. Was können da meine Worte schon ausrichten? Am liebsten würde ich wie ein orthodoxer Priester eine Liturgie singen und mich auf die magische Wirkung der Tradition verlassen.

Um mich in die Welt der Gefangenen einfühlen zu können, habe ich mir den Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ von Hubertus Siegert angeschaut. Er fokussiert sich auf das Thema „Vergebung“ – und scheitert damit. Er versucht Angehörige von Gewaltopfern mit den Tätern ins Gespräch zu bringen. Siegert reiht dabei die Geschichten nicht aneinander, sondern lässt Differenzen und Parallelen kenntlich werden durch den ständigen Wechsel von Personen und Schauplätzen.

Da ist zunächst die Afroamerikanerin Leola aus der Bronx, deren Sohn bei einem an sich nichtigen Streit von einem ebenfalls schwarzen  Einwanderer erschossen wurde. Ihre Tochter Lisa war damals neun Jahre  alt. Die beiden wollen nicht mit dem Verurteilten sprechen, weil er seine Tat nie eingestanden hat. Stattdessen reden sie mit einem anderen Mörder in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin. Dort gibt es ein Programm, nach dem Angehörige mit (anderen!) verurteilten Gewalttätern in einer kontrollierten Moderation sprechen können. Die Zustände in dieser Anstalt sind erschütternd. So teilen sich fünfzig Gefangene einen Schlafraum. Die beiden erkennen, dass der Mörder ein Produkt der rohen Klassengesellschaft der USA ist. Ihre Gefühle voll Trauer und Wut ändert das nicht.

Der Strafvollzug in Norwegen erscheint im  Vergleich  als geradezu paradiesisch. Dort sitzt Stiva, der seine 16-jährige Freundin Ingrid erschossen hat, nachdem sie ihn in seiner Eifersucht provoziert hat. Ihr Vater Eric wirkt noch nach Jahren wie versteinert. Er ist wie seine andere jüngere Tochter zudem voller Angst, dem Mörder nach dessen Entlassung zu begegnen. Ihn erbittert, dass der nach fünf Jahren freikommt, dank des milden norwegischen Justizsystems, und es kostet Zeit und Mühe, bis er sich den Worten des reumütigen, gesprächswilligen Jungen auf einem Video aussetzt. Stiva ist sehr reflektiert. Er weiß, dass die Angehörigen ihm nicht vergeben können, wenn er  es ja nicht einmal selber kann.

Schließlich geht es um die sogenannte Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Deutschland. Patrick von Braunmühl, dessen Vater von RAF-Terroristen erschossen wurde, sucht den Kontakt mit den bis heute unbekannten Mördern. Siegert arrangiert ein Treffen zwischen ihm und dem Polizistenmörder Manfred Grashof, einem „Gründungsmitglied“, der nach zwanzig Jahren Haft begnadigt wurde. „Das Abballern von irgendwelchen Leuten“, behauptet der, sei „ursprünglich nicht vorgesehen gewesen“. Von Reue keine Spur. Müde und tonlos erzählt er, wie seine Freundin an einer Polizeisperre durch einen Kopfschuss getötet wurde. Einmal habe er sich mit der Witwe seines Opfers treffen wollen, doch dazu sei es leider nicht gekommen.

Beyond Punishment verbreitet eine einfache Wahrheit, und sie lautet: Angehörige dürfen nicht vergeben, nur die Opfer könnten es, doch sie sind tot. Der Film provoziert, manchmal quälend,  ein Nachdenken über unser Verständnis von Schuld, Strafe, Sühne und Verzeihen.

Der Tod eines Angehörigen ist das Niewiedergutzumachende, jemand fehlt, und er fehlt für immer. Auf Erden gibt es keine rettende Gerechtigkeit.

Also muss ich vom Himmel predigen? Ich werde es wieder versuchen. Zur evangelischen Liturgie gehören die Choräle, die wir mehr schlecht als recht miteinander singen. Aber vielleicht wirken sie dennoch:

„O Herr, nimm unsere Schuld, mit der wir uns belasten,                                                          und führe selbst die Hand, mit der wir nach dir tasten.“ EG 235

https://de.wikipedia.org/wiki/Beyond_Punishment

Ein strafender Gott?

Seit ich vertretungsweise als Gefängnisseelsorger tätig bin, setze ich mich wieder einmal mit Strafe und Strafvollzug auseinander. Neben politischen, juristischen und sozialen Aspekten spielen auch theologische eine Rolle.

In meiner Studienzeit der sechziger Jahre habe ich mich im Sozialpolitischen Arbeitskreis (SPAK) der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) engagiert. Es gab damals zwei Gruppen: Die einen gingen in die Gefängnisse, die andern in  die Psychiatrie. Wir dachten, dass wir hier die Elenden unserer Gesellschaft treffen. Politisches und diakonisches Engagement kam zusammen, brach aber später in  zwei sich ideologisch bekämpfenden Flügeln auseinander. Ich kannte die bahnbrechende Studie des Alttestamentlers Klaus Koch von 1955 über den hebräischen „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, d.h. jede Tat birgt die Folgen in sich. (Er ist übrigens erst kürzlich hochbetagt gestorben.) Aber es gab damals keinen Theologen, der diese Einsicht für die gesellschaftliche und kirchliche Praxis fruchtbar gemacht hätte. Im Gegenteil: Gerade die „Frommen“ konnten sich nicht genug über einen strafenden Gott und sein Gericht auslassen.

Da in Tübingen gerade eine Vortragsreihe der „Worthaus“-Theologen läuft, habe ich mir zum Thema einen hochaktuellen Beitrag von Siegfried Zimmer angehört. Er wird so angekündigt:

„Gott sieht alles, weiß alles, und wenn sich jemand danebenbenimmt, kommt der alte Mann mit dem weißen Bart und bestraft den bösen Sünder. So stellen sich immer noch viele (Nicht-)Christen das Verhältnis zwischen Gott und Menschen vor. Dabei gibt es in der hebräischen Bibel nicht einmal ein Wort für »Strafe«. Denn Gottes Job ist es nicht, den Menschen durch drastische Strafen zu einem besseren Wesen zu erziehen. Warum glauben dann so viele an einen strafenden Gott? Siegfried Zimmer klärt auf, wie sich das Verständnis von Sünde und Konsequenz im Laufe der Geschichte des Juden- und Christentums verschoben hat. Er erklärt, was wirklich die Folge von Sünde ist. Und warum nicht einmal das Weltgericht am Ende aller Zeiten etwas mit Strafe zu tun hat.“    Worthaus Pop-Up – Wipperfürth: 3. August 2018 von Prof. Dr. Siegfried Zimmer.

Der Religionspädagoge beginnt  mit einem berühmten, aber fatalen Text des mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury, dessen „Satisfaktionstheorie“ bis heute das Abendland wesentlich geprägt hat. Ohne herumzureden sagt er klar: „Dieses Modell lehnen wir ab.“ Er begründet die Ablehnung durch eine sorgfältige Betrachtung der Hebräischen Bibel, die erst in der späten Übersetzung der griechischen Septuaginta eine fragwürdige Veränderung erlebt hat. Das „Tat-Folge-Denken“ der hebräischen Bibel benötigt keinen strafenden Gott. Jede (böse) Tat bringt eine Folge hervor wie die Saat die Ernte. „Was der Mensch sät, erntet er.“ (Gal. 6,79

Neben den biblischen Erklärungen macht sich Zimmer auch Gedanken zum Strafvollzug. Der Pädagogikprofessor stellt fest, dass 92% aller Gefängnisinsassen nur Haupt- oder Sonderschulabschuss oder gar keinen haben. Dazu gibt es eine Rückfallquote, die über 50% liegt. Fragwürdig, weil nicht wissenschaftlich zu begründen ist auch das Strafmaß: Man kann kein Delikt auf eine zeitliche Dauer umrechnen. So ist es nicht verwunderlich, dass bei einem wissenschaftlichen Test 800 Richter ein und denselben Fall höchst unterschiedlich beurteilten.

Es ist unbestritten, dass sich eine Gesellschaft schützen darf. Aber sollten die „Straftäter“ nicht nach  ihrer Haft wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden? Was tun wir denn für ihre Resozialisierung?

Wenn man bedenkt, wie sehr das europäische Rechtssystem auf überkommenen, auch theologischen Traditionen aufbaut, könnte diese Revision des „Strafdenkens“ enorme Reformen freisetzen. Gott ist jedenfalls kein Knecht der traditionellen Straflogik, sondern am Shalom seiner Schöpfung interessiert.

Gibt es einen strafenden Gott? | 8.6.1

Knast

Gestern wurde ich für meine Seelsorge im Rottenburger Gefängnis „förmlich verpflichtet“. Das heißt vor allem: Klappe halten, keine Blogs schreiben über das, was ich in dieser Arbeit erlebe.

Falls jemand wissen möchte, wie es im Gefängnis zugehen kann, dem empfehle ich zwei Bücher, die ich selber kürzlich zur Einstimmung gelesen habe. Autor ist der mittlerweile pensionierte Gefängnisarzt Joe Bausch, den Fernseher seit 1997 auch als Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth in der WDR-Krimiserie „Tatort“ kennen.

Von 1986 an war er Anstaltsarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Seine Erfahrungen und Erlebnisse als Gefängnisarzt beschreibt er in seinem ersten Buch Knast (Ullstein Verlag Berlin 2012), das auch mehrere Kapitel zu seinem persönlichen Leben enthält. Sein zweites Buch Gangsterblues. Harte Geschichten. (Ullstein Verlag Berlin 2018)  beinhaltet wahre Geschichten über Verbrecher, literarisch verfremdet.

Bausch hat als Arzt sicherlich noch einen besonderen Zugang zu den inhaftierten Menschen. Er  kennt noch die alten Regeln „mit Schuld und Sühne“, hat dann aber die Justizreformen mitgestaltet. Mehr als fünfzig Suizide, Selbstverstümmelungen, Gewalt und Erpressung: Der Gefängnisarzt blickt kritisch zurück auf 25 Jahre Alltag hinter Gittern.

Wenn Bausch über die Seele des Gefangenen und das Wesen des Bösen philosophiert, über Selbstmorde und Knastgeruch und Ausbrecherkönige schreibt, spürt man seine starke Empathie. Die Eitelkeit des Autors, die hier und dort durchbricht, muss man da verkraften. Im Ganzen eine nüchterne und würdige Betrachtung von Gewaltverbrechen und wie wir damit umgehen.

Bausch möchte die Öffentlichkeit zu einem besseren Verständnis des Strafvollzugs anleiten. Er kennt die Fragen: Warum soll man denn Kindermördern, Vergewaltigern, Totschlägern und besonders Lebenslänglichen ihre Strafe noch durch Schmerzfreiheit und teure Medikamente versüßen?

Als Arzt mit Schweigepflicht kann Bausch natürlich in die Gefangenenseele mehr Einblicke gewinnen, als es einem normalen Bediensteten möglich ist, dem sich kein Gefangener anvertraut. Dadurch sind seine Beschreibungen des weggeschlossenen Lebens von einer besonderen Empathie geleitet, und seine kritischen Anmerkungen bekommen ein besonderes Gewicht.

Die Liste der praktischen Forderungen, die Joe Bausch aus seinen Erfahrungen ableitet, ist dann auch entsprechend fundiert und lang. Mehr und besser bezahltes Personal, darunter verstärkt Beamte mit Fremdsprachenkenntnissen in den gängigsten Knastsprachen, seien ebenso dringend geboten wie ein breites Angebot an gezielten Therapieangeboten.

Bausch entwickelt eine Typologie der Knastinsassen und beschreibt die besonderen Schwierigkeiten von prominenten Sträflingen. Schließlich litten mehr als fünfzig Prozent der Schwerverbrecher an massiven Persönlichkeitsstörungen (im Verhältnis zu fünf Prozent in der Gesamtbevölkerung), und eine mögliche Rückkehr in die Gesellschaft sei ohne psychologische Therapie kaum gefahrlos möglich. Aber auch die fehlenden Supervisionen für das Vollzugspersonal oder eine unangemessene Sterbebegleitung für Lebenslängliche und Sicherheitsverwahrte konstatiert Bausch in seinem Buch als einen schweren Mangel des deutschen Strafvollzugs.

Ohne seine Patienten namentlich zu nennen, erzählt Bausch in Fakten und Anekdoten vom typischen Knastgeruch wie vom Phänomen „knastschwul“. Er erklärt, warum Manager und Junkies sich in Untersuchungshaft ähnlich verhalten. Er beschreibt exemplarisch Fälle wie die Geschichte eines ehemaligen Kindersoldaten oder einer Kindsmörderin, die von der Schwangerschaft überfordert so viel fraß, dass niemand Verdacht schöpfen konnte, und das Neugeborene dann sterben ließ. Er entwickelt eine Typologie der Knastinsassen und beschreibt die besonderen Schwierigkeiten von prominenten Sträflingen. Wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang von Hirnveränderungen und Kriminalität, Fragen nach dem Wesen des Bösen und dem extremen Unverhältnis von Männern zu Frauen bei den verurteilten Tätern (70.000 zu 5000) widmet Bausch ebenso Kapitel wie schnurrigen Porträts von Ausbrecherkönigen.

Verständnis für die komplizierte Ursachenlage von Gewaltverbrechen und ein klares Bekenntnis zur Würde des Menschen erklärt Bausch zu den fundamentalen Voraussetzung, um brauchbare Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was diesen Teil der Gesellschaft dazu bewegt, böse, grausam oder ungerecht zu handeln. Und mit dieser Perspektive ist „Knast“ dann doch vor allem ein Buch über die Fehler jener, die nicht drinnen sitzen. Denn interessanter als ein Verbrechen ist letztlich die Frage, warum man es nicht verhindern konnte.

Mir haben diese Bücher geholfen, auf der Hut zu sein. Wenn man nämlich im Gottesdienst die freundlichen Männer vor sich sieht, versteht man gar nicht, warum die eigentlich im Gefängnis sind. Dass man hier nicht die üblichen Predigten halten kann, habe ich aber auch gleich selber gemerkt.

Wer lieber guckt als liest, dem empfehle ich www.youtube.com/watch?v=nRb5Znvni68.

 

 

Pfarrer J.F.Oberlin z.B.

Evangelische verehren keine Heiligen. Das hindert mich aber nicht, immer wieder herausragende Christen zu ehren. Ich denke, wir brauchen gute Vorbilder. Und nicht immer nur Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, die gern zitiert werden. Bei meiner Predigtvorbereitung hilft mir manchmal der Kalender. Heute ist z.B. der Todestag (1.6.1826) des bedeutenden  Pfarrers Johann Friedrich Oberlin. Er beweist, dass es im Evangelium nicht um bloße Theorie geht. Für mich ist er ein bleibendes Vorbild. ein Beispiel aus der Zeit, als Mitteleuropa ein Hungerland war. Gerade mal 200 Jahre her. Viele Leute lebten auf dem Land von der Hand in den Mund.

Der elsässische Pfarrer Oberlin verbesserte den Obstbau, die Wiesenanlagen und die Landwirtschaft, er legte Brücken und Straßen an, die er mit den einheimischen Bauern selbst baute, und gründete mehrere Industriebetriebe. Auf seine Initiative hin entstanden auch Kleinkinderschulen. Er  wird darum auch Erfinder der „Kindergärten“ genannt. Wäre die Gegend zugänglicher gewesen, hätten die Behörden diesen Kindergärten wohl schnell ein Ende bereitet: Jungen Frauen die Erziehung der Kleinsten anzuvertrauen, wurde in dieser Zeit als Skandal empfunden.1785 gründete Oberlin eine Leih- und Kreditanstalt. Mit deren Hilfe konnte 1813 eine Seidenband-Fabrik angesiedelt werden. In seinem Pfarrhaus hatte er außerdem eine Apotheke mit Arzneikräutern und Naturheilmitteln eingerichtet. Denn Oberlin fühlte sich nicht nur für die Seelen seiner Gemeindemitglieder, sondern auch für deren Körper verantwortlich. Deshalb ließ er Leute aus dem Dorf zu Barfuß-Ärzten und Hebammen ausbilden.

Oberlins Erziehungsgrundsatz war: „Erzieht eure Kinder ohne zu viel Strenge … mit andauernder zarter Güte, jedoch ohne Spott.“ Wenn man bedenkt, dass die „schwarze Pädagogik“ der Gewalt noch heute besteht, dann war das der Zeit weit voraus. Wir wissen heute, wie sehr Schläge in der Kindheit ein Leben vergiften können. Um die Erwachsenen zu fördern, gründete er landwirtschaftliche Vereine und führte moderne Saat- und Anbaumethoden ein. Durch sein sozialpädagogisches Wirken eröffnete Oberlin auch Frauen einen Weg in die anerkannte Berufswelt.

Berühmt wurde Oberlin auch, weil Georg Büchner, einer der bedeutendstes deutschen Dichter, ihn in der Novelle „Lenz“ verewigt. Der Schriftsteller Jakob Michael Reinhold  Lenz war psychisch krank und suchte Heilung beim Pfarrer.

Als Oberlin zu einer Reise in die Schweiz aufbricht, gerät er vollends in die Krise. Nach des Pfarrers Rückkehr ist Lenz‘ Geist zerrüttet, wiederholt will er sich des Nachts aus dem Fenster stürzen. Daraufhin lässt Oberlin den Dichter nach Straßburg transportieren. Lenz‘ weiteres Leben hat Büchner in seiner Erzählung so beschrieben: „Er tat Alles wie es die Anderen taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen.“ Für Pfarrer Oberlin ist der Besuch des schizophrenen Dichters nur eine Randepisode in seinem überaus tätigen Leben gewesen. Hätte er nicht einen Bericht nach Straßburg geschickt und wäre dieser nicht zufällig Georg Büchner zu Gesicht gekommen, niemand wüsste heute mehr von jenem Geschehnis. Die Hälfte seiner Lenz-Erzählung hat Büchner nämlich weitgehend wörtlich aus Oberlins Text abgeschrieben. Der große Dichter hat aus dem Stoff Weltliteratur gemacht.

Die Stärkung des inneren Menschen geschieht da, wo in der Verkündigung, in der Erinnerung und in der Aktivierung gemeinschaftsstiftender Begegnungen Räume entstehen, die dem Einzelnen Anerkennung, Würde und Zuspruch gewähren und ihn auf diese Weise etwas von der Rechtfertigung des gottfernen Menschen spüren lassen.