Vietnamkrieg im TV

In ARTE-TV mute ich mir die neunteilige Dokumentarfilmreihe von Ken Burns und Lynn Novick zum Vietnamkrieg zu. Sie ist so umfassend wie keine andere, wobei die ARTE-Fassung sogar gekürzt ist. Sie lässt etwa 80 Zeitzeugen zu Wort kommen, darunter zahlreiche Amerikaner und Vietnamesen, Kämpfer und Zivilisten auf beiden Seiten.

Dieser Krieg war der erste, gegen den ich als junger Student 1966 protestierte, als unsere bundesdeutschen Politiker sich zu Komplizen der verbrecherischen US-Regierung machten: Nicht nur welche von der CDU, sondern leider auch die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt von der SPD. Man wollte uns weismachen, dass Berlins Freiheit in Vietnam verteidigt wird. Es waren solche Lügen, die uns auf die Straße trieben und die mich noch heute empören. Dabei gehörte ich nicht zu denen, die nun die vietnamesischen Kommunisten idealisierten. Ich ahnte, dass auch dort die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges ist. Allerdings enthüllt der Dokumentarfilm einige Tatsachen, die ich bisher nicht wusste.

„Wer hätte etwa gewusst, dass ein Team der OSS – der Vorgängerorganisation der CIA im Zweiten Weltkrieg – 1945 über den Dschungeln von Vietnam absprang? Dass die Amerikaner damals den kranken Nguyen Sinh Cung, besser bekannt unter seinem Decknamen Ho Chi Minh, wieder hochpäppelten?

Wer hätte gewusst, dass Ho Chi Minh, als er nach dem Zweiten Weltkrieg die Unabhängigkeit von Vietnam verkündete, Thomas Jeffersons „Declaration of Independence“ zitierte – und dass dabei ein Offizier der OSS neben ihm auf der Rednertribüne stand?

Allerdings kann man sich fragen, wie viel von der demokratischen Rhetorik ernst gemeint war: Ho Chi Minh war schon damals ein überzeugter Kommunist, ein Agent der Komintern, und der Viet Minh – die vietnamesische Unabhängigkeitsbewegung – wurde längst von Kommunisten kontrolliert und ging gegen Kontrahenten mit unerhörter Grausamkeit vor.“ (Hannes Stein)

Burns zeigt die amerikanischen Kriegsverbrechen, von denen wir damals schon wussten. Aber er widerspricht auch der offiziellen vietnamesischen Version, es habe sich um einen heroischen Befreiungskrieg gehandelt. Lange bevor die Amerikaner eingriffen, war es schon ein Bürgerkrieg mit verwirrend vielen Parteien. Rücksichtsvoll war niemand.

Die Kommunisten hatten die Spezialität, ihre Feinde bei lebendigem Leib einzugraben. In einer Folge des Films berichten zwei nordvietnamesische Veteranen freimütig von der Schlacht von Hue, bei der im Februar 1968 2800 Südvietnamesen, unter ihnen Zivilisten, massakriert wurden – eine Sensation, denn das Regime in Hanoi leugnet dieses Massaker bis heute.

Dass seit Truman die amerikanische Bevölkerung hinters Licht geführt wurde, ist deutlich zu sehen. Dass aber offenbar die amerikanischen Generäle ihren eigenen Präsidenten Johnson falsch informierten, ist mir neu. Und dass der Präsidentschaftskandidat Nixon mit südvietnamesischer Hilfe trickreich die Wahl gewinnen konnte, höre ich erstmals. „Fakenews“ sind wahrlich keine Erfindung von Präsident Trump. Erschütternd ist im Grunde, dass Propagandalügen immer wieder erfolgreich sind. Zu viele Menschen wollen sie glauben.

Wenn man sich fragt, warum die USA nach Abzug der Franzosen überhaupt in diesen Konflikt eingestiegen sind, obwohl sie doch anders als diese keine kolonialen Interessen haben, dann muss man den blinden Antikommunismus nennen. Offenbar war die Angst vorm Kommunismus so groß, dass weite Kreise des amerikanischen Establishments immun für Selbstkritik wurden. Lieber eskalierte man den Krieg bis zur Erschöpfung.

Hat die Menschheit nun daraus gelernt? Ist man kritischer? Ich bezweifle das. Das Militär hat allerdings gelernt, dass es nie wieder solch freie Berichtserstattung während eines Krieges zulässt. Im Irakkrieg z.B. waren die Journalisten in die Kriegführung und ihre Propaganda eingebunden.

Der Film ist in der ARTE- Mediathek noch zu sehen. Ein guter Bericht darüber ist in http://www.spiegel.de/kultur/tv/the-vietnam-war-von-ken-burns-breaking-really-bad-a-1168641.html zu finden.

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Wahlkampf

Das waren noch Zeiten, als ich als junges Parteimitglied Plakate klebte, Prospekte verteilte und in Versammlungen die Gegenkandidaten ausbuhte. Es ging mindestens um den drohenden „Untergang Deutschlands“. Dann aber wurden Koalitionen geschmiedet und das einfache Mitglied wurde nicht mehr gefragt. Bevor ich Pfarrer wurde trat ich aus.

Es ist hoffentlich keine Alterserscheinung, dass ich den ganzen Wahltrubel nicht mehr brauche. Klar, dass die Medien gern Futter haben möchten. Wenn schon die entscheidenden politischen Fragen zu kompliziert sind, dann kann man sich immer noch über rhetorische Entgleisungen aufregen. Oder man produziert die nervigen Umfragen. Sie lenken womöglich von sachlichen Analysen ab. Dabei ist es doch einfach:

Wer mit der Regierung im Großen und Ganzen zufrieden ist, wählt eine der Koalitionsparteien, die sich immerhin in manchen Politikfeldern unterscheiden. Deren Direktkandidaten sind oft ohnehin die einzigen, die eine reelle Chance auf den Einzug in den Bundestag haben.

Wer nicht zufrieden ist, hat mittlerweile eine Auswahl kleinerer Parteien, deren Gewicht man mit seiner Stimme verstärken kann.

Ich habe mir die Programme zur letzten Wahl angeschaut, sie mit den aktuellen verglichen und geprüft, was davon denn umgesetzt wurde. Dann überlege ich, was am besten dem Gemeinwohl dient. Wohlfeile Sprüche gehören nicht dazu.

Schließlich habe ich per Briefwahl abgestimmt und kann darum das aktuelle Theater ignorieren. Ich möchte meine Zeit besser verwenden. Mir fällt dazu ein Fluch ein, der angeblich aus dem chinesischen Zitatenschatz stammt: „Mögest Du in aufregenden Zeiten leben!“ Ein Fluch wohlgemerkt. Allerdings konnte noch niemand diesen Satz in der chinesischen Literatur nachweisen. Vielleicht ist er gut erfunden.

Der deutsche Philosoph Hegel hat aber in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte bemerkt: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“

Also sollte man sich über Langeweile nicht beklagen. Mein Jahrgänger, der Philosoph Peter Sloterdijk, tut es trotzdem. Der Formulierungskünstler hat für die gegenwärtige deutsche Politik den Begriff „Lethargokratie“ gefunden:

„Lethargokratisch ist in der Tat Merkels beharrlicher Gebrauch der Langeweile-Waffe, mit deren Hilfe sie einen beachtlichen Teil der Bevölkerung dazu angeleitet hat, sich für politische Angelegenheiten nicht mehr besonders zu interessieren. Diesem Zweck dient auch die kalkulierte Kunstlosigkeit ihrer Sprache, die jeden Anflug von Interessantheit aus dem politischen Geschäft verbannt, um vom Geist der Zuspitzung nicht zu reden… Aus ihrer Sicht besetzt Angela Merkel eine wesentliche Position in der Geschichte der Politik der Entpolitisierung. Ihr Quasimatriarchat erscheint manchen Analytikern als ein Schachzug, den man in Strategen-Kreisen als die Methode der «asymmetrischen Demobilisierung» kennzeichnet.

Sie besteht im Wesentlichen darin, die politische Szene als ganze so lange mit Chloroform einzusprühen, bis große Teile der Population in eine Art Halbschlaf versinken. Dabei ist die Regel zu beachten, dass das gegnerische Lager stärker zu betäuben ist als das eigene. Kommt es zur Wahl, soll die eigene Gefolgschaft eher auf den Beinen sein als die des Gegners.“

Entpolitisierung ist eine wirkliche Gefahr für die Demokratie. Darum freue ich mich über die vielen Initiativen, die in und vor allem außerhalb von Parteien sich gebildet haben. Sie haben schon so manche Entscheidung der Regierung beeinflusst, die diese laut Programm nicht beabsichtigt hatte. Wenn die Konsumentenmacht endlich auch an Einfluss gewinnt, können selbstbewusste Demokraten sogar den vielen Lobbyisten etwas entgegensetzen. Jeden Tag unterstütze ich im Internet eine Petition, für die ich nicht einmal auf die Straße gehen muss.

Der Stern von Indien

1972 hatte ich die Gelegenheit Ostpakistan zu bereisen, das sich gerade nach einem grausamen Bürgerkrieg von Westpakistan getrennt hatte und als Bangladesh eine unabhängige Nation werden sollte. In der Hauptstadt erlebten wir Studenten einen aggressiven, ethnisch bestimmten Wahlkampf. (Seitdem weiß ich langweilige Wahlkämpfe zu schätzen.) Diese Erinnerungen kommen wieder hoch, wenn ich jetzt die Nachrichten von ethnischen Kriegen in Myanmar sehen muss, die man nicht zu Unrecht auf die britische Kolonialzeit zurückführt. Andererseits könnte man nach drei Generationen hoffen, dass alte Konflikte endlich einmal überwunden werden. Doch nicht nur in Kaschmir bricht der religiös geschürte Hass immer wieder auf.

Leider wenige Tage nur läuft hier der Film „Der Stern von Indien“ (Original: „Viceroy’s House“), der von der schweren Geburt der beiden Nachfolgestaaten Indische Union und Pakistan im August 1947 erzählt.

Man kennt historische „Dokudramen“ vom Fernsehen, in denen archiviertes Filmmaterial mit Spielfilmszenen kombiniert werden. Das sind oft nette Geschichtslektionen.

Leider kann sich die Regisseurin Gurinder Chadar nicht entschließen, ob sie mehr unterhalten oder historisch informieren will. Eine ziemlich aufgesetzte Liebesgeschichte, hölzerne Polit-Dialoge und reichliche Kostümschau wechseln mit alten Wochenschauaufnahmen.

Der ehemalige Admiral und Abkömmling der Queen Victoria Lord Mountbatten soll als Vizekönig die bisherige Kronkolonie in die Unabhängigkeit führen. Doch der Führer der Muslim-Liga Ali Jinnah will für seine Glaubensgenossen einen eigenen Staat. Die mehrheitlich von Hindus dominierte Kongresspartei unter Nehru möchte das vergeblich verhindern. Der am 3. Juni 1947 veröffentlichte „Mountbattenplan“ legte die künftigen Grenzen fest. Was der Vizekönig nicht wusste – mir war das bisher auch nicht bekannt! -: Der britische Premierminister Churchill hatte diese Aufteilung schon einige Jahre vorher beschlossen, um einen Zugang der Sowjetunion zum arabischen Öl zu verhindern. Im Sinne einer „Zwei-Nationen-Theorie“ wurde der Kontinent geteilt und in die fragile Unabhängigkeit entlassen. Nach dem großen Jubel folgt das schlimme Erwachen. Den folgenden Terror spart der Film nicht aus. Nicht erwähnt wird, dass es über die bis heute ungelöste Zugehörigkeit Kaschmirs zu einem ersten regelrechten Indisch-Pakistanischen Krieg kam.

Die Regisseurin arbeitet mit dem Film auch ihre eigene Familiengeschichte auf. Ihre Vorfahren wurden aus Punjab vertrieben. Angeblich interessieren sich ihre eigenen Kinder nicht mehr dafür. So wollte sie für die junge Generation diesen Film mit hohem Unterhaltungswert drehen.

Mir reichte 1972 ein Roman des indischen Autors Kushwant Singh, um diese Tragödie zu verstehen. Erstmals 1956 erschienen, stellt sein Buch ein geschickt arrangiertes soziales und politisches Sittengemälde des Jahres 1947 in Indien dar. Straff erzählt, bietet Singh authentische Elemente und die ganze Vielfalt des Personals vom Idealisten bis zum Proletarier. 2008 gab es eine neue Übersetzung: Khushwant Singh, Der Zug nach Pakistan, Insel Verlag Frankfurt.

1998 verfilmte Pamela Rooks den Roman unter dem Titel „Train to Pakistan“. Er ist bei youtube zu sehen. https://www.youtube.com/watch?v=lOfSdEPDQQ0.

Aurundhati Roy in Tübingen

Seit meinem Praktikum 1972  in der Gandhi-Peace-Foundation bei Bangelore beschäftige ich mich mit diesem faszinierenden Indien in allen möglichen Aspekten. In jugendlicher Unbekümmertheit dachte ich damals, dass das Problem der Armut und des Kastenunwesens in wenigen Jahrzehnten gelöst sei. Es war mein Glück, dass ich als Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll jährlich Indien-Tagungen organisieren konnte. Allerdings konnte ich mich nie über einen derartigen Zuspruch wie gesternabend freuen. Literatur ist eben attraktiver als entwicklungspolitische Menschenrechtsarbeit.Das Audimax der Universität Tübingen füllte sich bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung mit der berühmten indischen Schriftstellerin  Arundhati Roy. Sie ließ sich zu ihrem neuen Buch „Das Ministerium des äußersten Glück“ interviewen und  las daraus einige Passagen in ihrem „indianenglish“ selbst. Andere Teile der schon berühmten Übersetzung wurden von einer Schauspielerin vorgetragen.

Ihren ersten Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ von 2007, der wesentlich in ihrer Heimat Kerala spielt,  habe ich mit Begeisterung gelesen. Dann kamen  politische Essays, Reportagen über den Guerillakampf der Maoisten in den indischen Wäldern. Sie warf sich als Aktivistin in vorderste Front, wenn es um Atomwaffen, Staudämme, Umsiedlung, Umweltzerstörung und immer wieder Kaschmir ging. Sie musste und muss (!) wegen ihrer Aussagen ihre Ermordung fürchten.  Wenn man diese zierlich Frau leibhaftig sieht, kann man kaum glauben, welche Kraft von ihr ausgeht. Mit dem neuen Roman, der den Kaschmir-Konflikt aufnimmt, habe ich allerdings Mühe. Und nicht nur ich.

Jede Nach rollt Anjum, oder von hinten gelesen Mujna, ihre Schlafmatte auf einem Friedhof in Delhi aus. Das ist keine Phantasie. Viele arme Leute leben dort tatsächlich zwischen den Gräbern. Sie sei alle, erklärt sie, entzieht sich möglichen Definitionen. „Ich bin „mehfil“, eine Versammlung von allen und niemand“, sagt sie über sich.

Anjum ist eine Intersexuelle, geboren Ende des 20. Jahrhunderts, aufgewachsen als Junge. Sie suchte Zuflucht in einem Bordell, ließ sich umoperieren und ist nun, nach einem traumatischen Gewalterlebnis, innerlich zersplittert. Als sie versteht, dass sie selbst in ihrer Wahlheimat unter den anderen Transfrauen in Stereotype gepfercht wird, fängt Anjum neu an. Auf dem Friedhof – als ob sie erst hier, auf den Schichten so vieler vergangener Leben, eine neue Zukunft entwerfen könnte.

Es geht um nichts weniger als die politische Identität Kaschmirs, und Indiens. Im Zentrum: Eine von Anjum erdachte Glücksrepublik, die sich auf jenem Friedhof immer weiter ausbreitet. So, dass alles ein einziger Schwellenraum wird ohne fixes Innen und Außen. Wo alle Platz haben, die kommen wollen.

Arundhati Roy hat ein Universum entworfen, in dem sich viele Perspektiven nach und nach ergänzen, wenn sich die Mosaikstücke zu einem großen Ganzen füllen. Wie sie in einem berühmten Essay gegen Atomwaffen schrieb:

„Hiermit erkläre ich mich als unabhängige, mobile Republik. Ich bin eine Bürgerin der Erde. Ich besitze kein Land. Ich habe keine Flagge. Ich bin eine Frau, habe aber nichts gegen Eunuchen“. Aber darüber wurde gesternabend nicht diskutiert.

Für einige Fragen war noch Zeit, die aber eher im literarischen Horizont blieben. Politik wurde weithin ausgeklammert. Dabei wäre die Meinung der Autorin doch interessant gewesen, wie sie etwa die Politik der Bundesregierung findet.

Da der langjährige Leiter der „Dalit-Solidarität“ Walter Hahn im Hörsaal war, aber sich nicht meldete, möchte ich wenigstens auf deren Internetauftritt hinweisen. An dieser „Dalit-Solidarität“ beteiligen sich alle möglichen kirchlichen Organisationen, die sich für die Dalits, die „Kastenlosen“ einsetzen. Man kann nämlich etwas konkret tun.

http://www.dalit.de

Ökumene in Wittenberg

Da in Thailand gerade die Pfarrer wechseln, wurde ich gebeten, noch einmal für das „Begegnungszentrum Pattaya“ zur Verfügung zu stehen, und zwar in Wittenberg im „Gasthaus Ökumene“ der EKD. In diesem Pavillon trafen sich diverse Gemeinden, Gruppen oder einzelne Persönlichkeiten aus der weltweiten Kirche. In unserer Woche waren neben der deutschsprachigen Gemeinde in Thailand die Lutherische Kirche Georgiens und Protestanten aus San Francisco zugegen.

Darüberhinaus hatte ich Gelegenheit, die Lutherstadt einmal wiederzusehen. Ich habe mich gefreut, dass das Reformationsjubiläum für einen gehörigen Renovierungsschub im Ort gesorgt hat.

In der „Weltausstellung Reformation“ gab es den ganzen Sommer über enorm viele Ausstellungen und Veranstaltungen, dazu Konzerte und Aktionen aller Art. Fast 300000 Besucher wurden gezählt. Besonders eindrucksvoll fand ich die Kunstausstellung „Luther und die Avantgarde“, die allein 31000 Besucher anlockte. Leider hatte ich das berühmte „Asisi-Panorama“ nicht geschafft. Aber das ist noch länger zu sehen. Die „Reformationsbotschafterin“ Margot Käßmann will ein Buch mit ihren Beobachtungen herausgeben. Sie war vielfach unterwegs und hat die Predigt im Abschlussgottesdienst gehalten.

Mit Blick auf die zahlreichen Besucher aus dem Ausland zum Reformationsjubiläum sagte Käßmann, »2017 haben wir nicht deutsch-national gefeiert, sondern international…In einer Zeit, in der so manche in Europa, den USA und andernorts Nationalismus aus der Mottenkiste der Geschichte holen wollen, sagen wir: Nein! Wir sind eine Kirche über nationale Grenzen hinweg«, betonte die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende. Man kann den Gottesdienst in der ZDF-Mediathek anschauen: https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste/evangelischer-gottesdienst-252.html

Wie bei großen Kirchentagen finde ich immer die kleine Begegnungen wertvoller als die medienwirksamen Großveranstaltungen. Wann kann ich schon einmal sonst mit einer lutherischen Pastorin aus Georgien mich ausführlich unterhalten? Ich finde es erfreulich, dass es in diesem orthodoxen Land mit seinem mich mittelalterlich anmutenden Klerus überhaupt Evangelische gibt und diese nicht wie sonst in der ehemaligen Sowjetunion die Orthodoxen noch reaktionär übertreffen. Sondern beherzte Frauen die Kirche neu aufbauen und leiten.

Ebenso erfrischend war die Begegnung mit Christen aus Kalifornien, weil sie einen angenehmen Kontrast zur Politik ihres Präsidenten bieten. Sie kümmern sich nämlich um die Einwanderer am Rand der Gesellschaft, die viele ausgrenzen möchten.

Bei Professor Wellenreuther hatte ich gelesen: «Die Freiheit eines Christenmenschen» umfasst in Nordamerika nicht nur den religiösen Menschen, sondern auch den Bürger mit seinen Rechten und Pflichten. Freiheit bedeutet für ihn nicht, Rechte und Pflichten an den Staat zu delegieren, sondern diese auch mit den damit verbundenen finanziellen Verpflichtungen wahrzunehmen. Dass dies auch das Recht auf Schutz des eigenen Lebens und damit den Besitz von Waffen impliziert, sei nur am Rande erwähnt.

Für viele amerikanische Bürger ist Freiheit nicht nur ein politischer, sondern – und dies ist lutherisch gedacht – auch ein religiöser Wert. Und den muss man nicht nur glauben und leben, sondern für den muss man auch etwas tun – auch mit dem Geldbeutel. Geht man am Sonntag in die presbyterianische Kirche, dann zückt hier wie überall sonst in den USA der Kirchgänger, der meist auch Gläubiger ist, einmal im Monat sein Checkbuch – er schreibt einen Check, steckt ihn in ein vorbereitetes Couvert und deponiert dieses in einem Fach vor seinem Sitz. Kirche, Gottesdienst, Pfarrer, caritatives Engagement der Gemeinde, Kirchen- und Gemeindegebäude – all dies kostet Geld und wird mit Spenden bezahlt… Ansätze zur Erinnerung an das Luther-Jubiläum sind, soweit feststellbar, alle von Deutschland initiiert. Wirkungsmächtig sind dabei die drei großen Ausstellungen «Martin Luther: Art and the Reformation»«Word and Image. Martin Luther’s Reformation» und «Law and Grace: Martin Luther, Lucas Cranach and the Promise of Salvation», die bis Januar 2017 mit hohem finanziellem Aufwand der deutschen Regierung in Minneapolis, New York und Atlanta durchgeführt wurden und großen Zuspruch fanden – Zuspruch, der aber vielleicht eher den spektakulären Ausstellungsstücken und den reich bebilderten Katalogen als den Verdiensten Luthers geschuldet ist. Hermann Wellenreuther lehrte mittlere und neuere Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen; er ist Autor einer vierbändigen Geschichte der USA in der frühen Neuzeit.
Und Pattaya? Ich war überrascht, dass einige Freunde des Begegnungszentrums extra nach Wittenberg gekommen waren. Diese Anhänglichkeit finde ich geradezu rührend. Ich freue mich, dass nun schon mein dritter Nachfolger die Arbeit fortsetzt. Vgl. http://www.die-bruecke.net.

 

Israel-Sonntag

Die Evangelische Kirche begeht seit langem am 10. Sonntag nach dem Fest der Dreieinigkeit (Trinitatis) ihren „Israel-Sonntag“. Nicht alle Prediger nehmen das Thema „Israel“ auf, kann man sich doch damit auch in der Kirche viel Ärger einhandeln. Denn kaum einer denkt an den biblischen Begriff „Israel“, sondern aufgrund der Nachrichtenlage natürlich an den heutigen Staat Israel. Trennen kann man das nicht, wohl aber unterscheiden.

Prof. Dr. Klaus Müller ist Vorsitzender der Konferenz landeskirchlicher Arbeitskreise „Christen und Juden“ im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er schreibt u.a.:

Die Gottesdienste am 20. August werden geprägt sein vom Herzstück biblischer Israeltheologie, die die Unverbrüchlichkeit des Bandes zwischen Gott und seinem Volk bezeugt. Ob in der Sprache der Psalmen: „Der Herr gedenkt ewiglich an seinen Bund, den er geschlossen hat für tausend Geschlechter, an den Bund, den er geschlossen hat mit Abraham. Und an den Eid, den er Isaak geschworen hat (Ps. 105,8-9). Oder in der Sprache des Apostels Paulus: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ (Römer 11,29). Allemal Aufforderung genug um abzulassen von den alten Lehren der Enterbung und der Ersetzung des einen Gottesvolkes durch ein anderes.

Am Israelsonntag 2017 jähren sich eine Reihe von Daten, deren Zusammenschau zu denken gibt: 1917 sagte die Kolonialmacht England in der sog. „Balfour-Deklaration“ den Vertretern der Juden in Europa die Unterstützung im Aufbau einer nationalen Heimstätte in Palästina zu; der UN-Teilungsbeschluss 1947 sah im Mandatsgebiet Palästina die Bildung eines jüdischen und eines arabischen Staates vor; vor nun 50 Jahren eroberte die israelische Armee im Sechstagekrieg 1967 das Westjordanland, den Gazastreifen, den Sinai und die Golanhöhen – und 2017? Zeit, diese schwierigen Daten konstruktiv-kritisch „zusammenzudenken“.

Israel ringt um seine Zukunft als demokratischer und jüdischer Staat inmitten eines palästinensischen Volkes, das seine Selbstbestimmung einfordert. Politische Lösungen sind Sache fairer Verhandlungen – sie stehen nicht in der Bibel geschrieben. Sehr wohl aber geschrieben stehen in der Bibel Grundprinzipien der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens für alle Menschen an allen Orten dieser Erde – allemal Leitlinien für die Suche nach politischen Antworten heute, auch in Nahost.

Apropos 2017: Dieses Jahr birgt selbstverständlich noch eine weitere Herausforderung und Chance – auch für den Gottesdienst am Israelsonntag. Der 20. August im Jahr des Reformationsjubiläums ist eine überfällige Gelegenheit für die Kirche und ihre Verkündigung, sich von den letzten Resten eines Antijudaismus loszusagen, der das geliebte Eigene auf Kosten eines schwarzgemalten Anderen zum Ausdruck zu bringen sucht. Im Klartext: Das Evangelium hat es nicht nötig – anders als Martin Luther es meinte – vor der dunklen Folie eines angeblich gesetzesverhafteten Judentums zum Leuchten gebracht zu werden.

Die Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden (KLAK) formulierte in ihrem Zwischenruf zur Reformationsdekade:

„Zeitlebens schöpfend aus den Worten der Hebräischen Bibel konnte Luther doch zu keiner Zeit eine aus dieser Schrift lebende jüdische Glaubens- und Lebensweise positiv in seiner Theologie denken. In den Psalmen fand er seine reformatorischen Grundgedanken wieder – dem real lebenden Volk der Psalmen konnte er aber zu keiner Zeit einen theologischen Wert zuschreiben. Statt eines unverstellten Wahrnehmens jüdischer Menschen und ihrer Glaubenswelt folgte der Reformator einem kursierenden Halbwissen aus zweiter Hand. Ein einziges Mitvollziehen synagogaler Liturgie an den Hohen Feiertagen zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur hätte dem Prediger der unverdienten Gnade Gottes die antijüdische Binde von den Augen nehmen können:  “ Unser Vater, unser König, sei uns gnädig und erhöre uns, denn wir haben keine Werke vorzuweisen! Übe an uns Gerechtigkeit und Gnade und errette uns!“ So betet die Synagogengemeinde seit Jahrhunderten überall auf der Welt. Stattdessen blieb für Luther das Judentum die personifizierte Selbstgerechtigkeit und buchstäbliche Gotteslästerung.“

Diese Analyse gibt allen Anlass zu kirchlicher Selbstkritik, zu Buße und zum Neuanfang – der ersten der 95 Thesen Luthers durchaus gemäß. Die Synode der EKD zeigt sich in ihren beiden Kundgebungen 2015 und 2016 in einer erstaunlichen Klarheit dieser Überzeugung verpflichtet.

Reformationsjubiläum 2017. Übrigens steckt im Wort „Jubiläum“ das hebräische jovel, welches wie der Ausdruck Schofar das Widderhorn bezeichnet, das zur Umkehr und zur Abkehr von alten Fehlentwicklungen ruft. In diesem Sinne kann und soll sich die reformatorische Kirche gerade am Israelsonntag 2017 als eine ecclesia semper reformanda (immer zu reformierende Kirche)  zeigen. Stimmen wir auch in diesem Jahr mit ein in die Friedensbitte der Psalmen: „Sh’alu Shlom Jerushalajim“ – „Bittet um Frieden für Jerusalem; es möge wohl gehen denen, die dich lieben …!“

Unsere Predigten leiden heute unter langweiligen „Allgemeinheiten“. Deswegen würde ich einen aktuellen Konflikt ansprechen, und zwar den Israel-Boykott von BDS, wie er sich jüngst in Berlin an einem Pop-Festival entzündet hat:

Die israelische Sängerin Riff Cohen, deretwegen die BDS-Kampagne zum Boykott des Festivals Pop-Kultur aufrufen hat, hat selbst, wie Jan Kedves in der Süddeutschen Zeitung schreibt, arabische Wurzeln, ihr Vater ist tunesisch-jüdischer, ihre Mutter algerisch-französisch-jüdischer Abstammung: „Es gibt viele Kooperationen von Künstlern, die politisch Gegner sein könnten, aber in der Kunst zusammenfinden. So hätte es auch in Berlin sein können. Bis die Boykott-Agitatoren mit ihren Lügen alles zerstörten… Die BDS-Kampagne hat auf ihrer Website inzwischen die Behauptung zurückgezogen, das Festival sei von Israel ‚mitorganisiert‘. ‚But that’s not the point‘, heißt es. Es gehe um Israels Besetzung von Palästina. Doch, genau das ist der Punkt: Eine jüdische Künstlerin wird mit der Politik der israelischen Regierung gleichgesetzt. Das trägt Züge von Antisemitismus.“

Mobilmachung

Eigentlich hat mich der Titel „Eurotaoismus“ gelockt, versprach ich mir doch Aufklärung über eine mir schwer verständliche chinesische Philosophie und Religion. Doch Peter Sloterdijk, der ehemalige Bhagwan/Osho-Jünger, bietet in seiner „Kritik der politischen Kinetik“ (edition suhrkamp Frankfurt 1989) dazu wenig, genauer: Zwei Zeilen und ein Zitat aus dem Tao Te King. Stattdessen finden sich in seiner bekannten Machart allerlei Sprachspielereien und Sentenzen, die auch nach mehrmaliger Lektüre nicht zu verstehen sind. Man begreift, dass der Philosoph Amerikaner beneidet: „Das alte Europa hat es schwerer, und ein Schriftsteller, der hier mit Politikern diskutiert, auch. Keine Spur von transatlantischer Entspanntheit und keine Rede vom Tao der Politik. Hier ist die protestantische Ethik noch intakt.“

Geradezu prophetisch liest sich allerdings die Passage über „Mobilmachung“, in der er den Autokult beschreibt. Das ist eine Religionskritik, die eigentlich die evangelische Theologie hätte leisten müssen.

„Weil in der Moderne das Selbst ohne seine Bewegung gar nicht gedacht werden kann, gehören das Ich und sein Automobil metaphysisch wie Seele und Körper derselben Bewegungseinheit zusammen…Darum ist das Automobil das Allerheiligste der Moderne, es ist die kultische Mitte einer kinetischen Weltreligion, es ist das rollende Sakrament, das uns Teilhabe verschafft an dem, was schneller ist als wir selbst. Wer Auto fährt, nähert sich dem Numinosum, er fühlt, wie sein kleines Ich sich zu einem höheren Selbst erweitert, das uns die ganze Welt der Schnellstraßen zur Heimat gibt und uns bewußt macht, dass wir zu mehr berufen sind als zum halb tierischen Fußgängerleben.“ S. 42

Mir scheint allerdings, dass wir in diesem Sinne gerade eine Art „Götterdämmerung“ erleben. Die Chefs der Autoimperien sahen kürzlich beim „Diesel-Gipfel“ ziemlich belämmert drein. Mein Nachbar, der vor kurzem noch mit seinem Ferrari aus der Garage dröhnte und kaum um die Kurve unserer Gasse kam, merkte wohl, dass im gleichmacherischen Stau die  „freie Fahrt für freie Bürger“ bald beendet ist. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen bewies jüngst in einer Wettfahrt mit einem Auto, dass er mit der Fahrrad schneller ans Ziel kam. (Wenn auch die Bedingungen   nicht ganz fair waren.)

Schön wäre es, wenn Sloterdijk mit seiner Zukunftsahnung recht bekäme: „Ein anderes Zeitalter wirft seine Schatten voraus. Auch wer das Wort Postmoderne noch nie gehört hat, ist an diesen Nachmittagen im Stau bereits mit der Sache vertraut geworden.“

Heute nun noch diese Meldung: Die Autohersteller überschreiten nach ARD-Informationen nicht nur den Ausstoß von Schadstoffwerten bei ihren Wagen, sondern auch Lärmgrenzwerte. Das Magazin „Plusminus“ berichtet, dass viele Autos und Motorräder auf der Straße viel lauter seien, als bei der Typenzulassung im Prüflabor. Das hänge damit zusammen, dass es bei den Tests allein auf die Geräuschentwicklung bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde ankomme. Wenn man schneller fahre, würden die Autos wesentlich lauter. Verursacht wird der Lärm unter anderem durch spezielle Auspuffanlagen, die serienmäßig in die Autos eingebaut würden.

Journalisten sprechen da gern verharmlosend von „tricksen“ oder „schummeln“. Es ist aber Betrug im großen Stil!

Und wir werden für dumm verkauft: Mit zahlreichen Prämien wollen die großen Autohersteller erreichen, dass Kunden ihre älteren Diesel-PKW abstoßen – das Angebot gilt aber nur bei Neukäufen. Im Prinzip dienen diese Aktionen dazu, noch viele Diesel mit Euro 6 zu verkaufen – insofern ist das Angebot besonders für die Autokonzerne selbst attraktiv. Eigentlich ist es eine Verkaufsaktion unter dem gefälligen Titel „Umweltschutz“.

Maos Verbrechen in Changchun

Die Verbrechen Mao Tsetungs sind einerseits so maßlos, andererseits so verschleiert, dass man sich keinen Begriff davon machen will. Nicht nur unbelehrbare Ideologen wie die Kommunisten der MLPD halten Mao noch immer für einen Befreier seines Volkes. Konnten in den sechziger Jahren Journalisten noch der Mao-Propaganda auf den Leim gehen, gibt es dafür heute nach unzähligen Belegen keine Entschuldigung mehr. Allerdings ist die Volksrepublik jetzt so mächtig, dass offene Kritik an Mao kaum noch möglich ist. Chang und Halliday schreiben in ihrer Mao-Biografie über ein Kapitel des Bürgerkriegs, das mich besonders interessiert, weil ich in der Stadt Changchun kürzlich fast drei Monate gearbeitet habe. Sie schreiben u.a.:

Maos schlagkräftigste Waffe war Mitleidslosigkeit. 1948, als er in Richtung Changchun in der Mandschurei zog und ein direkter Angriff scheiterte, gab er den Befehl, die Stadt auszuhungern. Wörtlich lautete Maos Befehl an Lin Biao, den Befehlshaber vor Ort: „Mach aus Changchun eine Totenstadt.“

Der verteidigende Kommandant, General Cheng Tung-kuo, ein Kriegsheld aus dem Krieg gegen Japan, lehnte eine Kapitulation ab. Da die Nahrungsmittel für die 500000 Einwohner nur bis Ende Juli reichten, versuchte er die Zivilbevölkerung zu evakuieren.

Mao notierte Lin Biaos Antwort: „Zivilisten dürfen die Stadt auf keinen Fall verlassen.“ Die Kommunisten ließen all jene gehen, die Waffen oder Munition besaßen, weil sie hofften, das werde die nationalistischen Soldaten zum Überlaufen bewegen; Zivilisten dagegen wurden aufgehalten. Maos Kalkulation ging dahin, dass General Cheng „ein netter Kerl“ war, wie er zu Lin Biao sagte, und kapitulieren würde, wenn er sah, wie massenweise Zivilisten verhungerten. Mao selbst empfand zwar niemals Mitleid, aber er wusste, wie er das Mitgefühl anderer manipulieren konnte. Doch Cheng harrte bis zuletzt aus, obwohl er verzweifelt war.

Nach drei Monaten Abriegelung der Stadt berichtete Lin Biao an Mao: „Die Blockade… hat bemerkenswerte Resultate erbracht und eine schwere Hungersnot in der Stadt verursacht… Die zivilen Einwohner leben hauptsächlich von Blättern und Gras, und viele sind bereits verhungert…“

„Unsere Hauptstrategie bestand darin, das Verlassen der Stadt zu verbieten“, schrieb Lin Biao. „Entlang der Frontlinie haben wir alle 50 Meter einen Wachtposten aufgestellt, dazu Stacheldraht und Gräben, und alle Schlupflöcher geschlossen…“

Die Politik war so brutal, dass die Soldaten davor zurückscheuten, sie durchzusetzen. Lin Biao berichtete Mao: „Massenhaft knieten verhungernde Menschen vor unseren Soldaten… Einige legten ihre Säuglinge vor den Männern ab und kehrten selbst zurück, andere erhängten sich bei den Wachtposten…“

Selbst der hartherzige Lin Biao empfahl, die Flüchtlinge gehen zu lassen. Mao antwortete nicht. Lin kannte Maos Taktik, Ablehnung durch Schweigen auszudrücken, und erteilte auf eigene Verantwortung am 11. September einen Befehl: „Lasst die Flüchtlinge aus Changchun…sofort gehen.“ Aber der Befehl wurde nicht ausgeführt, was nur bedeuten kann, dass Mao ihn aufhob.

Ab Mitte September registrierte der Bürgermeister von Changchun einen starken Anstieg der Todeszahlen, weil nun die Blätter fielen, die letzte Nahrungsquelle. Am Ende der fünfmonatigen Belagerungszeit war die Zahl der zivilen Einwohner von 500000 auf 170000 zurückgegangen. Die Zahl der Toten übertraf die höchsten Schätzungen für das japanische Massaker in Nanjing 1937.

Berichte über diese monströse Gräueltat wurden unterdrückt. Die wenigen Einwohner, die gehen durften, bekamen vier „Flüchtlingsregeln“ in ihre Pässe gestempelt, eine davon lautete „keine Gerüchte verbreiten“ – das hieß: nicht reden. Das Modell von Changchun – die Zivilbevölkerung verhungern lassen, um die Verteidigungskräfte zur Kapitulation zu bewegen – wurde „in einigen Städten“ praktiziert, wie der kommunistische General Su Yu es verständlicherweise vage formulierte.

Selbst die beschönigenden offiziellen Angaben der KPC nennen die Schreckenszahl von 120000 verhungerten Zivilisten in Changchun.

Jung Chang, Jon Halliday: Mao, Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, München 2005, S.409ff.

Der Autoskandal

Nachdem ich fast drei Monate seelsorgerlich mit Autobauern – Ingenieure, Verkäufer, Manager – in Changchun (China) gearbeitet habe, habe ich einen gewissen Eindruck von ihrem Innenleben. Ich war erstaunt über das durchaus kritische Bewusstsein zur Mobilität und den verständlichen Ärger über “Dieselgate“. Ihr Dogma war aber immer: „Wir bauen Autos, die die Kunden wollen.“ Ganz falsch ist das nicht!

In der gegenwärtigen Debatte fällt auf, dass die Autofirmen zu Recht kritisiert werden, viel zu wenig die mitverantwortlichen Politiker und überhaupt nicht die Autokäufer. Diese gelten als unschuldig, da sie es „ja nicht gewusst“ haben. Das stimmt aber nicht. Die Umweltfeindlichkeit der Autos allgemein und der Dieselmotoren im Besonderen ist lange bekannt. Irgendwann in den 80iger Jahren las ich ein Buch „Umweltfeind Auto“, das leider nicht mehr lieferbar ist. Ich gab danach meinen „Jetta- Diesel auf. Seit dieser Zeit ärgere ich mich über die Ignoranz meiner Zeitgenossen, die selbst für kurze Entfernungen das Auto benutzen. In den 90iger Jahren gab ich mein Auto ganz auf und führte in unserer Gemeinde „Teilauto – Carsharing“ ein. Spott war die Folge. Die meisten wollen „Spaß am Fahren“ haben, schauen vielleicht noch auf den Preis. Alles andere ist egal. Mütter bringen ihre Kinder in SUVs zum Kindergarten, „weil der Verkehr so gefährlich ist“. Absurd! Dennoch finden sich in der Kirche m.E. die meisten Leute, die den Autokult ablehnen und nach intelligenten Mobilitätskonzepten suchen.

Es ist sicher richtig, dass Seelsorger zunächst den Einzelnen im Blick haben. Angesichts der Kartell-Vorwürfe gegen fünf deutsche Automobilkonzerne mahnt der Wolfsburger Industriepfarrer Peer-Detlev Schladebusch, die Mitarbeiter nicht vorschnell zu verurteilen. »Die meisten, die da arbeiten, haben die Fehler nicht gemacht«, sagt der evangelische Theologe. Aber auch: »Wo steigende Renditeforderungen eine Rolle spielen, stellt kühle Strategie die Ethik oft hintenan.« Dabei hätten viele Menschen eine große Sehnsucht, verantwortungsvoll zu handeln. Dies stelle er etwa in den Gebetskreisen großer Konzerne, darunter VW, Daimler, BMW, Opel, Audi, Porsche oder Bosch, fest. Schladebusch ist Sprecher der Initiative »Christen in der Automobilindustrie« (CAI). In den Gebetsrunden werde für persönliche Anliegen gebetet, aber auch für die Lösung von Konflikten im Unternehmen oder für die Vorstände. Die Gebetskreise funktionierten auch als Netzwerk und seien eine Art »Gütezeichen« für die Unternehmen: »Die Forscher, Ingenieure oder Fließbandarbeiter geben einander Mut, eigenverantwortlich zu handeln.«

Ich wundere mich, dass es kaum deutliche Kritik aus Kirchenleitungen gibt. Liegt es daran, dass unsere Bischöfe selber gern große Autos fahren (lassen)? Haben sie Angst vor dem „Totschlagsargument“ der gefährdeten Arbeitsplätze? Fürchten sie die Lobby der Autoindustrie?

 Die Suche nach Alternativen muss weitergehen. Das Elektroauto ist jedenfalls keine Lösung, solange der Strom aus Kohle oder Atomkraftwerken gewonnen wird. Von anderen Umweltproblemen zu schweigen. Es wird höchste Zeit, dass nicht nur die Hersteller und Politiker, sondern auch die „Verkehrsteilnehmer“ umdenken.

Der Umweltökonom Niko Paech verspricht sich vom Autoskandal, dass der motorisierte Individualverkehr insgesamt auf den Prüfstand kommt. Öffentlicher Verkehr oder das Fahrrad bergen seiner Ansicht nach „unglaublich tolle Potenziale, gerade für die Fortbewegung innerhalb einer Stadt“, sagte er im Deutschlandfunk.

http://www.deutschlandfunk.de/wachstumskritik-das-auto-ist-kein-normales-produkt.694.de.html?dram:article_id=392533

Zum Tod von Liu Xiaobo

An jenem besonders heißen Juli-Tag in Peking schlendern wir mit gefühlt tausenden chinesischen Touristen über den „Platz des Himmelsfrieden“ „Tian’anmen“. Hinter uns ruht Mao (oder eine Kopie der Leiche?) in seinem Mausoleum. Heute ist es geschlossen. In der Mitte feiert ein Denkmal die „Volkshelden“, darunter die Studenten des Pekinger Aufstands von 1919. Kein Hinweis indessen erinnert an die Toten der friedlichen Demonstration von 1989. Nur die vielen Militärs, die überall wie Zinnsoldaten Wache halten, von den uniformierten und nichtuniformierten Polizisten ganz zu schweigen, weisen auf die Nervosität der Regierung hin. Hier soll künftig nichts mehr anbrennen.

Aus aktuell-traurigem Anlass – der Tod von Liu Xiaobo – lese ich noch einmal die mich tief berührende Biografie von Bei Ling „Der Freiheit geopfert“ Riva Verlag München 2010. (Hoffentlich gibt es eine Neuauflage mit Ergänzung der letzten sieben Jahre!) Er schreibt ausführlich über die dramatischen Geschehnisse 1989. Am 4. Juni hatte Liu wesentlich durch seinen Pazifismus dazu beigetragen, dass auf dem Platz selbst kein Menschen zu Schaden kam. Er konnte das Militär dazu überreden, die Demonstranten abziehen zu lassen, und die Studenten in letzter Minute dazu bringen, tatsächlich den Platz zu räumen. Nach der Niederschlagung wurde Liu dennoch als einer der Rädelsführer verhaftet. Nach eineinhalb Jahren in Haft schrieb er ein Schuldbekenntnis, das er später bitter bereute. Liu hatte für dieses Selbstbezichtigungspamphlet alle linientreuen Hetzartikel über sich gelesen und daraus eine Totalanklage formuliert. Er schämte sich, das Massaker nur aufgrund seines Ruhms überlebt zuhaben, während viele namenlose Demonstranten gestorben sind, so wie der Schüler Jiang Jielian, der an einer U-Bahnstation zusammen mit 35 anderen Menschen erschossen worden war. Nach seiner Freilassung freundete Liu sich mit den Eltern des Jungen an, dem er ein Gedicht widmete. In dessen Vorwort heißt es: „Gegenüber der Seele eines jungen Toten ist mein Überleben ein Verbrechen. Dass ich dir ein Gedicht schreibe, ist für mich beschämend. Die Lebenden sollen still sein und die Toten sprechen lassen.“

Liu setzte sich dafür ein, dass die „Mütter des Tian’anmen-Platzes“, die Vereinigung der Hinterbliebenen, für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird, und widmete seinen eigenen Preis den Opfern des Massakers. Er publizierte zu jedem Jahrestag  Texte, die so scharf, so unerbittlich mit sich selbst, mit der Regierung und mit all den prahlend selbstgefälligen Demonstrationsveteranen ins Gericht gingen, dass er sich zum einen in der Dissidentenszene viele Feinde machte und zum anderen zu drei Jahren Umerziehungslager verurteilt wurde: Bohnen sortieren, Tag für Tag, bei möglichst schlechtem Licht, um seine Augen zu zerstören.

Abend für Abend schrieb er in diesem Lager für seine Frau Gedichte, wobei die Staatssicherheit die meisten dieser Texte vernichtete. Ein Dreizeiler, der überlebt hat, lautet: „Bevor deine Asche im Grab versinkt, schreib mir damit einen Brief und vergiss deine Anschrift im Jenseits nicht.“

Tatsächlich hat nun das Regime seine Asche im Meer verstreut, damit kein Ort des Gedenkens zu finden ist. Doch: Man kann Blumen am „Denkmal der Volkshelden“ niederlegen und an die von 1989 denken.

Kann man sich heute noch solchen Widerstand vorstellen? Mancher kriminelle Akt, aber auch jegliche politische Subversion werden in China zusehends unmöglich, so David Bandurski in der heutigen taz über Gesichtserkennungssoftware und Verknüpfung von Datenbanken: „China ist in vieler Hinsicht führend darin, Big Data und intelligente Maschinen im Feld der Strafverfolgung und Sozialkontrolle anzuwenden… Örtliche Polizeistationen können in China nicht nur auf Überwachungskameras in Wohngebieten und an anderen Orten zugreifen. Sie können sich zudem in die nationalen Melderegister einloggen – und diese werden dann unverzüglich mit Daten über Fahrkarten- und andere Einkäufe verknüpft, für die man in China seinen Ausweis zeigen muss.“ Wer immer sein Smartphone einsetzt, ist schon überwacht.