Gefängisseelsorge

Da unser Rottenburger Gefängnispfarrer schwer erkrankt ist, habe ich mich bereit erklärt, die Vertretung für die evangelischen Gottesdienste zu übernehmen. Das Haus ist mir aus meiner früheren Zeit als Gemeindepfarrer in Rottenburg bekannt. Allerdings hat inzwischen das Personal gewechselt, die Insassen natürlich sowieso.

Karfreitag nehme ich erstmals an den beiden evangelischen Gottesdiensten  teil. Das ist ein  besonders schwieriges Datum. Zwar sind die Gefangenen erstaunlich ruhig, einige hören konzentriert zu, bei anderen habe ich Zweifel, ob sie überhaupt deutsch verstehen.

Die Gottesdienste sind attraktiv, da sie einmal mehr aus den Zellen kommen können und die Abwechslung mögen. Attraktiv ist  wohl auch der Blick durch die Fenster ohne Gitter auf die Stadt.

Die nächste Zeit werde ich im Wechsel mit dem katholischen Kollegen die Sonntagvormittage im Gefängnis verbringen. Ich freue mich darauf.

Spezielle Predigthilfen kenne ich nicht. Zur Einstimmung lese ich Predigten Karl Barths, der im Alter nur noch im Gefängnis Basel gepredigt  hat. Seine Theologie ist nicht unbedingt die  meine, aber die anspruchsvollen Texte gefallen mir. So kann man sicher heute nicht mehr predigen, da viele Insassen kaum die deutsche Sprache verstehen.

„Habt ihr neulich in der Zeitung gelesen, daß man auf den Philippinen zwei japanische Soldaten gefunden hat, die noch nicht gehört haben oder glauben wollten, daß der Krieg vor vierzehn Jahren zu Ende ging, die darum noch immer in irgend einem Urwald sitzen und auf Jeden schießen, der ihnen zu nahe kommt? Merkwürdige Leute, nicht wahr? Nun, genau solche Leute sind wir, wenn wir nicht wahrnehmen und annehmen und gelten lassen wollen, was  uns in der Osterbotschaft als der Sinn der Ostergeschichte gesagt  wird: daß es mit Sünde und Tod aus – daß, was jetzt gilt, Gottes Gnadengabe ist: ewiges Leben für uns alle. Wollen wir uns das nicht schlicht gesagt sein lassen: Tod – aber Leben!? Also: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, daß Christus dir leuchte!“ (Eph.5,14) Er, Jesus Christus, der unsere schlimme Geschichte zu der seinigen und in wunderbarer Umkehrung seine herrliche Geschichte zu der unsrigen gemacht hat! Er, in dem das Reich des Teufels schon zerstört, das Reich Gottes und seines Friedens schon uns, zu dir und zu mir, zu uns allen, auf die Erde, in die Welt gekommen ist!“

Karl Barth, Gefängnispredigt zu Ostern vom 29.3.1959, in: Predigten 1954-1967, Zürich 1979, S.143

In diesem Sinne „Frohe Ostern!“

 

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Abschied von Australien

Mein Berliner Philosophieprofessor Weischedel sprach immer vor der „abschiedlichen  Existenz“ des Menschen. An ihn muss ich denken, weil wir jetzt Abschied nehmen wollen von Australien. Zwar konnte ich mit seiner philosophischen Theologie nicht so viel anfangen, aber seine menschliche Ethik hat mich angezogen. Gott als das „Vonwoher  der Fraglichkeit“ fand ich reichlich unzureichend. „Abschiedlich“ zu leben hingegen fbringt Gelassenheit, impft gegen totalitäre Ideologien und führt im besten Fall zur Lebenseinstellung „lieben ohne zu besitzen“.

Als wir mit der Fähre von Manly ablegen, dachte ich: So möchte ich Abschied nehmen von Australien. Begleitet von Möven vergrößert sich die Distanz zum Land, dann verschwindet hinten der Horizont, um vorn bald einen neuen auszumachen.

Im Hafen von Sydney liegen immer riesige Kreuzfahrtschiffe. Heute ist  es die „Carnival Spirit“, kürzlich war es die „Explorer oft he Seas“. Die gehört mit einer Länge von über 310 m zu den  größten Kreuzfahrtschiffen der Welt. Über 3000 Passagiere haben Platz. Sie fährt derzeit um halb Australien herum und nimmt Kurs auf Singapur. Wenn ich nicht wüsste, dass diese schwimmenden Vergnügungspaläste ökologische Dreckschleudern sind, wäre das eine feine Alternative zum Fliegen.

Zwei Monate sind wir nun durch den Fünften Kontinent gereist, haben Freunde wiedergesehen und andere freundliche Menschen getroffen. Wir haben uns begeistert an einsamen Landschaften und überfüllten Millionenstädten. Wir haben uns über mache Politik empört, uns aber über die vielen für Frieden und Gerechtigkeit engagierten Menschen gefreut.  In vielem haben wir uns zuhause  gefühlt, anderes ist uns fremd geblieben. Das „weiße Australien“ unterscheidet sich nicht so sehr von Europa. In manchen Kleinstädten haben wir uns wie in England gefühlt, vom Wetter einmal abgesehen.

Dass Australien noch ein anderes Gesicht hat, sehen wir in Arncliffe, einem Vorort Sydneys elf km südlich der Innenstadt. Hier fühlt man sich erinnert an heruntergekommene Berliner Stadtteile. Dabei war es vor 200 Jahren eine beliebte Gartenstadt. Die Deutschen haben Gemüsegärten angelegt. Man rühmte die Ruhe.  Die ist hin, denn wegen der Nähe des Flughafens sind die Straßen sehr frequentiert. Die Eisenbahn, mit der wir herkommen, zerschneidet seit 1884 den Ort. Inzwischen kamen Italiener, Griechen und Mazedonier, dazu Libanesen. Ihre Moscheen fallen uns auf. Nur 37% sprechen Englisch zuhause. 16,6% sprechen Arabisch, 12,9% Chinesisch. Wir nehmen dort das letzte Quartier vor dem Abflug nach Bangkok. Zu Ostern wollen wir aber zuhause sein. Dort wartet eine neue Arbeit auf mich.

https://www.carnival.com.au/cruise-ships/carnival-spirit.aspx

Strandleben in Sydney

Der Morgen fängt gut an: Ich hole frische Brötchen vom deutschen Bäcker, der seinen Laden gleich um die Ecke betreibt. Ich treffe ihn sogar persönlich an. Thomas heißt er – hier gilt kein „Sie“ – und ist promovierter Archäologe. Als er nach Australien kam, stellte er fest, dass es keine gescheiten Brezeln gab. Also backte er selber welche und ließ sich in  Deutschland zum Bäcker ausbilden. Seit sieben Jahren benutzt er nur Zutaten aus Deutschland, denn „in Australien gibt es nur genmanipuliertes Getreide“, das Mehl tauge nichts. Außerdem spritzen sie ungehemmt Pestizide. Das erklärt vielleicht die Schilder am Strand, man solle nach heftigen Regenfällen tagelang nicht ins Wasser gehen wegen „pollution“.  http://www.brezelbar.com.au.

Manchmal ist es ja beruhigend, wenn man nicht so viel weiß. Manchmal aber auch beunruhigend. Da lese ich in „Weltsichten“ vom 31. März 2019 einen Artikel von Christian Mihatsch „Letzte Chance für die Weltmeere“:

„Lärm, Müll und zu warmes Wasser: Das Ökosystem der Ozeane droht zu kollabieren. Größere Schutzgebiete würden helfen – selbst den Fischereiflotten.

Die Hochsee sei wie ein „failed state“, ein gescheiterter Staat, in dem „Gesetzlosigkeit, fast schon Anarchie herrscht“. Das war vor fünf Jahren die Erkenntnis der Global Ocean Commission GOC, die auf Initiative des Pew Charitable Trust eingerichtet wurde, um auf den Zustand der Ozeane aufmerksam zu machen. Mit ihrem Bericht hat die Kommission ein wichtiges Ziel erreicht: Die Ozeane sind seitdem nicht mehr am Rand der politischen Debatte. Es ist auch dringend nötig, dass über sie gesprochen wird: Ozeane produzieren knapp die Hälfte des Sauerstoffs in der Luft. Sie liefern knapp ein Fünftel des tierischen Proteins, das die Menschheit isst. Strömungen im Ozean heizen die nördliche Hemisphäre. Zudem liefern die Ozeane einen wichtigen Beitrag zur Weltwirtschaft, wie die OECD ausgerechnet hat: Knapp drei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts hängen von der „blauen Wirtschaft“ ab, etwa durch Fischerei, Tourismus oder die Schifffahrt.“

Die politischen Bemühungen sind zu zaghaft, die ökumenisch-kirchlichen lächerlich gering. Zwar gibt es beim Ökumenischen Rat der Kirchen ein „Wassernetzwerk“. Aber diese Aktivitäten werden in Deutschland weithin ignoriert. Man hat angeblich andere Sorgen.

https://www.oikoumene.org/de/was-wir-tun/ecumenical-water-network/activity_news

Unser Tagesplan in Manly sieht so aus: Morgens an den Strand und schwimmen, in der Mittagshitze Siesta, nachmittags die Stadt erkunden und abends Kultur, in die Oper vielleicht. Leider funktioniert er nicht.

Am heutigen Samstag strömen die Leute massenweise her. Wenn man sich erst einmal an der Shelly-Beach niedergelassen hat, wird man immer fauler und schaut statt Schöner Kunst in der Art Gallery lieber den Strandschönheiten zu. Auffallend viele Familien mit kleinen Kindern amüsieren sich hier. Im „Beach House“, wo wir uns einen Kaffee holen, ist Hochbetrieb. Die Sonne ist immer noch stark, das Wasser erfrischend kühl.

Wer will da noch eine Oper sehen, zumal es die „Westsidestory“ unter freiem Himmel am Hafen gibt und nicht im Opernhaus. Dort hätte man die Karten wochenlang zuvor bestellen müssen.  (Oder astronomische Eintrittspreise bezahlen.)

Es gibt hier in Manly neben den Surfschulen mehrere Tauchschulen, die ihre Gruppen ins Wasser schicken. Die jüngeren schnorcheln, die älteren setzen ihre Tauchflaschen ein. Unter Wasser gibt es viel zu sehen.

https://vimeo.com/274080546

Sydney Harbour National Park

Die größte Stadt Australiens hat über fünf Millionen Einwohner. Sie bedeckt eine Fläche von 12.138 Quadratkilometern. Dadurch fühlt man sich außerhalb der City wie in einer Kleinstadt, denn in den Stadtteilen überwiegen ein- bis zweistöckige Häuser. Viele Grünflächen werden gepflegt, darunter der große Botanische Garten. Der Hyde Park ist sozusagen unser Vorgarten geworden. Obendrein gibt es im Stadtgebiet einige Naturschutzgebiete.

https://de.sydney.com/

Nachdem wir nach Manly umgezogen sind, genießen wir es, morgens von Vögeln geweckt zu werden. Zwei Papageien wagen es sogar zum Fensterbrett.

Nach einem erfrischenden Bad im Ozean klettern wir von der Shelly Beach einen Felsenweg hoch in den Harbour National Park. Unten schäumt die Brandung. Wagemutige Surfer springen mit ihrem Brett vom letzten Felsen in die zurückflutenden Wellen, um dann flugs bäuchlings mit den Händen hinauszupaddeln. Dort warten sie auf eine Riesenwelle, mit der  sie auf den Strand zurücksurfen können.

Lizards sonnen sich auf den Steinen und braun-gelbe Schmetterlinge flattern vor uns her. Irgendwo muss sich der langnasige Bandicoot verstecken. Nachdem wir genügend gestiegen sind, laufen wir auf einem Pfad, der mit Gittern angelegt ist. Verkohlte Bäume erinnern an die Buschbrände, die es immer wieder gibt. Doch jetzt im (australischen) Herbst überwiegt der grüne Bewuchs.  Leider kennen wir die Pflanzen nicht: „Eastern Suburbs Banksia Scrub“. Die Blütenstöcke sehen aus wie braune Bürsten. Angesichts dieser Idylle mag man nicht glauben, dass hier am „North Head“ militärische Befestigungen waren wie das „North Fort“. Es wurde 1930 gebaut mit Bunkern, Tunneln und Artilleriestellungen. Vorher schon, ab etwa 1828 gab es hier  eine Quarantänestation. Mancher, der nicht mehr lebendig ins Land kam, ist auf dem „Third Quarantine Cemetery“ zwischen 1881 und 1925 begraben worden.

Es ist eigentlich skandalös dass die britischen Siedler ausgerechnet einen Platz so nutzten, der den Aborigines heilig war. Sie haben hier ihre Zeremonien abgehalten.

Wir werden von einigen Regenschauern überrascht, sodass wir Zuflucht in den „Barracks Precinct“ suchen und finden. Schöner ist es allerdings in dem „Bella Vista Café“,  wo man normalerweise einen schönen Ausblick auf die Skyline Sydneys hat. Jetzt ist alles wolkenverhangen.

Bald klart es wieder auf und wir gehen hinunter in die Stadt. Wir kommen an Mauern vorbei, die 1889 die katholische Kirche für einen Kardinalspalast bauen ließ. Zu ihrer Ehrenrettung sei  gesagt, dass der Kardinal sein fürstliches Anwesen mit dem St.Patrick Seminar teilen musste.  Etwas unterhalb liegt ein Krankenhaus, das wir hoffentlich nicht betreten müssen.

Manly erhielt seinen Namen durch den Befehlshaber der „First Fleet“. Captain Arthur Phillip war so beeindruckt vom Auftreten („manly behaviour“) der Tharawal, die seinen drei Booten beim ersten Treffen entgegen wateten, dass er die Stelle Manly Cove nannte.

https://www.manlyaustralia.com.au/

 

Seegeschichten in Sydney

Es kann sein, dass mein Interesse an der Seefahrt quasi genetisch bedingt ist, habe ich doch etliche Kapitäne in meiner Ahnengalerie. Als kleiner Knirps saß ich noch auf den Knien von „Onkel Titus“ (Konteradmiral Titus Türk) in Lübeck, der mir von seinen Heldentaten im Ersten Weltkrieg erzählte, als er Schiffe kaperte und als „Held von Venezuela“ gefeiert wurde. Später habe ich als Junge alle möglichen Seegeschichten verschlungen, darunter auch die Abenteuer der SMS „Emden“ und ihrer Besatzung. So berührt es mich jedes Mal, wenn wir auf dem Weg in die City durch den Hyde Park gehen, an dessen Ecke eine erbeutete Kanone der „Emden“ aufgestellt ist. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der deutsche Kreuzer in einen selbstständigen Handelskrieg in den Fernen Osten geschickt und versenkte dort innerhalb von zwei Monaten 23 Handels- und zwei Kriegsschiffe. Am 9. November 1914 ging er nahe der Kokosinseln nach einem Gefecht mit dem australischen Kreuzer „Sydney“ unter. Der folgende Artikel aus der SZ schildert das Drama ganz gut:

https://www.sueddeutsche.de/politik/kreuzer-emden-im-ersten-weltkrieg-des-kaisers-kaperschiff-1.1938193

Unweit von dieser Kanone ist ein pompöses Kriegerdenkmal, das ich gar nicht betreten wollte. Da es regnete, stellten wir uns dort unter – und wurden überrascht von verschiedenen Ausstellungen, darunter auch über die Katastrophen des Ersten Weltkriegs. Es ist ganz interessant, die weithin unbekannte Geschichte der australischen Kriegsbeteiligungen einmal aus der Perspektive der Sieger zu betrachten. Erst wenn man die Fotos der jungen Soldaten betrachtet, ihre Briefe liest mit Hoffnungen und Sehnsüchten, aber auch Überheblichkeit und Heldengetue, werden einem die menschlichen Abgründe ganz bewusst. Kritisch  muss man sicherlich festhalten, dass solche Denkmäler über die Absurdität des Krieges hinwegtäuschen und  in falscher Weise Angehörige trösten, die einen Sohn oder eine Tochter verloren haben. So wird täglich eine Feierstunde gehalten mit Ansprache, Trompetensolo und Stille, sozusagen ein säkularer Gottesdienst. Oder sollte ich besser „Götzendienst“ sagen?

https://www.anzacmemorial.nsw.gov.au/event/centenary-exhibition

Ich wusste übrigens nicht, dass Deutsche in jener Zeit in Australien interniert wurden. Plötzlich wurden sie als Feinde betrachtet, die eben noch Nachbarn waren. Schon damals legte man „concentration camps“ an.

Das Ganze wiederholte sich bekanntlich im Zweiten Weltkrieg. In dem hervorragenden Maritime Museum bringe ich einen halben Tag zu.   https://www.sea.museum. 

Zunächst geht es wieder um ein Schiff, das „HMAS Sydney“ hieß. Der australische leichte Kreuzer versenkte am 19.November 1941 vor der Westküste Australiens den deutschen Hilfskreuzer „Kormoran“. Die Seeschlacht wird ausführlich erzählt. Obwohl selbst schwer getroffen, gelang es dem deutschen Schiff noch, die überlegene „Sydney“ zu versenken. Dies war der einzige bekannte Erfolg eines Hilfskreuzers gegen ein reguläres Kriegsschiff. Zwei der Rettungsboote der Kormoran mit 57 bzw. 46 Mann erreichten unabhängig voneinander und ohne fremde Hilfe die australische Küste. Die übrigen überlebenden deutschen Seeleute wurden durch fünf Schiffe gerettet. Von der Besatzung überlebten 316 der 397 Mann. Keiner der 645 australischen Seeleute des Kreuzers „Sydney“ überlebte den Untergang. Was für ein  Wahnsinn! https://www.youtube.com/watch?v=h61lu_dMYzM

Nach so viel Militär schaue ich mir die Leistung einer glücklicheren Generation an. Kay Cottee war die erste Frau, die eine Weltumrundung ohne Unterbrechung und ohne Unterbrechung durchgeführt hat. Sie vollbrachte diese Leistung 1988 in ihrer 37-Fuß-Yacht Blackmores First Lady, die 189 Tage dauerte. Man kann das Boot betreten und bekommt on einem kundigen Seemann eine Spezialführung. Leider habe ich nie segeln gelernt.

https://en.wikipedia.org/wiki/Kay_Cottee

Das Museum bemüht sich sehr, die Besucher über heutige Gefahren aufzuklären. Da geht es in einer Sonderausstellung gegen den Walfang. Ich hoffe, dass vor allem Japaner diese Show sehen. Eine andere Ausstellung bekämpft den Konsum von Haifischflossen. Schließlich geht es gegen die mittlerweile bekannte Plastikvermüllung der Meere. Australische Initiativen sind hier besonders aktiv.  https://www.boomerangalliance.org.au/

Trotz aller zivilgesellschaftlichen Bemühungen kommt man sich global gesehen wie auf der „Titanic“ vor. Das „globale Schiff“ sinkt, aber die Musikkapelle spielt weiter. In der Tiefseeabteilung ist ein Modell ihres Wracks ausgestellt. Es wird die Geschichte erzählt, wie es gefunden und medial ausgeschlachtet wurde. Dazu Originalausstattung des Schiffes, angereichert durch Requisiten aus dem großes bekannten Film.

Deutsche Kirche in Sydney

In Sydney gibt es große und schöne Kirchen. Da ist die „Mutterkirche des australischen Katholizismus „St.Mary’s Cathedral“. Der Grundstein wurde 1868 gelegt. Eine  Dauerausstellung zeigt die ersten australischen Katholiken „From Convict Ships to the Great Fire“. Da sie zentral am Hyde Park liegt schlappen viele Leute herein, die nicht  recht wissen, wo sie eigentlich sind. Es wäre nicht schlecht, wenn einige Freiwillige Führungen anbieten würden wie das oft in Bibliotheken gemacht wird. Mir tun die Chinesen fast leid, die zwar jedes Bild fotografieren, aber keine Ahnung von ihrer Bedeutung haben. (So wie wir umgekehrt in chinesischen Tempeln ratlos vor Figuren der chinesischen Mythologie stehen.) Was für eine Chance wird hier vertan! https://www.stmaryscathedral.org.au.

Die älteste Kirche ist die anglikanische St. James Church, die bereits 1824 gebaut wurde. Die Gemeinde bietet Vorträge an, demnächst einen über Dietrich Bonhoeffer. Vor den Wolkenkratzern wirkt sie wie ein Spielzeug.  http://sjks.org.au.

Geht man durch die Stadt, fallen einem viele Kirchen, Tempel und Moscheen auf. Die größte Gruppe dürften aber die „Konfessionslosen“ sein, die bekanntlich durchaus religiös sein können. Wikipedia gibt einen eindrucksvollen Überblick.

https://en.wikipedia.org/wiki/Religion_in_Australia

Fünf Minuten von unserm Hotel  entfernt finde ich die kleine Martin-Luther-Kirche der deutschsprachigen Gemeinde. Deren Pfarrer haben wir vor fünf Jahren auf einer EKD-Konferenz in Bangkok kennengelernt. Sie sind mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrt. Ein Nachfolger ist gewählt. Bis der kommt, arbeitet vertretungsweise Pastorin Uta Außenwinkler in der  Gemeinde. Ihre Predigt vom 31. März kann man im Internet hören.

Die kleine, aber schmucke Kirche wurde 1882 gebaut. Ich staune über die solide Bauweise und Ausstattung. Im Inneren fällt eine mächtige Kanzel auf und die solide Orgel auf. Ein solches Gebäude kann nicht jede deutsche Auslandsgemeinde vorweisen. Allerdings ist sie meistens verschlossen, auch die Werbung (Schaukasten) könnte verbessert werden. Ich würde auch ein paar „flyer“ in den näheren Hotels auslegen, wo auffallend viele Deutsche übernachten. Die würden zumindest mitkriegen, dass  es die deutsche Kirche hier gibt. Ihre Internetpräsenz ist sehr gut.

Liest man die „Schicksalsstunden aus der Geschichte“ der Gemeinde kann man nur über das Engagement staunen, das die Menschen damals aufgebracht haben. Insbesondere ein Pastor Georg Schenk wird gerühmt, der 48 (!) Jahre lang die Gemeinde leitete:

„Pastor Georg Schenk war ein Glücksfall für die Gemeinde. Er diente ihr mehr als 48 Jahre, von 1884 bis 1932. Seine Ehefrau war viele Jahre an der deutschen Schule in Sydney tätig. In einem Aufsatz über ihn heißt es: “Man vergegenwärtige sich , dass also die Geschicke der Gemeinde von Bismarcks Tagen bis gegen Ende der Weimarer Republik in den Händen eines und desselben Mannes gelegen haben. Dies ist umso bedeutungsvoller, als nach den bescheidenen sydneyer Anfängen, nach den wiederholten Unterbrechungen … mit dem Kommen  von Pastor Schenk ein geordnetes  Gemeindeleben überhaupt erst seinen Anfang nimmt.”“

Solche Dienstzeiten sind heute utopisch. EKD-Pfarrer bleiben in der Regel sechs Jahre, wodurch ein ständiger Wechsel stattfindet. Begrüßungen und Abschiede finden ständig statt. Leider wird die Chronik nicht bis in die Gegenwart weitergeschrieben.

Auch hier könnte ich mir Führungen „Deutsche in Australien“ vorstellen, denn ihre  Spuren findet man überall.

Wir gehen zum Treffen der „Martin-Luther-Senioren“, die ihre Kaffeetafel schon österlich gedeckt haben. Durchschnittsalter achtzig! Mich interessieren die Schicksale dieser Menschen, warum sie nach Australien ausgewandert sind. Die meisten haben als Kinder Krieg und Vertreibung erlebt. Ein Baltendeutscher wurde erst „heim ins Reich“ befördert, kam dann in Gotenhafen mit dem Schwesterschiff der „Gustloff“ (beinahe auf diese, die torpediert  wurde) nach Restdeutschland, wo diese Flüchtlinge nicht sehr willkommen waren. Eine „Hamburgerin aus Brünn“ kann ähnliche Irrfahrten erzählen. Australien schien in den 50iger Jahren mehr Möglichkeiten als Deutschland zu bieten. Eine andere Hamburgerin, die schon sechzig Jahre hier lebt,  ist eine Stunde zu diesem Treffen gefahren. Sie mischt ihre Erzählung immer wieder mit englischen Füllseln, „you know“. Sie erzählen gern, denn ihre Kinder und Enkel wollen von den alten Geschichten nichts mehr hören. Manche sehnen sich nach Deutschland zurück. Da aber nun die Familie hier lebt, wollen sie bleiben. Außerdem sind sie noch immer von Sydney begeistert. Die deutsche Gemeinde ist ein Stück Heimat für sie.

http://kirche-sydney.org.au/

Stadt am Ozean

Sydney hat ein wunderbares Nahverkehrssystem. Man kauft eine „opal card“, lädt sie auf und kann dann Busse, Metro, Züge und Fähren benutzen. Das Schöne daran: Sie wird bei 15 Dollar ( 9,50 €) gedeckelt. Man hat dann praktisch eine Tageskarte.

Wir nutzen das, um uns Strände anzuschauen, wo man schwimmen kann. Sydney hat dreißig separate Strände. Die berühmteste, in einer halben Stunde mit dem Bus zu erreichen, ist die „Bondi-Beach“. Sie ist darum ziemlich überlaufen. Es gibt kostenlose Umkleidemöglichkeiten, Duschen und Toiletten. Wenn die Sonne brutal heiß scheint, hätte man gern einen Sonnenschirm. Die werden zu Phantasiepreisen vermietet. Ansonsten ist für das leibliche Wohl gesorgt. „Life Guards“ (Lebensretter) sorgen dafür, dass man innerhalb der gekennzeichneten Bereiche bleibt. Übrigens las ich, dass um 1900 es verboten war, bei Tageslicht schwimmen zu gehen. Bis in die sechziger Jahre noch wurde der Bikini abgelehnt. Jetzt sind einige Damen „oben ohne“ dabei. So ändern sich die Zeiten. Unterwegs kommen wir an schönen alten Häusern vorbei. Sie sind nicht so stark verändert wie in der City, sondern haben noch ein menschliches Maß.

https://de.sydney.com/things-to-do/beach-lifestyle/bondi-beach

Man kann schön auf der Höhe der Buchten wandern. In Southead sind die Klippen so hoch und steil, dass regelrecht vor Suiziden gewarnt wird. Ich fürchte, dass die angegeben Notfallnummern nichts nutzen, wenn da wirklich einer in die Tiefe springt.

Da wir in Strandnähe umziehen wollen, fahren wir mit Bus Nr. 199 Richtung Palm Beach hinaus. Das soll der reichste Stadtteil sein. Gerade dieser Bus zeigt aber die Stationen nicht an, sodass wir Schüler fragen müssen, die gerade nach Hause fahren. Sie kommen – wie man an der Schuluniform sieht – vom St. Augustin-College. Unser Ziel ist Collaroy, dessen „Superherberge“ unser Reiseführer empfiehlt: „direkt am Strand“. Der schöne Sandstrand ist menschenleer. Das wünscht man sich ja eigentlich. Weil es mir verdächtig vorkommt, frage ich den gelangweilten „lifeguard“ nach Haien. Die gäbe es schon, meint er, aber im allgemeinen greifen sie nicht an. Auf den besonderen Fall will ich es lieber nicht ankommen lassen, zumal ich wenigstens einen Schwimmer vor mir haben möchte. Da die Herberge tatsächlich jenseits der vielbefahrenen und lauten Durchgangsstraße liegt, kehren wir schleunigst um. Man darf sich einfach nicht auf Reiseführer verlassen!

Am besten hat uns „Manly Beach“ gefallen, wo es nicht nur feinen Sand gibt, sondern auch schattige Bäume. In einer windgeschützten Bucht gibt es obendrein eine „shelly-beach“, in der man tauchen kann, weil dort die Brandung nicht so stark ist. Der Ort ist zwar auch touristisch, aber weitläufig, sodass man den Massen entgehen kann. Vor allem gibt es eine schnelle Fährverbindung (20 Min.) zur City. An der „wharf“ gibt es doch tatsächlich einen ALDI. Schnell schaue ich, ob es deutsches Brot gibt. Das ist das Einzige, was ich vermisse. Leider Fehlanzeige. Es muss doch unter den deutschen Einwanderern auch mal ein paar schwäbische Bäckermeister gegeben haben. Wo mögen sie sein? Trotzdem: Hier suchen wir eine Ferienwohnung und werden fündig.

https://de.sydney.com/things-to-do/beach-lifestyle/manly-beach

Wenn man die Fähre benutzt zur City (Circular Quay), kommt man an der berühmten Oper vorbei, deren Vorstellungen lange ausverkauft sind. Sie dürfte das am meisten fotografierte Bauwerk sein. Wobei sie meistens nur Hintergrund für unendlich viele „selfies“ ist. Auf der anderen Seite nicht minder berühmt die Hafenbrücke. Drei Millionen Touristen besuchten letztes Jahr das Sydney Opera House, die Top-Destination Australiens für Besucher aus Übersee, während 2,7 Millionen die Sydney Harbour Bridge besuchten. Aber auch die alten Lagerhallen bilden ein hübsches Ensemble. Man kann praktisch an jeder Ecke eine zugängliche Bucht finden. So ist es kein Wunder, dass der Tourismus zur wichtigsten Industrie geworden ist. 1950 kamen 44 Tausend. In den vergangenen Jahren landeten etwa die Hälfte aller internationalen Besucher Australiens (ca. 3 Millionen Menschen) in Sydney. Hinzu kommen die einheimischen Reisenden, die etwa 8 Millionen Besucher pro Jahr ausmachen.

Die Tourismusindustrie hat sich darauf eingestellt, dass die Leute vor allem „fun“ suchen, um von den andern „drei Buchstaben“ zu schweigen. Der Arbeitshafen ist längst ausgewandert in die Botany Bay.

Blaue Berge

Wir haben lange diskutiert, ob wir mit der Bahn oder mit einem Touristenbus die 60-100 km in die berühmten „Blue Mountains“ westlich von Sydney fahren. Angesichts knapper Zeit haben wir uns für die zweite Möglichkeit entschieden. Aber das machen wir nie wieder! Auf der  Straße kalkuliert man nie die Staus ein, die letztlich zu einer mehr als zweistündigen Anfahrt führen. Dann ahnt man nicht, dass ein heutiger Kleinbus kaputte Stoßdämpfer hat. Man denkt auch nicht daran, dass hier die Fahrer gleichzeitig die Tourguides sind, die meinen, die Gäste mit billigen Witzen unterhalten zu sollen und einen ständig vollschwallen. Und es ärgert einen, dass ohne Vorausinformation man plötzlich noch Seilbahnen für viel Geld buchen soll. Muss man aber nicht mitmachen.

Dennoch haben wir den Ausflug genossen, denn dieses Gebirge ist trotz der touristischen Vermarktung phantastisch. Man findet immer noch Wege, wo man allein wandern kann. Bevor wir uns gleich wieder in einen Kasten setzen, meditieren wir lieber auf den aufgestellten Bänken in der milden Sonne. Und schauen den Sportlern zu, die diese steilen Pfade hinauf und hinunterhetzen.

Die Berge – seit 2000 ein Weltnaturerbe der UNESCO – sind tatsächlich wie blau gefärbt, da das ätherische Öl in den Blättern der vielen Eukalyptusbäume verdunstet und wie ein feiner Nebel über den Bergen liegt. Seit 14000 Jahren sind sie von Aborigines bewohnt. Sechs Sprachgruppen zählen die Blue Mountains zu ihrem Heimatgebiet. Die ersten weißen Siedler hätten sie nach dem Weg fragen sollen, denn lange war für sie auf der Suche nach Land kein Durchkommen. Seit 1813 haben sie es geschafft und ab 1900 sogar Kohle abgebaut.

Die weitere Erschließung erfolgte mit dem Bau einer Eisenbahnstrecke, die ab 1867 entlang des Great Western Highways nach Mount Victoria führte. Mit dieser Verkehrsanbindung an Sydney begann der Tourismus in den Blue Mountains: Die ersten Luxus-Hotels wurden in den 1880er Jahren erbaut; zahlreiche wohlhabende Bürger Sydneys bauten Wochenend-Häuser in den Bergen. Gleichzeitig wurden eine ganze Reihe von Wanderwegen eingerichtet.

Auf denen spazieren wir nun in der Nähe des Ortes Katoomba herum. Oft folgen sie Bächen wie den „Leura Cascades“ und führen zu Wasserfällen. Man ist bereits auf einer gewissen Höhe und steigt in eine Abbruchkante des Gebirges hinunter. Hier hat man eben für gehfaule oder behinderte Touristen die „Scenic World“ mit Seilbahnen eingerichtet. Ich ziehe die steilen Abgänge vor, die oft mit Holztreppen ausgebaut sind, was auf die Dauer ganz schön die Knie strapaziert. Belohnt wird die Mühe durch wunderbare Aussichten auf gigantische Felsformationen. Manche haben sogar Namen wie die berühmten „Three Sisters“.

An wenigen feuchten Stellen gibt es Regenwälder, sonst dominiert Eukalyptus, von dem es hier über neunzig Arten gibt. Die Eukalyptusbewaldung ist sehr anfällig für Buschbrände; regelmäßig brennen große Teile des Waldes. Unser Führer behautet, manche Baumarten hätten ein Warnsystem, wodurch sie sich gegen völliges Verbrennen schützen können.

Bekannt geworden ist die Wollemie, eine urtümliche Koniferenart, die nur hier vorkommt und deren Entdeckung im Jahr 1994 als einer der wichtigsten botanischen Funde des 20. Jahrhunderts gilt. Mir fallen vor allem die riesigen Farnkrautbüsche auf. Tiere gibt es wohl auch, 52 einheimische und 13 eingeführte Säugetierarten. Dominierend unter den größeren Arten sind verschiedene Kängurus. Aber  wir sehen keine. In den zentralen Gebieten südlich und um Katoomba sind die Blue Mountains über 1.000 m hoch. Viele Flüsse entspringen hier. Wir sehen aber nur den Nepean River.

Unsere Tour endet im Olympiagelände von Sydney, wo man für die Spiele im Jahr 2000 ein verwahrlostes Gebiet kultiviert hat. Nun hat man allerdings Mühe, die riesigen Sportstätten kostendeckend zu verwalten. Wir besteigen dort eine Fähre, die uns in einer Stunde auf dem Parramatta in den Hafen von Sydney zurückbringt. Auf diese Weise sehen wir in der Abendsonne noch eine wunderbare Flusslandschaft.

https://visitbluemountains.com.au/

Totem und Tabu

Ausnahmsweise regnet es in der Nacht zum Samstag und am Morgen. Grund genug, das Australien Museum zu besuchen. Natürlich kommen andere auf die gleiche Idee, vor allem Scharen von Familien mit kleinen Kindern. Australische Museen sind auch Kinderspielplätze. Leider bleiben die Kleinen nicht in ihren reservierten Ecken, sondern toben überall herum. Manche feiern an diesem Samstag Kindergeburtstag.

Ich konzentriere mich auf die Abteilung der Aborigines der Sydney-Region. As die Briten eintrafen, wurde der Hafen von mehreren hundert Stämmen (4000-8000 Menschen) bewohnt. Mit den Stämmen der Eora und Cadigal schlossen die Europäer erste „Verträge“. James Cook betrat 1770 die von ihm so benannte Botany Bay. Die sog „First Fleet“ traf 1787 mit elf Schiffen unter Arthur Phillips ein, um eine Siedlung und Strafkolonie aufzubauen. Neben der Disziplinierung der Strafgefangenen lag ihm an friedlichen Beziehungen zwischen den Ureinwohnern und den Siedlern. Es heißt, dass er recht moderne Verhaltensregeln im Umgang zwischen den Europäern und den Aborigines aufstellte, weshalb Frieden bewahrt werden konnte. 1789 jedoch brach eine verheerende Pockenepidemie aus, worauf ein Großteil der Eora in kurzer Zeit verstarb. Wenige Jahre nach Ankunft der Europäer war nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Bevölkerung am Leben. Bereits 1892 zählte man hier mehr Europäer als Ureinwohner.

Als die „First Fleet“ 1788 hier eintraf, um eine Strafkolonie zu gründen, trafen die Briten auf Ureinwohner, die sie kaum verstanden. Heute umfasst die Museumssammlung 20000 Objekte ihrer Kultur, darunter tödliche Waffen. Die aktuelle Ausstellung betont besonders die ökologische Weisheit der Aborigines. Sie betrachten den Menschen als Teil der Natur. In ihren Objekten, aber auch in Filmen berichten sie, wie sie gelebt haben. Ich höre Geschichten über die Völker der Eora, Cadigal, Guringai, Wangal, Gammeraigal und Wallumedegal – sie waren die Ureinwohner des Küstenvorlandes in der Umgebung des Hafens.

Manche Aspekte ihrer Weltsicht fordern uns heraus, besonders Totem und Tabu. Seit Freud darüber phantasiert hat, ist das Thema ja bekannt.  Mich erstaunt, dass das Kozept noch wirksam ist. Ich schreibe die Erklärungen mit bis der Kugelschreiber leer ist. (In dem Museumsladen  haben sie keinen!) Da ist das kollektive Verhalten, das letztlich wohl unserem Individualismus überlegen ist. Man sieht das in einem Film, der indigenen Fischfang zeigt. Eine ganze Mannschaft ist dafür nötig. Frauen sind dann für die Zubereitung zuständig. Kinder sind selbstverständlich dabei und schauen zu. Wie will man das nötige Umdenken zugunsten der Natur erreichen, wenn individueller Konsum höchstes Lebensziel bleibt? Welche Umdeutung hat eigentlich stattgefunden, dass wir Erde als schmutzig und Plastik als sauber bezeichnen? Unverstanden bleiben viele spirituelle, ja magische Aspekte. So wird ein indigener Zauberer gezeigt, der (angeblich) Krokodile so beeinflussen kann, dass sie für ihn auf Beute gehen.

Das Museum unterstützt indigene Gemeinschaften, die sich gegen die Umweltzerstörung zur Wehr setzen. Ein Problem sind beispielsweise zurückgelassene oder verlorene Fischernetze, in denen Meerestiere verenden. Aborigines haben gelernt, aus Tauen und anderen Resten Kunstwerke zu schaffen, die sie verkaufen können.

Trotz vieler Beispiele, die ermutigen, ist die Gesamtgeschichte traurig. Eine Art „Kain und Abel“- Schöpfungsgeschichte (Narawarn und Arrilla)  sorgt für „salzige Tränen“. Alle Menschen werden in Tränen geboren.

Schaut man sich die politischen Dokumente des andauernden Freiheitskampfes der Aborigines an, schüttelt man nur noch den Kopf über die Borniertheit der australischen Gesellschaft bis in die sechziger Jahre. (Beispiel: In einer Kleinstadt wurde den Aborigines das Schwimmbad verboten. Die weißen Mädchen könnten sonst schwanger werden.) Es waren dann weiße Studenten (vor 1968!), die unter dem Einfluss der Lektüre der Schriften und Predigten Martin Luther Kings gegen diese (nie so genannte) Apartheid Australiens ankämpften. Ihnen sind außerhalb des Museums keine Denkmäler gesetzt.

Eine aktuelle Notiz aus der Zeitung bestätigt das andauernde Drama: Die Lebenserwartung der Aborigenes ist kurz. Die Suizidrate indigener Jugendlicher ist überdurchschnittlich hoch.

https://australianmuseum.net.au/exhibition/bayala-nura-yarning-country/#gallery-279-2

Flug nach Sydney

Schaut man von Neuseeland auf den Globus, liegt die Südsee nah. Warum nicht die Weltreise ostwärts vollenden? Die Versuchung ist groß, aber dann siegt die finanzielle Vernunft.

In Wellington hat der Wind die ganze Nacht an den Fenstern gerüttelt, sodass wir unserm Flug etwas besorgt entgegensehen. Der Flugplatz liegt obendrein in einer Schneise, wo die Stürme wenig Widerstand finden. Man beruhigt uns: Das Landen sei manchmal ein Problem, das Starten nicht so sehr. Wir werden dennoch ziemlich durchgerüttelt, was noch das Aufregendste ist.

Das Fliegen hat das Reisen entzaubert. Eigentlich sind alle Flüge gleich: Man sitzt eng gefesselt mit Nachbarn zusammen, mit denen man in der Regel nicht redet, schaut sich blöde Filme an, weil man nicht lesen kann und isst sogenannte Menüs, die irgendwie international schmecken. Das alles wird serviert mit einem enormen Verbrauch von Plastik, was wahrscheinlich die geringste ökologische Sünde ist. Was macht man, wenn das Gewissen schlägt? Man benutzt es nicht. Mit Wehmut lese ich alte Berichte von Reisenden mit dem Schiff. Mussten die eigentlich auch erst einmal durch Supermärkte voll Kosmetika und Alkoholika gehen?

Obwohl der Flug über drei Stunden dauert, kommen wir wegen der zweistündigen Zeitverschiebung recht früh in Sydney an. Der Kingsford Smith Airport ist groß, aber gut organisiert. Die Abfertigung ist schnell, diesmal werden wir  nicht mal auf Lebensmittel kontrolliert.

In der Zeitung lese ich später, dass die Fluglotsen überlastet sind, dass die Sicherheit kaum noch garantiert  werden kann. Sie schieben Überstunden ohne Ende. Der Syrer Khaled Khayat wird verurteilt, weil er eine Bombe in einem Fleischwolf reinschmuggeln wollte, um eine Maschine der Etihad in die Luft zu sprengen. Nie mehr werde ich mich über Sicherheitskontrollen ärgern.

Wir haben ein Quartier gebucht beim YWCA. Wir wählen einen Shuttelbus, der uns bis zum Hotel bringen soll. Eine gute Alternative zu Taxis und der Bahn! Allerdings landen wir zunächst im Hauptbüro des australischen CVJM. Deren Gästehaus ist mittlerweile das „Song-Hotel“, in dem wir nichts Christliches entdecken. Das Personal ist freundlich und hilfsbereit, die Qualität der Zimmer gut. Die Lage nahe am Hyde Park hervorragend! Billig ist es nicht, aber man gönnt ja der Kirche das Geld.

Nach kurzer Rast  zieht es uns zu einem der Häfen, der seltsamerweise „Darling“ heißt. Wie so oft ist aus der maritimen Arbeitswelt ein touristischer Freizeitpark geworden. Das beginnt schon mit einem chinesischen „Freundschaftsgarten“, den die Volksrepublik in ihrer Charmeoffensive gestiftet hat. Dann folgt der Tumbalongpark mit Spielplätzen für Kinder. Für die Erwachsenen gibt es das „ICC Sydney Theatre“, wo Weltstars auftreten. Das Veranstaltungsangebot ist überwältigend, die Eintrittspreise sind es allerdings auch. Dann spazieren wir in freundlicher Nachmittagssonne am ICC Exhibition Centre vorbei zum ICC Convention Centre. Natürlich folgen an der Cockle Bay Shopping-Centres mit allem, was  kein Mensch braucht. Im eigentlichen Hafenbecken (Tumbalong) machen Segler fest, landen Fährschiffe und einige Schiffs-Oldtimer, die zum Maritime Museum gehören. Das spare ich mir für einen folgenden Tag auf. Das berühmte Aquarium (Sea Life), den Zoo (!) und Madame Tussauds Figuren lassen wir aus.

Dann geht es in der Rushhour zurück über die Pyrmont (!)- Brücke zur Marketstreet mit dem „Queen Victoria Building“, vor dem die versteinerte Königin würdevoll thront. Das schöne koloniale Gebäude ist eine frühe Form der „Mall“ mit diversen Fachgeschäften und Cafés. Geht man hindurch, kommt man zum Rathaus, der „Town Hall“. Ich komme nicht umhin, den Briten für diese Bauten einen gewissen Respekt zu zollen. Ibisse laufen zu meiner Verblüffung in der Stadt herum. Bevor die Füße vollends müde werden, kehren wir über den Hyde Park mit seinem scheußlichen Kriegerdenkmal ins Hotel zurück. Sydney mit seinem angenehmen Klima gefällt uns schon.