Große Koalition für Aufrüstung

Kürzlich nahm ich am Neujahrsempfang der örtlichen SPD teil. Ich hatte erwartet, dass unser MdB frische Eindrücke von den Sondierungen aus Berlin mitbringt. Er zog es allerdings vor, es bei einigen Allgemeinplätzen zu lassen. So wird Politikerverdruss gefördert.

Die meisten waren allerdings sowieso gekommen, um den ehemaligen Betriebsseelsorger Paul Schobel zu hören. Der für seine deutlichen Worte bekannte Priester begann gleich mit dem Papst-Zitat „Diese Wirtschaft tötet.“ Seine im besten Sinne radikalen Analysen zu den Auswirkungen des globalen Kapitalismus finden meine Zustimmung. Allerdings wurde mir nicht deutlich, warum er sich wohl wesentliche Änderungen immer noch von der SPD erwartet.

http://www.drs.de/profil/glaubenszeugnis/zeitzeugen-im-portraet/pfarrer-paul-schobel.html

An diesem Wochenende werden die Delegierten beim SPD-Parteitag über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der CDU abstimmen. Während über Rente und Migration gestritten wird, wird den  friedens- bzw. militärpolitischen Passagen des Sondierungspapiers keine Beachtung geschenkt.

Es beginnt mit Ausführungen zur Europäischen Union, die als „historisch einzigartiges Friedens- und Erfolgsprojekt“ bezeichnet wird, das allerdings aufgrund zunehmender Großmachtkonflikte gezwungen sei, sein „Schicksal mehr als bisher in die eigenen Hände [zu] nehmen.“ Hierfür müsse die „europäische Außen- und Sicherheitspolitik […] im Sinne einer Friedensmacht Europa gestärkt werden.“ Und zu diesem Zweck wolle man vor allem die „Zusammenarbeit bei der Sicherheits- und Verteidigungspolitik (PESCO) stärken.“ Dass „Friedensmacht“ EU in einem Atemzug mit einer Stärkung von PESCO genannt wird, dem derzeit wichtigsten Projekt zur Militarisierung der EU, ist wohl Konsens in diesen Parteien. Zwar lehnen sie „völkerrechtswidrige Tötungen durch autonome Waffensysteme“ ab, wollen aber gleichzeitig „im Rahmen der europäischen Verteidigungsunion die Entwicklung der Euro-Drohne weiterführen.“

Weiter findet sich in dem Papier die Absichtserklärung: „Wir schränken die Rüstungsexporte weiter ein, schärfen die Rüstungssexportrichtlinien aus dem Jahr 2000 und reagieren damit auf die veränderten Gegebenheiten.“ Das ist eine Verdrehung  der Tatsachen, denn die Waffenexportgenehmigungen sind fast jedes Jahr gestiegen und haben mit über 10.500 im Jahr 2016 fast einen Rekord erreicht. Zwar wurde heute verkündet, dass man im Sinne der Sondierungen wegen des Krieges im Jemen die Waffenexporte an Saudiarabien gestoppt habe. Aber das wird die Saudis kaum stören, denn sie haben schon mehr bekommen als sie brauchen. Und Jemen ist bereits zerbombt.

Wie ernst es der SPD damit ist, die „Rüstungsexporte einzuschränken“, zeigt aktuell ein TV-Bericht von „Report München“  vom 16. Januar 2018. Der Praxis, deutsche Exportrichtlinien durch Firmenniederlassungen im Ausland zu umgehen, könne rechtlich Einhalt geboten werden, so „Report“. Dies werde von Linke und Grünen befürwortet, von CDU/CSU und AfD abgelehnt.  Die SPD will wohl abwarten, ob sie in die Regierung kommt oder nicht. „Waffenexporte in Krisenregionen über ausländische Tochterfirmen wie jene des Rheinmetall-Konzerns könnte der Gesetzgeber beschränken. Zu diesem Ergebnis kam vor kurzem der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in zwei Gutachten. […] Und die SPD-Fraktion? Die Sozialdemokraten im Bundestag verwiesen zunächst an den SPD-Parteivorstand, der wiederum zurück an die Fraktion verwies. Am Ende teilte die Pressestelle mit, man könne die Fragen von „Report München“ nicht beantworten.“

Ein weiterer großer Teil im Sondierungspapier beschäftigt sich mit den gegenwärtigen Bundeswehr-Einsätzen. Der aktuelle Anti-IS-Einsatz, bei dem kurdische Peschmerga-Kämpfer durch die Bundeswehr „ertüchtigt“, also aufgerüstet und ausgebildet werden, soll augenscheinlich verlängert und auf weitere Teile des Irak ausgedehnt werden. Das nennt sich dann: „Mandat zur umfassenden Stabilisierung und zur nachhaltigen Bekämpfung des IS-Terrors insbesondere durch capacity building weiterentwickeln.“ Auch die Bundeswehr-Beteiligung an der „UN-mandatierten Mission MINUSMA in Mali wird fortgesetzt.“ Der „dicke Hund“ ist aber die Erhöhung des aktuell 980 Soldaten umfassenden Bundeswehr-Kontingentes für die NATO in Afghanistan. Während dies noch vor nicht allzu langer Zeit deutlich abgelehnt worden war, heißt es nun, man müsse die „Zahl der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten zum Schutz der Ausbilder erhöhen.“

Rüstung wird uns noch mehr Geld kosten. Im Sondierungspapier heißt es, dass man Entwicklungshilfe und Rüstungshaushalt zusammen um 2 Mrd. Euro zwischen 2018 und 2021 aufstocken will. Damit ist aber nur ein Teil der Ausgabenerhöhungen benannt: „Tatsächlich kann die Truppe aber mit einem deutlich höheren Zuschlag rechnen, der in der Einigung allerdings nur versteckt auftaucht: […] Das Entscheidende ist dabei der Verweis auf den 51. Finanzplan: Er hat zwar auch keine bindende Wirkung, ist aber die Absichtserklärung der bisherigen großen Koalition, wie sie sich die Entwicklung des Bundeshaushalts in den vier Jahren von 2018 bis 2021 vorstellt. Für den Wehretat sieht der Finanzplan für diesen Zeitraum eine Steigerung um knapp neun Milliarden Euro auf 42,4 Milliarden Euro vor. Sollte es zu einer Neuauflage der großen Koalition kommen, kann die Bundeswehr also mit einer Aufstockung ihres Budgets um neun Milliarden Euro plus ihrem Anteil an den zwei Milliarden Euro für Verteidigung und Entwicklungshilfe rechnen.“ (Reuters)

Sollte es zu einer Koalition kommen, wird dies eine Große Koalition zur Aufrüstung sein.

Für die Informationen danke ich der der Tübinger Informationsstelle Militarisierung.  http://www.imi-online.de/2017/05/18/eu-broschuere2017.

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Trauung für gleichgeschlechtliche Paare

Mein Kirchengemeinderat hat mich gebeten, über die gegenwärtige Debatte zur „Homoehe“ in der Evangelischen Landeskirche Württemberg zu berichten. Ende November 2017 hatte die württembergische Synode über das „Kirchliche Gesetz zur Einführung einer Ordnung der Amtshandlung anlässlich der bürgerlichen Eheschließung zwischen zwei Personen gleich Geschlechts“ abgestimmt. Die für dieses Gesetz erforderliche Zweidrittelmehrheit wurde knapp verfehlt (62 Ja-Stimmen/ 33 Nein-Stimmen/ 1 Enthaltung). (Warum eigentlich genügt  nicht die einfache Mehrheit?)

Ich bin weder direkt betroffen noch Experte, schlage aber drei konkrete Schritte vor.

Erstens: Die beiden Synodalen unseres Kirchenbezirks werden in eine öffentliche Veranstaltung eingeladen, damit die Diskussion nicht nur in den Medien stattfindet.

Zweitens: Unsere Gemeinde tritt der „Initiative Regenbogen“ bei und erklärt damit öffentlich, dass lesbisch und schwule Menschen willkommen sind. Dazu habe ich für die „Offene Kirche“ die Sprecherin Judith Quack interviewt:

Seit wann bist du im Kirchengemeinderat? Was verbindet dich mit der Initiative Regenbogen?

Grundsätzlich: Wir sprechen nicht von Regenbogengemeinden, sondern von Gemeinden, die sich der Initiative Regenbogen anschließen. Ich bin Kirchengemeinderätin in der Auferstehungskirche  Reutlingen seit 2013. Im Sommer vor einem Jahr gründete sich die Initiative Regenbogen mit dem Anliegen, dass sich Gemeinden dazu bekennen,

–    dass sie offen sind für Lesben und Schwule,

–    dass homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern im Pfarrhaus wohnen können und

–    dass sie eine Segnung von Lesben und Schwulen befürworten.

Unsere Gemeinde hat sich ohne große Diskussion dieser Initiative angeschlossen. Als im Sommer 2016 das erste Treffen der ersten Gemeinden stattfand, war ich bereit, als Ansprechpartnerin für interessierte Gemeinden die Initiative zu vertreten.

Wie viele Gemeinden haben sich bisher angeschlossen?

Zur Zeit gibt es dreißig Gemeinden, die sich der Initiative angeschlossen haben. Sie wollen eine völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen in der Kirche. Die Presse zeigt sie immer mal wieder interessiert, die Landeskirche hat meines Wissens nie reagiert. Es gab einen intensiven Schriftwechsel mit “Confessio”, einem Zusammenschluss von Pfarrerinnen und Pfarrern in der Württembergischen Landeskirche, die sich ganz der Bibel verpflichtet fühlen. Wir von der Initiative haben ganz bewusst davon Abstand genommen, diesen Briefwechsel zu veröffentlichen.

Wieso engagierst du dich für gleichgeschlechtliche Partnerschaften?

Ich bin grundsätzlich gegen Diskriminierung von Menschen und habe als Kind und junge Frau gelegentlich diskriminierende Erfahrungen gemacht, die mich möglicherweise sensibilisierten. Auch unser Aufenthalt in Afrika hat mich für Diskriminierung weiter sensibilisiert. Ich finde, unserer Kirche steht es nicht gut an, irgend eine Gruppe in unserer Gesellschaft zu diskriminieren.

Was sagt dein Mann dazu? Er unterstützt mich. Ich wünsche mir, dass dieser beschämende Zustand in unserer Landeskirche bald beendet wird und zur Folge hat, dass viele Menschen und Gemeinden sich zur Initiative bekennen. Ich möchte alle Gemeinden dringend bitten, sich dieser Initiative anzuschließen.

Judith Quack, Sprecherin der Initiative Regenbogen: initiativeregenbogen@bkh-wue.de

Drittens: Der Kirchengemeinderat gestattet öffentliche Segnungen.

Viele evangelische Landeskirchen ermöglichen Trauungen oder öffentliche Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare. Es ist klar, dass nicht einfach die traditionelle Agende benutzt werden kann.

 

Liturgische Kreativität ist gefragt. Die meisten Landeskirchen bieten in ihren Handreichungen mehrere Formulierungen an. Wer sucht, findet im Internet viele gelungene Beispiele. Eine Auswahl:

Begrüßung: „Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der die Liebe ist, im Namen von Jesus Christus, der uns Gottes Liebe als Mensch gezeigt hat, und im Namen des Heiligen Geistes, der uns in Liebe verbindet“. (Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens (LS)).

„Liebe/r N.N. und N.N., liebe Festgemeinde, herzlich willkommen ihr beide und alle, die diesen Tag mit euch (hier in der x-Kirche) feiern. Wir bitten mit euch um Gottes Segen: Lebensraft, die wir uns nicht selbst geben können. Darum sind wir jetzt hier und feiern Gottesdienst: Im Namen Gottes, Ursprung und Ziel des Lebens im Namen Jesu Christi, Grund der Liebe, im Namen des Heiligen Geistes, Fülle des Lebens.“ Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck(KW))

Eingangsgebet: „Gott, Du Ursprung und Ziel unseres Lebens, wir danken Dir, dass Du uns ins Leben gerufen und uns Glück und Freude geschenkt hast. Wir danken Dir für das Geschenk der Liebe und für die wunderbaren Wege, auf denen Menschen zueinander finden. Wir bringen vor Dich unsere Bitte um Segen und Bewahrung. Lass gelingen, was wir jetzt im Vertrauen auf Deine Gegenwart begonnen haben, und segne uns  jetzt in dieser Stunde und an allen Tagen unseres Lebens. Amen (LS)

„Gott, Du, Weiter als alle Worte, Tiefer als jeder Abgrund, Höher als alle Gedanken. Anders als alle Bilder. Wir suchen dich. Wir brauchen dich. Wir bitte dich, dass Du hier bist. Zu dieser Stunde. In diesem Raum. Mit uns und besonders mit N.N. und N.N. An dem Ort, an dem wir deine Nähe suchen. Du – der uns längst gefunden hat, Gott. Du mit deiner Stärke und mit deiner Schwäche. Mit deiner Größe und mit deiner Zartheit. Mit deinen Wundern und mit deinem Schweigen. Höre uns, öffne uns, erfülle uns.“ (KW)

Lesungen: Markus 12,28-34; Kol.3,12-17; Koh.4,9-12; 1.Kor. 13 (LS). Ruth 1,16ff (KW)

Treueversprechen: „So bekennt euch nun dazu vor Gott und dieser Gemeinde. N.N., ich nehme dich als meine(n) Partner(in) aus Gottes Hand. Ich will dich lieben und achten, dir vertrauen und treu sein. Ich will zusammen mit dir erkannt und genannt werden. Ich will dir helfen und für dich sorgen. Ich will zusammen mit dir Gott und den Menschen dienen, solange wir leben. Dazu helfe mir Gott.“ (LS)

„Ihr liebt euch und habt euch füreinander entschieden. Darum frage ich euch vor Gott und dieser Gemeinde: N.N. willst du N.N. aus Gottes Hand nehmen? Willst du eure Liebe schützen und bewahren? Willst du N.N. mit Achtung begegnen? Willst du zu ihm/zu ihr stehen in guter und in schwerer Zeit bis ans Lebensende, so antworte: Ja (mit Gottes Hilfe)“. Wdh. (KW)

Segen: „Gott segne euch. Gott stärke euch in der Liebe zueinander und in der Treue füreinander. Gott beschütze Eure gemeinsamen Wege. So segne euch Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.“ (LS)

„Gott segne euren Weg. Gott schütze eure Liebe. Gott schenke euch ein erfülltes Leben. So segne euch  Gott jetzt und allezeit. Amen (KW)

Das Fürbittengebet kann persönlich gestaltet werden. Oftmals beteiligen sich Verwandte und Freunde dabei. Man kann davon ausgehen, dass die meisten Paare schon einen mühsamen Weg durch Vorurteile und Anfeindungen hinter sich haben. Darum wäre ein Schuldbekenntnis für jahrhundertealte Diskriminierungen angebracht.

„Nach fast zwei Jahrtausenden schlimmster (manchmal sehr sublimer) Demütigungen und (z.T. blutiger) Verfolgungen homosexuell liebender Menschen durch die Kirche  bis in die Gegenwart – ist ein deutlicher Bußakt nötig, der eine neue Praxis im Zusammenleben mit homosexuell liebenden Menschen eröffnet.“ Arbeitspapier „Homosexuelle Liebe“ der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland, 1992

Als Lieder werden EG 65, 155, 170, 171, 209, 268, 272, 288, 321, 334, 395 u.a. vorgeschagen.

Es ist höchstwahrscheinlich, dass sich die Gemeinden in wenigen Jahren an gleichgeschlechtliche Ehen gewöhnt haben werden. Nicht nur die unmittelbar beteiligten Paare, sondern auch ihre  Familien sind dankbar für eine würdige und verantwortliche Gestaltung.

Ich gehe nach der Diskussion im Kirchengemeinderat Rottenburg mit einem guten Gefühl nach Hause. Ein solches Gespräch wäre in meiner aktiven Zeit in diesem Gremium noch nicht möglich gewesen.

Finale Sondierung

Es ist gut, dass die nervtötenden Sondierungen nun zu Ende sind. Man kann hoffen, dass wieder wesentlichere Nachrichten berichtet werden. Eine Regierung muss her, die die künftigen Herausforderungen einigermaßen bewältigt. In der heute veröffentlichten „Finalen Fassung“ stehen nur einige davon. Insbesondere die nötige Friedenspolitik kommt zu kurz.

„ Wir wollen ein Europa des Friedens und der globalen Verantwortung · Globale Herausforderungen brauchen europäische Antworten. Wir sind uns einig in der klaren Absage an Protektionismus, Isolationismus und Nationalismus. Wir brauchen international mehr und nicht weniger Kooperation… · Die gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik muss im Sinne einer Friedensmacht Europa gestärkt werden. Sie muss dem Prinzip eines Vorrangs des Politischen vor dem Militärischen folgen und auf Friedenssicherung, Entspannung und zivile Krisenprävention ausgerichtet sein. Wir wollen die Zusammenarbeit bei der Sicherheits- und Verteidigungspolitik (PESCO) stärken und mit Leben füllen.“

PESCO (Permanent Structured Cooperation, deutsch: Ständige Strukturierte Zusammenarbeit) bezeichnet die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten der EU, die sich in der gemeinsamen Militärpolitik besonders engagieren wollen.

Neues ist da nicht zu erwarten. Ich bin gespannt, wie die folgende Versprechung umgesetzt wird:

„Wir schränken die Rüstungsexporte weiter ein, schärfen die Rüstungssexportrichtlinien aus dem Jahr 2000 und reagieren damit auf die veränderten Gegebenheiten. Ergänzend zu den Kleinwaffen-Grundsätzen vom Mai 2015 streben wir weitere Restriktionen an. Auf dieser Basis streben wir eine gemeinsame europäische Rüstungsexportpolitik an und wollen den gemeinsamen Standpunkt der EU fortentwickeln. Die Bundesregierung wird ab sofort keine Ausfuhren an Länder genehmigen, solange diese am Jemen-Krieg beteiligt sind.“

Zweifel sind angebracht, wenn man die folgende Meldung heute liest:

„Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr Rüstungsexporte in Rekordhöhe an Ägypten (!) genehmigt. Wie aus einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht, hat sie zwischen dem 1. Januar und dem 15. November 2017 die Ausfuhr von Kriegsgerät im Wert von 428 Millionen Euro erlaubt. Dazu zählen Luft-Luft-Lenkflugkörper des Typs Sidewinder, die von Diehl Defence aus Überlingen am Bodensee geliefert werden und von Kampfflugzeugen im Nahkampf eingesetzt werden, sowie U-Boote. Ägypten wird alles in allem vier U-Boote aus der Produktion von ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) erhalten; zwei sind bereits ausgeliefert worden. Der U-Boot-Deal mit TKMS hat Ägypten bereits 2016 unter die Top 5 der Kunden deutscher Waffenschmieden aufrücken lassen; dort wird es sich voraussichtlich auch 2017 befinden.“ Und 2018?

Die „Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung“ GKKE veröffentlicht leider ihre Erkenntnisse immer zur Weihnachtszeit, wenn die meisten Leute mit anderen Dingen beschäftigt sind. Die Lektüre lohnt sich immer noch!

http://www3.gkke.org/fileadmin/files/downloads-allgemein/17_12_18_GKKE_REB_2017.pdf

Die GKKE forderte gleich nach der Wahl eine künftige Bundesregierung auf: „• keine Rüstungsexporte mehr in Krisenregionen und an Empfänger zu genehmigen, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben. Insbesondere staatliche wie nicht-staatliche Akteure, die aktive Parteien in einem Gewaltkonflikt sind, dürfen keine Rüstungsgüter erhalten. Auch Lizenzverträge und Abkommen zur Rüstungskooperation darf die Bundesregierung nicht genehmigen, wenn solche Lieferungen bzw. Weiterverbreitung durch die Partner nicht explizit ausgeschlossen sind. • den Anteil der Drittstaaten unter den Empfängern deutscher Rüstungsgüter, insbesondere von Kriegswaffen, deutlich zu reduzieren, • keine Waffen an Staaten zu exportieren, die den internationalen Waffenhandelsvertrag (ATT) nicht unterzeichnet haben, • die Genehmigung für die Ausfuhr von Klein- und Leichtwaffen sowie Munition mit der Auflage für die Empfängerstaaten zu versehen, sich aktiv am UN-Waffenregister sowie am Kleinwaffenaktionsprogramm der Vereinten Nationen zu beteiligen, • keine Hermes Kredite für Rüstungsexporte zu gewähren, • die deutschen Regelungen zu Fragen des Rüstungsexports zu systematisieren und in einem Rüstungsexportkontrollgesetz zusammenzufassen.“

Christliche und Soziale Demokraten sollten diese Forderungen im Sinne des Friedens umsetzen. Vielleicht können sie in den eigentlichen Koalitionsverhandlungen festgeschrieben werden. Passieren wird aber nur dann etwas, wenn die Bevölkerung der Regierung und ihren Parteien nicht länger „Vertrauen“ schenkt, sondern mißtrauisch Druck ausübt. Wir haben nicht nur bei der Wahl eine Stimme.

Sternsinger gegen Kinderarbeit

Unser Pastor sprach im Konfirmandenunterricht immer von den „Heiligen Zwei Königen“. Wenn wir protestierten, wies er uns an das Matthäusevangelium, wo über „Magier“ geschrieben wird. Er genoss unsere Überraschung: „Weder König, noch drei, noch heilig“. Wir sollten die Bibel genau lesen. So streng war 1962 der evangelische Unterricht.

In Württemberg ist „Heilige Drei Könige“ ein gesetzlicher Feiertag. Und die evangelische Pfarrerin im Gottesdienst hört schnell auf mit „Erscheinungsfest“ oder  „Epiphanias“, weil sie statt Predigt Geschichten von den Königen vorlesen will.

Am Nachmittag kommen dann wie jedes Jahr die Sternsinger ins Haus. Es sind keine Kinder, sondern ausgewachsene Männer. Ihr Gesang ist entsprechend. Sie sammeln für ein Projekt, das Kinderarbeit in Indien überwinden will. Eine eindrucksvolle Aktion, die mittlerweile ökumenisch organisiert wird.

https://www.sternsinger.de/fileadmin/bildung/Dokumente/kinder/2017_03_sternsinger-spezial_dks_ausbeutung_A.pdf

Kinderarbeit gibt es leider auch in China. Und da sind wir als Konsumenten direkt beteiligt. Viele Weihnachtsgeschenke (Spielzeug, Kleidung, das neue iPhone, Dekoration usw.) werden von Kindern hergestellt.

Die kleine Stadt Yiwu in der Zhejiang-Provinz produziert 60% der weltweiten Weihnachtsdekoration. 2001 waren es hier nur zehn Fabriken, doch mittlerweile gibt es sechshundert in der Stadt. Tausende Arbeiter produzieren hier die Weihnachtsdekoration  und nach Weihnachten geht es weiter mit Valentinstag, Ostern und Halloween. Yiwu ist bekannt als Weihnachtsstadt, aber auch hier arbeiten Kinder in den Fabriken. Viele sind unter sechzehn Jahre alt und arbeiten mehr als zwölf Stunden am Tag.

China ist bekannt für seine schlechten Arbeitsbedingungen und auch Kinder arbeiten hier in den Fabriken. Zehn bis- zwölf-Stunden Arbeit am Tag, sieben Tage die Woche, sind hier oftmals normal, denn die Arbeiter bekommen so wenig Lohn, dass sie ohne die Überstunden nicht über die Runden kommen würden. Zudem sind die Bedingungen in den Fabriken meist sehr schlecht und die Arbeiter sind ohne Schutzkleidung Chemikalien und anderen Gefahrenquellen ausgesetzt.

Erst Ende November 2017 wurde bekannt, dass bei dem chinesischen Zulieferbetrieb Foxconn jugendliche Praktikanten elf Stunden am Tag arbeiteten. Foxconn ist einer der größten Produzenten im Elektronikgewerbe und beliefert unter anderem Apple und Hewlett Packard. Die chinesischen Arbeitergesetzte verbieten unter 16- jährigen jegliche Arbeit und 16 bis 18- jährige dürfen höchstens acht Stunden am Tag arbeiten, jedoch sind unabhängige Kontrollen in dem autoritären Land kaum möglich und daher kommt es immer wieder zu Skandalen. Foxconn hatte schon früher schlechte Presse gehabt, als  sechzehn Arbeiter in den Jahren 2010 bis 2013 Selbstmord begingen und auch seitdem gab es in den Fabriken weitere Selbstmorde von Arbeitern.“ ( Financial Times;   27.11.2017 )

Wichtiger als Spenden und Caritas  ist ein politisch aufgeklärter Konsum. Aber wo wird man schon aufgeklärt in konsum-festlichen Zeiten?

Weltfriedenstag

Seit 1968 begeht die katholische Kirche den 1. Januar als Weltfriedenstag. Jedes Jahr gibt der Papst beachtenswerte Botschaften  heraus. Allerdings ist das Echo bescheiden. In hiesigen Gottesdiensten habe ich nichts davon gehört. Die meisten schlafen sowieso aus.Letztes Jahr gab es eine konkrete Ankündigung:

„Ich versichere, dass die katholische Kirche jeden Versuch, den Frieden auch durch die aktive und kreative Gewaltfreiheit aufzubauen, begleiten wird. Am 1. Januar 2017 tritt das neue „Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ in Funktion. Es wird der Kirche bei der Förderung » der unermesslichen Güter der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung « immer wirkungsvoller helfen und sie in ihrer Fürsorge für die Migranten, » die Bedürftigen, die Kranken und die Ausgeschlossenen, die Ausgegrenzten und die Opfer bewaffneter Konflikte und von Naturkatastrophen, die Gefangenen, die Arbeitslosen und die Opfer jeder Form von Sklaverei und Folter « immer durchgreifender unterstützen. Jede Handlung in dieser Richtung, so bescheiden sie auch sei, trägt zum Aufbau einer gewaltfreien Welt bei, und das ist der erste Schritt zur Gerechtigkeit und zum Frieden.

Ich wünsche mir von Herzen, dass dieser Geist den Prozess bestimmt, der im Laufe des Jahres 2018 dazu führen wird, dass die Vereinten Nationen zwei globale Pakte definieren und verabschieden – einen für sichere, geordnete und reguläre Migration, den anderen für Flüchtlinge. Als Vereinbarungen auf globaler Ebene stellen diese Pakte einen wichtigen Bezugsrahmen für politische Vorschläge und praktische Maßnahmen dar. Deshalb ist es wichtig, dass sie von Mitgefühl, Weitsicht und Mut inspiriert sind, so dass jede Gelegenheit genutzt wird, den Aufbau des Friedens voranzubringen. Nur so ist es möglich, dass der notwendige Realismus der internationalen Politik nicht dem Zynismus und der Globalisierung der Gleichgültigkeit zum Opfer fällt.“

Das Thema Migration hat er auch dieses Jahr aufgenommen:

„Dialog und Koordinierung stellen tatsächlich eine Notwendigkeit und ureigene Pflicht der internationalen Gemeinschaft dar. Jenseits nationaler Grenzen ist es möglich, dass auch weniger reiche Länder eine größere Anzahl von Flüchtlingen aufnehmen oder besser aufnehmen können, wenn durch internationale Zusammenarbeit die Bereitstellung der notwendigen Mittel gewährleistet ist.“

Leider sind durch den Fokus Migration die gegenwärtigen Kriege nicht im Blick. Auch unsere deutschen Medien blenden vieles aus, zum Beispiel den Krieg im Jemen. Liegt es am schlechten Gewissen? Denn Deutschland ist unmittelbar beteiligt.

„Die größte humanitäre Krise unserer Tage spielt sich im Jemen ab. Alle zehn Minuten stirbt dort ein Kind an Hunger oder vermeidbaren Krankheiten, Tausende sind der größten Cholera-Epidemie der letzten Jahrzehnte zum Opfer gefallen. Die Infrastruktur ist fast gänzlich zerstört oder zum Erliegen gekommen. Eine verbrecherische, von Saudi-Arabien verhängte umfassende Blockade hat dazu geführt, dass mittlerweile 7 Millionen Menschen im Jemen akut vom Hungertod bedroht sind. Fast drei Millionen Menschen sind aus Angst um ihr Leben auf der Flucht im eigenen Land. Ein Verlassen des Landes ist kaum möglich.

Das alles sind Folgen eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges, der hauptsächlich die Zivilbevölkerung trifft und der darauf ausgerichtet ist, das Selbstbestimmungsrecht der Jemenitischen Bevölkerung im Keime zu ersticken. Es ist ein Krieg, den die saudische Herrscherfamilie führt um den Jemen, den sie seit jeher als ihren Hinterhof verstanden hat, weiterhin als Vasallenstaat unter ihrer Kontrolle zu halten. Die bisher mehr als 10 000 getöteten Jemeniten nimmt sie dafür billigend in Kauf. Die UNO schlägt seit Monaten Alarm, denn das Morden ist für alle Welt offensichtlich. Doch aus den Regierungen des „Westens“ ist nur ein Schweigen zu vernehmen.

Mithilfe deutscher Patrouillenboote wird die verbrecherische Vollblockade des Jemens aufrechterhalten. Alleine in den letzten zehn Jahren haben deutsche Bundesregierungen Waffen und Kriegsgerät im Wert von fast 3,5 Milliarden Euro an die saudische Diktatur exportiert. Im Jahr 2015 waren es Waffen und andere Rüstungsgüter im Wert von 270 Millionen Euro, im Jahr 2016 sogar im Wert von 570 Millionen. Darunter Kampfflugzeuge, Hubschrauber, Munition und Patrouillenboote. Maschinengewehre der Marke Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar sind ebenfalls im Einsatz gegen die jemenitische Zivilbevölkerung. Dank deutscher Unterstützung werden diese Waffen mittlerweile in Riad in Lizenz produziert. Als wäre das nicht zynisch genug, bezeichnet die Bundesregierung Saudi Arabien, trotz aller Verbrechen, als „Stabilitätsanker“ in der Region. Die Bundesregierung schweigt nicht nur zu diesen massiven, von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten im Jemen begangenen Völkerrechtsbrüchen, sondern ist durch die exportierten Waffen Teil dieses Krieges und macht sich damit auch der Mittäterschaft schuldig.“                                                                  Quelle: Die Freiheitsliebe

Man würde wohl die Friedensaufrufe zum Neuen Jahr ernster nehmen, wenn die Predigten in der Kirche deutlicher wären. Denn: Die Wahrheit ist konkret.

Der beschnittene Jesus

Der Schluss meiner Weihnachtspredigt über Lukasevangelium Kap. 2 hat einige überrascht.

Die Hirten beten das Kind an und erzählen, was sie erlebt haben. Der Frieden Gottes setzt in Bewegung. Die Empfänger werden Verkündiger. Sie loben Gott. Und dann denken wir: Ein schöner Schluss. Denn soweit wird die Geschichte in den Weihnachtsgottesdiensten meistens verlesen und bedacht. Aber – das wird euch überraschen!  – der eigentliche Schuss kommt in  Lukasev. Kapitel 2, Vers 21!

21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde.

Alle Geburtsgeschichten der Bibel enden mit Beschneidung und  Namensgebung: Ismael, Isaak, die Söhne Jakobs, Simson, Johannes der Täufer.

Der jüdische Ritus der Beschneidung nach der Tora war und ist den Christen immer ein wenig unheimlich. Ich kann das hier nicht vertiefen. Es genügt zu verstehen, dass damit ein jüdischer Junge in den Bund Gottes hineingenommen wird. Die Beschneidung ist das Zeichen des Bundes mit Gott.

Hätten die Kirchen diesen Vers in ihren Weihnachtsgottesdiensten nicht weggelassen und auf weniger wichtige Sonntage verschoben, hätte wohl kein Nazi auf die Idee kommen können, dass Jesus ein nordischer Arier war. Er war ein Jude, wird in dieses Volk hineingeboren, dessen Auftrag er nicht auflöst, sondern für die ganze Welt erweitert. Wo heute die Judenfeindlichkeit wieder in Deutschland auftaucht, dass wir einen Antisemitismusbeauftragten der Regierung brauchen, ist mir wichtig zu betonen, dass wenigstens jetzt die Christen diese unselige Vergangenheit überwinden. Man kritisiert mit Recht die islamische Judenfeindschaft. Aber wir Christen haben selber eine bald zweitausendjährige Judenfeindschaft. Da ist noch  viel zu tun, nicht zuletzt ein besserer Umgang mit der Bibel.

Der „Retter der Welt“ ist Jude. Und dieser Jude ist nicht nur Prophet, der sieht, wo es lang gehen sollte, sondern er ist der Heiland, der diese Welt erlösen kann. Ob das einer den Muslimen in Abu Dhabi erklärt, wenn künftig das Bild „Salvator Mundi“ dort ausgestellt wird?

Jesus bringt den Frieden, der höher ist als alle Vernunft, aber dies oft in Konfrontation mit den Erlassen der Mächtigen dieser Welt. Das erste Wort ist „Augustus, der Kaiser“. Das letzte Wort ist aber Jesus, der wahre Heiland der Welt. Sie sind Antipoden! Innerer und äußerer Friede gehören zusammen. Man muss sich aber schon auf ihn einlassen. Er kommt nicht von allein. Weihnachten ist also nicht einfach das „Fest der Liebe“, sondern das Fest der Liebe Gottes. Nicht einfach das „Fest des Friedens“, sondern das Fest des von Gott geschenkten Friedens.

Dieser Friede Gottes wird gefeiert in dem Brief des Paulus an die Philipper (4,4ff.): „Freut euch im Herrn allezeit. Und immer wieder will ich es sagen. Freut euch! Lasst alle (!) Menschen eure Güte erfahren. Sorgt euch um nichts. Und Gottes Friede, welcher weiter reicht als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Und führe uns nicht in Versuchung

Kürzlich brachte ich eine Gemeinde im Gottesdienst beim wie üblich gemeinsam gesprochenen „Vaterunser“ durcheinander. Wie peinlich, wenn man am Mikrophon vorbetet. Dieses Gebet habe ich ja wohl schon einige tausendmal gesprochen. Und dann „vergesse“ ich die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“. Werde ich zu alt? Oder nur eine Freud’sche Fehlleistung? Schließlich hatte mich früher schon einmal ein Mesner provokativ gefragt, warum ich die Bitte mit der Versuchung „falsch formuliere“.

Mittlerweile hat er prominente Unterstützung bekommen. „Und führe uns nicht in Versuchung“ – diese Zeile des Vaterunsers findet Papst Franziskus falsch. In Frankreich wurde das Gebet schon verändert. Bisher hieß es: „Und unterwerfe uns nicht der Versuchung.“ „Ne nous soumets pas à la tentation“. (Das klingt tatsächlich eher islamisch als christlich. Beten eigentlich Frankreichs Protestanten anders?) Nun heißt die Zeile: „Und lasse uns nicht in die Versuchung eintreten.“ „Et ne nous laisse pas entrer en tentation.“  Der griechische Urtext in Matth. 6,13 bzw. Lukas 11,4 ist eigentlich klar, aber eine Übersetzung bietet immer Variationsmöglichkeiten. „Versuchung“: Das griechische Wort „peirasmos“, das dem zugrunde liegt, hat ein weites Bedeutungsspektrum. Es kann neutral „Prüfung“, „Erprobung“ meinen – ohne böse Absicht. Es kann aber auch meinen, jemanden auf die Probe zu stellen – mit der Absicht, ihn zu Fall zu bringen. Letzteres ist gewiss nicht gemeint. Und das „hineinführen“? Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum, lehrt,  dass das entscheidende Verb auf Deutsch eindeutig „hineintragen, hineinbringen“ heiße. Das Subjekt, Gott, trägt die Menschen in etwas hinein, und zwar – eingeleitet durch die griechische Präposition „eis“(zu, hin) – in die Versuchung. „Versuchung steht im Akkusativ, ist also auch grammatikalisch als Ziel dieser Bewegung, dieses Hineintragens gekennzeichnet. „Bei Matthäus und bei Lukas steht exakt dieselbe Wendung; sie geht auf die Logienquelle zurück, die älteste Sammlung von Jesusworten“, so Söding. Der Sinn sei „unzweideutig“.

Wenn es tatsächlich ein Wort Jesu ist, könnte man auch auf seine aramäische Sprache zurückgehen. In einem alten aramäischen Abendgebet heißt es wörtlich übersetzt: „Bringe mich nicht in die Gewalt der Sünde und nicht in die Gewalt der Schuld und nicht in die Gewalt der Versuchung.“ Der Beter denkt dabei nicht, dass Gott ihn in Sünde, Schuld und Versuchung bringen will, sondern bittet um Bewahrung davor. Dr. George M. Lamsa, dessen Muttersprache Aramäisch ist, übersetzt diese aramäisch gedachte sechste Bitte so: „Lass uns nicht in Versuchung fallen! Oder: Führe uns, auf dass wir nicht in Versuchung fallen!“ Genau in diesem Sinn hat Jesus seine Schüler einen Tag vor seiner Hinrichtung gewarnt: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt!“ (Mk 14,38)

Der Neutestamentler Klaus Berger etwa schlägt eine andere Übersetzung vor. Seiner Meinung nach wäre es zutreffender, zu sagen: „Führe uns an der Versuchung vorbei.“ Auch der Theologe und Philosoph Rupert Lay bietet eine Alternative: „Und führe uns auch in der Versuchung!“

Eine ganz andere Variante findet sich bereits in der „Bibel in gerechter Sprache“. Dort ist diese Bitte des Vaterunsers so übersetzt: „Führe uns nicht zum Verrat an dir!“

Mittlerweile hat eine muntere Debatte eingesetzt, die über Übersetzungsfragen hinausgeht.

Der Jesuit Klaus Mertes kürzlich im Deutschlandfunk: „Man wird das Problem nicht los, wenn man die Vaterunser-Bitte verändert. Nur ein Beispiel: Jesus  wird vom Geist in die Wüste geführt, damit er dort versucht wird. Gemeint ist der Geist Gottes, also dass Gott das Subjekt des Schickens in die Wüste ist, wo der Ort der Versuchung ist, ist ein biblisches Motiv. Unbestreitbar… Warum bin ich krank? Warum fühle ich mich gottverlassen? Warum ist meine Ehe geschieden? Alle diese Fragen führen mich in eine Vertrauensfrage an Gott und das ist eine schwere Prüfung für jeden Menschen, der gläubig ist. Und das einfach damit zu lösen, dass man sagt: Gott hat damit gar nichts zu tun, das finde ich, ist eine zu leichte Lösung.“

Der evangelische Theologe Christoph Markschies: „Gott führt in Situationen, in denen die Menschen leicht in Versuchung geraten können. Die Versuchung selbst hingegen vollzieht der Teufel. Im Fall des Jesus von Nazareth absolut erfolglos übrigens. Jesus widerstand allen Verlockungen. Die zweifelhafte Macht, die der Teufel ihm verhieß, lehnte er dankend ab – mit Hinweis darauf, dass allein Gott die Macht zustehe. Jenem Gott also, der die Menschen manchmal in Situationen hineinstellt, die Entscheidungen fordern. Jenem Gott, von dem die Gläubigen nur Gutes erwarten – der aber bisweilen schwer verstehbare Wege empfiehlt.“

Natürlich kommen jetzt wieder die „Verschwörungstheologen“, die böse Machenschaften der Kirche am Werke sehen. Der Journalist Franz Alt sagt, er sei überzeugt, dass „die Hälfte der Jesusworte, so wie sie in unseren Bibeln stehen, falsch übersetzt oder gar bewusste Fälschungen sind“. So kann man sich alles gefällig zurechtbiegen.

Ich bleibe vorerst bei der Erklärung Martin Luthers zur sechsten Bitte in seinem Kleinen Katechismus: „Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.“

Vielleicht sollten wir Pfarrer öfter mal über eingefahrene Formulierungen stolpern, damit wir das wichtigste Gebet der Christenheit nicht einfach herunterleiern.

Anstöße

Heute trifft sich die kleine Redaktion der “anstöße“, das „Zentralorgan der Offenen Kirche (OK)“ in Württemberg. Wir wollen  das nächste Heft vorbereiten, müssen aber erst einmal die leidige Synode mit ihren unseligen Beschlüssen zur „Trauung für alle“ „verdauen“. Es liegen eine Menge schriftlicher Reaktionen von Leuten vor, die naturgemäß alle ihre Enttäuschung ausdrücken. Man könnte allein damit ein Heft füllen, das leider nur viermal im Jahr erscheint. Der Platz ist  also beschränkt. Und es gibt natürlich noch andere wichtige Themen.

Ich finde, man muss den Gegnern einer Trauung gleichgeschlechtlicher Christen bestreiten, dass sie sich zu recht auf Bibel und Bekenntnis berufen. Das Evangelium ist  reicher als die Auslegung die üblicherweise zu diesem Thema geboten wird. Vielleicht können die Texte aus dem „Hohen Lied der Liebe“, die im Januar zur Bibelwoche vorgeschlagen werden, die Wahrnehmung mancher Leute erweitern. Mein Lehrer Helmut Gollwitzer hat schon 1978 dazu ein schönes Plädoyer für Liebende „Das hohe Lied der Liebe“ (Kaiser Traktate) geschrieben. Wie es im Klappentext heißt: „Helmut Gollwitzers Auslegung des Hohenliedes wird zum Lobpreis der geschlechtlichen Liebe als wunderbares Geschenk des Schöpfers. Gollwitzer entwirft Grundzügen eine neue Sexualethik, ja  eine neue Ethik der Liebe. Er spannt den großen verbindenden Bogen von der Sexualität über Eros und Agape bis zur Feindesliebe und einer „Theologie  der Zärtlichkeit“. Dieses Buch setzt ein Signal, es ist die „Aufforderung an die Kirche und die Christen, endlich ein unbefangenes Verhältnis zum Sexus und Eros zu  gewinnen.“ Endlich!

Es ist dringend, dass wir eine entsprechende „Trauagende“ erarbeiten. Das muss ja kein Kirchengesetz sein. Gute „Text-Bausteine“ würden manchem Liturgen auf die  Sprünge helfen. Wahrscheinlich werden ja überall im Ländle irgendwelche Segnungen stattfinden. Ein offener Austausch wäre wünschenswert.

Schon jetzt werden viele Trauungen nicht in der zuständigen Gemeinde gehalten. Viele Paare suchen sich eine hübsche Kirche aus. Könnten man nicht für gleichgeschlechtliche Paare irgendwo eine nette Schlosskapelle finden, die für solche Gottesdienste gut geeignet ist? Braucht man eigentlich noch ein „Kirchenregisteramt“? Seit 1871 übernimmt das Standesamt die rechtlich relevante Registrierung.

Leider kann man von der weltweiten Ökumene nicht viel Unterstützung erwarten. In Rußland, Afrika oder Asien ist Homosexualität noch immer tabu. Sie haben oft nicht einmal die Frauenordination akzeptiert. Der „rechte Rand“ der Kirchen ist ziemlich dick!

Immer wieder fragen wir nach dem spezifischen Beitrag unserer Kirche. Ich übersetze das „eccclesia semper reformanda“ mit „Kirche als Vortrupp des Lebens“ und nicht als „Nachhut  der Tradition“. Dazu muss man nun aber das „Priestertum aller Glaubenden“ wirklich ernst nehmen. Da wäre doch interessant, welche Erfahrungen die „Regenbogengemeinden“ machen. Siehe z.B www.bkh-wue.de/initiative-regenbogen.

Na ja, und dann müssen wir schauen, was wir für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung tun sollten. Die nächste Landessynode trifft sich jedenfalls  vom 8.-10. März 2018.

Ostasienmission

In Stuttgart  treffen sich Mitglieder und Freunde der Deutschen Ostasienmission zu ihrem Studientag  im Advent. Viele haben früher länger in Japan, China oder Korea gearbeitet, weshalb man sich ein wenig wie auf einem Familientreffen vorkommt. Jüngere Leute fehlen leider.

Zunächst erklärt Pfarrerin Eva Ursula Krüger die Geschichte der Evangelischen Kirche in China anhand von neuen Rollbildern, die der Chinesische Christenrat (CCC) hergestellt hat. Es ist aufschlussreich, wie sich die chinesischen Christen selber sehen. Es ist bekannt, welchen enormen Zuwachs das Christentum in China derzeit erlebt. Mangels genauer Statistiken vermuten manche 100 Millionen. Genau bekannt ist hingegen die Einwohnerzahl der Volksrepublik: 1,4 Milliarden wurden 2015 gezählt.

Dass die Kirchen Probleme mit dem Staat haben, verwundert nicht. Die neue Regierung scheint die Zügel wieder anzuziehen. Der Co-Präsident der Ökumenischen Gesellschaft Schweiz—China Christoph Waldmeier referiert über die revidierten „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ der VR China. Die Verfassung gewährt Religionsfreiheit, aber die Autorität der kommunistischen Partei darf nicht  gefährdet werden. Im Konflikt gibt es keine Anwälte, die die Rechte der Kirchen durchsetzen könnten.

Lutz Drescher, früher Referent für Ostasien im Evangelischen Missionswerk EMS hat schon öfter aus Nordkorea berichtet. https://ems-online.org/laender/asien/korea/nordkorea. Nun zeigt er Bilder von seiner jüngsten Reise in dieses noch immer ziemlich unbekannte Land. Er korrigiert einmal mehr das düstere Bild, das die meisten Medien zeichnen und betont, dass die Raketen- und Atomtests ausdrücklich der Verteidigung dienen sollen.

„In Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang entdecke ich viele neue Restaurants, sogar auf einem Vergnügungsdampfer mit dem schillernden Namen „Regenbogen“ kann man seit kurzem dinieren. Fast an jeder Ecke gibt es inzwischen einen Kiosk und eine Vielzahl an Geschäften säumt die Straßen. Angeblich sind die Läden auch gut bestückt, hauptsächlich mit Produkten aus China. Selbst dort einkaufen oder nur einmal einen Blick hineinwerfen, dürfen wir leider nicht, erklärt mir einer unserer Begleiter.

Ja, ohne Begleitung kann ich mich auch bei meinem vierten Besuch in Nordkorea nicht bewegen. Unsere internationale Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen ist in einem 47-stöckigen Hotel auf einer kleinen Insel im Taedong-Fluss untergebracht. Um uns herum chinesische Touristengruppen. Für sie gibt es sogar ein Freizeitbad und ein Skigebiet. Viele neue Hochhäuser wurden errichtet, und am Ufer des Taedong-Flusses ist ein ganzes Areal von Apartment-Türmen für Wissenschaftler entstanden. In Weiß, Rot und Blau prangt der Slogan für die Staatsdoktrin der unabhängigen Entwicklung an der Fassade. Neu ist jedoch die Kombination mit den Schlagwörtern „Kwahakhwa“ und „Hyundaihwa“ – wissenschaftlicher Fortschritt und Modernisierung.

Ich kann nur spekulieren, was diese neuen Slogans zu bedeuten haben: Zusammen mit der wachsenden Privatisierung könnten diese zum Programm des noch jungen neuen Führers des Landes, Kim Jong-Un, gehören. Offensichtlich will er aus Pjöngjang ein Musterbeispiel dafür machen, wie das gesamte Land in Zukunft aussehen soll.“

Schließlich berichtet Dieter Bullard-Werner ( Basler Mission BMDZ) von einem Projekt der Esslinger Jugendkantorei (JU KA), die mit jungen Chören in Asien musiziert  hat. Das ist offenbar eine tolle  Möglichkeit, junge Leute mit Christen in Asien zsammenzubringen und alte Vorurteile über die Mission aufzulösen. Sie schreiben selber u.a.:

„Die Reise mit der Jugendkantorei war für mich eine sehr große Bereicherung. Mich haben vor allem die Fußstapfen der frühzeitigen Missionsarbeit beeindruckt. Selbst in weiter Ferne kann ich heute noch meinen Schwestern und Brüdern offenherzig begegnen.“

„Es war eine sehr schöne Reise mit vielen, tollen Impressionen, welche uns noch sehr lange nachgehen werden. Die so ganz anderen und ungewohnten Bedingungen machten es uns in Malaysia anfangs schwer, doch nach und nach lernten wir die verschiedensten Facetten des dortigen Lebens kennen und schätzen. Außerdem merkte man genau, das „Musik verbindet“ nicht nur eine leere Worthülse ist; diesen Vorgang am eigenen Leib zu spüren empfand ich als sehr beeindruckend. Europe meets Asia, quasi ein musikalisches Eurasien. Musik ist Völkerverständigung, Diplomatie, sie bringt Menschen zusammen. Ich denke, dass man mit Musik viel in Richtung Frieden bewirken kann.“

„Ich bin nun seit vier Jahren in der Jugendkantorei und diese Reise hat mir gezeigt, wie gut wir zusammenhalten. Natürlich ist mir das auch in Italien und Zuhause bewusst, jedoch haben wir noch nie eine Reise in solch einer Dimension unternommen. Für viele war das etwas völlig Unbekanntes, und trotzdem hatten wir eine riesen Menge Spaß und konnten zusammen viel Neues entdecken, weil gut aufeinander Acht gegeben wurde und man sich anderen JuKalern anvertrauen und sich aufeinander verlassen konnte.“

„Beeindruckende Gastfreundlichkeit, die man in jedem Land erfahren konnte. Beim direkten Kontakt mit lokalen, jungen Leuten – vor allem im Dschungel von Malaysia – wurde uns die Vorbestimmtheit deren Leben aufgezeigt. Nur für wenige ergibt sich die Möglichkeit eines Studiums und auch die Wahl dieses Studium ist eng begrenzt. Das hat uns einerseits die Wichtigkeit der Basler Mission – die viele bei Ihrem Theologiestudium unterstützt – aufgezeigt und wie viel man dort schon mit kleinen Dingen bewirken kann. Andererseits wurde uns vor Augen geführt, was für ein Leben wir führen dürfen, mit einer freien Wahl unserer Zukunft, ganz egal in welche Richtung. Diese Wahl haben die meisten Menschen nicht und wir sollten öfter darüber nachdenken, welches Glück wir haben. Glück, das man nicht verschwenden sollte, stattdessen lieber dafür sorgen, dass mehr Menschen solch eine Wahl haben. Dass diese Jugendlichen auch glücklich waren und in welchen Dingen sie Glück finden, hat uns nochmals gezeigt, dass Erfolg und Reichtum ein ganz anderes, viel kurzweiligeres Glücksgefühl erzeugen, als es Musik und eine gute Gemeinschaft tun.“

„In der Volksrepublik war es hochinteressant zu sehen, auf welch vielfältige Weise sich kirchliches Leben in einem mehrheitlich nichtchristlichen und vor allem politisch vollkommen areligiösen Umfeld vollzieht. Eine gemeinsame Erfahrung durften wir jedoch sowohl in der riesigen, modernen Tin Ho Church in Guangzhou, als auch in der baufälligen Kirche in Xingning oder auch in Meizhou machen: wir wurden unfassbar herzlich begrüßt und unser Chorgesang wurde begeistert aufgenommen. Letzteres galt auch für unseren Aufenthalt in der pulsierenden Finanzmetropole Hongkong: Allen voran unsere Ausflüge in Kleingruppen zu verschiedenen sozialen Einrichtungen der Tsung Tsin Mission werden mir wohl in lebhafter Erinnerung bleiben.“

Weitere Berichte und Bilder findet man unter https://juka-in-asien.com/.

Trauung nicht für alle

Die Synode der Landeskirche Württemberg hat jegliche Trauung gleichgeschlechtlicher Mitglieder abgelehnt. Ein Kompromissantrag des Oberkirchenrats scheiterte an  zwei Stimmen. Erstmals habe ich mir dank Internet die Debatten angehört. Mich wundert, dass die meisten Synodalen vor allem vorbereitete Beiträge vorgetragen haben. Man ging kaum aufeinander ein, Argumente wurden nicht wirklich ausgetauscht. Der rückwärts gerichtete Blick auf „Bibel und Bekenntnis“ genügte vielen.

Mich erstaunt selbst rückblickend, dass ich mich in den sechziger Jahren weder in der Schule noch an der Universität mit diesen Fragen auseinandergesetzt habe. Homosexualität war einfach ein Tabu. Das änderte sich in den siebziger Jahren im Vikariat. In meiner Ausbildungsgruppe war ein schwuler Kollege, dessen Lebens- und Leidensweg mir imponierte. Er machte mich auf die lange währende Diskriminierung aufmerksam. Ich musste umdenken und verstand, dass gerade die selbst nicht Betroffenen sich engagieren sollten, damit schwule und lesbisch liebende Menschen sich nicht ständig in selbst verteidigen müssten. Inzwischen hatten sich Gruppen wie „Homosexualität und Kirche“ gebildet, die verstärkt ihre Rechte einforderten. Auf dem Nürnberger Kirchentag 1979 gab es erstmals in großen Versammlungen kontroverse Debatten. Schon damals hinkte die kirchliche Debatte zehn Jahre hinter der gesellschaftlichen her.

Inzwischen war ich Studentenpfarrer und konnte in vielen Gruppen der Studentengemeinde (ESG) eine Neuorientierung in der christlichen Ethik mitgestalten. Wichtig war damals das Buch des Düsseldorfer Pfarrers Hans Georg Wiedemann „Homosexuelle Liebe“. Von 1973 bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2001 war er Gemeindepfarrer. Er war Lehrbeauftragter für Praktische Theologie in Bonn, Lehrbeauftragter für Sexualethik, Synodalbeauftragter für Homosexuelle des Kirchenkreises Düsseldorf-Ost, gehörte zum Vorstand der Telefonseelsorge in Düsseldorf.

Für mich sind seitdem die theologischen und ethischen Grundlagen geklärt. Allerdings sind die Diskriminierungen nicht beendet. Weder in der Gesellschaft, aber auch nicht in der Kirche und schon gar nicht in der Ökumene. Es wirken eben selten rationale Argumente, sondern tief  sitzende Komplexe, die man besser im vertraulichen Gespräch überwinden kann. Dennoch sind öffentliche Kundgebungen wichtig.

Deswegen finde ich aktuell den Antrag Nr.36/17 des Synodalen Dr. med. Harald Kretschmer wichtig: „Bitte um Vergebung für Unrecht, das von unserer Kirche an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde“.

Da die Begründung in der Regel öffentlich nicht publiziert wird, möchte ich daraus zitieren:

„Während der vergangenen 25 Jahre hat sich in der theologischen und der juristischen Wissenschaft, in den Naturwissenschaften sowie in den Lebenswissenschaften (Neurowissenschaften, Psychologie, Medizin u. a.) die Haltung zu Homosexualität und zu gleichgeschlechtlich orientierten Menschen deutlich verändert. Das erleben wir auch in den evangelischen Landeskirchen und im freikirchlichen Bereich. Viele Organisationen zur „Reparativen Therapie“ lösten sich auf und entschuldigten sich für den verheerenden Schaden, den sie durch ihre Behandlungsmethoden bei homosexuell empfindenden Menschen angerichtet hatten, ohne überzeugende Belege für die Wirksamkeit ihres „Heilungsansatzes“ vorlegen zu können…

Es war unfassliches Unrecht, das während der Zeit des Nationalsozialismus homosexuellen Menschen angetan wurde bis hin zur Ermordung tausender homosexueller Männer in Konzentrationslagern. Homosexuelle Männer gehören zu der nicht-rassistisch verfolgten Häftlingsgruppe mit der höchsten Sterblichkeit in den Konzentrationslagern. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Bundesrepublik Deutschland gleichgeschlechtlich orientierte Menschen kriminalisiert, pathologisiert und als sündig denunziert.

Die Kirchen, auch unsere Württembergische Ev. Landeskirche, traten weder in der Zeit des Nationalsozialismus noch in der Nachkriegszeit eindeutig und klar für homosexuelle Menschen und gegen ihre Verfolgung und Ermordung ein. Gegen die Herabwürdigung und Verachtung von Homosexuellen durch weite Teile der christlichen Kirchen gab es im sog. Dritten Reich lediglich Einzelaktionen von wenigen Christen.

Auch nach dem Krieg wurde in beiden deutschen Staaten ohne Widerstand der Kirchen weiterhin gegen Homosexuelle ermittelt. Die christlichen Kirchen spielten gar eine Schlüsselrolle bei der Legitimierung der strafrechtlichen Verfolgung Homosexueller und bei der expliziten Forderung nach deren strafrechtlicher Verfolgung. Selbst Homosexuelle, die das KZ überlebt hatten, wurden erneut verurteilt – ohne jeden Protest durch die Kirchen.

Pater Michael Lapsley, Leiter des südafrikanischen „Institute for the Healing of Memories“ und Unterstützer der Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, sagte in der Predigt beim Abschlussgottesdienst der ÖRK-Vollversammlung 2013: „Heute möchte ich als Christ, als Priester allen in der Gemeinschaft der gleichgeschlechtlich Orientierten sagen, dass ich unser Verhalten als religiöse Menschen an dem Schmerz, den sie über Jahrhunderte hinweg erlebt haben, zutiefst bedauere. Ich habe den Traum, dass ich noch zu meinen Lebzeiten hören kann, wie alle Führungspersonen aller unserer großen Glaubenstraditionen sich auf gleiche Weise entschuldigen.“

Dieses Zitat gibt sehr klar die Meinung der übergroßen Zahl der Teilnehmer an der Vollversammlung des ÖRK, der Delegierten der EKD sowie auch die Meinung unserer württembergischen Beobachtergruppe wider.

Es ist an der Zeit, dass sich unsere Kirche endlich zu ihrer Schuld gegenüber homosexuellen Menschen bekennt, auch dazu, sich nicht oder nicht klar genug für diese eingesetzt zu haben.

Es ist an der Zeit, dass wir als Württembergische Ev. Landeskirche die Gemeinschaft der gleichgeschlechtlich orientierten Menschen um Verzeihung bitten. „Die Kirche ist“, so Dietrich Bonhoeffer, „den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören“.