Ein Leben für die Wahrheit

Das SWR-Fernsehen hat drei Freunde Hartmut Gründlers auf den Tübinger Bergfriedhof gebeten, um ein Interview an seinem Grab aufzunehmen. Vor 40 Jahren hatte er sich am Buß- und Bettag aus Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung in Hamburg verbrannt. Wir laufen ein paarmal vor dem Grab hin- und her. Dann können wir kurze Erklärungen abgeben. Natürlich werden nur winzige Ausschnitte in der SWR-Abendschau zum Schluss gesendet.

http://www.swrmediathek.de/player.htm?show=28aeed50-cb59-11e7-a5ff-005056a12b4c

Das Schwäbische Tagblatt bringt einen guten Artikel, aber sonst findet der Anlass in den Medien wenig Resonanz.

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Vor-40-Jahren-verbrannte-sich-der-Tuebinger-Atomkraftgegner-Hartmut-Gruendler-in-Hamburg-353623.html

Ich habe noch einmal meine Aufzeichnungen von 1977 herausgekramt. Da schreibe ich: „Mit der Zeitungsnachricht kam sein letzter Brief. Ich ging sofort zur Zeitung und überbrachte Kopien der letzten Schreiben Gründers. Der zuständige Redakteur war offensichtlich unwillig. „War das nicht ein Psychopath?“ lautete seine erste Frage. Trotz meiner Bemühungen ließ er sich kaum vom Gegenteil überzeugen. „Na, wenn Sie meinen, wollen Sie nicht den Nachruf schreiben?“ Ich setzte mich gleich hin und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Es gelang kaum. Dann studierte ich noch einmal seine Briefe, Flugblätter und Artikel. Schließlich rundete sich das Bild. Am Tag der Beerdigung erschien eine Sonderseite. Aber nur im Tübinger Teil. In andern Zeitungen wurde geschwiegen oder Pflichtübungen erledigt. Die Familie bat mich um die kirchliche Beerdigung. Man wollte einen möglichst kleinen Kreis. Aber nun wurden die Umweltschützer aktiv. Prominente meldeten sich an. Der Sarg sollte durch Deutschland geleitet werden, was die Friedhofsverwaltung schier überschnappen ließ. Die Polizei befürchtete Ausschreitungen, das Fernsehen freute sich anscheinend schon darauf. Schließlich einigten sich die verschiedenen Gruppen mit der Familie auf eine Feier. Als es aber losgehen sollte, hatte man den Organisten vergessen. Obendrein waren verschiedene Anfangszeiten veröffentlicht worden, sodass laufend Leute dazu strömten…. Nach meiner kurzen Ansprache folgten die Nachrufe, bescheiden, dezent und auch ohne Absprache einander ergänzend. Keiner nutzte die Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Dann geleiteten wir den Sarg zum Grab. Das Buch des Bundeskanzlers Schmidt „Als Christ in der politischen Entscheidung“ war tatsächlich draufgenagelt, was alle Fotografen anzog. Unterwegs nahmen einige Umweltschützer den Trägern den Sarg ab; offensichtlich ohne Absprache, denn diese schüttelten zunächst den Kopf. Zum Glück stolperte keiner ins Grab. Dort gab es noch einmal einige Nachrufe, die aber im Wind verflogen. Nach der Beerdigung trank ich noch einen Kaffee mit der Familie Gründlers: sehr interessante und nachdenkliche Leute, die aber auch froh waren, dass nun alles vorbei war. Die Diskussionsveranstaltung später im Audimax der Universität war dann trotz  der Experten ein Trauerspiel. Babylonische Sprachverwirrung total. Der Obsthändler und Rebell Helmut Palmer stürmte wütend hinaus mit den Worten: „Wenn Hartmut das hörte, würde er sich im Grab umdrehen.““

In meinem Nachruf für die Zeitung schloss ich mit einem Gedicht Gründlers:

„Da Friede sich auf Ehre, Ehr  / sich auf Wahrheit gründet,

Sind Friede, Ehre, Wahrheit / auf Lebenszeit verbündet.

Soll Fried und Ehre kommen / vom Tod zu neuem Leben,

muß Wahrheit aus dem Grab / als erste sich erheben.“

 

Am Nachmittag lädt Wolfgang Wettlaufer zu einem Gedenken in das Gemeindehaus der Eberhardskirche mit Texten und Bildern von Gründler. Nur  wenige Leute kommen. Ich zitiere dort dieses Gedicht.

Fünf Jahre zuvor gab es eine bedeutendere Veranstaltung, die ausführlich dokumentiert ist. Besonders den Beitrag von Franz Alt finde ich noch immer aktuell.

http://umweltzentrum-tuebingen.de/downloads/DokumentationH.GruendlerGedenkenTuebingen.pdf

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Friedensdekade: Streit!

Morgens versalzt mir die „Süddeutsche Zeitung“  mit einem Anti-Anti-Atomwaffen-Kommentar das Frühstück. Da bekommt die atomkritische Initiative ICAN den Nobelpreis und ein Politikwissenschaftler schwadroniert über  die Abschreckungskraft der Atom“waffen“, die ja in Wirklichkeit Massenvernichtungsmittel sind. Soll ich darauf mit einem Leserbrief reagieren? Ich unterschreibe lieber die Petition von ICAN.

Im Juli dieses Jahres haben 122 Staaten bei den Vereinten Nationen ein Atomwaffenverbot beschlossen, seit September kann es unterschrieben werden. Die Bundesregierung boykottiert dieses Abkommen jedoch bislang. Für Deutschland würde der Beitritt bedeuten, dass die US-Atombomben aus Büchel abgezogen werden müssten. Schon im Jahr 2010 hatten die Bundestagsfraktionen von Union, SPD, FDP und Grünen gemeinsam den Abzug gefordert. Bis heute ist dies allerdings nicht passiert, die Atomwaffen sollen sogar modernisiert werden.

ICAN Deutschland hat zusammen mit IPPNW Deutschland (Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges) und der Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ eine Petition an die künftige Bundesregierung gestartet, für den Beitritt zum internationalen Atomwaffenverbot: www.nuclearban.de/petition.

Abends gehe ich in den Schalom-Gottesdienst der Friedensdekade zum Thema „Streit“. Es wird allerdings nicht gestritten, sondern darüber gepredigt. Außerdem gibt es reichlich Material zum Lesen. Das fällt mir auf: Die Werbungsmittel sind professioneller geworden, die Angebote vielfältiger. Aber das Publikum älter. Analysiere ich  das diesjährige Tübinger Programm genauer, bemerkt man viele Gottesdienste und Gebete, die sowieso zur üblichen kirchlichen Praxis gehören. Wenn man sich bewusst macht, welche Kriege derzeit toben, dann muten unsere Bemühungen zum Frieden reichlich harmlos an.

Anschließend schaue ich mir den neuen Film von Elisabeth Raiser „Kreisgang“ über ihren Vater, den Physiker und Philosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker an. Er war für mich als Schüler eine wichtige Identifikationsfigur, weil er christlichen Glauben und Naturwissenschaft zusammenbringen konnte. Seinetwegen bin ich 1965 als Schüler zum Kölner Kirchentag getrampt. Dort hielt er einen seiner bedeutenden Vorträge zum Thema Frieden, die mich (wie unsere ganze Generation) nachhaltig geprägt haben. Seine Idee zur „Weltinnenpolitik“ ist allerdings noch immer Utopie. Der Vorschlag eines „Friedens-Konzils“ wurde in wichtigen Ökumenischen Versammlungen aufgenommen. Meine Frage allerdings, warum er sich nicht an die UNO gewandt habe, bleibt offen. Dort fallen schließlich die entscheidenden Beschlüsse. Vermutlich lag ihm die Politik einfach nicht. Seine physikalischen Forschungen gerieten in Höhen, die man nicht mehr begreifen konnte. Seine philosophischen Gedanken landeten nicht zuletzt durch einen Indien-Aufenthalt in mystischer Tiefe. Mir wurde das schmerzlich bewusst, als er in den siebziger Jahren in der überfüllten Tübinger Stiftskirche einen Vortrag „Gott und Physik“ hielt. Nach zehn Minuten verstand ich nichts mehr. Der vielgerühmte „konziliare Prozess“ zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist zwar mittlerweile  in die Liturgie eingegangen, seine politischen Implikationen verdunsten allerdings.

Politische Veranstaltungen gibt es reichlich, wenn auch nicht unbedingt im Rahmen der Ökumenischen Dekade. www.friedensdekade.de.

Ich beziehe viele wertvolle Informationen von der Tübinger „Informationsstelle Militarisierung“ (IMI). Am kommenden Wochenende findet der IMI-Kongress zum Thema „Krieg im Informationsraum“ statt (Schlatterhaus, Österbergstr. 2, Tübingen) Alle Infos zum Kongress finden sich  hier:

http://www.imi-online.de/2017/09/20/krieg-im-informationsraum-2/

Judenfeindschaft überwinden

Aus meiner Predigt zum Reformationstag 2017:

Ich möchte nun gut evangelisch  ein Wort der Bibel zugrunde legen, das Martin Luther 1534 mit seinen Helfern original so aus dem Hebräischen Testament übersetzt hat:

Jesaja 43,1: „Und nu spricht der HERR/ der dich geschaffen hat Jacob / und dich gemachet hat Israel / Furcht dich nicht / denn ich habe dich erlöset / Ich habe dich bey deinem namen geruffen / Du bist mein.“

Wir kennen dieses Wort meistens als Denkspruch ohne den Auftakt „Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat Jakob und dich gemacht hat Israel“. Allein dieser Vers hätte die auch in Wittenberg seit dem 13. Jahrhundert verstärkt grassierende Judenfeindschaft überwinden müssen, die stattdessen der alte verbitterte Luther 1543 und 1546 noch böse auf die Spitze getrieben hat. Da gilt für ihn selbst und seine „Lutheraner“ (die er übrigens nicht wollte, er sprach immer von Christenheit) die in der Ersten seiner 95 Thesen geforderte Umkehr. Nach 2000 Jahren christlicher Judenfeindschaft ist es für mich die nachhaltigste Reform, dass wir seit 1945 erst zögernd auf Kirchentagen, im christlich-jüdischen Dialog aber dann kräftiger diesen Antisemitismus überwinden. Es müssen nur noch mehr einstimmen in die Kampagne der EKD von 2005 „Antisemitismus? Wir haben was dagegen!“. Evangelische Theologie ist eben immer auch Selbstkritik und wir können froh sein, dass Luther den Heiligenkult abgeschafft hat, auch den um seine Person.

Am 11. November 2015 veröffentlichte die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Bremen die lange erwartete „Kundgebung“ über Martin Luther und die Juden. Die 14 Punkte des mehrere Seiten langen Papiers sind in drei Teile gegliedert: Bedrängende Einsichten, Belastendes Erbe, Erneuernder Aufbruch. Der entscheidende Satz steht im dritten Teil unter  Punkt 10 und lautet: „Luthers Sicht des Judentums und seine Schmähungen gegen Juden stehen nach unserem heutigen Verständnis im Widerspruch zu dem Glauben an den einen Gott, der sich in dem Juden Jesus offenbart hat.“

Diese Distanzierung bezieht sich nicht nur auf Luthers antisemitische Schriften, sondern auf seine Sicht des Judentums, die wir auch in seinen exegetischen und anderen theologischen Schriften und sonstigen Äußerungen finden.

Der Wortlaut der EKD-Erklärung findet sich unter http://archiv.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html

In diesem Jesaja-Wort aus dem Exil, Babylonische Gefangenschaft der Juden genannt, spüren wir die Liebe Gottes für die, die heimatlos in dieser Welt sind. Und wenn wir wissen, dass zuerst zu den Juden dieses Wort gesagt ist, dann dürfen wir es auch für andere und sogar für uns hören.

„Fride sei mit euch“

November ist Krimi-Zeit. Wenn draußen die Stürme toben, dann mache ich es mir mit einem Krimi gemütlich. Neuerdings gern auch mit Kirchen-Krimis. Das scheint eine eigene Gattung zu werden. Immer wieder schreiben KollegInnen Kriminalromane, deren Handlungen sie sich wohl in langweiligen Sitzungen ausdenken. Nun hat Pfarrerin Kathinka Kaden (früher in der Evangelischen Akademie Bad Boll) einen „komischen Krimi mit viel Schwäbisch“ herausgebracht unter dem Titel „Fride sei mit euch“ (wellhöfer verlag Mannheim, 2017, 216 Seiten, 12,95 €).

Fride heißt die Hauptfigur, eine Vikarin, die gerade ihre erste Stelle auf der Schwäbischen Alb antritt. Viele Dialoge sind denn auch in schwäbisch, was die Lektüre für Nicht-Württemberger etwas beschwerlich macht. So kann die Autorin ihre binnenkirchlichen Kenntnisse verwerten und uns einen Einblick in das Tun und Lassen der jüngsten Theologinnen-Generation verschaffen. Ohne Klischees geht es dabei natürlich nicht ab. Im ersten Teil ist noch wenig von einem Krimi zu spüren. Es geht mehr um die Liebesgeschichte der Vikarin mit einem jungen Priester mit „haselnuss-braunen Augen“.  Der ist offenbar ein rechter erotischer Raubritter mit reichlich „One-Night-Stands“-Erfahrungen,  der genau an den richtigen Stellen streicheln kann. „Der Zölibat schützt vor der Einehe.“ Die folgenden Verwicklungen des Versteckspiels kann man sich denken: Hilflose Gespräche mit Freundinnen, Supervision, Kontakte mit Ausbildungspfarrer, Dekan und Kirchenleitung. Eben die „Erzählgemeinschaft Kirche“. Auf Seite 131 geht der junge Priester endlich ins Kloster, sodass sich die Vikarin neben ihren eigentlichen Aufgaben dem Kriminalfall widmen kann: einem üblen Frauenhandel, der bis in die beschauliche Gemeinde reicht, die sich allerdings als ziemliches Haifischbecken entpuppt.

Nun spielt die Autorin ihre juristischen Kenntnisse aus, die sogar amerikanische Auslieferungspraktiken einschließen.  Auch mit Pferden scheint sie sich gut auszukennen. Mit Kircheninterna sowieso. Vielleicht geht sie manchmal zu sehr ins Detail , wenn sie ausführlich kirchliche Texte zitiert. („Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung“, so beschrieb der Haller Reformator Johannes Brenz – nicht Luther! S. 202 – das Gebet.) Köstlich dann wieder der Versuch der Vikarin, endlich auch eine Traupredigt zu schreiben, denn mit der christlichen Ehe und herkömmlichen Sexualmoral hat sie es nicht so. S.183ff.

Neben spannender Unterhaltung bietet der Roman Einblicke in das Seelenleben einer jungen Theologin, die ihren Weg in den geistlichen Beruf noch sucht, der lange von Männern dominiert war. So mag das Verständnis für die „Feminisierung“ des evangelisch-kirchlichen Personals wachsen.

Reformation in Rottenburg am Neckar

Zur Vorbereitung meiner Predigt am Reformationstag morgen schaue ich mir an die „Streiflichter aus einer aufregenden Epoche: Luthers Lehre fand einst in Rottenburg viele Anhänger“. Ich danke Ursula Kuttler-Merz für die Abdruckgenehmigung.

Schon im 15. Jahrhundert gab es in Rottenburg Priestersöhne. 1469 verbot der Konstanzer Bischof den Klerikern „den Umgang mit Weibern“, und 1485 musste der Bischof auf Veranlassung der österreichischen Regierung und des Rats zu Rottenburg „der dortigen Geistlichkeit wegen schlechten Lebenswandels und nachlässiger Amtsverwaltung“ neue Statuten verleihen – frühe Zeichen religiösen Verfalls.

Der Lebenswandel gewisser Rottenburger Geistlicher ließ indes weiterhin zu wünschen übrig: 1518 feierte der neu geweihte Priester und Stiftskanoniker Wolf Sigmund Baur – Sohn eines Chorherrn von St. Moriz! – seine Primiz in der Morizkirche. Als Primizprediger kam vom Tübinger Franziskanerkloster der Lesemeister Johann Eberlin und verteidigte in einer zu Herzen gehenden Predigt die „unvergleichliche Würde und Unantastbarkeit des Priesterstandes“. Tags darauf wurde der Primiziant von Rottenburger Bürgern in der öffentlichen Badstube gesichtet – im Zuber zusammen mit Freudenmädchen und dem aus Horb stammenden Pfarrer Jakob Schütz. Die Kunde vom „Rottenburger Primizskandal“ verbreitete sich in Windeseile weit über die Landesgrenzen hinaus.

Kaiserliches Mandat abgerissen

Weit mehr in Ungnade fielen zahlreiche Rottenburger Priester ab den 1520er-Jahren, weil sie trotz strengen Verbots von allen Kanzeln der Stadt Martin Luthers Lehre verkündigten: in St. Martin wie in St. Moriz und später auch in der Karmeliterkirche.

Am 6. März 1523 erdreisteten sich aufmüpfige Rottenburger, das öffentlich ausgehängte kaiserliche Mandat Karls V „wider die lutherische Opinion“ abzureißen. Die meisten Tübinger hingegen verhielten sich weiterhin als brave Katholiken, allen voran die „Ehrbarkeit“ – die städtische Oberschicht. Auch die Universität hielt nichts vom Luthertum. 1523 versammelten sich die Bischöfe von Konstanz, Augsburg und Straßburg in Tübingen, um über die Abwehr der neuen Lehre zu beraten.

Judenschule für Katholiken

Pfarrer der Rottenburger St. Martin-Gemeinde war damals der um 1485 als Sohn eines einheimischen Fischers geborene Nikolaus Schedlin, der nach dem Theologiestudium an der Universität Freiburg tätig war und 1517 in seine Vaterstadt zurückkehrte. Er predigte Luthers Lehre und wurde 1528 vom Konstanzer Fiskal (Stellvertreter des Bischofs) angeklagt: Er sei „die Quelle aller Ketzerei in der Stadt“. Man warf ihm vor, in seinem Haus eine lutherische Schule eingerichtet zu haben, wo die biblischen Ursprachen Griechisch und Hebräisch gelehrt würden. Er habe einen aus Esslingen vertriebenen lutherischen Provisor und einen Juden aufgenommen und beherbergt. In dieser „Judenschule“ hätten auch zwei Pfarrhelfer (Kapläne) und der Chorherr Johann Eycher von St. Moriz Unterricht gehabt. Einer der Kapläne habe den päpstlichen Ablass für Trug erklärt und dabei den Tübinger Ablassprediger Dr. Martin Plantsch öffentlich beleidigt: Der „Täter“ wurde dann im Bauernkrieg gefangen und gehängt.

Schedlin predigte auch gegen die Zehntleistungen der Gläubigen an die Kirche. Und er wagte es im Mai 1527, die in Rottenburg zum Tod verurteilten und hingerichteten Täufer, entgegen der Vorschriften nicht zu verscharren, sondern in geweihter Erde auf dem Friedhof kirchlich zu bestatten. Trotz der vielen Anklagepunkte unternahm der Bischof von Konstanz nichts gegen den Rottenburger Pfarrer. Der Oberhirte war freilich selber angreifbar: Er hatte ein inniges Verhältnis mit Barbara v. Hof, der Ehefrau des Konstanzer Bürgermeisters.

Lügenhaftige Rottenburger Obrigkeit

Regierung und Stadtbehörden allerdings versuchten, Schedlin zur Aufgabe seines Priesteramts zu bewegen, da sie sich durch seinen Vorwurf „Ihr von Rottenburg seid alle lügenhaftig“ schwer beleidigt fühlten. Nikolaus Schedlin entschuldigte sich von der Kanzel, er konnte zwar Pfarrer bleiben, starb aber 1536 körperlich krank und seelisch gebrochen.

Andreas Keller, radikalster der einheimischen Reformationsprediger, war zeitweise Kaplan bei Schedlin. Der damals erst 21-jährige gebürtige Rottenburger gilt als einer der Vorbereiter des Bauernkriegs. Christus sei mächtiger als Kaiser, Fürsten, Papst und Bischöfe, predigte er: „Der Seele mögen sie nichts tun, ja wir sollen uns freuen, wenn diese elende Hudlengesind uns verfolgt – es ist eine mächtige Ehre bei Gott!“ Obendrein bestritt er die Heiligkeit der Gottesmutter und gestand Maria lediglich Vorbildfunktion im Glauben zu. Keller wetterte gegen „Hoffart, Pomp und Hochmut“ und forderte: „Stellet ab den Wucher, Saufen, Hurerei!“ Und es bestehe, so betonte er, kein Zehntanspruch „um unseres Herrgotts Mastsäue zu erhalten, die ihm ein Liedlein dafür gähnen!“

Im Gegensatz zu Katharina von Bora, die 1523 unter Androhung lebenslänglicher Kerkerhaft aus dem Zisterzienserinnenkloster Marienthron floh und 1525 Martin Luther heiratete, verliefen derartige Abschiede vom Klosterleben im österreichischen Rottenburg weit weniger dramatisch. Die Rottenburger standen voll hinter den Frauen und Männern, die ihr Ordensgewand an den Nagel hängten, die Herausgabe ihres mitgebrachten Vermögens forderten und heirateten. Ganz anders erging es einem Kaplan in Tübingen: Er wurde dort am 2. Juni 1525 mit dem Strang hingerichtet, weil er geheiratet hatte. Der Augustinermönch Matthias Remherr, der drei Jahre später ebenfalls Ehemann wurde, kam immerhin mit dem Leben davon, wurde aber aus Tübingen vertrieben.

Der Lesemeister des Tübinger Franziskanerklosters, Johann Eberlin, der in seinen Predigten ursprünglich „alles zur Stärkung der katholischen Religiosität“ getan hatte, trat der Reformationsbewegung bei und löste ein regelrechtes religiöses Erdbeben aus: Er plädierte für die Abschaffung von Ablässen, Pfründhäufung, Jahrtagen, Priesterprivilegien und Zölibat. Im Haus des Rottenburgers Andreas Wendelstein – später Hofschreiber und Bürgermeister – predigte er 1523 bei einem „Nachtmahl, dabei etlich gute Christen versamlet gewesen seind“.

Im selben Jahr schrieb Eberlin: „Ich hab mit freüden gehoert, zu Rottenburg seyen zwen ernstlich prediger des evangelion, Herr Licentiat Nicolaus Schedlin, Pfarrer, und Magister Johann Eycher. Got gebe, das gottes wortt bey euch wachse“. Chorherr Johann Eycher gehörte im Stift St. Moriz zur lutherischen Partei, der Probst war machtlos. 1527 tauschte der gebürtige Rottenburger Eycher seine Stelle mit dem Pfarrer von Wannweil, Kaspar Wölflin, der mit einer verheirateten Frau zusammen hauste.

Flüchtlinge aus Württemberg

Rottenburg wurde bald Zufluchtsort für Altgläubige aus dem 1534 evangelisch gewordenen Württemberg. Auch Dr. Ambrosius Widmann, Kanzler der Universität Tübingen, floh und trat ins Chorherrenstift St. Moriz ein. Er brachte das Universitätssiegel mit, so dass in Tübingen jahrelang keine ordnungsgemäßen Promotionen ausgeführt werden konnten. Die Glaubensflüchtlinge fanden in Rottenburg Aufnahme, mussten sich aber „gebührlich und unverweislich“ verhalten.

Nicht „gebührlich“ hatte sich ein Rottenburger Bürgersohn, der Karmeliterpater Jakob Bern, verhalten und wurde „wegen seiner aufrührerischen Lehr und Anhangs der neuen Sect“ aus diversen österreichischen Städten vertrieben. Er war im Rottenburger Karmeliterkloster erzogen worden und kehrte 1534 in seine Vaterstadt zurück – als Prediger mit großem Zulauf „des gemeinen Mannes“. Der Ordensgeistliche rüttelte seine Zuhörer auf: „Hütet euch vor den falschen Propheten, der Papst und seine Anhänger sind der Antichrist!“ Trotz zahlreicher königlicher Mandate konnte er sein „vergiffte lehr“ ein Dreivierteljahr lang verkündigen – die hohenbergische Verwaltung ließ ihn ungestört. Als König Ferdinand befahl, Bern zu „greiffen und mit geburlicher straf gegen ime verfahren“ wurde er rechtzeitig von der Obrigkeit (!) gewarnt und konnte nach Tübingen fliehen. Dort bewarb er sich bei Ambrosius Blarer für den Kirchendienst und wurde am 17. Juli 1535 erster evangelischer Pfarrer in Remmingsheim. Dorthin zogen nun die Rottenburger in Scharen zur Predigt – ins württembergische Ausland!

1537 lebten im Rottenburger Karmeliterkloster nur noch der Prior und ein Konventuale, die übrigen Mönche und Novizen waren entlaufen. Der Rottenburger Rat bat die österreichische Regierung vergeblich um Überlassung des Klosters als Arme-Leute-Spital, da „der Gottesdienst aufgehört habe“.

Wie Jakob Bern trat auch St. Moriz-Chorherr Lorenz Hipp zum Luthertum über. Er stammte aus einem angesehenen Rottenburger Patriziergeschlecht und wurde 1537 evangelischer Pfarrer von Remmingsheim. Man wollte ihn bei einem Besuch bei seiner Mutter in Rottenburg verhaften. Doch er wurde in letzter Minute gewarnt und konnte fliehen. Nun ging die Regierung gegen die Mutter samt Familie vor. Sie wurden untersucht auf Verdacht des Luthertums und ihre katholische Glaubenstreue. Mutter Hipp starb vor Aufregung und Sorge um den geflohenen Sohn. Dies war der vorderösterreichischen Regierung peinlich: Sie beschlagnahmte deshalb Hipps Vermögen und Erbteil nicht. Im Übrigen hielt die Regierung den Rottenburgern vor, „ob sie die Ersten sein wollten, die sich in Glaubenssachen gegen das Haus Österreich ungehorsam und widerwärtig zeigen“. Schon 1535 hatte König Ferdinand einen Kriegszug gegen die Stadt Rottenburg geplant, doch scheiterte er an den Kosten.

Rottenburgs letzter reformatorischer Prediger, Chorherr Hans Koler, hielt seit 1546 kirchenkritische und antipäpstliche Predigten. Er sollte ebenfalls verhaftet werden, wurde aber rechtzeitig gewarnt, konnte samt Ehefrau fliehen und bekam vom württembergischen Herzog Ulrich die Pfarrei Böblingen.

Noah

Am morgigen  Sonntag darf ich über Noah und die Sintflut predigen. (1. Mose 8, 18-22) So ähnlich habe ich das schon mal 2014 getan, allerdings im „Sündenbabel“ Pattaya. Alte Predigten wiederhole ich nie. Aber ich nehme sie als Vorbereitung. Wie denke ich heute darüber? Und wie denken andere? Was fangen wir heute  mit so einem Mythos an?

Aus der Predigt vom 11.Mai 2014 über Hebräer 11,1-3.7. Lesung: 1. Mose 8,22 und 9,8-17:

Jetzt in der Regenzeit können wir manchmal einen wunderschönen Regenbogen sehen. Natürlich wissen wir noch aus unserem Physikunterricht, wie er zustande kommt. Der Regenbogen ist ein atmosphärisch-optisches Phänomen, das als kreisbogenförmiges farbiges Lichtband in einer von der Sonne beschienenen Regenwand oder -wolke wahrgenommen wird.  Das naturwissenschaftliche Wissen hindert uns aber nicht, die vielfältige symbolische Bedeutung zu erkennen, die gegenwärtig wieder aktualisiert wird.

Die Regenbogenfahne ist ein in der Geschichte wiederkehrendes Symbol, das meist Vielfalt zum Ausdruck brachte.  Während der Bauernkriege symbolisierte sie den Anspruch auf eine Wiederherstellung des Bundes mit Gott, entsprechend der christlichen Begründung ihrer Forderungen sowohl in den Zwölf Artikeln wie auch bei Thomas Müntzer. Noah galt als ein „gerechter, untadeliger Mann“.

Die Zeiten, in denen Noah vor der Flut lebte, werden als „verderbt“ gekennzeichnet. Nachdem er Gott für seine Rettung ein Dankopfer dargebracht hat, trifft dieser mit ihm eine Vereinbarung: Es soll keine weitere Flut diesen Ausmaßes mehr über die Erde kommen – aber Noah und seine Nachkommen sollen sich an einige Regeln halten. Für das Alte Testament läuft die Noah-Geschichte auf Gottes Friedensbund mit Menschen und Tieren hinaus, für die der Regenbogen ein Symbol ist. Und immer, wenn ich ihn sehe, freue ich mich, dass in der Bibel nicht abstrakt von Gott gesprochen wird, sondern in der Kategorie eines Bündnisses. Gott verbündet sich mit den Menschen.

Leider ist in dem Film „Noah“, der gerade hier läuft, von diesem Bündnis nichts zu hören und zu sehen, selbst der Regenbogen wird nur durch seine Farben angedeutet. Der Film schwelgt lieber in Gewaltszenen, als ob wir davon nicht schon genug vorgeführt bekommen. Er nutzt seine imponierende Tricktechnik, um die Sintflut auszumalen, verdirbt aber die Pointe der Geschichte, dass mit Noah und seinen Söhnen samt Schwiegertöchtern ein neuer Anfang gewagt wird. Sicherlich ist es nachdenkenswert, dass Noah kein 100%ig Heiliger ist, sondern ein Mensch in seinem Widerspruch. Dass er aber die Zukunft der Menschheit, die er mit der Arche retten soll, durch die Bedrohung des Nachwuchses verhindern will, stellt die Geschichte auf den Kopf. Da schimmert allenfalls der moderne Intellektuelle durch, der angesichts des Bösen in der Welt keine Kinder in diese setzen möchte.

Als Vorlage für den Film diente dem Filmemacher die vierbändige französische Comicbuch-Serie NOÉ. Der Film stieß in evangelikalen Kreisen der USA auf Kritik. In mehreren islamisch geprägten Ländern wurde die Aufführung des Filmes von den Zensurbehörden untersagt, da er den Lehren des Islams widerspreche.

Im Neuen Testament finden wir einen Nachhall der Noah-Geschichte. Sie wurde ja als „Thora“ in den Synagogen gelesen und studiert. Da die ersten Christen fromme Juden waren, haben sie es ebenso gehalten und diese Schriften später als „Altes Testament“ zur Heiligen Schrift erklärt. Obwohl es immer wieder Christen gab und bis auf den heutigen Tag gibt, die das Alte Testament als veraltet ausscheiden wollen, hat die Kirche das nicht getan. Aber sie liest diese Schriften nicht jüdisch, sondern christlich und bewertet sie nach dem Maßstab „was Christum treibet“ (Luther).

Der „Brief an die Hebräer“ ist dafür ein gutes Beispiel. Im 11. Kapitel werden mehrere Vorbilder aus der alttestamentlichen Geschichte vorgeführt, darunter auch Noah. Sein Vorbild besteht darin, dass er Gott „über alle Dinge fürchtet, liebt und vertraut“. (So die berühmte Erklärung Martin Luthers zum 1. Gebot im Kleinen Katechismus.)

Im Judentum, das nicht einfach aus dem Alten Testament besteht, sondern sich weiter entwickelt hat, wird Noah als ein Gerechter bezeichnet.

Der Gedanke der Genesis, dass der Noah-Bund mit allen lebenden Wesen auf der Erde geschlossen wird, hat zu den Noachidischen Geboten geführt. Sie sind tatsächlich so gefasst, dass keinerlei religiöse Voraussetzung nötig ist wie bei den Zehn Geboten. Es ist ein erstaunliches Dokument jüdischer Humanität, das gewissermaßen die Menschenrechtserklärung der UNO vorwegnimmt. Nichtjuden, die diese einhalten, können als Zaddik „Gerechte“ „Anteil an der kommenden Welt“ erhalten, weswegen das Judentum keine Notwendigkeit der Mission Andersglaubender lehrt.

Die Lehre von den Noachidischen Geboten geht zurück auf die Tradition von Noah in der Tora und Auslegungen im Talmud. Im Talmudtraktat Sanhedrin 56a/b werden die folgenden sieben noachidischen Gebote definiert:[Verbot von Mord, Verbot von Diebstahl, Verbot von Götzenanbetung, Verbot von Ehebruch,Verbot der Brutalität gegen Tiere, Verbot von Gotteslästerung, Einführung von Gerichten als Ausdruck der Wahrung des Rechtsprinzips. Die jüdische Tradition fordert also, dass jeder Mensch ein Mindestmaß an religiösen und rechtlichen Regeln zu beachten hat.

„Der Glaube an eine Kommende Welt (Olam ha-Bah) bzw. an eine Welt des ewigen Lebens, ist ein Grundprinzip des Judentums. Niemandem wird nach jüdischer Lehre das Heil dieser kommenden Welt abgesprochen. Das Judentum lehrt auch, dass alle Menschen sich darin gleichen, dass sie weder prinzipiell gut noch böse sind, sondern eine Neigung zum Guten wie zum Bösen haben. Während des irdischen Lebens sollte sich der Mensch immer wieder für das Gute entscheiden.“

Noch eine Bemerkung zu Noah im Islam. Dort kennt man im Koran eine andere Variante.

Sure 11,25–48 enthält eine Version der Sintfluterzählung. Wie in der biblischen Erzählung belädt Noah hier sein Schiff jeweils mit einem Paar von jeder Tiergattung, mit seiner Familie und mit den wenigen Menschen, die sonst gläubig sind (Sure 11,40). Eine genaue Parallelerzählung zu dem koranischen Bericht ist in der christlichen und jüdischen Tradition nicht zu finden. Weitere Koranstellen zum Thema sind Sure 7,59–64, Sure 10,71–73, Sure 26,105–122. Außerdem ist die einundsiebzigste Sure nach Noah benannt. In dieser Sure sind die Bitten und Drohungen des von Gott gesandten Noah beschrieben, die die Menschen zur Umkehr bewegen sollten.

Die verschiedenen Traditionen werden zum Problem, das in Konflikte führen kann, wenn man die eigene Überlieferung absolut für alle setzt. Davon verabschieden sich Christen langsam und widersprüchlich seit drei Jahrhunderten. Der Islam hat diese Entwicklung noch vor sich. Ein Dialog ist nur möglich, wenn ich der anderen Glaubensweise zumindest ein begrenztes Recht zugestehe. Das muss nicht zum Relativismus führen, denn für mich soll meine Religion absolut gelten. Am besten so, wie es der Hebräerbrief (Kap.11,1) beschreibt:

„Glauben heißt Vertrauen, und im Vertrauen bezeugt sich die Wirklichkeit dessen, worauf wir hoffen.“

Menschen haben bis heute Schwierigkeiten, andere Menschen als Artgenossen zu sehen. Schnell sehen wir die Unterschiede, die uns trennen und manchmal zu Konflikten und Kriegen führen. Da sagt die Bibel nicht nur, dass wir alle von Adam und Eva abstammen – eine wichtige Begründung für die Menschenrechte – , sondern noch einmal von Noah und seiner Familie, die ein gutes Erbe in die Welt bringen. Es ist erstaunlich, dass die Kirche lange auf die sogenannte Erbsünde gestarrt hat statt sich Noahs Erbe bewusst zu machen. „Aus Vertrauen befolgte Noah die Weisungen Gottes“ – uns zum Heil.

Im Altenpflegeheim

Mit gemischten Gefühlen betrete ich das Altenpflegeheim, in dem ich einen Gottesdienst halten werde. Vor einem Vierteljahrhundert habe ich es als Gemeindepfarrer mit eingeweiht, unzählige Besuche dort gemacht und wöchentliche Andachten gehalten. Jetzt bin ich ein wenig aus der Übung. Meine letzte Predigtaktivität fand in China unter jungen VW-Ingenieuren und ihren Familien statt. Die konnte ich zur Weltveränderung auffordern. Was kann ich nun hier Menschen sagen, die ihr Leben weithin abgeschlossen haben?

Zunächst einmal bin ich positiv überrascht, wie viele Helfer unserer Kirchengemeinde die Bewohner in ihren Rollstühlen abholen. Sie stellen sie nicht im viel zu kleinen Andachtsraum auf, sondern im Foyer in einen großen Halbkreis. Ich erschrecke, weil ich einige Bewohner aus meiner früheren Tätigkeit wiedererkenne. Damals waren sie rüstig, einige haben aktiv mitgearbeitet. Nun sind sie hinfällig, können sich kaum gerade halten. Ich begrüße sie persönlich, bin nicht sicher, ob sie mich verstehen.

Zum Glück ist eine Organistin dabei, die die Lieder begleitet. Ich singe kräftig vor: „Nun laßt uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren“. Man weiß ja, dass einmal gelernte Verse noch im hohen Alter wirken. Ob über dieses Vermögen die nächste Generation auch noch verfügt?

Dann lese ich den heutigen Bibeltext: Markusevangelium 1, 32-39. Glücklicherweise geht es darum wie Jesus Kranke heilt. „Lauter“, ruft einer. „Die hört sowieso nichts“, ein anderer. Also brülle ich die Sätze hinaus. Dann versuche ich in der Predigt die Ehrenrettung des schönen Titels „Heiland“. Was haben sich unsere Vorfahren gedacht, als sie im Mittelalter das kirchenlateinische „Salvator Mundi“ (Retter der Welt) so übersetzt und germanisiert haben? Mein Focus: Was nützen die schönen Heilungsgeschichten, wenn wir uns nicht heilen lassen? Ich sehe in dieser Perikope, dass Jesus aber auch mal Pause macht. Er entzieht sich dem „Heilungsgeschäft“. Ich erzähle von solchen „spirituellen Pausen“ in meinem Leben. Und dann Jesu Predigt, die „Dämonen austreibt“. Wie übersetze ich das? Schließlich leben wir nicht in Afrika, Thailand oder China, wo man noch an böse Geister glaubt. Oder doch? Nennen wir sie nur anders, „Depressionen“ zum Beispiel? Haben meine Zuhörer nicht alle im Leben viel Böses erfahren und vielleicht auch Böses getan? Sind sie jetzt nicht ihren Alpträumen ausgeliefert? Müssen die Tagesschau-Seher unter ihnen nicht vom Gefühl überwältigt werden, dass die ganze Welt verrückt geworden ist?

Wie auch immer. Ich bin froh, dass ich fast heiser das Schlusslied erreiche: „In dir ist Freude…du der wahre Heiland bist… Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod.“

Ich bin der Organistin dankbar, dass sie ein längeres Musikstück spielt. Denn wie sagte Martin Luther? „Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger (!) macht.“

Als ich meinen Talar einpacke, gibt es nicht nur ehrlichen Dank, sondern auch noch ein wenig Evangelium für mich. Ein Mann, dessen Krücken mir aufgefallen waren, sagt: „Ich habe MS. Unheilbar. Aber durch meine Krankheit bin ich zum Glauben gekommen. Ich bin froh, dass ich kein Atheist mehr bin, der ich mein Leben lang war.“  Ich verspreche ihm, dass ich ihn besuchen werde. Ich will seine ganze Geschichte wissen.

Matthäus Alber

Das Reutlinger „Matthäus-Alber-Haus“ als Zentrum der Evangelischen Kirchengemeinde kenne ich schon lange. Es hat mich bisher nie animiert, mich einmal mit dem Namensgeber zu beschäftigen. Erst die Suche nach weiteren Reformatoren für einen Gottesdienst am Reformationstag und eine aktuelle, empfehlenswerte  Ausstellung im Reutlinger Heimatmuseum hat mich nun motiviert und gleich die erste Überraschung ausgelöst: Es gibt weder eine aktuelle Biografie noch eine lesbare Werkausgabe von dem Mann, der in meiner Nachbarstadt Reutlingen die Reformation durchgeführt hat. Sein Leben und Werk sind durchaus von bleibendem Interesse.

Geboren in Reutlingen 1495 als Sohn eines Goldschmieds besuchte er dort die Lateinschule. Als die Familie durch einen Stadtbrand in Not geriet, musste er sich als Kurrendesänger durchschlagen und ging auf Schulen in Straßburg, Rothenburg ob der Tauber und Schwäbisch Hall. Seine guten Leistungen verschafften ihm anschließend eine Stelle als Lehrer in Reutlingen . Doch er immatrikulierte sich 1513 an der Universität Tübingen, wo er den jungen Melanchthon kennenlernte. Als der 1518 nach Wittenberg ging, begleitete ihn Alber, schrieb sich aber 1521 an der Universität Freiburg ein. Schon dort studierte er die Schriften Martin Luthers. Im gleiche Jahr wurde er in Konstanz zum Priester geweiht und übernahm die neu geschaffene Pradikantenstelle an der Reutlinger Marienkirche. Bald überprüfte der Konstanzer Generalvikar die allzu lutherischen Predigten Albers. 1524 kam es zum „Marktplatz Schwur“, durch den ihn die Bürger der Stadt (4000 Einwohner) schützen wollten. Sie hielten sogar einem Wirtschafts-Boykott durch das württembergische Umland aus. Nicht einmal das „Reichsregiment Esslingen“, wo er sich rechtfertigen sollte, konnte ihn stoppen.

1526 entwarf er auf Bitten des Stadtrates eine reformierte Gottesdienstordnung, die im Wesentlichen noch heute gilt: Predigt als Bibelerklärung, Gebete, Psalmen und Lieder.

Es wurde angeordnet, „daß am Morgen frue alle Tag uf ein halbe Stund, nachgends um 8 Ur vor Mittag uss dem N[euen] und A[lten] Testament; und am Abent um 3 Ur nach Mittag ungevarlich uf 1 Stund im A[lten] Testament, mit Erklerung der schweren verborgenen Wort durch andere hellere Wort der Schrift gelesen würde. Nu vor und nach den Predigen oder Lectionen … werden Psalmen und geistliche Lieder zu teutsch gesungen“.

Anders als Luther ging er diplomatisch sowohl mit den aufständischen Bauern als auch mit den Täufern um.

1528 wurde er wegen seiner Heirat exkommuniziert. 1530 vertrat er Reutlingen (als zweite evangelische Reichsstadt) neben Nürnberg auf dem Reichstag in Augsburg und unterzeichnete die „Confessio Augustana“. Schritt für Schritt reorganisierte er die Kirche in seiner Stadt.

1549 ging er nach Stuttgart, das mittlerweile durch Herzog Ulrich reformiert worden war.

1563 wurde er lutherischer Abt des Klosters Blaubeuren, das in eine Schule umgewandelt wurde. Dort starb er 1570 nach langer Krankheit.

Sein Leben ist nicht so aufregend wie Luthers, aber in seiner Beharrlichkeit und Geradlinigkeit doch eindrucksvoll. 

Auf dem in der Stadtkirche Blaubeuren  hängenden Epitaph Albers heißt es:

„Ihn erzeugte die milde Natur zu gefälligem Wesen;

Sanfteren Geist gab sie keinem, auch offener’n nicht.

Standhaft lehrt er, der Erst‘, umringt von tausend Gefahren,

Reutlingens Bürgerschaft, Gott und Erlöser, dein Wort.

Deinen Namen bekannt‘ er und dein Verdienst und den Glauben;

Schmeichelnde Red‘ und Geschenk, Drohungen achtet er nicht.

Darum berief ihn als Hirten das rebenumgürtete Stuttgart,

Seinen Großen den Mann beizugesellen bemüht; …

Bis er am Ende der Amtszeit Blaubeurens Kloster betreten

Und hier, selbst ein Greis, Jüngling‘ und Greise gelehrt“.

Wir Protestanten brauchen keine Heiligen (im römischen Sinne), aber Vorbilder können wir auch gebrauchen.

Näheres unter https://www.wkgo.de/cms/article/print/262.

Neben uns die Sintflut

Das Erntedankfest bietet im Kirchenjahr die seltene Gelegenheit, die Natur in die Kirche zu holen und über die Bewahrung der Schöpfung nachzudenken. Vielfach allerdings werden Familiengottesdienste mit kleinen Kindern gehalten, sodass die Predigt auf diese eingehen muss. Vermutlich werden viele in dem Tenor gehalten, den auch BROT FÜR DIE WELT in den Handreichungen für 2017 vorgibt. In der „Musterpredigt“ von Eckhard Röhm heißt es dann:

„Nun hat Gabe nach biblischem Verständnis immer auch mit Aufgabe zu tun. Reichtum, Fülle und Überfluss sollen wir einsetzen, um anderen zu helfen. Es ist uns aufgegeben, für einen Ausgleich zwischen reich und arm zu sorgen. Das ist die Aufgabe, die uns Gott stellt. Damit wir diese Aufgabe erfüllen können, müssen wir etwas aufgeben. Etwas von unserem Geld, unserer Zeit und unseren Talenten.“ (Etwas? Na dann geht’s ja.)

https://www.brot-fuer-die-welt.de/gemeinden/material/erntedank.

Da werden alle zustimmend nicken. Doch reicht es in dieser Allgemeinheit aus? BROT FÜR DIE WELT bringt das ganze Jahr über weit schärfere Analysen, die uns herausfordern. Lassen sich diese nicht liturgisch umsetzen? Wo sonst werden sie der Öffentlichkeit vermittelt?

Der gegenwärtige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Dr. Gerd Müller schreibt in seinem Buch „Unfair! Für eine gerechte Entwicklung“   (Murmann Verlag Hamburg, 2.Aufl. 2017): „Globalisierung gerecht zu gestalten heißt, alle teilhaben zu lassen an Wachstum und Wohlstand und Rücksicht zu nehmen auf den Schutz der globalen Güter unseres Planeten. Der weltweite Markt und Handel brauchen verbindliche soziale und ökologische Regeln und Standards zur Wahrung grundlegender Menschenrechte sowie kultureller Besonderheiten und zum Schutz der ökologischen Ressourcen des Planeten.“ Man darf gespannt sein, wie der Minister diese hehren Ziele in der künftigen Koalitionsregierung durchsetzen kann. Ich nehme ihm die auf 190 Seiten beschriebenen Emotionen und Einsichten ab, sehe aber nicht, dass er sie auch nur ansatzweise in seiner CSU zur Geltung bringen kann.

Die meisten bundesdeutschen Kirchenmitglieder leben wie alle andern nach der heimlichen Devise „Nach uns die Sintflut“. Aber sie existiert bereits neben uns. Wird daran in unsern Predigten gerüttelt?

Der SWR sendete am Erntedankfest 2017 in der „Aula“ ein Gespräch mit Professor Stephan Lessenich zum Thema „Leben auf Kosten anderer“. Er hat in seinem Buch „Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“ (Hanser Verlag Berlin 2016) beschrieben, wie wir die Kosten unseres Wohlstands systematisch auslagern. Wir lassen damit Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika mit den katastrophalen Folgen unseres Handelns allein. Wir profitieren von Kinderarbeit, weil wir billige T-Shirts und ebenso billige Handys wollen, dabei blenden wir konsequent die sozialen und ökologischen Wirkungen unseres Handelns aus. Er schreibt:

„Nur wenn es gelingt, das nationale wie transnationale Institutionengerüst der Externalisierungsgesellschaft im Sinne eines demokratischen, global-egalitären Reformprojekts umzupolen, wird sich nicht nur unser Gewissen aufhellen, sondern auch die soziale Lage großer Bevölkerungsmehrheiten rund um die Welt.“

https://www.swr.de/-/id=19795554/property=download/nid=660374/1t3y4t8/swr2-wissen-20171001.pdf

Der Soziologe Lessenich und der Politiker Müller rütteln beide an den Grundlagen unserer Konsumgesellschaft. Doch wie kann man die Menschen aufrütteln? Der Soziologe versucht es mit seinen Analysen. Der Minister mit dem Predigtton der Fünfzigerjahre: „Lebe deine Verantwortung.“(S.188) Im letzten Wahlkampf haben diese Fragen kaum eine Rolle gespielt.

In unserer Stadt geht man nach dem Gottesdienst zum „Goldenen Oktober“, einem verkaufsoffenen Sonntag, der dem städtischen Einzelhandel einen für nötig gehaltenen Umsatzschub geben soll.

Ein Mensch brennt

Der Artikel „Kein Denkmal für den Unergründlichen (!)“ im Schwäbischen Tagblatt hat mich zur Lesung in die Buchhandlung Osiander gelockt. Der Autor Nikol Ljubic hat einen halbbiografischen Roman „Ein Mensch brennt“ (dtv 2017) über Hartmut Gründler veröffentlicht. Tatsächlich kommt aber der rigorose Anti-Atom-Kämpfer nur indirekt vor. Der Verlag wirbt:

Wenn es um Fußball geht, kann man dem zehnjährigen Hanno Kelsterberg nichts vormachen. In Sachen Protest allerdings auch nicht. Seit zwei Jahre zuvor der asketische Hartmut Gründler ins Souterrain der Familie zog und sich als unbeugsamer Politkämpfer entpuppte, steht Hannos einst heile Welt auf dem Kopf. Statt Fußball zu spielen, muss er nun mit zu Demos und verteilt Handzettel. Während der Vater den Mann im Keller zunächst belächelt, gerät die Mutter in den Bann des kompromisslosen Idealisten, die Ehe zerbricht. Ein provokanter und berührender Roman über eine Familie, die unversehens von der Zeitgeschichte gestreift wird.“

Ich merke bei der Lesung, dass meine Gedanken abschweifen, weil mich der fiktive Familienroman nicht wirklich interessiert. Tatsächlich steigen meine eigenen Erinnerungen an Hartmut wieder auf. Es ist, als hätte ich ihn erst kürzlich gesprochen: Wie er mich in ständige Debatten über den Atomtod verwickelt, wie er mir seine Flugblätter aufdrängt, wie er den „Weltladen“ ausmauert und doch in jeder Gruppensitzung auf sein ureigenes Thema kommt, wie er über Gandhi philosophiert, wie er mit mir zum Frankfurter Kirchentag fährt, wie er mir mit seinen Fastenaktionen auf die Nerven fällt, wie er mit mir zum geplanten und dann verhinderten Atomkraftwerk nach Wyhl trampt, wie er sich nicht von seinen radikalen Ideen abbringen lässt und sich schließlich am Buß- und Bettag 1977 in Hamburg verbrennt. Wie ich dann seine Beerdigung halte. Wie die folgende Gedenkveranstaltung in der Uni als Tollhaus endet. Wie ich den Nachruf in der Zeitung schreibe, weil der Lokalredakteur keine Lust hat. Und wie später an jedem Buß- und Bettag seine Freunde gegen das Vergessen kämpfen.

Und ich frage bei der Lesung, warum der offensichtlich begabte Journalist und Schriftsteller Ljubic nicht eine echte Biografie schreiben wollte. Im Internet ist ja einiges über Gründler zu finden. Recht gut finde ich unter anderem den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Gr%C3%BCndler.

Ein paar wenige alte Mitstreiter aus jener Zeit sind zur Lesung erschienen. Doch der Roman reizt nicht zu großen Debatten. Vielleicht kann man an seinem 40.Todestag noch einmal eine würdige Gedenkveranstaltung organisieren. Vielleicht lässt sich auch der Vorschlag des Redakteurs des Schwäbischen Tagblatts realisieren, wenigstens eine Tübinger Straße nach ihm zu benennen. Vielleicht findet er im Jahr der Regierungsbeteiligung der „Grünen“ auch noch einen kundigen Biografen? Sein Nachlass ist schließlich noch da.