Archiv für den Monat September 2017

Ein Mensch brennt

Der Artikel „Kein Denkmal für den Unergründlichen (!)“ im Schwäbischen Tagblatt hat mich zur Lesung in die Buchhandlung Osiander gelockt. Der Autor Nikol Ljubic hat einen halbbiografischen Roman „Ein Mensch brennt“ (dtv 2017) über Hartmut Gründler veröffentlicht. Tatsächlich kommt aber der rigorose Anti-Atom-Kämpfer nur indirekt vor. Der Verlag wirbt:

Wenn es um Fußball geht, kann man dem zehnjährigen Hanno Kelsterberg nichts vormachen. In Sachen Protest allerdings auch nicht. Seit zwei Jahre zuvor der asketische Hartmut Gründler ins Souterrain der Familie zog und sich als unbeugsamer Politkämpfer entpuppte, steht Hannos einst heile Welt auf dem Kopf. Statt Fußball zu spielen, muss er nun mit zu Demos und verteilt Handzettel. Während der Vater den Mann im Keller zunächst belächelt, gerät die Mutter in den Bann des kompromisslosen Idealisten, die Ehe zerbricht. Ein provokanter und berührender Roman über eine Familie, die unversehens von der Zeitgeschichte gestreift wird.“

Ich merke bei der Lesung, dass meine Gedanken abschweifen, weil mich der fiktive Familienroman nicht wirklich interessiert. Tatsächlich steigen meine eigenen Erinnerungen an Hartmut wieder auf. Es ist, als hätte ich ihn erst kürzlich gesprochen: Wie er mich in ständige Debatten über den Atomtod verwickelt, wie er mir seine Flugblätter aufdrängt, wie er den „Weltladen“ ausmauert und doch in jeder Gruppensitzung auf sein ureigenes Thema kommt, wie er über Gandhi philosophiert, wie er mit mir zum Frankfurter Kirchentag fährt, wie er mir mit seinen Fastenaktionen auf die Nerven fällt, wie er mit mir zum geplanten und dann verhinderten Atomkraftwerk nach Wyhl trampt, wie er sich nicht von seinen radikalen Ideen abbringen lässt und sich schließlich am Buß- und Bettag 1977 in Hamburg verbrennt. Wie ich dann seine Beerdigung halte. Wie die folgende Gedenkveranstaltung in der Uni als Tollhaus endet. Wie ich den Nachruf in der Zeitung schreibe, weil der Lokalredakteur keine Lust hat. Und wie später an jedem Buß- und Bettag seine Freunde gegen das Vergessen kämpfen.

Und ich frage bei der Lesung, warum der offensichtlich begabte Journalist und Schriftsteller Ljubic nicht eine echte Biografie schreiben wollte. Im Internet ist ja einiges über Gründler zu finden. Recht gut finde ich unter anderem den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Gr%C3%BCndler.

Ein paar wenige alte Mitstreiter aus jener Zeit sind zur Lesung erschienen. Doch der Roman reizt nicht zu großen Debatten. Vielleicht kann man an seinem 40.Todestag noch einmal eine würdige Gedenkveranstaltung organisieren. Vielleicht lässt sich auch der Vorschlag des Redakteurs des Schwäbischen Tagblatts realisieren, wenigstens eine Tübinger Straße nach ihm zu benennen. Vielleicht findet er im Jahr der Regierungsbeteiligung der „Grünen“ auch noch einen kundigen Biografen? Sein Nachlass ist schließlich noch da.

Werbeanzeigen

Politik in der Bibliothek

In der neuen Rottenburger Stadtbibliothek wird erstmalig ein „Politischer Stammtisch“ angeboten. Ich hatte mir einen parteiübergreifenden Gedankenaustausch gewünscht, am besten anhand eines guten politischen Buches. Das Thema ist die Bundestagswahl. Mir fällt auf, dass die meisten ihre Erkenntnisse aus dem Fernsehen beziehen. Hauptthema war dort und ist dann auch im heutigen Gespräch das gute Abschneiden der AFD.

Die AFD hat im Rottenburgischen mit ihre besten Zweitstimmen-Ergebnisse geholt. Dabei hat ihr Kandidat keine einzige Veranstaltung durchgeführt und Anfragen der Zeitung ignoriert. Woran liegt hier die Stärke der AFD? Offensichtlich sind es keine spontanen Proteststimmen, denn in allen Bezirken war die AFD auch schon bei der Landtagswahl vor anderthalb Jahren besonders stark. Anscheinend hat die AFD mittlerweile eine relativ stabile Wählerbasis – allen Spaltungen und Skandalen zum Trotz.

Nach meinen Gesprächen mit Leuten, die AFD wählen ist ein Grund der diffuse Wunsch, dass sich die Migration begrenzen lässt. Man hat das Gefühl, dass sich das Land in einer Richtung verändert, die man schlicht nicht will. Man fürchtet, die Regierung habe die Kontrolle über die Grenzen verloren.

Eine Teilnehmerin bezieht sich nun aber doch auf ein Buch, dessen Erscheinen ich wegen Auslandsaufenthalt nicht mitgekriegt habe: „Robin Alexander, Die Getriebenen, Siedler Verlag 2017“. Ich leihe es mir gleich aus und lese es in einem Zug. Denn es ist spannend wie ein Krimi.

Aus dem Klappentext: „Die Grenzöffnung für Flüchtlinge im Herbst 2015 hat das Land gespalten – die einen preisen Angela Merkels moralische Haltung, die andern geißeln die Preisgabe von Souveränität. Doch was als planvolles Handeln erscheint, ist in Wahrheit, so Welt-Korrespondent Robin Alexander, eine Politik des Durchwurstelns, des Taktierens und Lavierens, befeuert von hehren Idealen und Opportunismus. Alexander zeigt, dass die politischen Akteure Getriebene sind, zerrieben zwischen selbst auferlegten Zwängen und den sich überschlagenden Ereignissen.“

Detailliert zeichnet der Autor die 180 Tage zwischen der Grenzöffnung für Flüchtlinge im September 2015 und der Schließung der Balkanroute sowie dem EU-Türkei-Deal im März 2016 nach. Alexander enthüllt, dass die Politik Merkels und ihrer Regierung entgegen der öffentlichen Darstellung keinem langfristigen Plan folgte, sondern von kurzfristigem Lavieren geprägt war. Der Leser erfährt von Vorgängen, die bislang sorgsam unter Verschluss gehalten wurden: So war am 13. September 2015 alles für die Schließung der deutschen Grenzen vorbereitet. Doch weil niemand in der Regierung die Verantwortung dafür übernehmen wollte, wurde aus einem bis dahin wenige Tage währenden ein monatelanger Ausnahmezustand.

Was mich nachträglich noch entsetzt: Entscheidungen werden in kürzester Zeit auf der Grundlage unvollständiger Informationen getroffen. Kleine, der Öffentlichkeit kaum bekannte Kreise beraten die Kanzlerin. Das Parlament ist ausgeschaltet. Einsame Beschlüsse kriegen nicht einmal die Minister mit. Insbesondere der Bundesinnenminister ist in diesem Geschehen eine traurige Figur. Immer geht es um die Umfragewerte, was bei den Leuten ankommt. In diesem Sinne sind die Akteure eigentlich wirklich „Getriebene“.

Die jetzt nicht mehr so häufig zu hörende Behauptung der Kanzlerin, ihre Politik sei „alternativlos“, betäubt die Opposition und die weitere Öffentlichkeit. Ihr Image als kühl kalkulierende, wissenschaftlich orientierte Politikerin bekommt ziemliche Kratzer. Ihre Persönlichkeit bleibt auch in dieser Veröffentlichung ziemlich undurchschaubar, zumindest widersprüchlich.

Das Buch zeigt mir einmal mehr, dass selbst engagierte Zeitungslektüre einen kaum befähigt, die politischen aktuellen Entscheidungen zu beurteilen, von den meist oberflächlichen TV-Beiträgen und dem Kasperletheater der Talkshows ganz zu schweigen.

Ich würde mir wünschen, dass bei einem solchen „Stammtisch“ immer mal wieder ein politisches Buch vorgestellt wird. Denn kein Mensch hat die Zeit, die Neuerscheinungen alle selber gründlich zu lesen.

Gewalt in der Bibel

„Pfarrsenioren“ nennen sich einige Pfarrer im Ruhestand, die sich zum regelmäßigen Gedankenaustausch treffen. Diesmal geht es um “Gewalt in der Bibel“, eigentlich auch um Gewalt im Namen Gottes. Zwar finde ich, dass das Thema nach einer ganzen zehnjährigen ökumenischen „Dekade Gewalt überwinden“ für mich etwas „ausgelutscht“ ist, aber in der Gegenwart mehren sich ja die Stimmen, die Religion grundsätzlich für Gewalt verantwortlich machen. Neben der „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner), jüdischen Fundamentalisten oder den IS-Muslimen hat nun auch der Buddhismus (in Myanmar einmal mehr) seine angeblich pazifistische Unschuld verloren. Grund genug also, um den Ausführungen eines Prälaten i.R. zu lauschen.

Er beginnt mit der archetypischen Geschichte von Kain und Abel. Dieser Brudermord im Rahmen der religiösen Übung (Opfer) hat ja den humanisierenden Schluss, dass der Mörder nicht nur durch das Kainszeichen vor Rache geschützt wird, sondern er kann sogar eine Familie gründen und zum Ahnherrn der Städtebauer werden. Diese „Gewalt mindernde“ Urgeschichte setzt sich in der Bibel fort, obwohl in aller Nüchternheit die Formen menschlicher Gewalt geschildert werden.

Wie steht es aber mit der „göttlichen Gewalt“? Kann man die Sintflut etwa mit dem Bild eines die Menschen liebenden Gottes vereinbaren? Steht der „oberste Kriegsherr seines Volkes“ immer auf der Seite des Rechts? Man denke nur an die sogenannte „Landnahme“. Stimmt es, dass der im Alten Testament „Gewalt ausübende Gott“ eben nicht wie die antiken Götter nach Lust und Laune agiert, sondern Gewalt reguliert und faktisch eindämmt, indem er sie für sich allein beansprucht: „Mein ist die Rache“ (5.Mose 32,35)? Man vergleiche dazu übrigens die Aktualisierung in der Ballade „Die Füße im Feuer“, wo der reformierte Christ mit diesem Bibelwort auf die eigene Vergeltung verzichtet. Sind also die Glaubensgeschichten der Bibel eigentlich Lebensgeschichten, in denen offenkundig widersprüchliche Gottesbilder widersprüchliche Erfahrungen mit Gott widerspiegeln?

Eine Wende vom „Gott der Gewalt“ zum „Gott des Friedens“ kann man im Alten Testament mehrfach beobachten. So wird der Prophet Elia bekehrt, der eben noch die heidnischen Priester vernichtete und nun Gott nicht im Feuer oder Beben erkennt, sondern im sanften Windhauch. Das Kindsopfer des Isaak wird eben nicht vollzogen, sondern durch ein Tieropfer abgelöst. Und schließlich lernt Israel im Exil, dass Gott kein Stammesgott ist, sondern als Schöpfer der Welt allen Menschen zugetan.

Fazit: „Wir müssen die Bibel lesen in dem Gefälle der Überwindung von Gewalt durch die Überwindung eines nationalistischen ausgrenzenden Gottesbildes hin zu einem universalen Gott, der mit seinem Schalom am Ende die Völker befriedet.“

Nun kann man nicht bestreiten, dass etwa evangelikale Christen bis hin zum amerikanischen KuKluxKlan andere Lesarten bieten. Sie nutzen das Alte Testament für ihre mörderische Religion. Kein Wunder also, dass sich viele Humanisten angewidert abwenden und grundsätzlich alle Religion für gewalttätig halten.

Doch der Tübinger Friedensforscher Professor Hasenclever hat nachgewiesen, dass die religiöse Aufladung bewaffneter Konflikte diese nicht vergrößert, intensiviert oder verlängert habe. Sie haben meist nichtreligiöse Ursachen. Im Gegenteil: Viele Religionsvertreter haben sich für Frieden und Versöhnung eingesetzt.

Für evangelische Christen ist bei der Lektüre der Bibel das lutherische Kriterium „was Christum treibet“ hilfreich. Damit haben wir einen Maßstab, mit dem wir biblische Texte lesen und unter Umständen auch widersprechen. Martin Luther selber war so frei, selbst neutestamentliche Schriften als „stroherne Epistel“ abzulehnen. „Die Bibel beim Wort nehmen“ (sola scriptura) heißt nicht, alle Bibelstellen wörtlich zu nehmen (tota scriptura). Was das konkret heißt, muss im Gespräch geklärt werden. Darum ist zu wünschen, dass in evangelischen Gemeinden wieder mehr Debatten über Bibeltexte geführt werden. Wie es die Pfarrsenioren neulich geübt haben.

Jahrgang 1947

Aus meiner Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum 70iger Jahrgänger-Fest :

1947: In Deutschland wird gehamstert. Kohlenklau und Schwarzmarkt. Menschen sammeln Zigarettenkippen der Besatzungssoldaten. 20-30 Kippen konnte man gegen ein Ei eintauschen. Vermutlich sind die meisten von uns in diesem Jahr 1947 auch getauft worden. Wir können uns daran nicht erinnern. Vielleicht hat man uns davon erzählt. Gegen die Säuglingstaufe gibt es heute viele Einwände. Ich finde sie aber nicht nur berechtigt, sondern auch wichtig. Sie symbolisiert nämlich das große JA Gottes. Unter welchen Umständen auch immer wir entstanden sind: Die Taufe bedeutet: Du bist von Gott liebevoll angenommen. Du darfst sein, was immer du tust. Und was immer dir angetan wird. Und wenn Eltern und Paten ihr Amt ernst genommen haben, dann haben sie nicht nur für uns, sondern auch mit uns gebetet. (Das dürfen übrigens auch Großeltern tun, die viele von ja nun sind.) Es war für unsere Familien nach dem Krieg eine schwere Zeit.

1957: Trotzdem erinnere ich eine schöne Kindheit. Dass unsere erste Klassenlehrerin, jung und hübsch, eine Kriegerwitwe war, kapierte ich erst später. Dass manche Lehrer mit einem Trauma aus dem Krieg gekommen waren, fand wenig Verständnis bei uns. Es waren autoritäre Typen, gegen die man sich wehren musste. Die Eltern hatten nicht zu viel Zeit für uns. Der Schulweg war ein Abenteuerspielplatz, manchmal an Trümmergrundstücken vorbei. Für manche von uns stand ein Schulwechsel an. Nicht jeder war da erfolgreich. Insgesamt aber hatte man neben der Schule noch Zeit für eigene Interessen. Die CDU hatte mit Adenauer die absolute Mehrheit und regierte allein. Das deutsche Wirtschaftswunder war im Westen zu spüren, im Osten sah es noch ärmlich aus. Die beiden Staaten entwickelten sich auseinander. Für unsern Jahrgang war nun prägend, ob man im Westen oder im Osten zur Schule ging. Die „Gnade der späten Geburt“ hing auch von der Geografie ab: Stuttgart oder Rostock – das machte einen Unterschied, den man noch heute spüren kann.

In jenen 50iger Jahren gab es für die einen Erstkommunion, für die andern Konfirmation. Sie machten uns mit Traditionen bekannt, die wir nicht immer verstanden, vielleicht bald auch ablehnten. Es ist in Ordnung, wenn der einfache Glaube eines Kindes in Frage gestellt wird und man sich von der Tradition entfernt. Viele nähern sich dem im Alter wieder an. Es gibt ein tragfähiges kindliches Vertrauen, das nicht kindisch ist, weil es durch manche Brüche hindurch erworben oder geschenkt ist. Wir haben viele Theorien gelernt. Aber der Glaube hilft wenig, wenn er nur im Kopf in gelehrten Gedanken stattfindet. Was uns zum Leben und Sterben hilft, muss so einfach sein, dass Kinder es bereits verstehen und Sterbende noch irgendwie spüren können. Zum Beispiel eine segnende Hand mit dem biblischen Zuspruch: „Fürchte dich nicht! Es ist alles gut.“

1967: Die erste große Koalition der Bundesrepublik veränderte die Fronten. Auch wer nicht wie ich in Berlin studierte, kam die Folgen der Studentenbewegung zu spüren. Erst an den Universitäten, dann an den Schulen, zuletzt aber auch im Beruf veränderten sich die Verhältnisse. Alte Sitten wurden in Frage gestellt, aber auch alte Fronten aufgelöst. Die lange verfeindeten Geschwister Katholische und Evangelische Kirche gingen aufeinander zu und übten neu die Ökumene. Viele lernten nun im Beruf den wahren Ernst des Lebens kennen. Manche heirateten und gründeten eine Familie. Die Frauen meistens früher als die Männer. Die deutsche Teilung verfestigte sich nach dem Mauerbau und schien für ewige Zeiten zu gelten. Doch nichts ist ewig, was Menschen bauen. Das kann manchmal auch ein Trost sein. „Alles vergehet, Gott aber stehet…“ wie es in dem Choral „Die güldne Sonne…“ von Paul Gerhardt heißt.

1977: Ehe man sich’s versah, war man plötzlich 30. Wer noch den Spruch auf den Lippen hatte: „Trau keinem über 30, sah sich plötzlich auf der andern Seite der Schranke. Als Eltern hatte man nun die Herausforderung, dass man nicht einfach nach alter Art erziehen konnte. Wir wollten vieles besser, zumindest anders machen. Reformen waren überall angesagt. Einer Minderheit genügte das nicht und glitt in den Terror ab. Die RAF versetzte das Land in einen Ausnahmezustand. Erstmals redete man in der Bundesrepublik von „Innerer Sicherheit“, die bis dahin eigentlich kein großes Thema war. Wir lernen, wie Idealisten zu Menschenverächtern werden können. Wie die Suche nach Gerechtigkeit in Terror umschlagen kann, wenn sie sich nicht schlicht mit Nächstenliebe und Selbstkritik (in der Kirche „Buße“ genannt) verbindet. Es ist ein Vorzug unserer christlich geprägten Gesellschaft, wenn ein Verfassungsfeind umkehrt und sogar Ministerpräsident unseres Landes werden kann.

1987: Man sagt: „Mit 40 wird der Schwabe gescheit.“ Jetzt hat man sein Haus bestellt und die berüchtigte „midlife-Krise“ fordert einen heraus. Beziehungen funktionieren nicht mehr nach altem Brauch, sondern müssen neu ausgehandelt werden. Die Emanzipation der Frauen setzt manchen Männern zu. Trennungen werden nicht mehr gesellschaftlich geächtet, Scheidungen sind keine Schande mehr. Politisch zeigen sich erste Risse im bis dahin stabilen Gegensatz West- und Ostblock. Der alles lähmende Kalte Krieg wird durch „Tauwetter“ zunehmend überwunden. Die DDR ist pleite, was nicht länger kaschiert werden kann. Die „friedliche Revolution“ – maßgeblich durch die DDR-Kirchen beeinflusst –  führt zwei Jahre später zur Wiedervereinigung. In jenen Jahren entsteht ein Lied, das eigentlich für eine Hochzeit geschrieben wurde, aber bald zur Hymne der christlichen Friedensbewegung wird: „Vertraut den neuen Wegen“. Der Text der 3. Strophe ist auch für unser 70iger Fest geeignet: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“

1997: Doch die Wiedervereinigung bringt nur kurze Freude. Während wir unsern 50. Geburtstag feiern dürfen und mancher sich in seinen Erfolgen sonnt, geht die soziale Schere nicht nur zwischen Ost und West weiter auf. Unsere Stadt wird bunter. Zunächst kaum beachtet siedeln sich nicht nur immer mehr Nord- und Ostdeutsche hier an, die sich mehr oder wenig gut integrieren. Es sind nun auch Menschen von weither in der Stadt. Deutsche aus Russland haben Mühe, die heutige Realität mit ihrem Traum von Deutschland zur Deckung zu bringen. In der Stadt Rottenburg zählt man aber schon Menschen aus über hundert Nationen. Jetzt wird es ernst, dass „Ökumene“ die ganze „bewohnte Welt“ meint. Jetzt muss sich zeigen, ob „katholisch“ (griechisch: katholikós) wirklich meint „allumfassend“ (oder nur römisch) – und dies natürlich nicht imperialistisch, sondern diakonisch, dienend. Darf ich mal diese Stadt loben? Der Einsatz für „Reingeschmeckte“ ist enorm. Ich war völlig verblüfft, als ich damals – neu in der Stadt – selbstverständlich zu „meinem Jahrgang 1947“ eingeladen wurde.

2007: Zur Jahrtausendwende hat man von friedlichen Utopien geträumt. Als ob allein ein neuer Kalender einen neuen Menschen hervorbringt. Inzwischen ist Ernüchterung eingetreten. Während Deutschland international noch ganz gut dasteht, nehmen die auswärtigen Konflikte zu. Immer mehr Migranten kommen in die Stadt. Nachdem Katholiken und Protestanten miteinander ihren Frieden gemacht und zur Zusammenarbeit gefunden haben, tritt mit dem Islam eine neue Größe auf. Interreligiöse Beziehungen nehmen gesellschaftlich und privat zu. Die religiöse Lage pluralisiert sich. Der christliche Glaube bietet nicht mehr selbstverständlich die gesellschaftliche Grundlage. Kann man den nachchristlichen Humanismus noch wie einen „verlorenen Sohn“ betrachten, stellen selbstbewusste Muslime konkurrierende Ansprüche. Noch ist nicht klar, wie diese Begegnung politisch ausgeht. Viele sind durch Angst davor geprägt. Spirituell ist es jedenfalls leichter, wenn wir bereit sind, die Schätze in anderen Kulturen und Religionen zu entdecken.

2017: Und heute? Erstmals erleben wir eine Bundestagswahl, in der bisherige Konsens-Überzeugungen in Frage gestellt werden. Viele sind erschrocken über den Hass, der an manchen Orten, aber vor allem auch im Internet sich austobt. Zur Altersweisheit gehört wohl, dass man nicht jede rhetorische Übertreibung ernst nimmt. Unsere Aufgabe bleibt aber, dass wir uns mit unserer Erfahrung einbringen. Stimmabgabe ist wichtig. Noch wichtiger ist aber die ständige Mitarbeit, die unsere demokratische Gesellschaft bietet und braucht. Unsere Generation hat die Demokratie nicht erfunden, sie sich aber zu eigen gemacht. Wir werden sie nicht widerstandslos ihren Feinden überlassen.

 

Vietnamkrieg im TV

In ARTE-TV mute ich mir die neunteilige Dokumentarfilmreihe von Ken Burns und Lynn Novick zum Vietnamkrieg zu. Sie ist so umfassend wie keine andere, wobei die ARTE-Fassung sogar gekürzt ist. Sie lässt etwa 80 Zeitzeugen zu Wort kommen, darunter zahlreiche Amerikaner und Vietnamesen, Kämpfer und Zivilisten auf beiden Seiten.

Dieser Krieg war der erste, gegen den ich als junger Student 1966 protestierte, als unsere bundesdeutschen Politiker sich zu Komplizen der verbrecherischen US-Regierung machten: Nicht nur welche von der CDU, sondern leider auch die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt von der SPD. Man wollte uns weismachen, dass Berlins Freiheit in Vietnam verteidigt wird. Es waren solche Lügen, die uns auf die Straße trieben und die mich noch heute empören. Dabei gehörte ich nicht zu denen, die nun die vietnamesischen Kommunisten idealisierten. Ich ahnte, dass auch dort die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges ist. Allerdings enthüllt der Dokumentarfilm einige Tatsachen, die ich bisher nicht wusste.

„Wer hätte etwa gewusst, dass ein Team der OSS – der Vorgängerorganisation der CIA im Zweiten Weltkrieg – 1945 über den Dschungeln von Vietnam absprang? Dass die Amerikaner damals den kranken Nguyen Sinh Cung, besser bekannt unter seinem Decknamen Ho Chi Minh, wieder hochpäppelten?

Wer hätte gewusst, dass Ho Chi Minh, als er nach dem Zweiten Weltkrieg die Unabhängigkeit von Vietnam verkündete, Thomas Jeffersons „Declaration of Independence“ zitierte – und dass dabei ein Offizier der OSS neben ihm auf der Rednertribüne stand?

Allerdings kann man sich fragen, wie viel von der demokratischen Rhetorik ernst gemeint war: Ho Chi Minh war schon damals ein überzeugter Kommunist, ein Agent der Komintern, und der Viet Minh – die vietnamesische Unabhängigkeitsbewegung – wurde längst von Kommunisten kontrolliert und ging gegen Kontrahenten mit unerhörter Grausamkeit vor.“ (Hannes Stein)

Burns zeigt die amerikanischen Kriegsverbrechen, von denen wir damals schon wussten. Aber er widerspricht auch der offiziellen vietnamesischen Version, es habe sich um einen heroischen Befreiungskrieg gehandelt. Lange bevor die Amerikaner eingriffen, war es schon ein Bürgerkrieg mit verwirrend vielen Parteien. Rücksichtsvoll war niemand.

Die Kommunisten hatten die Spezialität, ihre Feinde bei lebendigem Leib einzugraben. In einer Folge des Films berichten zwei nordvietnamesische Veteranen freimütig von der Schlacht von Hue, bei der im Februar 1968 2800 Südvietnamesen, unter ihnen Zivilisten, massakriert wurden – eine Sensation, denn das Regime in Hanoi leugnet dieses Massaker bis heute.

Dass seit Truman die amerikanische Bevölkerung hinters Licht geführt wurde, ist deutlich zu sehen. Dass aber offenbar die amerikanischen Generäle ihren eigenen Präsidenten Johnson falsch informierten, ist mir neu. Und dass der Präsidentschaftskandidat Nixon mit südvietnamesischer Hilfe trickreich die Wahl gewinnen konnte, höre ich erstmals. „Fakenews“ sind wahrlich keine Erfindung von Präsident Trump. Erschütternd ist im Grunde, dass Propagandalügen immer wieder erfolgreich sind. Zu viele Menschen wollen sie glauben.

Wenn man sich fragt, warum die USA nach Abzug der Franzosen überhaupt in diesen Konflikt eingestiegen sind, obwohl sie doch anders als diese keine kolonialen Interessen haben, dann muss man den blinden Antikommunismus nennen. Offenbar war die Angst vorm Kommunismus so groß, dass weite Kreise des amerikanischen Establishments immun für Selbstkritik wurden. Lieber eskalierte man den Krieg bis zur Erschöpfung.

Hat die Menschheit nun daraus gelernt? Ist man kritischer? Ich bezweifle das. Das Militär hat allerdings gelernt, dass es nie wieder solch freie Berichtserstattung während eines Krieges zulässt. Im Irakkrieg z.B. waren die Journalisten in die Kriegführung und ihre Propaganda eingebunden.

Der Film ist in der ARTE- Mediathek noch zu sehen. Ein guter Bericht darüber ist in http://www.spiegel.de/kultur/tv/the-vietnam-war-von-ken-burns-breaking-really-bad-a-1168641.html zu finden.

Wahlkampf

Das waren noch Zeiten, als ich als junges Parteimitglied Plakate klebte, Prospekte verteilte und in Versammlungen die Gegenkandidaten ausbuhte. Es ging mindestens um den drohenden „Untergang Deutschlands“. Dann aber wurden Koalitionen geschmiedet und das einfache Mitglied wurde nicht mehr gefragt. Bevor ich Pfarrer wurde trat ich aus.

Es ist hoffentlich keine Alterserscheinung, dass ich den ganzen Wahltrubel nicht mehr brauche. Klar, dass die Medien gern Futter haben möchten. Wenn schon die entscheidenden politischen Fragen zu kompliziert sind, dann kann man sich immer noch über rhetorische Entgleisungen aufregen. Oder man produziert die nervigen Umfragen. Sie lenken womöglich von sachlichen Analysen ab. Dabei ist es doch einfach:

Wer mit der Regierung im Großen und Ganzen zufrieden ist, wählt eine der Koalitionsparteien, die sich immerhin in manchen Politikfeldern unterscheiden. Deren Direktkandidaten sind oft ohnehin die einzigen, die eine reelle Chance auf den Einzug in den Bundestag haben.

Wer nicht zufrieden ist, hat mittlerweile eine Auswahl kleinerer Parteien, deren Gewicht man mit seiner Stimme verstärken kann.

Ich habe mir die Programme zur letzten Wahl angeschaut, sie mit den aktuellen verglichen und geprüft, was davon denn umgesetzt wurde. Dann überlege ich, was am besten dem Gemeinwohl dient. Wohlfeile Sprüche gehören nicht dazu.

Schließlich habe ich per Briefwahl abgestimmt und kann darum das aktuelle Theater ignorieren. Ich möchte meine Zeit besser verwenden. Mir fällt dazu ein Fluch ein, der angeblich aus dem chinesischen Zitatenschatz stammt: „Mögest Du in aufregenden Zeiten leben!“ Ein Fluch wohlgemerkt. Allerdings konnte noch niemand diesen Satz in der chinesischen Literatur nachweisen. Vielleicht ist er gut erfunden.

Der deutsche Philosoph Hegel hat aber in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte bemerkt: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“

Also sollte man sich über Langeweile nicht beklagen. Mein Jahrgänger, der Philosoph Peter Sloterdijk, tut es trotzdem. Der Formulierungskünstler hat für die gegenwärtige deutsche Politik den Begriff „Lethargokratie“ gefunden:

„Lethargokratisch ist in der Tat Merkels beharrlicher Gebrauch der Langeweile-Waffe, mit deren Hilfe sie einen beachtlichen Teil der Bevölkerung dazu angeleitet hat, sich für politische Angelegenheiten nicht mehr besonders zu interessieren. Diesem Zweck dient auch die kalkulierte Kunstlosigkeit ihrer Sprache, die jeden Anflug von Interessantheit aus dem politischen Geschäft verbannt, um vom Geist der Zuspitzung nicht zu reden… Aus ihrer Sicht besetzt Angela Merkel eine wesentliche Position in der Geschichte der Politik der Entpolitisierung. Ihr Quasimatriarchat erscheint manchen Analytikern als ein Schachzug, den man in Strategen-Kreisen als die Methode der «asymmetrischen Demobilisierung» kennzeichnet.

Sie besteht im Wesentlichen darin, die politische Szene als ganze so lange mit Chloroform einzusprühen, bis große Teile der Population in eine Art Halbschlaf versinken. Dabei ist die Regel zu beachten, dass das gegnerische Lager stärker zu betäuben ist als das eigene. Kommt es zur Wahl, soll die eigene Gefolgschaft eher auf den Beinen sein als die des Gegners.“

Entpolitisierung ist eine wirkliche Gefahr für die Demokratie. Darum freue ich mich über die vielen Initiativen, die in und vor allem außerhalb von Parteien sich gebildet haben. Sie haben schon so manche Entscheidung der Regierung beeinflusst, die diese laut Programm nicht beabsichtigt hatte. Wenn die Konsumentenmacht endlich auch an Einfluss gewinnt, können selbstbewusste Demokraten sogar den vielen Lobbyisten etwas entgegensetzen. Jeden Tag unterstütze ich im Internet eine Petition, für die ich nicht einmal auf die Straße gehen muss.

Der Stern von Indien

1972 hatte ich die Gelegenheit Ostpakistan zu bereisen, das sich gerade nach einem grausamen Bürgerkrieg von Westpakistan getrennt hatte und als Bangladesh eine unabhängige Nation werden sollte. In der Hauptstadt erlebten wir Studenten einen aggressiven, ethnisch bestimmten Wahlkampf. (Seitdem weiß ich langweilige Wahlkämpfe zu schätzen.) Diese Erinnerungen kommen wieder hoch, wenn ich jetzt die Nachrichten von ethnischen Kriegen in Myanmar sehen muss, die man nicht zu Unrecht auf die britische Kolonialzeit zurückführt. Andererseits könnte man nach drei Generationen hoffen, dass alte Konflikte endlich einmal überwunden werden. Doch nicht nur in Kaschmir bricht der religiös geschürte Hass immer wieder auf.

Leider wenige Tage nur läuft hier der Film „Der Stern von Indien“ (Original: „Viceroy’s House“), der von der schweren Geburt der beiden Nachfolgestaaten Indische Union und Pakistan im August 1947 erzählt.

Man kennt historische „Dokudramen“ vom Fernsehen, in denen archiviertes Filmmaterial mit Spielfilmszenen kombiniert werden. Das sind oft nette Geschichtslektionen.

Leider kann sich die Regisseurin Gurinder Chadar nicht entschließen, ob sie mehr unterhalten oder historisch informieren will. Eine ziemlich aufgesetzte Liebesgeschichte, hölzerne Polit-Dialoge und reichliche Kostümschau wechseln mit alten Wochenschauaufnahmen.

Der ehemalige Admiral und Abkömmling der Queen Victoria Lord Mountbatten soll als Vizekönig die bisherige Kronkolonie in die Unabhängigkeit führen. Doch der Führer der Muslim-Liga Ali Jinnah will für seine Glaubensgenossen einen eigenen Staat. Die mehrheitlich von Hindus dominierte Kongresspartei unter Nehru möchte das vergeblich verhindern. Der am 3. Juni 1947 veröffentlichte „Mountbattenplan“ legte die künftigen Grenzen fest. Was der Vizekönig nicht wusste – mir war das bisher auch nicht bekannt! -: Der britische Premierminister Churchill hatte diese Aufteilung schon einige Jahre vorher beschlossen, um einen Zugang der Sowjetunion zum arabischen Öl zu verhindern. Im Sinne einer „Zwei-Nationen-Theorie“ wurde der Kontinent geteilt und in die fragile Unabhängigkeit entlassen. Nach dem großen Jubel folgt das schlimme Erwachen. Den folgenden Terror spart der Film nicht aus. Nicht erwähnt wird, dass es über die bis heute ungelöste Zugehörigkeit Kaschmirs zu einem ersten regelrechten Indisch-Pakistanischen Krieg kam.

Die Regisseurin arbeitet mit dem Film auch ihre eigene Familiengeschichte auf. Ihre Vorfahren wurden aus Punjab vertrieben. Angeblich interessieren sich ihre eigenen Kinder nicht mehr dafür. So wollte sie für die junge Generation diesen Film mit hohem Unterhaltungswert drehen.

Mir reichte 1972 ein Roman des indischen Autors Kushwant Singh, um diese Tragödie zu verstehen. Erstmals 1956 erschienen, stellt sein Buch ein geschickt arrangiertes soziales und politisches Sittengemälde des Jahres 1947 in Indien dar. Straff erzählt, bietet Singh authentische Elemente und die ganze Vielfalt des Personals vom Idealisten bis zum Proletarier. 2008 gab es eine neue Übersetzung: Khushwant Singh, Der Zug nach Pakistan, Insel Verlag Frankfurt.

1998 verfilmte Pamela Rooks den Roman unter dem Titel „Train to Pakistan“. Er ist bei youtube zu sehen. https://www.youtube.com/watch?v=lOfSdEPDQQ0.

Aurundhati Roy in Tübingen

Seit meinem Praktikum 1972  in der Gandhi-Peace-Foundation bei Bangelore beschäftige ich mich mit diesem faszinierenden Indien in allen möglichen Aspekten. In jugendlicher Unbekümmertheit dachte ich damals, dass das Problem der Armut und des Kastenunwesens in wenigen Jahrzehnten gelöst sei. Es war mein Glück, dass ich als Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll jährlich Indien-Tagungen organisieren konnte. Allerdings konnte ich mich nie über einen derartigen Zuspruch wie gesternabend freuen. Literatur ist eben attraktiver als entwicklungspolitische Menschenrechtsarbeit.Das Audimax der Universität Tübingen füllte sich bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung mit der berühmten indischen Schriftstellerin  Arundhati Roy. Sie ließ sich zu ihrem neuen Buch „Das Ministerium des äußersten Glück“ interviewen und  las daraus einige Passagen in ihrem „indianenglish“ selbst. Andere Teile der schon berühmten Übersetzung wurden von einer Schauspielerin vorgetragen.

Ihren ersten Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ von 2007, der wesentlich in ihrer Heimat Kerala spielt,  habe ich mit Begeisterung gelesen. Dann kamen  politische Essays, Reportagen über den Guerillakampf der Maoisten in den indischen Wäldern. Sie warf sich als Aktivistin in vorderste Front, wenn es um Atomwaffen, Staudämme, Umsiedlung, Umweltzerstörung und immer wieder Kaschmir ging. Sie musste und muss (!) wegen ihrer Aussagen ihre Ermordung fürchten.  Wenn man diese zierlich Frau leibhaftig sieht, kann man kaum glauben, welche Kraft von ihr ausgeht. Mit dem neuen Roman, der den Kaschmir-Konflikt aufnimmt, habe ich allerdings Mühe. Und nicht nur ich.

Jede Nach rollt Anjum, oder von hinten gelesen Mujna, ihre Schlafmatte auf einem Friedhof in Delhi aus. Das ist keine Phantasie. Viele arme Leute leben dort tatsächlich zwischen den Gräbern. Sie sei alle, erklärt sie, entzieht sich möglichen Definitionen. „Ich bin „mehfil“, eine Versammlung von allen und niemand“, sagt sie über sich.

Anjum ist eine Intersexuelle, geboren Ende des 20. Jahrhunderts, aufgewachsen als Junge. Sie suchte Zuflucht in einem Bordell, ließ sich umoperieren und ist nun, nach einem traumatischen Gewalterlebnis, innerlich zersplittert. Als sie versteht, dass sie selbst in ihrer Wahlheimat unter den anderen Transfrauen in Stereotype gepfercht wird, fängt Anjum neu an. Auf dem Friedhof – als ob sie erst hier, auf den Schichten so vieler vergangener Leben, eine neue Zukunft entwerfen könnte.

Es geht um nichts weniger als die politische Identität Kaschmirs, und Indiens. Im Zentrum: Eine von Anjum erdachte Glücksrepublik, die sich auf jenem Friedhof immer weiter ausbreitet. So, dass alles ein einziger Schwellenraum wird ohne fixes Innen und Außen. Wo alle Platz haben, die kommen wollen.

Arundhati Roy hat ein Universum entworfen, in dem sich viele Perspektiven nach und nach ergänzen, wenn sich die Mosaikstücke zu einem großen Ganzen füllen. Wie sie in einem berühmten Essay gegen Atomwaffen schrieb:

„Hiermit erkläre ich mich als unabhängige, mobile Republik. Ich bin eine Bürgerin der Erde. Ich besitze kein Land. Ich habe keine Flagge. Ich bin eine Frau, habe aber nichts gegen Eunuchen“. Aber darüber wurde gesternabend nicht diskutiert.

Für einige Fragen war noch Zeit, die aber eher im literarischen Horizont blieben. Politik wurde weithin ausgeklammert. Dabei wäre die Meinung der Autorin doch interessant gewesen, wie sie etwa die Politik der Bundesregierung findet.

Da der langjährige Leiter der „Dalit-Solidarität“ Walter Hahn im Hörsaal war, aber sich nicht meldete, möchte ich wenigstens auf deren Internetauftritt hinweisen. An dieser „Dalit-Solidarität“ beteiligen sich alle möglichen kirchlichen Organisationen, die sich für die Dalits, die „Kastenlosen“ einsetzen. Man kann nämlich etwas konkret tun.

http://www.dalit.de

Ökumene in Wittenberg

Da in Thailand gerade die Pfarrer wechseln, wurde ich gebeten, noch einmal für das „Begegnungszentrum Pattaya“ zur Verfügung zu stehen, und zwar in Wittenberg im „Gasthaus Ökumene“ der EKD. In diesem Pavillon trafen sich diverse Gemeinden, Gruppen oder einzelne Persönlichkeiten aus der weltweiten Kirche. In unserer Woche waren neben der deutschsprachigen Gemeinde in Thailand die Lutherische Kirche Georgiens und Protestanten aus San Francisco zugegen.

Darüberhinaus hatte ich Gelegenheit, die Lutherstadt einmal wiederzusehen. Ich habe mich gefreut, dass das Reformationsjubiläum für einen gehörigen Renovierungsschub im Ort gesorgt hat.

In der „Weltausstellung Reformation“ gab es den ganzen Sommer über enorm viele Ausstellungen und Veranstaltungen, dazu Konzerte und Aktionen aller Art. Fast 300000 Besucher wurden gezählt. Besonders eindrucksvoll fand ich die Kunstausstellung „Luther und die Avantgarde“, die allein 31000 Besucher anlockte. Leider hatte ich das berühmte „Asisi-Panorama“ nicht geschafft. Aber das ist noch länger zu sehen. Die „Reformationsbotschafterin“ Margot Käßmann will ein Buch mit ihren Beobachtungen herausgeben. Sie war vielfach unterwegs und hat die Predigt im Abschlussgottesdienst gehalten.

Mit Blick auf die zahlreichen Besucher aus dem Ausland zum Reformationsjubiläum sagte Käßmann, »2017 haben wir nicht deutsch-national gefeiert, sondern international…In einer Zeit, in der so manche in Europa, den USA und andernorts Nationalismus aus der Mottenkiste der Geschichte holen wollen, sagen wir: Nein! Wir sind eine Kirche über nationale Grenzen hinweg«, betonte die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende. Man kann den Gottesdienst in der ZDF-Mediathek anschauen: https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste/evangelischer-gottesdienst-252.html

Wie bei großen Kirchentagen finde ich immer die kleine Begegnungen wertvoller als die medienwirksamen Großveranstaltungen. Wann kann ich schon einmal sonst mit einer lutherischen Pastorin aus Georgien mich ausführlich unterhalten? Ich finde es erfreulich, dass es in diesem orthodoxen Land mit seinem mich mittelalterlich anmutenden Klerus überhaupt Evangelische gibt und diese nicht wie sonst in der ehemaligen Sowjetunion die Orthodoxen noch reaktionär übertreffen. Sondern beherzte Frauen die Kirche neu aufbauen und leiten.

Ebenso erfrischend war die Begegnung mit Christen aus Kalifornien, weil sie einen angenehmen Kontrast zur Politik ihres Präsidenten bieten. Sie kümmern sich nämlich um die Einwanderer am Rand der Gesellschaft, die viele ausgrenzen möchten.

Bei Professor Wellenreuther hatte ich gelesen: «Die Freiheit eines Christenmenschen» umfasst in Nordamerika nicht nur den religiösen Menschen, sondern auch den Bürger mit seinen Rechten und Pflichten. Freiheit bedeutet für ihn nicht, Rechte und Pflichten an den Staat zu delegieren, sondern diese auch mit den damit verbundenen finanziellen Verpflichtungen wahrzunehmen. Dass dies auch das Recht auf Schutz des eigenen Lebens und damit den Besitz von Waffen impliziert, sei nur am Rande erwähnt.

Für viele amerikanische Bürger ist Freiheit nicht nur ein politischer, sondern – und dies ist lutherisch gedacht – auch ein religiöser Wert. Und den muss man nicht nur glauben und leben, sondern für den muss man auch etwas tun – auch mit dem Geldbeutel. Geht man am Sonntag in die presbyterianische Kirche, dann zückt hier wie überall sonst in den USA der Kirchgänger, der meist auch Gläubiger ist, einmal im Monat sein Checkbuch – er schreibt einen Check, steckt ihn in ein vorbereitetes Couvert und deponiert dieses in einem Fach vor seinem Sitz. Kirche, Gottesdienst, Pfarrer, caritatives Engagement der Gemeinde, Kirchen- und Gemeindegebäude – all dies kostet Geld und wird mit Spenden bezahlt… Ansätze zur Erinnerung an das Luther-Jubiläum sind, soweit feststellbar, alle von Deutschland initiiert. Wirkungsmächtig sind dabei die drei großen Ausstellungen «Martin Luther: Art and the Reformation»«Word and Image. Martin Luther’s Reformation» und «Law and Grace: Martin Luther, Lucas Cranach and the Promise of Salvation», die bis Januar 2017 mit hohem finanziellem Aufwand der deutschen Regierung in Minneapolis, New York und Atlanta durchgeführt wurden und großen Zuspruch fanden – Zuspruch, der aber vielleicht eher den spektakulären Ausstellungsstücken und den reich bebilderten Katalogen als den Verdiensten Luthers geschuldet ist. Hermann Wellenreuther lehrte mittlere und neuere Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen; er ist Autor einer vierbändigen Geschichte der USA in der frühen Neuzeit.
Und Pattaya? Ich war überrascht, dass einige Freunde des Begegnungszentrums extra nach Wittenberg gekommen waren. Diese Anhänglichkeit finde ich geradezu rührend. Ich freue mich, dass nun schon mein dritter Nachfolger die Arbeit fortsetzt. Vgl. http://www.die-bruecke.net.