Archiv für den Monat August 2016

Tansania (11): Happy End

Wir verlassen Mikumi mit einem Bus der Linie “Kidinilo”. Der reservierte Platz bis Daressalam kostet ca. 6 Euro (für 290 km). Da nimmt man gewisse Unbequemlichkeiten in Kauf. Der Fahrer legt ein enormes Tempo vor, denn er muss am gleichen Tag noch zurückfahren. Ärgerlicher ist aber die ständige Beschallung durch Videos. Früher konnte man sich in den Bussen noch unterhalten.

Wir kommen rasch nach Morogoro, eine Stadt mit mittlerweile 290000 Einwohnern. Hier haben wir „damals“ öfter in einem kirchlichen Frauenbildungszentrum recht angenehm übernachtet oder Freunde besucht. Die lutherische Kirche unterhält hier eine Oberschule, an der viele deutsche Gymnasiallehrer unterrichteten. In der Stadt erinnere ich mich aber auch an die Diakonin Edith, die unter mysteriösen Umständen ermordet wurde. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Wenn ich es überschlage, sind eigentlich viele unserer Bekannten „wazungu“ (Europäer/Amerikaner) umgekommen, oft bei Verkehrsunfällen.

Früher war Morogoro ein Umschlagplatz für arabische Handelskarawanen. Muslime werden nicht gern erinnert, welch schwunghafter Sklavenhandel von ihnen betrieben wurde. Von Christen befreite Sklaven waren es dann, die die Stadt im 19. Jahrhundert gründeten. 1907 erreichte die „Mittellandbahn“ Morogoro. Ich kam mit ihr 1974 hier mitten in der Nacht an.

Die Stadt nennt selbst der “lonely planet“ „ziemlich heruntergekommen“ und keinen Besuch wert, „wenn es nicht so wunderschön gelegen wäre – inmitten einer üppigen Landschaft zu Füßen der alles beherrschenden Uluguru-Berge im Süden.“ Die Gegend ist eine der Kornkammern des Landes. Aus der Kolonialzeit sind noch riesige Sisal-Plantagen übrig.

Die weitere Route bietet nichts Besonderes.  Ich vermisse eine Neuauflage des informativen  „Ostafrika Reisehandbuchs“, das seinerzeit Entwicklungshelfer verfasst hatten. Da konnte man zu jedem Ort politische und soziokulturelle Informationen nachlesen. Die heutigen Reiseführer scheinen Afrika als Spielplatz aufzufassen.

Lesen kann man aber im Bus sowieso schlecht, zumal im Bord-Video eine (wenigstens afrikanische) „soap“ läuft. Die Geschichte einer reichen Familie mit Trennungs- und Erziehungsproblemen ist sogar ganz lustig. „Damals“ verhinderte Präsident Nyerere , der „mwalimu“ (Lehrer), überhaupt das Fernsehen. Jetzt findet man in besseren Hotels viele Programme, oftmals auch die internationalen wie BBC und CNN.

Am Stau merken wir, dass wir langsam Daressalam erreichen. Anscheinend hat es geregnet, was die Vororte noch scheußlicher erscheinen lässt. Der Himmel ist bedeckt. Wir steuern ein Strandhotel an, um uns vor dem Rückflug von den Strapazen der beiden Wochen zu erholen. Die Töchter müssen ja wieder zur Arbeit. „Damals“ hatten wir einen privaten Vermieter am Indischen Ozean und eine sandige Bucht für unsere Kinder allein. „Baharibeach“ oder „Kunduchi“ konnte man sich als „residents“ leisten. Allerdings war die Straße nach Bagamoyo eine Katastrophe. Als Tourist muss man jetzt natürlich Dollars hinlegen.

Während unsere Töchter wie vor dreißig Jahren die hurtigen Strandkrebse beobachten, nehme ich mir einen Schwung Zeitungen vor. Sie sind erstaunlich kritisch und informativ. Noch immer frage ich mich, was aus diesem Land werden soll. Während wir „wazungu“ angesichts der vielen ungelösten Probleme Kopfschmerzen kriegen, lachen die Tansanier sie weg. Man fragt sich, wer die bessere Lebenseinstellung hat.

Unsere „Jubiläumsreise“ als Familie  geht nun zu Ende. Wir sind froh, dass alles so gut geklappt hat. Lange schon waren wir vier nicht mehr so lang und so eng zusammen. Vor dreißig Jahren war es viel einfacher. Da konnten wir unsere Töchter mit ein paar Püppchen hinten ins Auto setzen und unbekümmert  durch’s Land reisen. Jetzt wissen wir viel besser, was alles passieren könnte.  Also, wie die Tansanier sagen: Tumshukuru Mungu!

 

 

 

 

 

 

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Tansania (10): Mikumi

Von Iringa aus sind wir „damals“ gern auf abenteuerlichen Wegen in den Ruaha-Park gefahren. Jetzt müssen wir uns aus Zeitgründen mit Mikumi begnügen.

Wir steigen morgens in den Bus der Linie „Upendo“ (Liebe), wo uns zunächst ungefragt ein Charismatiker anpredigt. Die Leute nehmen es apathisch hin. Zum Glück verlässt er uns bald wieder. Auf der Hauptstraße kommen wir gut vorwärts. Die gefürchteten Serpentinen in die trockene Savannenebene sind besser ausgebaut. Früher sah man immer einige Autowracks in der Schlucht. Leider macht der Bus kaum Pausen, es gibt nur eine Raststätte unterwegs. Die Straße folgt dem von hohen Bergen umsäumten Flusstal des Great Ruaha. Hier bei Mbuyuni sieht man die wohl größte Ansammlung der Baobab-Bäume mit ihren skurrilen Formen. Nach dem Dorf Mikumi und vor dem gleichnamigen Nationalpark nehmen wir Quartier in der „Tan-Swiss- Lodge“. Früher übernachteten wir auf dem Weg nach Daressalam gern in der staatlichen Mikumi Wildlife Lodge, die leider vor vielen Jahren schon abgebrannt ist.

Frühmorgens geht es mit einem Landrover (Miete: 150 Dollar) auf die „Pirsch“. Als Tourist muss man den Eintritt von je 30 Dollar per Kreditkarte bezahlen. „Damals“ haben wir sogar Löwen von der Durchgangsstraße aus gesehen. Jetzt müssen wir die Tiere erst aufspüren: Neben Giraffen, Zebras und Gnus sehen wir auch Flusspferde, Krokodile, Büffel, Warzenschweine, Schakale und viele Vögel. Als Höhepunkt zieht eine respektable Elefantenherde vorbei. Unser Guide Samuel entpuppt sich als hervorragender Kenner der Tierwelt und kann viele interessante Geschichten erzählen.

Ich habe am Eingang einen Ranger gefragt wie es mit Wilderern aussieht. „Die haben wir im Griff“, gibt er an. Leider stimmt das nicht.

Tansania gilt als Zentrum der Elefanten-Wilderei und als Transitland für den Elfenbeinschmuggel aus Nachbarländern nach China. 85% allen weltweit beschlagnahmten afrikanischen Elfenbeins stammten aus Westafrika und Tansania. Seit der Unabhängigkeit Tansanias 1961 ging die Zahl der Elefanten von 350.000 auf 43.521 (Nov. 2014) zurück. Nachdem im Selous-Wildschutzgebiet von 109.000 Elefanten nur noch 13.084 übrig waren, zogen die gut organisierten Wildererteams in den Ruaha Nationalpark und töteten dort 2013 60% der Elefanten, d.h. 1000 Tiere monatlich. Die Touristenführer meiden im Gegensatz zu früher Ansammlungen von Geiern, um ihren Gästen den Anblick niedergemetzelter Elefantenfamilien zu ersparen. Experten berichten, dass sich die verbliebenen Elefanten der Bedrohung anpassen, menschenscheu und nachtaktiv werden.

Experten zufolge ist Wilderei in diesem Ausmaß und der fast ungehinderte Export des Elfenbeins nur möglich, weil mächtige Verbrechersyndikate von wichtigen Persönlichkeiten in der Politik geschützt werden. Der Elefantenexperte Dr. A. Kikoti erinnert daran, dass der frühere Tourismus-Minister K. Kagasheki entlassen wurde, nachdem er dem Präsidenten eine geheime Liste hoher Politiker übergeben hatte, die in die organisierte Wilderei verstrickt sein sollen. Er stürzte über Menschenrechtsverletzungen bei einer Armeekampagne gegen Wilderei 2013. Die Streitkräfte hatten sich hauptsächlich gegen Viehhirten und Gelegenheitswilderer gewandt, aber keinen Erfolg gegen das organisierte Verbrechen erzielt . Laut Dr. Kikoti geht der derzeit zuständige Tourismus-Minister nicht entschlossen gegen das mächtige Netzwerk korrupter Polizei-, Passbehörden- und Wildschutz-Mitarbeiter, sowie Politiker vor, die das Wilderer-Syndikat decken. Daher zeigt die umfassende internationale Unterstützung des Wildschutzes in Tansania nur bescheidene Wirkung. Man befürchtet mit schwindendem Wildbestand, viele Arbeitsplätze in der Tourismusbranche zu verlieren. Statistisch generiert ein Elefant $ 1,6 Mill. Einkommen, während die lokalen Wilderer nur $ 2.800 für ein getötetes Tier einnehmen. Rechnerisch bedeuten die gewilderten Elefanten Tansanias damit einen Verlust von $ 105 Milliarden.

Ich bin gespannt, ob es unter dem neuen Präsidenten Magufuli besser wird. Anscheinend greift er ziemlich autoritär durch. So hat er seinen Freund, einen Minister gefeuert, weil der betrunken im Parlament erschienen war. Andererseits verhindert er Kritik an seinen Entscheidungen.

Die „Business Times“ mahnt unter dem Titel „Magufuli, der Churchill oder der Don Quijote Tansanias?“ zu Nüchternheit und Realismus. Der Präsident  orientiere sich an Churchill mit seinen „Blut, Schweiß und Tränen“- Reden. Er gleiche aber auch dem Windmühlen-Kämpfer Don Quijote mit „übereilten, hochfliegenden, romantischen und extravagant-ritterlichen Aktionen, die sich in der Praxis oft als undurchführbar oder nicht nachhaltig erweisen“. Schwere Korruption sei in Tansania so allgegenwärtig und tief verwurzelt, dass nur eine große gemeinsame Anstrengung eine Wende herbeiführen könne.

Der Schweizer Inhaber unserer Lodge Josef sieht den neuen Präsidenten kritisch, weil er die Opposition unterdrückt. Der Schweizer Markus Lehner sieht ihn positiv: „Man muss für ihn beten.“

 

Tansania (9): Iringa

Nur ungern trennen wir uns von der Strandidylle am Nyassa-See und brechen früh auf. Wir wollen ja noch etwas von Iringa sehen. Eigentlich bevorzuge ich eine Alternativroute über Ipinda. Der Fahrweg geht mitten durch die Bananenhaine und man kommt dort an dem geheimnisvollen Masoko-Kratersee vorbei. Angeblich haben deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg dort einen Schatz versenkt. Man musste nur immer aufpassen, dass einem nicht die Hühner unter die Räder liefen. Doch unser Fahrer rät ab. So nehmen wir dieselbe Route zurück über Kyela und Tukuyu nach Uyole. Auch auf der kann man ebenso nachempfinden, warum Joseph Thomson, einer der ersten Reisenden, 1879 von einem „perfekten Arcadia“ schrieb. Besonders beeindruckten ihn die gepflegten Felder und die „ansehnlichen, sauberen Rundhütten“. Einige gibt es noch heute, aber es breiten sich auch hässliche Wellblechhäuser aus. Die Übervölkerung zwingt viele, in den Städten nach Arbeit zu suchen. Warum es allerdings in Lutengano Gastarbeiter aus Somalia gibt, verstehe ich nicht. Ihretwegen musste die Schweinezucht im College aufgegeben werden. Die Globalisierung wirbelt die Menschen ganz schön herum. In den achtziger Jahren gab es zwar schon chinesische Arbeiter im Kohleabbau. Sie blieben aber wie in einem Ghetto unter sich.

Immer wieder ermahne ich unsern Fahrer, nicht so schnell zu fahren. Besonders bei einer Bergkurve, die die Einheimischen ironisch „Flugplatz“ nennen, weil immer wieder Autos in den Abhang „fliegen“. Er hat es aber eilig, weil seine Mutter (vielleicht auch Tante?) gestorben sei. Da muss er zur Trauerfeier (kilio). Oder erzählt er das nur, um das Trinkgeld zu erhöhen? Ein „kilio“ ist jedenfalls ein „Muss“ für die ganze Verwandtschaft und geht tagelang. Hinter Tukuyu, wo ich bei einem früheren Besuch in einem ziemlich charismatischen Gottesdienst gesprochen habe, erwischt es uns dann: Eine Reifenpanne! Wie hier üblich reiße ich grüne Zweige ab und lege sie auf die Fahrbahn. Sie ersetzen traditionell das Warndreieck.. Nach der Zwangspause geht es weiter den Poroto-Pass hinunter mit einem wunderbaren Ausblick auf die Ebenen.

Eigentlich wollten ich diese Tour mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestreiten. Auf der Karte ist die Strecke nicht einmal weit. Aber die Busse und erste recht die „Dalla-Dallas“ sind langsam. Mit ihnen könnte ich unsern Zeitplan nicht einhalten. So steigen wir in Uyole in einen anderen Landrover mit einem neuen Fahrer namens Josef um.

Die Hauptstraße zwischen Mbeya und Iringa folgt dem Südrand der Usangu-Ebene parallel zur Eisenbahn. Sie  kreuzt viele Bäche, die aus den Bergen kommen und schließlich in den Ruaha und Rufiji fließen. Die Ebene wird von Nomaden bewohnt. „Damals“ (1988) bin ich öfter mit dem Missionsflugzeug der MAF mitgeflogen, um Evangelisationen durchzuführen. Man kreiste über einer möglichst flachen Stelle, damit die Rinder verschwinden. Nach der Landung kamen dann die Menschen angerannt, um sich impfen zu lassen oder einfache medizinische Versorgung zu kriegen. In der Regenzeit ist die Gegend unpassierbar. Ein Freund arbeitete damals in der Station Brandt, zu der die Herrnhuter Missionshilfe gerade eine Freiwillige entsandt hat.

Bis Makambako kommen wir gut voran. Aber dann beginnt eine wüste Strecke, weil die ganze Straße aufgerissen ist. Vorbei an den ausgedehnten Kiefernwäldern wird erst nach Mafinga die Straße wieder befahrbar. Viel später als gedacht kommen wir in das leicht hügelige Gebiet mit den charakteristischen Granitfelsen.

Iringa liegt auf einer Hochfläche. Die steile Straße hinauf ist besser ausgebaut. Viel Zeit bleibt nicht, um die Stadt anzuschauen, die ich angenehm in Erinnerung habe. Dort trafen sich zur Ostern die damals noch zahlreichen europäischen kirchlichen Mitarbeiter. Jetzt sind nur noch wenige eingesetzt. Wir übernachten in dem ziemlich neuen  Gästehaus der lutherischen Kirche (http://www.iringalutherancentre.com) und leisten uns ein schönes Abendessen in einem indischen Restaurant. Keine Lust auf Ugali (Maisbrei)!

In Iringa trifft man auf eine wenig rühmliche deutsche Kolonialvergangenheit. Der hiesige Stamm der Hehe leistete  erbitterten Widerstand gegen die Kolonialisten schon 1889. Ihr Häuptling Mkwawa führte Jahre lang einen wirkungsvollen Kleinkrieg gegen die Deutschen bis er 1898 sich der Gefangennahme durch Suizid entzog. Sein Schädel lag bis 1954 im Überseemuseum Bremen. Man verehrt ihn in Tansania als Nationalhelden und Vorkämpfer der Unabhängigkeit. Bekannter ist der Maji-Maji-Krieg von 1905-07, der brutal niedergeschlagen wurde. Insgesamt sind leider die Kolonialverbrechen wenig im deutschen Bewusstsein, da sie später von den Nazi-Verbrechen überboten wurden. Dabei liegt eine deren Wurzeln schon in diesem früheren Rassismus und Eroberungsdrang.

 

 

 

Tansania (8): Matema

Am Nordufer des Nyassasees gingen Ende des 19. Jahrhunderts evangelische Missionare an Land, die nach einer beschwerlichen Reise von Genua nach Daressalam und von dort über den Sambesi , den Shire und den See kamen. Matema ist eine traditionelle Station der lutherischen Berliner Mission. Der Berliner Missionar Schumann wurde bald ernüchtert: „Wenn wir anfangs gedacht hatte, das Dorado eines Heidenvolkes vor uns zu haben, unter dem das Evangelium bald Eingang finden würde, so hatten wir uns gewaltig geirrt. Wir hatten ein sehr selbstzufriedenes Volk vor uns, das verhältnismäßig glücklich und heiter in den Tag hineinlebte. Alles was der alte Adam sich wünscht, hatten die Heiden: Weiber, Vieh, reichliche Nahrung, ein bequemes Leben, milde Häuptlingsherrschaft.“ Doch die Saat ist aufgegangen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania (ELCT) ist mit 5,3 Millionen Mitgliedern eine der größten lutherischen Kirchen Afrikas und mit einem jährlichen Zuwachs von 14,5 Prozent eine der am stärksten wachsenden Kirchen in unserer Zeit.. In der ELCT sind 20 Diözesen, vergleichbar deutschen Landeskirchen, in einem Kirchenbund zusammengeschlossen. Die Kirchen tragen das Gesundheits- und Bildungswesen Tansanias in entscheidendem Maße mit; über das ganze Land verteilt unterhält die ELCT Krankenhäuser, Erste-Hilfe-Stationen, Kinderheime und andere diakonische Einrichtungen, sowie zahlreiche Schulen, darunter auch Blinden- und Gehörlosenschulen. Viele dieser Einrichtungen und auch tansanische Städte gehen auf die Gründung durch Berliner Missionare zurück. Leider ist die Internetdarstellung des heutigen Berliner Missionswerks wenig aktuell. Dafür zeigt die Homepage der ELCT Selbstbewusstsein: http://www.elct.org/.

In den achtziger Jahren übernachteten wir öfter im alten Missionshaus, in dem die legendäre „sista Verena“ wohnte. Sie versorgte fast allein die kleine Krankenstation, die nun ein ordentliches Krankenhaus ist. Lange gab es keinen Strom und in der Regenzeit war der Ort abgeschnitten. Jetzt gibt es Strom. In kleinen Läden stehen Fernseher mit Sportübertragungen, vor denen sich die Zuschauer drängeln.

Am Sonntag finden in der großen lutherischen Kirche zwei Gottesdienste statt. Der Ortspfarrer wird verabschiedet. Natürlich müssen wir uns wie alle Gäste vorstellen. Ich bin aber froh, dass ich nicht zum Vorbeten aufgerufen werde. Nach dem Gottesdienst werden Opfergaben wie Eier, Öl oder Milch versteigert. Eine Kirche ohne Kirchensteuer muss sich ja etwas einfallen lassen. Unter den Europäern treffen wir einen Arzt mit seiner Familie, der in seinem Urlaub als Chirurg mithilft. Auch die unverwüstliche deutsche Ärztin Heinke Schimanowski-Thomsen, die mehr als zehn Jahre in der Klinik gearbeitet hat, ist wieder da. Zu unserer Zeit kannten wir sie als Missionarsfrau in Ilembula. Dann studierte sie noch im fortgeschrittenen Alter Medizin. Etliche junge Freiwillige engagieren sich in Matema. Dazu gesellt sich eine Wiener Medizinstudentin, die uns am Abend noch einige Probleme der Klinik schildert.

Der tansanische Staat, der eine vertragliche Zusicherung gegeben hat, Behandlungskosten für ausgewählte Leistungen zu tragen, bleibt immer wieder seine Zahlungen schuldig. Zugleich verlangt er aber die kostenlose Behandlung von Schwangeren und Kindern bis zu einem Alter von fünf Jahren. An sich eine gute Sache, nur bleiben die Krankenhäuser auf den Kosten sitzen. 150 Euro sind das zum Beispiel für einen Kaiserschnitt, für tansanische Verhältnisse eine beachtliche Summe. Und mit der Aussicht auf freie Behandlung steigt die Zahl der Patienten stetig an. Ohne die Mitarbeit  der  Kirchen würde das Gesundheitswesen Tansanias zusammenbrechen. Über 90 Prozent der Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten wird durch Gesundheitszentren und Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft sichergestellt.

Vor sieben Jahren haben wir mit einer Gruppe Aids-Witwen und -Waisen besucht. Da wurde uns klar, dass das Leben hier hart ist trotz der paradiesischen Landschaft. Diese wollen wir diesmal unbeschwert genießen. Noch ist es am Strand ziemlich einsam, noch fahren die Fischer auf Einbäumen hinaus. Noch gibt es kein touristisches Remmidemmi.

Ich wandere mit unserer ältesten Tochter zum Dorf der Töpfer Ikombe. Der Weg am Rande der Berge ist schlecht, aber man kann ihn nicht verfehlen. Die Brücken sind zerstört, man muss jedesmal zum Bach hinunter und auf der anderen Seite wieder hinaufkraxeln.Es gibt ja keine Wanderkarten, Wegweiser oder Markierungen. Wer in die Berge will, sollte einen Führer anheuern.

Ikombe hat etwa 4000 Einwohner. Das Töpferhandwerk hat dort eine jahrhundertealte Tradition und spielt eine entscheidende Rolle im lokalen Wirtschaftskreislauf. Die Töpfe müssen per Boot zu einem Markt am gegenüberliegenden Seeufer in Malawi transportiert werden, da sie dort besser verkauft werden können als in Tansania selbst. Vor Jahren hat die evangelische Kirchengemeinde Ikombe den Kleinhändlern ein zwölf Meter langes Holzboot zur Verfügung gestellt, mit dem sie ihre Ware über den See transportieren können.

Als wir endlich am Dorf ankommen, verlangt ein junger Mann eine Eintrittsgebühr. Das macht mich zornig. Ich zahle gern, wenn sie dem Wanderer außer Töpfen etwas anbieten. Und sei es ein Glas Wasser. Aber so erkläre ich dem verdutzten Wächter: „Die Zeit des Tributs ist vorbei.“ Wir kehren einfach um: Der Weg ist das Ziel. Außerdem steht die Sonne schon bedenklich tief. Morgen müssen wir früh aufstehen, denn wir wollen nach Iringa.

Tansania (7): Konde

Wir verlassen Mbeya über den Poroto-Pass und kommen in ein Gebiet, das die ersten Missionare “Kondeland” genannt haben. Ich kenne es recht gut, denn hier habe ich in vielen Gemeinden gepredigt, meine Studenten zuhause besucht oder bei Praktika begleitet. Das südwestliche Hochland ist eine der schönsten Landschaften Tansanias. Während wir auf der jetzt guten Straße nach Süden schnell vorankommen, laufen in meinem Kopf frühere Erlebnisse wie alte Filme ab. So denke ich an eine Wanderung durch den Regenwald zum Ngozi-Kratersee, der rechts von uns liegt. Der Anblick war unwirklich: Ein kreisrunder See mit einer geheimnisvollen Färbung. Dann der Kiwira-Fluss, der durch eine Naturbrücke (daraja la mungu) sich den Weg bahnt. Unweit liegt das katholische Hospital Igogwe, dessen holländischer Arzt nach einer seltsamen Herzerkrankung vorzeitig heimfliegen musste. Selbst Europäer sprachen von Schadzauber (uchawi), da er mächtigen Leuten ins Gehege gekommen war. Linkerhand kommt Rungwe am Fuße des gleichnamigen Berges. Dort siedelten die ersten Missionare, weil am Njassasee die Malariaplage zu groß war. Die mussten ja über den See einreisen, weil es keine  Straße nach Daressalam gab.

Es ist übrigens Unsinn, was im Loose-Reiseführer „Tansania“ S.145 steht, dass die Religionen kein Interesse daran haben, tradiertes Wissen zu erhalten. Einer der Pioniermissionare der Herrnhuter war Theodor Meyer, der 1891 – 1916 als Präses der Brüdergemeine gearbeitet hat. Seine ethnologischen Forschungen „Die Konde“ sind 1989 im Klaus Renner Verlag erschienen. Damit auch die Tansanier ihre Vorfahren besser verstehen, hat eine Kollegin von uns den Band ins Swahili übersetzt. Heute nennen wir diese Leute „wanyakyusa“. Die Lektüre war für mich als Dozent hilfreich, um meine Studenten zu verstehen, wenn es etwa heißt, dass junge Männer nicht arbeiten sondern „stolz wie Hähne daherschreiten“ sollen.

Diese Pioniermissionare, die in Deutschland selbst bei Theologen vergessen sind, stehen in Tansania in höchstem Ansehen. Sie haben sich oft als Verteidiger der Rechte der Einheimischen gegen die Kolonialverwaltung gestellt, die in Afrikanern nur billige Arbeitskräfte sahen.

Rungwe ist noch immer Hauptort einer „Unitätsprovinz“ der Moravian Church mit einem bemerkenswerten Museum.

Dann kommen wir nach Tukuyu, das früher Neu Langenburg hieß. Es ist alles dichter bebaut, das Land wird knapp. Rechterhand liegt Lutengano, wo wir seinerzeit oft Freunde besucht haben. Es ist ein ziemliches Regenloch. Die Bibelschule (jetzt: College) wird von ehemaligen Studenten von mir geleitet. Einer unserer Vorgänger, Dieter Zellweger aus Basel, hat darüber jüngst einen schönen Bericht geschrieben. Man findet ihn wie auch ein Interview mit Studenten unter www.herrnhuter-missionshilfe.de/laender/tansania/.

Unsere Fahrt geht weiter an den Teeplantagen vorbei. Dann fällt die Straße plötzlich ab zu der Senke, die der See ausfüllt. Es wird heiß! Früher sind wir oft rechts abgebogen, um in Malawi Urlaub zu machen. Es war eine üble Diktatur, aber für uns ein kleines Paradies, weil es gegen Dollars alles gab, was wir im sozialistischen Tansania entbehren mussten. Jetzt biegen wir vor Kyela links ab und müssen uns noch über eine aufgerissene Straße quälen. Sie wird unter chinesischer Anleitung neu gebaut. Man erkennt die Aufpasser an ihren Strohhüten. Außer uns mühen sich noch erstaunlich viele Radfahrer über die Piste. Endlich erreichen wir nach vielen Stunden unser Ziel am See: Matema.

Tansania (6): Mbalizi-Kirche

Es gilt als historische Schuld der christlichen Missionare, die konfessionelle Vielfalt in Afrika eingeführt zu haben. Immerhin haben sie sich seinerzeit auf bestimmte Gebiete geeinigt, um sich nicht Konkurrenz zu machen. Es ist die die aktuelle Schuld der Afrikaner, dass sie die historische Kirchenlandschaft enorm vervielfachen, oft unter US-amerikanischem Einfluss. Zählte man zu unserer Zeit in den achtziger Jahren in Mbeya etwa dreißig verschiedene Konfessionen, dürften es jetzt über hundert sein.

Eine besondere Kirche ist die „Kanisa la Uinjilisti“(englisch: Mbalizi Evangelistic Church MEC), die 1980 im Nachbarort Mbeyas gegründet wurde. Sie wurde von unserer Moravian Church als unerwünschte Konkurrenz betrachtet. Ich aber habe ihre Leistungen immer anerkannt, besonders die von Markus Lehner.

Er verkörpert die typisch schweizer Mischung von großer persönlicher Frömmigkeit und cleverem Geschäftssinn. Aufgewachsen in Tansania ist er sozusagen nicht nur mit Tauf- sondern mit allen Wassern gewaschen. Er selbst bezeichnet sich gern als „Busch-Mann“. Es lohnt sich, einmal die Selbstdarstellung (vor allem die Rundbriefe) anzusehen.

http://www.mec-tanzania.ch/de/.

Wir haben bei ihm einen Landrover mit Fahrer gemietet (1,20 Schweizer Franken pro km). Kaifas kennt alle Schleichwege und wird mit jeder brenzligen Situation fertig. Für mein Gefühl könnte er etwas langsamer fahren. Er ist nebenbei eine gute Quelle für Informationen aller Art.

Wir begrüßen also Markus Lehner in seinem Zentrum in Mbalizi, wo er uns stolz die Mitarbeiter vorstellt und alle Einrichtungen, vor allem die Autowerkstatt und Schreinerei, zeigt. Die Werkstatt ist immer noch eine der besten. Allerdings erschwert die Entwicklung der Autoelektronik die einfache Mechaniker-Ausbildung. Markus schwört noch immer auf  Landrover, die man leicht reparieren kann. (Ich fuhr damals aber einen Toyota Landcruiser, weil ich eine Karre wollte, die man nicht zu reparieren braucht.) In der Schreinerei klagt er, dass er schwer Auszubildende bekommt, weil die jungen Leute lieber einen Bürojob anstreben. Und dann treffen wir in der Administration einen schüchternen jungen Mann, der sich ganz seltsam verhält. Er leidet unter den Folgen eines Schadzaubers. Wir sind in Afrika!

Lehners Erfolg beruht darauf, dass er mit vorzeigbaren Projekten Spenden und Zuschüsse aller Art bekommt. Kein Wunder, dass sogar der Präsident Tansanias zur Einweihung kommt. Nicht zuletzt verlässt er sich aber auf bewährte Mitarbeiter/innen aus der Schweiz, die ihm oder dem Projekt (oder Gott?) seit Jahrzehnten die Treue gehalten haben. Da ist Susanna Joos, die die Finanzen im Griff hat. (Auf dem Gebiet scheitern die meisten anderen Kirchen.) Leider ist sie im Urlaub. Sie hat uns bei der Vorbereitung unserer Reise sehr geholfen. Beim Mittagessen im neuen Ifisi Community Center treffen wir Susi Steffen, die schon vor dreißig Jahren Blutproben unserer Kinder auf Malaria untersucht hat. Sie zeigt uns das neue Krankenhaus nebenan, in dem wir gerade ein Neugeborenes bewundern können. Dann sehen wir Lydia Maag und andere. Mit solcher jahrzehntelangen Erfahrung im Land  können andere Experten nicht konkurrieren, die ja oft nur für zwei oder drei Jahre kommen.

Markus hat ein Gespür für künftige Entwicklungen. Als am Nyassa-See in Matema die lutherische Kirche ihr altes Missionshaus vergammeln ließ, baute er am schönen Strand komfortable Touristenunterkünfte. Als der neue Flughafen in Songwe gebaut wurde, hat er in der Nähe ein großes Hotel errichtet. Die nahe Schlucht erkannte er als mögliches Reservat für wilde Tiere. Flugs ließ er das Gebiet einzäunen, siedelte Antilopen und Zebras an und für spezielle Tiere einen kleinen Zoo. Jetzt können auch Afrikaner die Tiere ihrer Heimat beobachten, die sich die großen „gameparks“ wie Serengeti nicht leisten können. Und das neueste Projekt ist ein riesiges Schulzentrum.

Zwar nennt er sich bescheiden nur noch „Berater“ seiner Kirche. Aber ich denke doch, dass ohne ihn nichts geschieht. Er liebt straffe Führung und erinnert mich in diesem Punkt an Albert Schweitzer, der bekanntlich meinte: „Die Afrikaner sind meine Brüder. Aber ich bin der ältere Bruder.“ Und der gibt traditionell in Afrika den Ton an.

 

 

Tansania 5: Theologie

Wir Eltern haben unseren Wiedersehens-Kulturschock schon vor sieben Jahren bekommen, als wir eine Gruppe nach Mbeya führten. Da haben wir natürlich die neue Universität TEKU der Moravian Church, die Nachfolgeinstitution unseres Colleges MOTHECO, besucht und ausführlich alle Einrichtungen angeschaut und mit den Dozenten gesprochen. 2014 waren 4840 Studenten eingeschrieben.Ich verhehlte meine Skepsis nicht. Über die theologische Fakultät ist leider im Internet wenig zu finden: http://www.teku.ac.tz/.

Wir haben seinerzeit etwa 60 Studenten mit oft schwachen Schulkenntnissen in vier Jahren zu Pfarrern ausgebildet. Dabei ging es nicht um abstrakte Theologie, sondern um Kenntnisse, die sie für die Gemeindearbeit qualifizieren. Pfarrer sind oft Motoren in der Entwicklung, weshalb es ständig Diskussionen gab, was eigentlich Fortschritt (maendeleo) ist. Die meisten haben sich in den Dörfern bewährt. Mit großen Institutionen wie Hospital oder Schulen, die die Kirchen von Anfang an betreiben, sind sie aber oft überfordert. In der Konkurrenz der Konfessionen sind diese aber sehr bedeutend. Wenn eine Kirche eine Universität betreibt, will die andere auch eine haben. Da ein solches Projekt Zuschüsse von allen Seiten bekommt, sprechen böse Zungen von einer „Geldbeschaffungsmaschine“.

Nun geht es bei dieser Reise um unsere Töchter, denen wir den Ort ihrer Kindheit zeigen wollen. So „schleichen“ wir uns gewissermaßen auf den Teil des Campus, wo „unser“ Haus, die damaligen Unterrichtsräume und die kleine Kirche zu finden ist.

Unsere Kinder haben damals perfekt swahili gesprochen. Leider sind diese Kenntnisse aus ihrer Vorschulzeit verschwunden und noch nicht wiedergekommen. Dafür haben sie den legeren Gruß „mambo vipi?- Poa“ gelernt, der immer Heiterkeit auslöst.

Die Kirche ist schön geschmückt, wenn ich auch den Anbau von Toiletten etwas deplatziert finde. Die Lehrerhäuser sind äußerlich unverändert, aber der Anblick „unserer“ Wohnung ist schockierend. Wie kann man ein Haus so verkommen lassen? Der Jüngsten kommen die Tränen, mir steigen sie vor Zorn hoch. Es ist ein altes Elend, dass man in Tansania dauernd etwas Neues will, aber das Alte nicht pflegt. Wir beobachten dieses im ganzen Land. Bei den alten Lehmhütten war es sicherlich sinnvoll, wenn man nach drei oder vier Regenzeiten nebenan eine neue baut. Aber moderne Gebäude müssen gepflegt werden, wenn man sie erhalten will.

Dieselbe erschütternde Erfahrung machen wir im nahen Utengule, wo das alte Missionshaus, in dem wir die ersten glücklichen Wochen gewohnt haben, nun eine einsturzgefährdete Ruine ist. Der schöne Garten ist ziemlich verwüstet, nur der Bach fließt noch immer. Hier betreibt die Kirche eine Bibelschule, die nun aufgewertet werden soll, weil die eigene Universität zu teuer ist. Als erstes hat man schon mal Lehrerbüros gebaut. Da Ferien sind, treffen wir keine Studenten und nur wenige Lehrer an. Einer unterrichtet gerade die Klasse der künftigen Pfarrfrauen (akina mama), die uns fröhlich begrüßen. Wenn man vor einer solchen Klasse steht, möchte man gleich wieder einsteigen. Die Leute sind so freundlich, dass man ihnen nicht böse sein kann, selbst wenn man sauer ist.

Das Dorf liegt in einem herrlichen Tal, in dem es traditionell alte Kaffeefarmen gibt. Ein Schweizer Kaffeefarmer hat eine Lodge gebaut, deren Einweihung wir noch mit einer großen Party mitgefeiert haben. Klar, dass wir dort für eine Cola einkehren und den phantastischen Blick genießen.

http://www.regenwaldreisen.ch/tansania-mbeya-utengule%20coffee%20lodge.html.

Am Ende schauen wir  zu der Farm, in der wir seinerzeit – nach einer Stunde Fahrt über Stock und Stein! – Milch und Käse geholt haben. Die Kühe gibt es nicht mehr, aber das Farmhaus steht noch, in dem der letzte Kolonialist der Unabhängigkeit getrotzt hat. Fährt man die Straße zum Rukwa-See weiter ins Landesinnere, was ich nur einmal getan habe, kommt man in Gebiete, wo gejagt wird – nicht nur von Löwen.

In Mbeya kriegen wir noch eine andere Jagd mit, nämlich die auf arme Seelen. In der Stadt ist eine Großevangelisation der charismatischen Mission „Christus für alle Nationen“. Man rühmt sich, dass sage und schreibe 153120 Menschen sich „für Christus entschieden“ haben. Na denn !

http://www.bonnke.net/cfan/de/veranstaltungen/afrika-2016/mbeya

Tansania (4): Mbeya

Schon bei der Anfahrt mit der Bahn sehen wir, dass sich Mbeya enorm vergrößert hat. 1927 wurde die Stadt gegründet als kleine Verwaltungsstelle wegen der Goldfunde am Lupa-Fluß. Bei meiner ersten Reise in den siebziger Jahren hatte die Stadt 13000 Einwohner, während unserer Arbeit in den achtziger Jahren schon über 100000. Es hatte noch den Charme einer britischen Kolonialstadt. Jetzt zählt man  400000, wobei die Grenzen zu den umliegenden Dörfern fließend sind. Von „Charme“ kann keine Rede mehr sein, da die wichtigen Straßen ständig verstopft sind. Der einst lauschige Markt im Zentrum  ist seit Jahren total aufgerissen und verlegt „Unser“ Markt Manjelwa ist vor Jahren abgebrannt und auf der andern Seite der Hauptstraße unschön wieder aufgebaut.

Ein paar markante Punkte sind noch erkennbar: das Post- und Zollamt, wo ich endlose Verhandlungen wegen einiger Pakete führte; das Kino, in dem mal Bollywood-Filme liefen; die Bank, in der man einen halben Tag zum Geldtausch brauchte.

Etwas in die Jahre gekommen ist das „Karibuni-Center“, wo wir Quartier nehmen. Dort gab es „damals“ in dürrer Zeit das erste Speiseeis. Jetzt campieren Jugendgruppen dort, die einen Abenteuerurlaub gebucht haben.

Es gehört sich, dass ich „meine“ Kirchenleitung aufsuche. Vor sieben Jahren habe ich eine Gruppe von Missionsfreunden nach Tansania geführt und die ewigen Begrüßungsrituale gedolmetscht. Solche Rituale gehören zur afrikanischen Höflichkeit. Man muss nicht glauben, dass man dabei ernsthafte Probleme erörtern kann. Für Afrikaner ist wichtig, dass schöne Worte eine gewisse Harmonie herstellen. Ich bin froh, dass ich diesmal privat hier bin.

Der stellvertretende Vorsitzende („Makamu“) der Südwest-Provinz der Moravian Church hat wenig Zeit, da er zu einer internationalen Synode nach Jamaika muss. Es gesellt sich noch der Leiter der Abteilung für christliche Erziehung zu uns, der mal mein Student war und sich riesig freut. Die Anhänglichkeit an den Lehrer (mwalimu) ist immer wieder überwältigend. Andere ehemalige Studenten haben leitende Positionen bekommen. Manche sind aber schon pensioniert oder gestorben.

Der eigentliche Vorsitzende, ein ehemaliger Student von uns, ist ihnen gerade abhanden gekommen. Eine undurchsichtige Geschichte, zu der des Sängers Höflichkeit schweigt. Ich wollte ihn eigentlich treffen, habe ihn aber verpasst. Demokratie in der Kirche ist in Tansania ein besonders heikles Kapitel.

Während die Herrnhuter Brüdergemeine in Europa immer nur eine kleine Minderheitskirche mit einem besonderen Status zwischen den Landeskirchen und den Freikirchen geblieben ist, wurde sie in Ostafrika zur Volkskirche. Neben den Lutheranern und den Anglikanern ist die Moravian Church (in Tansania) heute die drittgrößte nicht-katholische Kirche des Landes. Gegründet 1891, dehnt sich bis 1939 die Arbeit der Herrnhuter Mission im südlichen Hochland von Tanganyika längs des Nyassasees und der Grenze zu Sambia bis zum Rukwa-See und der Usangu-Ebene über ein Gebiet von der Größe der Schweiz aus. „Meine“ 1976 gegründete Unitätsprovinz von Südwesttansania zählt heute 198 Hauptgemeinden mit 269800 Christen.

Näheres unter http://www.herrnhuter-missionshilfe.de/laender/tansania.

Unverhofft treffen wir einen meiner Vorgänger, Dekan i.R. Jochen Tolk, der sich im Ruhestand um Aidswaisen kümmert. Er hat eine Struktur gefunden, die ihm große, vor allem finanzielle  Unabhängigkeit gewährt. Seine Afrika-Erfahrungen hat er in einem Buch verarbeitet: „Armer reicher weißer Mann: Unser weißes Leben im Spiegel Afrika betrachtet.“ Seine kritischen Berichte haben schon damals Anstoß erregt. In Deutschland warf man ihm vor, er liebe die Afrikaner nicht genügend.
Schon bei unsern früheren Rundbriefen haben wir uns gefragt, was wir wahrheitsgemäß berichten sollen. Nur die Erfolge, damit die Spender nicht verunsichert werden? Ist es Lüge, wenn man die Hälfte weglässt? Verstehen wir überhaupt, was wir sehen und erleben?
Man sagt ja, dass man nach drei Tagen in Afrika einen Artikel schreibt, nach drei Monaten ein Buch, aber nach drei Jahren gar nichts mehr. Für jede Einsicht gibt es eben auch die gegenteilige Erfahrung. Wenn ich heute meine alten Rundbriefe lese, meine ich, dass ich zu begeistert berichtet habe. Der Kirchenleitung war es aber nicht geheuer, sodass sie unsere Berichte vorher zensieren wollten. Der Rat an uns damals: „Schreibt das Gute und werft das Schlechte in den Papierkorb.“

 

Tansania (3): Eisenbahn

Es ist ziemlich aussichtslos, auf einem der zahlreichen Altkleidermärkte (mitumba) einen Bikini zu finden. Deswegen steuern wir eine „Shopping-Mall“ an, die es neuerdings in Dar gibt. Die Preise dort sind gesalzen. Zwar sind die Läden mit internationalen Marken gut gefüllt, aber es fehlen Kunden. Die gelangweilten Verkäuferinnen erinnern mich an ihre Kolleginnen von 1986, als man auf die Frage „Gibt es…?“ jedes Mal die Antwort „hamna“ (Gibt nix) bekam.

Die Zeit drängt. Wir müssen zum Bahnhof der „Tazara“. Wir haben unsere Fahrkarten bereits gekauft, aber man weiß nicht genau, wann sie eigentlich abfährt. Der Taxifahrer unseres Vertrauens, Roger, fährt einfach auf den Bahnsteig vor den Wagen der Ersten Klasse.

Ich bin ein Fan afrikanischer Eisenbahnen. 1974 fuhr ich  mit der noch von Deutschen gebauten „Central-Line“ von Dar bis zum Viktoriasee. Da saß ich in der 3. Klasse dichtgedrängt unter lauter Afrikanern. Die Linie ist leider derzeit außer Betrieb.

Die von Chinesen gebaute „Tansam“ oder „Tazara“ wurde 1975 in Betrieb genommen. Sie führt über eine Entfernung von fast 2000 Kilometern nach Kapiri Mposhi ins Kupfergebiet von Sambia. Wir fahren nur 850 km bis Mbeya. Laut Fahrplan dauert das 18 Stunden und kostet pro Person 1.Klasse 65000 Sh. (etwa  28 Euro).

Erste Klasse heißt: Wir haben als Familie ein Abteil für uns. Sonst wird nach Geschlechtern getrennt. Unser Waggon ist sicherlich von Anfang an im Einsatz. Was man abmontieren konnte, fehlt. Mich stört eigentlich nur, dass man die Tür nicht schließen kann. Man hat immerhin so einiges von Überfällen gehört. Dafür gibt es heute bewaffneten Begleitschutz. Fensterscheiben fehlen meistens. Aber es gibt einen Ort, den man als WC bezeichnen könnte. Jedenfalls ist ein riesiger Bottich mit Wasser gefüllt. Durch das Loch kann man direkt auf die Schienen schauen. Die vier Liegen haben Decken und Kissen. Da holt meine Frau erstmal das Nähzeug heraus. Ansonsten wickelt man sich am besten in das afrikanische Allzwecktuch „Kanga“ ein. Oder man benutzt wie meine Töchter leichte Schlafsäcke. Neben uns fahren wenige Europäer und auffallend viele Chinesen.

Nun könnte es am Nachmittag eigentlich losgehen. Doch erst stürmen die bisher ausgesperrten „Dritte Klasse- Passagiere“ den Zug. Wer einen Sitzplatz will, muss jetzt sprinten. Manche hocken stundenlang auf dem Fußboden.Die wiederholte Frage nach der Abfahrtszeit beantwortet die mürrische Schaffnerin mit „bado“ (Noch nicht.) Doch plötzlich ruckt der Zug an, wir fahren.

Nach zehn Minuten gibt es einen Schlag, der sich bei jedem Halt wiederholt. Was ist los? Ein Zusammenstoß am Bahnübergang? Wenn nur dreimal die Woche ein Zug fährt, rechnen Autofahrer natürlich nicht damit. Es gibt selten Schranken oder rote Ampeln.. Wenn es im Schneckentempo 30 km/h so weitergeht, kann man mit stunden- ja tagelangen Verspätungen rechnen.

Nachdem wir Dar verlassen haben, fahren wir durch das Küstenland und das Selous-Game Reserve.

Dieses größte Wildreservat Afrikas hat mehr Fläche als die Schweiz. Leider haben sich die Millionen Wildtiere, darunter über 3500 Löwen, uns nicht gezeigt. Aber die Landschaft ist berauschend genug. Bei jedem der 147 Bahnhöfe laufen Leute an den Zug und bieten allerlei Essbares an. Im Tunnel – es gibt 23 – sitzen wir plötzlich im Finstern. Erst nach Sonnenuntergang wird die schummrige Beleuchtung eingeschaltet. Am Abend wird im Abteil ein Essen (Reis mit Hähnchen) serviert. Man muss nur aufpassen, dass bei der wackeligen Strecke (Schmalspur) die Soße auf dem Teller bleibt. Zum Frühstück gehen wir dann lieber in den Speisewagen. Doch noch ist die Nacht nicht rum. Ein heller Feuerschein erhellt den Horizont. Wir fahren direkt darauf zu. Der Lokführer wird doch wohl nicht durch’s Feuer fahren? Es kommt aber bedenklich nahe. Am Ende des Selous steigen einige schon wieder aus. Wir bitten die Schaffnerin erfolgreich um deren Abteil, das etwas besser erscheint und abschließbar ist. Die kleine Soldatentruppe ist nämlich schon hörbar angeheitert. Es ist immer gut, wenn man weibliche Respektspersonen etwas becircen kann. In der weiteren  Nacht habe ich gut geschlafen, der Rest der Familie hat kein Auge zugetan. Die Bahn folgt dem fruchtbaren Kilomero-Tal und umgeht die ausgedehnten Kibasira-Sümpfe. Die meisten Schwierigkeiten hat die Tazara zwischen Mlimba (Königreich der Elefanten) und Makambako (Platz der Bullen). Hier wird es empfindlich kalt. Innerhalb von 100 km war eine Steigung von 1300 m zu überwinden. Da haben die chinesischen Lokomotiven in den achtziger Jahren immer schlapp gemacht bis Krupp ausgeholfen hat. Noch immer kommt es in der Regenzeit zu Unterspülungen und Entgleisungen. Auf dieses nur 16 km lange Teilstück entfielen fast 30% aller Erdbewegungsarbeiten, Viadukte, Tunnel und Brückenbauten.

In Makambako erreichen wir die mir wohlbekannte Nationalstraße. Hier wird der Zug gründlich geputzt. Man denkt immer, nun sind wir am Ziel. Aber in weiteren Schleifen schraubt sich die Bahn ins Hochland. Mbeya liegt fast 2000 m hoch in einer Senke zwischen dem Mbeya-Gebirge und den Poroto-Bergen im Süden. Nach 24 Stunden Bahnfahrt landen wir etwas gerädert außerhalb der Stadt im Bahnhof. Wie wird es uns in Mbeya ergehen, wo wir von 1986-1991 glücklich waren?

 

Tansania (2): Bevölkerung

Als ich erstmals 1974 auf der Suche nach “ujamaa” Daressalam besuchte, wohnte ich im Lutherhaus. Das gibt es noch immer, aber es ist ziemlich heruntergekommen. Damals erlebte ich Dar als übersichtliche Stadt mit vielen Bauten aus der deutschen Kolonialzeit. Dar hatte eine halbe Million Einwohner. 1986-1991, als wir öfter in der Stadt zu tun hatten, zählte man schon 1,3 Millionen. Bei meinem letzten Besuch vor sieben Jahren war ich entsetzt über Chaos und Dreck; man sprach von drei Millionen. Heute sind es mindestens vier Millionen. Man merkt es an den übervollen Straßen.

Tansania hat weltweit die höchste Zuwachsrate. Jährlich nimmt die Bevölkerung um 1,3 Millionen zu. Die derzeit auf 45 Millionen geschätzte Bevölkerung wird sich bei gleichbleibendem Wachstum in 26 Jahren verdoppeln. Diese Entwicklung überlastet die sozialen und wirtschaftlichen Systeme. Schulen aller Arten sind hoffnungslos überfüllt.

Angenehm fällt auf, dass die Menschen sehr jung sind. 75% der Einheimischen sind unter 30 Jahre alt. Arbeitsplätze aber sind nicht ausreichend vorhanden. Ich kann mir darum nicht vorstellen, wie die neuen Milleniumsziele zur Armutsbekämpfung erreicht werden sollen. Optimistischer ist das Nationale Statistikbüro: Mit zunehmender Familienplanung soll sich das Verhältnis zu Gunsten der produzierenden Bevölkerung verschieben. Derzeit produzieren die 45% unter 15jährige und etwa 5 % über 60jährige sozusagen nichts.

Empfängniskontrolle betreiben angeblich landesweit 27% der Frauen. „Damals“ waren wir mit einem deutschen Gynäkologen befreundet, der auf diesem Gebiet Entwicklungshilfe betrieb. Es wurde von der deutschen GTZ viel Geld eingesetzt. Aber die Erfolge sind nach wie vor mager. Er klagte, dass die Männer nicht mitmachen. Sie wollen nach wie vor viele Kinder. Ein Fachmann der University of Dar-es-Salaam berichtete, 1991/92 hätten die Frauen durchschnittlich 6,3 Kinder geboren, 2010 nur noch 5,3. Während die Frauen in den tansanischen Städten über die Last des Kinderkriegens klagen, gebären ihre Schwestern auf dem Land je 12 Kinder. Auffälligerweise ist das genau dort, wo es an ausgebildeten medizinischen Kräften fehlt, wo man sich auf traditionelle Hebammen und Kräutermedikamente verlassen muss. Die Gesundheit der Frauen, die zu dicht hintereinander schwanger sind, ist schwach, die Kosten für medizinische Versorgung sind hoch. Kinder, die rasch aufeinander folgen, sind anfällig, die Todesrate ist höher, als die der Kinder, deren Geburt etwa zwei Jahre auseinander liegt.

In den Zeitungen lese ich Artikel, die so ähnlich auch schon 1986 erschienen sind. Es gibt jede Menge Konferenzen, jede Menge Organisationen, aber wenig Resultate. Wir haben seinerzeit mit unseren (männlichen) Studenten diese Fragen heftig diskutiert. Meine Frau hatte einen besseren Zugang zu den Pfarrfrauen. Die wollten aber nur wissen, mit welchem Zauber wir erreicht hätten, nur zwei Kinder zu haben.

Die Stärkung der Frauen ist in vielen Kirchen Teil der Gemeindearbeit. Das muss sich auch in der Ehe-Moral der Christen beweisen. Solange selbst Pfarrer ihre Frauen bei Widerspruch schlagen, ist wenig erreicht. Die meisten predigen den Frauen Unterwürfigkeit. Ob das Pastorinnen ändern können, die es mittlerweile gibt?

Zu meinem Entsetzen lese ich in der „Guardian“ die Überschrift „Send contraceptives on leave, JPM tells women“. JPM wird der neue Präsident John Pombe Magufuli genannt.  Er argumentiert, dass Frauen so viele Kinder wie möglich gebären sollen, „weil die Erziehung jetzt kostenlos ist“. Zum Glück gab es durchaus Widerspruch von Fachleuten.

Es ist in Tansania nach wie vor ein heikles Thema. Ich verstehe, dass man sich von Europäern nicht gern dreinreden lässt. Jedenfalls wäre ich als Afrikaner wohl schon Urgroßvater.

Die Organisation „Advance Family Planning“ informiert über die gegenwärtigen Anstrengungen. http://www.advancefamilyplanning.org/tanzania.