Archiv für den Monat Juni 2017

Unterwegs in Dalian

Häfen üben auf mich seit Kindheitstagen einen besonderen Reiz aus. Darum machen wir auf dem Weg nach Peking einige Tage Urlaub in Dalian. Allerdings darf man in China keine alten Bilder im Kopf haben. Man wird totsicher von der neuesten Entwicklung überrascht. Die Kleinstadt aus früherer Lektüre hat sich zur 6-8-Millionenstadt gemausert.

Dalian ist seit dem 6. Jahrhundert ein wichtiger Hafen. Wir schauen uns im Museum seine Geschichte an, insbesondere den Untergang der kaiserlichen Flotte im chinesisch-japanischen Krieg 1894. An den heutigen Hafen kommt man leider kaum heran, aber man kann ihn von einigen Hochhäusern aus besichtigen. Von der ungeheuren Ausdehnung bekommen wir einen Eindruck, als wir mit der S-Bahn eine Stunde vom Zentrum nach Jinshitan im Norden fahren, um jenseits der Kaianlagen und Werften an einen Strand „Golden Pebbles“ zu kommen. Weiter nördlich beginnt eine zerklüftete Steilküste, die geologisch interessant ist.

Ein anderer Strand ist mit dem Stadtbus Nr.309 zu erreichen. Leider ist es dort aber mit der Ruhe vorbei. Da sowieso kein Chinese hier schwimmen mag, hat man für das allgemeine Vergnügen einen Jahrmarkt aufgebaut, Bungee jumping eingeschlossen.

Durch Verpachtung kam die Stadt von 1897 bis 1905 unter russische Herrschaft. (Der russische Name „dalni“ bedeutet „Fern“ (im Osten). Hier war ein Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Wer im Museum genau hinschaut, muss als Chinese zugeben, dass die Russen industrielle Entwicklungshilfe geleistet haben.

Stolz zeigt man eine „russische Straße“. Einige Villen und Häuser im schlechten Zustand sind noch zu sehen, ein kleiner Palast ist einsturzgefährdete Ruine. Gleichwohl hat man für Touristen jede Menge Buden aufgebaut, wo allerlei russischer Krimskrams verkauft wird. Auf unserer stetigen Suche nach einem Café landen wir bei einer chinesischen Studentin, die mit ihrem „boyfriend“ einen kleinen Laden betreibt. Sie stammt aus dem Süden und spricht passabel englisch. Nicht ganz passend zum russischen Ambiente hat sie sich den „Kleinen Prinzen“ als Motto gewählt.

Nach dem russisch-japanischen Krieg kam die Stadt von 1905 bis 1945 unter die Kontrolle der Japaner. Diese haben außer weiterer Industrie ebenfalls einige Straßenzüge hinterlassen, die im Gegensatz zu den heutigen Wolkenkratzers wenigstens ein menschliches Maß haben.

In Dalian liegt normalerweise Chinas erster Flugzeugträger „Liaoning“, der noch halb von Russland gebaut wurde. Er wurde 2012 in Dienst gestellt. Mittlerweile haben sie einen zweiten selbstgebauten vom Stapel gelassen, den wir von ferne fotografieren konnten.

China baut seine Seestreitkräfte erheblich aus. Sie kaufen zahlreiche Kriegsschiffe und U-Boote. Man will bald auf allen Weltmeeren präsent sein. Gern wäre ich ins legendäre Port Arthur gefahren, das heute Lüshunkou heißt. Aber dort ist militärisches Sperrgebiet.

Was ich nicht wusste: Im riesigen Kongresszentrum Dalians findet seit zehn Jahren eine Art „Sommer-Davos“ statt, eine Ergänzung oder doch wohl Konkurrenz zum Weltwirtschaftsforum.

Kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg hat Chinas Premierminister Li Keqiang dort demonstrativ für freien Handel und Globalisierung geworben. Das hört sich im deutschsprachigen chinesischen Radio so an:

Die Regierung setzte die Jahresvorgaben für das BIP-Wachstum auf rund 6,5 Prozent fest und versprach gleichzeitig, bessere Ergebnisse in der aktuellen wirtschaftlichen Arbeit anzustreben. Ferner wird China die Erhöhung der Verbraucherpreise bei rund 3 Prozent und die offizielle städtische Arbeitslosenquote unter 4,5 Prozent halten.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt meldete im ersten Quartal eine Wachstumsquote, die 6,9 Prozent über dem Vorjahreswert lag und damit die aufgestellte Prognose übertraf. Es handelte sich um den schnellsten Zuwachs in 18 Monaten.

Eine ganze Reihe von Finanzinstitutionen, darunter auch der Internationale Währungsfonds, hat ihre Prognose für China erhöht, da sich eine neue Dynamik entwickelt und die wirtschaftliche Ausbalancierung voranschreitet.

Li führte diese kometenhafte Leistung auf die anhaltende wirtschaftliche Umstrukturierung des Landes zurück.

China wird nach Lis Angaben die Strukturreform der Angebotsseite weiter vorantreiben, die Verwaltung straffen, Befugnisse an untere Ebenen delegieren, einen einfacheren Zugang zum Markt gewährleisten, Unternehmertum und Innovationen vorantreiben, gesättigte Sektoren verkleinern und den Verbrauch stimulieren.

Das ist immer eine sehr angenehme Rhetorik der chinesischen Regierung, aber deutsche Firmenvertreter machen andere Erfahrungen. China betrachtet Wirtschaft als Krieg – und den will es gewinnen.

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Unwetter in China

Die Fernsehbilder von dem katastrophalen Erdrutsch  in der Provinz Maoxian haben wohl auch Deutschland erreicht. Es ist rührend, dass sich einige um uns sorgen, weil sie von Unwettern in China gehört oder gelesen haben. Doch China ist groß. (Wenn in Italien ein Erdbeben ist, fällt ja in Hamburg auch kein Ziegel vom Dach.) Tatsächlich kümmert sich bei uns im Norden Chinas niemand darum, was im Süden oder Westen geschieht. Immerhin berichtet die „China Daily“, die sonst nur positive Nachrichten verbreitet, ausführlich über den Erdrutsch im westchinesischen Sichuan. Es stellt dem Land aber kein gutes Zeugnis aus, dass die Helfer nach Verschütteten nicht nur mit Baggern gruben, sondern auch mit bloßen Händen. Noch immer werden mehr als 100 Menschen vermisst,  zehn Tote wurden bestätigt. Rund achtzehn Millionen Kubikmeter Schlamm und Geröll vom Berg Fugui haben das Dorf  Xinmo mit seinen 62 Häusern ausgelöscht. Es regnet dort weiter in Strömen, sodass weitere Katastrophen zu befürchten sind. Die Gegend ist für ihre Erdbeben berüchtigt. 2013 sind 43 Menschen  umgekommen und 118 vermisst.

Die chinesische Zeitung singt ein Loblied auf die mehr als 3000 Helfer, erwähnt aber auch, dass die technische Ausrüstung besser geworden ist. Man setzt jetzt  Sounddetektoren und Drohnen ein. Der Journalist vor Ort Zhang Zhihao beschreibt, wie er selber in eine gefährliche Lage geraten ist, weil der Boden aufgeweicht ist.

Seltsam aus deutscher Sicht mutet an, dass die nationale Regierungsspitze den Rettungsteams Ratschläge gibt. Als ob die nicht vor Ort am besten wüssten, was zu tun ist. Vielleicht ist ein gewisser Paternalismus aber psychologisch wichtig. Man soll spüren, dass die Regierung sich um das Wohl und Wehe kümmert.

Heute  werden drei Experten nach den Konsequenzen gefragt. Der Geologe betont, dass es keinen generellen Schutz in jener Region gibt, man aber durch Vorbeugung mögliche Schäden minimieren kann. Er verlangt ständiges durch Satelliten gestütztes „monitoring“, um rechtzeitig warnen zu können. Der Bergbauingenieur fordert, dass die Baurichtlinien eingehalten werden. Noch immer siedeln zu viele traditionsbestimmt in gefährdeten Regionen. Schließlich betont ein Professor für öffentliche Politik, dass durch die digitale Technologie die Rettungsmannschaften effektiver eingesetzt werden konnten.

Es bleibt eine widersprüchliche Gleichzeitigkeit, wenn einige Regionen unter mächtigen Überschwemmungen und andere unter Trockenheit leiden. China spürt jedenfalls den Klimawandel.

Zur Erinnerung an Benno Ohnesorg

An jedem 2. Juni feiere ich still meinen „zweiten Geburtstag“, denn der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg 1967 hätte auch mich treffen können.  Ich stand ja – wie ein Pressefoto beweist – direkt neben ihn. Es gab später weitere politische Morde und heute so viele Attentate, dass niemand mehr  sich ständig empören kann. Das sinnlose Sterben Benno Ohnesorgs hat aber eine ganze Generation nachhaltig verändert und leitete die kritische Bewegung von „1968“ ein.

Alle zehn Jahre wird seiner gedacht. Heute nach fünfzig Jahren wohl zum letzten Mal. Darum habe ich mich gefreut, dass ich an einem Film mitwirken konnte, den der rbb produziert und ausgestrahlt hat. Die Autorin Margot Overath schrieb mir ins ferne China, dass über eine Million Menschen die Sendung zur späten Stunde gesehen haben. Bis zum 6.6.2017 kann man die Dokumentation noch in der ARD-Mediathek anschauen.

http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Wie-starb-Benno-Ohnesorg/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=43152814

Nur wer mich als bartlosen Jugendlichen kannte, wird mich auf den alten Filmaufnahmen im Gewühl vor der Westberliner Oper, der berüchtigten „Leberwurst“, wiedererkennen. Auf dem entscheidenden Foto  (wenige Sekunden vor dem verhängnisvollen Schuss) bin ich mit meinem alten Sommermantel neben Ohnesorg nur von hinten zu sehen.

Mehrmals wurde ich zu den Prozessen gegen den Todesschützen Kurras nach Berlin geladen, musste aber miterleben, wie sie im Sande verliefen. Es war mir klar, dass die Justiz versagt hatte, aber das Ausmaß dieses Skandals ist mir erst durch diesen Film mit seinem lange verschollenen Material vollends bewusst geworden.

Ich habe nicht geahnt, wie viele wichtige Augenzeugen nicht berücksichtigt wurden. Vor allem wusste ich nicht, dass noch am Schädel des Toten offenkundig manipuliert worden war, um eine Rekonstruktion der Tat unmöglich zu machen. Man kann Otto Schily, der damals als Nebenkläger den Vater Ohnesorgs vertrat, nur zustimmen, dass eine „Vertuschung großen Ausmaßes“  stattgefunden hat.

Teile der Westberliner  Polizei waren  damals eine Art Berufsarmee, die antikommunistisch gedrillt die „Frontstadt“, in der es ja keine Bundeswehr geben durfte, verteidigen sollte. Ich vermute, dass die vorhergehenden Demonstrationen linker Gruppen, bei denen es schon Konfrontationen mit der Polizei gegeben hatte, gewisse Polizeiführer so gereizt hatten, dass sie nun ein Exempel statuieren wollten und deshalb diesen sinnlos übertriebenen Einsatz befahlen. Die berüchtigte Presse des Verlegers Axel Springer hatte schon wochenlang die Bevölkerung gegen die „kommunistischen Studenten“ aufgehetzt. Da durfte es nicht sein, dass einer der Polizisten willkürlich einen unschuldigen Studenten erschossen hatte. Keiner der Verantwortlichen wurde je zur Rechenschaft gezogen. Nur der Regierende Bürgermeister Pastor Heinrich Albertz, der eigentlich am wenigsten schuldig war,  übernahm die politische Verantwortung und trat zurück.

Für mich mit meinen neunzehn Jahren brach das bisherige Bild von der „Polizei, dein Freund und Helfer“ zusammen. Ich studierte zwar auch Philosophie an der Freien Universität, aber hauptsächlich Evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin. Im Rahmen meines Ehrenamts als Sozialreferent im AStA (studentische Selbstverwaltung) nahm ich an Begegnungen mit Polizisten teil, die das Polizeipfarramt organisierte. Ich stellte fest, dass viele Bereitschaftspolizisten, die man auf uns gehetzt hatte, nicht viel älter als wir waren. Ich konnte mich darum nicht mit radikalen Parolen des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) identifizieren, der diese Leute als „Bullenschweine“ eines verhassten Systems beschimpfte und zur (revolutionären) Gewalt aufrief. Mit meiner pazifistischen Position gehörte ich zu einer Minderheit in der Minderheit der Studentenbewegung. Gleichwohl meine ich noch heute, dass dies allein das wichtigste Vermächtnis Benno Ohnesorgs ist, dessen letzte Worte lauteten: „Bitte nicht schießen!“