Archiv für den Monat Juni 2016

Athos – im Film

Als Schüler las ich mit Begeisterung Erhart Kästners „Die Stundentrommel vom heiligen Berg Athos“ (1956). Die Literaturkritik hat das Buch – mit der für Kästner typischen Mischung von Reiseerlebnissen und Reflexionen – als sein gelungenstes Werk bezeichnet. Kästner war 1953 und 1954 zweimal in die tausendjährige unberührte Mönchsrepublik gereist. (Seine andern Griechenlandkenntnisse gehen allerdings auf seinen Einsatz als Wehrmachtspropagandist zurück.) „So gehe ich immerfort über die Klosterhöfe des Athos, uralte Steinplatten, klick-klack … So wandere ich in Nächten, träumend und halbträumend, über die uralten Pflaster-Wege, über Ölberge, durch Strauch-Wälder von Edelkastanien. Gehe über den Höhenrücken der Halbinsel, ihr Rückgrat. In der Tiefe Meeresbuchten, weiße Strandsäume, Glitzerstraßen von Mondlicht. Tiefe Stille. Grillengezirp, dieser geniale Einfall der Stille, sich hörbar zu machen …“

Mit dieser Erinnerung war ich besonders gespannt auf den neuen Film „Athos –Im Jenseits dieser Welt“ – und wurde nicht enttäuscht. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen wechseln sich mit intensiven Eindrücken der Liturgie der Mönche und ihren Einsichten ab. (Wobei ich ihren Gesang nicht besonders erhebend fand.)

Mit Hilfe dreier Athos-Mönche entstand ein noch nie erzähltes Filmtagebuch. Leitmotiv ist der Weg, den wir Menschen finden und gehen müssen – jeder für sich. „Erst müssen wir unsere eigenen Seelen heilen, dann können wir anderen helfen“, ist eine der Kernbotschaften von Galaktion, einem Einsiedler am Heiligen Berg. Doch nicht alle Mönche leben wie er, zurückgezogen und demütig. So öffnet unter anderem auch Epiphanios dem Filmteam seine Türen, der als begnadeter und poetischer Koch den Genüssen des Lebens keinesfalls abgeneigt ist.  Vgl. http://athos-derfilm.de/index.html.

Der Film ist allerdings mehr eine Meditation als eine Dokumentation. Man erfährt wenig über Fakten. Das Territorium misst 43 Kilometer von Nordwest nach Südost und umfasst rund 336 km²; es zählt 2262 (mönchische) Einwohner zuzüglich Verwaltungsangestellten, Polizisten, Geschäftsbesitzern und einer saisonal wechselnden Zahl von zivilen Arbeitern.

Der Heilige Berg Athos ist eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität in Griechenland. Es hätte mich interessiert wie das funktioniert. Erinnere ich  mich doch an knallharte Konflikte aus früheren Zeiten.

Das erste Kloster, die Große Lavra, wurde 963 gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt siedelten auf dem Athos bereits Mönche, die sich an den Vorbildern der asketischen Mönche im Alten Ägypten orientierten. Heute gibt es zwanzig Großklöster, davon sind siebzehn griechisch, eines serbisch, eines bulgarisch und eines russisch. Der Film zeigt nur die Griechen.

Außerdem siedeln an den schwer zugänglichen Hängen des eigentlichen Berges Athos Mönche in Eremitagen, zumeist Kleinstbauten und Höhlen.

Kaum gezeigt werden die Malerwerkstätten des Athos, deren große Tradition der Ikonenmalerei bis ins Hochmittelalter zurückreicht.

Miterleben kann man hingegen im Film die Mühsal des Alltags und der Fortbewegung, die lange nur mit Maultieren möglich war. Im Jahr 1963 wurde zur 1000-Jahr-Feier die erste Schotterstraße zwischen Dafni, dem Hafen von Athos und der Hauptstadt Karyes gebaut. Inzwischen sind alle zwanzig Klöster des Athos an das Straßennetz angeschlossen und werden regelmäßig von Geländewagen oder Bussen angefahren. Die Halbinsel ist nicht für Touristen, jedoch für wenige männliche Pilger zugänglich.

„Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch wieder, durch die Gottesmutter, Maria, sind alle anwesend“, sagt ein Pater Mitrophan. Na ja! Das darf man als Lutheraner wohl kritisch sehen. Selbst weibliche Haustiere, außer Katzen,  sind angeblich von dem Verbot betroffen.

Viele Fragen bleiben im Film (und wohl auch in der Realität) offen. Ich kann die Weltflucht des Einzelnen, vor allem auf Zeit,  akzeptieren. Nicht zustimmen kann ich einer Theologie, die „die Welt“ von vornherein als Gegensatz zu „Gott“ versteht. Kann ich nicht Gott gerade darin lieben, dass ich die Welt liebe und mich für ihre positive Entwicklung einsetze? Jesus, Paulus und die ersten Apostel waren jedenfalls keine Mönche. Der eingangs erwähnte Kästner berichtet sogar von einer im Athos beliebten christlichen Erzählung, die unwissentlich aber eindeutig aus dem Buddhismus übernommen ist. Ich vermute, der ganze Ursprung des Mönchtums liegt dort.

 

Eine-Welt-Tag

Kürzlich rief mich jemand an, der eine Grundschule in Tansania fördern möchte. Ob nicht eine Kirchengemeinde dafür eine Kollekte geben könnte. Nun bin ich nicht mehr im aktiven Gemeindedienst, weiß aber, dass solche Anfragen nicht sehr willkommen sind. Der Kollektenplan ist in der Regel durch Synode und Kirchengemeinderat langfristig festgelegt. Unter den Empfängern sind überproportional viele Organisationen, die sich karitativ international engagieren: kirchliche Hilfswerke, Diakonie, Missionsgesellschaften, Netzwerke usw. Immer öfter wollen sich Menschen aber direkt engagieren und misstrauen dem „großen Topf“. Dabei vergessen sie, dass eine erfahrene Organisation nicht nur für ordentliche Abrechnungen sorgt, sondern auch eine langfristige Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht. Meistens werden bei privaten Projekten die interkulturellen Schwierigkeiten unterschätzt und Enttäuschungen sind die Folge. Viele  kirchliche Hiofswerke werben nicht nur Spenden, sondern hoffen auch auf Mitarbeit und laden ausdrücklich dazu ein.

Eine solche Einrichtung feierte gestern ihr Jahresfest, „Eine-Welt-Tag“ (früher Missionsfest) genannt. Das DIFAEM (Deutsches Institut für ärztliche Mission) feierte darüber hinaus das hundertjährige Bestehen ihrer Tropenklinik „Paul-Lechler-Krankenhaus“. Die Tübinger wissen natürlich, was sie diesem zu verdanken haben. Wenige aber wissen, dass das „Institut“ DIFAEM nicht nur als „Träger“ fungiert, sondern fast die gesamte medizinische Arbeit der Kirchen weltweit berät und unterstützt. Zu meiner aktiven Zeit war es konzentriert auf die HIV-Epidemie und maßgeblich am „Bündnis gegen Aids“ beteiligt.

In jüngster Zeit hat es sich vor allem in Westafrika gegen Ebola engagiert. Darum ging es vor allem in den nachmittäglichen Vorträgen. Zwar ist diese Epidemie abgeklungen, aber längst nicht „besiegt“. Patricia Kamara von der Christian Health Association“ (CHAL)  aus Liberia informierte, wie man das desolate Gesundheitssystem wieder aufbauen kann.

Nach fast zwei Jahren, ist die Ebola Epidemie in West Afrika fast besiegt. Doch die Angst vor Ebola sitzt vor allem bei den Mitarbeitenden in Gesundheitseinrichtungen tief. Die Fachkräfte brauchen daher Unterstützung und auch die Überlebenden müssen psycho-sozial versorgt werden. Das DIFÄM unterstützt seine lokalen Partner dabei, die Gesundheitsversorgung in Liberia und Sierra Leone langfristig wieder aufzubauen, um erneute Epidemien zu verhindern.

Vgl. http://difaem.de/laender/projektdetail/news/aufbau-der-gesundheitsdienste.

Mein Freund Albert Petersen, Leiter der Arzneimittelhilfe des DIFAEM, informierte über die Schwierigkeiten der Medikamentenversorgung. Er hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Verfügbarkeit in den Einrichtungen der Partner zu steigern und ihr Personal in der Dosierung, Lagerung und Qualitätsprüfung zu schulen. Zum anderen helfen die DIFAEM-Leute mit, dass diese Präparate und Produkte in den kirchlichen Zentralapotheken immer, günstig und in guter Qualität zur Verfügung stehen.

Als ich 1969 nach Tübingen kam, war ich erstaunt, dass unter dem Titel Mission ein Arzt sich für afrikanische Befreiungsbewegungen stark machte. So viel Progressivität hatte ich nicht erwartet. Als Studentenpfarrer habe ich mich später dafür eingesetzt, dass Theologie- und Medizinstudenten die globalen Erfahrungen dieses Werks nutzen. Darum freut es mich als Mitglied, dass auch heute Studenten und andere junge Leute die Arbeit unterstützen. Man kann sich – wie die reichhaltige Öffentlichkeitsarbeit zeigt – auf vielen Gebieten beteiligen. Man muß „das Rad nicht neu erfinden“.

Brexit

Der britische Soziologe Colin Crouch diagnostizierte unter dem Stichwort „Postdemokratie“ schon vor zwanzig  Jahren eine Aushöhlung der Demokratie – zugunsten einflussreicher Wirtschaftsführer. Vor etwa 400 Zuhörern im Audimax der Uni Tübingen sprach er am 21. Juni auch über Brexit- Hintergründe.

Da war doch etwas? Richtig! Wir haben seinerzeit in einer Mitarbeiterklausur der Evangelischen Akademie Bad Boll über sein Buch “Postdemokratie“ (Suhrkamp Verlag 2008) diskutiert. Es ist leider etwas in Vergessenheit geraten, dass diese Akademie gegründet wurde, um einen Beitrag der Evangelischen Kirche zur Demokratisierung Deutschlands zu leisten. Angesichts heutiger Politikmüdigkeit in Kirche und Gesellschaft allgemein möchte ich an sein Fazit erinnern: 1. In den neuen sozialen Bewegungen und Medien liegt ein Potential für eine Vitalisierung der Demokratie. 2. Wir sollten den Einfluss der Lobbys etablierter und neuer Bewegungen nutzen, „da postdemokratische Politik nun einmal über Lobbys funktioniert. Auch wenn es immer schwierig sein wird, egalitaristische  Anliegen gegen die mächtigen Interessen der Wirtschaft durchzusetzen.“ 3. “ Wir müssen – kritisch und keinesfalls bedingungslos – weiterhin auf die Parteien setzen, da keine ihrer postdemokratischen Alternativen ein vergleichbar großes Potential bietet, das Ziel der politischen und sozialen Gleichheit durchzusetzen.“ S.156

Natürlich wurde er bei der Tübinger Veranstaltung auch zur Brexit-Abstimmung gefragt. Seine Antwort: „Wenn eine mittlere europäische Macht glaubt, sie könne für sich bestehen aufgrund der imperialen Vergangenheit, dann ist das romantisch.“

Auf der andern Seite muss man die Gleichsetzung von EU und Europa bestreiten. Als Ehemann einer Schweizerin ärgert mich das schon lange. Die Schweiz hat übrigens weitgehend unkommentiert erst vor kurzer Zeit ihren (ruhenden) EU-Mitgliedsantrag zurückgezogen. Keiner der Brüsseler Bürokraten hat das kommentiert. Denn denen geht es allen schönen Reden zum Trotz weniger um „gemeinsame Werte“, sondern um wirtschaftliche Macht.

Eine Ursache für wachsende und für die Demokratie gefährliche Ungleichheit sieht Colin Crouch als Folge der Änderungen der Steuersysteme zugunsten der Reichen. Es ist ein schlechter Witz, wenn Nationalisten diese Entwicklung ausnutzen, um weitere Deregulierungen zu fordern.

Und die Kirchen? Die einen sehnen sich nach dem angeblich christlichen Abendland, andere sind selber Nationalisten und nur wenige bauen an einer ökumenischen Zukunft. Vielleicht ist die Idee eines Europäischen Kirchentags ein Lichtblick. Vielleicht können wir an die großen Ökumenischen Versammlungen früherer Zeiten anknüpfen.

Der Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Christopher Hill, hat die Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt ihres Landes tjedenfalls bedauert. Der Brite Hill erklärte laut einer Mitteilung der KEK in Brüssel, er bkritisiere zudem die Art und Weise, wie die „Brexit“-Kampagne geführt worden sei. Hill, ein Geistlicher der Kirche von England, beklagte, dass die Kampagne der EU-Gegner zuweilen hysterische Züge angenommen habe.

So seien beim Thema Migration die Fakten oft ausgeblendet worden. Die Konferenz Europäischer Kirchen werde weiter das Forum sein, in dem sich die britischen Christen einbringen können.

 

 

 

 

 

Naziverbrechen ohne Strafe

Der Roman „Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach, im Hauptberuf Strafverteidiger,  ist fünf Jahre alt. Ich lese ihn nur, weil meine Frau mich um meine Meinung bittet. Ihr hat er nicht gefallen. Ich aber bin fasziniert. Ich lese ihn in einem Rutsch. Worum es geht laut Klappentext:

„Vierunddreißig Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es scheint. Der junge Anwalt Caspar Leinen bekommt die Pflichtverteidigung in diesem Fall zugewiesen. Was für ihn zunächst wie eine vielversprechende Karrierechance aussieht, wird zu einem Alptraum, als er erfährt, wer das Mordopfer ist: Der Tote, ein angesehener deutscher Industrieller, ist der Großvater seines besten Freundes. In Leinens Erinnerung ein freundlicher, warmherziger Mensch. Wieder und wieder versucht er die Tat zu verstehen. Vergeblich, denn Collini gesteht zwar den Mord, aber zu seinem Motiv schweigt er. Und so muss Leinen einen Mann verteidigen, der nicht verteidigt werden will.“

Aus dem „Fall Collini“ wird im Krimi-mäßig erzählten Prozess ein „Fall Meyer“, so heißt das Mordopfer. Es stellt sich heraus, dass dieser als SS-Mann in Italien den Vater Collini als Geisel erschossen hat. Parallel zum Prozess läuft wie in einem Film die Geschichte der Partisanenbekämpfung im Zweiten Weltkrieg.  Und man fragt sich, warum diese Kriegsverbrecher in Deutschland nie verurteilt wurden. Und nun wird das Ganze zum „Fall Dreher“. Dreher Who? Nie gehört.

Im Zentrum steht ein Bundesgesetz von 1969, mit dem es dem Juristen Ernst Dreher, einem früheren NS-Richter, gelang, sämtliche Nazi-Verbrechen verjähren zu lassen, indem sie als Mittäter eingestuft werden konnten. Ein schlechter Witz: Auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte amnestierte der Bundestag Nazi-Verbrecher! Und zunächst hat es keiner gemerkt.

von Schirach in einem Interview der ZEIT: „Historiker nennen das die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen… Es wurden ja zur gleichen Zeit die bis dahin umfangreichsten Ermittlungen gegen die Täter des »Dritten Reiches« geführt, das Verfahren gegen das Reichssicherheitshauptamt. Elf Staatsanwälte, 150.000 Aktenordner, ein Riesenverfahren, und draußen die Studentenproteste. Und was geschieht im Justizministerium? Da schreibt der Leiter der Strafrechtsabteilung Eduard Dreher ein Gesetz mit dem harmlosen Namen Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz, kurz EGOWiG. Im Bundestag kapiert das niemand, es wird darüber nicht einmal debattiert. Damit konnte das Reichssicherheitshauptamtverfahren eingestellt werden… Zunächst muss man wissen: Die Rechtsprechung der Bundesrepublik folgt nach 1945 absurderweise dem Führerprinzip. Nur die höchste Führung der Nazis wie Hitler, Göring oder Himmler wurden als Mörder angesehen, alle anderen als Gehilfen. Das allein ist schon eine Konstruktion am Rande des Wahnsinns. Mit dem Dreher-Gesetz aber wurde festgelegt, dass bestimmte Mordgehilfen nur wie Totschläger und nicht wie Mörder zu bestrafen sind. Und das hieß, dass ihre Taten mit einem Schlag verjährt waren. … Wenn eine Straftat einmal verjährt ist, kann das im Grunde nie wieder rückgängig gemacht werden.“

Der Roman liest sich flott, auch wenn die Sprache manchmal künstlich an Hemingway erinnert, der auch den Leitspruch geliefert hat: „Wir sind wohl alle für das geschaffen, was wir tun.“

Mich wundert, dass das Buch noch nicht verfilmt worden ist. Es schreit geradezu danach.

 

 

Vertreibung in Tansania

Eine der ersten entwicklungspolitischen Aktionen, in denen ich mich Anfang der siebziger Jahre engagierte, hieß „Nestle tötet Babys“. Damals wurde mir klar, wie rücksichtslos Großkonzerne ihre Profitinteressen durchsetzen. Ich arbeitete später vier Jahre in Tansania und konnte die Auswirkungen vor Ort studieren. Jetzt bereite ich wieder eine Reise dorthin vor, weshalb mir eine Meldung der „Tagesschau“ gestern besonders übel aufgestoßen ist.

„Die Weltbank setzt für ein Projekt in Tansania ihre eigenen Regeln außer Kraft: Ureinwohner müssen weichen. Trotz Kritik von Menschenrechtlern und US-Regierung stimmte die Bundesregierung im Direktorium zu. Man wisse nichts von Vertreibungen.

Die Angst geht um  im Süden Tansanias. Bald soll es wieder zu Vertreibungen kommen. Die Ureinwohner vom Volk der Barabaig und der Massai haben es schon erlebt: Mindestens 5000 Menschen mussten ihr Land bisher verlassen. Es kam zu Menschenrechtsverletzungen und Landkonflikten mit der Regierung.“

In einem Gebiet so groß wie Italien sollen Agrarinvestitionen unter anderem von Nestlé, Unilever und Bayer das Land in eine riesige Produktionsfläche verwandeln.

Ungeheuerlich findet das Edward Loure. Tansania habe schon verschiedene internationale Verträge unterschrieben, die die Rechte von Indigenen hier im Land schützten. „Es akzeptierte also die Rechte von Indigenen, als sie Geld wollten“, wettert der tansanische Menschenrechtler, „aber wenn es – wie hier – um Bauern und Landwirtschaft geht, dann ist ihm das egal.“

Schon vor Projektbeginn wurden nach Berichten lokaler Hirten und Menschenrechtsorganisationen aber mindestens 5000 Ureinwohner vertrieben oder ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Bei Aktionen auch staatlicher tansanischer Kräfte sei es außerdem zu Todesfällen, Vergewaltigungen und anderen Menschenrechtsverletzungen gekommen. Die Landkonflikte wurden in den vergangenen Jahren durch Studien des katholischen Hilfswerks Misereor und der Indigenen-Organisation IWGIA sowie durch ein Gutachten der tansanischen Regierung dokumentiert.

Die deutsche Vertreterin im Weltbankdirektorium stimmte deshalb nach Angaben eines Ministeriumssprechers bei der Bewilligung des Kredits im März für die Aussetzung der Schutzregeln, obwohl die Bundesregierung grundsätzlich gegen solche Ausnahmen sei. Sogar die US-Regierung enthielt sich der Stimme und nannte es „nicht überzeugend“, dass die Weltbank einen „bedauerlichen Präzedenzfall“ schaffe.

Die Lebensgrundlage vieler Ureinwohner könnte zerstört werden.

„Oxfam“ spricht von einer „Ausnahmeregelung durch die Hintertür“, die deutsche Menschenrechtsorganisation „Urgewald“ von einer „bedenklichen“ Entscheidung. „Das scheint ein Weg zu werden, wie man zwar auf dem Papier diese Standards beibehält, aber sie immer, wenn es opportun erscheint, einfach außer Kraft setzt, sobald sich irgendein Staat gegen die Anwendung wehrt“, sagte der Urgewald-Weltbankexperte Knud Vöcking und warf der Bundesregierung Doppelzüngigkeit vor.

Die Weltbank ist die größte Entwicklungsinstitution weltweit. Vergangenes Jahr vergab die UN-Sonderorganisation Kredite in Höhe von über 60 Milliarden Dollar. Im Sommer sollen neue Umwelt- und Sozialstandards der Weltbank vorgelegt werden. Die Regel zum besonderen Schutz indigener Gruppen ist im letzten Entwurf noch enthalten.

Ein Kommentator schrieb: „Man kann das ungeheuerlich finden. Man könnte das aber auch als aktive Unterstützung eines Völkermordes zum Wohle transnationaler Unternehmen werten.“

Man kann nur hoffen, dass die erwähnten Menschenrechtsorganisationen eine Kampagne starten, die ähnlich erfolgreich ist wie damals „Nestle tötet Babys“. Warum sollten sich nicht auch Kirchen  engagieren? Schließlich haben schon die ersten Missionare, wie etwa die Herrnhuter, seinerzeit die Rechte der Einheimischen gegen die Kolonialverwaltung verteidigt.

Elisabeth Moltmann-Wendel

Ich komme gerade von der Trauerfeier für Elisabeth Moltmann-Wendel – gestorben am 7. Juni im Alter von 89 Jahren. Die Berliner Pfarrerin Susanne Kahl-Passoth hat sie in einer sehr persönlichen Predigt über Jesaja 35,10 („Und ewige Freude wird über ihrem Haupte sein“) eindrucksvoll gewürdigt.

Die aus Herne stammende protestantische Wissenschaftlerin wurde bekannt als Autorin zahlreicher Bücher und Studien zu den Themen Frauen und feministische Theologie. Sie studierte nach dem Krieg in Berlin und Göttingen evangelische Theologie. 1951 promovierte sie mit einer Arbeit über den niederländischen Theologen Hermann Friedrich Kohlbrügge. In jener Zeit wurden Theologinnen noch nicht als Pastorinnen ordiniert. So teilte sie das Schicksal ihrer Generation, die sich ihre Emanzipation teils mühsam erkämpfen musste. Seit 1952 war sie mit dem evangelischen Theologen Jürgen Moltmann verheiratet. Solange ihre vier Töchter heranwuchsen konzentrierte sie sich zunächst vor allem auf die Familie und verzichtete auf eine durchaus denkbare Universitätskarriere. Sehr einfühlsam aus persönlicher Kenntnis der Familie schilderte Frau Kahl-Passoth, wie sie sich um die Erziehung der Töchter und später als Großmutter um die Enkel kümmerte.

Als diese Lebensphase erwähnt wurde, erinnerte ich mich, dass ich als Schüler keine  Pastorin und in meinem ganzen Studium nicht eine einzige Theologieprofessorin erlebt habe.

Wenig wurde von ihren zahlreichen Veröffentlichungen gesprochen. Moltmann-Wendel hat u.a. geschrieben: „Wenn Gott und Körper sich begegnen“, „Als Frau und Mann von Gott reden“ mit Jürgen Moltmann. Sie ist Mitherausgeberin des „Wörterbuches der Feministischen Theologie“.

Mich haben am meisten beeindruckt neben ihren Bibelarbeiten auf Kirchentagen: „Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus“, „Das Land, wo Milch und Honig fließt“ und  „Mein Körper bin ich.“

Da die Universität ihr verschlossen blieb, wirkte sie vor allem als viel gefragte Referentin. In dieser Rolle war sie öfter in der Evangelischen Akademie Bad Boll zu Gast, die zeitweise ein Zentrum feministischer Theologie war.

Mit ihren Thesen zu einem frauenorientierten Abendmahlsverständnis hatte Moltmann-Wendel Mitte der 90er Jahre eine Kontroverse weit über die württembergische Landeskirche hinaus ausgelöst.

In der Predigt wurde mit Recht erwähnt, dass Kritik nicht nur von Männern kann, sondern (oft verletzend) auch von Frauen. Sie selber konnte aber auch hart urteilen. Als Beispiel erinnere ich ihre scharfe Kritik an der „Bibel in gerechter Sprache“.

Dennoch haben ihr viele zu danken für einen weiblichen Blick auf die christliche Tradition. Ihr Feminismus befreit auch die Männer. Mann lese nur in „Mein Körper bin Ich“ das Kapitel über Männerkörper (S.33 ff.)

So möchte ich sie selbst abschließend zitieren: „„Habt keine Angst“, „Fürchtet euch nicht“ – das ist die Botschaft, die am Anfang der Menschwerdung, der Körperwerdung Gottes steht und die auch unser Mensch-Werden begleiten kann. Sie ist auch die Botschaft der Auferstehung am Ostermorgen, die Botschaft der Hoffnung, dass alles, was ist, nicht von der liebe Gottes getrennt werden kann, kein Grashalm, kein Mensch, kein Tier… Das ewige Leben beginnt hier in uns mit unseren Körpern, die der Trennungsangst begegnen können. Es ist nicht der Sprung in eine andere Welt, sondern die Heilung unserer Welt… Dann kann der Weg  in den dunklen Raum angstfreier gegangen werden. Was dann und ob etwas danach kommt, wissen wir nicht. Aber wir können geöffnet bleiben für neue Erfahrungen. Noch bleiben uns die Geheimnisse eines Jenseits verschlossen…“ Moltmann-Wendel, Mein Körper bin ich, 1994, S.103.

Eine große Gemeinde nahm in der Tübinger Stiftskirche von ihr Abschied. Allerdings hätte ich mehr Kolleginnen erwartet. Für sie sprach Kirchenrätin Carmen Rivuzumwami die Lesungen und  Gebete. Ingo Bredenbach begleitete an der Orgel den Gesang von Christine Reber (Anton Dvorak, „Psalm 23“und  Johann Sebastian Bach, „Jesus bleibet meine Freude“).

 

 

Fahnen im Fußball

Hin und wieder schaue ich mir im Fernsehen gern ein Fußballspiel an. Manchmal stelle ich den Ton ab, wenn mir der Kommentator auf die Nerven geht. Das stundenlange Geschwätz vor- und nachher lasse ich aus. Die Ausweitung der „Berichterstattung“ – in Wirklichkeit ist es Unterhaltung für Arbeitslose – sehe ich kritisch. Zum Glück gibt es notfalls andere Sender. Dass allerdings in den einst seriösen Nachrichten ich mir Bilder vom Training anschauen soll, ist – besonders im ZDF-„Heute“-  eine Zumutung. „Fan-Artikel“ kaufe ich nicht, mein Haus schmückt keine Fahne. Ich beobachte, dass uns aber zunehmend „schwarz-rot-gold“ umgibt. Meinetwegen. „Brot und Spiele“ boten schon die alten Römer, um das Volk ruhig zu halten.

Meine Generation hat wenig Lust auf Fahnen. Bei Fahrten zu meiner Schwiegerfamilie in die Schweiz amüsierte ich mich über die Schweizer Fahnen in vielen Vorgärten. Ist halt ein kleines Land. Als wir in Afrika arbeiteten, schmückte mein dänischer Nachbar Auto, Wohnung und Geburtstagskuchen mit seinen Landesfähnchen. Ist auch ein kleines Land.  Wir haben gelacht. Irgendwann fragten mich meine Kinder, warum wir keine haben. In meiner Erinnerung verstärkte sich die Frage vor zehn  Jahren bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Da wollte man ja nun nicht nur türkische Fahnen sehen.

Jetzt hat die „Grüne Jugend“ sich Ärger eingehandelt. Sie schreiben: „Ja, wir sind keine PatriotInnen. Uns sind andere Dinge einfach wichtiger als Deutschland: Individuelle Freiheiten, soziale Rechte oder die Frage, ob auch die nachfolgenden Generationen noch auf diesem Planeten leben können…“
Sie bemühen die Wissenschaft: „Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer hat vor und nach der Weltmeisterschaft  in Deutschland im Jahre 2006 Menschen befragt und festgestellt, dass Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit während der Weltmeisterschaft angestiegen waren.“
Sie weisen auf die deutsche Geschichte hin: „Diese Verbindung ist nichts neues. Schon im 19. Jahrhundert war der deutsche Nationalismus kriegerisch, antisemitisch und sexistisch. Von Turnvater Jahn, 1848 Abgeordneter in der Paulskirche, nach dem in jeder deutschen Stadt die Straße neben der Turnhalle benannt ist, ist überliefert, dass er gesagt hat: “Franzosen, Polen, Junker, Pfaffen und Juden sind Deutschlands Unglück.” – Einen Satz, in dem für den heutigen Leser klar schon Verdun und Auschwitz mitschwingen. Die beiden Weltkriege, der Nationalsozialismus, die Shoah und die Kontinuitäten zwischen NS-Regime und BRD sind so gesehen keine Ausnahme, sondern ein Teil des Ganzen.
Unser Anti-Patriotismus besteht in vollem Bewusstsein der Geschichte der Schwarz-Rot-Goldenen Flagge. Uns ist dabei auch bewusst, dass sie im Dritten Reich verboten war. Wir verweigern uns dieser nationalen Symbolik, weil wir uns jeglicher nationalen Symbolik verweigern. Wir wollen das Konzept des Nationalstaats überwinden. Das heißt: Wir lehnen es auch ab, türkische oder polnische oder irgendwelche anderen PatriotInnen zu sein und wir fühlen uns wohl mit FreundInnen aus allen Ländern, die auch keine PatriotInnen sind, weil ihnen andere Dinge viel wichtiger sind.“

Ich möchte daran erinnern, dass das Christentum keine Stammesreligion ist. Auch keine Nationalreligion, obwohl die Organisation in Landeskirchen diesen Eindruck erwecken könnte. Dennoch glaube ich, dass Christen zunächst ihr eigenes Land als Arbeitsplatz haben. Nur zuhause kann man einem das Mitbestimmungsrecht nicht verweigern. Im Ausland hat man immer einen Gaststatus. „Denke global und handle lokal“ ist eine gute ökumenische Devise. Ich misstraue Christen, die auf allen internationalen Konferenzen herumturnen, aber sich in der eigenen Gemeinde nicht blicken lassen. Man kann sein Land lieben und Patriot sein ohne andere abzuwerten. Nationalisten allerdings hassen alle andern. Nationalismus ist eine antichristliche Religion selbst wenn er leider oft genug in Kirchen  zuhause ist.

Bleibt eine Frage: Wo kriege ich hier eine Schweizer Fahne her?

 

Salz und Licht der Erde

Das hat es lange nicht gegeben in der evang.-theologischen Fakultät: Die „Fachschaft“ – eine Vertretung der Studenten – veranstaltet einen Studientag zum Thema Mission. Und der Hörsaal ist an diesem seltenen Sonnentag überraschend voll. Frauen überwiegen, aber zu Wort melden sich eher die Männer. Der Dekan kann als Kirchengeschichtler nicht anders als in seinem „Grußwort“ bei der fränkischen Mission im 8. Jahrhundert zu beginnen, wobei er Karl I. bewusst nicht „den Großen“ nennt. In meiner norddeutschen Heimat hieß er lange nur „Karl der Sachsenschlächter“. Mit einer solchen „Mission“ (Taufe oder Hinrichtung) will wohl schon lange keiner mehr etwas zu tun haben. Die Evangelische Kirche hat darum nach der Reformation Begriff und Praxis vermieden und eben nicht „missioniert“. Erst die Handwerker der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeine begannen im 18. Jahrhundert eine „Äußere Mission“, weil sie vom Leid der Sklaven in der Karibik und anderswo angerührt waren.

Mich interessiert eigentlich nur der Vortrag von Theo Sundermeier, den ich als hervorragenden Missionswissenschaftler schätze, zumal er in jüngeren Jahren selber im südlichen Afrika gearbeitet hat.

Er begründet biblisch die Mission nicht durch den sogenannten Missionsbefehl, sondern mit der Bergpredigt Jesu. Damit ist die missionarische Pflicht begründet. Man kann nicht Licht sein, ohne dass es strahlt, so wie Salz auf einem Haufen nichts nützt. Das Ausstrahlen gehört zum Sein der Kirche. Ob es verbalisiert wird, ist weniger wichtig. Das eigene Handeln muss ausstrahlen.

Matthäus 5,13-16

„Salz und Licht: 13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. 16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

Diese Verse können als Gründungsmoment der Kirche gesehen werden.

Kulturanthropologisch sieht er drei Grundmodelle, wie man mit fremden Kulturen umgeht:

  1. Alteritätsmodell: „Der Andere ist ein Barbar.“ Diese Haltung ist in allen Kulturen weit verbreitet, gewissermaßen ein problematisches Menschheitserbe. Die Kirche war aber von Anfang an eine Gemeinschaft von „Juden und Heiden“.
  2. Gleichheitsmodell: Es gibt keine Fremde, es gibt keine Differenzen, das Fremde ist nur das Fremde in mir selbst. Unterschiede werden ignoriert, der Andere nach dem eigenen Muster gesehen. Die Folge sind oft Enttäuschungen, wenn die Unterschiede doch sich unangenehm bemerkbar machen. Fremdheit wird nicht durch Umarmungen oder Suchen nach Ähnlichkeiten und Gleichheiten überwunden. Eine Hermeneutik der Anerkennung ist notwendig. Eine Anerkennung des Anderen mit der gleichen Würde wie ich selbst ist wichtig, um mit Differenzen umgehen zu können.
  3. Komplementärmodell/Händlermodell: Jede Kultur lebt davon, Handel mit anderen Kulturen zu treiben. Hierfür werden die Händler akzeptiert, man nimmt sie auf, da man eine Gegenleistung und einen Mehrwert erwartet. Dies ist vermutlich die gegenwärtige Grundhaltung gegenüber den Migranten. Für eine christliche Haltung gegenüber dem Fremden reicht das aber nicht aus.

Den zweiten Hauptvortrag hielt Heinzpeter Hempelmann über “Christliche Wahrheit? Kommunikation des Evangeliums in einer mental fragmentierten Gesellschaft“. In höchst abstrakter Form setzte er sich mit den drei gegenwärtigen Basis-Mentalitäten (mindsets) und ihren Wahrheitsbegriffen auseinander. (1.Prämodern-traditionsorientiert, 2.modern-kritisch, 3.postmodern-pluralistisch.) Er hat sich dazu ausführlich in seinem Buch „Prämodern, Modern, Postmodern. Warum „ticken“ Menschen so unterschiedlich?“, 2013 geäußert.

Ich gestehe: Ich kann mit solch abstrakten Wahrheitsbegriffen nicht viel anfangen. Wahrheit ist konkret und darum so vielgestaltig, dass man besser von Wahrheiten spricht. Die Rede von einer „christlichen Wahrheit“ ist meistens autoritär und meist nach kurzer Zeit schon historisch relativiert.

 

Am Nachmittag sprachen noch Riley Edwards-Raudonat (Evangelische Mission in Solidarität, EMS) mit der Empfehlung „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ Martin Buber (EMS, Theologische Orientierung, Nr. 6)

Bold humility „Mutige Demut“ David Bosch, (EMS, Theologische Orientierung, Nr. 9).

 

Ferner Gregor Mathee (Studienhaus Greifswald) und Hugo Greevers (Lutherisches Begegnungshaus „Die Brücke“ Leipzig.

 

Mir fielen im Hörsaal viele T-shirts mit der Aufschrift ISSO (für: Ist so)  auf. Offenbar sind das Studenten, die in Tübingen zur missionarischen Praxis übergehen. https://www.facebook.com/issotuebingen/?fref=ts.

Wie heißt es in der Tübinger Bauernoper? „Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten’s besser aus.“

 

 

 

 

 

Evangelische Minderheiten

Die Evangelischen in Rottenburg am Neckar waren einmal eine Minderheit in der katholischen Bischofsstadt. Heute kann man über 6000 Mitglieder schlecht so nennen. Doch aus eigener Erfahrung schlägt bei vielen das Herz für evangelische Minoritäten in aller Welt. Das Hilfswerk, das sich seit 1832  für diese einsetzt, nennt sich nach dem Schwedenkönig Gustav Adolf, abgekürzt GAW. Das GAW Württemberg beging an diesem Wochenende sein Jahresfest. Vgl. http://www.gaw-wue.de/was-wir-tun/jahresfeste-gaw-tage/2016-rottenburg/#c469693.

Was offiziell von Prominenten vorgetragen wird, findet meistens in den Medien Beachtung. Interessanter finde ich die Begegnungen und Gespräche mit engagierten Christen aus aller Welt, die ein solches Fest ermöglicht. Wenn auch die Kirchen und Gemeinden oft klein und arm sind, so ist doch erstaunlich, was sie bewegen können.

Gefreut habe ich mich, dass viele junge Leute teilgenommen haben, die teils nach Schule oder Studium ein Jahr oder länger in solchen Gemeinden in Osteuropa oder Lateinamerika mitarbeiten wollen. Aber auch die offiziellen Gäste,  insbesondere Frauen, hatten einiges zu bieten. So imponierte mir eine Kollegin aus Polen, der man nach erfolgreichem Theologiestudium die Ordination zur Pastorin verweigerte. Sie folgte den vielen polnischen Migranten nach Großbritannien, die sie nun als ordinierte Pastorin der dortigen lutherischen (!)  Kirche seelsorgerlich betreut. Die Kirche, von deren Existenz neben der anglikanischen ich nichts wusste,  kann allerdings ihre hauptamtlichen Mitarbeiter nicht ausreichend bezahlen, sodass alle noch einem „Brotberuf“ nachgehen müssen.

Eine junge Frau aus Ungarn erzählte von den Jugendlagern, die sie für ihre lutherische Kirche in Budapest organisiert. Ich hielt sie für eine Theologiestudentin, aber sie entpuppte sich als Kriminalpolizistin.

Wir hatten die evangelische Pfarrerin von Thessaloniki bei uns zuhause als Übernachtungsgast. Sie hielt am Sonntag wie viele andere Gäste in den umliegenden Kirchen die Predigt (mit Nachgespräch) und sagte u.a.: „Als Pfarrerin der Ev. Kirche deutscher Sprache in Nord- und Mittelgriechenland sehe ich die Situation der Flüchtlinge doppelt schwierig: sie sitzen in einem Land fest, in dem sie nicht bleiben wollen; und dieses Land ist völlig überfordert, sich um diese Menschen zu kümmern, wie sie es brauchen. Die Schlamm- und Matschbilder von Idomeni sind um die ganze Welt gegangen. Und neu entbrennt die Frage: was ist menschenwürdiges Leben, was macht aus einer Unterkunft ein Zuhause? Unsere Sprache ist deutlich: Wir sprechen nämlich von „Lagern“, von „Auffanglagern“, von „Hot-Spots“, von „Camps“ und „Zeltstadt“. Ob wir nun die Deutsche Sprache oder die Englischen Begriffe benutzen, ob wir Wörter dafür neu erfinden oder umfüllen, sie sagen doch alle das gleiche: Orte des Übergangs! Und nicht nur der Name spricht! Auch die Orte sind sprechend. Das Auffanglager Diavata befindet sich direkt neben dem Gefängnis. Das Lager „Limani“ ist auf dem Hafengelände für Gütertransport der Stadt Thessaloniki und die Flüchtlinge bei Kavala sind in einer Zeltstadt untergebracht, in sicherer Entfernung zur City. Auch mit der Wahl der Orte kann man sagen: Wir wollen euch nicht! Ihr gehört nicht dazu!

Als Evangelische Kirche deutscher Sprache versuchen wir mit unseren Möglichkeiten zu helfen. Unsere Hilfe gilt allen Menschen, denen wir begegnen. Und so laden wir alle an unseren Mittagstisch zu einer warmen Mahlzeit mit Begegnungen und Gesprächen. Wir laden alle ein, unseren Second-Hand-Laden zu besuchen, um sich dort gut und günstig einzukleiden. Und genauso sind wir nun dabei, ein Wohnprojekt umzusetzen, um Menschen aus den Zelten herauszuholen und ein Zuhause zu geben. Dabei haben wir die besonders Schutzbedürftigen im Blick: junge Mütter mit ihren kleinen Kindern. Aus diesem Grund suchen wir nun innerhalb Thessalonikis eine große Wohnung oder ein Haus, das wir anmieten und entsprechend umbauen können. Auch wenn wir nur drei bis vier kleine Familien unterbringen können, ist es das, was wir geben können.

Wie schwierig sich das nun gestaltet, spüren wir jetzt. Man sollte meinen, dass es in der zweitgrößten Stadt in Griechenland genügend Wohnraum gibt, ja, sogar mehr als gebraucht wird. Doch wenn es für Fremde sein soll, für Frauen und Kinder aus Syrien, Afghanistan, aus dem Irak, dann bleiben auf einmal die Türen verschlossen. Dann zählt die Meinung der Nachbarn, das Gewicht der Vorurteile, die Angst vor dem Fremden mehr als die garantierte Miete jeden Monat auf der Hand. Dann bleiben Gräben tief und Mauern hoch, die Trennwände trennen und der Zaun steht fest – es gibt die Fern-sind und die Nahen.“

Die vollständige Predigt kann man nachlesen unter http://www.predigten.uni-goettingen.de/predigt.php?id=6508.

Der GAW-Projektkatalog 2016 mit seinen 326 Seiten ist eine aufschlussreiche Lektüre, denn er zeigt, wofür das gespendete Geld gegeben wird und mit welchen Problemen die Kirchen in der Diaspora zu kämpfen haben. Dass allerdings die Evangelische Gemeinde in Oberammergau auch 4000 € für ihr Kirchengebäude beantragt, verstehe ich nicht. So arm ist die Bayrische Landeskirche ja nun nicht.

 

 

Armenien-Genozid

Erst spät habe ich mich mit Armenien und seiner Geschichte beschäftigt. Bei der Expo 2000 in Hannover besuchte ich den Pavillon Armenien. Mich interessierte weniger die Tourismus-Werbung oder die politischen Schautafeln. Mich elektrisierte ein Zitat von Adolf Hitler „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Hitler hoffte vor dem Krieg, dass der geplante Völkermord an den Juden ebenfalls in Vergessenheit geraten würde und erinnerte an die Massaker 25 Jahre zuvor: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“, sagte er auf seiner berüchtigten Rede 1939.

Seitdem habe ich meine Möglichkeiten als Studienleiter einer Akademie genutzt, um Tagungen mit Armeniern durchzuführen, oft unter Beobachtung des türkischen Geheimdienstes und hämischer Kritik türkischer Zeitungen. Ich konnte Studienreisen in ehemalige und heutige Armeniergebiete organisieren in der Osttürkei, aber auch nach Armenien, Syrien, Libanon und Iran.

Deswegen habe ich mich über die Resolution des Bundestags zum Völkermord an den Armeniern gefreut, die insgesamt sehr verhalten ausgefallen ist. Das von der Türkei kritisierte Wort Genozid kommt nicht einmal vor, das Wort Völkermord nur einmal.

„Im Auftrag des damaligen jungtürkischen Regimes begann am 24. April 1915 im osmanischen Konstantinopel die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über einer Million ethnischer Armenier. Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist.”

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/086/1808613.pdf.

Die Reaktion der türkischen Regierung war zu erwarten und liegt auf der bisherigen Politik der Leugnung der Verbrechen, die sich sogar in die deutsche Schulbuchproduktion einmischt. Diese Leugnung erschwert  nicht nur die historische Bildung der meisten Türken, sondern macht die nötige Versöhnung mit Armenien unmöglich.

Historische Quellen stehen reichlich zur Verfügung, nicht zuletzt durch die Arbeiten von Johannes Lepsius, die mich besonders beeindruckt haben.

Als Reaktion auf die Armeniermassaker des Sultans Abdülhamids II. 1894 bis 1896, die bereits genozidalen Charakter hatten, gründete er 1896/1897 mit einer großen Werbekampagne, die ihn durch ganz Deutschland führte, sein Hilfswerk. Es wurden Hilfsstationen sowohl in der Türkei als auch in Persien und Bulgarien aufgebaut, denn die von Mord und Totschlag bedrohten Christen flüchteten damals aus dem Osmanischen Reich in jene Länder. Sein Bericht liest sich wie ein Reiseführer des Grauens. Wer will, kann die Spuren der Vernichtung noch heute sehen, etwa in Van, wo das armenische Viertel nicht mehr besiedelt worden ist. Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei 1916. Neuauflage 2011, Gerhard Hess Verlag, ISBN 978-3-87336-368-7.

Ganz neu erschienen ist die Biografie über Walter Rößler, der damals Konsul im osmanischen Aleppo war und die Massaker ebenfalls beschrieben hat:  „Alle Armenier von Besitz, Bildung und Einfluss sollen beseitigt werden, damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt.“ Obwohl auch seine Kollegen aus Erzurum und Adana ebenfalls Alarm schlugen, beeindruckte das Berlin nicht. Er finanzierte Nahrungsmittel für „tausende armenische Flüchtlinge in Konzentrationslagern in der Wüste und Aleppo“. Doch 1916 wurden sie alle von den Türken ermordet. Kai Seyffarth, Entscheidung in Aleppo. Walter Rößler (1871–1929) – Helfer der verfolgten Armenier. Eine Biografie. Donat-Verlag, Bremen 2015, ISBN 978-3-943425-53-6.

Es wäre wünschenswert, dass solche Bücher auch auf türkisch erscheinen, damit Türken sich aus anderen Quellen als nur aus der offiziellen Propaganda informieren können. Wenn jemand – wie ich selbst gesehen habe – in Istanbul „Mein Kampf“ auf türkisch verkauft, müsste das doch auch mit der armenischen Leidensgeschichte möglich sein.

Dass die Türkei die historische Wahrheit leugnet, hat mehrere, auch materielle Gründe. Eine Anerkennung des Genozids müsste eine Bitte um Entschuldigung zur Folge haben und womöglich die Gewährung von Entschädigung. Noch stehen die ehemals armenischen Häuser, die sich Türken (und vor allem auch Kurden) geraubt haben.