Archiv für den Monat September 2016

Luther und Literatur

In der “Tübinger Museumsgesellschaft” (die nichts mit einem Museum zu tun hat), trifft sich die gutbürgerliche Gesellschaft zu kulturellen Veranstaltungen. http://www.museumsgesellschaft-tuebingen.de.

Hinter mir sitzen zwei Ärzte, neben mir Professoren. Wir lauschen in dem vollen Saal dem Vortrag „Martin Luther und die Dichter“ von Karl-Josef Kuschel. Freundlicherweise stellt er uns die zahlreichen Zitate von Uhland, Heine und Mann auf zwei Blättern zur Verfügung.

Er bedauert, dass bei den gegenwärtigen Reformationsfeierlichkeiten die Literatur keine besondere Rolle spielt. Seine Beispiele allerdings sind nicht gerade aktuell. Gibt es denn gegenwärtig keine Schriftsteller, die sich mit Luther auseinandersetzen? Während meines Studiums 1970 machte Dieter Forte von sich reden:Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_%26_Thomas_M%C3%BCnzer_oder_Die_Einf%C3%BChrung_der_Buchhaltung.

Kuschel beginnt mit den lobpreisenden Beispielen von Ludwig Uhland und Heinrich Heine. Dieser verstand ihn im Geiste der französischen Revolution: „Das Denken ward ein Recht und die Befugnisse der Vernunft wurden legitim.“ Und: „Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.“

Kuschel erwähnt die positive Meinung Goethes: „Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind in Folge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zu Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. … Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwicklung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen.“ (Gespräche  mit Eckermann, 17. Febr. 1832.)

Nach dem Krieg machten viele Luther für den Untertanengeist der Deutschen verantwortlich, insbesondere für ihren Antisemitismus. So beispielsweise Thomas Mann „Deutschland und die Deutschen“ 1945: „Martin Luther, eine riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens (…). Ich liebe ihn nicht, das gestehe ich offen. Das Deutsche in Reinkultur, das Separatistisch-Antirömische, Antieuropäische befremdet und ängstigt mich, auch wenn es als evangelische Freiheit und geistliche Emanzipation erscheint, und das spezifisch Lutherische, das Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das fürchterlich Robuste, verbunden mit zarter Gemütstiefe und dem massivsten Aberglauben an Dämonen, Incubi und Kielkröpfe, erregt meine instinktive Abneigung.”

Gleichwohl hat sich Thomans Mann – und das war mir neu – bis zum Lebensende mit Luther auseinandergesetzt, wollte gar noch ein Drama schreiben „Luthers Hochzeit“ und – ganz Großbürger – bestellte eine Lutherbüste für sein Arbeitszimmer.

Kuschel hätte auch Gottfried Benn zitieren können. Der nennt ihn schon 1935 in einem Brief  einen „der größten Vernichter des besseren Deutschtums, Zerstörer der großen mittelalterlichen Kultur“.

Als lutherischer Theologe gestatte ich mir eine andere, bessere Meinung. Da halte ich es mit Walter Jens (Martin Luther. Prediger, Poet, Publizist.): „Luther beherrschte alle Redeweisen und setzte sie ein, wenn Wirkungszweck und Adressaten das verlangten. Was er auch tat, Gedichte schreiben, Fabeln erzählen, Lieder komponieren […] – er hat immer gepredigt, sprach von der Kanzel herab, auch wenn er in der Schreibstube saß, und zielte, als geistlicher Lehrer, in allen Gattungen der Schriftstellerei auf jene Verbindung von herzbewegender Rede und schlichter Diktion ab, die ihm seine rhetorische Tradition offerierte.“

Luther hat enorm viel geschrieben. Man fragt sich, wie er das ohne Computer geschafft hat. „Zwei Meter Luther“ in meinem Bücherschrank warten auf meinen Ruhestand. (Ich fürchte nur, ich müsste 200 Jahre alt werden.) Doch das ist nichts im Vergleich zur berühmten „WA“. Die Weimarer Ausgabe (WA) wurde 1883 zum 400. Geburtstag Luthers begonnen und konnte im Jahr 2009 abgeschlossen werden. Die WA hat 127 Bände im Lexikonformat mit insgesamt ca. 80.000 Seiten. Literaten, macht euch ran!

 

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Gott oder Mammon

Schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres gab Professor Dr. Ulrich Duchrow in Tübingen ein Seminar mit öffentlichem Vortrag zum Thema „Salz der Erde oder Spiegel der Gesellschaft? – Wider die Ökonomisierung von Gemeinde und Kirche“. Die Veranstaltung gehört zu seinen Bemühungen die Reformation zu radikalisieren. Näheres unter: http://www.reformation-radical.com.

Eine interdisziplinäre Gruppe von WissenschaftlerInnen hat sich zusammengetan, die Gelegenheit des Reformationsjubiläums zu nutzen, folgende Fragen zu stellen: Hat die Reformation zur Entwicklung der westlichen Moderne und der auf sie zurückgehenden Krisen beigetragen und, wenn ja, wie? Wie kann eine neu verstandene und praktizierte Reformation dazu beitragen, diese Krisen zu überwinden?

Duchrow beginnt gleich mit einer Kritik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die in ihrer Reformschrift „Kirche der Freiheit“ den Aspekt der Gerechtigkeit außer acht gelassen hat. Anhand der Bibel weist er nach, dass Gerechtigkeit auf Erden seit der Tora und den Propheten im Alten Testament der entscheidende Begriff der Bibel ist. Jesus hat mit seiner Devise „Gott oder Mammon“ diese Linie noch verschärft. Der Apostel Paulus hat in dieser Perspektive seine Gemeinden geformt als subversive Bewegung gegen den Militär- und Machtstaat Roms. Das Programm der Nächstenliebe war seit der Urgemeinde die Begründung von globaler Solidarität. Angesichts der aufkommenden Geldwirtschaft mit der Idee der „Käuflichkeit des Himmels“ durch Ablasszahlungen hat Martin Luther zu Beginn der Reformation mit seinen 95 Thesen zur Umkehr aufgerufen: “Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‘ usw. (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Das bedeutet heute, dass wir täglich persönlich und gesellschaftlich aus der zerstörenden Geldherrschaft aussteigen und – vertrauend auf die befreiende Gerechtigkeit Gottes – mitfühlend und solidarisch in gerechten Beziehungen mit den anderen Menschen und Kreaturen leben.

Duchrow scheut im Unterschied zu andern Theologen das Wort „Kapitalismus“ nicht, wenn er das System benennt, das gegenwärtig Menschen durch Krieg oder Unterentwicklung tötet und versklavt. In „94 Thesen“ versucht er mit seiner Gruppe eine radikale Korrektur und Weiterentwicklung der Reformation. Er hofft, dass sich die Kirche von der herkömmlichen „Thron-und-Altar-Tradition“ befreien kann, die heute eine „Kapital-und-Altar-Kirche“ ist. Er setzt bei der nötigen Transformation auf viele Gruppen, die sich ökumenisch, ja interreligiös vernetzen. Denn die Kritik an der Vergötzung des Geldes ist in allen Religionen zu finden. Solche Zellen in den Gemeinden könnten durchaus viele Menschen anziehen, die bisher nicht in die Gemeinden kommen. Attraktion komme durch Qualität nicht durch Quantität.

Die Wissenschaftlergruppe um Duchrow hat bereits fünf  Bände produziert, die alle im Lit-Verlag erschienen sind. Teilweise werden jeweils die 94 Thesen deutsch und englisch wiederholt.

Bd. 1: Befreiung zur Gerechtigkeit
Das Herzstück der Reformation ist Rechtfertigung – Gesetz – Evangelium. Zentral ist dabei die kritische Perspektive der neuen Paulusdeutung gegen die individualistische Auslegung, die Gottes Gerechtigkeit und Befreiung auf das westliche Ich umdeutet und den kalkulatorischen Kapitalismus vorbereitet; gegen die Identifikation des tötenden Gesetzes mit der Tora statt mit dem Gesetz des römischen Imperiums; gegen die schroffe Entgegensetzung von Gesetz und Evangelium, die die Loslösung des Neuen Testaments (NT) vom Alten Testament (AT) bewirkt und Antijudaismus oder Antisemitismus hervorruft.

Bd. 2: Befreiung vom Mammon
Im AT und NT wirkt die imperiale Herrschaft des Geldes als strukturelle Sünde, die alle zu Mittäterinnen und Mittätern macht. Gottes Befreiung vollzieht sich wesentlich über die Bildung torageleiteter und neuer messianischer Gemeinschaften, die Solidarität statt egozentrischen Individualismus praktizieren. Dem entspricht Luthers Verwerfung des käuflichen Heils ebenso wie seine systemische Kritik des Individualismus und des Frühkapitalismus.

Bd. 3: Politik und Ökonomie der Befreiung
Luther  durchschaut den religiösen Charakter des Kapitalismus auf der Basis des 1. Gebots. Seine Schriften zum Handel und Wucher (Finanzsystem) sind zwar im Protestantismus am Rande wirksam geblieben, aber insgesamt sind die lutherischen Kirchen dieser kritischen Perspektive nicht gefolgt. Erst in jüngster Zeit sind die Potentiale der Position Luthers für die Kritik am Neoliberalismus und für eine politische Ethik der Parteinahme und der Versöhnung wiederentdeckt worden.

Bd. 4: Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden
Es sind viele Fehlentwicklungen in und nach der Reformation aufzuarbeiten: Die Wiedergewinnung der politischen Lektüre der Bibel und der materiellen Naturbasis als Medium des Glaubens und des Kircheseins; die Überwindung der gewalttätigen „religiösen Identitätspolitik“ Luthers gegenüber Bauern, Täufern, Juden und Muslimen; eine postkoloniale Perspektive auf Luther; der Durchbruch zu aktiver Gewaltfreiheit.

 Bd. 5: Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation
Das Kreuz ist ein Zeichen des Bösen, aber des Trostes für alle, die gefoltert werden und leiden, ein Zeichen der Hoffnung und der Befreiung. Jesus Christus nimmt die sozio-politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen derer auf sich, die ihrer Rechte beraubt werden. Die Kirche muss ihren Bestand aufs Spiel setzen, indem sie mit den und für die Armen lebt. In der Sünde leben wir getrennt, durch den Geist werden wir wieder miteinander verbunden. Der Geist wirkt frei in den Menschen und in der Welt, darum auch in nichtchristlichen Religionen. Statt sich nur auf die einzelnen Individuen zu konzentrieren, gehört es zum Wesen der Kirche, einen gemeinschaftlichen Ansatz für Widerstand und Transformation zu entwickeln.

In der Diskussion wurde Duchrow nach praktischen Konsequenzen gefragt. Er selber engagiert sich in „kairos europa“ und „attac“. Die grundlegende Perspektive: Der biblische Vorrang der Ausgeschlossenen und Marginalisierten. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er immer wieder in Kirchengemeinden unterwegs ist. In seinem Netzwerk finden sich viele Professoren, aber keiner aus Tübingen.Wem Duchrows Sicht zu radikal erscheint, dem zitiert er ein Wort Bonhoeffers: „Ernsthafte Besinnung aufs Evangelium und scharfe Augen auf die Gegenwart sind die Kräfte, aus denen die lebendige Kirche neu geboren wird. Die kommende Kirche wird nicht ‚bürgerlich‘ sein.“ (Dietrich Bonhoeffer, Sanctorum Communio, DBW 1, 292)

Kriegsspuren

Vor über 35 Jahren habe ich in Tübingen einen mittwöchentlichen Friedensgottesdienst begründet, der immerhin monatlich noch stattfindet. Er ist leider fast eine Veranstaltung von Senioren geworden. Selten kann ich jetzt  teilnehmen, aber nie habe ich es bereut.

Diesmal hält der ehemalige Stiftskirchenpfarrer die Ansprache. Er greift das Thema der kommenden Friedensdekade „Kriegsspuren“ auf. www.friedensdekade.de.

In der Jakobuskirche befindet sich in einer Nische unterm Bild des (ziemlich militanten) Erzengels Michael ein Gedenkbuch, in dem handschriftlich alle Getöteten der Gemeinde aus den beiden Weltkriegen verzeichnet sind. Ich habe oft in dieser Kirche gebetet und gearbeitet, aber von diesem Buch nichts gewusst.

1956 hat der damalige Gemeindepfarrer in alter deutscher Schrift die Namen und Lebensdaten verzeichnet. Manche sind noch bekannt, die meisten sind vergessen. Auf alle Fälle waren es junge Menschen, die schuldig oder unschuldig aus dem Leben gerissen wurden. Anlass war die Wiederbeschaffung der Glocken, die im Krieg eingeschmolzen worden waren. Wenn sie mittags läuten, soll man still werden und der Toten fürbittend gedenken.

Das Buch regt an, sich über Kriegsspuren Gedanken zu machen. Oftmals redet die Kriegsgeneration erst im Altersheim über ihre Erlebnisse, manche Traumata wirken noch in den nächsten Generationen fort.

Während wir noch immer die Wunden der Vergangenheit zu heilen versuchen, reißen andere ständig neue auf. Wer kann den Wahnsinn, der sich gegenwärtig in Syrien und anderswo austobt, überhaupt noch an sich heranlassen? Stumpfen wir nicht bei jeder „Tagesschau“ ein wenig mehr ab? Vor allem, wenn es schnell heißt: „Und nun zum Sport!“?

Hat es angesichts der medial vermittelten globalen Katastrophen überhaupt einen Sinn, sich mit kleiner Kraft irgendwo zu engagieren?

Ein solcher Gottesdienst lässt mich aufatmen, lässt Gemeinschaft der ebenfalls Engagierten spüren und ist ein Balsam gegen Depression und Verzweiflung.

In den Ankündigungen werden die Veranstaltungen genannt, die iim November in der 37. Ökumenischen Friedensdekade geplant sind. Ich selber beteilige mich auf Wunsch der Gemeindepfarrerin mit einem Vortrag zum Thema „Christliche Friedensarbeit in kriegerischen Zeiten. Eine Besinnung auf Dietrich Bonhoeffers Ethik“. (8. November 20 Uhr, Dietrich Bonhoeffer Kirche Tübingen). Zuvor am 6. November predige ich in der Albert-Schweitzer-Kirche im Gemeindegottesdienst.

Eine konkrete Aktion in dieser Dekade richtet sich gegen den Kleinwaffenexport. Wenige wissen, dass diese Waffenart mehr Tote und Verletzte verursacht als jede andere. Man schätzt dass jedes Jahr mindestens eine halbe Million Menschen durch solche Waffen getötet werden.

Näheres unter: http://www.aufschrei-waffenhandel.de. Dort heißt es:

„Nach den USA, Russland und China ist Deutschland weltweit der viertgrößte Großwaffenexporteur. Beim Handel mit Kleinwaffen steht die Bundesrepublik nach den USA sogar an zweiter Stelle. Die aus Deutschland gelieferten Waffen feuern bestehende Konflikte an. Vor der daraus resultierenden Gewalt versuchen viele Menschen sich durch Flucht zu retten. Wir fühlen uns den Opfern dieser skandalösen Politik verbunden und wollen den Geschäften mit dem Tod ein Ende setzen. Fordern Sie mit uns ein grundsätzliches Verbot des Exportes von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern.“

 

Goldenes Abitur

“Hat dir etwa die Schule Spaß gemacht?” werde ich gefragt, als ich erwähne, dass ich zum 50. Jubiläums meines Abiturs zu einem Klassentreffen nach Stade fahre. „Nein“, wäre die ehrliche Antwort. Und die Ergänzung: „Aber die Schulzeit!“

Im Unterschied zur heutigen Situation hat uns die Schule viel Zeit gelassen für eigene Unternehmungen bzw. wir haben sie uns genommen. Im Zweifel wurden eben Schularbeiten nicht gemacht. Zensuren waren mir wurscht. So konnten wir (oft in der Klassengemeinschaft)  rudern und paddeln auf der Elbe, „werken“, Posaune blasen , Theater oder Fußball  spielen. Noch vor der Studentenbewegung opponieren wir politisch und tummeln uns journalistisch. Ich selber verdanke der kirchlichen Jugendarbeit viel, mehr als der Schule.

Darum bin ich jetzt fröhlich nach Stade gefahren, um meine Schulkameraden wieder zu sehen. Unsere Klasse hatte sich schon öfter getroffen, aber die aus den Parallelklassen habe ich seit fünfzig Jahren nicht gesehen. Zum Glück gibt es Namensschilder. Außerdem sind erstmals die Partnerinnen dabei. (Wir waren ja eine reine Jungenschule.)

Wir treffen uns am Fischmarkt, der jetzt eine Touristenattraktion ist. Man kann in Straßencafés draußen sitzen. „Damals“ vor fünfzig Jahren war die Altstadt verwinkelt und verfallen. Die Autos quälten sich durch die Gassen und mancher träumte von einer „autogerechten“ Stadt. Zum Glück hatte man bis in die siebziger Jahre kein Geld für die sonst übliche „Kahlschlag-Sanierung“.

Nach dem ersten „Hallo“ fahren wir in zwei Booten auf dem Burggraben um  die Altstadt. Jene hat man sich aus dem Spreewald besorgt. Sehr schön sind die Bastionen und Wallanlagen restauriert, die in der Schwedenzeit aufgeworfen worden waren. „Damals“ dienten sie uns als Abenteuerplätze, wenn wir Indianer spielten. Heute muss man den Touristen etwas bieten. Sogar eine original venezianische Gondel liegt bereit.

Als Vorort von Hamburg mit S-Bahn-Anschluss hat sich Stade kräftig entwickelt, ebenso unser altes Gymnasium Athenaeum. Gespannt folgen wir einer gründlichen Führung. Im Altbau kommen Erinnerungen auf. Anfangs wurden wir in der Unterstufe im Keller nachmittags unterrichtet, weil der Platz nicht reichte.

Der zusätzliche Neubau wurde damals bejubelt. Auf dem Dach haben wir seinerzeit mit unserer astronomischen Arbeitsgemeinschaft eine Sonnenfinsternis mit geschwärzten Gläsern beobachtet. Jetzt erlaubt ein Teleskop echte Forschungen. Nebenbei hat man von dieser kleinen Sternwarte einen tollen Rundblick über die ganze Stadt.

Jetzt sind noch zwei weiteren Gebäude hinzugekommen. Wirklich beeindruckt bin ich aber von der unvergleichlich besseren Ausstattung. Theater wird nicht nur in der alten Aula geprobt, sondern auch auf speziellen Probebühnen. Da finden sich Musikzimmer mit Instrumenten, neben modernen Physik- und Chemieräumen auch IT-Zimmer. Wir treffen zwei selbstbewusste Schüler, die bei „Jugend forscht“ mitmachen und Drohnen bauen. Geradezu dankbar bin ich, dass in einem Stützpunkt zwei Lehrerinnen noch rote Tinte bei der Korrektur der Aufsätze einsetzen. Man würde sonst seine Schule gar nicht wiedererkennen.

Die wichtigste Änderung zu unserer Zeit ist natürlich, dass schon lange koedukativ unterrichtet wird. Mädchen gingen damals in die Vincent-Lübeck-Schule, deren Pausen so gelegt wurden, dass man sich kaum treffen konnte. Was für ein Krampf!

Bedauerlich finde ich nur, dass kein Griechisch mehr unterrichtet wird. In der phantastischen Schulbibliothek findet sich nicht einmal unter „Andere Sprachen“ ein griechisches Buch. Stattdessen ist seit kurzer Zeit eine chinesische Austauschlehrerin zu Gast. Sie unterrichtet eine Chinesisch-AG, in der die Schüler mit großem Interesse an Sprache und Kultur mitarbeiten.

Die Schule stellt sich heute so dar:  http://www.athenaeum-stade.de.

Wenn man allerdings etwas über frühere Zeiten erfahren will, muss man wikipedia schauen: https://de.wikipedia.org/wiki/Athenaeum_Stade.

Aus unserem Jahrgang sind viele Lehrer geworden. Einige haben an der eigenen Schule für wichtige Veränderungen gesorgt. Alle gutbürgerlichen Berufe wie Ärzte, Pastoren oder Wissenschaftler sind vertreten. Um einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz sorgte sich niemand. (Ein markanter Unterschied zur Gegenwart!)

Sorglos feiern wir am Abend in der ehemaligen Seminarturnhalle. Leider sind unsere Lehrer nicht mehr am Leben. Sie würden sich freuen, dass aus ihren Schülern etwas geworden ist. Manche zweifelten doch erheblich daran.

 

 

 

 

 

Jörg Zink +

Auf dem Weg zu einer Redaktionssitzung der “Offenen Kirche” erfahre ich im Autoradio, dass Jörg Zink am Freitag verstorben ist. Mir geht durch den Kopf, dass ich seit meiner Konfirmation immer wieder gern seine Bücher gelesen habe. Natürlich habe ich als Student über diesen gutbürgerlichen Theologen und Erfolgsschriftsteller auch gespottet und ihn kritisiert. Doch in der Gemeindepraxis habe ich oft seine Bücher benutzt. Persönlich bin ich ihm dreimal begegnet. 1. 1980 baten mich „die Grünen“ um eine Andacht bei ihrem Landesparteitag in Böblingen. (Das war zur gleichen Zeit, da Heiner Geisler als Generalsekretär der CDU Modernität demonstrieren wollte und auf seinem Parteitag eine Striptease-Truppe auftreten ließ.) Zink winkte bescheiden ab, als ich ihm das Wort überlassen wollte, und setzte sich unter die Teilnehmer. Es war damals für einen prominenten Pfarrer risikoreich, sich zu der neuen, noch sehr chaotischen Partei zu bekennen, zumal schon sein umweltkritisches Fernsehwort zum Bußtag den Zorn der Etablierten in Kirche und Politik provoziert hatte. 2. Zur Vorbereitung einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll lud er mich in sein Haus ein. Er war überhaupt nicht unnahbar wie vermutet. Viel länger als erwartet sprachen wir über „Gott und die Welt“. Ich staunte über die Weite seiner Interessen. Zum Schluss bot er mir das „Du“ an. 3. Bei einer meiner interreligiösen Tagungen  mit Buddhisten sprach er über „Erleuchtung“. Dem Sinne nach sagte er: „Christen müssen keine Leuchttürme sein, aber sie dürfen den Glanz Gottes widerspiegeln.“

In der heutigen Redaktionssitzung besprachen wir die möglichen Themen des nächsten Heftes. Ich dachte immerzu: Eigentlich bräuchten wir  nur Zinks Texte nachzudrucken. Sie sind immer noch weit dem normalkirchlichen Bewusstsein voraus und viel besser als unsere eigenen.

Zum Schluss drückte mir die Redaktionsleiterin die neue Biographie über Jörg Zink in die Hand. Ich dachte mir: „Was soll die? Er hat doch selber schon x-mal über sein Leben geschrieben.“ Doch dann las ich fasziniert die 255 Seiten in einem Rutsch:

Matthias Morgenroth: Jörg Zink, eine Biographie, Gütersloher Verlagshaus 2013.

Die Lektüre wird einem erleichtert, weil der Autor wohl fast die Hälfte des Buches mit Zitaten aus Zinks ca. 250 Schriften  füllt. Dazu gibt es dreißig bisher unbekannte Fotos aus dem Familienalbum.

Es stimmt: „Man kann nur staunen über ein Leben voller tiefer Erfahrungen, Abenteuer, Kreativität und Mut: Jörg Zink ist ein authentischer, aufrechter Mann, der wie kaum ein anderer Theologe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und wird – als Macher vom »Wort zum Sonntag«, Gallionsfigur des Kirchentags, Bibelübersetzer, Pädagoge, einer der wichtigsten Sprecher der Friedensbewegung und als Umweltschutzaktivist ein Gründungsmitglied der Grünen. Der unkonventionelle theologische Denker hat oft das ausgesprochen, was viele – Pfarrer, Gemeindechristen und Kirchenferne – sich nicht zu sagen trauten. Seit Jahrzehnten zeigt er Wege zu einer glaubwürdigen Theologie und einem erfahrbaren Glauben.”

Was mich an dieser Verlagswerbung stört, ist die leise Polemik gegen die Amtskirche, die auch Zink sich manchmal leistete. In seiner Ausnahmeposition mit eigenen Tantiemen blieb ihm die Kärrnerarbeit an der Basis erspart. Er musste keine Kindergärten verwalten oder sich mit unmotivierten Konfirmanden abgeben. Der Startheologe konnte sich mühsame Kirchengemeinderatssitzung ersparen. Dennoch: Ich halte ihn  für einen wahren Apostel einer „Offenen Kirche“.

Zink:  „Wenn wir sagen, die Kirche habe die Offenheit zu bewahren, die sie braucht, um sich immer und immer wieder neu zu reformieren, so geht es um den Weg jeder Generation aus dem Christentum („christliches Abendland!“w.w.), dieser synkretistischen Religion, vorwärts zu einer neuen Erkenntnis des Evangeliums, aus aller Beliebigkeit zu dem, was uns unbedingt angeht, aus der bunten Fülle des Überlieferten zur schlichten Klarheit und Schönheit der Botschaft des Jesus von Nazareth, wie wir sie verstehen müssen und verstehen dürfen.“

Wahrheit ist also immer nur menschliche Deutung einer Erfahrung. Wer das bezweifelt, muss die Volkskirchen abschaffen. Wer ernst nimmt, dass die Wahrheit Gottes Sache ist und alles andere menschliche Deutung, kann zum Frieden zwischen den Religionen und Konfessionen beitragen Deswegen kann Zink die traditionellen Bekenntnisse der Geschichte überlassen. Aus ihnen soll das heutige Bekenntnis herauswachsen. Religiöse Erfahrung also ist der Urgrund, der Bilder und Symbole schafft. So öffnet sich Zink mystischen Einsichten. So nähert er sich dem Geheimnis Gottes.

Er wird nun schauen dürfen, was er geglaubt hat.

 

Anthropozän

Die Kolumnistin Sybille Berg fragt polemisch: “Warum wird im Netz jetzt permanent für irgendein Land, in dem Menschen Terrorattacken zum Opfer gefallen sind, gebetet? Warum beten? Warum nicht lernen? Weil mit Gebeten und Religionsstudien beschäftigte, abgelenkte Menschen besser zu regieren sind?“

Dass Menschen mit dem Motto „Ora et Labora“ (Bete und arbeite) unsere Kultur positiv beeinflusst haben, kommt ihr wohl nicht in den Sinn. Beten und Lernen sind für mich keine Gegensätze sondern Ergänzungen. Andererseits stimme ich ihr zu, dass die gegenwärtigen Aufreger der Medien eher von wichtigen Aufgaben ablenken. Diese Kritik geht aber nicht nur an die Mediennutzer, sondern vor allem an die Medienproduzenten. Da könnte sich die Medienfrau an die eigene Nase fassen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/maskulisten-und-identitaere-den-ruelps-einfach-ignorieren-a-1111483.html.

Nun gab es aber diese Woche im Fernsehen zwei durchaus anregende Sendungen:

http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/188468/index.html.

Sie motivieren mich, mich mehr mit den Diskussionen um den Begriff „Anthropozän“ auseinanderzusetzen.

Eine zur Prüfung dieser Frage eingesetzte Arbeitsgruppe plädierte am 29. August auf dem Internationalen Geologischen Kongress im südafrikanischen Kapstadt mit 34 von 35 Stimmen dafür, den Terminus einzuführen.

Geologen teilen die Erdgeschichte in verschiedene Zeitalter ein. Demnach lebt die Menschheit derzeit im Holozän, das vor 12.000 Jahren nach dem Ende der letzten Eiszeit begann. Zu den Veränderungen durch den Menschen zählten neben dem Klimawandel die großräumigen Veränderungen der Kreisläufe etwa von Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor, die Verbreitung von Plastik, Aluminium, Beton-Partikeln, Flugasche und radioaktivem Fallout sowie die beispiellose globale Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten. „Viele dieser Veränderungen sind geologisch dauerhaft und manche sind praktisch unumkehrbar“, schreibt die Arbeitsgruppe.

In der Diskussion bei „Scobel“ zeigte sich, dass die die Debatten der Geologen nicht so relevant sind für die Frage, welche Konsequenzen wir ziehen müssen. Einzig der Soziologe Harald Welzer bringt Perspektiven für Veränderungen, die beim Einzelnen beginnen können. Allerdings sieht er auch die ungeheure Bremswirkung des „Bequemismus“. Wir handeln nicht nach unseren Einsichten, weil es unbequem ist.

Hier kommt für mich der christliche Glaube ins Spiel, der Verantwortung für die Schöpfung bedeutet. Die bekannte Übersetzung im biblischen Schöpfungsbericht „Macht euch die Erde untertan“ ist in der Neuzeit übel angewandt worden. Gemeint ist in der Genesis ein Auftrag an den Menschen als Gärtner. Viele Gruppen in den Kirchen haben das begriffen.

Der Chemiker, Mediziner und Biophysiker James Lovelock schreibt in „Die Erde und ich“: „Seit 1962 Rachel Carsons bahnbrechendes Buch „Der stumme Frühling“ erschien, betrachten wir die Umstände und Folgen des Anthropozäns aus einer neuen Perspektive. Wir wurden auf die globalen und lokalen Gefahren aufmerksam, die durch das Industriezeitalter entstanden, so auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe und auf die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die in der Stratosphäre angelangt sind und die schützende Ozonschicht der Erde bedrohen.“ Lovelock ist der Mitbegründer der sogenannten Gaia-Hypothese, die besagt, dass die gesamte Erde als ein komplexes Lebewesen betrachtet werden muss Es ist unser Verhalten, das Auswirkungen hat; und wir sind es, die es ändern müssen.

Bisher habe ich theologischerseits nur bei Jürgen Moltmann eine Auseinandersetzung mit der Gaia-Vorstellung gefunden. Auch die Debatte zum Anthropozän hat bei Theologen wenig Echo hervorgerufen, wenn man von Jürgen Manemann absieht. Gegen die Rede vom Anthropozän, das zum Programmwort klimapolitischer Debatten avanciert, plädiert Manemann für eine „neue Humanökologie“, denn an der Zeit sei nicht eine weitere Hominisierung der Welt, sondern eine tiefere Humanisierung des Menschen. (Jürgen Manemann: Kritik des Anthropozäns: Plädoyer für eine neue Humanökologie, Bielefeld 2014.)

Der Praktiker kann nur Scobel zustimmen: „Es gibt nur zwei relevante Fragen, die sich aus all dem ergeben: Erstens die Frage: Ändern wir unsere Perspektive? Und zweitens: schaffen wir es, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, jetzt anders zu handeln?“

Ob eine TV-Sendung noch aufrütteln kann? Diese wäre dazu geeignet.

 

Reise nach Rostock

Kürzlich reiste ich nach Rostock (Biestow), um zur Goldenen Hochzeit meiner Cousine die Predigt zu halten. Eine gewisse persönliche Erinnerung konnte ich mir nicht verkneifen:

„Es ist mir eine große Ehre, dass ich euch in dieser Biestower Kirche den Gottesdienst zur Goldenen Hochzeit – eigentlich eine Dankfeier für eine fünfzigjährige Ehe – gestalten darf. Dies ist ein Ort, der mir seit meiner Kindheit vertraut ist, habe ich doch oft als seltener Grenzgänger aus dem Westen  meine Schulferien im Biestower Pfarrhaus verbracht. Die Predigten eures Vaters, meines Onkels, Pastor Otto Türk, haben mich tief beeindruckt. Aber auch unseren gemeinsamen Großvater Otto Türk sen. habe ich auf dieser Kanzel noch gehört.

Als Sohn einer geborenen Türk hatte ich zwei Traditionslinien zur Auswahl. Die meisten Vorfahren waren Kapitäne oder Pastoren. Lange neigte ich zum ersten, dann aber entschied ich mich zum zweiten. Nur Gott weiß, wie sehr das Biestower Pfarrhaus diese Entscheidung beeinflusst haben mag.

Gut erinnere ich, wie ich wohl vor 60 Jahren den ersten Gottesdienst in dieser Kirche erlebte. Die damals einzige Glocke wurde mit dem Strick per Hand geläutet. Da standen etliche Kutschen vor dem Kirchhof, mit denen Bauern zur Kirche kamen. Bei eurer Hochzeit vor 50 Jahren wird es schon anders gewesen sein, aber diese Erinnerung mag den Jüngeren bewusst machen, was es heißt, gemeinsam auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken zu können. Da gab es keine Handys, sondern man schickte Telegramme. Es gab keine Rostock-Südstadt, sondern manche Taxifahrer weigerten sich aus Angst um ihr Auto den Feldweg nach Biestow zu fahren. Man nahm dafür lange die Straßenbahn um die halbe Stadt, um den Fußweg zu verkürzen. Im Dorfkino riss mitunter der Film. Lange kapierte ich nicht, was HO HO über den Geschäften bedeutete, bis man mir die Abkürzung H.O. (Handelsorganisation) erklärte und hinzufügte: „Wenn etwas in einem Laden nicht zu haben ist, brauchst du es in einem andern gar nicht erst zu versuchen.

Wie sehr hat sich seit 1966 allein die kleine Welt Biestows verändert…“

Ich verdanke meinen häufigen Reisen über die Zonengrenze die frühe Einsicht, dass die „eigene Welt“ nicht die ganze ist. Vielleicht bin ich darum gern ein Grenzgänger geworden. Damals war trotz gleicher Sprache und Geschichte die frühe DDR mir exotischer als China heute.

Das Wiedersehen mit der Verwandtschaft hat mich natürlich gefreut, ebenso, dass  die Kirchengemeinde jetzt eine tüchtige Pastorin – die erste in der Ahnenreihe! – hat und im neuen „Speckgürtel von Rostock“ eine imponierende Arbeit leistet. Siehe www.kirche-biestow.de.

Weniger gefreut hat mich die politische Lage vor der Landtagswahl. Ganze Straßenzüge sind mit NPD-Plakaten gepflastert. Zwar wird diese Partei wohl allen Voraussagen gemäß nicht wieder in den Landtag einziehen, dafür hat die AFD um so größere Chancen. Ich hatte keine Zeit, mich intensiver umzusehen, aber es reicht mir, was ich im Internet zur Kenntnis nehmen muss: www.netz-gegen-nazis.de.

Eben habe ich noch bei Navid Kermani („Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, C.H. Beck Verlag München, 8.Auflage 2016, S.159 f.) gelesen: „Weder in der Konferenz noch in der Gesellschaft findet sich derzeit eine relevante politische Kraft, die mit der Abgrenzung vom Islam oder gar der Diskriminierung von Minderheiten auf Stimmenfang geht.“ Wenn er sich da in seinem sonst klugen Buch  mal nicht irrt.

Ich frage mich, wie nationalistische Parteien ausgerechnet in einer Region gewinnen können, die doch  jahrzehntelang einer antifaschistischen Ideologie ausgesetzt war. (Oder vielleicht gerade deshalb?) Der Ausländeranteil ist in „MeckPomm“ unterdurchschnittlich. Soziales Elend kann es auch nicht sein. Zwar sind nach wie vor junge Leute in den Westen gezogen, aber den Rentnern geht es weit besser als früher. Und man liest, dass durch den boomenden Tourismus die Wirtschaftskraft steigt. Die etablierten Parteien haben durchaus erfolgreich gearbeitet. Bummle ich durch Rostock und Warnemünde im Sommer, kann ich von „blühenden Landschaften“ sprechen.

Gibt es also eine irrationale Angst vor den Folgen der Globalisierung? Sind einfach zu viele Veränderungen in den letzten Jahren erfolgt? Wir werden nach der Wahl die schlauen Kommentare der Analytiker hören.

Ich denke, dass der Verlust an Religiosität und Kirchlichkeit das Individuum vereinsamen lässt. Es fehlt, was unsere Vorfahren Gottvertrauen nannten. Seelsorge in der Breite findet nicht statt, zumal die Pastoren in der Regel mit der Fülle ihrer Aufgaben überfordert sind. In die Rostocker Marienkirche etwa strömten an einem Samstag die Touristen, um  die berühmte astronomische Uhr zu bewundern. Die Ausstellung über Friedensarbeit in einer Seitenkapelle schaute sich kaum jemand an. Dabei hat doch nicht zuletzt auch in dieser Kirche die Revolution von 1989 begonnen, die ein menschenverachtendes Regime hinweggefegt hat.

In der „Hanse-Sail“ hat Margot Käßmann ein großes Publikum angesprochen und gesellschaftliche Fragen deutlich benannt. http://www.ekd.de/predigten/kaessmann/20160814_kaessmann_hanse_sail_rostock.html

Aber die nötigen Zukunftsdebatten finden zu wenig statt. Immerhin: Die kleine Evangelische Akademie betätigt sich tapfer. Wahlkämpfe jedoch sind keine Erwachsenenbildung. Die muss früher beginnen.