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Seemannsmission

Als Junge von der Waterkant hatte ich mal die Nase voll von der Schule, wollte abgehen und zur See fahren. Als ich mich allerdings in Bremerhaven näher nach den Bedingungen erkundigte, verzichtete ich auf dieses Vorhaben, zumal meine besorgte Mutter meinte: „Als Matrose bist du der letzte Dreck. Mach‘ Abitur und werde Kapitän.“ Den erste Teil des Rates habe ich befolgt, dann aber lieber Theologie studiert, um das Schiff der Kirche mitzusteuern.

Wenn ich nicht selber predige, besuche ich die Gottesdienste meiner Gemeinde. Medien sind für mich kein Ersatz für das echte Leben. Heute habe ich eine Ausnahme gemacht, weil es sich um einen Gottesdienst der Seemannsmission in Hamburg handelt. Ich wurde durch eine starke Predigt der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs belohnt.
Mitarbeiter der Seemannsmission berichten von den Herausforderungen, denen sich Seeleute heutzutage gegenübersehen: Arbeitsstress, Naturgewalten und Piratenangriffe. Sie bringen ein von dem, was sie bei ihrem Einsatz auf Schiffen im Hafen Hamburg erleben. Sie feiern diesen Gottesdienst in der St.Gertrudkirche, die allein ist übrig geblieben ist vom Dorf Altenwerder, das weichen musste, weil ein neues Terminal für die großen Containerschiffe gebaut wurde.

Die Seemannsmission und Bischöfin Kirsten Fehrs schließen sich der Kritik des Verbands Deutscher Reeder (VDR) am Rückzug der Marine aus der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer an. „Wir begrüßen diese klaren Worte“, sagte DSM Präsidentin Clara Schlaich in Hamburg, „die EU muss eine Lösung finden für die menschlich und politisch so wichtige Frage der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Zustände wie vor einigen Jahren dürfen sich nicht wiederholen, sie sind für Flüchtlinge und Seeleute untragbar.“ Der Rückzug der Deutschen Marine aus der Mission „Sophia“ im Mittelmeer führt dazu, dass noch weniger Schiffe zur Verfügung stehen, um Flüchtlinge in Seenot zu retten. Dann sind meist wieder die Handelsschiffe die einzigen Schiffe in der Nähe und damit nach internationalem Seerecht zur Rettung verpflichtet.

Für die Seeleute sind solche Rettungseinsätze eine große Belastung, vor allem, weil die hochbordigen Frachtschiffe für diese Art der Rettung kaum geeignet sind“, ergänzt Seemannspastor Matthias Ristau. Wenn die schwierige Rettung gelingt, ist es belastend und inakzeptabel, wenn kein Hafen bereit ist, die Geretteten aufzunehmen. Mitarbeitende der Seemannsmission hören immer wieder von Seeleuten, wie es sie emotional mitnimmt, wenn die Rettung sich schwierig gestaltet, weil ihr Schiff einfach viel zu hoch ist, oder wenn vor ihren Augen Menschen ertrinken. Ristau kritisiert: „Die Seeleute stehen in dem Dilemma entgegen internationalem Seerecht einfach vorbeizufahren oder als Schlepper von Behörden wie z.B. in Italien kriminalisiert zu werden.“ Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche, Kirsten Fehrs, unterstützt ebenfalls den Appell von Reederverband und Seemannsmission. „Wir brauchen dringend koordinierte und professionelle Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer. Auch wenn die Mission Sophia ursprünglich nicht zur Rettung von Flüchtlingen begründet worden war, hat sie faktisch Tausende von Menschenleben gerettet.“ Bischöfin Fehrs setzt sich in diesem Jahr als „Stimme der Seeleute“ für die Seemannsmission ein. Auf See ist der „Näheste“ der Nächste
Seemannspastor Matthias Ristau erläutert: „Seeleute retten Schiffbrüchige und Menschen in Seenot. Das ist uralte Selbstverständlichkeit auf See, denn da ist der Nächste ganz wörtlich derjenige, der am dichtesten dran ist. Deshalb werden diese zu Hilfe eilende Schiffe im internationalen Sprachgebrauch auf See auch heute noch als Good Samaritans bezeichnet. Das geht auf das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter zurück, auf dem der Begriff der christlichen Nächstenliebe beruht.“

https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste

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Green Book

Mit Begeisterung haben viele den  amerikanischen Film „Green Book“ gesehen. Man spürt diese auch in der „Filmshow“, die Pfarrer Christian Engels, Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, regelmäßig im Internet veröffentlicht. https://www.youtube.com/watch?v=JF24Guy7yPI.

Der mit vielen  Preisen ausgezeichnete Film von Peter Farrelly  zeigt die erstaunliche Beziehung des schwarzen, etwas  autistischen Pianisten Don Shirley und eines weißen, etwas primitiven Nachtclub-Türstehers namens Tony „Lip“ Vallelonga, der als Fahrer und Leibwächter angestellt wird. Denn Don Shirley will ausgerechnet in den rassistischen Südstaaten – man schreibt 1962! – Konzerte geben. Dazu brauchen sie als Reiseführer das „Negro Motorist Green Book“, in dem die für Schwarze zugelassenen Übernachtungsplätze aufgelistet sind. Denn selbst dieser berühmte Künstler darf nicht in jedes Hotel und wird vom gemeinsamen Essen ausgeschlossen. Sie geraten in turbulente Auseinandersetzungen, die Tony aufgrund seiner Kampferfahrungen letztendlich immer wieder klären kann. Der ganze Irrsinn des Rassismus steht wieder auf, noch mehr allerdings die wachsende Freundschaft der beiden so unterschiedlichen Männer.

Ein Spielfilm ist kein Dokumentarfilm und darf sich gewisse Freiheiten erlauben. Er prägt aber für die meisten Zuschauer den Blick auf die Vergangenheit. Ich habe mich darum  gefragt: Was ist historisch wahr? Die Darstellung des südstaatlichen Rassismus ist sicherlich korrekt. Auf diese Weise haben viele Leute erstmals von jenem ominösen „Green Book“ erfahren. Es wird in der amerikanischen Presse diskutiert, dass Shirleys Familie gar nicht einverstanden ist mit dem Film und seinen Machern Verfälschung vorwirft. So könne von einer Freundschaft zwischen den beiden nicht die Rede sein, sondern es war eindeutig ein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis auf Zeit. Sein Bruder Maurice Shirley sagte: „My brother never considered Tony to be his ‚friend‘; he was an employee, his chauffeur (who resented wearing a uniform and cap). This is why context and nuance are so important. The fact that a successful, well-to-do Black artist would employ domestics that did not look like him, should not be lost in translation.“ Don Shirley habe entgegen den Unterstellungen im Film immer gute Beziehungen zu seiner Familie und zur schwarzen Community unterhalten.

Insbesondere der Sohn Vallelongas, Co-Autor des Drehbuches, hat wohl allzu unkritisch die Version seines Vaters Tony übernommen, der auf diese Weise geradezu zu einem Retter hochstilisiert  wird. Einmal mehr hat ein Spiel-Film einen verzerrten weißen Blick auf das Amerika der Schwarzen eingenommen.

Wer war Don Shirley?    Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Shirley.

Dr. Donald Walbridge Shirley (*1927 in Florida; † 2013 in New York) war ein klassisch studierter Pianist, der allerdings niemals in Leningrad war. Als Komponist verschmolz er in seiner Musik Jazz und Klassik. Er schrieb u.a. Orgel- und Klavierkonzerte, dazu ein Cellokonzert. Sein Vater Edwin war Pfarrer der episkopalen Kirche. Bereits mit drei Jahren spielte Don Shirley Orgel; mit zehn Jahren trat er als Konzertpianist auf. Öfter trat er auch mit Unterhaltungsmusik auf. Anders als im Film unterstellt war er mit vielen schwarzen Musikern  wie Duke Ellington befreundet. Für ihn schrieb er ein sinfonisches Werk.

Frustriert von zu wenigen Chancen für schwarze klassische Musiker studierte er  zwischenzeitlich an der Universität von Chicago Psychologie und arbeitete dort auch als Psychologe. Er forschte wissenschaftlich über das Verhältnis von Musik und jugendlicher Gewalt.

Ab 1955 spielte er mit den bedeutenden Orchestern der USA , einmal auch  an der Scala in Mailand.

Er beteiligte sich an der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings. So hoffte er in den sechziger Jahren, durch Konzerte in den Südstaaten  die rassistische Mentalität in Amerika überwinden zu können.

Eine dokumentarische Filmsequenz aus späterer Zeit findet man unter https://www.youtube.com/watch?v=DtrwLxeM8B4

Im Spielfilm gelingt das Happy End zu Weihnachten, wenn beide – der Schwarze  und der Weiße  – ihre gegenseitigen Vorurteile überwunden haben. In unserer Realität ist Rassismus trotz vieler Verbesserungen nicht nur in amerikanischen Südstaaten eine bleibende Herausforderung.

Ghana in Stuttgart

„Jetzt ist Gottes Stunde“ (Lukas 4,21) war ein Kernsatz in der Predigt, die Pfarrer i.R. Riley Edwards-Raudonat heute in der Ghanaischen Gemeinde Stuttgart hielt – auf Englisch natürlich. Immer wieder betonte er, dass man „today“ sich einsetzen müsse und seine Berufung nicht aufschieben dürfe. Neben den Afrikanern waren auch etliche „Bio-Deutsche“ gekommen, weil sich der Prediger gleichzeitig nach Nigeria verabschiedete. Dort wird er im Auftrag der EKD noch einmal für zehn Monate in der deutschsprachigen Gemeinde wirken.

Die Ghanaische Gemeinde PRESBYTERIAN CHURCH OF GHANA Stuttgart ist eine der insgesamt fünf presbyterianischen Gemeinden in Deutschland. Die Mutterkirche ist die Presbyterian Church of Ghana (PCG). Die PCG ist in 1828 von der Basler Mission gegründet worden. Die PCG ist Partnerkirche der EMS (Evangelische Mission in Solidarität). Der Gottesdienst in Englisch und Twi findet jeden Sonntag in der Waldkirche von 13 bis 15 Uhr statt. Die lauten Trommeln hört man schon draußen vor der Tür. Man versteht da schon gut, dass sich solche Gemeinden nicht einfach in die Landeskirche integrieren lassen, sondern ihre eigene Gottesdienstkultur und Sprache pflegen wollen. Manchen ihrer Kirchenlieder merkt man allerdings den deutschen Ursprung noch an.

„Today“ ist Jesu Predigt in Nazareth ernst zu nehmen. Noch immer müssen Gefangene befreit und Misshandelte erlöst werden (Luk. 4, 18).

Riley  Edwards-Raudonat wies deswegen eindringlich auf eine neue Broschüre der EKD, an der er mitgearbeitet hat. „Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen“ soll insbesondere am Sonntag Reminiszere (17. März 2019) in den evangelischen Gemeinen gehalten werden. Auf S. 23 findet man ein Interview mit ihm.

„Männer werden umgebracht und Frauen und Mädchen werden immer wieder entführt, vergewaltigt und zwangsverheiratet. Unvorstellbares Leid geschieht ihnen in der Gewalt der Terroristen“ sagt Bischöfin Bosse-Huber. „Deshalb bitten wir alle Kirchen und Gemeinden, sich am Sonntag Reminiszere an der gemeinsamen Fürbitte zu beteiligen. Und sich gleichzeitig über die konkrete Situation in Nigeria zu informieren und Hilfsprojekte für die Opfer von Verfolgung zu unterstützen.“

https://www.ekd.de/reminiszere-2019-fuerbitte-verfolgte-christen-nigeria-42623.htm.

Trotz der schlimmen Erfahrungen, die viele Afrikaner erleiden müssen, ist es immer wieder erstaunlich, mit welcher Fröhlichkeit sie feiern können. Und das selbst im winterlich-kalten Stuttgart.

Stuttgart 21

Fast täglich fahre ich ein kurzes Stück mit der Bahn. Mittlerweile zähle ich nicht mehr die Verspätungen und Ausfälle, sondern registriere nur noch die phantasievollen Ausreden. Kürzlich fielen auf unserer Nebenstrecke gleich einen ganzen Tag die Züge aus. Witze darüber sind nur noch abgeschmackt. Deswegen habe ich mir von der Kabarettsendung „die Anstalt“ zum Thema keine neuen Erkenntnisse erwartet. Doch besonders der zweite Teil, der sich mit dem Stuttgarter Bahnhofsdesaster beschäftigt,  ist äußerst sehenswert.

https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-29-januar-2019-100.html

Zufällig traf ich kürzlich – ja tatsächlich auf einem  Bahnhof –  den früheren Stuttgarter Oberbürgermeister Schuster. Da wir den gleichen Weg  hatten, fragte ich ihn nach „Stuttgart 21“. Er lächelte nur gequält. Offenbar war er selber seinerzeit nicht über alle möglichen Folgen informiert. Das kann ich mir vorstellen, wenn ich höre und nachlese, mit welch krimineller Energie gewisse Manager und Politiker dieses Projekt betrieben haben.

https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/fakten-im-check-der-anstalt-118.html

Ich habe mich immer gewundert, warum sich auf dem Stuttgarter Bahnhof der Stern einer nicht unwichtigen Autofirma dreht. Nach diesen Informationen wundere ich mich nicht mehr.

Ich werde wütend, wenn ich daran denke, mit welchen Lügen man uns dieses Projekt „verkauft“ und den Volksentscheid erschwindelt hat. Die Schuldigen sind mit gewaltigen Abfindungen auf und davon. Die immensen Kosten zahlen wir alle. Und merken, dass die Bahn kaum noch reparieren, geschweige denn investieren kann.

Ich bewundere Mitmenschen, die unverdrossen noch  immer montags gegen diesen Milliardenschwindel demonstrieren. Die dagegen anreden oder schreiben. Die Zeit und Geld einsetzen, um eine abgestumpfte Bevölkerung aufzurütteln.

Man sagt uns, nun habe  man schon so viel Geld eingesetzt. Jetzt heiße es „Augen zu und durch“. Doch wahrscheinlich ist ein Ausstieg und Abbruch der Bauarbeiten noch immer besser als weiteres durchwursteln.

https://www.umstieg-21.de.

Selbst wenn „Stuttgart 21“ eines fernen Tages fertiggestellt sein sollte, kann man sich den laufenden Ärger im täglichen Betrieb schon ausrechnen, von möglichen Unfällen oder gar Katastrophen ganz zu schweigen. Darum: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Gott

„Wer ist das eigentlich – Gott?“ fragte vor hundert Jahren der Literat und Satiriker Kurt Tucholsky. Er ärgerte sich mit Recht über die inflationäre und leichtfertige Rede von Gott in Kirche und Öffentlichkeit. Man denke nur an den Wahnsinn, dass christliche Völker übereinander herfielen, womöglich mit den Worten „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss der Soldaten.

Seine scharfen Texte mit oft bitter-bösen Pointen haben wohl eine Ursache in der Weltkriegs- Erfahrung dieser Generation, deren gutbürgerlich-christliche Welt in den Schützengräben Frankreichs oder Russlands zusammengeschossen worden war. Heute nach hundert Jahren sehen wir genauer, wie schon der Erste Weltkrieg körperliche und seelische Wunden geschlagen hat, die niemals therapeutisch bearbeitet wurden, sodass manche noch die nächste und übernächste Generation  bis auf den heutigen Tag geschädigt haben. Lese ich Tucholskys Texte heute, stören mich nicht die antiklerikalen Ausfälle, sondern ich sehe sie in  der Tradition eines biblischen Propheten, der das Volk zum Gott des wahren Lebens zurückruft.

„Gott“ – wer ist das eigentlich? Würde ich diese Frage einem jeden, einer jeden von uns stellen, würden wir wohl ganz verschiedene Antworten bekommen.  Wir müssen darin auch gar  nicht in  der Kirche einig sein. Es reicht, wenn wir immer  wieder  eine Antwort in der Bibel suchen. Sie ist die gemeinsame Grundlage der Christenheit. Die vielen Auslegungen sind es nicht, die mögen unterschiedlich sein.

Die Bibel, besonders das Alte Testament, spricht von Gott in Erzählungen. Gott handelt in der Geschichte Israels, allerdings nicht im Sinn der historischen Wissenschaft. Dokumente, auf die diese sich stützen kann, gibt erst seit der Königszeit ab 1000 vor Christus. Was sie also über die frühere Mosezeit sagen kann, sind  Vermutungen. Kein Archäologe wird den brennenden Dornbusch finden, nicht einmal der Gottesberg Horeb ist eindeutig zu lokalisieren. (Touristen zeigt man den Berg Sinai; ein berühmtes Kloster gibt es dort auch.)

Die Bibel (NT und AT) erzählt vom rettenden Gott in der Geschichte. Im Buch Exodus (hebräisch: shemot „Namen“, missverständlicher genannt das 2.Buch Mose), ist es die Rettung aus der Sklaverei Ägyptens. Sie wird immer wieder in späteren Zeiten durch gottesdienstliche Handlungen erinnert, in einem Glaubensbekenntnis zusammengefasst. Die Erfahrung der Rettung geschah als Begegnung. Sie eröffnet ein dialogisches Geschehen zwischen Gott und den Menschen.

„Wenn das Alte Testament von Gottes Retten in den Bereichen der Volksgeschichte, des persönlichen Lebens und der Menschheit im Bereich des Kreatürlichen redet, so zeigt es damit, dass das Retten Gottes eine umfassende Bedeutung hat. Erfahrung von Rettung gehört zum Menschsein.“ (C.Westermann)

Der Predigttext für den kommenden Sonntag ist 2. Mose 3,1-15. Meine Aufgabe ist, wie ich diese gewaltige Erzählung von „Moses Berufung“ in der üblichen Viertelstunde so zur Sprache bringen kann, dass wir von Gottes Wort angerührt werden. Es sind ja nicht nur Religionskritiker,  die fragen, was diese alten Texte uns im Jahre 2019 noch zu sagen haben.

Tucholskys Frage muss  beantwortet werden. 1969 gab es unter diesem Titel zweiundzwanzig Radiovorträge, die ich teilweise gehört habe. Sie wurden später  von Hans Jürgen Schulz als Buch herausgegeben und sind noch immer lesenswert. Ein Leser schrieb: „Diese Beiträge sind auch deshalb so interessant, weil in ihnen noch nichts von der wenige Jahre später einsetzenden Postmoderne mit ihrer aggressiven Geistfeindlichkeit zu spüren war. Damals gab es wohl noch genügend Zuhörer des öffentlich rechtlichen Rundfunks, die sich mehr für die uralten Menschheitsfragen interessierten als für Strukturreformen der Kirchen.“ Der Vortrag des bekennenden Atheisten Jean Améry schloss bemerkenswert versöhnlich: „Die Zukunft gehört der christlich-atheistischen Zusammenarbeit an der Errichtung einer befriedeten Welt.“

Der im KZ als jüdischer Widerstandskämpfer schwer gefolterte Jean Améry konnte wie Kurt Tucholsky mit der christlichen Erlösung nichts anfangen. Vielleicht wäre beider Suizid sonst vermeidbar gewesen.

Populismus und Kirche

Wenn ich nicht „Unwort“ selber für ein Unwort halten würde, würde ich „Populismus“ zum Unwort des Jahres erklären. Mittlerweile wird alles, was einem nicht passt, „populistisch“ genannt: Kritik an der EU oder am Euro; Geschwindigkeitsbegrenzung oder auch das Gegenteil; Fahrverbote; Migration bzw. Einwanderung etc. Ich halte alle diese Themen für Angelegenheiten der Vernunft, wo religiöse Bekenntnisse unangebracht sind.

Etwas anderes ist rechtsradikales Gedankengut, das Prälat i.R. Hans-Dieter Wille am 18.1.2019 in Tübingen in seinem Vortrag „Rechtspopulismus – eine Herausforderung für Kirche und Gemeinde“ ansprach.  Er begann mit einer Erinnerung an die gewaltfreie Revolution in der DDR 1989 mit dem Ruf „Wir sind das Volk“.

 „Schon Ende 89, Anfang 90, also wenige Monate nach dem Mauerfall machte sich in den neuen Bundesländern schnell Ernüchterung breit, zum Teil bittere Enttäuschung, weil das mit den „blühenden Landschaften“ ein vorschnelles, falsche Erwartungen auslösendes Versprechen war. Auch die Vision Willy Brandts „Es muss zusammenwachsen, was zusammengehört“ erwies sich als schwieriger, als es sich viele in der Euphorie der Wende vorgestellt hatte.

Dass aber nun gerade eine rechtspopulistische, zivile und demokratische Umgangsformen verhöhnende Bewegung, wie die in den neuen Bundesländern entstandene Pegida, diese wirklich mutige Losung „Wir sind das Volk“ als Hassparole grölend demokratisch gewählten Vertretern und Vertreterinnen einer Regierung und anderer Institutionen entgegenschreien würde – war im Grunde schamlos. Damit konnte niemand rechnen.

„Wir sind das Volk“. 30 Jahre später klingt dieser aus einem ganz anderen geschichtlichen Zusammenhang herausgerissene und uminterpretierte Ruf aus den Kehlen von Rechtspopulisten ganz anders. Inzwischen war diese Parole nicht nur im Osten, sondern auch im Westen heimisch geworden.

An die Stelle der freien, selbstbewussten, für das Gemeinwohl verantwortlichen Bürger und Bürgerinnen  „als zentrale Figuren der liberalen Demokratie“  (Herfried Münkler) tritt nun im populistischen Denken das ethnisch homogene, politisch geschlossene „Volk“, die Monokultur einer „Volksgemeinschaft“, in der alles Fremde und als fremd Erscheinende ausgeschieden werden muss.

Es gibt die Sehnsucht und das Bedürfnis nach Heimat im Vertrauten, die wir alle bei uns selbst kennen und jedem zugestehen sollten. Dem steht die Bereitschaft, dieses Vertraute immer wieder für Fremdes und Fremde zu öffnen überhaupt nicht entgegen. Was unsere Gesellschaft braucht ist ein gesunder, weltoffener Patriotismus, wie ihn Bundespräsident Steinmeier genannt hat, der durch keinen „völkisch“ vergifteten Nationalismus zu ersetzen ist.

Der sog. Heidenmissionar Paulus, der die Christen verfolgte, weil er durch diese judenchristliche Sekte die Ganzheit des jüdischen Volkes in Gefahr sah, dieser Paulus hat es selbst erlebt, was es bedeutet und es theologisch nachdrücklich und streitbar vertreten, dass die mit ihrer religiösen und kulturellen Herkunft Fremden auf einmal gleichberechtigter Teil der christlichen Gemeinde wurden: „Da macht es keinen Unterschied, ob Jude oder Grieche, ob Sklave oder freier römischer Bürger, der Paulus selbst einer war, ob Mann oder Frau, sondern ihr seid alle gleichberechtigt in einer Gemeinschaft mit Christus Jesus“ (Gal 3, 28).

„Wir sind das Volk“ – kann man dann auch so verstehen: Wir alle, die ganz Unterschiedlichen, die mit ihren Unterschieden auch respektiert werden wollen, gehören zu diesem Gottesvolk.

Schamlos war die Übernahme dieser Losung 1989 durch die rechtspopulistische Bewegung auch deswegen, weil sie diese vier Worte, mit der für Freiheit und demokratische Rechte des Volkes der DDR 1989 – in z.T. lebensgefährlicher Situation – demonstriert wurde, nun dazu benutzen, um damit die demokratischen Strukturen und deren Repräsentanten zu verunglimpfen.“

Die Evangelische Kirche hat lange gebraucht bis sie sich von ihrer antidemokratischen Tradition befreit hat. Um so wichtiger ist, dass diese Befreiung weder theologisch noch politisch zurückgedreht wird. Die anschließende Debatte zeigte, dass noch viel zu tun bleibt. Vor allem müssen solche Diskussionen von den Medien und Netzwerken wieder in den Saal verlegt werden, wo Menschen direkt miteinander sprechen. Die Kirche hat mit ihren Gemeindehäusern dafür gute Lokale. Nun gilt es, solche Gespräche in weiteren Gemeinden zu organisieren. Vielleicht sollte man sie von vornherein dialogischer ansetzen, damit der Referent nicht nur „zum Chor (der OFFENEN KIRCHE)“ predigt.

 

 

Über den Jordan

Wenn jemand „über den Jordan geht“, lebt er nicht mehr lange. http://www.redensarten.net/ueber-den-jordan-gehen/

Diese Redensart verkehrt eine biblische Wahrheit ins Gegenteil. Nach Josua Kapitel 3 jedenfalls ziehen die Israeliten über den Jordan ins Gelobte Land. „Ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch…“ Das war heute Predigttext. Allerdings habe ich wenig über den Bibeltext erfahren, weil der Pfarrer noch den Übergang ins Neue Jahr thematisierte. Ansonsten fand er mit Dietrich Bonhoeffer von 1925, dass uns die Unsichtbarkeit Gottes kaputt mache. Zum Glück hat dieser berühmte Theologe auch positiv von Gott  gesprochen. So sangen wir sein zum Jahreswechsel passendes Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

Ich blieb trotz der vielen schönen Gedanken an einem Bibelvers hängen, der zwar verlesen, aber nicht weiter erklärt wurde.: „… dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisieter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter.“ Jos.3,10.

Sollen wir also an einen Gott glauben, der Völker vertreibt? Es gibt jüdische und christliche Fundamentalisten, die exakt das glauben und danach handeln. Heute wären das die Palästinenser. Die Konsequenzen sind mörderisch. Nun wissen wir, dass sich die „Landnahme“ der alten israelitischen Stämme weit weniger gewaltsam vollzogen hat als es das Buch Josua im Alten Testament darstellt. Das ist kein historischer Bericht im modernen Sinne, sondern eine theologische Interpretation aus der exilischen oder nachexilischen Zeit, also viele Jahrhunderte später. Die historische „Landnahme“ war ein längerer Prozess nomadischer Stämme, die meistens friedlich auf dem Weg  des Weidewechsels ihren Platz gefunden haben. Wer das genauer  wissen will, kann sich informieren bei Matthias Ederer, Das Buch Josua (Stuttgart 2017).

Aber nun steht dieser Vers (neben anderen schlimmen Geschichten) in der Bibel, die wir unseren evangelischen  Predigten zugrunde legen. Was sollen wir also davon halten?

Keinesfalls können wir mit dem Evangelium Vertreibungen sanktionieren. Unsere Friedensbemühungen müssen das Ziel haben, dass alle Menschen ihren Platz auf dieser Erde finden. Darum werde ich diesen problematischen Bibelvers historisch-kritisch relativieren, damit er nicht die Botschaft vom Schalom verdeckt. Friedensarbeit fängt beim Umgang mit der Bibel an, hört aber da nicht auf.

Wir sollten von jüdischen Weisen lernen, dass jede Bibelstelle eine Auslegung enthält, für die wir verantwortlich sind. Notfalls muss darüber „wie in der Judenschule“ gestritten werden. Wo eigentlich finden neben den Gottesdiensten solche Gespräche statt?

Zufällig komme ich am Nachmittag in einem Café mit einem Zeitgenossen ins Gespräch, der von institutionalisierter Religion und ihrer Friedensfähigkeit nicht viel hält. „Man sieht es ja überall…“ Seine Religion ist die Musik. Die sei Frieden. An Militärmusik hat er da wohl nicht gedacht. Menschen können nun einmal alles verderben, auch die Religion.

Nur  selbstkritisch kann man wohl mit gutem Gewissen die Botschaft aus Josua 3 positiv, nämlich evangelisch verstehen, dass in unseren Friedensbemühungen Gott mit uns ist. Nicht exklusiv, sondern andere einschließend. „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ EG 65,7.

Menschenkinder

Leere Kirchen? Nicht in Tübingen, jedenfalls nicht zur Weihnachtszeit. Seit die Stiftskirchengemeinde ihre zahlreichen Festgottesdienste mit Kantaten, d.h. Solisten, Chor und Orchester musikalisch-festlich gestaltet, muss man nicht nur Heiligabend sehr früh kommen, um noch einen guten Platz zu kriegen. Trotz der liturgischen Bemühungen der PfarrerInnen mit anspruchsvollen Predigten hat man allerdings oft das Gefühl, an einem Konzert teilzunehmen.

Heute am Erscheinungsfest hielt die Predigt zwischen Monteverdi und Praetorius die neue Hochschulpfarrerin Dr. Inge Kirsner. Sie hatte sich bereits in einem Zeitungsartikel zum Weihnachtsfest als Filmliebhaberin vorgestellt.

So war es wohl nicht verwunderlich, dass sie nicht mit der Lesung  des Matthäusevangeliums von den Weisen aus dem Morgenland begann, sondern mit der Schilderung einiger Szenen aus dem Film „Children of Men“. („Menschenkinder“ nach Psalm 90,3)

Dieser dystopische Science-Fiction-Thriller von Alfonso Cuarón ist  nun alles andere als eine Gute Botschaft. Er passt allerdings zum geplanten Jesuskindsmord des Königs Herodes, den die sternkundigen „magoi“ bekanntlich vereiteln.

Nun ist  es natürlich kein leichtes Unterfangen, von der Kanzel herab einen Film von 2006 zu schildern, den vermutlich keiner der Anwesenden gesehen hat. Ich verstehe, dass es um den Untergang der Menschheit geht. Die Menschen bekommen keine Kinder mehr und sind zum Aussterben verurteilt. Das Böse nimmt überhand. Biblisch werden wir an die schlimme Babel-Zeit vor Noah erinnert. Aber wo ist die Arche? In dieser Situation wird eine illegale Immigrantin schwanger. Ein desillusionierter Regierungsangestellter namens Theo (heißt auf griechisch „Gottesgeschenk“, Achtung Religion!) soll das ungeborene Baby, ein Mädchen,  an einen sicheren Ort bringen. Ist das die Erlösung? Ich weiß es auch nach der Predigt nicht. Das „Lexikon des Internationalen Films“ schreibt: „Das eindrucksvolle pessimistische Zukunftsgemälde entwirft mit vielschichtigen Figuren eine düstere Version der Weihnachtsgeschichte…“ Na denn!           https://www.youtube.com/watch?v=cB1zcJKS0z8.

Die Kollekte des Gottesdienstes ist teilweise für Projekte evangelischer Missionswerke in Nigeria und Sudan bestimmt. Gerade kurz zuvor hatte ich mit zwei Kollegen gesprochen, die die aktuelle Situation in diesen Bürgerkriegsländern gut kennen, weil sie etliche Jahre dort  gearbeitet haben. So sind beispielsweise die berüchtigten Islamisten von „Boko Haram“ wieder auf den Vormarsch. Frauen und Kinder werden barbarisch abgeschlachtet. Die Welt schaut nicht mal zu wie im Jemen, denn es gibt dort keine Journalisten mit Kameras mehr. Die Berichte sind so schrecklich, dass ich eigentlich keine Spielfilme brauche, um mir den fortwährenden bethlehemischen Kindermord vorzustellen. So gesehen hat  die Produktion von Kantaten mit eingestreuter Dystopie etwas Dekadentes. Um so mehr bewundere und unterstütze ich Christen und ihre Kirchen, die in dem kriegerischen Horror die weihnachtliche Friedensbotschaft umsetzen.

Bohème geschenkt

„Wir schenken uns nichts mehr“. Jedes Jahr missachten wir diesen Weihnachtswunsch. Aber wenigstens nichts Materielles. Also geht die ganze Familie am 2. Weihnachtstag in die Stuttgarter Oper zu „La Bohème.“

Als Kind hatte mich mal meine Lübecker Tante in diese Oper mitgenommen, weil eine entfernte Verwandte als Statistin mitwirkte. Viel verstanden habe ich  damals nicht. In Erinnerung bleib mir nur der Satz „Wie eiskalt ist dies Händchen.“ (Che gelida manina). Jahrelang konnte man mich mit Opernmusik jagen. Seit aber Regisseure fast jedes Theaterstück verhunzen, zieht es mich zu Aufführungen, deren Musik man wenigstens nicht verändern kann.

Die aktuellen Rezensionen der Stuttgarter Aufführung,  die ich im Internet finde,  sind nicht berauschend. Aber darauf gebe ich nichts. Da schreiben Leute, die ständig im Theater sitzen.

Um die Stuttgarter Inszenierung besser zu verstehen, hören wir uns die Einführung des Dramaturgen an. Er erläutert zunächst den Roman, der dem Libretto vorausgeht.

Dann geht er auf die Biografie Puccinis ein, der Erfahrungen aus seiner eigenen ärmlichen Studienzeit einbringt. Der hat damals sogar einen eigenartigen Männer-Club mit skurrilen Statuten gegründet.

Schließlich betont der Dramaturg die besonderen Interessen der Regisseurin Andrea Moses. Sie versteht die Bohème-Künstler als Selbstdarsteller, die sich den Erfordernissen des Kunstmarkts unterwerfen. Sogar das Sterben der lungenkranken Mimi wird am Ende selbst zum Kunstobjekt.  Sie verlegt  die Oper in die Jetztzeit. Eine Hälfte der Bühne zeigt die unwohnliche Männer-WG mit zeitgemäßen Werkzeugen wie Laptop, Mischpult, Kameras, mit denen sie sich filmen. Die andere Hälfte ist mit übereinander gestapelten Fernsehern vollgestopft, die ständig ihre gefilmten bunten Videos senden.

Der (mir bisher nicht bekannte) Streetart-Künstler Stefan Strumbel bietet ein abwechslungsreiches Bühnenbild, sodass nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen gefordert sind. Die Künstler-WG im ersten Bild ist so detailliert ausgebaut, dass man unwillkürlich an eigene Studentenbuden erinnert wird. War ich ein Messi damals? Das Private wird öffentlich.

Im zweiten Bild fasziniert den Zuschauer dann ein weihnachtlicher Konsumtempel, wo sich Käufermassen und Verkäufer durch die Stuttgarter Straßen wälzen. Den Weihnachtsbaum krönt der bekannte Mercedes-Stern. Der Platz am Café Momus: eine Shopping-Mall mit kostümiertem Volk, Schneehasen, Pinguin, Engel, Eisbären, Schnee­königin, Nackttänzerin, Früchten; die Kinder neonfarben kostümiert. Wie in einem Musical. Die leichtlebige Musetta erscheint in blonder Riesenperücke. Die Bohemiens nehmen Mimi vor dem Café Momus in ihren seltsamen Bund auf. Sie engagieren sich außerdem ein bisschen politisch, ziehen zum Fest also mit Guy-Fawkes-Masken los und geraten sogar in einen Polizeieinsatz. Hemmungslos inszeniert die schrille Musetta einen Skandal. Alles versinkt im Chaos.

Im dritten Bild sieht man in öden Stuttgarter Hinterhöfen eine eisige Landschaft. Prostitution im Container. Es schneit. Rodolfo, der Dichter,  ist verzweifelt wegen Mimis tödlicher Krankheit. Paare finden und  trennen sich. Die angebliche Romantik des freien Künstlerlebens kippt.

Im vierten Bild stürzt die sterbende Mimi in das grelle Licht des trügerischen Kunstmarktes. Zahlreiche Bildschirme reflektieren das Geschehen. Sie selbst hat die Videokamera aktiviert; das Bild auf der großen Videoleinwand friert ein – eine große Pause des Orchesters kündigt ­Mimis Tod an. Spot aufs Sofa – das Leinwand­gesicht verliert seine Farbe – ein roter Punkt signalisiert: Das Bild ist verkauft.

Dass sich Künstler inszenieren, gehört zum Geschäft. Man akzeptiert es. Im Fernsehzeitalter treten Journalisten und Politiker in Talkshows auf. Betonung auf Show! Das ist schon problematischer.

Und wir Pfarrer? Da wird es heikel. Einerseits ist ein Gottesdienst eine Art Aufführung. Vikare lernen heute bei Schauspielern, wie man sich bewegen und reden kann. Andererseits soll es eben keine Show sein. Es muss der Botschaft, dem Evangelium dienen. Pfarrherrliche Selbstinszenierungen finde ich darum unerträglich.

Und wie steht es im sonstigen Leben? Prägen wir unsere Rolle – oder ist es umgekehrt?  Ein Medium wie Facebook z.B. verführt ja zur Selbstinszenierung. Man braucht sich nur die eigentlich doch persönlichen Fotos anzuschauen. Manchmal ist die Sprache verräterisch. Mein Großvater, ein Dorfpastor, hatte ein „Studierzimmer“. Meine Generation fand das Wort „Pfarrbüro“ angemessener. Eine jüngere Kollegin spricht von ihrem „Atelier“.

Seine Haut riskieren

Unsere monatliche  Gesprächsrunde über politische Bücher ist am Ende nicht viel schlauer, was wir von dem neuen  Buch „Das Risiko und sein Preis“ von Nassim Nicholas Taleb halten sollen. Sein Grundgedanke ist einfach: Je mehr wir unsere menschengemachten Verhältnisse zwanghaft zu beherrschen suchen, desto unbeherrschbarer werden sie. Den Eindruck kriegt man ja schon, wenn man die gegenwärtige Weltpolitik betrachtet.

Berühmt wurde der Amerikaner mit libanesischem Migrationshintergrund, weil er 2007 die Finanzkrise aufgrund seiner Berechnungen vorausgesagt hatte und stinkreich  geworden war. Kann das aber nicht einfach Zufallsglück gewesen sein? Sind die Börsen nicht zu gewaltigen Lotterien geworden, die fatalerweise unsere Wirtschaft und Politik bestimmen?

Er beschreibt „Entscheider“, die nichts für sich selber riskieren, sondern bei Fehlern die Allgemeinheit zahlen lassen. So sehen wir einen amerikanischen Präsidenten Trump, der keineswegs seine Haut riskiert, sondern bei Fehlern ständig die Schuld bei andern sucht. Müssten aber Manager und Politiker für ihre Fehlentscheidungen aufkommen, – wer  würde dann noch ein solches Amt übernehmen? Sie treten allenfalls zurück, oft nicht einmal  das.

Ein Kritiker meint: „Wissenschaftler, Journalisten, Politiker erscheinen durchweg als „Scharlatane“, die jede Bodenhaftung verloren hätten. Er hat keinerlei Berührungsängste mit der rechtspopulistischen Holzhacker-Rhetorik und spricht von „politikgestaltenden Trotteln“ und „Intellektuellen also Idioten“ (eine von mehreren Fehlübersetzungen im Buch, im Original heißt es „intellectuals yet idiots“, also „Intellektuelle, die trotzdem Idioten sind“).“

Unsere Regierung möchte das Problem angehen, indem sie Heerscharen von externen Beratern bezahlen. Ob man dadurch schlauer wird?

Ich denke, wir überschätzen gern die Möglichkeiten der Sozialwissenschaft. Schon Aristoteles hat beschrieben, dass die präzise mathematische Logik nicht anwendbar ist, wenn man menschliche Gesellschaften verstehen will. Allzu viele subjektive Faktoren beeinflussen die Analyse.

Es ist darum  noch immer die Frage sinnvoll: Mit welchem Interesse wird eine bestimmte Wissenschaft betrieben und vermarktet?

Also komme ich zu dem Schluss: Dieses Buch kann ich mir sparen. Ein anderes des Autors aber hole ich mir aus der Stadtbibliothek „Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen.“ (Knaus Verlag 2012). Dort finden sich amüsante Bemerkungen aus der Welt der Wirtschaft, beispielsweise über die Schweiz: „… das letzte größere Land, das kein Nationalstaat ist, sondern ein Zusammenschluss kleiner, weitgehend sich selbst überlassener Gemeinwesen.“ S. 133. Taleb meint, dass kleine Strukturen besser sind als große. Unsere föderale Verfassung in Deutschland erscheint so in einem positiven Licht. Wir müssen sie nur nutzen.