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Seelsorge hinter Gittern

Wenn man „offen“ steigern könnte, würde ich mit einem Paradox sagen: Im Gefängnis findet man die „offenste Kirche“. Ich kenne jedenfalls keine Gottesdienstgemeinde sonst, in der im wöchentlichen Wechsel mit katholischer bzw. evangelischer Liturgie über fünfzig Männer aus allen möglichen Ländern zusammenkommen. Ein Drittel kommt regelmäßig, die anderen gelegentlich oder haftbedingt nur einmal. Sie bringen ihre sehr verschiedenen religiösen Traditionen und höchst unterschiedliche Bildung mit. Da sitzen Analphabeten neben Akademikern, Christen neben Muslimen, Ausländer neben Inländern. Darum kann schon mal vorkommen, dass während der Predigt jemand dazwischenruft: „Das glaube ich nicht!“

In der Rottenburger JVA findet in der Regel im Anschluss noch ein zweiter Gottesdienst statt für einen kleineren Kreis. Da kann man die Predigt als Gespräch gestalten.

Schnell habe ich gelernt, dass sogenannte Predigthilfen bei der Vorbereitung kaum zu  brauchen sind. Sie zielen meistens auf gutbürgerliche Mittelstandsgemeinden. Am meisten helfen mir Gespräche mit Gefangenen, auch  wenn ich  daraus nicht zitieren darf. Die größte Aufmerksamkeit erlange ich, wenn ich sie frei anspreche und zum Bibeltext lebensnahe Erklärungen gefunden habe. Das Gesangbuch ist den meisten unbekannt. Darum freue ich mich, wenn ich einen Chor oder eine Musikgruppe organisieren kann. Als Schlusslied muss unbedingt sein:  „Möge die Straße uns zusammenführen… Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.“

Die Evangelische Konferenz für Gefängnisseelsorge macht sich grundsätzliche Gedanken zum Strafvollzug:

„Nach den bei uns geltenden Strafvollzugsgesetzen soll die Zeit der Haft die Möglichkeit zu positiver Veränderung beinhalten. Einem straffällig gewordenen Menschen darf folglich nicht nur strafend und mit Misstrauen begegnet werden, bzw. es darf sich kein über die Strafe hinausreichendes implizites „Rachebedürfnis“ oder auch nur Disziplinierungsbedürfnis in der Vollzugspraxis niederschlagen: die Strafe für den anderen oder dem Gemeinwohl zugefügten Schaden besteht allein im Freiheitsentzug. Die momentane Zielsetzung und Praxis des Strafvollzuges enthält die paradoxe Anforderung: Freiheit soll durch Freiheitsentzug eingeübt werden. Beschädigte Beziehungen sollen durch Ausschluss aus der Gesellschaft geheilt werden. Menschenwürde soll in einem System gewahrt werden, das ökonomischen Interessen und dem Gedanken der Kontrolle unterliegt.“

https://www.gefaengnisseelsorge.de/news/29-09-2017-zur-zukunft-des-gefaengnissystems. S.7

Die Schrift versteht sich als Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über das Gefängnis. Dabei stützt sie sich auf die Wahrnehmung des Gefängnissystems aus Sicht der Seelsorge. Mit ihrer kritischen Wahrnehmung ist die Ev. Gefängnisseelsorge nicht die einzige Stimme.

„Wir erleben, dass die Absicht des Strafvollzuges im Widerspruch zu seinen Ergebnissen steht. Die Betonung der Sicherheit und die Auswirkungen der Haft verhindern … die Resozialisierung von Straftäter/innen. Die hauptsächliche Energie sowohl der Gefangenen als auch der im Vollzug Arbeitenden ­fließt in die Abmilderung von zerstörerischen Folgen der Haft.“ (S. 24) Die zentrale Denkrichtung und Forderung der Schrift: Deutliche Verringerung der Haftpopulation einerseits und deutlicher Ausbau von alternativen Ansätzen der Arbeit mit den verbleibenden Inhaftierten andererseits.

Die Forderung nach einer deutlichen Verringerung der Haftpopulation stützt sich vor allem auf drei Beobachtungen: 1. Es kommen immer mehr arme, alte und psychisch kranke Menschen in Haft. 2. Die Zahl der Menschen mit einer Haftstrafe unter neun Monaten beträgt mehr als ein Drittel, die Zahl der Ersatzfreiheitsstrafen knapp 10%. Bundesweit sitzen ca. 7000 Menschen wegen Schwarzfahrens ein. Nur knapp 12% der Inhaftierten ist wegen schwerer Delikte in Haft und verbüßt eine Strafe von mehr als 5 Jahren. 3. Die Zahl der drogensüchtigen Menschen im Vollzug liegt bei ca. 50 %.

Fazit: Der Strafvollzug ist überproportional mit Menschen beschäftigt, die aufgrund ihrer Suchterkrankung (Stichwort: Beschaffungskriminalität) oder aufgrund von Armutsdelikten einsitzen. Die Behandlung der Straftäter/ innen, die aufgrund schwerer Straftaten deutlichen Resozialisierungsbedarf haben, kommt in dieser Fokussierung dramatisch zu kurz. In dem Punkt „Perspektiven zur Zukunft des Gefängnissystems“ (s. 26 – 32) spricht das Papier Optionen zur Reduktion der Haftpopulation an: Eine Reform der Strafgesetzgebung könnte Straftatbestände wie das Schwarzfahren entkriminalisieren, Ladendiebstahl in das Zivilrecht überführen, Ersatzfreiheitsstrafen abschaffen (oder gnadenhalber halbieren). Eine kluge Aufhebung der Drogenprohibition würde nicht nur Haftanstalten leeren, sondern auch kriminelle Ökonomien eingrenzen … Die Forderung nach einem verstärkten Einsatz alternativer Ansätze stützt sich auf eine Vielzahl von guten Erfahrungen der „Restorative Justice“, international wie auch bei uns. „Restorative Justice“ versteht das (Straf-)Verfahren als Lernsituation für den Täter/die Täterin, als Heilungssituation für das Opfer, als Orientierungssituation für das Gemeinwesen. Um solche Ansätze zu weiterzuentwickeln, müsste die Ökonomie des Strafvollzuges anders organisiert werden: Statt in Sicherungssysteme und Personal für das „Wegsperren“ zu investieren, wären Prävention und Therapie zukunftsweisendere Orientierungen für alle. Dazu bedarf es einer Vision, die das Gefängnis von der Zukunft her zu denken versucht.“  (Zusammenfassung nach „aufschluss 7/2019.)

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Das älteste Gewerbe?

Der Veranstaltungsort ist ungewöhnlich: Ein besetztes Haus in der Tübinger Gartenstraße. In einem ehemaligen Porzellanladen haben junge Leute ein Café eingerichtet. Dort hält Ben Walker einen Vortrag „Die Frau als Ware – moderner Menschenhandel, Sexsklaverei und Zwangsprostitution in Deutschland“. Das Thema ist mir seit meiner diakonischen Arbeit in Thailand nicht ganz unbekannt.

Den Einspielfilm habe ich schon früher in der ARD gesehen. https://www.youtube.com/watch?v=Y5a2uU4HM_E

Erschreckend sind besonders die regionalen Details. Stuttgart hat verhältnismäßig zur Einwohnerzahl die meisten Prostituierten in Deutschland. Da der „Straßenstrich“ verboten ist, werden für den Sexkauf Wohnungen angemietet, vorzugsweise in der Nähe des Fußballstadions in Bad Canstatt. Die jungen Frauen werden wie Sklavinnen gehalten und wöchentlich wie Frischfleisch ausgetauscht. Oft werden sie nicht nur durch falsche Versprechungen gelockt, sondern auch mit Gewalt festgehalten. Die Behörden halten sich oft nicht für zuständig. Der Zoll hat mit der Korruption im Baugewerbe schon genügend zu tun und ist überlastet.

Ben Walker bringt erschütternde Beispiele, kritisiert aber auch Justiz und Behörden, die oftmals „alle Augen zudrücken“.

Wenn man sich fragt, wie es kommen konnte, dass sich Deutschland zum Ziel des Sextourismus entwickelt hat, gefangen von den Machenschaften der Mafia und gedeckt von der Politik, kommt man zu den Ursprüngen des „Prostitutionsgesetzes“. Es sollte ab 2002 Prostitution als Dienstleistung regeln, um die rechtliche und soziale Situation der Frauen zu verbessern. Seitdem ist das „Schaffen eines angemessenen Arbeitsumfeldes“ – früher Zuhälterei genannt  –  nicht mehr strafbar. Vorher galt Prostitution als „sittenwidrig“. Diese Bezeichnung fand – ohne gesellschaftliche  Debatte – ein Berliner Gericht als veraltet. Seitdem hat die Prostitution als Gewerbe massenhaft zugenommen.

Da aber die Menschenwürde als oberster Verfassungswert nicht zur Disposition steht, ist Prostitution m.E. dennoch „sittenwidrig“, anders gesagt: Sie widerspricht der Menschenwürde.

Esther Ministries Stuttgart e.V. ist ein im Rotlichtmilieu tätiger Verein, der es sich zum Ziel gemacht hat, Personen in Not konkrete Hilfe und Unterstützung zur Veränderung ihrer aktuellen Situation anzubieten.

Das Team besteht aus ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen und ist vielfältig und überkonfessionell. Gleichwohl ist schon der Name christlich, wirkt freikirchlich. Verbunden durch eine Leidenschaft für Menschen haben sie es sich zum Ziel gemacht, Betroffenen des Rotlichtmilieus den Ausstieg und einen Neustart zu ermöglichen. In enger Zusammenarbeit mit örtlichen Einrichtungen bieten sie ganz praktisch Unterstützung und Begleitung in allen Belangen des Alltags an.

Esther Ministries Stuttgart e.V. ist ein seit 2014 beim Amtsgericht Stuttgart eingetragener und als gemeinnützig und mildtätig anerkannter Verein. Sie wollen sich künftig der evangelischen Diakonie anschließen, die derzeit noch einen anderen Kurs verfolgt.

http://www.esther-ministries.de

Wenn man sich fragt, warum es so wenig Kritik an den gegenwärtigen Zuständen gibt, muss man wohl feststellen, dass viele „progressive“ Menschen Prostitution noch immer als sexuelle Befreiung beider Geschlechter begreifen. Mag  sein, dass der Begriff „sittenwidrig“ altbacken klingt. Er beschreibt aber doch die Wertekultur einer Gesellschaft, die  nicht alles dem Profit unterordnen will. Der ungeheure Anstieg des Frauenhandels mit seinen sagenhaften Profiten wird ausgeblendet. Dazu kommt eine gewohnheitsbedingte Verharmlosung, die die gewaltige, globalisierte Dimension des Frauenhandels noch nicht begriffen hat. Bei Männern mag eine gewisse Kumpanei hinzukommen, die sich im Gerede vom „ältesten Gewerbe der Welt“ ausdrückt. Dabei geht es um die älteste Versklavung der Welt.

Ich habe mich gefreut, dass viele junge Leute zu der Veranstaltung gekommen sind und sich rege an der Diskussion beteiligt haben. Sie wollen weder leerstehende Häuser noch Frauenunterdrückung einfach hinnehmen.

Die versammelten Menschen hier sind sich einig, dass allein das „nordische Modell“ einen Ausweg bietet. In Schweden ist Prostitution verboten,  wird Sexkauf als Gewalttat definiert und die „Kunden“ werden bestraft. Seitdem ist die Prostitution erkennbar zurückgegangen. Kritiker meinen, dieses alte Übel lasse sich nun einmal nicht ausrotten Aber gilt das nicht auch für Mord und Totschlag?

Parents for Future

„Welterschöpfungstag“ ist heute. Das ist ein guter Grund für Demonstrationen, auch wenn nicht Freitag ist. https://utopia.de/ratgeber/earth-overshoot-day.

Da ich etwas abseits stehe, spricht mich ein Demonstrant an: „Machen Sie mit, das ist wichtig.“  Mir liegt auf der Zunge zu sagen: „Ich habe schon mehr Demos mitgemacht als Sie Lebensjahre zählen.“ Aber ich verkneife mir diese altkluge Bemerkung. Ich freue mich ja, dass die jungen Leute aktiv werden. Schließlich geht es vor allem um ihre Zukunft.

Mit einem grünen Ministerpräsidenten und ebenso grünem Oberbürgermeister in Tübingen sollten eigentlich die Schüler mit „Fridays for Future“-Bewegung offene Türen einrennen. Doch das täuscht. Noch immer bestimmen in Württemberg  die  Autokonzerne unsere Zukunft.

Am 8. April veröffentlichte “Fridays for Future“ einen Forderungskatalog ,mit Kurz- und Langfristzielen. Sie fordern eine Senkung der Treibgasemissionen in Deutschland bis 2035 auf null, die Umsetzung des Kohleausstiegs bis 2030 und 100 % erneuerbare Energien in der Energieversorgung bis 2035. Außerdem sollen folgende Ziele bis Ende 2019 umgesetzt werden: Abschaffung eines Viertels aller Kohlekraftwerke und Einführung einer CO2-Steuer auf alle Treibhausemissionen.

Georg Feulner vom Potsdam Institut für Klimaforschung: „Letztlich hat „Fridays for Future“ wahrscheinlich mehr bewirkt als 30 Jahre Klimaberichte schreiben“.

Die „Süddeutsche Zeitung“ (Nr. 173) widmet heute der Bewegung eine ganze Seite. Schließlich reagiert inzwischen sogar die bayrische Staatsregierung positiv. Die SZ erwähnt aber auch eine radikalere Bewegung, der das wöchentliche Demonstrieren nicht mehr reicht. Die „Extinction Rebellion“ (Rebellion gegen das Aussterben) greift aktiv in das Alltagsleben ein. Sie behindern Zufahrtswege zu Flughäfen, belagern Rathäuser oder legen Kreisverkehre lahm. Wann werden sie den SUVs in die Reifen stechen? Autos anzünden? Kreuzfahrtschiffe am Auslaufen hindern? Ansätze dazu gibt es schon.

Und die Kirche? Vierzehn Jahre habe ich in der Evangelischen Akademie Bad Boll mitgearbeitet, die in unzähligen Tagungen und Veranstaltungen Vorarbeit für ökologische Verantwortung  geleistet hat. Man fragt sich, was davon nun wirklich umgesetzt  wird. Predigen allein reicht ja sicher nicht.

1976 forderte ich als Vikar in einer Bezirkssynode, dass sich Christen und Kirchen auf eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Straßen freiwillig verpflichten sollten. Wie immer, wenn es in der Kirche  konkret wird, wurde der Antrag abgelehnt. Jetzt (!) nach über 40 Jahren kommt der württembergische Landesbischof reichlich spät auf die gleiche Idee. Jetzt wäre doch wohl ein radikalerer Schritt angezeigt.

Ein zunehmend wichtiger Wirtschaftsfaktor ist der Tourismus. Urlauber müssen ebenso umdenken wie auch die Supermarktkunden. Es gibt Alternativen zum Massentourismus, wenn man nicht nur auf den Billigpreis schaut. Manche kirchlichen Veranstalter sind da Vorreiter. Im Grunde könnte jede lokale Kirchengemeinde auf entsprechende Gästehäuser hinweisen und so alternativen Urlaub propagieren. So kann man  einheimische Familien statt internationale Tourismuskonzerne fördern. In der Schweiz – so höre ich – haben Kinder schon manche Eltern von Flugreisen abgebracht.

https://parentsforfuture.de.

Irgendwie geht mir eine Zeile aus der Tübinger „Bauernoper“ von 1973 (Karsunke/Janssen) nicht aus dem Kopf: „Geschlagen ziehen  wir nach Haus, die Enkel fechten’s besser aus.“

Meine Mondlandung

Viele Leute erinnern sich an die Mondlandung 1969. Ich studierte damals in Heidelberg und hatte nur ein mieses Zimmer gefunden. Meine Vermieterin hockte stets in der kleinen Küche, von wo sie beobachten konnte, wer in die Wohnung kam. Damenbesuch war natürlich strikt verboten. Sie war geizig und sammelte die Miete bar  ein. Im Unterschied zu den beiden anderen Untermietern ließ ich mich immer auf ein Schwätzchen ein, weil ich mir davon eine Verbesserung der Stimmung im Haus versprach. Vielleicht lud sie mich deswegen ein, die Übertragung der Mondlandung im Fernsehen mit anzugucken. Bis dahin hatte ich nicht einmal bemerkt, dass ein Fernseher im Haus war. Ich staunte nicht schlecht, als sie mich in ihr durchaus luxuriöses Schlaf-Wohnzimmer führte, wo ein großer Farbfernseher stand, über den damals nur wenige verfügten.

Mein Amerika-Bild hatte durch den Vietnamkrieg einen gehörigen Knacks bekommen. Die Propaganda im West-Ost-Konflikt war leicht durchschaubar. Ich beurteilte die ganze  Raumfahrt als gigantische Geldverschwendung und fand, man sollte mit den Finanzen erst einmal den Hunger auf der Erde bekämpfen. Damals wusste ich  nicht einmal, dass das Unternehmen Apollo nach heutigen Gegenwert 150 Milliarden Dollar verschlang. Dennoch konnte ich meine gewisse Begeisterung über diese technische Leistung nicht verhindern. Als ich Jahre später in Cap Canaveral die vergleichsweise primitiven Mondfahrzeuge sah, steigerte sich meine Bewunderung für den Mut der Mondfahrer.

Bei den gegenwärtigen medialen Diskussionen fällt mir auf, dass man diese Begeisterung wiederbeleben will. Und der Wettkampf wird nun nicht mehr mit der verblichenen Sowjetunion durchgeführt, sondern mit der neuen Supermacht China.

Was nämlich völlig ausgeblendet wird, ist die Militarisierung des Weltalls.   „Der Kampf um die militärische Dominanz des Weltraums ist entbrannt“, erklärt Götz Neuneck vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik  (IFSH). Und: „Die USA forcieren mit Trumps Ankündigung und Milliardeninvestitionen die Ängste Chinas und Russlands. Trump stößt die Tür zu einem neuen teuren und gefährlichen Offensiv-Defensiv-Wettrüsten mit Russland und China auf.“

Erst gingen die USA in die Offensive und nun ziehen die NATO, Frankreich – und womöglich sogar Deutschland – im Weltraum in den Krieg, indem sie ihn auch offiziell zu einem potenziellen Schlachtfeld erklären und dementsprechende Kommandos aufstellen wollen. Gleichzeitig torpediert der Westen seit Jahren Versuche durch China und Russland, einen Vertrag gegen Rüstungsspiralen im Weltall ins Leben zu rufen, nur um im selben Atemzug ausgerechnet diesen beiden Ländern die Schuld daran zu geben, dass man sich um die Aufrüstung des Alls bemühen müsse.

Vgl. https://www.imi-online.de/2019/07/18/iron-sky-und-die-militarisierung-des-weltalls.

Christliche Theologen halten sich bisher auffallend zurück. Mir ist nur eine Predigtreihe in der Berliner Gedächtniskirche bekannt. Es ist zu hoffen, dass die Prediger einen Weg finden zwischen kritikloser Begeisterung und antiwissenschaftlicher Verdammung.

https://www.deutschlandfunk.de/predigtreihe-zur-mondlandung-winzling-im-weltall.886.de.html?dram:article_id=454154

Im Juli 1969 beendete ich bald nach der Mondlandung mein Semester in Heidelberg und fuhr anschließend mit einem Freund in meinem R4 nach Marokko bis in die Sahara. Unsere Erde, fand ich, ist groß genug und bietet genügend unerledigte Aufgaben. Zum Beispiel aus Wüsten Gärten machen, damit Menschen nicht länger hungern. Das  erscheint mir wichtiger, als auf dem Mond nach Wasser  zu suchen.

Harald Lesch in Tübingen

Dass wissenschaftliche Vorträge Spaß machen können, beweist Professor Harald Lesch regelmäßig im Fernsehen. Kein Wunder also, dass heute die Massen strömen zu seiner Johannes-Kepler-Vorlesung  „Die Mathematik und das Universum“ in der Universität Tüningen. Locker läuft er  auf und ab, hockt sich mal auf die eine, mal an die andere Seite – frei sprechend, immer das Publikum im Blick. Jedes Argument wird mit einem Schaubild unterlegt.

Von den mathematischen Erklärungen verstehe ich so viel, dass neue physikalische Entdeckungen mit einer Fortentwicklung der Mathematik einhergehen. Keplers Credo: „Wir können die Bewegungen am Himmel berechnen! Wir Menschen sind in der Lage Naturgesetze im Himmel zu finden und zu überprüfen. Am Kosmos und seinen Objekten müssen sich die Theorien beweisen. Beobachtungen bestätigen oder zerstören Hypothesen und Theorien. Und noch heute sind es die keplerschen Gesetze, die wir in der modernen Astrophysik verwenden, sei es bei der Suche nach der Dunklen Materie, den leuchtenden Scheiben um schwarze Löcher oder der Suche nach Planeten um andere Sterne geht. Kepler schreibt immer noch mit an den Schlagzeilen vom Rand der erkennbaren Wirklichkeit.“

Man spürt ihm die Begeisterung für seine Wissenschaft ab, aber auch die Resignation angesichts des Dummheit gegenwärtiger Politik.

Es wundert mich nicht, dass in der Diskussion vor allem der Klimawandel besprochen wird. Die Informationen, die Lesch dazu vorstellt, sind allerdings deprimierend. Erträglich sind die Fakten durch seinen nie versiegenden Humor, aber auch durch die erfrischende Aggressivität angesichts der Blindheit heutiger „Eliten“. Sein pessimistisches Resümee: Seit den Analysen „Grenzen des Wachstums“  des „Club of Rome“ 1972 ist alles nur schlimmer geworden. Die Erderwärmung beschleunigt sich dramatisch. „Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln.“ Deswegen widerspricht er der offenbar schon ernsthaft diskutierten Idee, die Sonneneinstrahlung durch technische Manipulationen zu vermindern.

Trotzdem brauchen wir Optimismus für die Zukunft. Wir müssen uns z.B. mehr Zeit nehmen, weniger unnötige Dinge produzieren. „Ich bin für mehr Feiertage, wo wir allerdings dann nicht verreisen, sondern bei uns bleiben.“ Universitäten sollten nicht für die Industrie arbeiten, sondern wieder Stätten der Reflektion werden.

Da er u.a. an einer katholischen Universität arbeitet – „ich bin als Protestant der Quotenketzer“ – wurde er auch nach Gott gefragt. Lesch betont, dass auch Naturwissenschaftler sich der Frage nach dem Sinn des Lebens stellen müssen. Eine nicht nur philosophische, sondern auch religiöse Aufgabe. Denn es gibt Erkenntnisse, die nicht messbar sind. Die Berechenbarkeit der Natur hat eben auch zu ihrer Ausbeutung und Zerstörung geführt. Und: Das Naturbild ist nicht die ganze Welt. Nicht zufällig begann Harald Lesch mit einer Vorlesung eines Abschnitts aus Hannah Arendts Buch „Vita Activa oder vom tätigen Leben“. In diesem Sinn appelliert er an die jungen Physiker, ihre Wissenschaft öffentlich zu machen.

Manche Gedanken hat Lesch schon früher unverdrossen vorgetragen, z.B. in dieser TV-Sendung:

https://swrmediathek.de/player.htm?show=2de55f30-4f8d-11e8-ba49-005056a10824

Tatort Tübingen

Joe Bausch, der bekannte Gerichtsmediziner Dr. Roth im WDR-Tatort, macht sich keine Illusionen: „Dass so viele Leute gekommen sind, liegt sicher nicht am Interesse für den Strafvollzug.“ Alle wollen am Montag den bekannten Gefängnisarzt und Schauspieler einmal live erleben.

Erstmals sitze ich auf den engen, ständig knarrenden Holzklappstühlen im Hörsaal 9 der juristischen Fakultät Tübingen. Man fühlt sich wie im Mittelalter, als sich herausstellt, dass der Saal nicht zu verdunkeln ist und der Referent auf seine Powerpoint-Präsentation verzichten muss. Dann hängt man ihm noch ein Mikrophon um den Hals, das lange nicht angeschaltet wird. Wie erbärmlich für eine Universität, die sich mit Künstlicher Intelligenz schmückt!

Joe Bausch liefert dennoch den erwarteten glänzenden Vortrag, dessen Inhalt ich allerdings schon weitgehend aus seinen Büchern kannte. Ich habe die beiden erst kürzlich hier vorgestellt.

https://wolfgangwagnerblog.wordpress.com/2019/06/04/knast/

Ziel seines Vortrags war es, die Jurastudenten für den Strafvollzug zu sensibilisieren. Am besten sei es, wenn sie dort einmal ein Praktikum machen und nicht nur am „Tag der Offenen Tür“ hineinschauen. „Da sehen Sie gar nichts!“ In diesem Zusammenhang forderte er eine bessere wissenschaftliche Begleitung des Strafvollzugs, die offenbar unzureichend ist. Natürlich fehlt auch geeignetes Personal, vor allem gibt es zu wenig Ärzte, viel zu wenige Psychiater. Bei über 80000 Haftplätzen gibt es für auffällige Gewalttäter nur 2000 verhaltenstherapeutische Angebote. Dabei nehmen die psychisch Kranken, aber auch die Drogenabhängigen zu. Wichtig ist da die Drogen-Substitution. Bausch hat seinerzeit die erste Patientin in Haft substituiert, also ein Ersatzmedikament gegeben. Heute ist das Standard. Bausch hat also einige Erfolge vorzuweisen, findet aber dennoch, „dass unsere Generation mit der Resozialisierung versagt habe und Sie, die nächste Generation, das besser machen müsse.“

Positiv habe sich auch der Einsatz von weiblichen Bediensteten ausgewirkt. Mittlerweile sind 15% der AvDs weiblich.

Früher hatte die meisten Straffälligen einen Beruf. Heute von zehn Neuzugängen nur einer. Da müsse es eine Aufgabe sein, dass sie eine Ausbildung bekommen, die ihre Vermittlung auf den Arbeitsmarkt erleichtere.

Natürlich hat Bausch viele Forderungen an Politiker, die allerdings  mit Reformen im Strafvollzug keine Wahl gewinnen können. Bei jedem brutalen Verbrechen wird hingegen eine Strafverschärfung gefordert. Der einzige Bundespräsident, der jemals eine Haftanstalt besucht habe, sei Gustav Heinemann gewesen. Das ist ziemlich lange her.

In seiner humorvollen Art macht Bausch jedenfalls Lust im Gefängnis zu arbeiten. Ich habe deswegen meine Mitarbeit als ehrenamtlicher Gefängnisseelsorger heute bis zum Januar verlängert. Im Wechsel mit dem katholischen Kollegen halte ich alle 14 Tage im Rottenburger Gefängnis zwei Gottesdienste. Sie sind –  aus welchen Gründen auch immer – gut besucht.

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Sie-fanden-ihn-als-Killer-besser-421615.html

Ärztliche Mission

Ein eingetragener Verein braucht eine ordentliche Mitgliederversammlung, so auch das „Deutsche Institut für ärztliche Mission“ e.V. (Difaem) Tübingen. Da ich im Verwaltungsrat bin, darf ich nicht fehlen, obwohl ich die meisten Informationen schon kenne. Über das Difaem habe ich bereits öfter berichtet. Zuletzt die Beiträge auf dem Kirchentag mit Dr. Denis Mukwege und der  entsprechenden Resolution zur katastrophalen Situation im Kongo. https://difaem.de/aktuelles/dr-denis-mukwege.

Die Resolution braucht natürlich noch weitere Unterstützung. Ebenso das neue Kompetenzzentrum, das in Verbindung mit der Evangelischen Universität in Afrika (UEA) aufgebaut wird.

Ein weiterer TOP war die Difaem-Stiftung „Gesundheit Weltweit“, an der man sich beteiligen kann.

Ich gebe zu, dass ich als Theologe nur mäßige Leidenschaft für die Finanzkontrolle aufbringe. Es reicht mir, wenn ein anerkannter Prüfer keine Beanstandungen hat. Mit Spenden muss man  natürlich besonders sorgsam umgehen.

Wenig Ahnung hatte ich bisher  von den Managementproblemen eines Krankenhauses, habe ich mich doch als Seelsorger allenfalls auf Patientengespräche konzentriert. Zum Difaem gehört aber die Tropenklinik, die mit dem Pflegenotstand und allerlei gesetzlichen Vorgaben zu kämpfen hat. Als Laie fragt man sich, ob unsere Regierung in der Gesundheitspolitik die richtigen Entscheidungen trifft.

Erfreut hat uns aber bei vielen geäußerten Schwierigkeiten diese Nachricht:

Die  Klinikstudie des F.A.Z.-Instituts von 2018 führt die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus unter den zwanzig besten Krankenhäusern Deutschlands. Das Team erreichte im Ranking 88,5 von 100 möglichen Punkten. Kein Wunder, dass die Tropenklinik in der Region einen erstklassigen Ruf hat und besser bekannt ist als der „Träger“ Difaem.

Es wird immer wieder neue Anstrengungen brauchen, um den christlichen Charakter des Hauses zu gewährleisten. Allein mit moralischen Appellen kann man keine Mitarbeiter gewinnen oder halten. Schon deswegen ist es wichtig, dass wir Mitglieder auch politisch eine Lobby bilden für eine bessere Gesundheitspolitik. Dazu brauchen wir aber Vorlagen. Ich kriege täglich viele Initiativen mit der Bitte um Unterzeichnung serviert, aber keine, die sich auf die deutschen Verhältnisse beziehen.

Ein Blick in die Runde lässt nicht übersehen, dass unsere Mitgliedschaft überaltert ist. Es ist eine ständige Frage, wie man jüngere in die Arbeit einbinden kann. Vermutlich muss man dafür die Mitgliederwerbung verändern. Bei tausenden Medizin- und Theologiestudenten in Tübingen müssten sich doch genügend Kandidaten finden lassen. Es würde sich lohnen, wenn man auf das Selbstbild des Krankenhauses schaut:

„Menschlichkeit und Leistung werden ausgewogen berücksichtigt. Wir sind uns bewusst, dass wir uns in einem Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Barmherzigkeit und Fürsorgepflicht bewegen. Fort- und Weiterbildungen verbessern die Qualität der Krankenhausarbeit und steigern die Zufriedenheit der Mitarbeitenden.

Mit Zeit und Geld gehen wir verantwortungsvoll um. Wir wissen, dass die materiellen Reserven begrenzt sind und berücksichtigen wirtschaftliche und ökologische Gesichtspunkte in allen Arbeitsbereichen. Als Christen sehen wir eine rein marktwirtschaftliche Orientierung und das Gewinnstreben im Gesundheits- und Sozialwesen kritisch, weil diese zu weiterer Benachteiligung der finanziell Bedürftigen und Schwachen führen, denen unsere Solidarität und Aufmerksamkeit gilt.

In allen Arbeitsbereichen wird der Qualitätssicherung ein großer Stellenwert beigemessen. Wir handeln entsprechend unserer Verpflichtung, Mittel und Spenden sachgemäß zu verwenden. Das Recht auf Leben und das Recht auf Gesundheit sind von den Vereinten Nationen als Menschenrechte anerkannt – durch unsere Arbeit tragen wir zu ihrer Verwirklichung bei.“

https://www.tropenklinik.de

Högerland

Die meisten Deutschen, die noch in der Schweiz Urlaub machen, wollen im Sommer  in die Berge und im Winter in die Skigebiete. Das „Mittelland“ interessiert sie meistens nicht.  Sehr schade! Wir besuchen eine  Woche lang Freunde und Verwandte eben dort. Für mich eine Gelegenheit, die Gegend um Bern besser kennen zu lernen.

Mein Reiseführer ist der „Dichterpfarrer“ Kurt Marti, Högerland, Ein  Fußgängerbuch (Luchterhand Literaturverlag Frankfurt 1990), das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist. Eine neue Auflage ist nicht zu erwarten, sonst müsste sie unbedingt ein Ortsverzeichnis, am besten mit einem Kartenteil erhalten. Marti ordnet seine Wanderungen in und um Bern herum nicht übersichtlich-geografisch, sondern chronologisch vom 3.4.1985 bis 7.11.1989. Die nun über dreißig Jahre alten Texte haben aber kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt –  oder soll man Zeitlosigkeit sagen? Zwar stolpert der deutsche Leser über  manchen „berndütschen“ Dialektausdruck, aber dadurch wird einem das Eigentümliche der Schweiz besonders nahe gebracht. Höger sind beispielsweise Hügel oder kleinere Berge. Dort findet man nicht nur kulturelle Schmuckstücke, sondern auch eindrucksvolle Menschen. Ihr Leben in Geschichte und Gegenwart stellt Marti einem plastisch vor Augen. Fast prophetisch finde ich seine kritischen Bemerkungen zum Autowahnsinn auf den Straßen, aber auch zu den im Bewusstsein verdrängten schweizerischen Atomkraftwerken. Werden denn noch immer mehr als 40% von Berns Elektrizität durch Atommeiler erzeugt? S.63. Da kann er schon schwermütig Dennis Meadows, Mitautor der Studie „Grenzen des Wachstums“, zitieren: „Die Menschheit verhält sich wie ein Selbstmörder und es hat keinen Sinn mehr, mit einem Selbstmörder zu argumentieren, wenn er bereits aus dem Fenster gesprungen ist.“ S.233. Altersweise Resignation? Auch in der Schweiz demonstrieren jetzt freitags die Schüler. Lange haben wir mit Marti darauf gehofft. Zu fast  jedem Kriegs-Denkmal fällt ihm eine alternative Geschichte ein. Wer seine theologischen Schriften kennt, wundert sich darüber nicht.

Eine der tausend Jahre alten Kirchen um den Thuner See herum schauen wir genauer an. Über die in  Amsoldingen schreibt er: „Christen beten um Kraft aus der Höhe. Früher kannten sie aber auch die Strahlungskräfte der Erde und der Atmosphäre, respektierten in ihnen das sinnreiche Walten des Schöpfers. Davon wissen wir wenig mehr. Heute werden Kirchen gebaut, wo gerade ein passendes Grundstück  erhältlich ist. Was zählt ist der Quadratmeterpreis, nicht die „Energie“ eines Ortes… Zarter Lichteinfall. Vielfarbig bringt er die Steine des Mauerwerks zum Leuchten. Ein Raum von robuster, zugleich auch spiritueller Präsenz. Geistort, Stockhornmystik.“ S. 83.

Wie Marti ärgere ich mich, dass der nahe See  nicht zugänglich ist. „Warnend groß auf einem Schild: PRIVAT! Zu deutsch: GERAUBT!“ S.84.

Den Beitrag über Louis Claude de Saint-Martin kann ich sogar für meine nächste Ansprache am 14.Juli gebrauchen: „ „Die Seele des Menschen kann nur leben von Bewunderung.“ „Das Schweigen der Natur ist das Beredsamste, was es gibt.“ „Die Zeit ist der Winter der Ewigkeit.“ Sätze von Saint-Martin, entnommen einem Büchlein von Gerhard Wehr (1980), das auf  den Theosophen wieder aufmerksam zu machen versucht und Verbindungslinien bis hin zu Rudolf Steiner und C.G. Jung zieht. Übrigens hat sich auch Honoré de Balzac von Saint-Martin anregen lassen. „Gott selbst ist es, der  in uns weint…“, konnte der französische Landadelige schreiben. Wie seinem Lehrmeister und zeitweiligem Chef Martinez de Pasqually (1727-1774), Gründer des esoterisch-freimaurerischen Martinistenordens, ging es ihm um die Wiedervereinigung des Menschen mit Gott…. Ironie der Geschichte freilich: die triadische Devise der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“  war – Saint-Martins Schöpfung!“ S. 19f.  1798 jedenfalls stürzten napoleonische Truppen das Patrizierregime Berns mit dieser Parole.

Auf Napoleon – so lerne ich – waren die Berner nicht gut zu sprechen. Er mochte die Stadt nicht, was ihn nicht hinderte, ihren Goldschatz mitzunehmen.

Nicht nur ein Ortsregister vermisse ich, sondern auch ein Personenregister. Nochmal nachlesen, was er über Horkheimer, Bakunin, Lenin, Cooper (Lederstrumpf) oder Dorothee S.(ölle) und die vielen mir unbekannten Größen der Berner Geschichte schreibt.

War da nicht auch was über Albert Einstein, dessen Museum wir am letzten Tag besuchen? Es befindet sich im riesigen Berner Historischen Museum, das man unmöglich an einem Tag bewältigen kann.

Ja, Einstein studierte und arbeitete einige Jahre in Bern. 1901 bekam er die schweizerische Staatsangehörigkeit. Ich gebe zu, dass ich seine physikalischen Forschungen noch immer nicht wirklich verstehe. „1905 eine Explosion von Genie. Vier Publikationen über verschiedene Themen, deren jede, wie man heute sagt, nobelpreiswürdig ist: die spezielle Relativitätstheorie, die Lichtquantenhypothese, die Bestätigung des molekularen Aufbaus der Materie durch die ‚brownsche Bewegung‘, die quantentheoretische Erklärung der spezifischen Wärme  fester Körper.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker)

Bewundert habe ich  immer seinen Pazifismus. Weniger schön finde ich,  wie er mit seinen Frauen umgegangen ist. Seine Studentenliebe Mileva Maric hat er zwar gegen den Willen der Familien geheiratet, aber dann doch schäbig behandelt. Die vorehelich geborene Tochter Lieserl muss er komplett verleugnet haben. Über das Schicksal des Mädchens ist nichts bekannt; seine Existenz wurde von den Eltern verheimlicht. Möglicherweise starb es 1903 an Scharlach oder wurde zur Adoption freigegeben. Mileva gehörte zu den ersten Studentinnen der Physik, hat ihm nicht nur in Mathematik geholfen, sondern auch  – wie Mann so sagt – „den Rücken frei gehalten“ und sich  um Haushalt und die beiden Kinder gekümmert. Zum Dank dafür hat er sich mit anderen Frauen amüsiert.

https://www.bhm.ch/de/ausstellungen/einstein-museum/

Landessynode Württemberg

Dass an einem lauen Sommerabend ein paar Leute sich für die Württembergische Landessynode engagieren, ist hoch zu ehren. Denn die meisten interessieren sich für Kirchenpolitik  erst, wenn ihre persönlichen Interessen bedroht sind oder  ein Skandal die Runde macht. Dann heißt es schnell „Die Kirche sollte mal…“ – und das sind immer die anderen. Aber so funktioniert die Evangelische Kirche nun einmal nicht, die sich (mit Einschränkungen) der Demokratie verpflichtet weiß. Und die ist bekanntlich anstrengend. Unser Synodaler Harald Kretschmer („Offene Kirche“) lädt regelmäßig vor Tagungen der Synode zum Gedankenaustausch ein. Und so überlasse ich den Baggersee anderen und mache mich ins Tübinger „Haus der Kirche“ auf.

https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/synodale-von-a-z#layer=/synode/dr-harald-kretschmer.

Fleißig sind sie jedenfalls, die Synodalen und Kirchenbürokraten. 33 Tagungsordnungspunkte sollen sie abarbeiten. Schon beim ersten TOP stocken wir: „Entscheidungen am Beginn und am Ende des Lebens“. Was soll das denn sein?

Es geht um ethische Bewertungen von vorgeburtlichen Eingriffen einerseits und Sterbehilfe andererseits.

  1. Seit 2012 sind in Deutschland Blutuntersuchungen (Nichtinvasive Pränataldiagnostik) der Schwangeren zur Feststellung von autosomalen Trisomien zugelassen, müssen jedoch in der Regel privat bezahlt werden. Es geht nun darum, ob im Sinne einer sozialen Gerechtigkeit die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen sollen. Eine Finanzierung durch die solidarische Krankenversicherung könnte die Nichtinvasive Pränataldiagnostik (NIPD) in der frühen Schwangerschaft zur Routine werden lassen, zumal diese Methode auch das Fehlgeburtsrisiko vermeidet, welches mit dem bisherigen invasiven Vorgehen einherging. Die Evangelische Kirche beteiligt sich an der gewünschten gesellschaftlichen Debatte über die Konsequenzen einer Aufnahme der NIPD in die Regelversorgung. Denn der damit verbundene Übergang von einer ausschließlich individuell verantworteten und finanzierten zu einer durch die Solidargemeinschaft getragenen Praxis könnte deutliche Veränderungen im Umgang mit dem ungeborenen Kind mit sich bringen. Insbesondere die Katholische Kirche fürchtet eine Zunahme der Abtreibungen und bevorzugt zwar klare, aber damit auch moralisch-rigorose Aussagen. Die Evangelische Ethik sollte m.E. zwar  die Gewissen schärfen, Beratung anbieten, aber auch den sozialen Gerechtigkeitsaspekt einbringen.
  2. Die klassische theologische Ethik („das Leben ist Gottes Geschenk“) kritisiert aktive Sterbehilfe. Die Kirchen fördern darum den Ausbau der Schmerztherapien. Offenbar wirken diese aber bei 5 % der Schwerstkranken nicht. Die Debatte ist darum international schon länger eröffnet, ob Ärzte beim Suizid assistieren dürfen. Auch hier sollte  sich m.E. die Evangelische Kirche von der Katholischen Kirche unterscheiden und der Gewissensfreiheit eine Lanze brechen. Die säkulare Öffentlichkeit hat sich sowieso von der traditionellen Moral emanzipiert und wird mehr und mehr auch die Gesetzgebung beeinflussen.

Auf die Debatte in der Landessynode darf man gespannt sein. Sie hat auch in unserm Vorbereitungskreis die meiste Zeit eingenommen. Andererseits sind das keine typisch württembergischen Probleme. Es müsste reichen, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vernünftige Stellungnahmen abgibt, die dann allerdings in  den Gemeinden und in der weiteren Öffentlichkeit diskutiert werden sollten. Ich finde es übel, wenn solche Debatten zunehmend von Fernsehstars angeführt  werden.

Die Synode hat sich in den letzten Sitzungen zur Frage der Trauung homosexuell liebender Menschen schwer getan. Dr. Kretschmer hat immer weder auf die Schuld der Kirchen hingewiesen, die bis in die jüngste Vergangenheit an der Diskriminierung und Verfolgung dieser Menschen beteiligt  war. Nun will der Landesbischof Frank Otfried July dazu am Freitag eine „Bitte um Vergebung für Unrecht, das von unserer Kirche an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde“ aussprechen. Listigerweise wird diese Bitte in einer Andacht als „Liturgischer Impuls“ ausgesprochen. Das verhindert eine weitere unselige Debatte mit den vielen Pietisten, denen diese Bitte nicht gefallen wird.

Natürlich geht es in einer Synode vor allem um innerkirchliche Gesetze sowie Finanzen und deren Verteilung. Da müssen sich die Synodalen und wir Zuhörer viele langen Berichte anhören. Wirkliche Diskussionen miteinander sind eher selten. Meistens spulen die Synodalen ihre Voten einfach hintereinander ab. Kontroversen werden selten offen ausgetragen.

Möglicherweise wird es aber kontrovers, wenn in „Förmlichen Anfragen“ gefragt wird, warum der Oberkirchenrat etwa eine Resolution zur Lage in Palästina des Lutherischen Weltbundes – die Landeskirche ist dort Mitglied! – nicht weiter publiziert hat. Meine Vermutung: Man will keinesfalls Ärger mit den Israel-Freunden in der Landeskirche oder gar den Vorwurf des Antisemitismus sich aufhalsen.

Man kann mittlerweile die Tagungen der Landessynode im Internet verfolgen, so auch die nächste vom 4.-6. Juli.

https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/sitzungen-der-landessynode/fruehjahrstagung-2019-1

Oratorium Jephtha

Ich mag Händels Musik. Meine CDs „Messias“ gehören wohl zu den bei uns  häufigst  gespielten. Als jüngst in einer Tübinger Kirche sein Oratorium „Jephtha“ vom Chor des Evangelischen Stifts aufgeführt wird, gehe ich spontan hin. Gut, 20 € Eintritt finde ich für ein Kirchenkonzert nicht wenig, aber die Berliner Oper wäre teurer. https://www.komische-oper-berlin.de/programm/a-z/jephtha.

Die Aufführung ist gut und wird mit viel Beifall belohnt. Gleichwohl finde ich, dass solche Oratorien wie zu Händels Zeiten in die Oper gehören. Warum?

Das Textbuch mit den deutschen Übersetzungen gibt die Antwort. So schön die englischen Gesänge sind, es wäre besser, man verstünde sie nicht. Denn sie transportieren eine Theologie, die nicht mehr die heutige ist. Mag sein, dass das reichlich vertretene Bildungsbürgertum abstrahieren und sowohl die alttestamentliche Grundlage als auch das Libretto von Reverend Thomas Morell historisch einordnen kann. Ich fürchte allerdings, dass sich bei vielen das Vorurteil über die „alltestamentarische Gewalt“ verfestigen kann. Ich arbeite jedenfalls derzeit mit Leuten, die die Bibel wörtlich nehmen und bei der  Lektüre des „Buches der Richter“ ein fürchterliches Gottesbild gewinnen.

Das geht aber nicht nur schlichten Gemütern so. Als ich in den 80iger Jahren friedensbewegt ein Streitgespräch über die damals aktuelle Friedensdenkschrift der EKD in der Bezirkssynode mit dem Reutlinger Prälaten führte, wies dieser zu meinem Entsetzen darauf hin, dass es in der Bibel – er meinte die Bücher Josua und Richter – doch auch eine Kriegstheologie gäbe. Ja, die gibt es und sie hat schlimme Folgen gehabt, weshalb sich die Weltkirchen 1948 auf den Satz geeinigt haben „Krieg soll um Gottes Willen nicht sein.“

Da die Bibel nicht mehr zum Bildungskanon gehört, werden viele erstmals von dieser Geschichte (Buch der Richter Kap.11) gehört haben, in der ein Kriegsheld seine Tochter opfert als Dank, dass Gott ihm den Sieg über die Feinde Israels gewährt hat. Im Oratorium wird diese Grausamkeit abgemildert, weil ein Engel dazwischen geht: „Kein Schwur kann das Recht Gottes ersetzen.“  Die Tochter soll stattdessen zu ehe – und kinderlosem Leben verdammt sein. Gut verständlich, dass die Gemeindediakonin über diesen frauenfeindlichen Aspekt später nur den Kopf schütteln konnte. Ich meinte bei der Passage „Glücklich sollst du deine Tage in reinem engelhaften jungfräulichen Stand verbringen…“ im Chor der Stiftsstudentinnen ein distanzierendes Grinsen gesehen zu haben. Man braucht keine feministische Theologie, um zu denken, dass der Textdichter hier kräftig vom militaristischen Regen in die frauenfeindliche Traufe gekommen ist.

Nein, in die Oper damit! Ich bin sicher, dass heutige Regisseure in ihrer Inszenierung etwas Kritisches daraus machen können, was bei einer konzertanten Aufführung natürlich nicht möglich ist.

Hätte ich für jene Kirche die Leitungsverantwortung, hätte ich eine Aufführung nur nach einer theologischen Einleitung zugestimmt, die ausführlicher als jene vom Musikrepetenten im Programmheft die heutige Diskussion zum Verständnis des Alten Testaments referiert. Auch das Konzertpublikum einer Universitätsstadt ist damit nämlich nicht auf der Höhe der Zeit.

Wenn die biblischen Texte keine historischen Berichte, sondern Glaubenszeugnisse sind, dann muss man sie so auslegen, dass sie erneute zur Anrede an den Menschen in der Gegenwart werden, als Motiv und Impuls heutigen, neuen Glaubens. Etwas anderes hat in der Kirche nichts zu suchen.

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/jeftah/ch/3e04a13b4e8c8b6bff8c616582850f82/