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Zweiter Advent im Knast

Beifall gibt es in meinen Gefängnisgottesdiensten eher selten. Doch diesmal klatschen sie sogar bei der Begleitung der Lieder. Ich habe „die Hurgler“ zu Gast, eine Rottenburger Fasnetskapelle. Bei ihrem beschwingten Nachspiel kennt die Begeisterung der sonst so müden Insassen keine Grenze. „Zugabe“ fordern sie lautstark. Endlich  gehen sie fröhlich in ihre Zellen zurück.

Mich bestärkt diese Erfahrung in meiner Unzufriedenheit mit der üblichen Liturgie. In unserm  Gefängnis finden die Gottesdienste wechselnd unter katholischer und evangelischer Leitung statt. Die 60-80 teilnehmenden Männer dürften jeweils dieselben sein. Die Probleme mit dem offiziellen Gesangbuch auch. Selbst die populärsten Choräle singe ich meistens fast allein.

Wir starten mit Nr.  1  „Macht hoch die Tür“. Ich wundere mich, dass keiner dazwischenruft: „Dann schließ doch auf.“ Der schwere Schlüsselbund drückt unter meinem Talar. Die geniale Verdichtung des 24. Psalms von Georg Weissel, immerhin aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, verfängt nicht. „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, / meins Herzens Tür dir offen ist, /  Ach zieh mit deiner Gnade ein; / dein Freundlichkeit auch uns erschein. / Dein Heilger Geist uns führ und leit / den Weg zur ewgen Seligkeit. / Dem Namen dein, o Herr, / sei ewig Preis und Ehr.“   EG 1,5

Bis zur letzten Strophe haben viele das Lied noch nicht gefunden. Immerhin: Einer fragt später, ob er das Gesangbuch mit in die Zelle nehmen kann. Leider nein! Ich hoffe, er kann es aus der Gefängnisbibliothek bekommen. Die sollte ich mir demnächst mal ansehen Zehn Bücher pro Woche dürfen sie ja ausleihen.

Zum Gebet lasse ich sie aufstehen. So kehrt Ruhe ein, sogar bei der obligatorischen „Stille“. Ich dehne sie aus bis die Konzentration nachlässt.

Meine Predigt habe ich aufgeschrieben, spreche aber ohne Manuskript. So kann ich am besten unterbinden, wenn wieder einige losschwatzen wollen. Aus der nicht ganz leichten Perikope (Lukasevangelium Kap.21,25-33) nehme  ich den Wochenspruch „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“.

„Erhebt eure Häupter!“ – das ist eine sehr vornehme Aufforderung. Wir normalen Leute haben Köpfe, nur bei Königen oder andern hochgestellten Persönlichkeiten sprechen wir vom „Haupt“. Offenkundig werden Christen geadelt, wenn wir so angesprochen werden.

Häufiger hören wir wohl das aufmunternde „Kopf hoch“. Da ist einer niedergeschlagen, krank, enttäuscht oder depressiv. Dann sagen Freunde und Bekannte: „Kopf hoch!“ Wenn wir allerdings merken, dass da einer sich billig  davon machen will, sich gar nicht auf unser Leid einlässt, reagieren wir sauer. Dennoch ist es befreiend, wenn wir selber unsern Kopf wieder frei kriegen.

In manchen Ländern werden Gefangene ganz bewusst klein gemacht. In China z.B. sieht man Gefangene, die schon vor dem Urteil den Kopf zu senken haben. Ein Angeklagter darf  da nicht aufrecht vor dem Richter stehen, der Verurteilte erst recht nicht. Ich hoffe, dass das hier keiner erlebt. Denn unsere Justiz will keine Rache, sondern Resozialisierung. Jeder soll einmal aufrecht dieses Haus verlassen können. Es mag sein, dass für die meisten die Entlassung eine Art Erlösung ist. Doch schnell wird man  merken: „Draußen“ gibt es neue „Gefängnisse“. Man kann gefangen sein von der Überforderung, sein Leben wieder zu organisieren. Gefangen von der Unfähigkeit, liebevolle Beziehungen aufzubauen. Zur Zeit sind viele in der Vorweihnachtszeit gefangen vom Konsumrausch. Doch wie jeder Rausch verfliegt der auch  schnell. Insbesondere wenn man Schulden macht. Deswegen ist Freiheit noch keine Erlösung, sondern eine Aufgabe.

Was ist denn Erlösung? Warum nennen  wir Christus Jesus den „Erlöser“? Traditionell gesagt: Weil er uns befreit von Sünde, Tod und Teufel.

Der Evangelist Lukas drückt das in Bildern seiner Zeit aus, die wir „apokalyptisch“ nennen. Apokalypse heißt einfach Offenbarung, wörtlich „aufdecken“. Hinter den schlimmen Katastrophen, die die Menschen zu allen Zeiten ängstigen, sieht er die gute Macht Gottes.

Ich übersetze: Gott hat das letzte Wort über uns. Leider haben die Menschen immer nur die Katastrophen ausgemalt. Eine ganze Filmindustrie lebt heute davon. Deswegen ist für viele Apokalypse ein anderes Wort für Katastrophe. Es ist aber in Wirklichkeit die gute Offenbarung Gottes in der Katastrophe. Weil unser Erlöser nahe ist, können wir trotz aller Katastrophen mit erhobenem Haupt durchs Leben gehen.

Jesus erklärt dies mit dem Hinweis auf den Feigenbaum. In seiner Gegend war der besonders markant. Im Winter wie tot. Auch unsere Bäume wirken wie tot. Aber es keimt schon das neue Grün. Wir sehen Winter, aber können wissen: der Frühling  ist nahe. So ist es auch mit uns. Wir mögen Kälte spüren, Hass und Frustration, aber das neue Leben ist schon da. Mancher fühlt ich hier wie ein totes, krummes Holz. Aber auch darin keimt neues Leben.  Wir sehen und fühlen es noch nicht, aber wir können aus diesem Vertrauen heraus leben.

Advent ist Zeit des Wartens und der Erwartung. Also nicht nur Zeit zum  Totschlagen. Oder zum  „Zeitvertreib“. Die Zeit soll man nicht vertreiben, sondern nutzen. „Auskaufen“ sagt der Apostel Paulus.  Sondern Zeit der Vorbereitung. Wie man sein künftiges Leben vorbereitet. Wie einem Gott zur lebendigen Kraft wird.

Ich habe mich in letzter Zeit mit Jens Söhring beschäftigt. Der war in den USA  als junger Mensch wegen Doppelmord zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Es war ein zweifelhafter Prozess. In Deutschland wäre das Jugendgericht zuständig gewesen, vermutlich wäre  mangels Beweisen ein Freispruch erfolgt. Aber in den USA bedeutet lebenslänglich wirklich Knast bis zum Tod. Wie hält man das durch? Womöglich unschuldig jahrzehntelang zu sitzen? Er hat meditiert und seinen christlichen Glauben wiedergefunden. Er hat sogar Bücher darüber geschrieben. Und nun gibt es tatsächlich ein „happy end“. Man will ihn nun nach 30 Jahren nach Deutschland abschieben. Ich bin gespannt, wenn er demnächst nach Deutschland ausgeflogen  wird. Ich würde ihn gern zu euch einladen. Er kann hier bestimmt besser predigen als ich.

Jesus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“ Darum können wir auch in üblen Umständen mit erhobenem Kopf durch das Leben gehen.

Amazing Grace

Irgendwann 1965 hörte  ich als Schüler den Neutestamentler Eduard Schweizer, der Gottesdienste forderte, die so attraktiv wie Kino seien. Das gelingt eher selten. Seitdem habe ich  solche Gottesdienste in Deutschland allenfalls auf Kirchentagen erlebt.

Gestern abend allerdings wurde sogar das Kino zum Gottesdienst. Im nüchtern-schäbigen „Arsenal“-Kino in Tübingen wippten die Leute, sprangen auf und sangen mit. Gezeigt wurde „Amazing Grace“ mit der letztes Jahr verstorbenen Gospel-Sängerin Aretha Franklin. Wir gehen im Film aber zurück in das Amerika von 1972.

Wer ihre späten Fernsehauftritte kennt, muss erst einmal schlucken, wenn sie auf der Leinwand als junge Frau quasi aufersteht. In der schmucklosen Kirche (New Temple Missionary Bapist Church Los Angeles) nimmt an zwei Abenden die schon berühmte 29-jährige Sängerin eine Platte auf, die das erfolgreichste Gospelalbum aller Zeiten werden wird. So weiß man nicht, ob die beiden Abende nun Konzert oder Gottesdienst sein sollen. Ob es wirklich um den getauften Jesus geht, der immer mal wieder mit der kirchlichen Wandmalerei ins Bild kommt, um erstaunliche göttliche Gnade oder um Freude in allem Leid hier auf Erden? Wer weiß das schon. Sieben Kameraleute und der Regisseur Sydney Pollack huschen herum. Letzterer hat bekanntlich den Film vermasselt, sodass die Aufnahmen erst jetzt verarbeitet werden konnten.

Reverend James Cleveland, der „Hausherr“ der Kirche und selber ein begnadeter Musiker (als „King of Gospel“ bekannt), führt humorvoll und freundlich durch das Programm. Er bittet die paar hundert, die in seine Kirche passen, sich lautstark bemerkbar zu machen. Die Band spielt „On Our Way“ und der Chor läuft ein mit silbernen Boleros über schwarzen Hemden. Sie heizen die Stimmung an, singen sich schier in Ekstase mit ihrem tanzenden Dirigenten Alexander Hamilton. Die „First Lady of Music: Miss Aretha Franklin“, erscheint im langen strassbesetzten weißen Abendkleid. Sie setzt sich an den Flügel und zieht einen schon beim ersten Lied „Wholy Holy“ in den Bann. Es geht weiter mit Klassikern wie „Precious Lord“ von Thomas Dorsey und „How I Got Over“ von Clara Ward und endet mit einer epischen Version von „Never Grow Old“: Musik über Erlösung, die süchtig macht. Es sind ergreifende Momente, wenn Pastor Cleveland das Klavier stehen lässt und weint. Man sieht beseelte Zuschauer, die die Arme noch oben werfen, zwischen den Stühlen tanzen oder ekstatisch zuckend unter dem Sitz verschwinden.

Die Diva wirkt bescheiden. Als später ihr Vater, selber Baptistenpfarrer,  eine Lobrede hält, ist sie wieder die kleine Tochter, die schon mit ihm auf Tournee gegangen ist. Rührend, wie er ihr mit einem Tuch den Schweiß abwischt. „Während Cleveland sich ganz und gar nach außen verströmt, scheint Aretha Franklin derweil ganz bei sich. Es wirkt, als nähme sie kaum wahr, was um sie ist, ihr Blick ist die meiste Zeit wie nach innen gerichtet, fokussiert auf eine andere Dimension; das Publikum scheint für sie höchstens in weiter Ferne zu existieren.“ So ein Filmkritiker. Zum Publikum spricht sie wenig.

Manche Panne bleibt im Film: Da legt ein umgekippter Wasserbecher das Mikrophon lahm. Einmal setzt die Sängerin neu an. Alles wirkt deswegen sehr authentisch. Sie ist nicht Gott, wie Filmenthusiasten behaupten, aber  sie weist auf ihn hin.

https://www.youtube.com/watch?v=hI96HTk3EJ0

Es gibt auch in unseren Kirchen Bemühungen, Gospelmusik von Zeit zu Zeit aufzuführen. Aber irgendwie wirkt es immer wie eine Kopie. Es fehlt das afroamerikanische Umfeld. Um so schöner, wenn man wenigstens im Kino das Original erleben kann. Schließlich kann man nicht jeden Sonntag nach Harlem reisen.

 

 

Advent im Knast

Das Gefängnis ist ein gutes Symbol für den Advent. Alle Insassen warten. Sie warten auf ihre Entlassung. Manche jahrzehntelang. Wie hält man das aus?

Einer, dessen Entlassung nun überraschenderweise bevorsteht, ist Jens Söring. Verurteilt zweimal lebenslänglich wegen Doppelmord hat er inzwischen mehrere Bücher geschrieben. In „Ein Tag im Leben des 179212“ (Gütersloher Verlagshaus 2008) schildert er seinen unglaublich brutalen Alltag. Amerikanische Gefängnisse sind um einiges härter als deutsche. Die ganze Gesellschaft scheint von dem Gedanken geradezu besessen zu sein, dass Strafe sein muss. Deshalb gibt es kaum noch vorzeitige Entlassungen. Die amerikanischen Wähler verlangen das. Es geht ihnen um Rache, nicht um Resozialisierung.

Söring macht dafür eine evangelikale Religiosität verantwortlich, die sich eher an einem strafenden Gott orientiert. Er sieht Ursprünge bei Anselm von Canterbury und Jean Calvin, nennt aber ausdrücklich Jonathan Edwards (1703-1758) mit seiner phänomenal beliebten Predigt „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“. „In Amerika gehört diese Predigt zur theologischen Grundausstattung und wird in den Kirchen gelegentlich immer noch wiederholt. Bei konservativen Gläubigen, die ja in der überwiegenden Mehrheit sind, findet man das Konzept eines strafenden Gottes ganz offen. Sie sprechen häufig und gerne davon, dass sie „saved“ (gerettet) worden sind – gerettet vor der Hölle, der gerechten Strafe Gottes.“ S.158

Der Katholik Söring möchte eine „theologische Revolution: ein neues Verständnis von Gott.“ S.160

Er selber hat es durch Meditation gefunden. Seine Gewährsleute sind neben Meister Eckhart Dietrich Bonhoeffer und der niederländische Katholik Henri Nouwen („Der verlorene Sohn“). „Das Wunderbare an der Meditation ist, dass man endlich aufhört zu fliehen und sich die Gitter und Ketten des „Ich“-Gefängnisses genauer ansieht.“ S. 172

Zu den Übungen, die er praktiziert und sogar anleitet, gehört Tai Chi. So überwindet er das gefängnistypische Gefühl der völligen Einsamkeit. „Auch fördert Tai Chi eine gewisse Eleganz und Grazie, eine Sanftheit und Schönheit in der Weise, in der man die Bewegungen durchführt. Im Knast gibt es natürlich nur sehr, sehr wenig Elegantes, Schönes oder Ästhetisches, da ist es schon beinahe ein Schock, einer Tai-Chi-Gruppe zuzusehen. Wann sonst hat man als Häftling schon die Gelegenheit, sich selbst als elegant oder schön zu empfinden?“

Die theologischen Überlegungen helfen ihm, menschlich in einer unmenschlichen Umgebung zu bleiben. So schließt er den Tag: „Wie jeden Tag versuche ich mit Worten zu beten, was mir jedoch immer schwerer fällt: Wortlos verstehen Gott und ich uns besser. Aber ein Vaterunser und ein Credo gönne ich ihm doch! Dann bete ich für meine Freunde in der Außenwelt und meine Freunde im Gefängnis. Und zuletzt bete ich jeden Abend den letzten Vers von Psalm 142:

Führe uns aus dem Kerker / damit wir deinen Namen preisen. / Die Gerechten scharen sich um uns / weil Du uns Gutes tust.

Im Original ist  dieser Psalm im Singular, aber  ich bete ihn immer im Plural. Warum? Weil Gott gefälligst nicht nur mich aus dem Kerker herausführen soll, sondern all die anderen Gefangenen in diesem Buch auch. Dann sage ich mein Amen, drehe mich  um und schlafe sofort ein.“ S.198f.

Es sind ernste Gedanken wie sie zur Adventszeit passen. Jedenfalls besser als die unsäglichen Vorweihnachtsfeiern und Konsumorgien, mit denen sich viele betäuben. Wenn Jens Söring nach Deutschland kommt, lade ich ihn in unser Rottenburger Gefängnis ein. Denn er kann glaubwürdiger zu den Gefangenen predigen als ich es vermag.

https://www.welt.de/vermischtes/article203877650/Entlassung-nach-33-Jahren-Haft-Die-offenen-Fragen-im-Fall-Jens-Soering.html

Das Versprechen

Überraschende Wende in einem der spektakulärsten transatlantischen Kriminalfälle der vergangenen Jahrzehnte: Der wegen Doppelmordes in den USA verurteilte deutsche Diplomatensohn Jens Söring (53) kommt nach Jahrzehnten im Gefängnis auf Bewährung frei.

Dieser Fall hat mich aus verschiedenen Gründen bewegt: Der Student Jens Söring, damals ganze 18 Jahre alt,  ist nur um ein Todesurteil herumgekommen, weil die britische Justiz ihn sonst nicht ausgeliefert hätte. Die Gerichtsverhandlung in den USA ließ große Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens  aufkommen. Man denkt unwillkürlich an den Klassiker „Die 12 Geschworenen“, in dem eine einzige Stimme das Todesurteil abwenden konnte. (In Deutschland kommen „Lebenslängliche“ bei guter Prognose nach 15 Jahren frei.) Viele Fragen des Doppelmordes sind weiterhin nicht geklärt. Freigesprochen oder begnadigt ist Söring noch nicht. Die ARD ließ es sich nicht nehmen, den Dokumentarfilm „Das Versprechen“ von 2016 noch einmal auszustrahlen. Man muss dem Filmemacher Marcus Vetter für die überzeugende Sachlichkeit danken. Die Geschichte hätte auch ein blutrünstiger Thriller werden können. Die Zeitung mit der großen Auflage und den großen Buchstaben hat es sich schon nicht nehmen lassen, ein paar unappetitliche Details aus den dreißig Jahre  alten Akten wieder zu verbreiten. „Sex and Crime sells“.

https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS8xODM4ODcxOA/

Neben dem eigentlichen Drama interessiert mich wegen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einer Justizvollzugsanstalt ein theologischer und seelsorgerlicher Aspekt. Offenbar hat Söring in der Haft eine Art Bekehrung erlebt und dazu publiziert. Nicht unwichtig war dabei wohl der Gefängnisseelsorger, der  sich um ihn jahrelang gekümmert hat. Offenbar hat der sich derartig stark engagiert, nicht zuletzt durch Briefe, dass ihm die Gefängnisleitung den Zugang verwehrt hat. Da würde ich doch gern mehr  Einzelheiten wissen. Wo ist die Grenze der Gefängnisseelsorge? Gibt es da Unterschiede zwischen der  Praxis in den USA und Deutschland? Vielleicht werden wir dazu mehr erfahren, wenn Söring endlich in Deutschland frei sprechen kann. Es heißt, dass er wohl weiter schriftstellerisch tätig sein wird. Er betreibt bereits eine eigene Homepage: https://www.jenssoering.de/

Seine bisherigen Themen waren zur Meditation Gebet und Rechtsprechung: Wiederhole schweigend ein Wort, Gütersloh 2009.

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, Würzburg 2008.: „Als Gott Mensch wurde, wurde er kein Priester oder Mönch, kein König oder General, kein Dichter und kein Philosoph. Nein! Er wurde ein zum Tod verurteilter Gefangener. Als ein Verbrecher wurde er zwischen zwei Kriminellen hingerichtet. Daran ist nicht zu rütteln: Das lebendige Bild des unsichtbaren Gottes konnte keine wahrhaftigere Form annehmen als die eines bereits zu Lebzeiten Toten, die Form des Niedrigsten der Niedrigen.“
Diese zentrale, immer wieder verdrängte Wahrheit des Glaubens ist Grundlage und Ausgangspunkt des Buches. Er konfrontiert  den Alltag im (US-amerikanischen) Gefängnis mit der Botschaft des Evangeliums von Gnade, Mitleid und Verzeihen. Er fordert dazu heraus, mit den Augen Jesu auf die in der Gesellschaft wirklich unten Stehenden, die Ausgestoßenen und Ausgeschlossenen, zu schauen und sich unbequem-heilsamen Fragen zu stellen. Ausgezeichnet mit dem Catholic Press Award 2007

Ein Tag im Leben des 179212, Gütersloh 2008. Nicht schuldig! – Wie ich zum Opfer der US-Justiz wurde, 2012. The Church of the Second Chance. A Faith-Based Approach to Prison Reform. Lantern Books, New York 2008.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jens_S%C3%B6ring

 

 

 

„Wir sind das Klima“

Es gibt nicht viele politische Diskussionskreise, in denen einigermaßen sachlich und überparteilich über Zukunftsfragen gesprochen wird. Der „Politische Gesprächskreis“ in unserer Stadtbibliothek gehört dazu.  https://www.foerderverein-stadtbibliothek-rottenburg.de/index.php/de/veranstaltungen/politischer-gespraechskreis

Gestern ging es das Buch Jonathan Safran Foer, Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019

Leider gibt es immer Leute, die den menschengemachten Klimawandel grundsätzlich anzweifeln und die ganze Debatte wieder zurückdrehen. Wer das tut, braucht natürlich kein Buch zu lesen oder zu diskutieren, das nun nach  unseren Konsequenzen fragt. Dabei hatte Ulrich Urban in seinem Impuls schon die richtigen Voraussetzungen genannt.

 Am 5.11.2019 verweist SPIEGEL ONLINE auf einen Bericht, in dem weltweit 11.000 Wissenschaftler dringend zu grundlegenden Änderungen im Klimaschutz aufrufen, ansonsten drohe unsägliches menschliches Leid“.
Es gibt keinen Mangel mehr an Sachdaten zur Klimakrise. Wir wissen, was da gerade passiert, aber wir handeln nicht entsprechend. Jonathan Foer, einer der profiliertesten amerikanischen Romanautoren, zeigt in seinem Buch ‚Wir sind das Klima‘ auf, mit welchen Verdrängungsmechanismen wir Menschen auf diese nicht fassbare Größenordnung des Klimaproblems reagieren. Danach sind nicht die Klima-Leugner das größte Problem, sondern die Klima-Agnostiker. Diese rechtfertigten ihr Nichtstun mit unterschiedlichen Ausreden.
Wir wollen anhand einiger seiner Thesen die folgenden Kernfragen diskutieren: Wie können wir ehrlich mit unserer Überforderung angesichts der drohenden Katastrophe umgehen? Wie kommen wir vom Wissen zum Handeln? Was kann der konkrete Beitrag jedes einzelnen Bürgers sein? Und in die Zukunft gerichtet: Wie sieht gutes Leben aus, das klimaneutral ist?

Natürlich ist es – vor allem für Rentner – viel bequemer, sich allen Herausforderungen zu einer Änderung des eigenen Verhaltens zu entziehen. Das gilt vor allem, wenn selbst die Regierung, die es besser weiß, ein sehr zaghaftes „Klimapaket“ vorlegt.

Foer beschreibt weniger  die politischen Forderungen, die zu stellen sind. Sein Interesse ist das private Verhalten, das jeder Einzelne verändern kann. Im Blick sind da vor allem die Ernährungsgewohnheiten mit der dazugehörigen Nutztierhaltung. Nur ein  Beispiel: Knapp 60% des verfügbaren Lands weltweit wird für Tierfutteranbau verwendet, 35% des Süßwassers werden für Tierzucht verwendet. Tiere sind Hauptproduzenten für Methan und Stickoxide, die nah CO2 die zweit- und dritthäufigste Treibhause sind. Methan hat ein 28-fach höheren Treibhaus-Effekt als CO2, Stickoxide einen noch wesentlich höheren CO2 Effekt. Kurz: Um eine Fleischkalorie zu produzieren werden 26 Futterkalorien benötigt. Die Massentierhaltung ernährt nicht die Welt, sondern lässt sie verhungern.

In unserer Debatte fiel mir auf, dass es den meisten schwer fiel, zu den vorgetragenen Thesen zu sprechen. Jeder hatte irgendwas anderes gelesen, was ihm derzeit wichtiger erscheint. Die Wissenschaftsskeptiker offenbarten ungewollt paradox eine Art Wundererwartung an die Wissenschaft. „Der wird schon etwas einfallen, um die Probleme technisch zu lösen.“ Mich erinnerte das an den verzweifelten Glauben vieler Deutscher 1945 an die Wunderwaffe.

Vielleicht sollten auch Senioren von  den jungen Leuten bei „Fridays  for Future“ lernen. Zufällig veröffentlicht unsere Lokalzeitung, die „Südwest-Presse“ heute ein eindrucksvolles Interview mit Luisa Neubauer.

https://www.swp.de/fridays-for-future-aktivistin-luisa-neubauer-_23_-_ich-bin-zu-jung-fuer-zynismus_-40913430.html

Die Klugen und die Dummen

Sechs Posaunenbläser vom Kiebinger Musikverein unterstützen mich im Gefängnisgottesdienst und helfen dem schwachen Gesang auf. Großer Beifall belohnt ihre Mühe. Ob meine Predigt auch Beifall findet, weiß ich nicht. Einer schreibt immerhin mit. Ein anderer  findet. „Ich  habe was zum Denken.“

Diesmal hat  mir der vorgelegte Bibeltext besondere Mühe gemacht. Es geht um das Gleichnis von den zehn klugen und dummen jungen Frauen nach Matthäus 25,1-13.

Ich hätte gern so viel Zeit wie der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen, der 2015 auf dem Stuttgarter Kirchentag vor zehntausend Leuten eine stundenlange Bibelarbeit hielt. Schon mit dem ersten Satz hatte er die Lacher auf seiner Seite: „Dass ich ausgerechnet in der Porsche-Arena über eine Geschichte spreche, bei der das Öl ausgeht, ist schon ein besonderer Witz.“ Ich habe höchstens zehn Minuten. Länger kann ich hier die Spannung nicht halten. Deswegen verteile ich meine „Predigt“ schon häppchenweise über die ganze Liturgie zum „Ewigkeitssonntag“.

Beginnen wir mit dem Positiven: Mir gefällt, dass es eine Ewigkeit gibt. Dass darüber nicht analytisch gesprochen wird,  sondern symbolisch in einem Gleichnis. Dass hier einmal junge Frauen im Mittelpunkt stehen; dass es um eine Hochzeit geht. Dass Warten eine Chance hat. Dass Klugheit belohnt wird. Dass ein waches Leben empfohlen wird.

Mir missfällt, dass sich die  Klugen asozial verhalten und nichts abgeben. Dass der Bräutigam auf sich warten lässt und  dann die Tür zuknallt. Dass er auch noch sagt: „Ich kenne euch nicht.“

Mir missfällt obendrein die Wirkungsgeschichte dieses Gleichnisses. Jahrhundertelang hat man sie an den Portalen mittelalterlicher Kirchen in Stein gemeißelt, damit auch der Analphabet begreift: „Es gibt ein Drinnen und ein Draußen“. Daran hat auch die Reformation wenig geändert. Sie hat nur die Chancen erhöht, dass „wir“ zu denen „Drinnen“ gehören.

Ja, da würde  ich gern in einer Bibelarbeit diese  Themen abarbeiten. Dann hätte ich die Chance, die spezielle Theologie des Matthäus zu erörtern und klarzustellen, dass es sich nicht um eine Rede Jesu handelt, die dieser so gehalten  hat. Doch in zehn Minuten?

Ich konzentriere mich auf das „Öl“, das ich als Lebensenergie übersetze. Und die kann ich tatsächlich nicht teilen. Ich kann mich bemühen, meine Kinder gut zu erziehen und hoffentlich ein Vorbild sein.  Aber Lebensenergie müssen sie in sich selber entwickeln. Ich kann als Pfarrer vom gelingenden, aber oft auch scheiterndem Leben erzählen, aber das Evangelium bleibt ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Ich kann klar machen, dass diese Geschichte missbraucht wird, wenn wir Mauern zwischen „Drinnen“ und „Draußen“ hochziehen. Das Verhalten der jungen Frauen ist kein Beispiel für christliche Nächstenliebe.

Darum sage ich den Leuten, vor denen so viele Türen zugeschlossen sind, durch die ich wieder in meine bürgerliche Komfortzone zurückkehren kann, dass sie die Zwangszeit im Gefängnis nutzen können, um ihr Leben neu zu sortieren und positive Energie aufzuladen. Klugheit und Dummheit mischen sich ja normalerweise in einem. Das Leben ist zu schade, um die geschenkte Zeit mit allem möglichen Blödsinn zu „vertreiben“.

Ich wünsche mir eine Kirche, die diese Leute aufnimmt, wenn sie wieder „draußen“ sind. Sie fürchten sich davor, ein für allemal abgestempelt zu  sein.

Dass „Drinnen“ und „Draußen“ überwunden werden müssen, zeigt mir auch die heutige Zeitungslektüre. Eine weitere Reformation ist nötig.

Religionen sind nicht als Phänomene zu begreifen, denen es in irgendeiner Weise um „Frieden“ geht, schreibt der Historiker Wolfgang Reinhard in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Das gilt auch für die eigentlich so friedfertigen Christen: „Weil sich alle Völker immer für besser als die anderen halten, hatte sich daraus historisch ein besonders penetrantes, weil doppeltes Überlegenheitsbewusstsein der Christen ergeben. Auf der einen Seite verachteten sie wie die antiken Griechen und Römer immer noch den Rest der Welt als Barbaren. Auf der anderen Seite verachteten sie wie die Juden und die Muslime als Bekenner monotheistischer Religionen den Rest der Welt als Ungläubige. Auf diese Weise verknüpften die Christen beides zu besonders brisanter Arroganz.“

Possibilisten

„Vom Ende der Klimakrise“ schreiben die mittlerweile durch die Medien recht bekannten Luisa Neubauer (geb. 1996) und Alexander Repenning (geb.1989). Der Untertitel „Eine Geschichte unserer Zukunft“ weist sie als Futurologen aus. Man mag einem alten Mann verzeihen, der schon manche Bewegung hat kommen und gehen sehen, dass er „Fridays for Future“ skeptisch sieht. Ähnlich enthusiastisch 1968 zum langen verändernden Marsch durch die Institutionen angetreten, musste meine Generation erleben, dass diese eher die Marschierer verändert als umgekehrt. Andererseits liest sich dieses Buch wie eine Verjüngungskur. Schließlich wird der Leser gleich geduzt. Imponierend sind insbesondere die in den jeweils eingestreuten Seiten persönlichen Erfahrungen. „Wir haben den größten Teil unseres Lebens noch vor uns. Und wir befürchten das Schlimmste. Doch wir haben nicht vor, uns unsere Zukunft nehmen zulassen.“ S.11.

Und darum schreiben sie, deren Generation angeblich nur noch 280 Zeichen Twitter aufnehmen kann, ein respektables Buch von über 300 Seiten. Mögen auch die Inhalte zur Klimakatastrophe den Kennern längst vertraut sein, so ist ihnen doch  gleichsam ein Handbuch gelungen, mit dem die jungen Demonstranten von „Fridays for Future“ vielleicht auf Dauer mehr bewirken als mit allen phantasievollen Aktionen. Sie machen nämlich Lust, für den Klimaschutz zu kämpfen. Dafür haben sie bei Jakob von Ueküll ein schönes Wort gefunden, das ich in meinen Sprachschatz aufnehmen werde, weil es die müde Resignation der Pessimisten ebenso überwindet wie die ahnungslose Blindheit der Optimisten. Sie wollen „Possibilisten“ sein, also „Ermöglicher“. Der Initiator des „Alternativen Nobelpreises“ ist darüber hinaus ein wichtiger Impulsgeber. Viele Preisträger gehören zu den Gewährsleuten einer besseren Politik. „Wir wissen, dass es Lösungen für die großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit gibt. Ihre Umsetzung ist nicht einfach und vielleicht noch nicht einmal wahrscheinlich  aber sie ist möglich. Und solange diese Möglichkeit besteht, solange lohnt   es sich, für sie zu kämpfen, von ihr zu erzählen und Menschen zu ermutigen, Teil dieser Lösungen zu werden.“ S.25

Jemand, der schon  länger sich mit diesen Fragen beschäftigt und versucht, verantwortlich zu leben, liest mit gemischten Gefühlen, dass sie die Generation ihrer Eltern anklagen, verantwortungslos geworden zu sein. Dabei geben sie zu, dass sie zu der privilegierten Klasse der Weltbevölkerung gehören. Aber es geht ja darum, gemeinsam gewissermaßen das Ruder herumzuwerfen. Sie haben recht, dass dies nicht nur durch Änderung des eigenen Lebensstils gelingen kann.

Wenn ich an die Debatten in  meiner Kirche denke, dann sind uns die Fakten mehr  oder weniger seit Anfang der siebziger Jahre vertraut. Aber wir haben vor allem Denkschriften, Predigten und Vorträge verfasst. Es kostete Jahre ermüdender Überzeugungsarbeit, um z.B. bloß fair gehandelten Kaffee im  kirchlichen Alltag durchzusetzen. Die „ewige“ Rede, dass es „fünf vor zwölf“ sei, hatte sich abgenutzt. Man hatte sich gewissermaßen an die kommende Apokalypse gewöhnt. Sie motivierte nicht zum öffentlichen Handeln.

Wissenschaftliche Erkenntnisse liegen schon länger vor. Dass aber schon 1896 der schwedische Chemiker Svante Arrhenius vor der Erderwärmung durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe warnte, war mir neu. Da kann man schon ungeduldig werden. Bei der Klimakrise wird die Dringlichkeit  von der Geophysik diktiert. „Auch deshalb haben sich zehntausende Wissenschaftler*innen als Scientists For Future zusammengekommen, um unser Drängen zu unterstützen.“ S.62

Die Autoren wissen aber auch, dass Wissenschaftler käuflich oder gewissen Interesse verbunden sind. Sie kennen die Energiekonzerne und davon abhängigen Institute, die „alternative Fakten“  zur Verfügung stellen, um die Öffentlichkeit zu verwirren. „Auch Deutschland  kennt Institutionen, die sich bewusst in die Klimadebatte einmischen, um die  Agenda  ihrer Geldgeber durchzusetzen, zum Beispiel die Initiative  Neue Soziale  Marktwirtschaft. Sie sehen darin eine Kommunikationskrise. Ist es aber nicht eher eine Frage der Macht? Eine „Krise des fossilen Kapitalismus“?

Die Autoren sprechen lieber von einer „Wohlstandskrise“. „Investiert werden sollte in Sektoren, die eine große gesellschaftliche und individuelle Zufriedenheit erzeugen und dabei möglichst emissionsarm sind. Das sind zum Beispiel Bildung, Soziales, Gesundheit und Natur.“ S.182 Wie aber sollen diese Ziele finanziert werden? Ist eine nötige Vermögenssteuer durchsetzbar? Schon kommen wir zur „Gerechtigkeitskrise“. Eine gewisse „Klima-Apartheid“ gibt es schon. Noch sind es nur Nachrichten aus fernen Regionen, aber die Krise rückt näher: „Eben deswegen sind wir jungen Menschen die erste Generation, die den Klimaschutz aus unmittelbarem Eigeninteresse einfordert: Wir sind die ersten, die erleben werden, welche Wirkung Klimaschutz hat, oder im schlimmsten Fall, welche Katastrophen ein unterlassener Klimaschutz mit sich bringen wird.“ S.191

Zum Schluss gibt es reichlich Appelle, „moralische Streckübungen“. Durchaus sympathisch, aber leider nicht neu.

„Informiert euch“, rufen Luisa Neubauer und Alexander Repenning Leserinnen und Lesern gleich welcher Altersgruppe zu, „organisiert euch, fangt an zu träumen, fragt nach dem wirklich lebenswerten Leben und habt keine Angst davor, Privilegien aufzugeben.“ Vor allem aber gelte es, politisch zu denken. Gebetsmühlenartig werde sie nach jeder Podiumsdiskussion gefragt, was denn nun der Einzelne für den Klimaschutz tun könne. „Ja“, entgegnet Luisa Neubauer dann, „ein ökologisches Leben kann großartig sein und Spaß machen. Ich ermutige alle, es auszuprobieren. Aber entscheidend ist, dass gemeinsam Druck aufgebaut wird, die Strukturen zu verändern.“

Es ist zu wünschen, dass dieses kluge Buch auch von älteren Menschen gelesen wird. Der jugendliche Schwung ist sehr sympathisch. Die Autoren wissen, dass Ungeduld in Gewalt umschlagen kann. Bislang hält die Erkenntnis, dass gewaltfreie Bewegungen schlussendlich mehr erreicht haben als gewalttätige.

https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Vom_Ende_der_Klimakrise/110718

Volkstrauer

In meiner ersten Predigt als Vikar 1975 am „Vorletzten Sonntag des Kirchenjahrs“ sprach ich – wie auch morgen – über den von unserer Kirche vorgegebenen Bibeltext. Hinterher beschwerte sich eine Kriegswitwe, dass ich den „Volkstrauertag“ wohl vergessen hätte: „Da hat man seinen Mann verloren  und dann ist dies keine Erwähnung wert.“ Der Vorwurf  traf mich, denn ich wollte es ja gut machen. Und ich meinte, dass Bibel und Gebete die angemessene Reaktion für alles Leid, auch für Kriege und seine Folgen sind. Das Evangelium wäre doch eine froh machende Botschaft. Sie gilt insbesondere in Kriegszeiten, da sich die Hiobsbotschaften häufen.

Es mag aber sein, dass jene Frau Feiern zum Volkstrauertag gewohnt war, die ich auch noch aus meiner Schulzeit kannte. Weil ich  so schön Gedichte aufsagen konnte, wählte mich unser Deutschlehrer aus, um bei einer staatlichen Feier im großen Festsaal unserer Stadt „Hyperions Schicksalslied“ von Friedrich Hölderlin zu deklamieren. Mit meinen 14 Jahren verstand ich den Text nicht gut und war nur aufgeregt bedacht, nicht stecken zu bleiben. Hölderlin stellt in diesem berühmten Gedicht der schicksallosen Ruhe und seligen Heiterkeit der Götterwelt das Leben des menschlichen Daseins gegenüber. Da heißt es zum Schluss:

„Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen,  / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“

Die  Rede vom „Schicksal“ hat Hölderlin nicht erfunden. Das ist quasi ein gottloser Glauben, wenn man sich hilflos ausgeliefert fühlt. Das Schicksal ist an die Stelle Gottes getreten, weil man nicht mehr glauben kann, dass ER „alles so herrlich regieret“. Es gibt kein DU mehr, dem gegenüber man sich zu verantworten hat, in dem man antwortet auf  die Fragen Gottes: „Wo warst du, wer bist du, was tust du?“ Ich war zu jung, um zu bemerken oder gar zu protestieren, dass die Töne dieser Feier die Absurdität des Krieges kaschieren. Sie tragen mit dazu bei, dass verdrängt wird, dass junge deutsche Männer in einen verbrecherischen Krieg zogen. Es wird verdrängt, dass sie nicht „fallen“ wie Blätter im Herbstlaub, sondern zerbombt, zerfetzt, vergast werden. Und Frauen und Kinder gleich mit. Kriege sind kein unabwendbares Schicksal. Sie nutzen bestimmten Machtinteressen. Das haben wir doch gelernt seit 1945: Kriege werden von Menschen geplant, vorbereitet und durchgeführt. Und seit 1945 hat die Kirche (zumindest die Evangelische!) endlich aufgehört, den alten heidnischen Satz des römischen Dichters Horaz zu wiederholen:  Dulce et decorum est pro patria mori: „Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben.“ Den Satz haben Generationen von Lehrern ihren Schülern eingetrichtert und damit Kriege geistig vorbereitet. Und das wurde auch noch „humanistische Bildung“ genannt. Schluss damit! Stattdessen gilt das Bekenntnis des Ökumenischen Rats der Kirchen von 1948: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Und unsere Evangelische Kirche ersetzt die heidnisch-antike Lehre vom gerechten Krieg durch die Zielbestimmung des gerechten Friedens.

Um mit dem fragwürdigen Kult am Volkstrauertag zu brechen, haben wir nach niederländischem Vorbild 1975 mit einer Friedenswoche begonnen, aus der dank der DDR-Kirchen dann  eine Friedensdekade geworden ist. Ohne diese Übung wäre die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen.

Fairerweise muss ich anerkennen, dass mittlerweile sich die kommunalen Feiern auf den Friedhöfen und vor Kriegermalen verändert haben. Aber wird wirklich über Kriegsursachen und ihre  Überwindung nachgedacht?

Eine Pfarrerin sagte mir, dass sie niemanden findet, der in ihrer Gemeinde die Aufgabe eines „Friedensbeauftragten“ übernehmen möchte. Ist die allgemeine Verdrängung  der Kriegsursachen nicht viel bequemer?

Immerhin hat das „Parlament“ der Evangelischen Kirche (EKD) kürzlich eine eindrucksvolle Kundgebung zum Frieden verabschiedet. In welchen Gemeinden wird sie gelesen? In welchen Gruppen wird sie diskutiert?

„Eine neue friedensethische Herausforderung stellen automatisierte, teilautonome und unbemannte Waffensysteme dar, die auch zur Gefahrenabwehr und damit zum Schutz nicht nur von Soldatinnen und Soldaten, sondern auch von Zivilisten und Zivilistinnen eingesetzt werden. Gleichzeitig gibt es vielfältige Risiken: ein Absinken der Hemmschwelle zum militärischen Einsatz, eine Entgrenzung des Krieges oder auch die völlig ungelösten Fragen der Kontrolle und Verantwortung für die Folgen einer militärischen Aktion. Mit steigendem Autonomisierungsgrad werden diese Risiken größer und beträfen im Falle autonomer und teilautonomer Systeme auch elementare Fragen der Menschenwürde.“

https://www.ekd.de/kundgebung-ekd-synode-frieden-2019-51648.htm

Ich fürchte, meine Predigt morgen in der Evangelischen Kirche zu Rottenburg wird recht lang.

Friedensklima

In den 8oiger Jahren habe ich in Tübingen den Shalom-Gottesdienst mitbegründet. In der damaligen Friedensbewegung wollten wir in der Tradition  des Politischen Nachtgebet (Dorothee Sölle) einen Ort schaffen, in dem Kampf und Kontemplation für den Frieden zusammenkommen. Gestern war ich einmal wieder dabei. Es ging um das Thema „Friedensklima“ der diesjährigen Friedensdekade.

Es ist erfreulich, dass viele Veranstalter dieses Motto aufgenommen haben. Allerdings beobachte ich besonders in den Kirchengemeinden die Tendenz, Orgelkonzerte, Andachten und Gottesdienste, die ohnehin stattfinden, flugs unter das Motto zu stellen. Politische Aktionen werden dann eher vermieden, notwendige  Auseinandersetzungen auch.

Mit dem Motto „friedensklima“ wollen die Trägerorganisationen der Ökumenischen FriedensDekade zum einen auf die Zusammenhänge des bereits eingetretenen Klimawandels und dessen Konsequenzen für den Frieden aufmerksam machen. „Was hat der von uns Menschen verursachte Klimawandel mit dem Frieden zu tun und inwieweit wird er mitverantwortlich sein für zukünftige Kriege und Konflikte?“, brachte Jan Gildemeister, Vorsitzender des Vereins Ökumenischen FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), das Anliegen auf den Punkt. In den Arbeitsmaterialien sollen diese Zusammenhänge aufgezeigt, insbesondere aber Chancen und Möglichkeiten sichtbar gemacht werden, wie klimabedingte Konflikte verhindert werden können. Zum anderen wirft das Motto die Frage nach der zunehmenden Individualisierung in unserer Gesellschaft auf, die sich auch in einem Mangel an Mitmenschlichkeit und Empathie ausdrückt. „Im Umgang miteinander, im Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten ebenso wie in der Sprache kommt eine zunehmende Respektlosigkeit dem Anderen und dem Fremden gegenüber zum Ausdruck – auch in der politischen Auseinandersetzung. Von einem friedlichen Klima im Miteinander sind wir weit entfernt“, fasste Marina Kiroudi, Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) aus Frankfurt, eine der Trägerorganisationen der Ökumenischen FriedensDekade, den zweiten Aspekt des Mottos zusammen

https://www.friedensdekade.de/

Gestern abend allerdings betonte Pfarrer Karl-Theodor Kleinknecht die verheerende Rolle des Militärs bei der Umweltverschmutzung.

Armeen weltweit verursachen enorme Mengen an klimaschädlichen Emissionen, indem sie mit Rüstungsproduktion und Rüstungsexport Kriege vorbereiten, bei Manövern und schließlich im Einsatz selbst, aber auch bei anschließenden Besatzungen. Krieg und Militär gehören zu den größten Verbrauchern von Energie und anderen Ressourcen und verschlingen weltweit 1,8 Billionen Dollar an Rüstungsausgaben.

So ist der Treibstoff-Verbrauch beispielsweise von Kriegsflugzeugen und Kriegsschiffen enorm, entsprechend hoch sind auch die Emissionen. Ein Eurofighter verbraucht ca. 70-100 Liter Kerosin pro Minute. Allein auf der Base Ramstein finden jährlich 30.000 Starts und Landungen statt. Dabei werden 1,35 Milliarden m³ klimaschädliche Abgase freigesetzt. Der fliegende Großraumtransporter Galaxy verbraucht bei einem Start 3.500 Liter Treibstoff.

Das US-Militär – einer der größten Klimasünder in der Welt. „Das US-Verteidigungsministerium ist mit einem Anteil von 77 bis 80 Prozent am gesamten Energieverbrauch der US-Regierung der größte Verbraucher fossiler Brennstoffe.

Am 26. Juni 2019 schreibt Andreas Krebs in Telepolis: „Das US-Militär ist einer der größten Klimasünder in der Geschichte, es verbraucht mehr flüssige Kraftstoffe und emittiert mehr Kohlenstoff als die meisten Länder. Das Pentagon kann als weltweit größter Endverbraucher fossiler Brennstoffe angesehen werden.

Interessant ist, dass die militärischen Emissionen bewusst, sowohl aus dem Kyoto Protokoll und den anderen UN-Klimadokumenten einschließlich der Charta von Paris auf Druck der NATO-Staaten, ausgeklammert wurden.

Der US-Friedensaktivist Barry Sanders schreibt: „…der jährliche CO² Ausstoß des US-Militärs beträgt 73 Mill Tonnen CO², die den übrigen Mengen der Treibhausgasemissionen der USA hinzugerechnet werden müssen.“

Auch der Einsatz chemischer Kampfstoffe schädigt Menschen und Umwelt gleichermaßen. In seinem Buch weist Sanders auch darauf hin, dass nach dem Napalm-Einsatz der USA in Vietnam dieser Kampfstoff zwar von der UNO geächtet ist, jedoch haben die USA diese Konvention nie unterzeichnet.

Stattdessen setzten sie in der irakischen Stadt Falludscha statt Napalm weißen Phosphor gegen die Zivilbevölkerung ein, ein Luftschadstoff, der ganze Regionen auf Jahrzehnte unbewohnbar macht. Es geht aber auch um die Folgen z.B. des Einsatzes von Uranmunition wie im Irak oder im Krieg gegen Jugoslawien. Da das in dieser Munition enthaltene angereicherte Uran eine Halbwertzeit von 4,7 Milliarden Jahren hat, werden irreparable Umweltlasten für die Ewigkeit verursacht. Mehr als 1000 Tonnen dieser Munition wurden von den USA im Irakkrieg eingesetzt.

ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen – (bekam den Friedensnobelpreis) schätzt, dass seit Beginn des atomaren Zeitalters im Juli 1945 über 2000 Atomwaffentests durchgeführt wurden. Oberirdisch, unterirdisch und unter Wasser. Diese Tests haben inzwischen die gesamte Weltbevölkerung verstrahlt. Die oberirdischen Atomwaffentests seit 1945 hatten eine Sprengkraft von 29.000 Hiroshimabomben. IPPNW (Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs) schätzt, dass an den Folgen oberirdischer Atomwaffentests 2,4 Millionen Menschen gestorben sind. Kriegsschiffe wie Flugzeugträger und Atom-U-Boote sind schon in „Friedenszeiten“ schwimmende Zeitbomben. Würden sie in militärische Konflikte involviert, hätte das unabsehbare Folgen für Menschen und Natur.

Ein weiteres Problem kommt hinzu: Noch immer stellen Munition, Bomben, Granaten, Minen, Torpedos und chemische Kampfstoffe aus dem zweiten Weltkrieg eine tödliche Gefahr dar. Man schätzt, dass noch immer 1,6 Millionen Tonnen davon auf dem Grund von Nord- und Ostsee liegen. Die metallischen Hüllen dieser Kampfstoffe sind heute teilweise durchgerostet. Geraten diese Substanzen ins Meereswasser, ist es kaum möglich, sie unschädlich zu machen.

Das Verhältnis Militär: Umweltbelastung: Klimawandel: Klimakriege stellt einen Teufelskreis dar. „Aufgrund knapper werdender Ressourcen muss sich die Welt in Zukunft auf Rohstoff-Kriege einstellen“, heißt es in einer Studie der Transatlantic Academy zur Ressourcen-Knappheit aus dem Jahr 2012. Rohstoffe seien häufig nicht die einzige, aber eine entscheidende Ursache von Konflikten. 20% der Weltbevölkerung verbrauchen heute 80% der globalen Ressourcen und verursachen 80% der weltweiten Abfallmenge. Um diesen Zustand aufrecht zu erhalten werden Kriege geführt. Mit katastrophalen Folgen für Mensch, Klima und Umwelt.

Fazit

Klimaschutz braucht Abrüstung! Damit würden die materiellen und finanziellen Mittel frei für eine sozialverträgliche Rüstungskonversion, und damit verbunden ergäbe sich eine Reduktion des CO² Ausstoßes. Mit einem Bruchteil der 1,8 Billionen Dollar weltweiter Rüstungsausgaben könnte nicht nur Hunger und Unterentwicklung weltweit beseitigt werden. Mit dem Aufbau regenerativer Energiesysteme in Entwicklungsländern könnte ein Teil der Klimaschulden der kapitalistischen Metropolen gegenüber diesen Ländern beglichen werden. Mittel würden frei für die Erforschung und Entwicklung von Umwelttechnologien; klimafreundliche Massenverkehrssysteme für eine sozialökologische Transformation.

Siehe auch https://www.isw-muenchen.de/2019/07/militaer-und-krieg-als-klimakiller-nummer-eins/.

Ich wünsche mir, dass Christen ihre Harmlosigkeit überwinden und sich  endlich diesen Herausforderungen stellen.  Infantile Meditationen betrachte ich als Gotteslästerung.

Frieden stiften

Im Knast ist wohl kaum ein Satz so befremdlich wie der Wochenspruch aus Jesu Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen…“ Die alltägliche Erfahrung ist durch Unfrieden geprägt, Misstrauen ist die gewöhnliche Erfahrung. Wer nicht zurückschlägt, geht schnell unter. Auch meine – wie ich denke – präzisere Übersetzung ändert daran nichts: „Glücklich sind, die Frieden machen…“ Es geht nicht  nur um eine innere Haltung, sondern um ein aktives Tun. Die Verheißung zielt nicht nur auf ein seliges Jenseits, sondern auf ein befriedigendes Leben in unserer Zeit. Das gilt auch dann, wenn Friedensstifter oft zwischen die Fronten geraten. Glücklich wollen sie ja alle werden. Aber eben gern auch auf Kosten anderer.

Abstrakte Appelle nutzen wenig, sind gleich wieder vergessen. Kleine Geschichten aber bleiben haften. So erzähle ich vom Martinus von Tours, der in der Katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird. In unserer Stadt gibt es einen Umzug mit vielen Kindern, wo seine Legende nachgespielt wird. Ein Reiter auf dem Marktplatz teilt seinen Mantel mit dem bedürftigen Bettler. Ich denke, auch ohne Heiligenverehrung gehört diese Episode zu unserer gemeinsamen Kirchengeschichte.

Leider wird  die Fortsetzung der Geschichte oft nicht erzählt. Martin war  ein heidnischer Soldat und hat erst später den christlichen Glauben angenommen. Das sollte ein Hinweis sein, dass Nächstenliebe kein christliches Monopol ist.

Übrigens ist Martinus da ein ziemliches Risiko eingegangen: Die Ausrüstung der römischen Soldaten gehörte schließlich dem Kaiser; und war ein staatliches Symbol der Macht. Den Mantel zu zerreißen, das war ein Staats-Vergehen.

Nach dieser Tat der Nächstenliebe erst  hat er den christlichen Glauben kennengelernt und hat sich taufen lassen. Sehr konsequent war es, dass er sich dann auch von seinem Beruf getrennt hat: Nach fünfundzwanzig Jahren im römischen Heer  wirft er dem Kaiser den Bettel hin –  kurz vor einer Schlacht bei Worms (356 n. Chr.).  Dem Kaiser Julian sagt er: „Bis heute habe ich dir gedient;  gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene.  Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen“.  Klar, dass ihm das als Feigheit vor dem Feind ausgelegt wurde. Aber damit hatte Martinus wohl gerechnet. Er bietet nämlich an, ohne Waffen in die Schlacht zu gehen, gern auch in der ersten Reihe.

Gott sei Dank blieb ihm der Beweis erspart, wie sehr er auf Gottes Schutz vertrauen kann: Vor Tagesanbruch schickten die Germanisch-Gallischen Gegner Unterhändler; es gab einen Waffenstillstand und keine Schlacht. Martins einziger Schaden war:  er musste auf das geschenkte Landgut verzichten, das der Kaiser jedem Veteranen zum Abschied schenkte –  zum Dank für treue Dienste bei der Truppe und zur Altersversorgung.

Aber da war er sowieso schon auf einem anderen Weg. Der Soldat Martinus wird Mönch;  aber sein Ruf verbreitet sich schnell im Land. Als die Stadt Tours einen neuen Bischof braucht, entführen sie ihn aus dem Kloster  und geleiten ihn mit Sprechchören bis in die Kathedrale.“  (Altfried G. Rempe)

Wenn ich solche Geschichten im Gefängnis erzähle, spüre ich eine ungeheure Skepsis. Gleichwohl hoffe ich, dass die Saat einmal aufgeht. Ich vertraue darauf, dass Menschen sich ändern können.