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Apokalypse

Heute las ich in einem Informationsdienst, den ich zur Ergänzung der Presse beziehe, den Satz: „zuweilen hat man das Gefühl, die politischen und publizistischen Eliten sind Teil einer europäischen Apokalypse-Industrie. Pünktlich zum Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft überbietet man einander in Weltuntergangsszenarien:“

Es mag auch andere Zeitgenossen das Gefühl beschleichen, dass wir in apokalyptischen Zeiten leben. Das Wort Apokalypse wird verbunden mit Katastrophen aller Art, nicht zuletzt auch mit Seuchen und Pandemien. Medien und Filme vertiefen diese Vorstellungen.

Das Wort geht zurück auf das letzte Buch der Bibel, die Johannesapokalypse, und meint schlicht „Offenbarung“. Der erste Satz lautet dort: „Offenbarung (oder Enthüllung) Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat.“ Obwohl in diesem Buch große Schrecken ausgemalt werden, geht es im Kern gerade darum, in ihnen das gute Handeln Gottes zu entdecken.

Wahrscheinlich machen viele Bibelleser um die Johannesapokalypse einen Bogen. Schließlich hat schon Martin Luther geäußert: „meyn geyst kann sich ynn das buch nicht schicken“. Er konnte in den verschlüsselten Bildern seinen Christus nicht wiederfinden. Man ist mit der Ablehnung der Johannesoffenbarung also  in guter Gesellschaft. Die Aufnahme in den Kanon der anerkannten Schriften war lange umstritten, manche Kirchen erkennen sie bis heute nicht als Heilige Schrift an.

Nun hat ein Literaturkreis, der sich nach wochenlanger Zwangspause bei uns wieder trifft, ausgerechnet dieses Buch sich vorgenommen. Normalerweise diskutieren wir da Romane und Erzählungen. Möglicherweise kann man aber die Johannesoffenbarung sogar besser verstehen, wenn man sie zunächst literarisch liest. Doch natürlich wird vom Theologen erwartet, dass er darüber hinaus kundtut, wozu diese Schrift gut sein soll.

  1. Die Johannesoffenbarung wie die ganze Bibel bietet eine nüchtern-realistische Sicht des Menschen und seiner Geschichte. Trotz aller wissenschaftlicher und technischer Fortschritte ist die Versuchung der Macht eine bleibende Herausforderung. Wer sich den erschreckenden Visionen stellt und sie auf sich wirken lässt, ist gewissermaßen geimpft gegen leichtfertigen Optimismus, der sich und anderen etwas vormacht. Man muss nicht Depressionen erleiden, wenn einen schlechte Nachrichten überfluten.
  2. Die beschrieben Visionen, die Material der alttestamentlichen Prophetie und jüdischen Apokalyptik verwenden, sind zunächst für die zeitgenössische Kirche des Johannes bestimmt. In den sieben Sendschreiben an Gemeinden in Kleinasien, dem  damaligen Zentrum der Christenheit, ist eine klare Orts- und Zeitangabe mitgegeben. Deswegen kann man nicht von einem Plan Gottes für alle künftigen Zeiten ausgehen wie es Sekten und bestimmte fundamentalistische Gruppen gern tun.
  3. Christus wird wesentlich (28 mal) mit dem Bild des „Lamm Gottes“ ausgedrückt, das in der Welt ohnmächtig erscheint, aber durch Gott ermächtigt wird. Die beherrschende Mitte der christlichen Enderwartung ist auch im letzten Buch der Bibel der Sieg des auferstandenen Christus, an dem seine Nachfolger teilhaben. Das soll sie befähigen, trotz aller Widerstände oder gar Verfolgungen am Gebot der Gottes- und Nächstenliebe festzuhalten. Imperien der Gewalt und Unterdrückung wie damals das Römische Reich bleiben eine Herausforderung für die Christenheit.
  4. Wer sich von den Schreckensbildern fesseln lässt, übersieht die vielen Gebete und Lieder in diesem Buch. Sie sind nicht zufällig kulturprägend geworden. Man denke an Kantaten Johann Sebastian Bachs („Wachet auf ruft uns die Stimme“), Felix Mendelssohn-Bartholdy („Beati mortui in Domino“) oder Johannes Brahms („Ein Deutsches Requiem“). Leicht kann man ein- bis zweihundert Anspielungen an die Apokalypse im Evangelischen Gesangbuch finden. Von Dürer bis Dali haben sich Maler aller Zeiten anregen lassen.

So hat schließlich auch Martin Luther bei aller Abneigung in dieser zeitbedingten Schrift eine dauernde Bedeutung gefunden: „…das Christus durch und über alle Plagen, Thiere, böse Engel, dennoch bey und mit seinen Heiligen ist, und endlich obligt“.

Evangelium kontra Imperium

Die Feste des Kirchenjahres folgen einem Schema: zu Weihnachten die Geburt Jesu,  sein Tod und Auferstehung zu Ostern, Geburtstag der Kirche zu Pfingsten. Heute nun das Fest der Dreieinigkeit, das sich nicht der Bibel, sondern dem kirchlichen Nachdenken verdankt. Wenn da von drei göttlichen Personen gesprochen wird, dürfen wir nicht an menschliche Persönlichkeiten denken, sondern an die antike „persona“, eine Theatermaske, durch die der unerkannte Schauspieler „hindurchtönte“ (personare). Der eine unfassbare Gott tönt durch die „personae“ Vater, Sohn und Heiliger Geist zu uns.

Schauen wir in die Kirchengeschichte der Urgemeinde, so beobachten wir, dass die Aufmerksamkeit für den irdischen Jesus, seine Predigt und Taten wohl bald nachließ. Denn wir sehen, dass man rasch fasziniert war von dem himmlischen Christus, der als Pantokrator (Allesbeherrscher) den Kosmos regiert. „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes.“ (Kol.1,15) Davon lesen wir in den neutestamentlichen Briefen, die vor und neben den Evangelien entstanden sind. Nun spürte man wohl eine Gefahr. Sollte man das Wirken des Menschen Jesus vergessen, dann wäre er bald nicht anders als die anderen antiken Götter und Helden. Dass Jesus aber „wahrer Mensch“ gewesen ist, betonen die Autoren der Evangelien.

Seit dem Wirken Jesu und seinem Tod sind mehrere Jahrzehnte vergangen. Das Markusevangelium ist das älteste und entstand wohl kurz vor oder nach  der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. Matthäus und Lukas benutzen es später. Das Johannesevangelium setzen die meisten um 90 n.Chr. an. Alle Evangelisten waren Männer der zweiten und dritten Generation. Die Jünger und Augenzeugen haben ihre Geschichten von Jesus zunächst mündlich weitergegeben. In ihren Erzählungen geht es recht weltlich zu.

Die Evangelisten verwenden eine Literaturform, die im Römischen Reich allgemein bekannt war. Auch von den Kaisern wurden „Evangelien“ tradiert, die sogar einen ähnlichen Aufbau hatten. Sie begannen bei einer wundersamen Geburt und sparten nicht mit Wundertaten. Der Weg des Kaisers endete mit der Aufnahme in den Himmel und seiner Vergöttlichung. Trotz der formalen Ähnlichkeit unterscheiden sich aber die Evangelien im Neuen Testament fundamental. Sie berichten nämlich ausführlich vom Leiden Jesu bis hin zum Schandtod am Kreuz. Wer von den ersten Lesern die Kaiser-Evangelien kannte, musste sich ungeheuer provoziert fühlen. Man kann das Neue Testament nur richtig verstehen, wenn man die Christengemeinden als Kontrastgesellschaft zum Römischen Imperium begreift.

Die christlichen Evangelisten haben ihre Quellen nicht unbesehen übernommen, sondern bewusst geprüft und redigiert. Dabei setzen sie jeweils eigene Akzente.  Lukas hat beispielsweise die Kindheitslegende weggelassen, dass Jesus seine Lehrer in der Schule zum Zittern gebracht habe. In der Weihnachtsgeschichte lässt er aber den Engel verkünden, dass das Kind im Viehtrog Heiland, Retter und Kyrios ist.  Das sind exakt die Titel, die der Kaiser Augustus beanspruchte. Ansonsten zeigt er mit seinem Doppelwerk (inklusive Apostelgeschichte), dass zwischen Himmelfahrt und Wiederkehr mit Pfingsten das Zeitalter der Kirche beginnt. Markus kennt das „Messiasgeheimnis“, damit die Leser selber herausfinden, wer Jesus ist. Matthäus betont die Erfüllung alttestamentlicher Prophetie. Trotz der Konflikte mit der Synagoge hält er daran fest, dass Israel das berufene Volk Gottes ist und bleibt. Bei Johannes steht Jesus von Anfang an als „Wort Gottes“ vor der Welt. Wer ihm begegnet, muss sich entscheiden.

Die entscheidende Herausforderung bleibt die Frage: Kann ein gekreuzigter Jude der Messias, der Heiland der ganzen Welt sein? Tönt durch seine Geschichte Gott zu uns?

Anders als die Anhänger der anderen Kulte und Religionen im Imperium Romanum stellen  die Christen die absolute Macht und die damit verbundene Unterdrückung und deren Regeln in Frage. Das bleibt aktuell. Diktaturen wissen das. Gegenwärtig nutzt z.B. die Polizei in China die zur Eindämmung von Corona eingesetzte Sicherheitstechnik gezielt dazu, Christen aufzuspüren und zu verhaften. Die Behörden der Volksrepublik lassen Kirchen niederreißen, entfernen Kreuze von Dächern und Türmen, verurteilen Pastoren zu langer Haft. Auch Buddhisten, Daoisten und Muslime leiden unter akuter religiöser Verfolgung. Die westlichen Länder sind wirtschaftlich schon zu abhängig als dass sich wirksamer Widerstand erheben würde. Doch es  bleibt das Gebet und der Protest bekennender Christen. Das Evangelium stärkt uns dabei.

Wege aus der Ausweglosigkeit

Wenn das Gemurmel nicht nachgelassen hat, habe ich mich bei meinen Predigten im Rottenburger Gefängnis manchmal gefragt: „Wer hört hier eigentlich zu?“ Doch immer erlebte ich erwartungsvolle Stille, wenn ich am Schluss den Segen sprach. Ich weiß, dass dies auch sonst für viele Menschen der wichtigste Moment im christlichen Gottesdienst ist.

Es ist nicht zufällig, dass das deutsche Wort „Segnen“ vom lateinischen „signare“ kommt, „mit einem Zeichen versehen“, nämlich mit dem Zeichen des Kreuzes. Anders als das hebräische „beraka“ im Alten Testament, das oft noch den Zusammenhang uralter Rituale von Herbstfluch und Frühlingssegen erkennen lässt, kommt der christliche Segen nicht aus dem Kreislauf der Natur, sondern aus der Liebe Gottes, die an kein Ritual, keine Tag- und Nachtzeit gebunden ist.

„Segen heißt Kraft des Wachsens und Fruchtbringens in einem umfassenderen und weiterreichenden Sinn als sie im Kreislauf des natürlichen Lebens wirksam ist. Sie reicht in die andere Wirklichkeit, die Auferstehung, hinüber und ist das Geheimnis jener Frucht, die aus einem irdischen Menschenleben bleibt, wenn diese Welt und ihre natürlichen Gesetze längst nicht mehr sein werden. Das wiederum bedeutet, dass der Mensch, der diese Welt für eigenständig hält und sich selbst für autonom, auf eben diesen Segen verzichtet. Segen empfangen heißt, auf Autonomie verzichten, um lebendig zu sein. Der autonome Mensch mag tüchtig und erfolgreich sein. Er wird sich abdichten gegenüber den Kräften des Daseins, die ihn letztlich lebendig und todüberlegen machen könnten. Er wird letztlich seine Offenheit aufgeben, seine Blüte, sein Wachstum. Er wird sich in seiner Autonomie verhärten und wird versteinern.“ (Jörg Zink)

Segnendes Handeln ist darum wohl der wichtigste Dienst, den die Kirche in dieser Pandemie leisten kann. Dazu muss man sich gar nicht fragen, ob man nun “systemrelevant“ ist oder nicht. Nach evangelischem Verständnis kann eigentlich jeder segnen und andern zum Segen werden.

Dass wir in der Seelsorge nun auf Nähe, gar Berührungen verzichten sollen, muss darum die befristete Ausnahme bleiben. Schließlich haben wir erst in jüngster Zeit wieder gelernt, wie wichtig beispielsweise Krankensalbungen sind.

Es ist verständlich, dass viele Menschen Angst haben, sich anzustecken und sehr krank zu werden. Das ist aber kein Grund, um panisch zu reagieren. Denn aller Voraussicht nach, werden wir noch lange mit dieser Pandemie leben müssen.

Da wir in den letzten Jahrzehnten von vielen Katastrophen verschont geblieben sind, fällt es uns vielleicht nun besonders schwer mit dem Unverfügbaren umzugehen. Aber wir werden es lernen. Mich stärkt dabei ein Wort des amerikanischen Baptistenpfarrers Martin Luther King:

„Komme, was mag! Gott  ist mächtig! Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“

Propheten

Propheten sind im allgemeinen Sprachgebrauch Menschen, die Künftiges vorhersagen. Es ist ein tiefer Wunsch vieler Menschen, etwas über die Zukunft zu wissen. Je ungewisser die Zeitläufte, desto stärker wird das Interesse an der Zukunft: Wann kommt endlich eine Impfung gegen das Virus? Wie geht es mit der Wirtschaft weiter? Wann dürfen wir wieder reisen? Mir fällt auf, dass in den Medien zur Zeit immer weniger über Fakten berichtet wird, sondern immer mehr über mögliche Entwicklungen. Dabei überschlagen sich oft widersprüchliche Meldungen. Von unseriösen Wahrsagern und Astrologen ganz zu schweigen, die darauf spekulieren, dass man ihre Voraussagen schnell wieder vergessen hat.

In den sechziger Jahren entwickelte sich gar eine Wissenschaft, die sich Futurologie nannte. Liest man heute deren Voraussagen, kann man sich nur über die Ahnungslosigkeit amüsieren. Denn natürlich hatte sich noch keiner ein Smartphone oder das Internet vorstellen können. Ein berühmtes Buch des Amerikaners Hermann Kahn hieß auf deutsch „Ihr werdet es erleben“ (1967).  „Die meisten Prognosen Kahns trafen schlicht nicht ein – weder beleuchten heute künstliche Monde die Nachtseite der Erde noch verfügen wir über „relativ effektive Appetit- und Gewichtskontrollen“. Auch die von ihm als „sehr wahrscheinlich“ eingestufte „Nutzung nuklearer Sprengsätze im Berg- und Tiefbau“ blieb uns, Gott sei Dank, erspart. Zudem kamen von ihm keinerlei Hinweise auf jene welterschütternden Ereignisse, die dann tatsächlich das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts prägten: Kahn sah keine Energiekrise voraus, keine Umweltbewegung, nicht den Zusammenbruch der Sowjetunion und nicht die Europäische Währungsunion.“ (Die Zeit)

Heutige Zukunftsforscher sind vorsichtiger und begnügen sich meistens mit „trends“. Aber auch sie bedienen die Neugier auf die Zukunft.

Anders ist es mit zeitnahen Prognosen, die wir für die Planung brauchen. Seriöse Wissenschaftler geben ihre Annahmen und Daten bekannt und korrigieren sich beizeiten, falls nötig. Mich beruhigt es, wenn beispielsweise Virologen bisherige Erkenntnisse durch neue, besser erforschte ersetzen. Normalerweise treffen sich Wissenschaftler auf Kongressen und tauschen such, oft kontrovers, aus. Das fällt derzeit leider aus und die Medien sind nur ein dürftiger Ersatz. Dennoch könnten die TV-Sender mehr wissenschaftliche Debatten bringen. Man sollte Naturwissenschaftler  nicht für Propheten halten.

Die Propheten der Bibel sind nicht in erster Linie „Vorherseher“. Der ehemalige Landesrabbiner Joel Berger nannte sie einmal bei einer Veranstaltung im Evangelischen Gemeindehaus in Rottenburg „Lautsprecher Gottes“. Sie verkünden inhaltlich keine andere Weisung als das Gebot Gottes. Allerdings sind das oft Botschaften, die die Leute nicht gern hören wollen. Wohl einzigartig in der Kulturgeschichte der Menschheit ist, dass die klassischen Propheten den Mächtigen ins Gewissen reden. Und das ist zu allen Zeiten gefährlich. Wenn Theologen heute „prophetisch“ wirken wollen, müssen auch sie die Folgen tragen.

Einer, der Widerstand am eigenen Leib erfahren musste, war der Prophet  Jeremia. In seiner Zeit hatte er es mit einflussreichen Gegnern, Heilspropheten genannt,  zu tun, die „Frieden“ predigten, obwohl doch kein Frieden war. Die den Mächtigen schmeichelten und böse wurden, wenn man ihre Pläne stört. Jeremia musste wahrscheinlich seine freimütige Predigt mit dem Leben bezahlen. Sein Zukunftsbild ist von enttäuschender Nüchternheit, seine politische  Wirkung erfolglos. Aber sein geradezu intimes Verhältnis zu Gott ist einzigartig. In gewagten Bildern beschreibt er die Liebe Gottes zu seinem Volk. Als die Angehörigen des nordisraelitischen Stammes Ephraim ihr Schicksal beklagen, tröstet Jeremia mit einem Spruch Gottes: „Ephraim ist mein geliebter Sohn, mein Lieblingskind. Wenn immer ich ihn ausschimpfe, muss ich doch in Liebe an ihn denken. Es bricht mir das Herz, darum muss ich Erbarmen mit ihm haben.“ (Jeremia 31,20).

Jesus hat diesen Gedanken aufgenommen und vertieft. In seinem Gleichnis vom Verlorenen Sohn beschreibt er Gottes Liebe zu uns Menschen wie einen Vater, der seinem unter die Schweine gefallenen Sohn entgegenläuft: „Und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lukasevangelium 15,20)

Wer sich in dieser Weise angenommen weiß, kann weitere Prophezeiungen gelassen zur Kenntnis nehmen.

Die skrupellose Weltmacht USA

Seit Donald Trump Präsident der USA ist, verschlechtert sich das Image dieser Weltmacht Nr. 1 zusehends. Unsere „Transatlantiker“ machen sich darum Sorgen. Sie haben uns (West)Deutsche seit 1945 das Bild vermittelt, dass die USA die Garanten der Freiheit und der „westlichen Werte“ sind. Zwar gab es einen Einbruch in Zeiten des Vietnamkriegs 1968, aber die grundsätzliche Kritik verstummte bald wieder.

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser sieht darin das größte Propaganda- und Verschleierungsmanöver der Weltgeschichte. Dieses konnte nur mit der Hilfe willfähriger Medien gelingen, die Angriffskriege schönreden, Feindbilder nähren und Gewalt in einen neuen, erfundenen Kontext — zum Beispiel Menschenrechte — setzen.

Die westliche „Wertegemeinschaft“ misst chronisch mit zweierlei Maß. Würden sich andere Länder nur annähernd herausnehmen, was bei den NATO-Staaten Usus ist, der Aufschrei in den Medien wäre groß. Die USA jedoch, die bei weitem kriegerischste Macht nach dem Zweiten Weltkrieg, haben es vermocht, in ihrem Einflussbereich noch immer als wohlwollende, moralisch integre Schutzmacht dazustehen. Selbst an Millionen Toten scheint sich niemand zu stören.

Ich dachte, dass ich die Geschichte der USA einigermaßen kenne. Ganser stellt sie nun im Zusammenhang einer Gewalt-Geschichte dar. Das ist einseitig, aber nicht falsch. Schon die Indianer-Kriege ab 1500 wurden mit äußerster Ausrottungsgewalt geführt – weltweit verherrlicht durch die eigene Filmindustrie. Kennt noch jemand den Krieg gegen Mexiko 1846? Oder die Eroberung von Kuba, Puerto Rico, Philippinen oder Hawaii im 19.Jahrhundert?

Auch die Weltkriege erscheinen in einem anderen Licht, wenn man die Rolle der Erdöllieferungen genauer analysiert. Ganser stellt keine Verschwörungstheorien auf, beschreibt aber mit vielen gesicherten Indizien, dass manche Geschichtsmuster hinterfragt werden müssen. Das gilt insbesondere für „Pearl Harbor“ 1941, den Kennedy-Mord 1963 und „Nine-Eleven“ 2001. In allen drei Fällen können die amtlichen Darstellungen nicht stimmen.

Man wird sie erst aufklären können, wenn in ferner Zukunft die Rolle der Geheimdienste aufgedeckt werden kann. Insbesondere die CIA ist ja gegründet worden, um in verdeckter Weise am Kongress vorbei Krieg führen zu können.

„Wie hätte die westliche Wertegemeinschaft reagiert, wenn Russland, Nigeria oder China die Länder Afghanistan, Pakistan und Irak angegriffen hätten? Hätten unsere Leitmedien nicht sofort — und zu Recht — den eklatanten Verstoß gegen das UNO-Gewaltverbot kritisiert? Hätte man nicht sofort auf das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Völker verwiesen und erklärt, dass sich andere Länder nicht einmischen dürfen? Warum hat sich in den USA niemand darüber aufgeregt, dass im Irakkrieg nach dem Angriff von 2003 mehr als 1 Million Iraker getötet wurden? Warum störte sich niemand an den 300.000 Toten in Afghanistan und Pakistan? Die sehr effiziente US-Kriegspropaganda hat solch grundlegende Fragen verhindert, und wenn sie auftauchten, als lächerlich oder unwichtig abgetan. Natürlich gibt es in den USA und in Europa gute und fähige Journalisten, das steht außer Frage. Aber es ist auffallend, wie gehorsam viele Journalisten den Erklärungen der US-Präsidenten und Verteidigungsminister gefolgt sind und das Narrativ „Krieg gegen den Terror“ verbreitet haben, ohne zu prüfen, ob dieses Narrativ auch stimmt.“ S.278f.

Vielleicht muss man aus der neutralen Schweiz kommen, um so deutlich die NATO kritisieren zu können wie Ganser es tut. Er belegt seine Behauptungen, nennt seine Quellen und stellt unbequeme Fragen. Seine Mitarbeit in der internationalen Friedensbewegung ist erkennbar, sein Leitbild einer „Menschheitsfamilie“ orientiert sich am Gewaltverbot der UNO.

Daniele Ganser, Imperium USA – Die skrupellose Weltmacht. Orell Füssli.Varlag Zürich 2020,. 25,00 €

Keine Kampfdrohnen!

Im Oktober 2001 setzte das Special Operations Command der USA erstmals massiv ferngesteuerte unbemannte Drohnen vom Typ Predator und Reaper ein. Anfang 2001 besaßen die USA nicht mehr als 50 Kampfdrohnen, 2013 waren es bereits mehr als 7000. Der Drohnenkrieg wurde von Präsident Bush jun. Begonnen und von seinen Nachfolgern Obama und Trump weitergeführt. Gesteuert werden die Drohnen über die US-Basis Ramstein. Eine Untersuchung der Physicians for Social Responsibility kam 2015 zu dem Schluss, dass durch den Krieg in Afghanistan 220000 und in Pakistan 80000 Menschen getötet wurden. Näheres findet sich bei Emran Feroz, Tod per Knopfdruck, 2017.

Warum darf der eloquente Barack Obama noch immer „Friedensnobelpreisträger“ bleiben und sitzt nach einem Gerichtsverfahren und einem ordentlichen Urteil nicht schon längst als „Drohnenmörder“ hinter Gittern? Mit Kriegsverbrechern wie Bush jr,. Rumsfeld, Tony Blair und Trump?

Vor sieben Jahren forderte der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bewaffnete Drohnen („Kampfdrohnen“) für die Bundeswehr.  Wegen der starken Ablehnung durch die Bevölkerung gab es bis heute noch keine Mehrheit in der Politik für ihre Beschaffung. Jetzt fordert Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) abermals deutsche Kampfdrohnen. Ich unterstütze den Zweiten Appell des bundesweiten Netzwerks „Drohnen-Kampagne“:

Wir lehnen Kampfdrohnen ab, weil ihr Einsatz

  • Tötungen ohne ein Risiko für die Angreifenden ermöglicht und damit die Schwelle senkt, militärische Gewalt auszuüben;
  • den Krieg geografisch entgrenzt, weil sie von mobilen oder stationären Bodenstationen aus der Ferne oder sogar aus Deutschland gesteuert werden können;
  • in enger geheimdienstlicher Vernetzung mit solchen verbündeten Staaten ausgeübt wird, die mit bewaffneten Drohnen das Völkerrecht und die Menschenrechte ständig schwer verletzt haben;
  • durch ihre Verbindung mit willkürlichen und völkerrechtswidrigen Tötungen den Hass in den betroffenen Bevölkerungen schürt, Terrorismus fördert, Militärpersonal dadurch gefährdet und die Möglichkeit, friedliche Lösungen zu finden, untergräbt;
  • schwere psychologische Folgen für die Zivilbevölkerung in den betroffenen Gebieten verursacht, die dauerhaft überwacht werden und Drohnen wie das Damoklesschwert über ihnen schwebt;
  • zur wissenschaftlich bewiesenen psychologischen Traumatisierung des ausführenden Militärpersonals auch führt, während es noch keinen Beweis dafür gibt, dass diese Waffen Soldatinnen und Soldaten im Feld besser als konventionelle Waffen schützen können.
  • einen gefährlichen Vorstoß in die Nutzung von qualitativ neuen digitalen Technologien zum Töten bedeutet, die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischen und sich zunehmend und weltweit der verfassungsgemäßen demokratischen Kontrolle entziehen.

Wir fordern von Bundesregierung und Bundestag,

  • das Versprechen in den Koalitionsverträgen von 2013 und 2018 endlich einzuhalten, eine offene und ausführliche Prüfung im Bundestag zu den völkerrechtlichen, verfassungsrechtlichen und ethischen Fragen in Zusammenhang mit dem Einsatz von bewaffneten Drohnen durchzuführen und erst danach über eine Bewaffnung abzustimmen;
  • das Versprechen in den Koalitionsverträgen von 2013 und 2018 zur Ächtung von autonomen Waffensystemen einzuhalten und umgehend alle Forschungen und Entwicklungen in Deutschland hierzu zu verbieten;
  • die ebenfalls versprochene „breit angelegte Debatte in Politik und Gesellschaft“ über die Bewaffnung von Drohnen stattfinden zu lassen, sie zu fördern und in die Beratungen im Bundestag einzubeziehen, weil die rasche Digitalisierung und Automatisierung der Staatsgewalt bis hin zu autonomen Waffensystemen eine steigende zivilgesellschaftliche Verantwortung für die Gestaltung einer friedlichen und demokratischen Zukunft mit sich bringt;
  • sich für ein weltweites Verbot und völkerrechtliche Ächtung solcher Waffensysteme einzusetzen.

Medizin weltweit

Nun habe ich meine erste Videokonferenz erlebt. Der Verwaltungsrat des Deutschen Instituts für ärztliche Mission (Difaem) konnte sich nur medial treffen. Wir hatten drei Kapitel zu besprechen.

  1. Der 49seitige interne Jahresbericht 2019 „Difaem weltweit“ wurde diskutiert. Was früher die „missionsärztlichen Dienste“ waren, sind nun verschiedene Projekte in aller Welt, die aus Tübingen unterstützt werden. Es zeigen sich wesentliche Verbesserungen bei den Partnern in Malawi, Guinea und im Kongo. Allerdings sind die Fortschritte aktuell durch die Corona-Pandemie gefährdet. Vorm allem die Nebeneffekte der Schließungen machen den Menschen zu schaffen. Viele unserer Partner bitten uns um Hilfe, denn es fehlt am Wissen, wie man sich gegen das Virus schützen kann, an Wasser und Seife für die Hygiene. Tests auf eine Infektion können nur in Ausnahmefällen durchgeführt werden und die medizinische Versorgung einer großen Zahl von Schwerkranken ist nicht gewährleistet. Beatmung ist kaum möglich.

Die Bevölkerung hat verbesserten Zugang zu Medikamenten. Allerdings sind sofort Fälschungen aufgetaucht. Da ist es gut, dass das Difaem frühzeitig mitgeholfen hat, entsprechende Labore aufzubauen, die das feststellen können. In dreizehn Ländern arbeitet das Difaem (Fachstelle für Pharmazeutische Entwicklungszusammenarbeit) mit kirchlichen Dachverbänden und Zentralapotheken zusammen.

Zur Verbesserung der Situation psychisch kranker Menschen unterstützen wir gemeindebasierte Projekte in Malawi und Indien, wodurch der Stigmatisierung entgegengewirkt wird.

Im Bereich der Personalförderung wurden vielfältige Maßnahmen im Kongo, Guinea, Liberia und Tschad durchgeführt.

Die Strategie von „Difaem weltweit“ sieht vor, dass bis zu 10 % unseres Budgets bzw. Spendenaufkommens für Notfälle und humanitäre Katastrophen eingesetzt werden. Primär arbeiten wir aber an langfristigen Zielen. Darüber wird die Öffentlichkeit durch verschiedene Medien ausführlich informiert. Da das Difaem von Spenden getragen wird, ist eine ständige Werbung nötig.

  1. Bekannter als der Träger Difaem ist in Tübingen das „Paul-Lechler-Krankenhaus“ (Tropenklinik), das sich an der Bekämpfung der Covid19-Krankheit beteiligt hat. Noch immer müssen die Kredite des Neubaus abgezahlt werden. Der hat sich aber nun sehr bewährt, da doch 30 Betten für Corona-Erkrankte bereitgestellt werden konnten. Zwei der drei Stationen wurden als Isolationsstationen eingerichtet.
  2. Wichtigstes Projekt am Ort ist der Neubau des stationären Hospizes auf dem Gelände des Difaem. Immerhin sollen noch in diesem Monat die Bagger der Firma Georg Reisch anrücken. Anstelle der anvisierten 4 Millionen Euro kostet der Neubau nun 6 Millionen. Das Jahr 2020 wird herausfordernd, da wir die Finanzierungslücke schließen und das Fundraising deutliche verstärken müssen. Bisher ist die Spendenbereitschaft ungebrochen. Aber das kann sich ändern, wenn die Wirtschaftskrise größer wird. Es ist zu hoffen, dass mit der Wiederaufnahme der Gottesdienste auch wieder Kollekten möglich sind.

http://www.difaem.de

Tag der Befreiung

Meine ganze Schulzeit hindurch wurde vom Kriegsende als „Zusammenbruch“ gesprochen. Mein Geschichtslehrer meinte, man werde es nicht erleben, dass die Deutschen ihre Kapitulation feiern. Vor dem Schulgebäude stand jahrelang ein auffälliges schwarz-rotes Schild mit Deutschlandkarte von 1937 und  dem Slogan „3 geteilt? Niemals!“ Gegen den Widerstand in der eigenen Partei bezeichnete dann Bundespräsident von Weizsäcker 1985 in seiner Rede zum 40. Jahrestag den 8. Mai als „Tag der Befreiung … von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

Für meine Verwandtschaft in der DDR war hingegen von 1950 bis 1967 und 1985 der 8.Mai gesetzlicher Feiertag, eben der „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus[“ . Es gab Demonstrationen und Militärparaden. Junge Pioniere legten Blumen am sowjetischen Ehrenmal nieder.

Heute gibt es in Deutschland länderbezogen verschiedene Gedenkfeiern, in Berlin einmalig wieder einen gesetzlichen Feiertag. Das meiste wird wohl Corona bedingt nur in den Medien stattfinden.

In Rottenburg haben wir 1995 zum 50jährigen Kriegsende einen großen ökumenischen Gottesdienst im Dom gefeiert. Die Predigt hielt auf meinen Wunsch hin ein evangelischer Pfarrer, der noch selber Wehrmachtssoldat war. Er war 1945 bereits zum Tode verurteilt. Nur das Kriegsende bewahrte ihn davor. Es war übrigens der erste ökumenische Gottesdienst, den er in seinem Leben mitgestaltete. Leider verdarb er die insgesamt gute Predigt durch eine Bemerkung, die ich aus dem Kopf zitiere: „Was haben wir für einen kulturellen Verlust durch die Vernichtung des Judentums erlitten. Und nun haben wir die Türken.“

Bei vielen seelsorgerlichen Besuchen habe ich sehr unterschiedliche Erinnerungen zu hören bekommen, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Erschütternd waren manche Beichten von Kriegsverbrechern, aber auch schmerzvolle Aussagen von vergewaltigten Frauen. In Rottenburg müssen besonders Marokkaner der französischen Armee Frauen als Kriegsbeute angesehen haben. Vielen waren jahrzehntelang die Lippen verschlossen, die sich erst im hohen Alter noch einmal öffneten. Manche erlebten die Bombennächte in Alpträumen noch einmal. Das Schicksal der Kriegskinder haben wir jahrelang übersehen. Katastrophenseelsorge gab es nicht. Wie soll man als Nachgeborener mit diesen Geschichten umgehen? Ich bin auf alle Fälle dankbar, dass ich im Frieden aufwachsen durfte. Ich empfinde eine Verpflichtung, meinerseits für den Frieden umfassend zu arbeiten.

Mich hat die Stuttgarter Schulderklärung der Evangelischen Kirche vom Oktober 1945 beeindruckt, in der es heißt: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ Die ganze Erklärung ist im Evangelischen Gesangbuch Nr. 837 abgedruckt. Sie hat den Weg für eine bessere Zukunft geöffnet, beispielsweise ökumenische Hilfen für hungernde deutsche Kinder ermöglicht. Aus heutiger Sicht kann man manche Formulierung kritisieren, aber in der damaligen Zeit musste sie gegen große Widerstände durchgesetzt werden.  Vielfach wurde sie aus Angst vor Widerstand in Deutschland kaum veröffentlicht. Von eigener Schuld wollen die meisten Menschen eben nichts wissen. Unsere Rottenburger Gemeinde hatte selber einiges aufzuarbeiten, waren doch überdurchschnittlich viele Evangelische in der NSDAP.

Das größte Versäumnis der Erklärung  ist sicherlich, dass der millionenfache Mord an den Juden nicht erwähnt wird. Seltsam abstrakt erscheinen die Selbstbezichtigungen „nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt“. Skandalös sind sie, wenn man weiß, dass dieselben Worte in einem Glückwunschtelegramm zu Hitlers Geburtstag verwendet wurden.

Die dort ausgesprochene Hoffnung aber ist noch immer aktuell: „Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.“

Christliche Hoffnung ist immer eine tätige Hoffnung. Deswegen engagiere ich mich mit anderen gegen den ungebremsten Rüstungswahn, für eine West-Ost-Verständigung und für Hilfen im globalen Süden. Kriege brechen nicht aus wie Naturkatastrophen: Sie werden geistig vorbereitet, manche verdienen daran. Kriegstreiber hoffen auf unsere Gleichgültigkeit. Wir sind aber nicht ohnmächtig, sondern haben eine Stimme.

Ich möchte nicht, dass künftig solche Schulderklärungen nötig sind und wir uns selber anklagen müssen.

Erster Mai

Der „Tag der Arbeit“ wird dieses Jahr, wenn überhaupt, sicherlich anders begangen als in früheren Zeiten. „Heraus zum 1. Mai“ kann nicht die Parole sein. Die Pandemie zwingt uns auch bei diesem Feiertag neue Überlegungen auf. Es wäre erstaunlich, aber auch nicht wünschenswert, wenn sich Positionen durchsetzen, die schnellstmöglich wieder zu alten Verhältnissen zurückkehren wollen. Fatal ist allerdings, dass wir neue Gedanken nicht direkt austauschen können, sondern vor allem auf Medien angewiesen sind.

Ein kirchlicher Ort der gesellschaftlichen Diskussion sind die Evangelischen Akademien, deren übliche Konferenzen nun allerdings auch kaum möglich sind. Dort hat man sich schon lange Gedanken zur Zukunft der Arbeit gemacht. Sie begann schon 1945 Tagungen mit „Männern der Wirtschaft“. Bald sind Frauen und Jugendliche hinzugekommen. Ich arbeite gerade mit an einer Chronik meiner früheren Arbeitsstätte, speziell geht es um die berühmte Diskussion Rudi Dutschkes mit Ernst Bloch über Chancen der Revolution in Deutschland aus dem Jahre 1968. Ich bin begeistert, wie vielfältig in den 75 Jahren die Bemühungen um eine Humanisierung der Arbeitswelt gewesen sind. Aus der Erkenntnis heraus, dass sich kirchliche Arbeit nicht in den Gemeinden erschöpfen darf, ist mittlerweile ein „Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt“ (KDA) entstanden. Immer mehr wurde klar, dass Problemlösungen nur noch im Dialog gefunden werden können. Eine „Theologie der Arbeit“ kann nicht mehr ohne die Betroffenen entwickelt werden. Einen weithin vergessenen Ansatz führte Dorothee Sölle aus.

Unter Berufung auf die Option für die Armen und das biblische Gerechtigkeitsethos spricht sie sich für eine in gesellschaftlichen Zusammenhängen ermöglichte Verwirklichung der jedem Menschen von Gott zugesprochenen Subjektivität und Würde aus. Insoweit die Erwerbsarbeit in der Arbeitsgesellschaft die Instanz der Verteilung gesellschaftlicher Anerkennung darstelle, sei von einem Menschenrecht auf Erwerbsarbeit auszugehen. Zugleich wendet sie sich aber gegen die Verengung des Arbeitsbegriff auf die bezahlte Arbeit. In den späten Schriften deutet sich eine Abkehr vom Leitbild der Arbeitsgesellschaft an. Einen ersten Schritt dahin geht die Verfasserin mit ihrem Plädoyer, die Muße als Gegenpol des Arbeitslebens wiederzuentdecken. Leider ist Dorothee Sölle am 27. April 2003 während einer Tagung in Bad Boll verstorben.  (Lieben und arbeiten. Eine Theologie der Schöpfung. Kreuz Verlag Stuttgart 1985)

In einem Aufruf des KDA zum 1.Mai heißt es u.a.: „Nach dieser Krise muss unser gesellschaftliches Wertedenken und unser Wirtschaftssystem auf den Prüfstand. Wir müssen uns von einem System verabschieden, das mit der Krankheit und dem Leid von Menschen viel Geld verdienen soll. Berufe, die einen Dienst am Menschen leisten, müssen ideell und finanziell aufgewertet werden. Wir brauchen ein Wirtschaften, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dazu bedarf es politischer Entscheidungen, aber auch des solidarischen Miteinander von allen.“  https://www.kda-wue.de.

Ein Bibelvers zur Arbeit hat in der Geschichte besondere Bedeutung gewonnen. Der Apostel Paulus schreibt an die Christen in Thessaloniki: „Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ 2.Thess 3,10.

Religiösen Schwärmern galt der Satz, nicht den Armen der Gemeinde. Die Unterstützung der Armen, die aus welchem Grund auch immer nicht von ihrer Hände Arbeit leben können, ist für Paulus selbstverständlich.

Der Arbeiterführer August Bebel hat ihn später gern zitiert. Die Losung der noch revolutionären Sozialdemokratie Ende des 19. Jahrhunderts wurde von den späteren Bolschewiken übernommen. Gerichtet war nun diese Losung gegen das arbeitslose Einkommen der herrschenden Klassen.

„Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber die Arbeit soll auch nützliche, produktive Tätigkeit sein. Die neue Gesellschaft wird also verlangen, daß jeder eine bestimmte industrielle, gewerbliche, ackerbauliche oder sonstige nützliche Tätigkeit ergreift, durch die er eine bestimmte Arbeitsleistung für die Befriedigung vorhandener Bedürfnisse vollzieht. Ohne Arbeit kein Genuß, keine Arbeit ohne Genuß. Indem alle verpflichtet sind zu arbeiten, haben alle das gleiche Interesse, drei Bedingungen bei der Arbeit erfüllt zu sehen. Erstens, daß die Arbeit im Zeitmaß mäßig sei und keinen überanstrengt; zweitens, daß sie möglichst angenehm ist und Abwechslung bietet; drittens, daß sie möglichst ergiebig ist, weil davon das Maß der Arbeitszeit und das Maß der Genüsse abhängt.“ (August Bebel: „Die Frau und der Sozialismus“, Kapitel: Grundgesetze der sozialistischen Gesellschaft, 50. Auflage, Wien 1909 – erste Auflage erschien 1879)

Die Losung der noch revolutionären Sozialdemokratie Ende des 19. Jahrhunderts wurde von den späteren Bolschewiken übernommen. Gerichtet war nun diese Losung gegen das arbeitslose Einkommen der herrschenden Klassen. Lenin machte eine sozialistische Arbeitspflicht daraus.

 „Somit wird in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft (die gewöhnlich Sozialismus genannt wird) das „bürgerliche Recht“ nicht vollständig abgeschafft,… „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, dieses sozialistische Prinzip ist schon verwirklicht; „für das gleiche Quantum Arbeit das gleiche Quantum Produkte“ – auch dieses sozialistische Prinzip ist schon verwirklicht. Das ist jedoch noch nicht Kommunismus, und das beseitigt noch nicht das „bürgerliche Recht“, das ungleichen Individuen für ungleiche (faktisch ungleiche) Arbeitsmengen die gleiche Menge Produkte zuweist.“ (W. I. Lenin: „Staat und Revolution – Kapitel V.: Die ökonomischen Grundlagen für das Absterben des Staates“)

Getragen war diese Losung von der Forderung nach gerechter Verteilung der Arbeit. Abgesehen von Ausnahmen wie Christoph Blumhardt in Bad Boll hat sich die obrigkeitshörige evangelische  Staatskirche leider allzu oft gegen die Arbeiterbewegung gestellt. Die Folgen spüren wir noch heute.

Man kann aber wohl nicht bestreiten, dass die absolute Wertschätzung der bezahlten Arbeit zu einer Geringschätzung der unbezahlten Arbeit, erst recht der Muße geführt hat. Wer gegenwärtig arbeitslos geworden ist, kämpft darum oft um sein Selbstwertgefühl, fühlt sich überflüssig. Das kann noch schlimmer sein als die ebenso bedrohlichen Einkommensverluste.

Zur Tageslosung aus der Hebräischen Bibel fügen die Herrnhuter immer  einen „Lehrtext“ aus dem Neuen Testament hinzu. Da spricht der Bergprediger Jesus zu uns.  Der will uns nicht zur Gleichgültigkeit verführen, aber anregen, dass wir uns von Sorgen nicht zerfressen lassen. Seine Botschaft ist: Es wird immer einen Weg geben, den wir gehen können. Gottvertrauen ist in jeder Lage möglich.

„Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.  Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen… Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?  Mt. 6,28-29.31.

Suchen und Gefunden

Unsere Kirchengemeinde gibt jeden Tag einen „Impuls“ heraus, für den ich gelegentlich schreibe: http://www.evangelisch-in-rottenburg.de.

Wissenschaftler suchen derzeit hektisch nach einem Impfstoff, der uns vor COVID-19 schützt. Besser wäre noch ein Medikament, das uns heilt, wenn das Corona-Virus „Sars-CoV-2“ uns erreicht hat. Die Ungeduld wächst und die Leute fragen: Wann ist es endlich soweit? Man sagt uns, es wird noch dauern. Bis dahin müssen wir vorsichtig sein und Abstand halten. Unsere Geduld ist notwendig, wird aber strapaziert. Politiker suchen einen Weg, um mit den wirtschaftlichen und finanziellen Folgen umzugehen, die man noch gar nicht abschätzen kann. Immer mehr Gruppen fordern Hilfe und Unterstützung. Christen fragen, wann denn endlich die Kirchen wieder für alle geöffnet werden und die gewohnten Gottesdienste stattfinden. Dabei wissen wir doch, dass jede Stube zur Kirche werden kann. Gott lässt sich wahrlich  überall finden.

Meine Generation – ich bin Jahrgang 1947 – ist besonders unwillig, die eigenen Handlungsmöglichkeiten einschränken zu lassen. Wir waren bisher gewöhnt, dass wir Anordnungen hinterfragen und uns nicht einfach fügen. Mühsam erkämpfte Rechte wollen wir uns nicht einfach nehmen lassen. Individuelle Entfaltung ist für viele höchstes Lebensziel, artet allerdings manchmal unverantwortlich individualistisch aus.

In dieser Situation lese ich die Herrnhuter Losung aus der Bibel: „So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den Herrn, euren Gott, zu suchen.“  1.Chronik 22,19.

Die alttestamentlichen Bücher der Chronik haben bei vielen Theologen einen schlechten Ruf. Sie gelten als historisch besonders unzuverlässig und ideologisch belastet. Um 400 vor Christus oder noch später entstanden, erzählen sie noch einmal die Geschichte Israels. Dabei betonen sie besonders die Bedeutung des rechten Gottesdienstes und des Jerusalemer Tempels. In diesem Kapitel wird berichtet, wie König David den Bau des Tempels vorbereitet und seinen Sohn und Nachfolger Salomo mit der Durchführung des Baus beauftragt. Die führenden Männer werden mit diesem Satz aufgefordert, das Werk zu unterstützen:

„Gebt also jetzt euer Herz und eure Seele, um den Ewigen, eure Gottheit, zu suchen!“ (Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“)

Dieser Vers spricht mich direkt an. Er fordert mich heraus, hinter den aktuellen Aufgaben den tieferen Sinn meines Lebens nicht zu vernachlässigen. Krisen sind ja immer eine Chance, die gewohnten Abläufe zu unterbrechen. Unfreiwillig habe ich jetzt Zeit zur inneren Einkehr, die ich nicht mit allerlei medialen Zerstreuungen vertreiben will.

Ich denke aber auch an die Menschen, die ich letztes Jahr im Rottenburger Gefängnis betreut habe. Sie sind wirklich eingesperrt, bekommen kaum noch Besuche und fragen sich ängstlich, wie die Welt aussieht, in die sie womöglich entlassen werden. Die Suchbewegungen ihres Lebens endeten oft in einer Sucht, die sie straffällig werden ließ. Einigen kann ich Briefe schreiben. (Eine sehr sinnvolle Beschäftigung für alle Rentner!) Einem habe ich zum Thema „Suchen-Finden“ folgende Strophe Jochen Kleppers aus dem Evangelischen Gesangbuch aufgeschrieben:

„Glaubst du auch nicht, bleibt Gott doch treu. / Er hält, was er verkündet. / Er wird Geschöpf – und schafft dich neu, / den er in Unheil findet.  Weil er sich nicht verleugnen kann, sieh ihn, nicht deine Schuld mehr an. / Er hat sich selbst gebunden. / Er sucht: Du wirst gefunden.!“  EG 539,3