Archiv für den Monat November 2017

Trauung nicht für alle

Die Synode der Landeskirche Württemberg hat jegliche Trauung gleichgeschlechtlicher Mitglieder abgelehnt. Ein Kompromissantrag des Oberkirchenrats scheiterte an  zwei Stimmen. Erstmals habe ich mir dank Internet die Debatten angehört. Mich wundert, dass die meisten Synodalen vor allem vorbereitete Beiträge vorgetragen haben. Man ging kaum aufeinander ein, Argumente wurden nicht wirklich ausgetauscht. Der rückwärts gerichtete Blick auf „Bibel und Bekenntnis“ genügte vielen.

Mich erstaunt selbst rückblickend, dass ich mich in den sechziger Jahren weder in der Schule noch an der Universität mit diesen Fragen auseinandergesetzt habe. Homosexualität war einfach ein Tabu. Das änderte sich in den siebziger Jahren im Vikariat. In meiner Ausbildungsgruppe war ein schwuler Kollege, dessen Lebens- und Leidensweg mir imponierte. Er machte mich auf die lange währende Diskriminierung aufmerksam. Ich musste umdenken und verstand, dass gerade die selbst nicht Betroffenen sich engagieren sollten, damit schwule und lesbisch liebende Menschen sich nicht ständig in selbst verteidigen müssten. Inzwischen hatten sich Gruppen wie „Homosexualität und Kirche“ gebildet, die verstärkt ihre Rechte einforderten. Auf dem Nürnberger Kirchentag 1979 gab es erstmals in großen Versammlungen kontroverse Debatten. Schon damals hinkte die kirchliche Debatte zehn Jahre hinter der gesellschaftlichen her.

Inzwischen war ich Studentenpfarrer und konnte in vielen Gruppen der Studentengemeinde (ESG) eine Neuorientierung in der christlichen Ethik mitgestalten. Wichtig war damals das Buch des Düsseldorfer Pfarrers Hans Georg Wiedemann „Homosexuelle Liebe“. Von 1973 bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2001 war er Gemeindepfarrer. Er war Lehrbeauftragter für Praktische Theologie in Bonn, Lehrbeauftragter für Sexualethik, Synodalbeauftragter für Homosexuelle des Kirchenkreises Düsseldorf-Ost, gehörte zum Vorstand der Telefonseelsorge in Düsseldorf.

Für mich sind seitdem die theologischen und ethischen Grundlagen geklärt. Allerdings sind die Diskriminierungen nicht beendet. Weder in der Gesellschaft, aber auch nicht in der Kirche und schon gar nicht in der Ökumene. Es wirken eben selten rationale Argumente, sondern tief  sitzende Komplexe, die man besser im vertraulichen Gespräch überwinden kann. Dennoch sind öffentliche Kundgebungen wichtig.

Deswegen finde ich aktuell den Antrag Nr.36/17 des Synodalen Dr. med. Harald Kretschmer wichtig: „Bitte um Vergebung für Unrecht, das von unserer Kirche an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde“.

Da die Begründung in der Regel öffentlich nicht publiziert wird, möchte ich daraus zitieren:

„Während der vergangenen 25 Jahre hat sich in der theologischen und der juristischen Wissenschaft, in den Naturwissenschaften sowie in den Lebenswissenschaften (Neurowissenschaften, Psychologie, Medizin u. a.) die Haltung zu Homosexualität und zu gleichgeschlechtlich orientierten Menschen deutlich verändert. Das erleben wir auch in den evangelischen Landeskirchen und im freikirchlichen Bereich. Viele Organisationen zur „Reparativen Therapie“ lösten sich auf und entschuldigten sich für den verheerenden Schaden, den sie durch ihre Behandlungsmethoden bei homosexuell empfindenden Menschen angerichtet hatten, ohne überzeugende Belege für die Wirksamkeit ihres „Heilungsansatzes“ vorlegen zu können…

Es war unfassliches Unrecht, das während der Zeit des Nationalsozialismus homosexuellen Menschen angetan wurde bis hin zur Ermordung tausender homosexueller Männer in Konzentrationslagern. Homosexuelle Männer gehören zu der nicht-rassistisch verfolgten Häftlingsgruppe mit der höchsten Sterblichkeit in den Konzentrationslagern. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Bundesrepublik Deutschland gleichgeschlechtlich orientierte Menschen kriminalisiert, pathologisiert und als sündig denunziert.

Die Kirchen, auch unsere Württembergische Ev. Landeskirche, traten weder in der Zeit des Nationalsozialismus noch in der Nachkriegszeit eindeutig und klar für homosexuelle Menschen und gegen ihre Verfolgung und Ermordung ein. Gegen die Herabwürdigung und Verachtung von Homosexuellen durch weite Teile der christlichen Kirchen gab es im sog. Dritten Reich lediglich Einzelaktionen von wenigen Christen.

Auch nach dem Krieg wurde in beiden deutschen Staaten ohne Widerstand der Kirchen weiterhin gegen Homosexuelle ermittelt. Die christlichen Kirchen spielten gar eine Schlüsselrolle bei der Legitimierung der strafrechtlichen Verfolgung Homosexueller und bei der expliziten Forderung nach deren strafrechtlicher Verfolgung. Selbst Homosexuelle, die das KZ überlebt hatten, wurden erneut verurteilt – ohne jeden Protest durch die Kirchen.

Pater Michael Lapsley, Leiter des südafrikanischen „Institute for the Healing of Memories“ und Unterstützer der Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, sagte in der Predigt beim Abschlussgottesdienst der ÖRK-Vollversammlung 2013: „Heute möchte ich als Christ, als Priester allen in der Gemeinschaft der gleichgeschlechtlich Orientierten sagen, dass ich unser Verhalten als religiöse Menschen an dem Schmerz, den sie über Jahrhunderte hinweg erlebt haben, zutiefst bedauere. Ich habe den Traum, dass ich noch zu meinen Lebzeiten hören kann, wie alle Führungspersonen aller unserer großen Glaubenstraditionen sich auf gleiche Weise entschuldigen.“

Dieses Zitat gibt sehr klar die Meinung der übergroßen Zahl der Teilnehmer an der Vollversammlung des ÖRK, der Delegierten der EKD sowie auch die Meinung unserer württembergischen Beobachtergruppe wider.

Es ist an der Zeit, dass sich unsere Kirche endlich zu ihrer Schuld gegenüber homosexuellen Menschen bekennt, auch dazu, sich nicht oder nicht klar genug für diese eingesetzt zu haben.

Es ist an der Zeit, dass wir als Württembergische Ev. Landeskirche die Gemeinschaft der gleichgeschlechtlich orientierten Menschen um Verzeihung bitten. „Die Kirche ist“, so Dietrich Bonhoeffer, „den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören“.

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Toten- und Ewigkeitssonntag

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr heißt in der Evangelischen Kirche  wahlweise Toten- oder Ewigkeitssonntag mit getrennten Liturgieanweisungen. Wir erlebten gestern eine sinnvolle Kombination von beidem. Man spürt, dass zwei Kirchengemeinderätinnen dem Pfarrer zur Seite stehen.

Der Altar ist schwarz zugedeckt. Violine und Orgel stimmen uns ein. Wir singen das schwierige, aber  textlich überzeugende Lied (EG 534) „Herr, lehre uns, dass  wir sterben müssen…“ Man hört, dass viele gekommen sind, die in diesem Jahr Angehörige verloren haben. Deren Namen werden gruppenweise verlesen. Viele kommen nach vorn, um eine Kerze anzuzünden. Stille und klassische Musik geben Raum zur Meditation. Ich habe glücklicherweise niemanden verloren, denke aber an die vielen Toten, die ich im Laufe der Zeit verabschieden musste. Nach der Bibellesung holt das Liturgieteam das schwarze Tuch ein und legt ein weißes Parament auf. Der innere Blick geht nun nicht mehr zurück, sondern nach vorn.

Der Pfarrer nimmt in seiner Predigt die Trauer der Menschen auf und wendet sie in Freude auf den kommenden Gott. Naturgemäß fallen ihm mehr Klagen als Lobpreisungen ein. Seltsam finde ich, dass er mit einer Art Weihnachtsgeschichte von Kurt Marti schließt. Längere verlesene literarische Passagen finde ich in Predigten immer problematisch. Ich möchte angesprochen werden und keine Vorlesung hören. Der Dichterpfarrer aus Bern zählt  auch zu den Toten dieses Jahres. Seine „Leichenlieder“ haben mich bei vielen Beerdigungen angeregt. Das folgende hätte auch in diesem insgesamt sehr überzeugenden Gottesdienst gut gepasst.

„als sie mit zwanzig

ein kind erwartete

wurde ihr heirat

befohlen.

als sie geheiratet hatte

wurde ihr verzicht

auf alle studienpläne

befohlen

als sie mit dreißig

noch unternehmungslust zeigte

wurde ihr dienst im hause

befohlen

als sie mit vierzig

einmal zu leben versuchte

wurde ihr anstand und tugend

befohlen

als sie mit fünfzig

verbraucht und enttäuscht war

zog ihr mann

zu einer jüngeren frau

liebe gemeinde

wir befehlen zu viel

wir gehorchen zu viel

wir leben zu wenig.“

Zum Schluß strahlt die Kirche nach „Taizé-Art“ im Schein der vielen Kerzen. Ich denke: Es hat sich doch viel getan. Als ich 1969 nach Württemberg kam, wurde ich belehrt, dass die beiden Altarkerzen nur zu Ostern angezündet werden. So sparsam waren die Schwaben damals.

CIA – Verbrechen (64 Jahre später)

Aufgewachsen mit einer proamerikanischen Einstellung in der Nachkriegszeit brachte mir das Erschrecken über die Verbrechen der USA im Vietnamkrieg das Ende meiner politischen Naivität. Diese überwand ich endgültig, als ich mich im Juni 1967 an den Demonstrationen gegen das Schah-Regime des Iran beteiligte. Ich finde es noch immer erstaunlich, dass ein einziges Buch (Bahman Nirumand, Persien – Modell eines Entwicklungslandes) bzw. sein Vortrag in der Freien Universität Berlin tausende Studenten in Bewegung setzte. Nirumand wurde als Sohn einer wohlhabenden Beamtenfamilie in Teheran geboren und im Alter von vierzehn Jahren nach Deutschland geschickt. Er besuchte unter anderem in Stuttgart eine Waldorfschule. 1960 promovierte er in Tübingen.

Unser „Schlachtruf“ war „Mo-Mo- Mossadegh“. Diesen Namen des 1953 weggeputschten Premierministers des Iran hatten ich erst am Vorabend kennengelernt. Er stand symbolhaft für die Tatsache, dass die USA nicht erst in Vietnam, sondern sich auch schon früher verhängnisvoll in die Entwicklung anderer Völker eingemischt hatten. Allerdings war ich mir angesichts der Mehrheitsmeinung unserer Politiker und ihrer Medien nie ganz sicher. Nun sind die entsprechenden Dokumente über den Putsch endlich veröffentlicht. Ich ziehe daraus die Lehre, dass man aktuelle Informationen mit höchstem Misstrauen aufnehmen muss.

Im Sommer 1953 startete der US-Geheimdienst in Teheran die „Operation Ajax“: Die CIA bestach Politiker, Offiziere und Geistliche und wiegelte sie zur Opposition gegen Mossadegh auf. Gleichzeitig überredete sie den Schah Reza Pahlavi, Mossadegh per Dekret seines Amtes zu entheben. Am 19. August kam es zu einer Straßenschlacht zwischen Mossadegh-Anhängern und Putschisten vor dem Privathaus des Premierministers. „Man wunderte sich über die Menschen, die da gegen Mossadegh demonstrierten“, erzählt Bahman Nirumand, der den Putsch als Schüler in Teheran aus nächster Nähe miterlebte: „Da waren ganz schlimme Killerbanden darunter, und arme Menschen aus dem Süden der Stadt, die man mit Geld bestochen hatte.“ Als dann das Schah-treue Militär eingriff, wurde Mossadegh gestürzt und seine Regierungszeit fand ein jähes Ende.

http://www.dw.com/de/1953-irans-gestohlene-demokratie/a-17008768

Ich schaue mir ein Video an, das die lange verschwiegene Beteiligung des CIA am damaligen Militärputsch dokumentiert. Es wurde von The Real News Network produziert und von acTVism Munich auf freiwilliger Basis ins Deutsche übersetzt. Darin spricht Malcolm Byrne — stellvertretender Direktor des nichtstaatlichen National Security Archive an der George Washington Universität, an der er das Projekt zu Iran-U.S.-Beziehungen des Archivs leitet — über die langerwarteten und lange verborgenen CIA-Dokumente, die wichtige Details über den Sturz der demokratischen Regierung des Iran 1953 durch die USA und Großbritannien enthalten.

http://www.actvism.org/opinions/cia-iran-1953/

Zweierlei ist mir wichtig, nachdem ich in die publizierten Dokumente schauen konnte:

  1. Die unglaubliche und kurzsichtige Dummheit der amerikanischen Politik, die nachhaltig den ganzen Nahen Osten gegen sich aufgebracht hat. Die sogenannte Islamische Revolution wäre der Welt erspart geblieben, wenn die USA auf die eher sozialdemokratische Politik eines Mossadegh gesetzt hätten. Doch die Gier nach Öl und antikommunistische Angst waren größer.
  2. Schon wieder wird mit allen Propagandamitteln das Feindbild „Iran“ aufgebaut, obwohl dieses Land im Gegensatz zu den USA nie ein anderes angegriffen hat, sondern im Gegenteil im Ersten Golfkrieg durch den Irak mit Unterstützung der USA überfallen wurde. Man kann nur hoffen, dass die Politiker der EU Nerven behalten und dem Konfrontationskurs eines Trump widerstehen.

Ehe für alle?

Wichtige Fragen der evangelischen Kirchen werden in demokratisch gewählten Kirchenparlamenten (Landessynode) beraten und entschieden. Nächste Wochen stehen beispielsweise Anträge zur „Ehe für alle“ auf der Tagesordnung. Der Gesprächskreis „Offene Kirche“ hat dazu einen Antrag vorgebracht.

https://www.offene-kirche.de/thema.html?&cHash=4f392441a0a0de178a0938efd802c75a&tx_ttnews%5Btt_news%5D=435

Offenbar geht es schon vorher in manchen Kreisen hoch her. Manche Evangelikale wollen den „Bekenntnisnotstand“ ausrufen und drohen mit Kirchenaustritt. Immer wieder wird natürlich die Bibel bemüht. Dazu hat der Tübinger Theologe Professor Volker Drecoll einen Brief an alle Synodalen geschrieben, der gestern bei einem Vorbereitungsabend im Tübinger „Haus der Kirche“ diskutiert  wurde. Darin heißt es:

„Das evangelische Schriftprinzip richtet sich gegen jeden Anspruch, bestimmte Regelungen quasi als „göttliches Recht“ auch unter Menschen durchzusetzen und sie für irgendwie heilsrelevant zu erklären. Das gilt insbesondere für Regeln, die die Ethik betreffen. Die Kircheneinheit bestimmt sich nicht von ethischen Normen her, sondern von dem, was als äußere Klarheit (claritas externa) in der Schrift einhellig bezeugt und in innerer Klarheit, d.h. im Glauben ergriffen wird: Dass Gott dreieinig ist, der Gottessohn Mensch geworden ist, für uns gelitten hat und auferstanden ist, und dass er wiederkommen wird in Herrlichkeit. So Luther 1525. Das sollte im Herbst 2017 auch unsere Einheit begründen, nichts anderes.

Das Schriftprinzip enthält eine Forderung, nämlich die, die Bibel nicht wie ein Gesetzbuch zu benutzen. Darin macht es stark, was Jesus selbst verkündigt hat. Jesu Interpretation der Bergpredigt und seine Auseinandersetzung mit kasuistischen Auslegungsmethoden des Gesetzes haben ein für allemal den Weg verstellt, die Gottesbeziehung nur für gegeben zu halten, wenn dieses oder jenes so oder so getan oder gelassen wird. Orthopraxie als Garant der Gottesbeziehung hat ausgedient. Das gilt gerade auch für die Sexualität. Die Gewissensentscheidung des einzelnen ist unhintergehbar, die Schärfung der Gewissen und die Förderung der inneren Freiheit sind daher die zentralen Leitlinien einer christlichen Ethik…

Das bedeutet nicht weniger, als dass materialethische Entscheidungen nicht mit diesem oder jenem Bibelvers begründet werden können. Denn dann würde man aus der Bibel einen Kanon göttlichen Rechts machen – und nicht das lebendig machende Evangelium.

Die Kirche hat in ihrer Geschichte höchst unterschiedliche Formen von Ehe erlebt. Sakrament war sie nur im hohen Mittelalter und ist es dann ab dem 16. Jahrhundert im römisch-katholischen Bereich geblieben, seit 1520 ist sie in den lutherischen Kirchen kein Sakrament mehr, und darin waren sich die verschiedenen Reformatoren alle einig. Schon das sollte uns vorsichtig machen, in den Gestaltungsformen der Ehe eine Frage zu sehen, die den Bekenntnisstand bedroht oder die Kircheneinheit in Frage stellt.

Die bürgerliche Eheschließung zweier Menschen gleichen Geschlechts ist in der Bibel mit nicht einem Wort erwähnt, denn das ist eine Lebensform, die es als institutionell geregelte Lebensweise in der Antike so schlicht nicht gab. Es ist eine Neuerung unserer Zeit, auf die wir heute als Kirche eine Antwort finden müssen. Die Frage, der sich die Kirche heute stellen muss, ist die: Versagt sie zwei Protestanten, die staatlich verheiratet sind, die Segnung, nur weil sie Männer oder Frauen sind?

Die aktuelle Entwicklung unserer Gesellschaft hat die Institution Ehe tiefgreifend verändert. Sie hat das getan, weil man heute andere Einsichten in die Rolle der Geschlechter hat als zu biblischen Zeiten. Man kann daher angesichts des heutigen Stands der Wissenschaften nicht einfach darauf verweisen, dass die Ehe von Gott gewollte Schöpfungsordnung nur in dem Sinne sein kann, dass es sich um eine Ehe zwischen Mann und Frau handelt.“

Killerroboter

22.11.17 Buß-und Bettag: Killerroboter

„Nun singen sie wieder“, möchte man in  Abwandlung eines kritischen Stücks von Max Frisch sagen. Zwar nicht auf dem „Heldenfriedhof“, aber doch in den Kirchen. Wobei man ja froh sein muss über jeden, der den Buß- und Bettag zum Anlass nimmt, um kräftig gegen den Krieg zu demonstrieren. Und heute aus konkretem Anlass gegen „Killerroboter“. Die Gefahr ist groß, dass man den Überblick verliert. Zumal unsere Qualitätsmedien sich ausschweigen. Nur dem Evangelische Pressdienst entnehme ich  einige Informationen.

Amandeep Gill leitet derzeit die UN-Konferenz der Regierungsexperten, die über militärische und ethische Aspekte einer unheimlichen neuen Waffengattung berät: sogenannte Killerroboter.

„Die Experten werden keine neue Regeln für die Kriegsführung mit Killerrobotern verabschieden“, sagt Gill ohne Umschweife. „Sie werden auch keine Empfehlung an die Vertragsstaaten der UN-Waffenkonvention abgeben, Killerroboter zu verbieten.“ Ebenso hält es der Botschafter für unwahrscheinlich, dass die Vertragsstaaten der UN- Waffenkonvention auf ihrem Treffen ab heute Gespräche für eine Ächtung der Todesmaschinen beschließen.

Killerrobotern werden also keine völkerrechtlichen Grenzen gesetzt. Die Maschinen haben freie Bahn, die Kriegsführung könnte in unheimlicher Weise revolutioniert werden. In den Verhandlungszimmern der Vereinten Nationen vereiteln genau die Länder ein Verbot der Killerroboter, die bei der Verschmelzung von Künstlicher Intelligenz und Kriegsgeräten weit gekommen sind: Es sind die USA, Großbritannien, China, Israel, Russland und Südkorea.

Deutschland hingegen „setzt sich für eine Ächtung vollautomatisierter Waffensysteme ein, die dem Menschen die Entscheidung über den Waffeneinsatz entziehen“, heißt es beim Auswärtigen Amt in Berlin. Die internationale Gemeinschaft stehe aber noch am Anfang, wenn es um eine „Einigung mit Blick auf mögliche Regelungen geht“. Anders ausgedrückt: Ein Verbot soll kommen. Nur wann es kommt, das bleibt offen.

Ich fürchte: Wenn wir als betroffene Bevölkerung nicht aufstehen, wird alles „seinen Gang“ gehen.

Dass die Kriegsführung der Zukunft bereits begonnen hat, lässt sich an der koreanischen Grenze beobachten: Südkoreanische Roboter, von der Firma Samsung entwickelt, bewachen die demilitarisierte Zone zwischen den verfeindeten Staaten. Die von Algorithmen gesteuerten Apparate können Eindringlinge identifizieren, ins Visier nehmen und töten.

„Es besteht die reale Gefahr, dass die technologische Innovation der zivilen Kontrolle entgleitet“, warnt die UN-Abrüstungsbeauftragte Izumi Nakamitsu. Der Missbrauch der künstlichen Intelligenz habe „potenziell katastrophale Konsequenzen“. Deshalb werden Forderungen nach einem schnellstmöglichen Verbot der Killerroboter immer lauter.

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, das Europäische Parlament, etliche Friedensnobelpreisträger, Wissenschaftler und Kirchenrepräsentanten wie der unermüdliche frühere Erzbischof von Kapstadt, Desmond Tutu, betonen: „Maschinen dürfen nicht selbstständig entscheiden, ob sie Menschen töten.“ Killerroboter, so lautet ihr Credo, lassen sich nicht mit dem humanitären Völkerrecht und internationalen Menschenrechtsstandards vereinbaren.  Und hört man was von den deutschen Bischöfen?

Friedensaktivisten befürchten, dass die Risiken für das Auslösen eines Krieges wahrscheinlicher werden, wenn Maschinen das Feuer eröffnen. Zudem drohten Kriege grausamer zu werden und länger zu dauern. Ethische Grundsätze, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, die Übernahme von Verantwortung für das eigene Tun, Mitleid – das alles könnte in den Kriegen der Roboter verschwinden.

Als brisant dürfte sich auch eine strafrechtliche Verfolgung von Kriegsverbrechen erweisen. Wer soll verurteilt werden, wenn Killerroboter ein Massaker an Zivilisten verüben? Angesichts dieser Herausforderungen lässt Bonnie Docherty von Human Rights Watch keinen Zweifel aufkommen: „Die menschliche Kontrolle über Waffen ist ein moralischer Imperativ“, erklärt sie. Und trotz des Widerstandes großer Militärmächte bleibt sie optimistisch: „Der Erfolg vergangener Abrüstungsverträge zeigt, dass ein absolutes Verbot vollständig autonomer Waffen machbar ist und wirksam wäre.“

Der Journalist Andreas Zumach, der seit langem über die UNO schreibt, berichtete kürzlich in Rottenburg, dass Friedensinitiativen durchaus Chancen haben, wenn sie Mehrheiten in der Generalversammlung organisieren können. Dazu braucht es aber kontinuierliche Friedensarbeit, die nicht auf eine Dekade oder gar einen Bußtag beschränkt sein darf.

Globales Chaos

Die konservative Bürgerschaft geht am Volkstrauertag auf den Friedhof mit den üblichen Ritualen („Ich hatt‘ einen Kameraden…“), der progressive kleinere Teil trifft sich in der „Friedensdekade“. Der bekannte Journalist und Friedensaktivist Andreas Zumach spricht im Rottenburger Gemeindehaus St.Martin über „Krieg oder Diplomatie“. Er beginnt mit dem Korea-Konflikt, dem er aber eine gute Prognose stellt. Trotz der verbalen Attacken des amerikanischen Präsidenten sind keine militärischen Optionen möglich. Das hat das US-Militär selber klargestellt, von den hauptbetroffenen Südkoreanern und Japanern ganz zu schweigen. Allerdings habe sich Trump mit seinen widersprüchlichen Äußerungen ins Abseits manövriert und wirtschaftspolitisch den Weg für die asiatische Vorherrschaft Chinas freigemacht. Es werde den USA nichts anderes übrig bleiben als wieder zum Ansatz Clintons von 1994 zurückzukehren. Damals haben die USA in einem Abkommen zur Rüstungsbegrenzung eine Nichtangriffsgarantie vereinbart. „Man muss Nordkorea den Feind nehmen“, um einen Wandel durch Handel einleiten zu können.

Für viel gefährlicher hält Zumach die Nahost-Konflikte. Das wichtige Abkommen mit dem Iran möchte Trump aufkündigen oder auf illegalen  Umwegen („Sekundäraktionen“) umgehen. Dieses lang verhandelte Ergebnis der Diplomatie habe aber eine  gewisse Stabilität in die Region gebracht. Er hoffe, dass die EU in dieser Frage dem Druck der USA widerstehen könne.

Bei allen Konflikten schaut man auf  die UNO. Dazu hat Andreas Zumach 2015 das Buch „Globales Chaos – machtlose UNO“ (Rotpunkt Verlag Zürich) geschrieben:

»Die UNO« als ein eigenständig handlungsfähiges Subjekt existiert nicht, sondern die UNO ist ein kompliziertes Netzwerk von inzwischen 193 souveränen Nationalstaaten mit oftmals sehr unterschiedlichen Interessen. Dieser Satz ist zwar banal, aber man muss ihn sich immer wieder in Erinnerung rufen. Denn in der Alltagssprache von Medien und Politik taucht »die UNO« alltäglich auf als Subjekt, das »beschließt, fordert, verurteilt, handelt, untersucht, scheitert«, usw. Durch diese undifferenzierte Sprache von Politik und Medien wird in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit immer wieder neu die Vorstellung genährt, es gebe »die UNO« als eigenständiges Subjekt, das uneigennützig und nach objektiven Maßstäben zur Schlichtung und Lösung von Konflikten eingreift wie ein unabhängiger Richter. Jedes Mal, wenn sich diese Vorstellung dann als Illusion erweist, entsteht Enttäuschung über »die UNO«.

Tatsächlich bestimmen die Mitgliedstaaten das Handeln »der UNO«. Ob sich »die UNO« überhaupt um ein Problem kümmert oder nicht, ob sie dabei erfolgreich ist oder scheitert – das ist immer Ergebnis der Interessen von Mitgliedstaaten, die sich bei den Entscheidungen des Sicherheitsrats, der Generalversammlung oder anderer Gremien und Institutionen des UNO-Systems entweder durchsetzen oder nicht. Wobei sich die Mitgliedstaaten mit hohem politischem, wirtschaftlichem und militärischem Gewicht besonders häufig durchsetzen und das Handeln »der UNO« bestimmen. Diese Tatsache sowie der Umstand, dass einige dieser übergewichtigen Mitgliedstaaten – insbesondere die USA – die UNO-Charta und andere Bestimmungen des Völkerrechts in den letzten Jahren in besonders eklatanter Weise gebrochen haben, ohne dass diese Verstöße irgendwelche Folgen hätten, haben inzwischen selbst bei vielen langjährigen Befürwortern der UNO zur resignativen bis zynischen Abkehr von der Weltorganisation geführt. Diese Haltung ist zwar verständlich. Aber sie übersieht, dass die UNO trotz aller auch in diesem Buch beschriebenen Unzulänglichkeiten und Widersprüche in den letzten 70 Jahren viel erreicht hat.“

Auf dieser Basis mahnte Zumach  zur Nüchternheit. Allerdings sieht er auch keine Alternative. Er zeigte aber Beispiele, wie Friedensinitiativen mit einigen konkreten Fortschritten bis in die Vollversammlung gelangt seien. So konnte ein Verbot der Atomwaffen, Verbote von Streumunition und Antipersonenminen und der internationale Strafgerichtshof trotz der Blockaden im Sicherheitsrat durchgesetzt werden.

Die deutsche Regierung müsste im Verbund der EU die UN stärken. Diese bräuchte eine ständige Einsatztruppe, um Konflikte entschärfen zu können. Stattdessen setzt man aber  auf nationale Anstrengungen und fordert wie Roderich Kiesewetter (CDU/CSU) selber  Atomwaffen. Teile der politischen Klasse wollen deren Einsatz offenhalten. Als besonders „gefährlich in ihrem Ehrgeiz“ bezeichnete er namentlich die amtierende Verteidigungsministerin Ursula  von der Leyen. Vor sechs Jahren erst haben sämtliche Fraktionen des Bundestags den Abzug aller Atomwaffen beschlossen. Aber nichts sei erfolgt. Stattdessen werden sie  von den USA „modernisiert“. Die Friedensbewegung müsse erreichen, dass der Atomwaffenverzicht ins Grundgesetz geschrieben werde.

Ein Leben für die Wahrheit

Das SWR-Fernsehen hat drei Freunde Hartmut Gründlers auf den Tübinger Bergfriedhof gebeten, um ein Interview an seinem Grab aufzunehmen. Vor 40 Jahren hatte er sich am Buß- und Bettag aus Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung in Hamburg verbrannt. Wir laufen ein paarmal vor dem Grab hin- und her. Dann können wir kurze Erklärungen abgeben. Natürlich werden nur winzige Ausschnitte in der SWR-Abendschau zum Schluss gesendet.

http://www.swrmediathek.de/player.htm?show=28aeed50-cb59-11e7-a5ff-005056a12b4c

Das Schwäbische Tagblatt bringt einen guten Artikel, aber sonst findet der Anlass in den Medien wenig Resonanz.

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Vor-40-Jahren-verbrannte-sich-der-Tuebinger-Atomkraftgegner-Hartmut-Gruendler-in-Hamburg-353623.html

Ich habe noch einmal meine Aufzeichnungen von 1977 herausgekramt. Da schreibe ich: „Mit der Zeitungsnachricht kam sein letzter Brief. Ich ging sofort zur Zeitung und überbrachte Kopien der letzten Schreiben Gründers. Der zuständige Redakteur war offensichtlich unwillig. „War das nicht ein Psychopath?“ lautete seine erste Frage. Trotz meiner Bemühungen ließ er sich kaum vom Gegenteil überzeugen. „Na, wenn Sie meinen, wollen Sie nicht den Nachruf schreiben?“ Ich setzte mich gleich hin und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Es gelang kaum. Dann studierte ich noch einmal seine Briefe, Flugblätter und Artikel. Schließlich rundete sich das Bild. Am Tag der Beerdigung erschien eine Sonderseite. Aber nur im Tübinger Teil. In andern Zeitungen wurde geschwiegen oder Pflichtübungen erledigt. Die Familie bat mich um die kirchliche Beerdigung. Man wollte einen möglichst kleinen Kreis. Aber nun wurden die Umweltschützer aktiv. Prominente meldeten sich an. Der Sarg sollte durch Deutschland geleitet werden, was die Friedhofsverwaltung schier überschnappen ließ. Die Polizei befürchtete Ausschreitungen, das Fernsehen freute sich anscheinend schon darauf. Schließlich einigten sich die verschiedenen Gruppen mit der Familie auf eine Feier. Als es aber losgehen sollte, hatte man den Organisten vergessen. Obendrein waren verschiedene Anfangszeiten veröffentlicht worden, sodass laufend Leute dazu strömten…. Nach meiner kurzen Ansprache folgten die Nachrufe, bescheiden, dezent und auch ohne Absprache einander ergänzend. Keiner nutzte die Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Dann geleiteten wir den Sarg zum Grab. Das Buch des Bundeskanzlers Schmidt „Als Christ in der politischen Entscheidung“ war tatsächlich draufgenagelt, was alle Fotografen anzog. Unterwegs nahmen einige Umweltschützer den Trägern den Sarg ab; offensichtlich ohne Absprache, denn diese schüttelten zunächst den Kopf. Zum Glück stolperte keiner ins Grab. Dort gab es noch einmal einige Nachrufe, die aber im Wind verflogen. Nach der Beerdigung trank ich noch einen Kaffee mit der Familie Gründlers: sehr interessante und nachdenkliche Leute, die aber auch froh waren, dass nun alles vorbei war. Die Diskussionsveranstaltung später im Audimax der Universität war dann trotz  der Experten ein Trauerspiel. Babylonische Sprachverwirrung total. Der Obsthändler und Rebell Helmut Palmer stürmte wütend hinaus mit den Worten: „Wenn Hartmut das hörte, würde er sich im Grab umdrehen.““

In meinem Nachruf für die Zeitung schloss ich mit einem Gedicht Gründlers:

„Da Friede sich auf Ehre, Ehr  / sich auf Wahrheit gründet,

Sind Friede, Ehre, Wahrheit / auf Lebenszeit verbündet.

Soll Fried und Ehre kommen / vom Tod zu neuem Leben,

muß Wahrheit aus dem Grab / als erste sich erheben.“

 

Am Nachmittag lädt Wolfgang Wettlaufer zu einem Gedenken in das Gemeindehaus der Eberhardskirche mit Texten und Bildern von Gründler. Nur  wenige Leute kommen. Ich zitiere dort dieses Gedicht.

Fünf Jahre zuvor gab es eine bedeutendere Veranstaltung, die ausführlich dokumentiert ist. Besonders den Beitrag von Franz Alt finde ich noch immer aktuell.

http://umweltzentrum-tuebingen.de/downloads/DokumentationH.GruendlerGedenkenTuebingen.pdf

Friedensdekade: Streit!

Morgens versalzt mir die „Süddeutsche Zeitung“  mit einem Anti-Anti-Atomwaffen-Kommentar das Frühstück. Da bekommt die atomkritische Initiative ICAN den Nobelpreis und ein Politikwissenschaftler schwadroniert über  die Abschreckungskraft der Atom“waffen“, die ja in Wirklichkeit Massenvernichtungsmittel sind. Soll ich darauf mit einem Leserbrief reagieren? Ich unterschreibe lieber die Petition von ICAN.

Im Juli dieses Jahres haben 122 Staaten bei den Vereinten Nationen ein Atomwaffenverbot beschlossen, seit September kann es unterschrieben werden. Die Bundesregierung boykottiert dieses Abkommen jedoch bislang. Für Deutschland würde der Beitritt bedeuten, dass die US-Atombomben aus Büchel abgezogen werden müssten. Schon im Jahr 2010 hatten die Bundestagsfraktionen von Union, SPD, FDP und Grünen gemeinsam den Abzug gefordert. Bis heute ist dies allerdings nicht passiert, die Atomwaffen sollen sogar modernisiert werden.

ICAN Deutschland hat zusammen mit IPPNW Deutschland (Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges) und der Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ eine Petition an die künftige Bundesregierung gestartet, für den Beitritt zum internationalen Atomwaffenverbot: www.nuclearban.de/petition.

Abends gehe ich in den Schalom-Gottesdienst der Friedensdekade zum Thema „Streit“. Es wird allerdings nicht gestritten, sondern darüber gepredigt. Außerdem gibt es reichlich Material zum Lesen. Das fällt mir auf: Die Werbungsmittel sind professioneller geworden, die Angebote vielfältiger. Aber das Publikum älter. Analysiere ich  das diesjährige Tübinger Programm genauer, bemerkt man viele Gottesdienste und Gebete, die sowieso zur üblichen kirchlichen Praxis gehören. Wenn man sich bewusst macht, welche Kriege derzeit toben, dann muten unsere Bemühungen zum Frieden reichlich harmlos an.

Anschließend schaue ich mir den neuen Film von Elisabeth Raiser „Kreisgang“ über ihren Vater, den Physiker und Philosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker an. Er war für mich als Schüler eine wichtige Identifikationsfigur, weil er christlichen Glauben und Naturwissenschaft zusammenbringen konnte. Seinetwegen bin ich 1965 als Schüler zum Kölner Kirchentag getrampt. Dort hielt er einen seiner bedeutenden Vorträge zum Thema Frieden, die mich (wie unsere ganze Generation) nachhaltig geprägt haben. Seine Idee zur „Weltinnenpolitik“ ist allerdings noch immer Utopie. Der Vorschlag eines „Friedens-Konzils“ wurde in wichtigen Ökumenischen Versammlungen aufgenommen. Meine Frage allerdings, warum er sich nicht an die UNO gewandt habe, bleibt offen. Dort fallen schließlich die entscheidenden Beschlüsse. Vermutlich lag ihm die Politik einfach nicht. Seine physikalischen Forschungen gerieten in Höhen, die man nicht mehr begreifen konnte. Seine philosophischen Gedanken landeten nicht zuletzt durch einen Indien-Aufenthalt in mystischer Tiefe. Mir wurde das schmerzlich bewusst, als er in den siebziger Jahren in der überfüllten Tübinger Stiftskirche einen Vortrag „Gott und Physik“ hielt. Nach zehn Minuten verstand ich nichts mehr. Der vielgerühmte „konziliare Prozess“ zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist zwar mittlerweile  in die Liturgie eingegangen, seine politischen Implikationen verdunsten allerdings.

Politische Veranstaltungen gibt es reichlich, wenn auch nicht unbedingt im Rahmen der Ökumenischen Dekade. www.friedensdekade.de.

Ich beziehe viele wertvolle Informationen von der Tübinger „Informationsstelle Militarisierung“ (IMI). Am kommenden Wochenende findet der IMI-Kongress zum Thema „Krieg im Informationsraum“ statt (Schlatterhaus, Österbergstr. 2, Tübingen) Alle Infos zum Kongress finden sich  hier:

http://www.imi-online.de/2017/09/20/krieg-im-informationsraum-2/

Judenfeindschaft überwinden

Aus meiner Predigt zum Reformationstag 2017:

Ich möchte nun gut evangelisch  ein Wort der Bibel zugrunde legen, das Martin Luther 1534 mit seinen Helfern original so aus dem Hebräischen Testament übersetzt hat:

Jesaja 43,1: „Und nu spricht der HERR/ der dich geschaffen hat Jacob / und dich gemachet hat Israel / Furcht dich nicht / denn ich habe dich erlöset / Ich habe dich bey deinem namen geruffen / Du bist mein.“

Wir kennen dieses Wort meistens als Denkspruch ohne den Auftakt „Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat Jakob und dich gemacht hat Israel“. Allein dieser Vers hätte die auch in Wittenberg seit dem 13. Jahrhundert verstärkt grassierende Judenfeindschaft überwinden müssen, die stattdessen der alte verbitterte Luther 1543 und 1546 noch böse auf die Spitze getrieben hat. Da gilt für ihn selbst und seine „Lutheraner“ (die er übrigens nicht wollte, er sprach immer von Christenheit) die in der Ersten seiner 95 Thesen geforderte Umkehr. Nach 2000 Jahren christlicher Judenfeindschaft ist es für mich die nachhaltigste Reform, dass wir seit 1945 erst zögernd auf Kirchentagen, im christlich-jüdischen Dialog aber dann kräftiger diesen Antisemitismus überwinden. Es müssen nur noch mehr einstimmen in die Kampagne der EKD von 2005 „Antisemitismus? Wir haben was dagegen!“. Evangelische Theologie ist eben immer auch Selbstkritik und wir können froh sein, dass Luther den Heiligenkult abgeschafft hat, auch den um seine Person.

Am 11. November 2015 veröffentlichte die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Bremen die lange erwartete „Kundgebung“ über Martin Luther und die Juden. Die 14 Punkte des mehrere Seiten langen Papiers sind in drei Teile gegliedert: Bedrängende Einsichten, Belastendes Erbe, Erneuernder Aufbruch. Der entscheidende Satz steht im dritten Teil unter  Punkt 10 und lautet: „Luthers Sicht des Judentums und seine Schmähungen gegen Juden stehen nach unserem heutigen Verständnis im Widerspruch zu dem Glauben an den einen Gott, der sich in dem Juden Jesus offenbart hat.“

Diese Distanzierung bezieht sich nicht nur auf Luthers antisemitische Schriften, sondern auf seine Sicht des Judentums, die wir auch in seinen exegetischen und anderen theologischen Schriften und sonstigen Äußerungen finden.

Der Wortlaut der EKD-Erklärung findet sich unter http://archiv.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html

In diesem Jesaja-Wort aus dem Exil, Babylonische Gefangenschaft der Juden genannt, spüren wir die Liebe Gottes für die, die heimatlos in dieser Welt sind. Und wenn wir wissen, dass zuerst zu den Juden dieses Wort gesagt ist, dann dürfen wir es auch für andere und sogar für uns hören.

„Fride sei mit euch“

November ist Krimi-Zeit. Wenn draußen die Stürme toben, dann mache ich es mir mit einem Krimi gemütlich. Neuerdings gern auch mit Kirchen-Krimis. Das scheint eine eigene Gattung zu werden. Immer wieder schreiben KollegInnen Kriminalromane, deren Handlungen sie sich wohl in langweiligen Sitzungen ausdenken. Nun hat Pfarrerin Kathinka Kaden (früher in der Evangelischen Akademie Bad Boll) einen „komischen Krimi mit viel Schwäbisch“ herausgebracht unter dem Titel „Fride sei mit euch“ (wellhöfer verlag Mannheim, 2017, 216 Seiten, 12,95 €).

Fride heißt die Hauptfigur, eine Vikarin, die gerade ihre erste Stelle auf der Schwäbischen Alb antritt. Viele Dialoge sind denn auch in schwäbisch, was die Lektüre für Nicht-Württemberger etwas beschwerlich macht. So kann die Autorin ihre binnenkirchlichen Kenntnisse verwerten und uns einen Einblick in das Tun und Lassen der jüngsten Theologinnen-Generation verschaffen. Ohne Klischees geht es dabei natürlich nicht ab. Im ersten Teil ist noch wenig von einem Krimi zu spüren. Es geht mehr um die Liebesgeschichte der Vikarin mit einem jungen Priester mit „haselnuss-braunen Augen“.  Der ist offenbar ein rechter erotischer Raubritter mit reichlich „One-Night-Stands“-Erfahrungen,  der genau an den richtigen Stellen streicheln kann. „Der Zölibat schützt vor der Einehe.“ Die folgenden Verwicklungen des Versteckspiels kann man sich denken: Hilflose Gespräche mit Freundinnen, Supervision, Kontakte mit Ausbildungspfarrer, Dekan und Kirchenleitung. Eben die „Erzählgemeinschaft Kirche“. Auf Seite 131 geht der junge Priester endlich ins Kloster, sodass sich die Vikarin neben ihren eigentlichen Aufgaben dem Kriminalfall widmen kann: einem üblen Frauenhandel, der bis in die beschauliche Gemeinde reicht, die sich allerdings als ziemliches Haifischbecken entpuppt.

Nun spielt die Autorin ihre juristischen Kenntnisse aus, die sogar amerikanische Auslieferungspraktiken einschließen.  Auch mit Pferden scheint sie sich gut auszukennen. Mit Kircheninterna sowieso. Vielleicht geht sie manchmal zu sehr ins Detail , wenn sie ausführlich kirchliche Texte zitiert. („Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung“, so beschrieb der Haller Reformator Johannes Brenz – nicht Luther! S. 202 – das Gebet.) Köstlich dann wieder der Versuch der Vikarin, endlich auch eine Traupredigt zu schreiben, denn mit der christlichen Ehe und herkömmlichen Sexualmoral hat sie es nicht so. S.183ff.

Neben spannender Unterhaltung bietet der Roman Einblicke in das Seelenleben einer jungen Theologin, die ihren Weg in den geistlichen Beruf noch sucht, der lange von Männern dominiert war. So mag das Verständnis für die „Feminisierung“ des evangelisch-kirchlichen Personals wachsen.