Archiv für den Monat Februar 2017

Schwaben in Georgien

Deutschland war einmal ein Auswandererland. Vor genau  200 Jahren sind Schwaben aus unserer Gegend in den Kaukasus ausgewandert. Religiöse Außenseiter wollten den Weltuntergang in der Nähe des Ararat erleben, die meisten aber wollten dem Hunger entkommen. Das Tübinger Stadtmuseum hat ihnen eine Ausstellung gewidmet, die jüngst in Gegenwart vieler Nachkommen eröffnet wurde. https://www.tuebingen.de/stadtmuseum/17728.html.

Ich habe mich gefreut, dass ich Christiane Hummel begrüßen konnte, die mit ihrem Mann Gert Hummel die evangelische Gemeinde wiederbegründet hatte. Mit ihm als Präsidenten der Paul-Tillich-Gesellschaft hatte ich etliche Tagungen organisiert und 2002 eine Gruppe nach Georgien geführt.

Der christliche Glaube in seiner lutherischen Tradition lebte trotz Verbots im Untergrund weiter. Kleine Gemeindegruppen hielten sich, zwar ohne Geistliche, wohl aber mit engagierten Gläubigen, bis zur Zeit der Perestroika. Bereits 1991 hatten sich mit dem Zerfall der Sowjetunion in Georgien vorwiegend deutschstämmige Lutheraner vereinzelt gesammelt. Auf diese Gemeindegruppen stieß der schwäbische Pfarrer Gert Hummel, als er als Professor der Universität des Saarlandes in Tiflis arbeitete. Nach seiner Emeritierung baute er aus eigenen Mitteln und Spenden seiner Freunde eine Kirche mit Gemeindezentrum, Altenheim und Diakoniestationen. 1998 zog Hummel mit seiner Frau nach Tiflis und übernahm als Pfarrer die dortige Kirchengemeinde. Ein Jahr später wählte ihn die georgische Regionalsynode zum Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien.

Die  Schicksale der Auswanderer hat er mit Peter Haigis geschildert in dem Buch „Schwäbische Spuren im Kaukasus“ (Sternberg-Verlag 2002) Leider starb er überraschend 2004 mit 71 Jahren.

In der Kirche in Georgien arbeiten sechs Pastoren und ein Lektor. Zu ihr gehören sieben registrierte Gemeinden mit etwa 700 Mitgliedern. Sie werden von der württembergischen Landeskirche unterstützt.

Die georgischen evangelisch-lutherischen Gemeinden gehen meist auf jene Schwaben zurück, die – wie die zaristische Regierung geplant hatte – nach schwierigsten Anfängen blühende Gemeinwesen aufbauten.

„Der sprichwörtliche Schwabenfleiß schuf, trotz mancher Rückschläge durch Epidemien, persische und tatarische Überfälle oder Missernten, im Laufe der Jahrzehnte ein blühendes Gemeindeleben und Wohlstand für alle, beispielhaft für das ganze Land. Zu Beginn der Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts lebten etwa 50.000 Deutschstämmige in Südkaukasien, die Mehrheit davon in Georgien.“

Im Ersten Weltkrieg begannen Feindseligkeiten, als auch die georgischen Deutschen zu Feinden erklärt wurden. Der kirchenfeindliche Kurs der Bolschewiki tat ein Übriges, der im stalinistischen Terror seinen Höhepunkt fand. Kirchen wurden geschlossen und zerstört, jede Art religiöser Betätigung verboten, Pfarrer und Gemeindeglieder gezielt verfolgt, verhaftet, verbannt und auch getötet.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die ca. 45000 Deutschen nach Kasachstan und anderswohin deportiert. Einige, die zurückgekehrt sind und sich im Gemeinschaftshaus Bolnisi treffen, konnte ich sprechen. Wäre mein Schwäbisch besser gewesen, hätte der Verständigung nichts im Wege gestanden. Hochdeutsch hingegen können sie nicht. Vgl. http://www.ev-luth-kirche-georgien.de/

 

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Weltethos-Rede

Das von Hans Küng begründete verdienstvolle „Weltethos-Institut“ arbeitet weiter und hat jüngst die Tradition der „Weltethos-Reden“ wieder aufgenommen. Da kommen die Spitzen der Gesellschaft (Unternehmer, Professoren, Abgeordnete etc.) im Festsaal der Universität zusammen. Der württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat gesprochen zum Thema „Was uns zusammenhält“. Er sagte u.a. :
„Ich kann uns nur raten, uns an den Grundwerten und dem Menschenbild unserer Verfassung zu orientieren. Und darüber hinaus an den Kernwerten, wie sie das Parlament der Weltreligionen beschrieben hat: Menschlichkeit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und – ja, auch die gleichberechtigte Partnerschaft von Mann und Frau.
Dort heißt es auch: „Wir betrachten die Menschheit als unsere Familie“. Anders gesagt: Es geht um Zusammenhalt, ein Kernbedürfnis menschlichen Lebens – Zusammenhalt von Familie, von Freunden, in Vereinen, in der Kirche, selbst in Parteien, Zusammenhalt der Gesellschaft. Wir alle suchen Zusammenhalt.“
Schöne Worte. So ähnlich haben hier schon Tony Blair und Helmut Schmidt gesprochen. Aber dann ganz anders gehandelt. Das sollte einen skeptisch stimmen.
Konkreter wurde Kretschmann, als er wie schon öfter über die Rolle der Religionen sprach. So weit ich sehe, ist über diese Passage in den Medien kaum berichtet worden.

„Über den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und zwischen den Völkern zu spre-

chen, ohne einen Blick auf die Rolle der Religionen zu werfen, ist nicht möglich.

Religionen haben eine starke gesellschaftliche, weltverändernde Kraft. Das zeigt nicht

Zuletzt der Blick auf die Reformation, deren 500-jähriges Jubiläum wir in diesem Jahr

begehen, und auf ihre Errungenschaften, die bis in unsere Gegenwart hineinwirken.

Aber es wäre naiv zu behaupten, die Präsenz des Religiösen würde an sich schon

zum Zusammenhalt in unserer Gesellschaft beitragen. Religionen können in den

Fundamentalismus und den Fanatismus abgleiten. Deshalb müssen wir als Staat

und als ganze Gesellschaft mit Entschiedenheit gegen diejenigen vorgehen, die die

Religion für ihre Zwecke missbrauchen und im Namen einer Religion Hass, Gewalt

und Terror praktizieren.

Eine solche Entschiedenheit erwarte ich auch von den Religionsgemeinschaften sel-

ber. Denn unsere Gesellschaft braucht zwar die Religionen; sie braucht aber nicht ihr

verblendetes und entstelltes Zerrbild. Sie dürfen in ihrer Lehre und in ihren Reihen

keinen Fanatismus und keine Gewalt dulden und müssen sich von solchen Strömun-

gen reinigen.

Wenn die Religionen dies tun, dann schaffen sie einen kulturellen Mehrwert, der nur

ihnen zu eigen ist. Dann kann auch Zusammenhalt trotz religiöser Vielfalt gelingen.

Denn die Religionen erinnern uns daran, dass es in unserem Leben noch etwas

Größeres gibt. Das Religiöse überschreitet unsere Fixierung auf das Hier und Jetzt.

Die Religionen halten uns damit –wie die Philosophin Jeanne Hersch sagt – den

„Sinn für den Sinn“ wach.

In den Kirchen und Religionsgemeinschaften schließen sich Menschen zusammen,

die an etwas glauben, die gemeinsame Werte und Ideale haben, die sich miteinander

für ihre Überzeugungen einsetzen und diese leben. Sie fördern also Verbindlichkeit

und Identifikation mit dem Ganzen. Mit ihren Gemeinschaften und Gemeinden, ihren

Verbänden und Hilfswerken sind sie tragende Säulen unserer Zivilgesellschaft. Sie

erhöhen die soziale Temperatur im Land. Gerade in der Flüchtlingsdebatte können

wir dies immer wieder spüren.“

http://media.badische-zeitung.de/pdf/Weltethos-Rede.pdf

Nur schöne Worte?

In der gleichen Woche wurde bekannt, dass eine Pforzheimer Firma wie manche andere in Baden-Württemberg Waffen in Spannungsgebiete exportiert. Rüstungsgegner erheben schwere Vorwürfe gegen dasUnternehmen, das eine Maschine zur Herstellung von Gewehrläufen nach Mexiko exportieren will. „Für diese Ausfuhr gibt es keine Genehmigung der zuständigen Behörde“, erklärt der Tübinger Anwalt Holger Rothbauer. Deshalb sei der Export in das von schweren Menschenrechtsverletzungen gezeichnete Land illegal.“

Sicherlich ist für solche Waffenexporte die Bundesregierung zuständig und nicht die Landesregierung. Ich würde aber doch gern wissen, wie Ministerpräsident Kretschmann solche Zustände mit seiner Rede vereinbart.

 

 

Vesperkirche

Ein letztes Mal in diesem Jahr gehen wir in unsere “Vesperkirche”. „Vesper“ nennen die Schwaben ein kräftiges Essen. So entstand mit diesem Namen in Stuttgarts Leonhardskirche  die erste „Vesperkirche“. Der Name bedeutet nichts anderes als dass in einer Kirche (oder im Gemeindehaus) gemeinsam „gevespert“ wird. Seit Sonntag, 15. Januar 2017,  ist die 23. Stuttgarter Vesperkirche geöffnet. Sie heißt sieben Wochen lang täglich bis zum 4. März von 9 Uhr bis 16.15 Uhr die Besucherinnen und Besucher herzlich willkommen.

Es soll ausdrücklich keine Armenspeisung oder gar Suppenküche sein, sondern  ein Angebot für alle. Die einen essen kostenlos, die andern zahlen einen Solidarbeitrag. Spenden sind natürlich immer notwendig. Viele Ehrenamtliche sorgen für Küche und Bedienung. Unter dem Namen Vesperkirche führen über 30 evangelische Kirchengemeinden in Baden-Württemberg jährlich in den Wintermonaten soziale Projekte zugunsten von Armen und Bedürftigen durch. Kern des Angebots ist ein warmes Mittagessen, das zu einem eher symbolischen Preis angeboten wird. Die weiteren Angebote sind je nach Ort unterschiedlich; angeboten werden z. B. Vesperpakete für die Nacht, medizinische Betreuung, Gespräche zur Krisenbewältigung, Berufsberatung, eine Spielecke für Kinder oder auch Konzerte und Vorträge.

Täglich ab 10.30 Uhr sind zum 10. Mal in Rottenburg ehrenamtliche Mitarbeiter/innen in für drei Wochen in Aktion. Sie decken die Tische, kochen Kaffee, servieren Essen, schenken Getränke ein und übernehmen Abräum- und Spüldienste. Etwa 170 Portionen werden täglich ausgegeben – also 3500 in drei Wochen. Produziert werden die Mahlzeiten von einer Metzgerei – und das schmeckt man. Leckere Kuchen werden von vielen gespendet. Man kann von einem Vier-Gang-Menü mit anschließendem Kaffee sprechen.
Wer einen Gesprächspartner sucht, Hilfestellung bei alltäglichen Dingen braucht, soll offene Ohren und unterstützende Hände finden.
Innehalten und kleine musikalische Leckerbissen sollen das Miteinander stärken. Heute hat sich der geschäftsführende Pfarrer selber ans Klavier gesetzt und Unterhaltungsmusik gespielt. Manchmal ist der gesamte Kirchenchor aufgetreten.

Mir gefällt, dass man mit Leuten ins Gespräch kommt, an denen man sonst vorübergeht. Inzwischen haben auch etliche Geflüchtete den Weg ins Evangelische Gemeindehaus gefunden. Da ist die Unterhaltung naturgemäß noch schwierig. Ich komme aber mit einer Chinesin ins Gespräch, die in Deutschland verheiratet ist. Ein Mitglied von Pax Christi informiert mich über die Streichung der Gelder der Bischofskonferenz für seine Friedensarbeit. Ein Stadtrat der Linken regt sich über eine asoziale Entscheidung der Landesregierung auf. Ich treffe aber auch Gemeindeglieder, die sich schlicht freuen, ihren ehemaligen Pfarrer wiederzusehen. Manchmal behaupten gestandene Männer, dass ich sie mal konfirmiert habe. Im normalen Alltag ist ja viel zu wenig Gelegenheit für solche Begegnungen.

Mich erinnert die Vesperkirche an meine Arbeit in Pattaya, wo wir im Begegnungs-zentrum gewissermaßen täglich eine Art Vesperkirche organisiert haben. Es freut mich, dass dort die Arbeit weitergeht. Der tägliche Kontakt mit Leuten, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, hat meine Predigten stark verändert.

Rottenburg ist kein sozialer Brennpunkt. Aber es gibt genügend Menschen, die sich kein tägliches warmes Essen leisten. Das Engagement der Helfer ist enorm. Manche gehören zum Kern der Gemeinde und sind seit Jahrzehnten aktiv, andere kommen aus katholischen Gruppen. Die praktizierte Ökumene ist schon längst kein Problem mehr, obwohl auswärts die Bischofsstadt immer noch als stockkatholisch gilt.

Die lokale Presse begleitet das Unternehmen im Unterschied zur sonst gewohnten Kirchenkritik äußerst wohlwollend. Immer wieder erscheinen Artikel, die über spezielle Aspekte berichten.

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Sie-ist-Institution-geworden-320979.html

Vielleicht mag es am Namen liegen, dass überregional weniger Notiz davon genommen wird. Anderswo „vespert“ man eben nicht.

Rund 15000 Euro müssen pro Saison zusammen kommen. Ich frage die Organisatorin, meine langjährige Vorsitzende des Kirchengemeinderats, ob die Einnahmen reichen. Sie nickt.

Natürlich kann eine solch aufwendige Aktion nicht das ganz Jahr gestemmt werden. Dennoch finde ich schon lange, dass unsere Gemeindehäuser nicht nur zu Veranstaltungen genutzt werden sollten. Wir brauchen solche Treffpunkte für Begegnungen und Gespräche.  Die Tasse Kaffee, die neuerdings nach vielen Gottesdiensten angeboten wird, ist ein Fortschritt, aber kein Ersatz. Wäre ich noch aktiver Gemeindepfarrer, würde ich vielleicht mir einer Gastwirtschaft in der Nähe kooperieren.

http://www.evangelisch-in-rottenburg.de/angebote-gruppen-und-kreise/diakonie/vesperkirche/

Gottesbefragung

Der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti ist am 11.2.2017  96-jährig in Bern gestorben. Als Theologe wie auch als Dichter hat er mit Leidenschaft die aufklärerische Kraft des Wortes verteidigt. In vielen  Zeitungen wurde sein dichterisches Werk gewürdigt. Er war aber im Hauptberuf Pfarrer und hat regelmäßig gepredigt.

Kurt Marti ist am 31. Januar 1921 in eine Berner Notariatsfamilie geboren worden. Zusammen mit Friedrich Dürrenmatt besuchte er das Freie Gymnasium in Bern. Nach zwei Semestern Jurisprudenz begann er das Studium der Theologie. Nach Kriegsende war er als Praktikant in der Kriegsgefangenenseelsorge in Paris tätig (und hielt das verwirrende Nebeneinander der Eindrücke in dem phantastischen Gedicht «paris 1947» fest: «nachts im TABOU-keller aber blies sich / boris vian die seele aus seinem mageren leib»). 1949 wurde er Pfarrer in Leimiswil, von 1950 bis 1960 versah er das Pfarramt in Niederlenz und von 1961 bis 1983 an der Nydeggkirche in Bern.

Dort hielt er beispielsweise seine Predigten zum 1. Johannesbrief, die der Radiusverlag 1982 unter dem Titel „Gottesbefragung“ veröffentlichte. In jenen Jahren war ich Studentenpfarrer und suchte neue Ausdrucksformen. Ich gebe zu, dass ich mich an seinen Texten reichlich bedient habe.

„Mit narkotischem Jenseits-Christentum hat die Bibel nichts zu schaffen. Das Alte Testament z.B. kennt kein individuelles Leben nach dem Tode. Und was das Neue Testament über die Gerechtmachung des Sünders sagt, läuft darauf hinaus, dass unser Leben nach dem Tode Gottes Sache und deshalb in Ordnung gebracht ist. Was in tödlicher Unordnung, was zutiefst veränderungsbedürftig bleibt, das ist die Situation der Menschen in dieser Welt. Deswegen mischt Gott sich ein. Gottes Einmischung in das Diesseits – das ist das Thema der Bibel.“

Man merkt den Predigten an, dass hier einer zu seiner Angst steht, die in Zeiten der Überrüstung und des Kalten Krieges auch die Schweizer erschüttert hat. Gott ist Opposition, eine Gegenkraft gegen Todes- und Tötungstrieb, der im Wahnsinn der Rüstung oder in der blinden Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen einem unguten Ende entgegenzutreiben droht. Von Predigt zu Predigt redet er gegen die Angst an, die allzu berechtigt ist, aber doch nicht das letzte Wort behalten soll. Gott wird hier nicht als Lenker der Geschichte beschrieben, der womöglich sogar Kriege und Holocaust zu verantworten hat, sondern als Quelle der Gegenkraft gegen den Lauf der Welt, den Johannes als Finsternis, Lüge und Tod benennt. Im Unterschied zu vielen gutbürgerlichen Pfarrern scheut er die Konkretion nicht: „Der wirkliche Atheismus, die wahrhaftige Verneinung Gottes, das ist für mich z.B. die DOW-Company, die ihr Geld mit Napalm-Bomben verdient.“

Kirchenkritisch formuliert er: „Wenn es in unserer Kirche so wenig Gemeinschaft gibt, dann deshalb, weil gemeinsame Zielsetzungen fehlen, weil wir für nichts gemeinsam kämpfen und leiden.“

Marti vermeidet das alte Wort Sünde nicht. „Unsere Aufgabe ist der Kampf gegen die Sünde, definiert als Zuwiderhandeln gegen die Lebensentfaltung von Mitmenschen. Es gibt nichts Wichtigeres als den Kampf gegen alles in uns und um uns herum, was anderen das Leben erschwert, wodurch wir sie am Leben und an dessen Entfaltung hindern… Wer sich heute keine Illusionen macht, der muss erkennen, dass wir auf geradem Weg in die Selbstvernichtung, d.h. in die totale Sünde, gehen, nach der es nichts mehr geben wird: Gott hat die Erde geschaffen, wir Menschen sind jetzt dabei, seine Schöpfung zu vernichten. Es wäre zum Verzweifeln, wenn da nicht eben dieses ungeheure Versprechen wäre, dass Gott seine Welt vor uns schützen und uns erhalten will.“

Ein großer Feind des christlichen Glaubens ist die Selbstgerechtigkeit, die Veränderungen immer vom andern verlangt. Der Glaube der Selbstgerechten ist immer unwahr. Er verändert alles zum Schlimmeren. Gottes Gebote wollen uns verändern auf Liebe hin und die beginnt mit dem Abbau der Selbstgerechtigkeit.

Liest man Kurt Martis Predigten heute, erschrickt man  wegen ihrer Aktualität. Seine konkreten Beispiele kann man mühelos durch aktuelle Nachrichten austauschen. Nicht umsonst schließt Johannes seinen 1. Brief mit der Warnung „Hütet euch vor den Abgöttern!“ „Abgott“ ist ein heruntergekommener Gott, der manipulierbar wird. Mancher macht aus Gott einen Kriegsgötzen, der mit dem Pazifisten Jesus nichts mehr zu tun hat. “Kriege sind nicht von Gott gewollt, sie werden vom Profitstreben nach Absatzmärkten und Einflusssphären entfesselt.“

 

 

 

Weißer Mann in Tansania

Von 1976 bis 1980 hat Jochen Tolk als Mitarbeiter der Herrnhuter Mission in der gleichen Gegend Tansanias gearbeitet, in der wir zehn Jahre später tätig waren. Deswegen interessiert mich sein Buch, in dem er seine Erfahrungen verarbeitet. (Jochen Tolk: Armer reicher weißer Mann, Unser weißes Leben im Spiegel Afrika betrachtet. Gerhard Hess Verlag  Bad Schussenried 2014.)

Tolk bescheibt seine „Annäherung an die afrikanische Welt“ in den siebziger Jahren. Das war eine Zeit des entwicklungspolitischen Aufbruchs. Insbesondere Tansania mit seinem Präsidenten Julius Nyerere war das Lieblingskind progressiver Christen. Das Konzept „Ujamaa“ und die Politik des „kujitegemea“ versprachen  einen menschlichen Sozialismus. Nachkoloniales Schuldbewusstsein der Europäer sorgte nicht nur für reichliche Finanzierung des unabhängig gewordenen Staates von außen, sondern lockte auch Scharen von idealistischen Entwicklungshelfern ins Land. Diese Stimmung ist noch in den Texten zu spüren, die Tolk aus dieser Zeit reichlich zitiert. Hatten die Europäer in der Kolonialzeit die Afrikaner in mehrfachen Sinn „schwarz“ gemalt, so kippte nun die Wahrnehmung ins Gegenteil. Afrikaner wurden kritiklos idealisiert. Diese Haltung stärkten die aussendenden Institutionen, die positive Beispiele und Bilder für ihre Werbung wollten. In diesem Sinn sammelt Tolk reichlich Material. Seine konkreten Erfahrungen, die er leider nur sparsam mitteilt, zeigen ein anderes Bild. Das beginnt schon bei seinem Einstand: Er wollte ein Schülerwohnheim leiten und sollte dann mit einem Gästehaus für die Kirche Geld verdienen. Eindrucksvoll ist die Jagdszene, in der er beschreibt, wie er Fleisch für seine Bibelschule besorgt. Man fragt sich allerdings, warum der aus Übersee zur Verfügung gestellte Etat nichts ausreicht. Zu vielen Bebachtungen zeigt Tolk eine ambivalente Einstellung: Er möchte afrikanische Sitten wie die Ahnenverehrung, Familiensinn, Eheverträge usw. positiv sehen, beschreibt aber dann doch immer wieder aus Erfahrung den Missbrauch. Das gilt auch für einzelne afrikanische Persönlichkeiten. Über einen verdienten Pfarrer muss er schreiben, dass der von allen gefürchtet wurde, „da er nach allgemeiner Überzeugung über Zauberkräfte verfügte, von denen er auch Gebrauch machte, um seinen Gegnern zu schaden.“ (S.86) Das hätte man gern genauer gewusst. Aber Tolk springt schnell zu einem andern Thema. Vielleicht liegt es an seiner Methode, nicht nur Erinnerungen wiederzugeben, sondern sie immer zu vergleichen mit seinen Erfahrungen in Deutschland. Es bleibt nicht aus, dass kulturelle Gegensätze immer wieder schmerzvoll erfahren werden. Da geht die sachliche Korrektheit des Finanzreferenten eben  zu Lasten der (afrikanisch verstandenen) Mitmenschlichkeit.

Nach seinem aktiven weiteren Berufsleben in Deutschland kehrt Tolk immer wieder nach Tansania zurück, um sich um AIDS-Waisen zu kümmern. Sehr eindrucksvoll sind seine Schilderungen, wie Kirchengemeinden sich für die Betroffenen engagieren.

Schließlich bleiben Fragen: „Wo wollen wir hin? Die Frage nach den Faktoren, die ein reiches und erfülltes Leben ausmachen, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Was immer im politischen und gesellschaftlichen Diskurs an Konzepten und Handlungsmodellen entwickelt wird – ihre Umsetzung setzt einen gesellschaftlichen Konsens voraus, dass wir umdenken und unser Leben ändern wollen. Der Blick in den Spiegel Afrikas kann dabei helfen. Vielleicht wird mancher, der in diesem Spiegel blickt, entdecken: Es ist gut, wenn wir umdenken und unser Leben ändern. Wir können reicher werden, als wir sind.“ (S.194)

Aus der Verlagswerbung:

In diesem Buch wird Afrika weder aus weißer Perspektive betrachtet noch an weißen Normen gemessen. Jochen Tolk beschreibt, wie er während seiner Arbeit in Ostafrika das afrikanische Denken und Leben nach und nach verstehen und dabei sich selbst und unser weißes Leben neu sehen lernte. Dabei wurde ihm immer deutlicher bewusst: Wir sind nicht so reich, wie wir meinen. Wir können aber reicher werden, als wir sind. Ein gewollt provozierender Beitrag zur aktuellen Diskussion über Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit.

Verglichen mit Afrika erscheint uns die weiße Welt in jeder Hinsicht als eine reiche Welt mit hoher Lebensqualität. Der weiße Blick sieht in Afrika fast nur Mängel und Defizite. Wir sprechen von unterentwickelten Ländern und primitiven Gesellschaften, wobei wir den Lebensstandard ebenso wie die Denk- und Lebensweise der weißen Welt als Norm betrachten, an der der Rest der Welt zu messen ist. Doch trotz aller materiellen Armut ist in Afrika mehr Zufriedenheit, Lebensfreude, Lebensmut und Lebenskraft zu finden als bei uns. Das erlebt jeder, der nach Afrika reist, und fragt sich: Wie ist das möglich? Worin besteht der verborgene Reichtum Afrikas, der uns anscheinend fehlt?

Jochen Tolk beschreibt die Denk- und Lebensweise afrikanischer Menschen und versucht zu zeigen, welche Faktoren aus der Sicht afrikanischer Menschen von entscheidender Bedeutung sind für ein reiches und erfülltes Leben. Vor diesem Hintergrund betrachtet er unser weißes Leben und gibt Hinweise, wie wir unser Denken und Leben ändern sollten, damit wir und unsere Kinder und die Kinder der Welt eine Zukunft haben.