Vesperkirche

Ein letztes Mal in diesem Jahr gehen wir in unsere “Vesperkirche”. „Vesper“ nennen die Schwaben ein kräftiges Essen. So entstand mit diesem Namen in Stuttgarts Leonhardskirche  die erste „Vesperkirche“. Der Name bedeutet nichts anderes als dass in einer Kirche (oder im Gemeindehaus) gemeinsam „gevespert“ wird. Seit Sonntag, 15. Januar 2017,  ist die 23. Stuttgarter Vesperkirche geöffnet. Sie heißt sieben Wochen lang täglich bis zum 4. März von 9 Uhr bis 16.15 Uhr die Besucherinnen und Besucher herzlich willkommen.

Es soll ausdrücklich keine Armenspeisung oder gar Suppenküche sein, sondern  ein Angebot für alle. Die einen essen kostenlos, die andern zahlen einen Solidarbeitrag. Spenden sind natürlich immer notwendig. Viele Ehrenamtliche sorgen für Küche und Bedienung. Unter dem Namen Vesperkirche führen über 30 evangelische Kirchengemeinden in Baden-Württemberg jährlich in den Wintermonaten soziale Projekte zugunsten von Armen und Bedürftigen durch. Kern des Angebots ist ein warmes Mittagessen, das zu einem eher symbolischen Preis angeboten wird. Die weiteren Angebote sind je nach Ort unterschiedlich; angeboten werden z. B. Vesperpakete für die Nacht, medizinische Betreuung, Gespräche zur Krisenbewältigung, Berufsberatung, eine Spielecke für Kinder oder auch Konzerte und Vorträge.

Täglich ab 10.30 Uhr sind zum 10. Mal in Rottenburg ehrenamtliche Mitarbeiter/innen in für drei Wochen in Aktion. Sie decken die Tische, kochen Kaffee, servieren Essen, schenken Getränke ein und übernehmen Abräum- und Spüldienste. Etwa 170 Portionen werden täglich ausgegeben – also 3500 in drei Wochen. Produziert werden die Mahlzeiten von einer Metzgerei – und das schmeckt man. Leckere Kuchen werden von vielen gespendet. Man kann von einem Vier-Gang-Menü mit anschließendem Kaffee sprechen.
Wer einen Gesprächspartner sucht, Hilfestellung bei alltäglichen Dingen braucht, soll offene Ohren und unterstützende Hände finden.
Innehalten und kleine musikalische Leckerbissen sollen das Miteinander stärken. Heute hat sich der geschäftsführende Pfarrer selber ans Klavier gesetzt und Unterhaltungsmusik gespielt. Manchmal ist der gesamte Kirchenchor aufgetreten.

Mir gefällt, dass man mit Leuten ins Gespräch kommt, an denen man sonst vorübergeht. Inzwischen haben auch etliche Geflüchtete den Weg ins Evangelische Gemeindehaus gefunden. Da ist die Unterhaltung naturgemäß noch schwierig. Ich komme aber mit einer Chinesin ins Gespräch, die in Deutschland verheiratet ist. Ein Mitglied von Pax Christi informiert mich über die Streichung der Gelder der Bischofskonferenz für seine Friedensarbeit. Ein Stadtrat der Linken regt sich über eine asoziale Entscheidung der Landesregierung auf. Ich treffe aber auch Gemeindeglieder, die sich schlicht freuen, ihren ehemaligen Pfarrer wiederzusehen. Manchmal behaupten gestandene Männer, dass ich sie mal konfirmiert habe. Im normalen Alltag ist ja viel zu wenig Gelegenheit für solche Begegnungen.

Mich erinnert die Vesperkirche an meine Arbeit in Pattaya, wo wir im Begegnungs-zentrum gewissermaßen täglich eine Art Vesperkirche organisiert haben. Es freut mich, dass dort die Arbeit weitergeht. Der tägliche Kontakt mit Leuten, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, hat meine Predigten stark verändert.

Rottenburg ist kein sozialer Brennpunkt. Aber es gibt genügend Menschen, die sich kein tägliches warmes Essen leisten. Das Engagement der Helfer ist enorm. Manche gehören zum Kern der Gemeinde und sind seit Jahrzehnten aktiv, andere kommen aus katholischen Gruppen. Die praktizierte Ökumene ist schon längst kein Problem mehr, obwohl auswärts die Bischofsstadt immer noch als stockkatholisch gilt.

Die lokale Presse begleitet das Unternehmen im Unterschied zur sonst gewohnten Kirchenkritik äußerst wohlwollend. Immer wieder erscheinen Artikel, die über spezielle Aspekte berichten.

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Sie-ist-Institution-geworden-320979.html

Vielleicht mag es am Namen liegen, dass überregional weniger Notiz davon genommen wird. Anderswo „vespert“ man eben nicht.

Rund 15000 Euro müssen pro Saison zusammen kommen. Ich frage die Organisatorin, meine langjährige Vorsitzende des Kirchengemeinderats, ob die Einnahmen reichen. Sie nickt.

Natürlich kann eine solch aufwendige Aktion nicht das ganz Jahr gestemmt werden. Dennoch finde ich schon lange, dass unsere Gemeindehäuser nicht nur zu Veranstaltungen genutzt werden sollten. Wir brauchen solche Treffpunkte für Begegnungen und Gespräche.  Die Tasse Kaffee, die neuerdings nach vielen Gottesdiensten angeboten wird, ist ein Fortschritt, aber kein Ersatz. Wäre ich noch aktiver Gemeindepfarrer, würde ich vielleicht mir einer Gastwirtschaft in der Nähe kooperieren.

http://www.evangelisch-in-rottenburg.de/angebote-gruppen-und-kreise/diakonie/vesperkirche/

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