Weißer Mann in Tansania

Von 1976 bis 1980 hat Jochen Tolk als Mitarbeiter der Herrnhuter Mission in der gleichen Gegend Tansanias gearbeitet, in der wir zehn Jahre später tätig waren. Deswegen interessiert mich sein Buch, in dem er seine Erfahrungen verarbeitet. (Jochen Tolk: Armer reicher weißer Mann, Unser weißes Leben im Spiegel Afrika betrachtet. Gerhard Hess Verlag  Bad Schussenried 2014.)

Tolk bescheibt seine „Annäherung an die afrikanische Welt“ in den siebziger Jahren. Das war eine Zeit des entwicklungspolitischen Aufbruchs. Insbesondere Tansania mit seinem Präsidenten Julius Nyerere war das Lieblingskind progressiver Christen. Das Konzept „Ujamaa“ und die Politik des „kujitegemea“ versprachen  einen menschlichen Sozialismus. Nachkoloniales Schuldbewusstsein der Europäer sorgte nicht nur für reichliche Finanzierung des unabhängig gewordenen Staates von außen, sondern lockte auch Scharen von idealistischen Entwicklungshelfern ins Land. Diese Stimmung ist noch in den Texten zu spüren, die Tolk aus dieser Zeit reichlich zitiert. Hatten die Europäer in der Kolonialzeit die Afrikaner in mehrfachen Sinn „schwarz“ gemalt, so kippte nun die Wahrnehmung ins Gegenteil. Afrikaner wurden kritiklos idealisiert. Diese Haltung stärkten die aussendenden Institutionen, die positive Beispiele und Bilder für ihre Werbung wollten. In diesem Sinn sammelt Tolk reichlich Material. Seine konkreten Erfahrungen, die er leider nur sparsam mitteilt, zeigen ein anderes Bild. Das beginnt schon bei seinem Einstand: Er wollte ein Schülerwohnheim leiten und sollte dann mit einem Gästehaus für die Kirche Geld verdienen. Eindrucksvoll ist die Jagdszene, in der er beschreibt, wie er Fleisch für seine Bibelschule besorgt. Man fragt sich allerdings, warum der aus Übersee zur Verfügung gestellte Etat nichts ausreicht. Zu vielen Bebachtungen zeigt Tolk eine ambivalente Einstellung: Er möchte afrikanische Sitten wie die Ahnenverehrung, Familiensinn, Eheverträge usw. positiv sehen, beschreibt aber dann doch immer wieder aus Erfahrung den Missbrauch. Das gilt auch für einzelne afrikanische Persönlichkeiten. Über einen verdienten Pfarrer muss er schreiben, dass der von allen gefürchtet wurde, „da er nach allgemeiner Überzeugung über Zauberkräfte verfügte, von denen er auch Gebrauch machte, um seinen Gegnern zu schaden.“ (S.86) Das hätte man gern genauer gewusst. Aber Tolk springt schnell zu einem andern Thema. Vielleicht liegt es an seiner Methode, nicht nur Erinnerungen wiederzugeben, sondern sie immer zu vergleichen mit seinen Erfahrungen in Deutschland. Es bleibt nicht aus, dass kulturelle Gegensätze immer wieder schmerzvoll erfahren werden. Da geht die sachliche Korrektheit des Finanzreferenten eben  zu Lasten der (afrikanisch verstandenen) Mitmenschlichkeit.

Nach seinem aktiven weiteren Berufsleben in Deutschland kehrt Tolk immer wieder nach Tansania zurück, um sich um AIDS-Waisen zu kümmern. Sehr eindrucksvoll sind seine Schilderungen, wie Kirchengemeinden sich für die Betroffenen engagieren.

Schließlich bleiben Fragen: „Wo wollen wir hin? Die Frage nach den Faktoren, die ein reiches und erfülltes Leben ausmachen, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Was immer im politischen und gesellschaftlichen Diskurs an Konzepten und Handlungsmodellen entwickelt wird – ihre Umsetzung setzt einen gesellschaftlichen Konsens voraus, dass wir umdenken und unser Leben ändern wollen. Der Blick in den Spiegel Afrikas kann dabei helfen. Vielleicht wird mancher, der in diesem Spiegel blickt, entdecken: Es ist gut, wenn wir umdenken und unser Leben ändern. Wir können reicher werden, als wir sind.“ (S.194)

Aus der Verlagswerbung:

In diesem Buch wird Afrika weder aus weißer Perspektive betrachtet noch an weißen Normen gemessen. Jochen Tolk beschreibt, wie er während seiner Arbeit in Ostafrika das afrikanische Denken und Leben nach und nach verstehen und dabei sich selbst und unser weißes Leben neu sehen lernte. Dabei wurde ihm immer deutlicher bewusst: Wir sind nicht so reich, wie wir meinen. Wir können aber reicher werden, als wir sind. Ein gewollt provozierender Beitrag zur aktuellen Diskussion über Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit.

Verglichen mit Afrika erscheint uns die weiße Welt in jeder Hinsicht als eine reiche Welt mit hoher Lebensqualität. Der weiße Blick sieht in Afrika fast nur Mängel und Defizite. Wir sprechen von unterentwickelten Ländern und primitiven Gesellschaften, wobei wir den Lebensstandard ebenso wie die Denk- und Lebensweise der weißen Welt als Norm betrachten, an der der Rest der Welt zu messen ist. Doch trotz aller materiellen Armut ist in Afrika mehr Zufriedenheit, Lebensfreude, Lebensmut und Lebenskraft zu finden als bei uns. Das erlebt jeder, der nach Afrika reist, und fragt sich: Wie ist das möglich? Worin besteht der verborgene Reichtum Afrikas, der uns anscheinend fehlt?

Jochen Tolk beschreibt die Denk- und Lebensweise afrikanischer Menschen und versucht zu zeigen, welche Faktoren aus der Sicht afrikanischer Menschen von entscheidender Bedeutung sind für ein reiches und erfülltes Leben. Vor diesem Hintergrund betrachtet er unser weißes Leben und gibt Hinweise, wie wir unser Denken und Leben ändern sollten, damit wir und unsere Kinder und die Kinder der Welt eine Zukunft haben.

 

 

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