Gottesbefragung

Der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti ist am 11.2.2017  96-jährig in Bern gestorben. Als Theologe wie auch als Dichter hat er mit Leidenschaft die aufklärerische Kraft des Wortes verteidigt. In vielen  Zeitungen wurde sein dichterisches Werk gewürdigt. Er war aber im Hauptberuf Pfarrer und hat regelmäßig gepredigt.

Kurt Marti ist am 31. Januar 1921 in eine Berner Notariatsfamilie geboren worden. Zusammen mit Friedrich Dürrenmatt besuchte er das Freie Gymnasium in Bern. Nach zwei Semestern Jurisprudenz begann er das Studium der Theologie. Nach Kriegsende war er als Praktikant in der Kriegsgefangenenseelsorge in Paris tätig (und hielt das verwirrende Nebeneinander der Eindrücke in dem phantastischen Gedicht «paris 1947» fest: «nachts im TABOU-keller aber blies sich / boris vian die seele aus seinem mageren leib»). 1949 wurde er Pfarrer in Leimiswil, von 1950 bis 1960 versah er das Pfarramt in Niederlenz und von 1961 bis 1983 an der Nydeggkirche in Bern.

Dort hielt er beispielsweise seine Predigten zum 1. Johannesbrief, die der Radiusverlag 1982 unter dem Titel „Gottesbefragung“ veröffentlichte. In jenen Jahren war ich Studentenpfarrer und suchte neue Ausdrucksformen. Ich gebe zu, dass ich mich an seinen Texten reichlich bedient habe.

„Mit narkotischem Jenseits-Christentum hat die Bibel nichts zu schaffen. Das Alte Testament z.B. kennt kein individuelles Leben nach dem Tode. Und was das Neue Testament über die Gerechtmachung des Sünders sagt, läuft darauf hinaus, dass unser Leben nach dem Tode Gottes Sache und deshalb in Ordnung gebracht ist. Was in tödlicher Unordnung, was zutiefst veränderungsbedürftig bleibt, das ist die Situation der Menschen in dieser Welt. Deswegen mischt Gott sich ein. Gottes Einmischung in das Diesseits – das ist das Thema der Bibel.“

Man merkt den Predigten an, dass hier einer zu seiner Angst steht, die in Zeiten der Überrüstung und des Kalten Krieges auch die Schweizer erschüttert hat. Gott ist Opposition, eine Gegenkraft gegen Todes- und Tötungstrieb, der im Wahnsinn der Rüstung oder in der blinden Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen einem unguten Ende entgegenzutreiben droht. Von Predigt zu Predigt redet er gegen die Angst an, die allzu berechtigt ist, aber doch nicht das letzte Wort behalten soll. Gott wird hier nicht als Lenker der Geschichte beschrieben, der womöglich sogar Kriege und Holocaust zu verantworten hat, sondern als Quelle der Gegenkraft gegen den Lauf der Welt, den Johannes als Finsternis, Lüge und Tod benennt. Im Unterschied zu vielen gutbürgerlichen Pfarrern scheut er die Konkretion nicht: „Der wirkliche Atheismus, die wahrhaftige Verneinung Gottes, das ist für mich z.B. die DOW-Company, die ihr Geld mit Napalm-Bomben verdient.“

Kirchenkritisch formuliert er: „Wenn es in unserer Kirche so wenig Gemeinschaft gibt, dann deshalb, weil gemeinsame Zielsetzungen fehlen, weil wir für nichts gemeinsam kämpfen und leiden.“

Marti vermeidet das alte Wort Sünde nicht. „Unsere Aufgabe ist der Kampf gegen die Sünde, definiert als Zuwiderhandeln gegen die Lebensentfaltung von Mitmenschen. Es gibt nichts Wichtigeres als den Kampf gegen alles in uns und um uns herum, was anderen das Leben erschwert, wodurch wir sie am Leben und an dessen Entfaltung hindern… Wer sich heute keine Illusionen macht, der muss erkennen, dass wir auf geradem Weg in die Selbstvernichtung, d.h. in die totale Sünde, gehen, nach der es nichts mehr geben wird: Gott hat die Erde geschaffen, wir Menschen sind jetzt dabei, seine Schöpfung zu vernichten. Es wäre zum Verzweifeln, wenn da nicht eben dieses ungeheure Versprechen wäre, dass Gott seine Welt vor uns schützen und uns erhalten will.“

Ein großer Feind des christlichen Glaubens ist die Selbstgerechtigkeit, die Veränderungen immer vom andern verlangt. Der Glaube der Selbstgerechten ist immer unwahr. Er verändert alles zum Schlimmeren. Gottes Gebote wollen uns verändern auf Liebe hin und die beginnt mit dem Abbau der Selbstgerechtigkeit.

Liest man Kurt Martis Predigten heute, erschrickt man  wegen ihrer Aktualität. Seine konkreten Beispiele kann man mühelos durch aktuelle Nachrichten austauschen. Nicht umsonst schließt Johannes seinen 1. Brief mit der Warnung „Hütet euch vor den Abgöttern!“ „Abgott“ ist ein heruntergekommener Gott, der manipulierbar wird. Mancher macht aus Gott einen Kriegsgötzen, der mit dem Pazifisten Jesus nichts mehr zu tun hat. “Kriege sind nicht von Gott gewollt, sie werden vom Profitstreben nach Absatzmärkten und Einflusssphären entfesselt.“

 

 

 

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