Archiv für den Monat Januar 2017

Verraten und verkauft

Viele Gemeinden führen im Januar Bibelabende durch. Oft werden sie routiniert abgespult, sodass der Besuch schwach ist. Dieses Jahr sind Texte aus dem Matthäusevangelium vorgesehen. Ich übernehme die sog. „Seligpreisungen“ (Matth.5,1-12.) Mir gefallen solche Veranstaltungen, da man auf die Fragen der Leute eingehen und diskutieren  kann. Der Text selbst in der Lutherübersetzung ist (allzu) bekannt, da er als Psalmgebet gesprochen wird.

Matthäus stilisiert für sein Evangelium Jesus als Lehrer in der Art der Rabbinen im Sitzen (Lehrstuhl) und fasst seine Lehre zusammen. Bevor seine Interpretation der Thora vorgetragen wird, beginnt er mit einem Prolog. Dort werden Menschen glücklich genannt, die nach menschlichen Maßstäben verraten und verkauft sind.

  1. Verraten und verkauft sind die Armen, denn auf ihnen trampelt man herum. Dagegen heißt es: „Glücklich, die aus Geist Armen, denn ihnen gehört das Königtum der Himmel.“ Das ist keine Vertröstung auf ein Jenseits und keine übermenschliche Forderung, sondern eine Beschreibung dessen, was möglich wird denen, die sich wirklich auf Gott einlassen. Max Frisch: „Ohne die Gewissheit von einer absoluten Instanz außerhalb menschlicher Deutung, ohne die Gewissheit, dass es eine absolute Realität gibt, kann ich mir nicht denken, dass wir je dahin gelangen können, frei zu sein.“
  2. Verraten und verkauft sind die, die einen Verlust beweinen, denn man lässt sie allein oder macht einen Bogen um sie. Sie stören den Betrieb. Dagegen heißt es: „Glücklich die Trauernden, den sie werden Zuspruch erfahren.“ Sie sind nicht länger gefangen im Prozess der dauernden Selbstoptimierung, verweigern sich der „Keep-smiling“-Gesellschaft. Wer sich das Recht nimmt, auszusprechen, was weh tut, hat nichts mehr zu befürchten.
  3. Verraten und verkauft sind die Gedemütigten. Im Sozialdarwinismus sind sie selber schuld an ihrer Misere. „Weh dem, der schwach ist.“ (Adolf Hitler) Diese Haltung führt in den andauernden Rüstungswahnsinn, den man nur mit gehöriger Verdrängung aushält. Der Machtkampf der Großen ruiniert die gesamte Natur. Dagegen: „Glücklich die Wehrlosen, denn sie werden das Land erben.“ Er allein macht keine Angst, die neue Rüstung provoziert. Keiner hat das besser verstanden als der Hindu Gandhi.
  4. Verraten und verkauft sind die, die nach Gerechtigkeit hungern. Denn sie werden verlacht, dass sie an diese Utopie glauben. Dagegen „Glücklich die hungern und dürsten nach richtigem Leben, denn sie werden gesättigt werden.“ Diese Haltung kündigt die Selbstzufriedenheit der bürgerlichen Kirche auf. Als der Schweizer Theologieprofessor Leonard Ragaz diese Bibelstelle meditierte, gab er seine Professur auf und gründete im vernachlässigten Arbeiterbezirk Zürichs eine Volksschule, um gegen die Verelendung vorzugehen.
  5. Verraten und verkauft sind die Barmherzigen, denn sie werden als Sozialromantiker verspottet. Dagegen: „Glücklich die sich Erbarmenden, denn sie werden Erbarmen finden.“ Als die ersten Missionare germanische Stämme erreichten und die Bibel übersetzten, fanden sie kein Wort für das lateinische „misericordias“. Darum schufen sie das neue Wort „Den Armen ein Herz“. Wenn es kein Wort gibt, gibt es die Sache nicht, die es bezeichnen könnte. Seit 1000 Jahren hat die Kirche bei uns eine Tradition der Barmherzigkeit geschaffen, oftmals gegen die eigenen Herrscher. Sie geht jetzt im Neoliberalismus verloren. Die Kirche darf nicht nur die Verwundeten pflegen, sondern muss den zerstörenden Elementen in die Parade fahren.
  6. „Verraten und verkauft sind die, die ein reines Herz haben, denn man nimmt sie nicht ernst. Dagegen: „Glücklich die im Herzen Reinen, denn sie werden Gott schauen.“ Lauterkeit und Aufrichtigkeit erhoffen wir von andern. Menschen können endlos klagen, wenn sie von andern verletzt wurden. Hier gilt, was Khalil Gibran schreibt: „Die Wirklichkeit eines anderen Menschen liegt nicht darin, was er dir offenbart, sondern in dem, was er dir nicht offenbaren kann. Wenn du ihn daher verstehen willst, höre nicht auf das, was er sagt, sondern vielmehr auf das, was er verschweigt.“ Glücklich sind also Menschen, die es vermögen, durch Nichteingreifen zu wirken.
  7. Verraten und verkauft sind die Pazifisten, denn sie gehören zu den Verlierern der Geschichte. Dagegen: „Glücklich die Friedenstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.“ Unsere Kirche ist nicht pazifistisch, aber man hat wenigstens die alte Doktrin vom „gerechten Krieg“ durch die Lehre vom „gerechten Frieden“ ersetzt. Was heißt das in Deutschland, wenn die Rüstungsexporte von 1,42 Milliarden Euro (2014) auf 2,32 Milliarden Euro (2016) gestiegen sind? Ständig fordert der EKD- Friedensbeauftragte Renke Brahms eine Reduzierung. Besonders absurd sind Waffenlieferungen an Saudi-Arabien und Katar. In welchen Gemeinden ist das ein Thema?
  8. Verraten und verkauft sind diejenigen, die die Lehre Jesu ernst nehmen. Sie machen sich anscheinend nur unnötig das Leben schwer. Dagegen: „Glücklich die Verfolgung leiden um des rechten Lebens vor Gott willen, denn ihrer ist das Königtum der Himmel.“ Christenverfolgung ist weltweite Praxis. Da ist Solidarität angesagt. Niemand wird hierzulande verfolgt, weil er in seinem Kämmerlein betet oder vor einer Kerze meditiert. Wer aber öffentlich seinen Glauben bekennt, kann auch bei uns anecken. Klar sollte sein: Gott ist ein Gott aller Menschen. Kein Krieg darf mehr sein. Alle Rüstung ist ein Verbrechen an den Hungernden. Der Überfluss der Reichen basiert auf der Ausbeutung der Armen. Glücklich die Menschen, die noch die Wahrheit sagen. Sie sind Jesu Verwandte.

Man hat viel diskutiert wie man den Berglehre Jesu verstehen soll. Matthäus betont immer wieder das „Tun“. Aber es ist kein Handeln, um sich ein gutes Jenseits bei Gott zu verdienen (Werkgerechtigkeit). Es geht als Folge einer geliebten Existenz um eine Umwertung der gängigen Werte, die die Evolution uns ins Hirn gepflanzt hat. Nichts weniger als das Überleben der Menschheit hängt davon ab.

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Interkulturelle Theologie

Als ich mich 1986 in Tübingen vom Studentenpfarramt verabschiedete, lud ich zu einem interkulturellen Gesprächskonzert in die volle Stiftskirche mit Professor Hollenweger und Hans Jürgen Hufeisen.

Daran musste ich denken, als kürzlich bei einem „Neujahrstreffen“ Pfarrer Dr. habil. Martin Wendte einen Vortrag hielt zum Thema „Die Überfülle Gottes in den vielen Gesichtern Jesu Christi – Warum wir Wesentliches verpassen, wenn wir Theologie nicht interkulturell betreiben“. Als neue Frucht vom Baum der Tübinger Theologie-Erkenntnis wurde uns ein Potpourri neuer Beiträge und vor allem neuer Namen präsentiert. Da es zwar ein „handout“ gab aber keine Literaturliste, konnte ich nicht recht schlau aus dem Gebotenen werden. „Jesus geht an den Ort der Marginalisation“ – gut. Früher hieß das „Jesus in schlechter Gesellschaft“. Kann man ja im Evangelium nachlesen. Dann aber geht es weiter „und wandelt diese um in Orte des Liminalen. Als Hintergrund wird dafür die Ritualtheorie von Viktor Turner herangezogen, die besagt, dass wir in Ritualen uns verändern, indem wir in den Raum des Liminalen eintreten, in dem wir alte Rollen ablegen und das Alte kritisieren, uns in totalen Rollen begegnen und dabei eine neue Gemeinschaft bilden.“ Alles klar?

Ich übersetze das mal für mich am Beispiel Abendmahl. Da stehen recht verschiedene Leute vor dem Altar, geben sich die Hand, umarmen sich vielleicht sogar zum Friedensgruß – und sind dann neue Menschen? Meine Erfahrung ist leider anders. Rituale verändern selten, sondern bestätigen das Gewohnte. Im schlimmsten Fall ersetzen sie zu verändernde Einstellungen. Wer kennt nicht liebe Mitchristen, die trotzdem ängstliche Rassisten sind?

Walter J. Hollenweger wollte mit seiner Interkulturellen Theologie wirkliche Veränderungen und er fing bei den wissenschaftlichen Theologen an, die ihn vermutlich dafür eher verachtet denn geliebt haben. Deswegen inszenierte er beispielsweise wie bei meinem Abschied kreative Bibeltheater statt seine akademische Literaturliste um weitere Veröffentlichungen zu verlängern. Hollenweger ist dennoch Autor zahlreicher theologischer Publikationen, insbesondere zur interkulturellen Theologie und zu musikalischen und dramaturgischen Bibelauslegungen. Er etablierte mit der „Narrativen Exegese“ eine spezielle Auslegungsmethode der Bibel. Dabei verbindet er die an den Universitäten gelehrte historisch-kritische Auslegungsmethodik mit erzählerischen Elementen und dramaturgischen sowie musikalischen Inszenierungen. Vor allem auf  Evangelischen Kirchentagen fanden seine Veranstaltungen großen Zulauf.

Ich lernte ihn im Frühjahr 1986 in Selly Oak  bei der Vorbereitung für meine Dozentur in Tansania kennen. Dort öffnete er gerade den englischen Missionswissenschaftlern die Augen für die afrikanischen und asiatischen Migranten, die bereits unbeachtet das Land verändert hatten. Der Schweizer hatte im englischen Birmingham eine Professur für Interkulturelle Theologie inne, seine Spezialgebiete waren die Pfingstkirchen, die charismatische Bewegung und die Kirchen der Dritten Welt.

Seine eigene Biografie ist ziemlich multikulturell: Der in Antwerpen geborene Schweizer Hollenweger war ein Sohn eines Kellners, der auf britischen Luxusschiffen arbeitete. Nach 1929 kehrte die Familie in die Schweiz zurück, wo sie sich in Zürich niederließ. Er besuchte eine Sonntagsschule der Schweizerischen Pfingstbewegung, wo er später auch Laienprediger wurde. Er absolvierte eine Banklehre in Zürich. Später studierte er evangelische Theologie in Zürich und Basel und wurde 1961 ordiniert. 1966 promovierte er zum Dr. theol. in Zürich. In den Jahren 1965–1971 war er Exekutivsekretär beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Er war Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz und nahm an der I. Allchristliche Friedensversammlung 1961 in Prag teil.

Sein dreibändiges Hauptwerk zur Interkulturellen Theologie verbindet die religiösen Erfahrungen von christlichen Gemeinden aus aller Welt und aus unterschiedlichen Konfessionen mit den Erkenntnissen der modernen Universitätstheologie. Ich hätte an dem Nachmittag besser zu seinem Gedenken in seinen Büchern gelesen, die bei mir einen Ehrenplatz haben.

Walter J. Hollenweger: Erfahrungen der Leibhaftigkeit. Interkulturelle Theologie, München 1979

Walter J. Hollenweger: Umgang mit Mythen. Interkulturelle Theologie 2, München 1982

Walter J. Hollenweger: Geist und Materie. Interkulturelle Theologie 3, München 1988

Er lebte nach seiner Rückkehr in die Schweiz in Krattigen (Schweiz), wo er am 10. August 2016 verstarb. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_J._Hollenweger.

 

 

Zeichen und Wunder

Predigt über Joh.4, 46-54: Zeichen und Wunder

Nicht vergessen kann ich ein Erlebnis, das ich gleich am Anfang meines Vikariats in dieser Gemeinde vor über vierzig Jahren hatte. Ein Mädchen rief mich abends heulend an, dass ihre Freundin, eine Konfirmandin von mir, mitten im Telefonat verstorben sei. Ich rannte zu der Wohnung und traf auf der Treppe den Arzt, der sich mit den Worten verabschiedete: „Jetzt sind Sie dran!“ Dann war ich mit der völlig aufgelösten Mutter allein. Auf dem Bett lag wie Schneewittchen schlafend die Konfirmandin, sodass ich sie am liebsten wach gerüttelt hätte. Aber das konnte ich nicht, kein Wunder geschah. Uns beiden hatte es die Sprache verschlagen, die gebeteten Psalmen trösteten wohl mehr den Seelsorger als die Mutter. Seitdem weiß ich, dass nichts schlimmer ist als wenn Kinder vor den Eltern sterben. Wir trauern nicht nur, wir bäumen uns auf, weil es einfach nicht gerecht ist. Kein Christ muss in dieser Situation wie Hiob sagen: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ Der Name des Herrn wurde nicht gelobt in jener Nacht.

Ich kann gut verstehen, dass sich der königliche Beamte auf den weiten Weg in die Berge nach Kana macht, um Hilfe für seinen todkranken Sohn zu holen. Wahrscheinlich hatten die Ärzte alles versucht und konnten nicht helfen. Wer würde nicht selbst in unseren aufgeklärten Zeiten alles versuchen, wenn die Schulmedizin am Ende ist. Was er mitbringt, ist allenfalls die Hoffnung auf den Wundertäter, Glauben kann man das kaum nennen. Natürlich ist ihm sein Sohn wichtiger als Jesus.

Natürlich würden auch wir alle Bedenken über Bord werfen, wenn nur die geringste Hoffnung besteht. Wobei viele nicht einmal Bedenken hätten, denn der Wunderglaube ist – Aufklärung hin, wissenschaftliche Theologie her – auch in unseren Landen weit verbreitet.

Dagegen  konnte der große liberale Theologe Adolf von Harnack schon vor über hundert Jahren in seinem berühmten „Das Wesen des Christentums“ (S.29) schreiben: „Dass die Erde in ihrem Lauf je stille gestanden, dass eine Eselin gesprochen hat, ein Seesturm durch ein Wort gestillt worden ist, glauben wir nicht und werden es nie wieder glauben; aber dass Lahme gingen, Blinde sahen und Taube hörten, werden wir nicht kurzer Hand als Illusion abweisen.“

Und seinen Studenten, die überwältigt waren von den Wundern der Wissenschaft und Technik schärft er ein, ja appelliert geradezu: „Sehr beachtenswert ist es aber, dass Jesus selbst auf seine Wundertaten nicht das entscheidende Gewicht gelegt hat…Hat er doch klagend und anklagend ausgerufen: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht!“ (Joh.4,48) Wer diese Worte gesprochen hat, kann nicht der Meinung gewesen sein, der Glaube an seine Wunder sei die rechte oder gar die einzige Brücke zur Anerkennung seiner Person und seiner Mission; …Die Wunderfrage ist etwas relativ Gleichgültiges gegenüber allem anderen, was in den Evangelien steht. Nicht um Mirakel handelt es sich, sondern um die entscheidende Frage, ob wir hilflos eingespannt sind in eine unerbittliche Notwendigkeit, oder ob es einen Gott gibt, der im Regimente sitzt und dessen naturbezwingende Kraft erbeten und erlebt werden kann.“ (S.30)

Ob der königliche Beamte, vermutlich ein Jude, an Gott glaubt, wird nicht gesagt. Er will, dass sein Sohn nicht stirbt. Es ist allenfalls ein gewisser verzweifelter Glaube an den Wundertäter. Aber erstaunlich: Das genügt. Zwar wirkt Jesus zunächst fast unwillig. Jedenfalls nicht werbend. Der Beamte bleibt hartnäckig: „Herr. Komm herab, bevor mein Kind stirbt!“ Und da sagt Jesus: „Geh! Dein Sohn lebt!“ Er setzt nichts weiter voraus. Keine frommen Vorleistungen.

Der Mann glaubt dem Wort, obwohl er nichts sieht. Er geht heim mit dem bloßen Wort. Sein Vertrauen wird nicht enttäuscht. Sein Kind lebt. Skeptisch forscht er nach, wann die Gesundung eingetreten ist. Er muss sie auf das Wirken Jesu zurückführen und zieht Konsequenzen. Es heißt: „Und er glaubte und mit ihm seine ganze Hausgemeinschaft“. Nun ist es nicht mehr die Hoffnung, dass sein Sohn gesund wird. Das ist geschehen. Es ist eine Entscheidung für die Person Jesus, den Christus. Hinter dem Leben, das dem Sohn neu geschenkt ist, erkennt er den Spender des ewigen Lebens.

Man kann in dem Wunder auch praktizierte Feindesliebe sehen, denn der Beamte dient dem ziemlich üblen Tetrarchen Herodes Antipas. Ich habe ihn kürzlich einen „antiken Assad“ genannt. Der hatte Johannes den Täufer in den Kerker geworfen und dann töten lassen, weil ihm dessen prophetische Kritik zu weit ging. Jesus hat ihn mal „Fuchs“ genannt und war auf der Hut vor ihm. Man würde gern wissen, wie dieser Beamte sein Amt mit seinem neuen Glauben vereinbaren kann. Doch darüber sagt der Evangelist Johannes nichts. Stattdessen ist ihm die Bemerkung wichtig: „Das war nun das zweite Zeichen seiner Vollmacht, das Jesus gab.“

Wir würden überhaupt gern genauer wissen, was damals geschehen ist. Über heilende Taten Jesu gibt es unter Historikern anders als im 19. Jahrhundert keine Zweifel mehr. Aber über das tatsächliche Geschehen wissen wir nichts. Der Verfasser dieses Evangeliums war kein Augenzeuge, kein Jünger oder Apostel, auch wenn die kirchliche Tradition das lange so verstanden hat. Seit 1820 mindestens wissen wir es durch K.G. Bretschneider genauer: Ein anonymer Heidenchrist schreibt aufgrund von verschiedenen Quellen – eine nennt man „Zeichen-Quelle“, weil sie Wunder als Zeichen zählt – keine Biografie Jesu, sondern wie er das Heilsgeschehen versteht. Wir wissen einigermaßen, wie Johannes die Überlieferung geformt hat, die ihm vorlag. Wunder sind ihm ein Zeichen.

Jesu Offenbarungsreden sind ihm wichtiger als Wundergeschichten. Wie es am Ende des Evangeliums in Kapitel 20,30f. heißt: „Viele und andere Wunder tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes.“

In Deutschland haben wir dafür den schönen, leider aus der Mode gekommenen Titel „Heiland“. Es geht mit Christus um Heil und Heilsames. Darum ist der traditionelle Titel des heutigen Sonntags „Der Heiden Heiland“.

Im Vergleich zu anderen Schriften der Antike sind die Evangelien mit Wundergeschichten ziemlich sparsam. So zurückhaltend, dass später zahllose Legenden den Wunderglauben beflügelt haben. Er hält bis heute in und außerhalb der Kirchen an.

In Afrika, Asien und Amerika prahlen zahllose Prediger mit Wundern. Als ich letztes Jahr meine frühere Arbeitsstätte in Tansania besuchte, lief in der Stadt gerade eine US-amerikanisch inspirierte Massenevangelisation, die unverhohlen gewaltige Wunder und Heilungen versprach. Ähnliche Phänomene habe ich im orientalischen Islam und Buddhismus Asiens angetroffen. Und in Deutschland heute?

Ich lese in der aktuellen Ausgabe von „Psychologie heute“ ( Michael Utsch, Der Esoterik- Boom, S.34 ff, Februar 2017):

Irrationales Verhalten boomt. Es ist heute kein Widerspruch mehr, als IT-Expertin während der Woche Software zu entwickeln und am Wochenende Engelseminare anzubieten. Viele Menschen können heute empirisches Wissen und esoterische Weisheit verbinden, ohne Bauchschmerzen zu bekommen. Im Spannungsfeld von Religion und Therapie sind heute zahlreiche Heilsspezialisten tätig, die einen großen Wachstumsmarkt bedienen. Schätzungen zufolge werden allein in Deutschland damit pro Jahr 20 bis 25 Milliarden Euro verdient. Etwa 15 Prozent vom Jahresumsatz des deutschen Buchhandels werden mit esoterischer Lebenshilfe erwirtschaftet. Dabei bleibt es oft nicht bei der harmlosen Freizeitbeschäftigung abendlicher Lektüre. Manche Esoterikgläubige buchen Seminare und Kurse, flüchten sich von Heilsversprechen zu Heilsversprechen, stürzen sich zur Finanzierung in Schulden und geraten vor bösen Flüchen in Panik. Oder sie meinen sogar, dass ihr neu gefundener Glaube den Arztbesuch gänzlich überflüssig mache.“

Menschen suchen nach Sinn und Bedeutung angesichts des Unberechenbaren und Absurden. Die Reformation hat uns mit ihrer Kritik am Wunderglauben ein nüchternes Erbe hinterlassen. Wunder sind Taten Gottes, aus denen uns in besonders auffallender Weise Gottes Wirken bekannt wird. Martin Luther: „Die rechten hohen Wunder, die Christus ohne Unterlaß in der Christenheit wirkt, bestehen darin, dass er noch heute durch sein Wort Glauben wirkt .“

Die reformatorischen Bewegungen verstanden Kirche nicht so sehr als Institution, sondern als das getaufte Volk Gottes, das sich in heilsamen Gemeinschaften versammelt. Kirche als Gemeinschaft in der Nachfolge Christi ist der  Ort, an dem das universale Wort Gottes gehört und die Sakramente gefeiert werden, und dies in verschiedenen Sprachen, Traditionen und Bekenntnissen. Ihr Auftrag ist, zur Heilung der Welt beizutragen.

Heilsam also soll unser Wirken sein. Manchmal sind einfache Leute die besten Seelsorger. Als ich kürzlich mit einem durchaus nüchternen Geschäftsmann über das Sterben sprach, sagte er zu meiner Verblüffung, er habe Angst vor einem schmerzhaften Sterben, aber keine Angst vor dem Tod. Er freue sich auf das Paradies. „Paradies“ – ein durch islamische Selbstmord-Attentäter geschundenes Wort! Ist das der Grund, dass ich es schon lange nicht mehr auf einer christlichen Beerdigung in Deutschland gehört habe?

Ich habe eingangs meine Ohnmacht geschildert angesichts der toten Konfirmandin. Ich fand keine angemessenen Worte. Die völlig aufgelöste Mutter hätte auch kein Wort annehmen wollen oder können. Heute möchte ich ihr sagen, wenn sie mich hören könnte:

„Ihr Kind ist nicht verloren. Es ist im Paradies.“ Wie wir eingangs gesungen haben:

Wie freu ich mich, Herr Jesu Christ, dass du der Erst und Letzte bist, der Anfang und das Ende! Du, der sein Leben für mich ließ, nimmst mich einst in dein Paradies; drauf faß ich deine Hände. (EG 544,7)

Amen, Amen!

 

Im Westen Neues

Der Erste Weltkrieg ist weniger im deutschen kollektiven Bewusstsein als der Zweite. Dennoch holt uns seine Geschichte immer wieder ein, denn seine unvollkommene Aufarbeitung machte die nächste Katastrophe möglich.

Zu einer mir wichtigen Quelle wurde der Bestseller von Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, dessen Verfilmung mich als Jugendlichen tief erschüttert hat. Eine fast gleichaltrige Schulklasse wird an der Front verheizt. Aber das nimmt der Heeresbericht nicht zur Kenntnis. Damals hatte ich die Schlachtfelder in Frankreich mit seinen unzähligen Gedenkkreuzen noch nicht kennengelernt. Jetzt hat ARD Alpha den Film noch einmal gezeigt. Inzwischen haben wir wieder so viele Kriegsgräuel der Gegenwart vor Augen, dass sich die frühe Erschütterung nicht wiederholen lässt, gleichwohl aber die Empörung über die immer neue Dummheit der politischen Eliten, die junge Leute in den Tod schicken.

Im Internet informiere ich mich über die Hintergründe des Romans und des (amerikanischen) Films, der zuerst 1930 in den USA gezeigt wurde und lange in Deutschland verboten war. Er ist so perfekt synchronisiert, dass man ihn für eine deutsche Produktion hält.

Als Dietrich Bonhoeffer 1930 in New York studierte, sah er die Uraufführung dieses Films. In einer neueren Biografie schreibt Charles Marsh (Dietrich Bonhoeffer, Der Verklärte Fremde, Gütersloh 2015, S. 149):

„“Der Saal war voll“, berichtete Lassere. „Das Publikum war amerikanisch, aber da der Film aus der Perspektive der deutschen Soldaten gemacht war, fühlte jeder sofort mit ihnen. Wenn französische Soldaten auf der leinwand erschossen wurden, lachte und applaudierte die Menge. Wenn andererseits die deutschen Soldaten verwundet und getötet wurden, gab es eine große Stille und ein Gefühl tiefen Mitleidens. Das war für uns beide eine ziemlich schwierige Situation, weil wir beieinander saßen, er, der Deutsche und ich, ein Franzose“. Bonhoeffer schien von der Darstellung peinlich berührt. Natürlich war das Erlebnis umso verwirrender, als „die Amerikaner auf Seiten der Franzosen gegen die Deutschen gekämpft hatten“. Vom „brüderlichen Standpunkt aus“, fuhr Lassere fort, habe es ihn tief berührt, als er sah, welche Mühe Bonhoeffer sich gab, ihn zu trösten, als der Film vorbei war. „Ich war sehr bewegt und auch er war bewegt, aber wegen mir“, erinnert sich Lasserre. „Ich glaube, es war dort, dass wir beide entdeckten, dass die Gemeinschaft der Kirche viel wichtiger ist, als die Gemeinschaft der Nation.““

Es ist ziemlich sicher, dass der französische Freund Bonhoeffer beeinflusst hat. Lasserre blieb zeitlebens Pazifist. Bonhoeffer, der bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seine Ideen teilte und den Krieg der Nazis verhindern wollte, entschloss sich danach zum Widerstand und stellte sich der Spionageabwehr der Wehrmacht, wenn auch als ziviler Mitarbeiter, zur Verfügung. Die „Abwehr“ des Admiral Canaris war ein Zentrum des deutschen Widerstands gegen Diktatur und Krieg. Das moralische Dilemma versuchte Bonhoeffer in seiner „Ethik“ zu lösen.

Man kann sich fragen, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn das Buch „Im Westen nichts Neues“ so wie heute Schulbuchlektüre gewesen wäre. Stattdessen wurde es damals von den Nazis mit anderen Büchern öffentlich verbrannt.

Und Jean Lasserre? Sein Buch „Der Krieg und das Evangelium“ (Chr. Kaiser Verlag München) dürften die wenigsten Theologen kennen. Er ist vergessen.

Märtyrer

Die Tübinger Stiftskirchengemeinde hat es wieder geschafft: Zum 4.Mal wurde an den Festtagen das Weihnachtsoratorium aufgeführt. 8000 „Hörer“ wurden gezählt, allein gestern 1000. Wenn ich nicht selber zu predigen hatte, habe ich mir den musikalischen Genuss gegönnt. Ganz konnte ich aber den Verdacht nicht abwenden, dass sich hier ein ziemlich saturiertes Bürgertum selber feiert.

Das war gestern in Rottenburger Dörfern anders, wo ich vor einem Häuflein gepredigt habe, das der Kälte trotzte.

Als Jesus erfuhr, Johannes sei verhaftet und eingekerkert worden, zog er sich nach Galiläa zurück. (Matthäusevangelium Kap.4)

„Johannes der Täufer,  Asket aus der Wüste, jener unerschrockene Mann, hat mit seinen Bußpredigten den gewalttätigen Fürsten Herodes Antipas, gewissermaßen ein antiker Assad,  herausgefordert. Der hatte die Ehe mit Herodias,  Frau seines Bruders, gebrochen, –  ein Verstoß gegen die Tora. Keineswegs „untertan der Obrigkeit“ hat er nicht nur die Verfehlungen des Volkes, sondern auch die der Oberschicht angegriffen. Wie die früheren Propheten verlangt er Abkehr vom Bösen und verkündet das Gericht Gottes, wenn sie verweigert wird. Herodes Antipas lässt ihn hinrichten. So wird er zu einem Märtyrer, einem Glaubenszeugen.

Wer auf weltliche Macht verzichtet, muss bereit sein zu leiden. Erschreckend vertraut klingt dieses alte Lied: Das Tablett wird schon vorbereitet, auf dem der Kopf des Johannes dem Herodes und seiner Gattin überreicht werden soll. Blutiger Sadismus zum Vergnügen einer Tischgesellschaft, lange vor dem Zeitalter der Gewaltvideos.
Gewaltlosigkeit kann einen hohen und blutigen Preis haben.

Ein Wort zu dem Begriff Märtyrer, der gegenwärtig in der islamischen Religion geradezu inflationäre Bedeutung bekommen hat: Im Christentum wurde niemals ein Mensch Märtyrer genannt, der andere umgebracht hat. Märtyrer (aus dem Griechischen: Zeuge) werden Christen genannt, die lieber selber den Tod erleiden als unseren Glauben an Gott als Liebhaber des Lebens zu verleugnen. Es ist wichtig, dass wir in der gegenwärtigen ideologischen Auseinandersetzung die Begriffe öffentlich klarstellen. Wer sich und andere in die Luft sprengt, ist ein Verbrecher, kein Märtyrer. Er ist auch kein Soldat, er ist ein Verbrecher und gehört vor Gericht. Das ist mir um so wichtiger, wenn ich höre, dass im Jahr 2016 Tausende Christen umgebracht wurden nur weil sie Christen sind.“

Ich bin dankbar, dass der Kirchengemeinderat in unseren Gottesdiensten die Kollekte für „medica mondiale“ bestimmt hatte. (Wer im Sessel sitzen bleibt, erspart sich auch diese Ausgabe!) medica mondiale ist eine in Deutschland ansässige internationale Nicht-Regierungsorganisation, die sich weltweit für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten einsetzt. medica mondiale unterstützt Frauen und Mädchen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, ungeachtet ihrer politischen, ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Gemeinsam mit Frauen aus der ganzen Welt setzt sich medica mondiale dafür ein, dass Frauen in Würde und selbstbestimmt leben können.

Sexualisierter Kriegsgewalt auf allen Ebenen zu begegnen, dieser Aufgabe stellt sich medica mondiale seit der Gründung in 1993. Nach wie vor werden Frauen und Mädchen in kriegerischen Auseinandersetzungen vergewaltigt und als „natürliche“ Kriegsbeute von Männern betrachtet – täglich und an vielen Orten auf dieser Welt. medica mondiale hilft dort, wo den Verbrechen tatenlos zugesehen wird, wo Frauen und Mädchen keine Unterstützung erfahren und auf sich selbst gestellt sind.

medica mondiale bietet Frauen und Mädchen, die Vergewaltigung und Folter erlebt haben, lebensnotwendige medizinische, psychologische und rechtliche Unterstützung und Programme zur Einkommensförderung – sowohl mit eigenen Projekten als auch in Zusammenarbeit mit kompetenten Frauenorganisationen vor Ort. Gleichzeitig setzt sich medica mondiale politisch für die Rechte von Frauen ein und macht öffentlich auf die Verbrechen und die zerstörerischen Folgen für Frauen und Gesellschaften aufmerksam. Mit dem Einsatz von medica mondiale sollen Frauen die Chance erhalten, trotz ihrer Erfahrung entwürdigender und zerstörerischer Gewalt eigenständig und selbst bestimmt leben zu können:

Weitere Spendenmöglichkeit unter http://www.medicamondiale.org/