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Einsiedel

Zum Glück darf man noch wandern. Unser Ziel ist heute das Schlößchen Einsiedel im Schönbuch. Normalerweise ist die Gegend an einem sonnigen Wochenende total überlaufen. Heute sind nur wenige Leute unterwegs. Wir grüßen uns mit dem gehörigen Abstand. An einer Feuerstelle braten Studenten sich Würstchen. Eine fünfköpfige Familie lässt sich nieder. Wir gehen lieber weiter.

In dem „Schößchen“ – die Bezeichnung ist ziemlich übertrieben – ist ein katholisches Jugendzentrum untergebracht. Das Hofgut ist seit 1913 an die Süddeutsche Zucker AG verpachtet, die hier Saatgutveredelung betreibt. Ein paar Mitarbeiter scheinen hier zu wohnen.

Die Hochfläche mitten im Schönbuch-Wald ist schon im Mittelalter gerodet worden. Die bereits im 14. Jahrhundert erwähnte Stelle „zu dem Einsiedel“ lässt vermuten, dass hier ursprünglich ein Waldbruderhaus stand. Um 1460 richtete Graf Eberhard V. „im Barte“ ein Gestüt ein. Er baute 1482 das Schlößchen, von dem aber kaum noch etwas übrig ist. Das heutige Gebäude dürfte von 1600 stammen. 1492 – da fuhren andere nach Amerika – gründete er das völlig abgegangene Stift St. Peter, wo er 1496 beigesetzt wurde. Später wurde der berühmte Gründer der Tübinger Universität, mittlerweile Herzog, in die Tübinger Stiftskirche umgebettet.

Ich frage mich, wie kommt man auf die Idee einer Einsiedelei? Es gab doch sowieso im Mittelalter nicht so viele Menschen, die Wälder waren riesig. War es Überdruss an der bösen Welt? Wollte man besonders fromm sein?

In der „Geschichte des Christentums“ (I,1932) von Johannes von Walter lese ich, dass das Mönchtum in Form der Eremiten populär wurde, als im 4. Jahrhundert der römische Kaiser sich die Kirche zu Diensten machte. Der Sieg des Christentums über das Heidentum war ein zweifelhafter Erfolg, denn nun mischten sich die Mächtigen in die Kirchenpolitik ein. Es lohnte sich plötzlich ein Christ zu sein, nachdem wenige Generationen zuvor Christen noch verfolgt und hingerichtet wurden.

Das damalige Mönchtum beschränkte sich darauf, die Wüsten zu bevölkern und mied bewohnte Gebiete. Man kann sie bewundern, ohne der dauernden Kritik ihres bloßen Daseins ausgesetzt zu sein. Seit den Zeiten der apostolischen Väter hatte man eine zweistufige Moral anerkannt. „Was konnte dagegen prinzipiell geltend gemacht werden, dass nun ein großer Stand von „Vollkommenen“ sich bildete, der „das ganze Joch des Herrn“ in einem seit jeher hochgeschätzten asketischen Leben auf sich nahm? Es kam hinzu, dass das Mönchtum hierdurch mit dem Umweg über das Christentum an ein Ideal anknüpfte, welches der antiken Philosophie schon längst als Gipfel der Vollkommenheit vorgeschwebt hatte. War, so lässt Gregor von Nazianz sich vernehmen, das, was der Mönch tat, nicht genau das gleiche, was man an Sokrates und Pythagoras, an Epiktet und Anaxagoras zu bewundern pflegte?“ von Walter a.a.O. S.139f.

Ja, von der „vita contemplativa“ haben evangelische Theologen meistens keine Ahnung, von alter Kirchengeschichte auch nicht. Aber das Christentum beginnt nicht erst mit Martin Luther. Mir macht es viel Freude in diesen Tagen der Zwangsklausur, mich in die Texte der alten Kirche zu vertiefen. Sie geben mir Abstand zu den nervösen Nachrichten unserer Gegenwart und den oberflächlichen Ermutigungen unserer Medien.

Was die Einsiedler im schwäbischen  Schönbuch gedacht haben, weiß ich leider nicht. Hat sonst jemand Informationen über „Einsiedel“?

Tagesimpuls

Meine Kirchengemeinde veröffentlicht in der Corona-Krise jeden Tag einen „Tagesimpuls“. Ich finde sehr schön, dass man auf diese Weise etwas von den eigenen Seelsorgern hört. Das ist mir lieber als irgendwelche „Startheologen“ aus den allgemeinen Medien. Heute bin ich selber dran.

https://www.evangelisch-in-rottenburg.de/besondere-angebote-in-der-corona-krise/

Seit meinen afrikanischen Lehrjahren lese ich täglich die Herrnhuter Losungen. Diese Bibelverse verbinden mich spirituell mit meinen ehemaligen Studenten in Tansania, die es genauso machen. Für diese vier Jahre als Dozent in  einem afrikanischen College bin ich heute besonders dankbar, da sie mich lehrten, wie wenig ein Mensch braucht und worauf es wesentlich ankommt im Leben. Leere Regale in den mickrigen Läden waren jedenfalls damals alltäglich, Lebensmittel Mangelware. Telefon funktionierte nicht und die Post von zuhause brauchte mindestens drei Wochen. Krankheiten und andere Katastrophen forderten uns als Lehrer und Seelsorger ständig heraus. Damals begann die Aids-Pandemie die Menschen zu erschüttern. Medikamente gab es nicht. Doch man konnte sich besuchen und trösten. Die einzige Therapie war der gemeinsame Gesang. Afrikaner lieben die Gemeinschaft. Wie mag es in diesen Wochen sein, wenn sie Abstand halten sollen? Hände waschen, wenn kaum Wasser zum Trinken da ist? Oft relativiert mein Blick in die Ferne die hiesigen Sorgen und Nöte. Ich habe manchmal Mühe zu verstehen, worüber sich meine Zeitgenossen hier aufregen.

Die aktuelle Losung ist den Psalmen entnommen: „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.“ (Psalm 71,17) Es lohnt die Lektüre des ganzen Psalms. Denn er ist eine Bitte um Gottes Hilfe angesichts widriger Umstände im Alter. Es sind Worte, die in mir sprechen, wenn ich eigene nicht über die Lippen bringe. Es tut gut, sie laut zu lesen.

Hat Gott mich gelehrt? Kann ich seine Wunder verkündigen? Meine eigene Erfahrung ist bescheidener. Es war vor allem meine Mutter, die mich die ersten Gebete gelehrt hat. Sie setzte sich Abend für Abend an mein Bett und sprach die bekannten Kindergebete. Sie haben sich mir tief eingeprägt und Geborgenheit vermittelt.  Vorher kam manchmal mein Vater, der ein Märchen vorgelesen hat. Die waren natürlich spannender, manchmal beängstigender. Ich bekam durch diese „schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag“ eine Ahnung, dass die Horizonte weit und  das Leben gefährlich sein kann. Aber letztlich wird alles gut. Ein gewisses Grundvertrauen vermittelte auch er, der wohl Agnostiker war. Als er allerdings kurz nach meiner Konfirmation völlig überraschend starb, wurde mein Glaube auf eine harte Probe gestellt. Meine unbefangene Kindheit war mit einem Schlag beendet. Alle gut gemeinten Philosophien und Theologien, die den Tod ausklammerten, wurden für mich danach uninteressant. Mittlerweile hatten sich aber meine Gebete verändert.

Eines der Abendgebete, das ich aus dieser Zeit noch auswendig kann, stammt aus dem Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt, der sich zehn Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges als Student der Theologie immatrikulieren ließ .:

„Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir, / wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.“

Erst kürzlich habe ich es bei einer lebensgefährlichen Operation gesprochen. Welche Freude, dass sie gut ausgegangen ist! Mein Sterben hat noch etwas Zeit. Aber nun gehöre ich plötzlich zu einer „Risikogruppe“.

Nach meinen Eltern gab es andere Lehrer des Glaubens. Einer schrieb zu dieser Strophe: „Es geht nicht um ein „leichtes Sterben“, auch nicht um ein Sterben „in Würde“. Es geht um ein Sterben, das sich „glaubensvoll“ dem Gott anvertraut, der im Tod seines Mensch gewordenen Sohnes ewiges Leben in Aussicht gestellt hat.“ (Eberhard Jüngel)

Gegenwärtig werden mir auf allen Kanälen Ratschläge erteilt, wie ich in der Corona-Krise mich verhalten soll. Positiv denken, ist angesagt. Auch Theologen beteiligen sich daran. Ich will die Zwangspause nutzen, um mich tiefer von Gott belehren zu lassen. Vielleicht kann ich dann auch mit dem Psalm 71 Vers 23 beten: „Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen.“

Uniklinikum Tübingen heute

Heute versorgt das Uniklinikum 20 mit dem Coronavirus infizierte Patienten auf der Infektionsstation und 19 auf der Intensivstation.

https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/hinweise-corona-virus/corona-live-ticker

Der Termin der Nachuntersuchung meines Herzens war lange ausgemacht. Im Stillen hatte ich eine Absage erwartet. „wegen Überfüllung geschlossen“ oder so ähnlich. Doch nichts dergleichen. Also mache ich mich heute morgen mit mulmigen Gefühlen zur Medizinischen Universitätsklinik Tübingen auf. Punkt acht Uhr sind nur wenige Patienten da. Am Eingang wird man nicht nach Corona gefragt, nur die Hände werden desinfiziert. Im Chefarzt-Büro bekomme ich eine Gesichtsmaske.  „Haben Sie nicht viel Stress jetzt?“ frage ich die Schwester. „Keineswegs“, meint sie. Viele Leute haben ihre Untersuchungen abgesagt. So kann sich der zuständige Arzt Zeit für mich nehmen: Echokardiographie, BelastungsEKG, Labor etc., eben das Übliche nach einem Herzinfarkt. Sogar der Herr Professor wünscht kurz einen Guten Morgen. Nach einer Stunde bin ich wieder draußen.

Als „Risikopatient“ in der Corona-Krise habe ich nun zuhause Zeit, um intensiver als früher über Gesundheit nachzudenken. In den letzten Wochen habe ich viele Bücher und Artikel dazu gelesen. Wichtig dabei sind mir die Informationen der Deutschen Herzstiftung:

„Das neuartige Coronavirus scheint nach Einschätzung der Amerikanischen Kardiologie-Gesellschaft (ACC) auf Basis von Fallberichten aus China gerade für Menschen mit Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einem höheren Sterblichkeits- und Komplikationsrisiko verbunden zu sein. Mögliche Parallelen aus früheren Coronavirus-Epidemien (SARS/MERS) lassen laut ACC darauf schließen, dass bei Infektion mit COVID-19 möglicherweise auch eine Herzbeteiligung auftreten kann. Generell stellen bakterielle oder virale Infektionen eine zusätzliche Belastung für das Herz-Kreislauf-System dar. Diese Zusatzarbeit kann ein durch Erkrankung geschwächtes Herz überfordern. Vielen älteren Menschen fehlen außerdem die Kraftreserven, um dieser enormen Belastung entgegenzuwirken.
Wie riskant eine COVID-19-Ansteckung bei bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung werden kann, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Ein erhöhtes Risiko dürfte – unter Betrachtung des Gefährdungspotenzials bei anderen Virusinfektionen – insbesondere gelten für:

  • Patienten mit einer eigenständigen Erkrankung der Atemwege (z. B. Lungenentzündung, Lungenemphysem, Asthma, COPD, Hochdruck im Lungenkreislauf)
  • Patienten, die als Folge einer Herzerkrankung eine Funktionseinschränkung der Atemwege haben (z. B. Blutstauung im Lungenkreislauf als Folge der Herzschwäche)
  • Patienten, die eine voneinander unabhängig bestehende Atemwegs- und Herzerkrankung haben (z. B. COPD und koronare Herzkrankheit)
  • Patienten, die immunsupprimierende Medikamente einnehmen (z. B. nach Herztransplantation oder Verpflanzung eines anderen Organs)“

www.herzstiftung.de

In meiner „Anschlussheilbehandlung“ (kurz: Reha) auf der Mettnau am Bodensee habe ich täglich ganz praktisch gelernt „Bewegung ist Leben“. Darum vermisse ich jetzt die Herzsportgruppen, die normalerweise stattfinden. Zwar turne ich nun meine Übungen im Wohnzimmer oder im Garten, aber allein macht es nicht so viel Spaß. Schon deswegen hoffe ich, dass die Beschränkungen bald aufgehoben werden.

Unrechtsstaat

Ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht, ist immer wieder eine Streitfrage gegenwärtiger Politik. Abgesehen von den aktuellen politischen Interessen der Kontrahenten hängt eine Antwort wohl davon ab, wen man fragt. Ob Gewinner oder Verlierer des sozialistischen Staats, Profiteure oder Opfer.

Kürzlich hatte ich tagelang die Gelegenheit, eine typische DDR-Biografie mir anzuhören. Mit mir lag im Krankenhauszimmer ein inzwischen gut etablierter Ingenieur der Firma Bosch, der aus Sachsen-Anhalt stammt. Immer wieder betonte er, dass er als armer Bauernsohn seinen Aufstieg dem DDR-Staat verdankt. Der habe ihn schulisch gefördert und über einen Betrieb das Studium bezahlt. Zwar musste er erhebliche Anpassungsleistungen vollbringen: u.a. der SED beitreten („die monatlichen Treffen habe ich abgesessen“), den Grenzdienst der Volksarmee leisten („auf den Wachttürmen war es bitter kalt“). Mit Glück kam er um eine Verpflichtung durch die Stasi herum. Dank der friedlichen Revolution, an der er sich nicht beteiligt hat, ist er nun ein Gewinner der „Wende“. Unrecht hat er in der DDR nicht erlitten. Zurück in sozialistische Verhältnisse will er aber nicht.

Zur gleichen Zeit lese ich das Buch „Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass“ (Stuttgart 2019)  ) von Ines Geipel. Die ehemalige Weltklasse-Leichtathletin ist vor allem durch ihre Aufarbeitung des Staatsdoping der DDR bekannt geworden. Wie nahezu 12000 Sportler in der DDR, viele ohne es zu wissen, war Geipel Opfer des organisierten Dopings. Nachdem sie in „Ungnade“ gefallen war, wurde ihr bei einer Blinddarmoperation 1984 im Stasi-Auftrag der gesamte Bauch samt Muskulatur durchschnitten. Im Jahr 2000 erreichte sie mit die Verurteilung des DDR-Sportfunktionärs Manfred Ewald wegen Beihilfe zur Körperverletzung.

Erst spät  erfuhr sie, dass ihr eigener Vater unter acht verschiedenen Identitäten im Auftrag der Stasi als „Terroragent“ 15 Jahre lang in Westdeutschland im Einsatz war. Er versuchte insbesondere geflüchteten DDR-Bürgern deren neue Existenz in der Bundesrepublik zu zerstören.

Im Jahr 2019 sagte sie zur nicht begonnenen Aufarbeitung der Geschichte der DDR, dass Geld alleine den Osten Deutschlands nicht demokratischer machen werde. Sie sagte, es sei „unglaublich, mit welcher Härte die wirklichen Opfer der zweiten Diktatur weg erzählt werden.“ Fünfzig Jahre Diktaturerfahrung hätten eine traumatisierte Kultur hinterlassen.

In ihrem Buch „Umkämpfte Zone…“ greift Geipel das für die DDR-Geschichte so signifikante Thema des Verschweigens aus der Sicht mehrerer Generationen auf. Dabei bricht sie zum einen das „toxische Schweigen“ auf, mit dem nicht nur die SS-Vergangenheit ihrer beiden Großväter, sondern auch die Stasi-Tätigkeit des Vaters verhüllt wurde.

Aus dem Klappentext: „Seit 2015 haben sich die politischen Koordinaten unseres Landes stark verändert – insbesondere im Osten Deutschlands. Was hat die breite Zustimmung zu Pegida, AfD und rechtsextremem Gedankengut möglich gemacht? Ines Geipel folgt den politischen Mythenbildungen des neu gegründeten DDR-Staates, seinen Schweigegeboten, Lügen und seinem Angstsystem, das alles ideologisch Unpassende harsch attackierte. Seriöse Vergangenheitsbewältigung konnte unter diesen Umständen nicht stattfinden. Vielmehr wurde eine gezielte Vergessenspolitik wirksam, die sich auch in den Familien spiegelte – paradigmatisch sichtbar in der Familiengeschichte der Autorin. Gemeinsam mit ihrem Bruder, den sie in seinen letzten Lebenswochen begleitete, steigt Ines Geipel in die „Krypta der Familie“ hinab. Verdrängtes und Verleugnetes in der Familie korrespondiert mit dem kollektiven Gedächtnisverlust. Die Spuren führen zu unserer nationalen Krise in Deutschland.“

Spannend finde ich, wie Geipel den Aufbau des antifaschistischen Gründungsmythos der DDR am Beispiel Buchenwald beschreibt. Da lernen Generationen die Geschichte der heldenhaft verklärten Kommunisten im KZ, welches durch den in der DDR zensierten und seiner Ambivalenzen beraubten Bestseller von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“ verstärkt worden ist.  Die Nazis waren in der DDR-Propaganda einfach im Westen. Geipel beschreibt die jahrelange Schuldverdrängung, wie antisemitische Übergriffe und Straftaten einer „Skinhead-Kultur“ ignoriert wurden. Geipel: „Ich versuche exemplarisch an einer konkreten Familie zu zeigen, wie sich Zeit und Leben, Gefühle, Situationen verzahnen, und hier ganz explizit, wenn es um die lange Linie der Gewalt im Osten geht, geht es natürlich um Kontinuitäten. Es ist die Sache der nicht verarbeiteten Doppeldiktaturen.“

Ein Kritiker schrieb: „Das Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ von Ines Geipel vereint Elemente eines Generationenromans und Romans über die DDR mit Elementen der Autobiographie und des Sachbuchs. Es besticht durch eine bilderreich-künstlerische, poetische Sprachgewalt und geisteswissenschaftliche Reflexionen.“

Ob nun „Unrechtsstaat“ oder nicht –  das dargestellte Unrecht erschüttert allemal.

https://www.youtube.com/watch?v=_DZRk5QxiWE

Schreiend ungerecht

Theologen müssen  sich für Gerechtigkeit einsetzen. Das ist ein Satz, den ich aus meinem Studium bei Eberhard Jüngel behalten habe. Nicht umsonst kommt das Wort „Gerechtigkeit“ in der Bibel sogar häufiger vor als das Wort „Gott“.

Hört man Strafgefangenen zu, klagen viele, dass sie ungerecht behandelt worden sind. Das gilt sicher für die unfairen Lebensverhältnisse, in denen jemand aufwachsen muss. Aber es gibt auch Fehler im Justizsystem. Darum interessiert mich das Buch „Schreiend ungerecht“ (riva verlag 2019, 304 Seiten) des Strafverteidigers Burkhard Benecken aus Marl. Er verteidigt die Promis dieser Republik und auch jene, die sich dafür halten wie das „Model“ Gina Lisa Lohfink sowie Clanbosse wie die Berliner Unterweltgröße Arafat Abou Chaker.

Er erzählt in elf Kapiteln ziemlich spannend jeweils einen Fall aus seiner persönlichen Praxis. Dann erläutert er die juristischen Probleme des Falles und schildert den Prozessverlauf. Es wird deutlich, dass ein guter Anwalt ein Urteil erheblich beeinflussen kann. Schließlich gibt er praktische Tipps, wie man sich in einer ähnlichen Situation verhalten könnte und macht fallbezogen Vorschläge zur Justizreform. Es geht ihm in erster Linie darum, dass bei der Justiz jeden Tag viele Fehler passieren, die in den Medien kaum aufgegriffen werden. Viele Justizskandale sind der breiten Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt geblieben. Einerseits kann es schnell geschehen, dass der Normalbürger zum Opfer der Justiz wird. Da verschwinden offenkundige Unschuldige jahrelang hinter Gittern. Aus seiner Sicht werden 650 Menschen täglich zu Unrecht verurteilt. Andererseits geschieht es allzu oft, dass Geschädigte von Staatsanwaltschaft und Gericht alleine gelassen werden und der Täter einfach freikommt.

Ein Beispiel: Da wird ein Mann nach jahrelangem Streit durch den Nachbarn ins Krankenhaus geprügelt. Das Opfer liegt schwer verletzt wochenlang im Krankenbett. Kaum wieder genesen, teilt die Staatsanwaltschaft seinem Mandanten mit, das Verfahren gegen den Schläger sei eingestellt worden. An der Strafverfolgung bestehe kein öffentliches Interesse. Schließlich habe es sich um einen Nachbarschaftsstreit gehandelt.

Aus seiner Sicht ist ein anderer Fall ein Beispiel für viele Ungerechtigkeiten, die Opfer durch die teils überlastete Justiz erleiden müssen. Da gibt es die rechtlichen Möglichkeiten, um Strafprozesse so zu verzögern, dass der Täter am Ende wegen überlanger Verfahrensdauer ohne Schuldspruch davonkommt. Er hat einen zwölfjährigen Jungen vertreten, der von einem Päderasten im Netz dazu verführt wurde, sich vor der Kamera selbst zu befriedigen. Diese Videos stellte der Täter in einschlägige Foren ein. Es dauerte aber sage und schreibe fünf Jahre, bis der Mann sich vor Gericht verantworten musste. Am Ende wurde der Fall eingestellt mit dem Hinweis: Nach so langer Zeit bestehe kein Bedürfnis mehr, den Angeklagten zu bestrafen. Da bleiben nicht nur die Opfer fassungslos zurück.

Kein gutes Bild geben in seiner Darstellung die Pflichtverteidiger ab. Ein Beispiel für ein abgekartetes Spiel: Mauscheleien bei der Vergabe der Pflichtverteidigung. Dazu muss man wissen, dass die Richter die Anwälte für jene Beschuldigten aussuchen, die kein Geld für einen Verteidiger aufbringen können. Das geschieht häufig. Dieser Umstand aber schafft ein rechtlich fragwürdiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Verteidiger und Richter. Oft suchen die Gerichte Anwälte aus, die Geständnisse ihrer Mandanten auf dem Silbertablett servieren. Ganz gleich ob wahr oder falsch. Je schneller das Geständnis, desto schneller endet der Prozess. Und das Gericht kann den nächsten Fall abhandeln. Auf diese Weise werden in vielen Fällen Mandanteninteressen verkauft, mitunter überreden Anwälte Unschuldige zu Geständnissen. Und dass nur, weil der Verteidiger sich bei dem Richter einschmeicheln möchte, um das nächsten Pflichtmandat, das ihm etwa 800 Euro einbringt, zu ergattern.

Ein anderes Problem sind Schlampereien bei Gutachten. Als der Onkel des TV-Kochs Frank Rosin von einem Mitbewohner in einem Wohnheim im westfälischen Halle erschlagen wurde, hat der Sachverständige fast vier Monate gebraucht, um einige wenige DNA-Spuren vom Tatort auszuwerten. Vier Monate, in denen der unbekannte Täter noch frei herumlief. Normalerweise dauern solche Gutachten bei der geringen Spurenlage drei bis fünf Tage. Letztlich führte die Zeitverzögerung dazu, dass die Strafverfolger erst sieben Monate später einen Haftbefehl gegen einen 21-jährigen Tatverdächtigen erwirken konnte. Da war der Mann aber längst über alle Berge.

Nach der Lektüre dieses Buches habe ich die „Unschuldsbeteuerungen“ meiner Gesprächspartner im Gefängnis innerlich offener angehört. Jeder Straffall ist sowieso ein Drama. Bisher habe ich persönlich noch nie einen Anwalt gebraucht. Hoffentlich bleibt  so. Ich würde mich aber schon mal umhören, wer in meiner Stadt geeignet wäre. Marl ist zu weit weg.

https://www.m-vg.de/riva/shop/article/16263-schreiend-ungerecht/

Semitismus

Eigentlich ödet mich das Thema „Antisemitismus“ an. Wenn man ihn ein Leben lang bekämpft hat und nun erleben muss, dass längst widerlegte Verschwörungsmythen auferstehen, dann ist das bitter und ermüdend. Um so mehr bewundere ich meinen Freund Michael Blume, der heute einmal mehr in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingens über seine religionswissenschaftlichen Erkenntnisse und politischen Perspektiven sprach. Als „Antisemitismus-Beauftragter“ der baden-württembergischen Landesregierung hat er dazu ein Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ veröffentlicht.

https://www.patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-p-8903.html

Wenn man von „Semitismus“ spricht, beruft man sich auf den Noah-Sohn Sem, der in der jüdischen Tradition als Begründer eines Lehrhauses gilt. Er ist kein Begründer von Rassen und kein Begründer von Sprachen, sondern im Talmud, in der jüdischen Auslegung ist Sem der erste, der eine Schule gründet, der erste, der Religion und Recht im Medium der Alphabetschrift lehrt. Das ist eine ganz wichtige Figur und Vorfahr von Abraham.  Es wird sogar berichtet, der Sem habe nicht nur Abraham unterrichtet, sondern auch dessen Sklaven. Es wird also gesagt, alle Menschen sollen jetzt lesen und schreiben lernen können. Wir finden das heute normal, dass wir überhaupt nicht begreifen, was das für ein enormer Bruch war, Religion und Recht auf Schrift zu gründen.

Diese enorme Bedeutung der Bildung ist für die jüdische Religion grundlegend, hat ihr aber viele Neider eingebracht. Und wenn der Vorsprung in Bildung zu wirtschaftlichen Erfolgen führt, ist nicht Anerkennung durch die andersgläubige Mehrheit die Folge, sondern ein giftiger Glaube an Verschwörungsmythen.

Es geht um eine geistige Haltung, es geht um eine Haltung zu Bildung, es geht um eine Haltung zu Weltvertrauen, es geht um eine Haltung zu Fortschrittshoffnung. Diese Haltung hat das Judentum ausgeprägt. Es ist die erste Bildungsbewegung der Weltgeschichte.

Bildung – übrigens auch ein Begriff direkt aus der Bibel –, der Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen, soll ausbilden, was in ihm steckt. Und deswegen richten sich Antisemiten immer gegen Jüdinnen und Juden und darüber hinaus gegen Fortschrittshoffnung, gegen den Rechtsstaat, gegen das Zusammenleben von Menschen auf der Basis von Gleichberechtigung.

Wann ist man also semitisch? Wenn man der Auffassung ist, dass Menschen gleichberechtigt sind. Das wird in der Bibel und in der jüdischen Überlieferung am Noah-Bund festgemacht mit dem Regenbogen. Alle Menschen sind gleich. Alle Menschen sollen Bildung erfahren. Wir können der Welt vertrauen. Wir sollen einen Rechtsstaat aufbauen, das sind die Urüberzeugungen. Sieben noachidische Gebote soll Sem gelehrt haben – nicht morden, keine Tiere quälen, nicht die Ehe brechen – und ein positives Gebot – einen Rechtstaat aufbauen. Wer diese Überzeugungen hat, ist sozusagen in der besten semitischen Tradition.

Noch für Hugo Grotius – den Begründer des Völkerrechts – war völlig klar, dass sich das Völkerrecht auf dem Noah-Bund begründet, dass der Noah und der Sem das begründet haben. Das wissen selbst führende Juristen nicht mehr, was wir da für Schätze in unserer eigenen Kultur haben.

Wer dagegen glaubt, die Welt werde von Verschwörern beherrscht, man dürfe nicht vertrauen, die Ärzte, die Medien, das seien alles nur Verschwörer, die demokratischen Politiker, die sollte man angreifen. Und die jüdischen Gemeinden, die seien alle in der Verschwörung beteiligt, dann sind wir selbst, wenn wir uns Christ oder Muslim oder Humanist nennen, auf einem antisemitischen Pfad unterwegs.

Blume: „Wir haben es beim Antisemitismus mit einem Glaubenssystem zu tun. Antisemiten glauben, dass böse Mächte die Welt regieren. Sie glauben, dass Verschwörer hinter allem stecken und das sind normalerweise Juden und Freimaurer bzw. wie man heute sagt, Zionisten und Illuminaten. Das ist eine globale, ich sage es manchmal sogar Gegenreligion geworden, die sich ausgebreitet hat und jetzt noch mal ausbreitet durch das Internet. Wenn Leute glauben an Verschwörer, dann landen die nicht beim Glauben an die Weltverschwörung der Australier oder der Quäker, sondern dann landen die immer wieder im alten Antisemitismus.“

Immer wieder unterbricht Blume seine sachlichen Ausführungen durch persönliche Erinnerungen. Als er im Irak über tausend Jesidinnen rettete, stand er an einem Massengrab: „In diesem Grab bei Kocho, Nordirak waren ältere Damen und ganz kleine Kinder, mit denen der IS nichts anfangen konnte nach seiner menschenverachtenden Logik. Sie wurden in einen Forellenteich getrieben und dort ermordet und mit Sand überdeckt. Als wir dort waren, war das noch nicht mal abgesperrt, es war alles ganz frisch, und ich habe in dem Moment gedacht, wir haben gar nichts gelernt, wir Menschen machen immer, immer wieder solche Dinge. Man kann sich kaum Ideologien vorstellen, die weiter voneinander entfernt sind als der Nationalsozialismus und der arabische Islamismus oder der islamische Extremismus, aber was sie verbindet, ist tatsächlich der gemeinsame Glaube an eine jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung, gegen die man sich angeblich wehren müsste. Extremisten aller Art, aber vor allem Antisemiten behaupten immer, sich zu verteidigen, sie sagen, ihre Gewalt geschehe aus Notwehr, und ihr Hass richtet sich nicht nur, aber auch gegen Juden. In Deutschland waren es zum Beispiel auch Roma und Sinti, die ermordet wurden, die christliche Taufe hat ihnen nicht geholfen, und im Irak waren es zum Beispiel Jesiden, denen vorgeworfen wurde, Teufelsanbeter zu sein.“

„Im Irak war ich ganz massiv damit konfrontiert, dass Leute gesagt haben: ‚Der Erdogan, das ist doch ein Jude, den haben doch die Juden eingesetzt, die Türkei zu zerstören.‘ Oder: ‚Der Kalif al-Bagdhadi sei ein jüdischer CIA-Agent namens Simon Eliott, und der ganze Islamische Staat sei vom israelischen Mossad.‘ Wenn Antisemiten keine Juden haben, dann erfinden sie sich welche. Dann behaupten sie, dass alle möglichen anderen Personen Juden wären. Im Irak gibt es gar kein jüdisches Leben mehr, die sind vertrieben worden. 140.000 Jüdinnen und Juden nach der Staatsgründung Israels – das weiß auch kaum jemand – aber der Antisemitismus ist nicht verschwunden.

Jetzt werfen sich Türken, Kurden, Araber, Linke, Rechte, Religiöse, Säkulare gegenseitig vor, Teil der jüdischen Weltverschwörung zu sein. Also, auch da sieht man, wer da sagt, wenn es den Staat Israel nicht mehr gäbe oder es keine Juden mehr gäbe, gäbe es auch keinen Antisemitismus mehr, der hat überhaupt nicht verstanden, wie gefährlich das ist. Der Antisemitismus ist eine Ideologie des Hasses, die sich, wie das Sartre gesagt hat, Juden erfindet, wenn sie gar keine hat.“

Ein Abgeordneter des baden-württembergischen Parlaments hat in seinen Schriften deutlich formuliert, man könne die Islamisierung Europas nur stoppen, wenn man antizionistisch vorgeht. Ein ganz beliebtes rechtsextremes Motiv, die Juden haben den Orient zerstört, jetzt treiben die Juden die Araber nach Europa, um auch Europa zu zerstören. Leider finden sich solche Vorstellungen auch bei sonst gebildeten Leuten.

Meine Grundfrage, wie wir Hass überwinden können, beantworten wir nicht nur mit Aufklärung und Argumenten, sondern auch mit einer Art kollektiven  Seelsorge, für die die Kirche bestimmt sein sollte. Da hilft ein Hinweis auf die Vorurteilsforschung.

Wer Vorurteile dadurch zu widerlegen versucht, dass er sie immer nur wieder wiederholt, verknüpft die sich im Gehirn immer wieder neu. Man muss eine schlechte und eine unwahre Geschichte durch eine bessere und wahrere Geschichte ersetzen.

Wer die aktuellste Verschwörungsmythe kennenlernen will, der schaue sich Michael Blumes Wissenschaftsblog an. Da setzt er sich mit der Vorstellung auseinander, dass der neue Corona-Virus eine jüdische Erfindung ist.

Digital-global befeuert – Die ersten Verschwörungsmythen zum Coronavirus

Unverfügbarkeit

Dass der Theologe Rudolf Bultmann in den dreißiger Jahren den Begriff „Unverfügbar“  für den Menschen in die philosophische Diskussion eingebracht hat, wusste ich nicht. Herbert Seidler-Dehn beginnt damit seinen Impuls zum neuen Buch „Unverfügbarkeit“ des Soziologen Hartmut Rosa. Er löst damit eine engagierte Debatte in unserem Gesprächskreis der Stadtbibliothek Rottenburg aus.

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Uni Erfurt. Vor zwei Jahren hat er das Buch „Resonanz“ herausgebracht.. Mit dieser Theorie will er gesellschaftliche Phänomene erklären. Sein neues Buch über „Unverfügbarkeit“ liest sich wie ein Nachtrag.

Das Verfügbarmachen von Dingen sei ein Grundzug der modernen Gesellschaft: Der Versuch, Dinge wissenschaftlich verfügbar zu machen, etwas technisch beherrschbar zu machen und manipulieren zu können. Dies gelte auch für das einzelne Individuum, das auch den Drang verspüre, sich etwas ökonomisch verfügbar zu machen, sich etwas leisten können zu müssen: eine Reise, ein Auto. Wir legen es mit allen Mitteln darauf an, mehr und mehr Welt zur Verfügung zu haben.

Hineingeboren in die spätmoderne Gesellschaft sind die Menschen fixiert darauf, beherrschen zu wollen, abzuarbeiten und effizient zu erledigen, was getan werden muss. Nichts soll dem Zufall überlassen werden.

Der Versuch, der Dinge habhaft zu werden,  sei strukturell in moderne Gesellschaften eingelassen, weil sie sich nur durch Wachstum stabilisieren könnten. Dabei sei der Aspekt der Unverfügbarkeit essenziell dafür, dass Dinge überhaupt lebendig und interessant seien. Dies sei auch im sozialen Leben so: Wenn uns ein Mensch vollständig zur Verfügung steht, immer das tut, was wir wollen, dann höre er auf, ein sprechendes, resonantes Gegenüber zu sein.

Glück ist aber ein Moment des Nicht-Verfügens.

Rosa zitiert ein Interview mit dem Pianisten Igor Levit. Beethovens Mondscheinsonate, so hätte Levit berichtet, klinge erstaunlicherweise auch nach dem hundertsten Male immer noch anders. Levit habe das Gefühl, das Stück bliebe beim Spielen im Dialog, er arbeite sich immer wieder aufs Neue daran ab, etwas bliebe für ihn unverfügbar. Er hoffe, dass er niemals damit fertig werde. Dies, so Levit, bedeute für ihn Glück. Daran, so Rosa könne man sehen: Das letzte Moment des Nicht-Verfügens sei konstitutiv dafür, was wir als Glück und Resonanz erfahren.

Der Alltag sieht aber  anders aus. Rosa wörtlich: „Grundlogik ist die, die ich Steigerungslogik der Gesellschaft nenne. Wir leben da in einem System, das sich nur durch Steigerung erhalten kann. Wenn wir nicht jedes Jahr schneller, effizienter arbeiten und leben und auch mehr produzieren, besser produzieren, mehr konsumieren, mehr verteilen, können wir das, was wir haben, nicht erhalten. Unsere Arbeitsplätze, unsere Firmen, unseren Sozialstaat und so weiter. Weil diese Wettbewerbslogik eine globale ist, und die setzt sich um in unser Leben im Sinne von permanenten Optimierungszwängen, dass wir überall versuchen, fitter, besser, attraktiver zu sein. Und dann haben wir natürlich auch selbst Erwartungen ans Leben, die unsere To-do-Liste füllen.“

https://www.residenzverlag.com/autor/hartmut-rosa

Was  wir in diesem Kreis nicht  diskutiert haben, sind die Konsequenzen für Kirche und christlichen Glauben, obwohl eine Frau das Gebet ansprach. Ein Teil der Theologenschaft hechelt dieser Moderne hinterher: Die Kirche muss effizienter, ökonomischer, optimierter  werden. Die Folge ist oft nur ein „burn-out“ für die Mitarbeitenden. Die Alternative wäre eine Spiritualität, die sich nicht den Konsumzwängen unterwirft. Dazu notwendig die ökumenische Solidarität mit denen, die die Opfer der gegenwärtigen Weltunordnung sind. Die Kirche müsste eine „Gegen-Gesellschaft“ werden, was sie im Ursprung ja war.

Siehe  auch die Debatte: https://www.youtube.com/watch?v=4lAwdWchjz4

Ein Apostel lernt dazu

Als wir unseren Töchtern Namen aus der Apostelgeschichte (Apg.) gaben, fragten mich viele Leute einer Universitätsstadt, die einmal Religionsunterricht genossen hatten: „Was für eine Geschichte?“ Daran musste ich bei meiner Predigt über Apg.10, 21-35 wieder einmal denken. Im Gefängnis darf ich zu Menschen predigen, die keinerlei Voraussetzungen mitbringen, oftmals nicht einmal deutsch verstehen. Andererseits haben manche allerlei religiöse Verschwörungstheorien gelesen, die  insbesondere das Judentum betreffen. Anwesende Muslime spitzen bei diesem Stichwort besonders die Ohren.

Nun ist eine evangelische Predigt keine religionswissenschaftliche Vorlesung, sondern eine Ansprache, die Vertrauen in Gott und die Menschen hervorrufen und stärken sollte. Darum konzentriere ich mich auf den Schlusssatz, den ich für revolutionär halte.

34 »Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir ´erst richtig` klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! 35 Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.

In dem Bibelabschnitt wird ein antikes Judentum geschildert, in dem Petrus befangen ist. Das hat es damals gegeben. Man wollte mit „unreinen“ Ausländern nichts zu tun haben, schon gar nicht mit römischen Besatzungssoldaten. Die religiöse Exklusivität wurde durch die nationalistische noch verstärkt. Eine solche Haltung gibt es wohl in allen Religionen: Man zieht Grenzen zwischen denen drinnen und denen draußen. Nächstenliebe reicht dann gerade noch  für die eigene Gruppe.

Ich bin sehr dankbar, dass ich als junger Student zweimal für drei Monate in Israel studieren und arbeiten durfte, wo ich sehr offenen Juden begegnet bin. In einem Kibbutz-Dorf war ich zu Gast bei Menschen, die aus Deutschland dem Naziterror entkommen waren. Einige trugen noch die tätowierte KZ-Nummer auf dem Arm. Nicht ein einziges Mal habe ich als Deutscher irgendeine Ablehnung erfahren. Sie ermunterten mich sogar, in die benachbarten arabischen Dörfer zu wandern. (Wo ich als vermeintlicher Jude mit Steinen beworfen wurde.)

Ich frage mich, was wäre uns erspart geblieben, wenn die Kirche nicht auf Abschottung gesetzt und die Juden nicht ins Ghetto getrieben hätte. Wenn es damals schon Begegnungen und gegenseitiges Lernen gegeben hätte.

Der Apostel Petrus, also ein Botschafter des Evangeliums, lernt durch die Begegnung mit dem „heidnischen“ Hauptmann dazu. Gott macht keine Unterschiede zwischen den Menschen. Leider hat die Kirche diese Freiheit nicht lange bewahrt. Bald gab es die Theologie eines Cyprian (3. Jh.) mit dem Satz „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Wenn wir auch in der evangelischen Kirche ein solches Dogma nicht anerkennen, so ist doch zu beobachten, dass viele eine Grenze ziehen zwischen denen, die dazugehören und denen die draußen bleiben.

Mir scheint es eine wichtige Zukunftsaufgabe zu sein, Gott ohne Grenzen zu denken. Viele haben dabei Verlustängste, die sich etwa in der Frage äußert: „Was bleibt dann heute noch vom christlichen Glauben?“ oder die furchtsame Frage: „Was wird aus der Kirche?“  Ich denke, dass Glauben  und Kirche durch größere Offenheit nur gewinnen können.

Manchmal scheinen bestimmte Religionsformen eher hinderlich zu sein. Je strenger nach innen, desto abweisender nach außen. Die oben erwähnten Juden „meines“ Kibbutz waren eher säkular eingestellt. Ein in den dreißiger Jahren dem Naziterror entkommener Berliner meinte gar: „Dass ich Jude bin, haben mir erst die Nazis klar gemacht.“

Rettungsschiff der Kirche

„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Dieser Satz aus der Schlußpredigt des Dortmunder Kirchentags gellt mir noch in den Ohren. Offenbar hat er bei vielen Leuten Aktivitäten ausgelöst und bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Idee geboren, ein eigenes Rettungsschiff ins Mittelmeer zu senden. Ein Bündnis „United for Rescue“ (Vereint für Rettung) setzt nun diese Idee um.

Die württembergische Reformgruppe „Offene Kirche“ (OK)  ist dem Bündnis beigetreten und unterstützt damit das Projekt der EKD ein weiteres Rettungsschiff auszurüsten. Sie möchte dazu beitragen, dass die gesellschaftliche Mehrheit für Menschlichkeit wieder sichtbar wird. Politisch Verantwortliche in Europa werden aufgefordert, überzeugende Lösungen umzusetzen und Menschenleben zu schützen.

Darum war es eine gute Idee, den Sprecher dieses Bündnisses, Pastor Joachim Lenz, zum Jahresempfang der Tübinger OK-Gruppe am 24. Januar einzuladen. Er berichtete aus erster Hand über den Stand der Planungen und  die teilnehmenden Organisationen, aber auch über Widerstand konservativer und rassistischer Kreise.

Entgegen manchen Kritikern war  immer klar, dass die Kirche  das Schiff nicht selbst betreiben wird. Sie hat mit „Sea Watch“ einen erfahrenen Partner gefunden. Das Bündnis ist natürlich offen für  weitere Organisationen. Aber zunächst ist es wichtig, dass möglichst viele Gemeinden und Kirchen sich finanziell beteiligen. Darum wird unter #wirschickeneinschiff zu Spenden aufgerufen. Kirchensteuern gehen von der EKD nur in den Aufbau des Bündnisses United4Rescue, nicht aber unmittelbar in das Schiff.

Aktuell soll das ehemalige Forschungsschiff „Poseidon“ ersteigert werden, das auf 1 Million Euro geschätzt wird. Dann kommen Kosten für Umbau und Unterhalt hinzu. Auch die Crew muss bezahlt werden.

Es kommt also darauf an, möglichst viele Unterstützer zu finden. Vielleicht kann man auch Evangelikale und Katholiken „ins Boot holen“. Schließlich hat der Vatikan seit 1951 ein eigenes Schiffsregister. Papst  Franziskus predigt in dieser Frage seit  einiger Zeit sehr ähnlich wie der Ratsvorsitzende der EKD Bischof Heinrich Bedford-Strohm.

https://www.united4rescue.com/

Dass noch  viele Fragen zu  klären  sind, zeigte die engagierte Diskussion. Mir scheint, dass die „Offene Kirche“ durch die letzte Kirchenwahl frischen Schwung bekommen hat. Jedenfalls arbeitet man sich  nicht mehr an konservativen Positionen des Pietismus ab, sondern bringt neue Ideen voran. Darum ist es sehr erfreulich, dass viele junge Leute zu dem (erstmaligen) Empfang gekommen waren, der vom neuen Sprecher Martin Ulrich Merkle humorvoll moderiert und mit einer fröhlichen Gesangseinlage eingeleitet wurde.

Märtyrer

Ich bereite meine Sonntagspredigt für die JVA Rottenburg vor. Es  geht um „Petrus und Kornelius“ nach der Apostelgeschichte (10,21-35). Vermutlich ist Petrus nur wenigen Gefangenen ein Begriff. Ich schreibe:

„Petrus, übersetzt: „der Felsen“, lernen wir zunächst als einfachen Fischer Simon kennen. Er gehört zu den ersten Jüngern Jesu, also Leuten, die als Schüler dem Wanderrabbiner Jesus nachfolgen und von ihm lernen. Er ist also ein Mann aus dem Volk, der keinesfalls als besonders großartig beschrieben wird. Er hat oft Angst, zweifelt an der Bedeutung Jesu und verrät ihn sogar an die Häscher, die Jesus verhaften. Dieser ehemalige Verräter wird zu einem der größten Apostel, der schließlich in Rom für Jesus als Märtyrer stirbt. Die griechisch sprechenden ersten Christen haben den Begriff Märtyrer (wörtlich: Glaubenszeuge) geschaffen. Es ist keiner, der andere in den Tod bombt, sondern jemand, der lieber für seinen christlichen Glauben stirbt als diesen zu verleugnen und seinen Herrn zu verraten.“

Kaum habe ich u.a, dies geschrieben, stört mich eine eMail und bringt meine ganze Predigtidee durcheinander:

„Boko Haram schlägt wieder zu! Diese islamistische Terrorgruppe ist längst nicht besiegt, wie Regierung, Militärs und Polizei glauben machen wollen. Längst sind in unseren Medien die Nachrichten darüber verebbt, weil es leider ja auch viel zu viele andere Konflikt- und Kriegsgebiete gibt. Dennoch sehe ich mich als einer, der sieben Jahre in der Gemeinschaft mit den Christen in Nordost-Nigeria eine gute Zeit erlebt hat, gedrängt, auch hier auf die anhaltende Notlage hinzuweisen: Im Dezember 2019 wurden 4 Gefangene der Hilfsorganisation „Action against Hunger“ ermordet. Am Heiligen Abend 2019 wurden 11 gefangene Christen im Borno State von Boko Haram enthauptet. Bei einem Überfall am 3. Januar 2020 auf die Stadt Michika (nur ca. 60km von der Kirchenleitung der „Kirche der Geschwister“ entfernt) wurde der Distriktpfarrer ( Dekan) Lawan Andimi entführt und am nächsten Tag in einem Video als Gefangener von Boko Haram vorgeführt. In dem Video bittet er um Hilfe und zeigt sich erstaunlich gefasst und glaubensstark. (https://www.youtube.com/watch?v=soGoDzvJ868)

Lawan Andimi ist Pfarrer der „Kirche der Geschwister“, in der wir Mitarbeiter waren. Er ist verheiratet und Vater von acht Kindern. Zugleich war er der Vorsitzende der „Christlichen Kirchen in Nigeria“ in der Michika Region. 

In dem Video sagte er unter anderem: „Ich glaube, dass Gott lebt. .. Ich bin nie entmutigt worden, denn alle Umstände, in denen man sich wiederfindet, liegen in Gottes Händen. …. Durch Gottes Gnade werde ich mit meiner Frau, meinen Kindern und meinen Kollegen zusammen sein. Wenn ich diese Gelegenheit nicht bekomme, ist es vielleicht der Wille Gottes. Ich möchte, dass alle Menschen, ob nah oder fern, Kollegen und andere, Geduld haben. Weint nicht, macht euch keine Sorgen, aber dankt Gott für alles.“

Jetzt haben sie Lawan Andimi am Montag 20. Januar 2020 enthauptet. Boko Haram hatte wohl finanzielle Forderungen erhoben, die leider nicht in voller Höhe erfüllt werden konnten. Die Sorgen und Ängste in der Gegend sind jetzt enorm gestiegen, zumal von Boko Haram immer wieder neue Attacken gestartet werden, so auch in Chibok, wo ja schon 2014 die „Chibok Girls“ entführt worden waren – und von denen immer noch um die 100 in der Gewalt von Boko Haram gefangen sind – und in Yirmishika, wo wir schon damals eine der Kursgruppen unserer theologischen Fernkursausbildung hatten.

Nach dem Tod von Rev. Lawan ist der Aufschrei der Christen in Nigeria groß. Die Regierenden, allen voran der Präsident Mohammadu Buhari, würden in der Öffentlichkeit zwar ständig Versprechen abgeben, aber nichts veranlassen, die eigene Bevölkerung vor diesen Terrorgruppen zu beschützen, geschweige denn sie konsequent zu bekämpfen. Der Vorsitzende der „Christlichen Kirchen in ganz Nigeria“ (CAN Christian Association of Nigeria) erhob nach dem brutalen Mord schwerste Vorwürfe gegen die eigene Regierung. Sie sei wohl nicht in der Lage, die eigene Bevölkerung zu schützen und bat ausländische Regierungen u.a. auch Deutschland Einfluss auf die nigerianische Regierung zu nehmen. Das zeigt, wie groß die Sorgen der Christen in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas sind.“

Kann ich das den JVA-Insassen zumuten? Ich fühle mich ja selbst als Gefangener.