Aborigines

Ein Viertel aller Bewohner des Northern Territory (NT) sind Aborigines. Sie finden unser besonderes Interesse. Diese indigenen Völker haben hier im Land seit wohl 50000 Jahren gelebt und sich behauptet. Sie leben vorwiegend in Städten und ihnen zugesprochenen Gebieten (Land Trusts). Zu den größten Aboriginal-Reservaten Australiens zählt das Arnhem Land, das wir leider mangels Genehmigung nicht betreten dürfen. Dort leben,  jagen und fischen sie wohl wirklich nach alter Väter und Mütter Sitte. Verständlich, dass sie nicht von Touristen beglotzt werden wollen.

Unsere  erste Wahrnehmung von Aborigines in Darwin ist allerdings eher negativ. Irgendwie sehen sie grimmig (besser: traurig) und alt aus. Sie sitzen oft alkoholisiert auf der Straße, manche schreien herum, ein Gespräch ist für uns noch kaum möglich. Mir fällt bei der Gelegenheit auf, dass wir uns eigentlich nie auf die Erde setzen. Wir suchen möglichst eine Bank oder zumindest einen großen Stein oder Balken. Die vielen Kinder sehen verwahrlost aus. Einige betteln uns an. Manche sind kriminell und leben von Einbrüchen.

In Punters Bar belagern sie die Spielautomaten und lachen nur, wenn einige Münzen herausklimpern. Es ist bekannt, dass viele spielsüchtig sind.

Im Buchladen „Book Exchange“ stellt die Besitzerin etliche Gemälde indigener Künstler aus, die nicht  ganz billig sind. Sie kann uns einiges über ihre Lieferanten erzählen, die durch ihre Galerie gut verdienen. Andere sind in verschiedenen „bürgerlichen“ Berufen beschäftigt, aber die sehen wir kaum. Früher wurden sie fast wie Sklaven gehalten, weshalb ich sie im Dienstleistungsgewerbe vermute. Aber auch da sind sie unsichtbar für uns.

Die Kunst ist beeindruckend, aber schwer verständlich. Jedes Bild verarbeitet im Grunde eine Geschichte der Überlieferung oder aus der sog. Traumzeit.

Der Begriff wird eigentlich von den Aborigines selbst abgelehnt. Wir haben wie die meisten Westler die „Traumpfade“ von Bruce Chatwin gelesen. Mit Recht nennt der Verlag sein Werk „Roman“, neudeutsch würde man „fake-news“ sagen. Immerhin gibt er einem einen ersten Eindruck, dass wir es mit einer komplett fremden, andersartigen Welt zu tun bekommen. Da die Aborigines offenbar selber wenig Interesse haben, ihre weißen Eroberer aufzuklären, ist man auf unzuverlässige Informationen angewiesen. Schließlich geht es um mindestens zweihundert Völker mit ebenso vielen Sprachen, die obendrein oft unabhängig voneinander sich entwickelt haben. Das mag erklären, dass sie etwa in Deutschland nie die romantische Sympathie erhalten haben wie etwa die Indianer Nordamerikas. Ich glaubte lange wie viele, dass sie zur völligen Assimilation oder gar zum Aussterben verurteilt sind. Ich lese aber, dass viele junge Leute wieder in die Wildnis gehen und zur traditionellen Lebensart zurückkehren. Wahrscheinlich werden sie unsere „Zivilisation“ überleben, wenn die auf einen globalen Suizid zuläuft.

Im Museum and Art Gallery of the NT ist eine Sonderausstellung, die uns die Augen öffnet. Die indigene Künstlerin Mulkun Wirrpanda malt zusammen mit dem weißen Landschaftsmaler John Wolseley vorzugsweise Pflanzen und Tiere. Sie erzählt in einem Film ihres Enkels (!), wie man traditionell überlebt hat. Ihr profundes Wissen der Biologie (besser: Pflanzen und Tiere in ihrem Lebensraum) ist durch Generationen mündlich überliefert: „Erst durch das moderne Essen werden wir krank.“ Kräuter, Wurzeln, Früchte, aber auch zu jagende Tiere  haben ihre Zeit und Zubereitungsart, die man exakt beachten muss. Die befreundeten Künstler teilen ihre Leidenschaft für die traditionelle Yolnu-Kultur. 2009 adoptierte Mulkun Wolseley als Bruder (wawa). Die beiden ernteten, malten und beschrieben über 40 Arten essbarer Pflanzen.

Am anderen Ende der Stadt betreibt Aboriginal Bush Traders in einem der wenigen alten Häuser (Lyons Cottage) einen „not for profit“-Laden, in dem nicht nur weitere Gemälde, sondern auch Kleider und Kunstgewerbe angeboten werden. Im angeschlossenen Café probiere  ich ein echtes „aboriginal“-Essen mit Früchten und Nüssen. Es schmeckt mir. Raupen sind gottlob nicht dabei.

https://www.magnt.net.au/midawarr-harvest

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