Bernhard Schlinks Weltethos-Rede 2021

Seit dem Jahr 2000 organisiert die Universität Tübingen gemeinsam mit der Stiftung Weltethos  die Weltethos-Reden. In den Reden nehmen herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus unterschiedlichen Blickwinkeln Stellung zur Weltethos-Thematik.

Die Frage nach einem „Weltethos“ geht zurück auf die Programmschrift „Projekt Weltethos“, die Professor Hans Küng 1990 vorgelegt hat. Hier wird die Idee entwickelt, dass die Religionen der Welt nur dann einen Beitrag zum Frieden der Menschheit leisten können, wenn sie sich auf das ihnen jetzt schon Gemeinsame im Ethos besinnen: auf einen Grundkonsens bezüglich bestehender verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen.

Nicht immer war die Auswahl der Redner  glücklich. Ich erinnere mich an die erste Rede von Tony Blair, den man mittlerweile als Kriegsverbrecher bezeichnen muss. Auch dessen aktuelle private Steuervermeidung ist nur peinlich. Ob diese Reden mehr brachten als etwas Glanz in die kleine Universitätsstadt, kann man fragen. Entsprechend skeptisch erwartete ich die diesjährige Rede des Juristen und Schriftstellers Bernhard Schlink. Warum man ihn eingeladen hat, der zwar schon im Elternhaus Hans Küng kennengelernt, aber so gar nicht auf dessen Weltethos eingegangen ist, verstehe ich  nicht.

Schlink begann nämlich gleich mit der dystopischen Frage: „Der Untergang der Menschheit ist möglich. Wäre es so schlimm, wenn die Menschheit ausstirbt?“ Die Untergangsszenarien haben sich seit den sechziger Jahren geändert. Heute wird weniger der Atomkrieg gefürchtet als der Klimawandel. Gewaltig wären die Schäden. Zum eigenen Schmerz käme hinzu, die andern Mitmenschen leiden zu  sehen. Die meisten fürchten den Tod, obwohl sie überzeugt sind, dass nachher nichts mehr kommt, weder Bekanntes noch  Unbekanntes. Wie es kein  Unglück ist, nicht geboren zu sein so auch nicht tot zu sein. Niemand leidet an seiner pränatalen oder postmortalen Nichtexistenz. Solch moderne Gedanken verändern die Vorstellungen von Menschheit, die seit der Antike gelten. Da ging es um die Bestimmtheit des Menschengeschlechts, nicht um viele Einzelne. Drei Grundbegriffe haben sich aber gewandelt. 1. Die Menschheit als Gemeinschaft verwirklicht sich im Fortschritt, wird glücklicher und vernünftiger.2. Die Menschheit als Ideal tugendhaften Menschseins wird zum Ideal einer freundlichen Mitmenschlichkeit und Selbststeigerung. 3. Die Menschheit als historischer Prozess ist  die Geschichte des sich selbst konstituierenden Menschen, der Würde  und Rechte  hat und sich bildet. Fortschritt ist Ziel und Aufgabe. Der Untergang der Menschheit wäre  ein Übel, weil sie nicht erreicht, wozu sie bestimmt ist. Der Fortschrittsglaube hat nicht zufällig seine Strahlkraft verloren. “Wir glauben nicht mehr an den Fortschritt.“ Es scheint, dass alles schlechter werde. Auch die Vorstellung einer “Bestimmung“ nimmt ab. Der „Identitarismus“ nimmt zu, dem es um das „Eigene“  geht. Universalismus wird verdächtigt, einen philosophischen Kolonialismus zu betreiben. In unserer nachreligiösen Welt muss sich der Mensch selber bestimmen. Bestimmung kann als „Einladung“ verstanden werden. So verstehen sich die Friedensbewegungen seit dem 19.Jahrhundert und neuere sozial Initiativen. Auch das Projekt Weltethos ist eine solche Einladung. Um sie muss gerungen  werden. Sie müssen sich organisieren, wenn sie nicht so vergehen wollen wie sie entstanden sind.

Ein Atomkrieg kommt, wenn Menschen etwas tun. Die Klimakatastrophe kommt, wenn wir nichts tun. Dazu gehört auch Verzicht.

In der Debatte wurde Schlink konkreter, rühmte  „Fridays for Future“ und fordert dazu auf, sich in Parteien zu engagieren. (Die Kirchen wurden  in diesem Zusammenhang  nicht einmal erwähnt.)

Meine Frage nach der Bedeutung von Religion in seinen Überlegungen beantwortete er etwas abstrakt: „ Alle Religionen sind der mehr oder weniger unbeholfene Versuch, das zu fassen, was nicht zu fassen ist.“

Übrigens brachte das Heute-Journal abends einen Beitrag von 1978 (!)  zum Klimawandel:

Hoimar von Ditfurth war einer der ersten deutschen Journalisten, die vor der Ausbeutung der Erde und den Folgen warnten. Bereits 1978 erklärte er in der ZDF-Sendung „Querschnitt“ den Klimawandel. Heute wäre von Ditfurth 100 Jahre alt geworden.

https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal-update/hoimar-von-ditfurths-hundertster-100.html

Theologisch möchte ich ein Zitat vom Vater Schlinks hinzufügen, bei dem ich 1968/69 in  Heidelberg studiert habe:

„Durch das Evangelium werden die Sinndeutungen der Geschichte ebenso durchbrochen wie die Erfahrung der Sinnleere. Durchbrochen werden durch die Hoffnung auf Gottes Neuschöpfung sowohl die antike Konzeption vom ewigen Kreislauf geschichtlichen Werdens und Vergehens, als auch die Erwartung eines ständigen Fortschritts der Menschheitsgeschichte, wie auch  die Erwartung des Unterganges der Menschheit. Widerlegt wird auch die lähmende Resignation der  Erfahrung der Sinnlosigkeit und der Rückzug geschichtlichen Denkens auf die je eigene existentielle Entscheidung.“                             Edmund Schlink, Ökumenische Dogmatik, 1983, S.17.

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