Einsiedel

Zum Glück darf man noch wandern. Unser Ziel ist heute das Schlößchen Einsiedel im Schönbuch. Normalerweise ist die Gegend an einem sonnigen Wochenende total überlaufen. Heute sind nur wenige Leute unterwegs. Wir grüßen uns mit dem gehörigen Abstand. An einer Feuerstelle braten Studenten sich Würstchen. Eine fünfköpfige Familie lässt sich nieder. Wir gehen lieber weiter.

In dem „Schößchen“ – die Bezeichnung ist ziemlich übertrieben – ist ein katholisches Jugendzentrum untergebracht. Das Hofgut ist seit 1913 an die Süddeutsche Zucker AG verpachtet, die hier Saatgutveredelung betreibt. Ein paar Mitarbeiter scheinen hier zu wohnen.

Die Hochfläche mitten im Schönbuch-Wald ist schon im Mittelalter gerodet worden. Die bereits im 14. Jahrhundert erwähnte Stelle „zu dem Einsiedel“ lässt vermuten, dass hier ursprünglich ein Waldbruderhaus stand. Um 1460 richtete Graf Eberhard V. „im Barte“ ein Gestüt ein. Er baute 1482 das Schlößchen, von dem aber kaum noch etwas übrig ist. Das heutige Gebäude dürfte von 1600 stammen. 1492 – da fuhren andere nach Amerika – gründete er das völlig abgegangene Stift St. Peter, wo er 1496 beigesetzt wurde. Später wurde der berühmte Gründer der Tübinger Universität, mittlerweile Herzog, in die Tübinger Stiftskirche umgebettet.

Ich frage mich, wie kommt man auf die Idee einer Einsiedelei? Es gab doch sowieso im Mittelalter nicht so viele Menschen, die Wälder waren riesig. War es Überdruss an der bösen Welt? Wollte man besonders fromm sein?

In der „Geschichte des Christentums“ (I,1932) von Johannes von Walter lese ich, dass das Mönchtum in Form der Eremiten populär wurde, als im 4. Jahrhundert der römische Kaiser sich die Kirche zu Diensten machte. Der Sieg des Christentums über das Heidentum war ein zweifelhafter Erfolg, denn nun mischten sich die Mächtigen in die Kirchenpolitik ein. Es lohnte sich plötzlich ein Christ zu sein, nachdem wenige Generationen zuvor Christen noch verfolgt und hingerichtet wurden.

Das damalige Mönchtum beschränkte sich darauf, die Wüsten zu bevölkern und mied bewohnte Gebiete. Man kann sie bewundern, ohne der dauernden Kritik ihres bloßen Daseins ausgesetzt zu sein. Seit den Zeiten der apostolischen Väter hatte man eine zweistufige Moral anerkannt. „Was konnte dagegen prinzipiell geltend gemacht werden, dass nun ein großer Stand von „Vollkommenen“ sich bildete, der „das ganze Joch des Herrn“ in einem seit jeher hochgeschätzten asketischen Leben auf sich nahm? Es kam hinzu, dass das Mönchtum hierdurch mit dem Umweg über das Christentum an ein Ideal anknüpfte, welches der antiken Philosophie schon längst als Gipfel der Vollkommenheit vorgeschwebt hatte. War, so lässt Gregor von Nazianz sich vernehmen, das, was der Mönch tat, nicht genau das gleiche, was man an Sokrates und Pythagoras, an Epiktet und Anaxagoras zu bewundern pflegte?“ von Walter a.a.O. S.139f.

Ja, von der „vita contemplativa“ haben evangelische Theologen meistens keine Ahnung, von alter Kirchengeschichte auch nicht. Aber das Christentum beginnt nicht erst mit Martin Luther. Mir macht es viel Freude in diesen Tagen der Zwangsklausur, mich in die Texte der alten Kirche zu vertiefen. Sie geben mir Abstand zu den nervösen Nachrichten unserer Gegenwart und den oberflächlichen Ermutigungen unserer Medien.

Was die Einsiedler im schwäbischen  Schönbuch gedacht haben, weiß ich leider nicht. Hat sonst jemand Informationen über „Einsiedel“?

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