Tagesimpuls

Meine Kirchengemeinde veröffentlicht in der Corona-Krise jeden Tag einen „Tagesimpuls“. Ich finde sehr schön, dass man auf diese Weise etwas von den eigenen Seelsorgern hört. Das ist mir lieber als irgendwelche „Startheologen“ aus den allgemeinen Medien. Heute bin ich selber dran.

https://www.evangelisch-in-rottenburg.de/besondere-angebote-in-der-corona-krise/

Seit meinen afrikanischen Lehrjahren lese ich täglich die Herrnhuter Losungen. Diese Bibelverse verbinden mich spirituell mit meinen ehemaligen Studenten in Tansania, die es genauso machen. Für diese vier Jahre als Dozent in  einem afrikanischen College bin ich heute besonders dankbar, da sie mich lehrten, wie wenig ein Mensch braucht und worauf es wesentlich ankommt im Leben. Leere Regale in den mickrigen Läden waren jedenfalls damals alltäglich, Lebensmittel Mangelware. Telefon funktionierte nicht und die Post von zuhause brauchte mindestens drei Wochen. Krankheiten und andere Katastrophen forderten uns als Lehrer und Seelsorger ständig heraus. Damals begann die Aids-Pandemie die Menschen zu erschüttern. Medikamente gab es nicht. Doch man konnte sich besuchen und trösten. Die einzige Therapie war der gemeinsame Gesang. Afrikaner lieben die Gemeinschaft. Wie mag es in diesen Wochen sein, wenn sie Abstand halten sollen? Hände waschen, wenn kaum Wasser zum Trinken da ist? Oft relativiert mein Blick in die Ferne die hiesigen Sorgen und Nöte. Ich habe manchmal Mühe zu verstehen, worüber sich meine Zeitgenossen hier aufregen.

Die aktuelle Losung ist den Psalmen entnommen: „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.“ (Psalm 71,17) Es lohnt die Lektüre des ganzen Psalms. Denn er ist eine Bitte um Gottes Hilfe angesichts widriger Umstände im Alter. Es sind Worte, die in mir sprechen, wenn ich eigene nicht über die Lippen bringe. Es tut gut, sie laut zu lesen.

Hat Gott mich gelehrt? Kann ich seine Wunder verkündigen? Meine eigene Erfahrung ist bescheidener. Es war vor allem meine Mutter, die mich die ersten Gebete gelehrt hat. Sie setzte sich Abend für Abend an mein Bett und sprach die bekannten Kindergebete. Sie haben sich mir tief eingeprägt und Geborgenheit vermittelt.  Vorher kam manchmal mein Vater, der ein Märchen vorgelesen hat. Die waren natürlich spannender, manchmal beängstigender. Ich bekam durch diese „schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag“ eine Ahnung, dass die Horizonte weit und  das Leben gefährlich sein kann. Aber letztlich wird alles gut. Ein gewisses Grundvertrauen vermittelte auch er, der wohl Agnostiker war. Als er allerdings kurz nach meiner Konfirmation völlig überraschend starb, wurde mein Glaube auf eine harte Probe gestellt. Meine unbefangene Kindheit war mit einem Schlag beendet. Alle gut gemeinten Philosophien und Theologien, die den Tod ausklammerten, wurden für mich danach uninteressant. Mittlerweile hatten sich aber meine Gebete verändert.

Eines der Abendgebete, das ich aus dieser Zeit noch auswendig kann, stammt aus dem Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt, der sich zehn Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges als Student der Theologie immatrikulieren ließ .:

„Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir, / wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.“

Erst kürzlich habe ich es bei einer lebensgefährlichen Operation gesprochen. Welche Freude, dass sie gut ausgegangen ist! Mein Sterben hat noch etwas Zeit. Aber nun gehöre ich plötzlich zu einer „Risikogruppe“.

Nach meinen Eltern gab es andere Lehrer des Glaubens. Einer schrieb zu dieser Strophe: „Es geht nicht um ein „leichtes Sterben“, auch nicht um ein Sterben „in Würde“. Es geht um ein Sterben, das sich „glaubensvoll“ dem Gott anvertraut, der im Tod seines Mensch gewordenen Sohnes ewiges Leben in Aussicht gestellt hat.“ (Eberhard Jüngel)

Gegenwärtig werden mir auf allen Kanälen Ratschläge erteilt, wie ich in der Corona-Krise mich verhalten soll. Positiv denken, ist angesagt. Auch Theologen beteiligen sich daran. Ich will die Zwangspause nutzen, um mich tiefer von Gott belehren zu lassen. Vielleicht kann ich dann auch mit dem Psalm 71 Vers 23 beten: „Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen.“

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