Schreiend ungerecht

Theologen müssen  sich für Gerechtigkeit einsetzen. Das ist ein Satz, den ich aus meinem Studium bei Eberhard Jüngel behalten habe. Nicht umsonst kommt das Wort „Gerechtigkeit“ in der Bibel sogar häufiger vor als das Wort „Gott“.

Hört man Strafgefangenen zu, klagen viele, dass sie ungerecht behandelt worden sind. Das gilt sicher für die unfairen Lebensverhältnisse, in denen jemand aufwachsen muss. Aber es gibt auch Fehler im Justizsystem. Darum interessiert mich das Buch „Schreiend ungerecht“ (riva verlag 2019, 304 Seiten) des Strafverteidigers Burkhard Benecken aus Marl. Er verteidigt die Promis dieser Republik und auch jene, die sich dafür halten wie das „Model“ Gina Lisa Lohfink sowie Clanbosse wie die Berliner Unterweltgröße Arafat Abou Chaker.

Er erzählt in elf Kapiteln ziemlich spannend jeweils einen Fall aus seiner persönlichen Praxis. Dann erläutert er die juristischen Probleme des Falles und schildert den Prozessverlauf. Es wird deutlich, dass ein guter Anwalt ein Urteil erheblich beeinflussen kann. Schließlich gibt er praktische Tipps, wie man sich in einer ähnlichen Situation verhalten könnte und macht fallbezogen Vorschläge zur Justizreform. Es geht ihm in erster Linie darum, dass bei der Justiz jeden Tag viele Fehler passieren, die in den Medien kaum aufgegriffen werden. Viele Justizskandale sind der breiten Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt geblieben. Einerseits kann es schnell geschehen, dass der Normalbürger zum Opfer der Justiz wird. Da verschwinden offenkundige Unschuldige jahrelang hinter Gittern. Aus seiner Sicht werden 650 Menschen täglich zu Unrecht verurteilt. Andererseits geschieht es allzu oft, dass Geschädigte von Staatsanwaltschaft und Gericht alleine gelassen werden und der Täter einfach freikommt.

Ein Beispiel: Da wird ein Mann nach jahrelangem Streit durch den Nachbarn ins Krankenhaus geprügelt. Das Opfer liegt schwer verletzt wochenlang im Krankenbett. Kaum wieder genesen, teilt die Staatsanwaltschaft seinem Mandanten mit, das Verfahren gegen den Schläger sei eingestellt worden. An der Strafverfolgung bestehe kein öffentliches Interesse. Schließlich habe es sich um einen Nachbarschaftsstreit gehandelt.

Aus seiner Sicht ist ein anderer Fall ein Beispiel für viele Ungerechtigkeiten, die Opfer durch die teils überlastete Justiz erleiden müssen. Da gibt es die rechtlichen Möglichkeiten, um Strafprozesse so zu verzögern, dass der Täter am Ende wegen überlanger Verfahrensdauer ohne Schuldspruch davonkommt. Er hat einen zwölfjährigen Jungen vertreten, der von einem Päderasten im Netz dazu verführt wurde, sich vor der Kamera selbst zu befriedigen. Diese Videos stellte der Täter in einschlägige Foren ein. Es dauerte aber sage und schreibe fünf Jahre, bis der Mann sich vor Gericht verantworten musste. Am Ende wurde der Fall eingestellt mit dem Hinweis: Nach so langer Zeit bestehe kein Bedürfnis mehr, den Angeklagten zu bestrafen. Da bleiben nicht nur die Opfer fassungslos zurück.

Kein gutes Bild geben in seiner Darstellung die Pflichtverteidiger ab. Ein Beispiel für ein abgekartetes Spiel: Mauscheleien bei der Vergabe der Pflichtverteidigung. Dazu muss man wissen, dass die Richter die Anwälte für jene Beschuldigten aussuchen, die kein Geld für einen Verteidiger aufbringen können. Das geschieht häufig. Dieser Umstand aber schafft ein rechtlich fragwürdiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Verteidiger und Richter. Oft suchen die Gerichte Anwälte aus, die Geständnisse ihrer Mandanten auf dem Silbertablett servieren. Ganz gleich ob wahr oder falsch. Je schneller das Geständnis, desto schneller endet der Prozess. Und das Gericht kann den nächsten Fall abhandeln. Auf diese Weise werden in vielen Fällen Mandanteninteressen verkauft, mitunter überreden Anwälte Unschuldige zu Geständnissen. Und dass nur, weil der Verteidiger sich bei dem Richter einschmeicheln möchte, um das nächsten Pflichtmandat, das ihm etwa 800 Euro einbringt, zu ergattern.

Ein anderes Problem sind Schlampereien bei Gutachten. Als der Onkel des TV-Kochs Frank Rosin von einem Mitbewohner in einem Wohnheim im westfälischen Halle erschlagen wurde, hat der Sachverständige fast vier Monate gebraucht, um einige wenige DNA-Spuren vom Tatort auszuwerten. Vier Monate, in denen der unbekannte Täter noch frei herumlief. Normalerweise dauern solche Gutachten bei der geringen Spurenlage drei bis fünf Tage. Letztlich führte die Zeitverzögerung dazu, dass die Strafverfolger erst sieben Monate später einen Haftbefehl gegen einen 21-jährigen Tatverdächtigen erwirken konnte. Da war der Mann aber längst über alle Berge.

Nach der Lektüre dieses Buches habe ich die „Unschuldsbeteuerungen“ meiner Gesprächspartner im Gefängnis innerlich offener angehört. Jeder Straffall ist sowieso ein Drama. Bisher habe ich persönlich noch nie einen Anwalt gebraucht. Hoffentlich bleibt  so. Ich würde mich aber schon mal umhören, wer in meiner Stadt geeignet wäre. Marl ist zu weit weg.

https://www.m-vg.de/riva/shop/article/16263-schreiend-ungerecht/

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