Semitismus

Eigentlich ödet mich das Thema „Antisemitismus“ an. Wenn man ihn ein Leben lang bekämpft hat und nun erleben muss, dass längst widerlegte Verschwörungsmythen auferstehen, dann ist das bitter und ermüdend. Um so mehr bewundere ich meinen Freund Michael Blume, der heute einmal mehr in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingens über seine religionswissenschaftlichen Erkenntnisse und politischen Perspektiven sprach. Als „Antisemitismus-Beauftragter“ der baden-württembergischen Landesregierung hat er dazu ein Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ veröffentlicht.

https://www.patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-p-8903.html

Wenn man von „Semitismus“ spricht, beruft man sich auf den Noah-Sohn Sem, der in der jüdischen Tradition als Begründer eines Lehrhauses gilt. Er ist kein Begründer von Rassen und kein Begründer von Sprachen, sondern im Talmud, in der jüdischen Auslegung ist Sem der erste, der eine Schule gründet, der erste, der Religion und Recht im Medium der Alphabetschrift lehrt. Das ist eine ganz wichtige Figur und Vorfahr von Abraham.  Es wird sogar berichtet, der Sem habe nicht nur Abraham unterrichtet, sondern auch dessen Sklaven. Es wird also gesagt, alle Menschen sollen jetzt lesen und schreiben lernen können. Wir finden das heute normal, dass wir überhaupt nicht begreifen, was das für ein enormer Bruch war, Religion und Recht auf Schrift zu gründen.

Diese enorme Bedeutung der Bildung ist für die jüdische Religion grundlegend, hat ihr aber viele Neider eingebracht. Und wenn der Vorsprung in Bildung zu wirtschaftlichen Erfolgen führt, ist nicht Anerkennung durch die andersgläubige Mehrheit die Folge, sondern ein giftiger Glaube an Verschwörungsmythen.

Es geht um eine geistige Haltung, es geht um eine Haltung zu Bildung, es geht um eine Haltung zu Weltvertrauen, es geht um eine Haltung zu Fortschrittshoffnung. Diese Haltung hat das Judentum ausgeprägt. Es ist die erste Bildungsbewegung der Weltgeschichte.

Bildung – übrigens auch ein Begriff direkt aus der Bibel –, der Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen, soll ausbilden, was in ihm steckt. Und deswegen richten sich Antisemiten immer gegen Jüdinnen und Juden und darüber hinaus gegen Fortschrittshoffnung, gegen den Rechtsstaat, gegen das Zusammenleben von Menschen auf der Basis von Gleichberechtigung.

Wann ist man also semitisch? Wenn man der Auffassung ist, dass Menschen gleichberechtigt sind. Das wird in der Bibel und in der jüdischen Überlieferung am Noah-Bund festgemacht mit dem Regenbogen. Alle Menschen sind gleich. Alle Menschen sollen Bildung erfahren. Wir können der Welt vertrauen. Wir sollen einen Rechtsstaat aufbauen, das sind die Urüberzeugungen. Sieben noachidische Gebote soll Sem gelehrt haben – nicht morden, keine Tiere quälen, nicht die Ehe brechen – und ein positives Gebot – einen Rechtstaat aufbauen. Wer diese Überzeugungen hat, ist sozusagen in der besten semitischen Tradition.

Noch für Hugo Grotius – den Begründer des Völkerrechts – war völlig klar, dass sich das Völkerrecht auf dem Noah-Bund begründet, dass der Noah und der Sem das begründet haben. Das wissen selbst führende Juristen nicht mehr, was wir da für Schätze in unserer eigenen Kultur haben.

Wer dagegen glaubt, die Welt werde von Verschwörern beherrscht, man dürfe nicht vertrauen, die Ärzte, die Medien, das seien alles nur Verschwörer, die demokratischen Politiker, die sollte man angreifen. Und die jüdischen Gemeinden, die seien alle in der Verschwörung beteiligt, dann sind wir selbst, wenn wir uns Christ oder Muslim oder Humanist nennen, auf einem antisemitischen Pfad unterwegs.

Blume: „Wir haben es beim Antisemitismus mit einem Glaubenssystem zu tun. Antisemiten glauben, dass böse Mächte die Welt regieren. Sie glauben, dass Verschwörer hinter allem stecken und das sind normalerweise Juden und Freimaurer bzw. wie man heute sagt, Zionisten und Illuminaten. Das ist eine globale, ich sage es manchmal sogar Gegenreligion geworden, die sich ausgebreitet hat und jetzt noch mal ausbreitet durch das Internet. Wenn Leute glauben an Verschwörer, dann landen die nicht beim Glauben an die Weltverschwörung der Australier oder der Quäker, sondern dann landen die immer wieder im alten Antisemitismus.“

Immer wieder unterbricht Blume seine sachlichen Ausführungen durch persönliche Erinnerungen. Als er im Irak über tausend Jesidinnen rettete, stand er an einem Massengrab: „In diesem Grab bei Kocho, Nordirak waren ältere Damen und ganz kleine Kinder, mit denen der IS nichts anfangen konnte nach seiner menschenverachtenden Logik. Sie wurden in einen Forellenteich getrieben und dort ermordet und mit Sand überdeckt. Als wir dort waren, war das noch nicht mal abgesperrt, es war alles ganz frisch, und ich habe in dem Moment gedacht, wir haben gar nichts gelernt, wir Menschen machen immer, immer wieder solche Dinge. Man kann sich kaum Ideologien vorstellen, die weiter voneinander entfernt sind als der Nationalsozialismus und der arabische Islamismus oder der islamische Extremismus, aber was sie verbindet, ist tatsächlich der gemeinsame Glaube an eine jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung, gegen die man sich angeblich wehren müsste. Extremisten aller Art, aber vor allem Antisemiten behaupten immer, sich zu verteidigen, sie sagen, ihre Gewalt geschehe aus Notwehr, und ihr Hass richtet sich nicht nur, aber auch gegen Juden. In Deutschland waren es zum Beispiel auch Roma und Sinti, die ermordet wurden, die christliche Taufe hat ihnen nicht geholfen, und im Irak waren es zum Beispiel Jesiden, denen vorgeworfen wurde, Teufelsanbeter zu sein.“

„Im Irak war ich ganz massiv damit konfrontiert, dass Leute gesagt haben: ‚Der Erdogan, das ist doch ein Jude, den haben doch die Juden eingesetzt, die Türkei zu zerstören.‘ Oder: ‚Der Kalif al-Bagdhadi sei ein jüdischer CIA-Agent namens Simon Eliott, und der ganze Islamische Staat sei vom israelischen Mossad.‘ Wenn Antisemiten keine Juden haben, dann erfinden sie sich welche. Dann behaupten sie, dass alle möglichen anderen Personen Juden wären. Im Irak gibt es gar kein jüdisches Leben mehr, die sind vertrieben worden. 140.000 Jüdinnen und Juden nach der Staatsgründung Israels – das weiß auch kaum jemand – aber der Antisemitismus ist nicht verschwunden.

Jetzt werfen sich Türken, Kurden, Araber, Linke, Rechte, Religiöse, Säkulare gegenseitig vor, Teil der jüdischen Weltverschwörung zu sein. Also, auch da sieht man, wer da sagt, wenn es den Staat Israel nicht mehr gäbe oder es keine Juden mehr gäbe, gäbe es auch keinen Antisemitismus mehr, der hat überhaupt nicht verstanden, wie gefährlich das ist. Der Antisemitismus ist eine Ideologie des Hasses, die sich, wie das Sartre gesagt hat, Juden erfindet, wenn sie gar keine hat.“

Ein Abgeordneter des baden-württembergischen Parlaments hat in seinen Schriften deutlich formuliert, man könne die Islamisierung Europas nur stoppen, wenn man antizionistisch vorgeht. Ein ganz beliebtes rechtsextremes Motiv, die Juden haben den Orient zerstört, jetzt treiben die Juden die Araber nach Europa, um auch Europa zu zerstören. Leider finden sich solche Vorstellungen auch bei sonst gebildeten Leuten.

Meine Grundfrage, wie wir Hass überwinden können, beantworten wir nicht nur mit Aufklärung und Argumenten, sondern auch mit einer Art kollektiven  Seelsorge, für die die Kirche bestimmt sein sollte. Da hilft ein Hinweis auf die Vorurteilsforschung.

Wer Vorurteile dadurch zu widerlegen versucht, dass er sie immer nur wieder wiederholt, verknüpft die sich im Gehirn immer wieder neu. Man muss eine schlechte und eine unwahre Geschichte durch eine bessere und wahrere Geschichte ersetzen.

Wer die aktuellste Verschwörungsmythe kennenlernen will, der schaue sich Michael Blumes Wissenschaftsblog an. Da setzt er sich mit der Vorstellung auseinander, dass der neue Corona-Virus eine jüdische Erfindung ist.

Digital-global befeuert – Die ersten Verschwörungsmythen zum Coronavirus

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