Unverfügbarkeit

Dass der Theologe Rudolf Bultmann in den dreißiger Jahren den Begriff „Unverfügbar“  für den Menschen in die philosophische Diskussion eingebracht hat, wusste ich nicht. Herbert Seidler-Dehn beginnt damit seinen Impuls zum neuen Buch „Unverfügbarkeit“ des Soziologen Hartmut Rosa. Er löst damit eine engagierte Debatte in unserem Gesprächskreis der Stadtbibliothek Rottenburg aus.

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Uni Erfurt. Vor zwei Jahren hat er das Buch „Resonanz“ herausgebracht.. Mit dieser Theorie will er gesellschaftliche Phänomene erklären. Sein neues Buch über „Unverfügbarkeit“ liest sich wie ein Nachtrag.

Das Verfügbarmachen von Dingen sei ein Grundzug der modernen Gesellschaft: Der Versuch, Dinge wissenschaftlich verfügbar zu machen, etwas technisch beherrschbar zu machen und manipulieren zu können. Dies gelte auch für das einzelne Individuum, das auch den Drang verspüre, sich etwas ökonomisch verfügbar zu machen, sich etwas leisten können zu müssen: eine Reise, ein Auto. Wir legen es mit allen Mitteln darauf an, mehr und mehr Welt zur Verfügung zu haben.

Hineingeboren in die spätmoderne Gesellschaft sind die Menschen fixiert darauf, beherrschen zu wollen, abzuarbeiten und effizient zu erledigen, was getan werden muss. Nichts soll dem Zufall überlassen werden.

Der Versuch, der Dinge habhaft zu werden,  sei strukturell in moderne Gesellschaften eingelassen, weil sie sich nur durch Wachstum stabilisieren könnten. Dabei sei der Aspekt der Unverfügbarkeit essenziell dafür, dass Dinge überhaupt lebendig und interessant seien. Dies sei auch im sozialen Leben so: Wenn uns ein Mensch vollständig zur Verfügung steht, immer das tut, was wir wollen, dann höre er auf, ein sprechendes, resonantes Gegenüber zu sein.

Glück ist aber ein Moment des Nicht-Verfügens.

Rosa zitiert ein Interview mit dem Pianisten Igor Levit. Beethovens Mondscheinsonate, so hätte Levit berichtet, klinge erstaunlicherweise auch nach dem hundertsten Male immer noch anders. Levit habe das Gefühl, das Stück bliebe beim Spielen im Dialog, er arbeite sich immer wieder aufs Neue daran ab, etwas bliebe für ihn unverfügbar. Er hoffe, dass er niemals damit fertig werde. Dies, so Levit, bedeute für ihn Glück. Daran, so Rosa könne man sehen: Das letzte Moment des Nicht-Verfügens sei konstitutiv dafür, was wir als Glück und Resonanz erfahren.

Der Alltag sieht aber  anders aus. Rosa wörtlich: „Grundlogik ist die, die ich Steigerungslogik der Gesellschaft nenne. Wir leben da in einem System, das sich nur durch Steigerung erhalten kann. Wenn wir nicht jedes Jahr schneller, effizienter arbeiten und leben und auch mehr produzieren, besser produzieren, mehr konsumieren, mehr verteilen, können wir das, was wir haben, nicht erhalten. Unsere Arbeitsplätze, unsere Firmen, unseren Sozialstaat und so weiter. Weil diese Wettbewerbslogik eine globale ist, und die setzt sich um in unser Leben im Sinne von permanenten Optimierungszwängen, dass wir überall versuchen, fitter, besser, attraktiver zu sein. Und dann haben wir natürlich auch selbst Erwartungen ans Leben, die unsere To-do-Liste füllen.“

https://www.residenzverlag.com/autor/hartmut-rosa

Was  wir in diesem Kreis nicht  diskutiert haben, sind die Konsequenzen für Kirche und christlichen Glauben, obwohl eine Frau das Gebet ansprach. Ein Teil der Theologenschaft hechelt dieser Moderne hinterher: Die Kirche muss effizienter, ökonomischer, optimierter  werden. Die Folge ist oft nur ein „burn-out“ für die Mitarbeitenden. Die Alternative wäre eine Spiritualität, die sich nicht den Konsumzwängen unterwirft. Dazu notwendig die ökumenische Solidarität mit denen, die die Opfer der gegenwärtigen Weltunordnung sind. Die Kirche müsste eine „Gegen-Gesellschaft“ werden, was sie im Ursprung ja war.

Siehe  auch die Debatte: https://www.youtube.com/watch?v=4lAwdWchjz4

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s