Ein Apostel lernt dazu

Als wir unseren Töchtern Namen aus der Apostelgeschichte (Apg.) gaben, fragten mich viele Leute einer Universitätsstadt, die einmal Religionsunterricht genossen hatten: „Was für eine Geschichte?“ Daran musste ich bei meiner Predigt über Apg.10, 21-35 wieder einmal denken. Im Gefängnis darf ich zu Menschen predigen, die keinerlei Voraussetzungen mitbringen, oftmals nicht einmal deutsch verstehen. Andererseits haben manche allerlei religiöse Verschwörungstheorien gelesen, die  insbesondere das Judentum betreffen. Anwesende Muslime spitzen bei diesem Stichwort besonders die Ohren.

Nun ist eine evangelische Predigt keine religionswissenschaftliche Vorlesung, sondern eine Ansprache, die Vertrauen in Gott und die Menschen hervorrufen und stärken sollte. Darum konzentriere ich mich auf den Schlusssatz, den ich für revolutionär halte.

34 »Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir ´erst richtig` klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! 35 Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.

In dem Bibelabschnitt wird ein antikes Judentum geschildert, in dem Petrus befangen ist. Das hat es damals gegeben. Man wollte mit „unreinen“ Ausländern nichts zu tun haben, schon gar nicht mit römischen Besatzungssoldaten. Die religiöse Exklusivität wurde durch die nationalistische noch verstärkt. Eine solche Haltung gibt es wohl in allen Religionen: Man zieht Grenzen zwischen denen drinnen und denen draußen. Nächstenliebe reicht dann gerade noch  für die eigene Gruppe.

Ich bin sehr dankbar, dass ich als junger Student zweimal für drei Monate in Israel studieren und arbeiten durfte, wo ich sehr offenen Juden begegnet bin. In einem Kibbutz-Dorf war ich zu Gast bei Menschen, die aus Deutschland dem Naziterror entkommen waren. Einige trugen noch die tätowierte KZ-Nummer auf dem Arm. Nicht ein einziges Mal habe ich als Deutscher irgendeine Ablehnung erfahren. Sie ermunterten mich sogar, in die benachbarten arabischen Dörfer zu wandern. (Wo ich als vermeintlicher Jude mit Steinen beworfen wurde.)

Ich frage mich, was wäre uns erspart geblieben, wenn die Kirche nicht auf Abschottung gesetzt und die Juden nicht ins Ghetto getrieben hätte. Wenn es damals schon Begegnungen und gegenseitiges Lernen gegeben hätte.

Der Apostel Petrus, also ein Botschafter des Evangeliums, lernt durch die Begegnung mit dem „heidnischen“ Hauptmann dazu. Gott macht keine Unterschiede zwischen den Menschen. Leider hat die Kirche diese Freiheit nicht lange bewahrt. Bald gab es die Theologie eines Cyprian (3. Jh.) mit dem Satz „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Wenn wir auch in der evangelischen Kirche ein solches Dogma nicht anerkennen, so ist doch zu beobachten, dass viele eine Grenze ziehen zwischen denen, die dazugehören und denen die draußen bleiben.

Mir scheint es eine wichtige Zukunftsaufgabe zu sein, Gott ohne Grenzen zu denken. Viele haben dabei Verlustängste, die sich etwa in der Frage äußert: „Was bleibt dann heute noch vom christlichen Glauben?“ oder die furchtsame Frage: „Was wird aus der Kirche?“  Ich denke, dass Glauben  und Kirche durch größere Offenheit nur gewinnen können.

Manchmal scheinen bestimmte Religionsformen eher hinderlich zu sein. Je strenger nach innen, desto abweisender nach außen. Die oben erwähnten Juden „meines“ Kibbutz waren eher säkular eingestellt. Ein in den dreißiger Jahren dem Naziterror entkommener Berliner meinte gar: „Dass ich Jude bin, haben mir erst die Nazis klar gemacht.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s